Broken
Kapitel 34
Verwirrte Gedanken
Draco saß an Ginnys Bett und hielt ihre Hand. Es war schon fast eine Woche vergangen, seit er sie hierher gebracht hatte, und er hatte sie jede Nacht besucht. Ginny sah schon viel besser aus. All ihre Blutergüsse und Schnitte waren beinahe komplett verheit, aber sie war noch immer nicht aufgewacht. Obwohl er jede einzelne Nacht der vergangenen Woche hier bei ihr gesessen war, fiel es ihm noch immer nicht leichter, sie so zu sehen, und er hasste es, dass er nichts deswegen tun konnte.
Die Zwillinge, Pansy, Blaise und Draco hatten sich alle hingesetzt und sich darüber unterhalten, was sie jetzt wohl am besten mit Potter tun sollten. Zuerst hatten sie alle das selbe gesagt. Sie sollten ihn einfach umbringen und es dann Ginny erklären, sobald sie aufwachte. Aber als die Unterhaltung etwas tiefgründiger wurde, sagten Fred und George, dass es nicht ihre Entscheidung war und dass sie auf Ginny warten sollten. Niemand wollte über diesen Punkt streiten. Alles, das Draco in der letzten Woche wegen Harry getan hatte, war wieder hoch in die Eulerei zu gehen und Potters Tarnumhang an sich zu nehmen. Die Erinnerung an Harrys Gesicht am nächsten Tag, als er Ron und Hermione erzählte, dass sein Umhang fort war, war unbezahlbar.
Draco unterdrückte ein Gähnen. Er hatte die letzten paar Nächte lang nicht wirklich geschlafen und langsam machte ihm dies zu schaffen. Er ging zwar tagsüber in den Unterricht, besuchte Ginny während der Pausen und Mahlzeiten, und dann kam er nach dem Abendessen wieder zu ihr und blieb die ganze Nacht lang neben ihr sitzen. Ab und an schlummerte er neben ihr ein, aber er schlief nie recht lange. Die Zwillinge hatten angeboten, eine Nacht lang bei ihr zu bleiben, damit Draco schlafen konnte, oder sich einfach zu ihm zu setzen, damit er nicht allein war, aber Draco weigerte sich. Einer der Gründe, warum er die ganze Nacht lang bei ihr gesessen war, war der, dass um diese Uhrzeit sonst niemand hier war und er allein sein und nachdenken konnte. Immer wenn die Zwillinge, Pansy und Blaise hier waren, hatte er das Gefühl, dies alles wäre seine Schuld gewesen, egal wie oft sie ihm sagten, dass er nichts dafür konnte.
Draco war allerdings fest davon überzeugt, dass es seine Schuld war. Er wusste, wenn er mit Ginny nicht Schluss gemacht hätte und bei ihr geblieben wäre, dann wäre Ginny am Valentinstag bei ihm gewesen. Draco verbrachte die meiste Zeit damit, sich bei Ginny zu entschuldigen. Er wusste, sie würde ihm nie verzeihen, was er zu ihr gesagt und ihr angetan hatte, aber es kam ihm trotzdem so vor, als müsste er sich entschuldigen.
Dracos Lider wurden immer schwerer und er konnte nicht länger seine Augen offen halten. Er ließ sich zurück an die Lehne fallen und schlief langsam ein, während er immer noch Ginnys Hand hielt.
Blaise und Pansy betraten am Samstag Morgen den Krankenflügel und fanden Draco vor, der neben Ginny schlief und ihre Hand hielt. Pansy lächelte, Blaise fühlte sich schlecht für seinen Kumpel und trat zu ihm, um ihn wach zu rütteln.
"Draco, wach auf. Es ist Morgen", sagte Blaise sanft, während er Draco wach schüttelte.
"Was?", fragte Draco verschlafen.
"Geh hinunter in Pansys Zimmer und leg dich hin. Du bist totmüde und wir werden bei Ginny bleiben", sagte Blaise, der sich einen Sessel für sich selbst heran zog.
Draco nickte bloß und stand auf. Er sagte schnell hallo zu Pansy und verließ den Krankenflügel.
"Warum bleibt er die ganze Nacht lang hier?", sagte Pansy. Sie setzte sich auf den Stuhl, den Draco gerade verlassen hatte.
"Er ist nicht gern hier bei Ginny, wenn wir alle auch hier sind", sagte Blaise. Draco hatte ihm das nie erzählt, aber er kannte seinen besten Freund gut genug, um zu wissen, dass dies stimmte.
"Das ergibt keinen Sinn", sagte Pansy verwirrt.
"Oh doch. Er fühlt sich verantwortlich für das, was passiert ist, und er denkt, wir geben ihm die Schuld dafür."
"Aber das tun wir ja nicht!", rief Pansy komplett schockiert, weil Draco überhaupt dachte, dass sie ihm für etwas die Schuld gaben, das komplett außerhalb seines Einflussbereiches lag.
"Ich weiß. Aber wir sprechen hier schließlich von Draco. Er denkt anders."
Danach waren Pansy und Blaise still. Sie saßen einfach da und beobachteten Ginny. Sie wünschten sich, sie würde endlich wieder ihre Augen öffnen. Sie beteten und bettelten im Stillen, dass sie endlich wieder aufwachte.
Ein paar Stunden später öffnete Ginny langsam ihre Augen. Das Licht blendete sie so sehr, sodass sie sie schnell wieder schloss. Sie versuchte, sich auf die Seite zu drehen, aber eine intensive Schmerzwelle überflutete ihren Körper, also blieb sie liegen. Ginny stöhnte, als die Schmerzen sich weiter in ihrem Körper ausbreiteten. Sie wusste nicht, wo sie war oder was mit ihr geschehen war. Alles, das sie wusste, war dass es warm war und hell und sie jede Menge Schmerzen erlitt.
Blaise und Pansy rissen ihre Köpfe in die Höhe, als Ginny ein Geräusch von sich gab. Madam Pomfrey hatte gesagt, dass sie sich bewegen oder ein Geräusch von sich geben könnte, ohne aufzuwachen, aber sie konnten nicht anders, als eine kleine Hoffnung zu hegen.
"Ginny?", fragte Pansy nervös.
"Hmmm hmm?", hörten sie von Ginny.
"Ginny!", rief Pansy.
Ginny stöhnte wieder auf. Warum schrien die Leute sie an? Langsam öffnete sie die Lider und blickte direkt in Pansys große, besorgte Augen.
"Du bist wach!" Pansy sprang beinah auf und ab, als sie sah, dass Ginny ihre Augen öffnete.
"Hey Pansy", sagte Ginny lächelnd. "Wo sind wir?"
"Du bist im Krankenflügel", sagte Blaise schließlich.
"Was?", fragte Ginny. Sie war jetzt völlig wach. Langsam setzte sie sich ein Stück auf. "Warum bin ich im Krankenflügel?", fragte sie und ignorierte die Schmerzen, die sie spürte, als sie sich bewegte.
Pansy und Blaise warfen einander einen nervösen Blick zu. "Erinnerst du dich an gar nichts?", fragte Pansy. In ihren Augen schimmerten Tränen auf.
"Ich erinnere mich noch, wie ich gestern aus deinem Zimmer geschlichen bin, damit ihr zwei etwas Zeit für euch allein habt. Ich bin durch das Schloss gegangen und dann hoch zur Eulerei, um einen Brief an Fred und George zu schreiben ...", begann Ginny.
Bei diesen Worten kamen aller Ereignisse wieder zurück. Die Kälte, die sie in der Eulerei verspürt hatte, kroch ihr erneut in die Knochen. Sie wusste noch, dass sie sich hingesetzt hatte, um den Brief zu schreiben, und dann wurde sie gepackt und in den hinteren Teil der Eulerei gezogen. Sie konnte Harrys Gesicht vor ihren Augen sehen und wie er sich grob in sie gezwungen hatte.
"Oh Gott", war alles, das sie sagen konnte. Ihr stiegen brennende Tränen in die Augen, die ihr das Sichtfeld verschleierten und ihr schließlich über die Tränen liefen.
Pansy rutschte näher zu Ginny und schlang vorsichtig ihre Arme um sie. Ginny begann, zu zittern und zu weinen und schmiegte sich dankbar in Pansys Umarmung. Ginny konnte Harrys Stimme in ihren Gedanken hören, und alles, das er gesagt und getan hatte, spielte sich immer wieder vor ihrem geistigen Auge ab. Ihre Tränen versiegten nach einer Weile und Ginnys Körper wurde beinahe leblos. Sie fühlte sich so leer.
"Ginny?", fragte Pansy, als sie sich zurückzog, um ihre Freundin anzusehen.
Ginny zuckte zusammen, als Pansy ihren Namen sagte. Obwohl sie wusste, dass es Pansy war, hatte sie bloß Harrys Stimme im Kopf.
"Gin, alles in Ordnung?", fragte Blaise.
"Ja", sagte Ginny nach einem Augenblick.
"Da ist bloß Eines", sagte Pansy, die langsam und nervös zu Blaise hinüber blickte.
Ginny blickte auf und sagte nichts.
"Das Ganze ist nicht gestern passiert, sondern schon vor einer Woche", erklärte Pansy.
"Es war, als wärst du im Koma gelegen", fügte Blaise hinzu.
Ginny nickte bloß und sagte nichts.
"Ich sollte gehen und Madam Pomfrey holen. Sie ist sicher böse, dass wir sie nicht sofort gerufen haben", sagte Pansy. Mit einem letzten Blick in Ginnys Richtung ging sie los in den hinteren Teil des Krankenflügels.
Ginny und Blaise saßen ein paar Minuten lang in Stille da. Ginny konnte es nicht glauben, dass Harry sie wirklich gefesselt, vergewaltigt, geschlagen und sie dann einfach liegen gelassen hatte. Als sie an all diese Dinge dachte, fiel ihr noch etwas Anderes ein.
"Blaise?", fragte Ginny plötzlich. Blaise zuckte bei ihren Worten zusammen.
"Ja?"
"Wer hat mich gefunden?", fragte Ginny leise, ohne Blaise in die Augen zu blicken.
Blaise blieb einen Augenblick lang still. Ginny wusste nicht, dass Draco sich nur deshalb wie ein Arsch benommen hatte, weil er sie schützen wollte. Aber sie hatte ein Recht, zu erfahren, wie sie hierher gelangt war, und vielleicht würde dies den Beiden helfen, sich wieder zu versöhnen.
"Tja, anscheinend wollte vorige Woche an diesem Abend jemand wirklich dringend mit dir sprechen, jemand, der dir gefolgt ist und dich gefunden hat und dich dann sofort hierher gebracht hat", sagte Blaise mit einem kleinen Lächeln.
"Das ist keine Antwort auf meine Frage", sagte Ginny mit einem spitzen Blick. Sie konnte nicht anders, sie musste Blaise anlächeln, denn er erinnerte sie so sehr an Fred und George. Sie könnten eines Tages sicher gute Geschäftspartner werden.
"Stimmt, das war keine Antwort. Keine direkte Antwort auf jeden Fall. Aber wenn du genauer darüber nachdenkst, wirst du es schon herausfinden", sagte er mit einem Zwinkern.
"Tja, du warst es nicht. Du würdest dich nicht so benehmen, wenn du es gewesen wärst. Und Pansy hätte wahrscheinlich schon etwas gesagt. Die Zwillinge waren es auch nicht, denn dann würdest du es mir ohne zu zögern verraten", sagte Ginny, während sie in ihren Gedanken einen nach dem Anderen durchging.
Plötzlich blieben ihr nur noch zwei Optionen, die sie beide gleichermaßen verwirrten und ärgerten, aber es blieben nur noch diese beiden Varianten übrig. Sie öffnete den Mund, um Blaise danach zu fragen, aber in diesem Augenblick kam Madam Pomfrey, um nach Ginny zu sehen.
"Endlich sind Sie wach. Wie fühlen Sie sich?", fragte Pomfrey, während sie begann, die Verbände zu lösen.
"Als ob ich gerade unter den Fleischwolf geraten wäre", sagte Ginny leise. Madam Pomfrey plapperte vor sich hin, aber Ginny konnte nicht richtig zuhören. Sie dachte darüber nach, was Blaise gesagt hatte, wer sie gefunden hatte. Die einzigen Personen, die ihr einfielen, waren Ron, und das machte wirklich keinen Sinn, und Draco, und dies machte ebenfalls keinen Sinn.
"In Ordnung, Liebes, legen Sie sich hin und ich werde sehen, was ich wegen dieser Rippe tun kann", hörte Ginny Madam Pomfrey sagen. Sie hörte sich so weit entfernt an.
Ginny tat, was ihr gesagt wurde. Obwohl sie schon viele Male geschlagen und geheilt worden war, hatte Ginny noch nie so etwas wie das erlebt. Üblicherweise waren es die Zwillinge, Pansy, Blaise oder Draco, die sie heilten, aber das hier war ein komplett anderes Gefühl. Ginnys Gedanken wanderten zurück zu all den Erlebnissen, als sie in diesem Schuljahr geschlagen und geheilt worden war. Fast jedes Mal war Draco derjenige gewesen, der sie gefunden und geheilt hatte, oder er war da gewesen, immer wenn sie aufgewacht war. Aber nun, diesmal, beim schlimmsten Mal, war er nirgendwo in Sicht. Pansy und Blaise hatten nichts davon erwähnt, dass sie es Draco gesagt hatten. Wusste er es? War es ihm egal?
Ginny spürte, wie sich frische Tränen in ihren Augen bildeten. Sie zwinkerte sie zurück und konzentrierte sich auf das, das Madam Pomfrey tat und sagte. Sie würde wegen Draco keine Tränen mehr vergießen.
"So, Ihre Rippen sind geheilt. Insgesamt waren es vier Rippen, und Ihr Handgelenk war gebrochen. Das ist jetzt auch geheilt", sagte Madam Pomfrey. Sie sah Ginny mit traurigem Blick an.
"Danke, Madam Pomfrey, ich fühle mich jetzt schon viel besser", sagte Ginny. Sie widerstand dem Bedürfnis, wegen dieser Frau ihre Augen zu verdrehen. "Wann kann ich gehen?", fragte sie, obwohl sie wusste, dass dies noch nicht so bald der Fall sein würde.
"Tja, das hängt eigentlich gar nicht von mir ab", sagte Pomfrey und sah dabei fast verletzt aus. Pansy, Blaise und Ginny sahen sie schockiert an.
"Ich meine, Sie sind jetzt gesund und können technisch gesehen schon morgen oder übermorgen gehen. Aber auf Grund der Ernsthaftigkeit dieser Situation wird der Direktor noch mit Ihnen sprechen und Ihnen sagen, wann Sie gehen können."
"Ist das wirklich notwendig?", fragte Blaise.
"Natürlich ist das notwendig!", erklärte Madam Pomfrey. Sie war anscheinend schockiert, dass Blaise so etwas überhaupt fragen konnte.
"Aber Ginny, dann musst du ihm alles erzählen, das passiert ist. Bist du dafür schon bereit?", fragte Pansy Ginny.
"Bringen wir es hinter uns", sagte Ginny mit einem Seufzen. "Wann wird er da sein?", fragte Ginny und war dankbar, dass sie dann vielleicht früher gehen konnte.
"Ich habe ihm bereits mitgeteilt, dass Sie wach sind. Er sollte bald da sein", sagte Madam Pomfrey und warf Ginny einen zustimmenden Blick zu. "Nun trinken Sie das", sagte sie und reichte Ginny einen Becher voll mit einer hellen, beinah eisblauen Flüssigkeit.
"Was ist das?", fragte Ginny, als sie den Becher nahm.
"Dies ist der erste Teil eines Trankes, der Sie vor einer Schwangerschaft bewahren soll."
Ginny hatte den Becher schon an ihre Lippen gesetzt, als sie inne hielt. "Der erste Teil?"
"Ja, das ist richtig."
"Wie lange muss ich diesen Trank nehmen?"
"Also es gibt diesen hier und in einer Stunde gebe ich Ihnen noch einen. Und nun trinken Sie", sagte Pomfrey. Ginny führte den Becher wieder an die Lippen.
Ginny trank die Flüssigkeit in einem Zug aus. Es fühlte sich an, als würde sich ein weißes, heißes Feuer ihre Kehle hinabbrennen und sich in ihrem Magen sammeln. Sie begann zu husten und gab Madam Pomfrey den Becher zurück.
"Ich lasse Sie jetzt hier. Bitte sagen Sie mir Bescheid, wenn der Direktor hierher kommt", sagte sie, nahm den Becher und ging mit ihrem Tablett voll Tränke, das vor ihr schwebte, davon.
"Ich habe etwas zu tun, aber ich werde zurück sein, noch bevor Dumbledore hier ist. Willst du, dass ich die Zwillinge kontaktiere und ihnen sage, dass du wach bist?", fragte Blaise, als er aufstand.
"Ja. Die machen sich wahrscheinlich schon Sorgen", sagte Ginny.
Blaise nickte und ging hinüber zu Pansy, um ihr eine Umarmung und einen Kuss zu geben. Ginny dachte eine Sekunde lang, dass Blaise "Erzähl es ihr nicht", zu Pansy gesagt hatte, aber sie dachte, sie hätte sich das nur eingebildet. Blaise ging hinaus und Pansy setzte sich wieder neben Ginny.
"Wie gehst du mit dem Ganzen um?", fragte sie mit einem traurigen Lächeln.
"Ich weiß nicht. Ich kann nicht glauben, dass das passiert ist. Es fühlt sich wie ein Alptraum an, aus dem ich nicht mehr aufwachen kann", sagte Ginny, während sie die Tränen zurückhielt.
"Es wird leichter werden, vertrau mir", sagte Pansy leise.
"Wie kannst du dir da sicher sein?"
Pansy sagte nichts. Sie lächelte bloß und sah zum Fenster hinaus. Ginny brauchte ihre Antwort aber nicht zu hören, um zu wissen, worum es ging.
Blaise betrat Pansys Zimmer und fand Draco vor, der auf der Couch schlief. Er seufzte und ging hinüber zum Kamin. Er nahm eine Handvoll Flohpulver, warf es in die Flammen und rief: "Weasleys Zauberhafte Zauberscherze!"
"Fred! George!", rief Blaise, der den Kopf in die Flammen steckte und sich umsah. Fred und George tauchten einen Moment später auf und Blaise fluchte, da er sich vor lauter Überraschung den Kopf an Kaminsims angestoßen hatte.
"Sorry, Blaise. Was ist los?", fragten die Zwillinge. Zum ersten Mal merkte Blaise, dass sie nicht komplett synchron sprachen. Er konnte sagen, dass sie versuchten, so zu tun, als wäre alles normal, aber sie machten sich wirklich Sorgen.
"Ginny ist wach. Madam Pomfrey hat sie geheilt. Wir warten bloß auf Dumbledore, der mit ihr sprechen will. In einem Tag oder so wird sie vom Krankenflügel wieder entlassen", sagte Blaise.
"Toll!", sagte Fred.
"Wir kommen gleich rüber", meinte George.
Blaise unterbrach die Verbindung und lachte im Stillen. Sie würden bald wieder normal sein. Blaise wandte sich zu Draco und seufzte. Er wusste, dass Draco froh sein würde, da Ginny nun wach war, vielleicht sogar glücklich. Blaise hoffte bloß, dass er das Richtige tat und nicht wieder loszog und alles vermasselte.
"Draco ...", sagte Blaise, während er sich der Couch näherte.
"Draco!", rief er fast, und begann, Draco wach zu schütteln.
"Was?", sagte Draco, als er aufsprang und Blaise ansah. "Was ist denn los?", fragte er. Blaise konnte sagen, dass Draco auf schlechte Nachrichten wartete.
"Ginny ist wach", war alles, das Blaise sagte.
"Wirklich?" Draco sah beinah schockiert aus. Blaise nickte bloß. "Ist sie in Ordnung?"
"Ihr geht es gut. Ich dachte bloß, du würdest das vielleicht gern wissen wollen. Sie muss noch mit Dumbledore sprechen, und dann wird sie wahrscheinlich morgen entlassen", sagte Blaise mit einem kleinen Lächeln.
"Das ist toll", sagte Draco, während er sich mit den Fingern durch die Haare fuhr. Er sah zwar nicht aus, als wären das gute Nachrichten für ihn, aber Blaise wusste, was ihm gerade durch den Kopf ging. Draco versuchte gerade, sich zu entscheiden, ob er sie besuchen sollte oder nicht.
"Ich gehe zurück zu ihr, ich habe es den Zwillingen gesagt. Kommst du mit?", fragte Blaise, als er zur Tür hinüber ging.
"Ja, später vielleicht", sagte Draco. Er hörte, wie Blaise die Tür schloss, und saß grüblerisch da. Ginny war wach, es würde ihr wieder gut gehen. Sie würde bald die Krankenstation verlassen können. Würde alles wieder normal werden? Oder würde er immer noch ohne sie leben müssen?
Blaise betrat den Krankenflügel und sah, dass die Zwillinge und Pansy bei Ginny saßen. Ginny lächelte über etwas, das die Zwillinge gesagt hatten, und Pansy lachte. Blaise ging zu ihnen, nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben Pansy.
"Du kommst gerade zur richtigen Zeit", sagte Pansy und gab ihm einen raschen Kuss.
"Weshalb?"
"Dumbledore ist gerade gekommen. Er unterhält sich jetzt mit Madam Pomfrey", erklärte Ginny.
Sie saßen ein paar Sekunden in Stille da, bevor sie alle hörten, wie Dumbledores Schuhe auf den Fliesen am Fußboden klackerten. Die fünf sahen alle zur gleichen Zeit zu ihm hoch.
"Es sieht so aus, als wäre ein weiterer Schüler hier für Ms. Weasley", sagte Professor Dumbledore mit einem Lächeln, während er sich einen Stuhl heran zog. Die Zwillinge rutschten zur Seite, sodass er nun direkt neben Ginny saß.
"Danke, Mr. und Mr. Weasley", sagte Dumbledore mit dem üblichen Blitzen in seinen Augen. "Nun, Ms. Weasley, Madam Pomfrey hat mir bereits alles erzählt. Aber ich habe auch noch ein paar Fragen an Sie. Wollen Sie, dass Ihre Brüder und Ihre Freunde hier bleiben, oder möchten Sie allein mit mir sprechen?", fragte er Ginny.
"Sie können bleiben."
"Nun gut. Madam Pomfrey hat mir von Ihren Verletzungen berichtet und davon, was Sie durchgemacht haben. Zuerst möchte ich Ihnen sagen, dass es mir wahrhaft Leid tut, dass dies auf meiner Schule geschehen ist." Ginny nickte bloß, denn sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.
"Nun, es gibt noch Eines, das mir Madam Pomfrey nicht sagen konnte und wovon ich hoffe, dass Sie mir helfen können", fuhr er fort.
"Okay", sagte Ginny. Sie wusste, wie seine Frage lauten würde.
"Wissen Sie, wer Ihnen das angetan hat?", fragte er geradeheraus.
Ginny dachte kurz nach. "Nein, Sir, leider. Er hat mich von hinten geschnappt und ich schätze, er hat mich k.o. geschlagen, noch bevor ich sein Gesicht sehen konnte", sagte Ginny überzeugend.
Dumbledore sah sie mit diesem durchdringenden Blick an und Ginny war sich sicher, dass jeder hier ihr Herz rasen hören konnte. "Nun, in Ordnung. Wenn Sie sich an irgendetwas erinnern sollten, dann bitte ich Sie, es mir zu erzählen."
"Natürlich", sagte sie ruhig.
"Noch eine letzte Sache, können Sie mir sagen, was passiert ist?", fragte er mit traurigen Augen.
Ginny holte tief Luft und nickte. "Ich habe in dieser Nacht Pansys Zimmer verlassen. Ich wollte mir einfach ein wenig die Beine vertreten", sagte Ginny in der Hoffnung, dass Dumbledore nicht wusste, dass sie Pansy und Blaise einfach etwas Zeit allein gönnen wollte. Dumbledore nickte und deutete ihr, fortzufahren.
"Ich bin durch die Gänge gelaufen, und als es schon kurz vor der Sperrstunde war, habe ich gemekrt, dass ich die Nacht nicht im Gryffindor Turm verbringen wollte, also habe ich beschlossen, hoch in die Eulerei zu gehen und Fred und George einen Brief zu schreiben, um sie zu bitten, ob ich diese eine Nacht bei ihnen bleiben konnte", fuhr Ginny fort.
"Obwohl Sie wissen, dass es verboten ist, die Schule zu verlassen", sagte Dumbledore mit einem Lächeln und nickte.
"Äh ... ja, tut mir Leid."
"Ist schon gut. Sie sind ja nicht gegangen und auch wenn Sie gegangen wäre, bin ich mir sicher, dass Sie in Sicherheit gewesen wäre und ich es nie erfahren hätte. Bitte fahren Sie fort."
"Äh ... richtig. Naja, ich habe mich hingesetzt und wurde dann von hinten geschnappt und in den hinteren Teil der Eulerei gezogen. Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern", log Ginny.
"Nun gut. Danke, Ms. Weasley", sagte Dumbledore und stand auf. "Diese ganze Sache tut mir wirklich sehr Leid." Er begann, zur Tür zu gehen.
"Professor?", rief Ginny.
"Ja?", sagte Dumbledore. Er drehte sich zurück und sah Ginny mit einem nachdenklichen Blick an.
"Wann kann ich den Krankenflügel verlassen?", fragte Ginny.
Dumbledore kam zurück und sah Ginny an. "Tja, Madam Pomfrey sagte, Sie wären geheilt. Haben Sie schon beide Tränke bekommen?" Ginny nickte. "Dann können Sie heute nach dem Abendessen gehen", sagte er.
"Danke." Dumbledore nickte und ging hinaus.
"Du wirst es niemandem erzählen, nicht wahr?", fragte Pansy.
"Nein", sagte Ginny. Pansy brauchte nicht mehr zu sagen, damit sie wusste, dass sie meinte, ob sie jemandem von Harry erzählen würde. "Ich muss mit Blaise sprechen. Könnt ihr kurz hinaus gehen?", fragte sie Pansy und die Zwillinge.
Pansy, Fred und George standen auf. Als sie draußen waren, wandte sich Blaise zu Ginny und warf ihr einen verwirrten Blick zu.
"Wer hat mich hierher gebracht?"
"Ich bin mir sicher, dass du das weißt. Du sagtest ja schon, dass du weißt, wer dich nicht hierher gebracht hat", sagte Blaise mit einem spitzen Blick.
"Mir fällt nur Ron ein, und das ergibt keinen Sinn", sagte Ginny in einer halben Lüge.
"Ich bin mir sicher, dir fällt noch jemand ein. Denk darüber nach, dann wird alles einen Sinn ergeben", sagte Blaise mit einem Zwinkern. Er stand auf und ging davon, und Ginny blieb allein mit ihren Gedanken zurück.
Draco sah auf die Uhr. Er hatte das Abendessen versäumt. Er seufzte. Draco war den ganzen Tag lang am selben Fleck gesessen und hatte überlegt, ob er Ginny besuchen gehen sollte oder nicht. Er hatte kein Problem damit, sie zu sehen, wenn sie schlief und nicht wusste, dass er da war, aber nun war sie ja wach. Auf keinen Fall könnte sie ihm all das verzeihen, das er ihr angetan hatte, und er wollte sie nicht böse machen, wenn sie doch gesund werden musste.
Draco hörte Schritte auf der anderen Seite der Tür und wusste, dass Pansy und Blaise zurückkamen. Madam Pomfrey hatte sie wahrscheinlich für die Nacht hinausgeworfen. Er sah nicht hoch, als sich die Tür öffnete. Er merkte nicht einmal, dass derjenige, der das Zimmer betreten hatte, einfach in der Tür stehen geblieben war. Er war zu sehr damit beschäftigt, sich zu überlegen, wann er Ginny am besten besuchen konnte.
"Hi."
Draco hob langsam den Kopf. Er hatte das Wort kaum gehört, er wusste nicht, wer da zu ihm sprach, und er wollte jetzt einfach mit niemandem sprechen und alleine sein. Langsam drehte er den Kopf zu der Person, die bei der Tür stand. Was auch immer er erwartet hatte, dies hatte er nicht erwartet.
Ginny Weasley stand vor ihm.
