Broken
Kapitel 35
Es verändert dich
Draco sah hoch zu Ginny, als wäre sie bloß eine Halluzination. Auf keinen Fall konnte sie hier nur wenige Meter von ihm entfernt vor ihm stehen. Sie sollte doch noch im Krankenflügel sein! Auch wenn sie vorzeitig entlassen wurde, sollte Draco einer der letzten Menschen auf Erden sein, den sie jetzt sehen wollen würde. Er konnte nicht mehr länger einfach dasitzen und sie anstarren, also stand er langsam auf und ging auf Ginny zu. Sie bewegte sich nicht und zuckte auch nicht zurück, als er sich ihr näherte. Draco war sich nicht sicher, ob das ein gutes Zeichen war oder nicht.
"Ginny?", fragte Draco unsicher.
"Hi", wiederholte Ginny. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie leicht, als wollte sie ihm versichern, dass sie es wirklich war.
Draco konnte sich an dieser Stelle nicht mehr zurückhalten. Er trat einen Schritt nach vorne und schlang seine Arme um sie. Der süße Duft ihres Haares hüllte ihn ein, während er sie so fest wie möglich umarmte, ohne sie dabei zu zerquetschen. Er spürte, wie Ginny ihre Arme um seine Taille schlang und leise an seiner Brust schluchzte.
"Es tut mir so Leid", sagte Draco, ohne es wirklich zu merken.
"Ich glaube, wir müssen uns unterhalten", flüsterte Ginny leise in sein Hemd.
Draco sagte nichts. Stattdessen zog er sich ein Stück weit zurück und nickte. Ohne seine Augen von ihr abzuwenden, ging Draco mit Ginny zur Couch und wartete, bis sie sich gesetzt hatte, bevor er sich neben ihr hinsetzte.
"Geht es dir gut?", fragte Draco, als er Ginny von oben bis unten musterte. Es waren noch einige Blutergüsse und halb verheilte Schrammen zu sehen.
"Es wird schon. Erzähl mir, was passiert ist", sagte Ginny, ohne ihm in die Augen zu blicken.
"Was meinst du?"
"In dieser Nacht. Ich weiß, dass du derjenige warst, der mich gefunden und mich in den Krankenflügel gebracht hat. Ich will wissen, warum du da warst", erklärte Ginny geradeheraus.
"Oh. Tja, ich bin durch die Gänge gelaufen und habe dich vorbei gehen gesehen."
"Erzähl weiter", drängte Ginny, als Draco nicht fortfuhr.
"Ich bin dir gefolgt, und dann habe ich Potters Tarnumhang gefunden", fuhr Draco durch zusammengebissene Zähne fort.
"Also wusstest du, dass etwas passiert war", beendete Ginny seinen Satz.
Draco nickte. "Ich hätte aber nicht gedacht, dass er ... so weit gehen würde." Draco machte eine Pause. "Als ich dich dort liegen sah, musste ich ... ich musste einfach etwas tun. Ich habe dich zugedeckt und dich in den Krankenflügel gebracht", beendete Draco seine Erzählung.
"Warum?", fragte Ginny und blickte ihm endlich in seine grauen Augen.
"Was meinst du mit warum? Was hätte ich denn tun sollen, dich einfach liegen lassen?" Draco wurde langsam ein wenig wütend. Er holte ein paar Mal tief Luft, um zu versuchen, wieder ruhiger zu werden.
"Du hast mich glauben lassen, dass du genau das tun würdest. Über ein Monat lang hast du mich dich hassen lassen! Und dann wache ich im Krankenflügel auf, weiß nicht einmal, welcher Tag heute ist, und kann mich nur daran erinnern, was Harry mir angetan hat, und dann finde ich heraus, dass du es warst, der mich hierher gebracht hatte. Ich bin ein wenig verwirrt", sagte Ginny. Stille Tränen liefen ihr über die Wangen.
"Egal was ich gesagt habe, ich hätte dich dort nie einfach liegen gelassen. Ich wünschte, ich wäre rechtzeitig gekommen, aber es war zu spät", sagte Draco und starrte dabei hinab auf seine Hände.
"Hast du alles, das du gesagt hast, auch so gemeint?", fragte Ginny in bettelndem Tonfall. Dies war, weshalb sie wirklich mit ihm sprechen wollte. Wenn er es wirklich so gemeint hatte, dann würde sich weggehen und nicht zurück blicken, aber wenn nicht, dann brauchte sie Antworten.
Draco sagte nichts, er trug weiter seinen inneren Kampf aus und starrte seine Hände an.
"Sieh mich an", forderte Ginny ihn auf.
Draco blickte langsam hoch in ihre Augen und merkte, dass er sie so sehr vermisst hatte. Sie schimmerten wegen der Tränen, Tränen, die er verursacht hatte. Alles, das er in den letzten Wochen getan hatte, hatte ihr solche Schmerzen zugefügt, und wofür? Er hatte sich selbst und Ginny belogen, in dem dummen Versuch, sie zu beschützen. Alles, das es erzeugte, waren noch größere Schmerzen, als er sich je vorstellen konnte.
"Hast du es so gemeint?", wiederholte Ginny ihre Frage.
"Nein", antwortete Draco nach einer Minute.
"Warum hast du das dann gesagt? Warum warst du nicht da, als ich aufwachte? Oder danach?"
"So halt", war alles, das Draco sagen konnte. Er konnte ihr die Wahrheit nicht sagen. Es war einfach zu dumm.
"Warum?", hakte Ginny weiter nach.
"Weil es mir peinlich war!", kam es von Draco. Er stand auf und begann, im Kreis zu laufen.
"Was?", fragte Ginny verwirrt. Dracos Antwort ergab keinen Sinn.
"Ich dachte, du würdest mir die Schuld für das geben, das passiert ist", erklärte er, während er weiter auf und ab lief.
"Warum sollte ich dir die Schuld geben?"
"Weil es meine Schuld war."
"Entschuldigung?", fragte Ginny mit einer hochgezogenen Augenbraue.
"Ich habe nicht mit dir Schluss gemacht, weil ich dachte, wir sollten nicht länger zusammen sein, oder weil ich nie etwas von dir bekommen habe. Das war alles eine Lüge. Ich habe mit dir Schluss gemacht, weil ich dich damit beschützen wollte", erklärte Draco. Er wollte nicht, dass Ginny dies alles wusste, aber sobald er einmal angefangen hatte, konnte er nicht mehr aufhören. Und Draco konnte nicht bestreiten, dass sie jedes Recht hatte, dies zu erfahren.
"Das ergibt keinen Sinn."
"Ich wollte nur versuchen, dich vor deinem Bruder und Potter in Sicherheit zu bringen. Ich hätte alles auf dieser Welt getan, auch dich zu verlieren", sagte Draco. Der letzte Teil kam nur noch geflüstert, aber Ginny hörte ihn klar und deutlich.
"Warum hast du gedacht, mich zu verlassen würde sie von mir fernhalten?"
"Nicht fernhalten, aber vielleicht hätten sie sich ein wenig eingebremst. Alles wurde um so vieles schlimmer, als sie herausgefunden hatten, dass du mit mir zusammen warst, und nach dem letzten Mal ... musste ich einfach etwas tun", erklärte Draco. Er blieb schließlich stehen und stellte sich direkt vor Ginny.
"Okay. Aber warum hast du all diese Dinge gesagt?"
Draco sah in Ginnys Augen und sah, dass sich in ihnen frische Tränen bildeten. Dies war der Moment, in dem Draco endlich klar wurde, welchen Schmerz er ihr wirklich damit zugefügt hatte. Er merkte nun, in welch noch größere Gefahr er sie damit gebracht hatte. Er hatte sie nicht einfach nur als Zielobjekt für Harry und Ron stehen gelassen, sonder auch das ganze Vertrauen wieder zerstört, das sie ihm und allen Anderen gegenüber aufgebaut hatte.
"Ich weiß nicht. Es war ein Versuch, dich fernzuhalten, damit es mir leichter fiel, meine Lüge aufrecht zu erhalten", flüsterte er leise und wusste, wie egoistisch das klang.
"Also warum bist du mir dann in dieser Nacht gefolgt?", fragte Ginny. "Wenn du wolltest, dass ich mich weiterentwickle, wenn du die Lüge aufrecht erhalten wolltest, warum bist du mir dann in dieser Nacht gefolgt?"
"Weil ich ..." Draco konnte es nicht aussprechen.
Ginny wurde immer wütender. "Was? Hast du dir neue Anschuldigungen für mich ausgedacht? Es muss doch einen Grund geben!"
"Weil es für mich die Hölle war, nicht bei dir zu sein!", rief Draco.
Ginny war geschockt. Draco hatte noch nie solche Emotionen gezeigt, er hatte noch nie zugegeben, dass sie ihm etwas bedeutete, nicht in diesem Ausmaß jedenfalls. Ginny wusste nicht, was sie sagen sollte, und saß in Stille da. Draco war die letzten Wochen über ein Arsch gewesen, aber er hatte ihr auch geholfen, als anscheinend niemand sonst wusste, dass sie Hilfe benötigte. Er hatte versucht, sie zu beschützen, auch wenn er den falschen Weg gewählt hatte. Er hatte genau das getan, was sie immer von ihm gewollt hatte, bloß dass er es auf seine ganz eigene Art und Weise tat. Ginny wusste, auch wenn er nicht der typische Freund war, den sich ein Mädchen wünschen konnte, dass er dennoch immer wusste, was und wann er etwas sagen sollte. Er war einfach perfekt für sie. Ginny blickte hoch zu Draco und sah, dass ihm die Betretenheit, die er verspürte, deutlich ins Gesicht geschrieben stand.
Langsam stand sie auf und schlang ihre Arme um ihn, um ihn einfach festzuhalten.
"Es tut mir so Leid", flüsterte Ginny ihm ins Ohr.
Draco sagte nichts. Er wusste nicht, warum Ginny sich entschuldigte, wo doch er derjenige gewesen war, der die ganzen Fehler begangen hatte. Er schlang seine Arme um sie, atmete ihren süßen Duft ein und zum ersten Mal nach einer langen Zeit kam es ihm so vor, als würde alles wieder gut werden.
"Weshalb entschuldigst du dich?", fragte Draco, als er zögerlich ihre Umarmung löste.
"Weil ich dich angekeift habe und dich gedrängt habe, etwas zuzugeben, von dem ich weiß, dass du es nicht sagen wolltest."
"Und was könnte das gewesen sein?", fragte Draco mit einer hochgezogenen Augenbraue.
Ginny grinste. "Dass du ...", sie küsste leicht seine Stirn, "mich", sie küsste seine Nase, "brauchst", sagte Ginny in einem Flüstern. Bevor Draco ihr antworten konnte, küsste Ginny ihn direkt auf den Mund.
Draco schlang einen Arm um Ginnys Rücken. Es war so lange her, dass er sie das letzte Mal geküsst hatte, und er wollte, dass dieser Moment andauerte. So gerne er den Kuss auch vertieft hätte, er tat es nicht. Er wusste, was Ginny gerade erst durchgemacht hatte, und er war überrascht, dass sie das jetzt tun konnte. Er wollte die Dinge nicht zu weit treiben.
Ginny unterbrach langsam den Kuss. Sie hatte vorgehabt, hier herein zu kommen und Draco anzuschreien und anzubrüllen, weil er im vergangenen Monat so ein Arsch gewesen war. Dies hätte sie nie erwartet. Ginny war sich nicht sicher, ob sie schon bereit war, alles wieder als normal zu betrachten mit Draco. Sie wusste, dass sie wieder mit ihm zusammen sein wollte - mehr als alles andere. Aber auch wenn sie ihn gerade geküsst hatte, sah sie immer Harry vor sich, wenn sie versuchte, die Augen zu schließen.
"Geht es dir gut?", fragte Draco, als er ihren verwirrten Gesichtsausdruck sah.
"Ja." Ginny nickte. "Eigentlich nein", fügte sie einen Moment später hinzu.
"Was ist los?" Draco ging ein Stück zurück, um sicher zu gehen, dass seine Nähe ihr nicht unangenehm war.
"Ich weiß nicht, ob ich das tun kann", sagte Ginny. Sie sah ihm in die Augen und sah, wie verletzt er war, bevor er dies vor ihr verstecken konnte.
"Oh."
"Ich meine, ich weiß nicht, wie ... weit ich momentan gehen kann", versuchte Ginny zu erklären. Es kam ihr vor, als würde sie über ihre eigenen Worte stolpern. "Ich will dich nicht warten lassen."
Draco sah ihr tief in die Augen. "Ich werde dich nicht bedrängen, Gin. Die Entscheidung liegt bei dir. Du bist mir die Wartezeit wert."
Ginny nickte bloß. Sie spürte wieder die brennenden Tränen hinter ihren Augen und war gezwungen, den Kopf zu senken, damit Draco sie nicht sehen konnte. Sie wollte das alles nicht. Sie wollte wieder ganz normal sein können.
"Denk einfach darüber nach. Schlaf eine Nacht darüber. Wir unterhalten uns morgen", sagte Draco nach ein paar Minuten. Er schob ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
"Okay. Das alles tut mir so Leid", flüsterte Ginny. Einen Augenblick lang dachte Draco, er hätte sie nicht gehört, aber er hatte doch jedes einzelne Wort erfasst.
"Du musst dich wegen nichts entschuldigen. Du hattest keine Kontrolle über das, das geschehen ist", sagte Draco unbeholfen. Normalerweise konnte er sehr gut mit Worten umgehen, aber wenn es um so etwas ging, stellte er sich noch dümmer an als Longbottom. "Mir tut alles Leid", sagte Draco und fühlte sich, als wäre er ihr eine Entschuldigung schuldig. Er wollte schon seinen Mund öffnen und ihr sagen, wie dumm er gewesen war, aber dann entschloss er sich dagegen, weil Malfoys waren grundsätzlich nicht dumm.
Ginny konnte nichts darauf sagen, also nickte sie einfach. Sie wandte schon all ihre Energie darauf auf, nicht loszuheulen, und sie wusste, wenn sie ihren Mund öffnete, würde sie nichs mehr gegen die Schluchzer tun können. Ginny wollte nur, dass alles wieder normal wurde, aber sie wusste, dass dies jetzt noch nicht möglich war. Allein wenn Draco sie berührte und küsste, schmerzte es sie. Nun konnte sie sich nur noch Harry vorstellen, der seine Hände auf ihrer Haut und seine Lippen an ihren Mund gedrückt hatte. Ginny musste aufhören. Sie versuchte, an etwas Anderes zu denken, an etwas Angenehmes, aber es war vergebens.
Draco konnte spüren, dass etwas nicht stimmte. Alles, das er tun musste, war, ihr ins Gesicht zu blicken. In ihren Augen glitzerten die Tränen und es sah aus, als würde sie intensiv nachdenken. So wie eine Person, die schlafwandelt. Draco wusste nicht, ob er etwas sagen sollte, um Ginny aus ihrem trance-artigen Zustand zu befreien, oder ob er ihr die Zeit geben sollte.
"Du siehst müde aus. Hier, lass mich das Bett für dich machen", sagte er, nachdem er ein paar Minuten lang überlegt hatte.
"Okay", antwortete Ginny leise. Vielleicht würde ihr etwas Schlaf wirklich gut tun, vielleicht würde sie sich dann über ein paar Dinge klar werden.
Ginny stand auf und beobachtete Draco, wie er die Couch, auf der sie gerade noch gesessen war, in das Bett verwandelte, in dem sie fast das ganze Jahr lang geschlafen hatte. Sie blieb stehen und sah ihm zu, wie er zu einem der Stühle ging und ihn für sich selbst in ein eigenes kleines Sofa verwandelte. Einen Moment lang wollte Ginny ihm anbieten, bei ihr im Bett zu schlafen, aber sie dachte, dass er wahrscheinlich Recht damit hatte, wenn er ihr im Moment nicht allzu nah war.
"Danke", flüsterte Ginny und krabbelte ins Bett.
Draco nickte bloß und legte sich auf die Couch, die er für sich selbst verzaubert hatte. Er sah Ginny zu, wie sie unter die Decke schlüpfte und sie bis unters Kinn zog, so wie sie es immer tat. Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er den zufriedenen Blick auf ihrem Gesicht sah. Vielleicht würde schließlich doch noch alles wieder normal werden.
"Okay. Wir wissen alle, was passiert ist, also werden wir dir keine Fragen wegen der letzten Woche stellen", sagte Blaise.
Blaise, Pansy, Draco, Ginny, Fred und George saßen alle in Pansys Wohnzimmer. Ginny war erst vor einem Tag von der Krankenstation entlassen worden, aber alle wollten unbedingt wissen, was sie wegen Harry tun wollte.
"Wir haben jedenfalls eine sehr wichtige Frage an dich", sagte Fred. George nickte neben seinem Zwilling.
"Okay", sagte Ginny langsam. Sie fühlte sich, als wäre sie im Büro des Direktors und würde gleich in Schwierigkeiten kommen wegen etwas, das sie nicht einmal wusste.
"Was können wir wegen Potter tun?", sagte Draco durch zusammengebissene Zähne. Es war klar, dass er jetzt jede andere mögliche Unterhaltung lieber geführt hätte.
"Was meinst du?", fragte Ginny, obwohl sie die Antwort bereits kannte.
"Er muss für das bezahlen, das er getan hatte", sagte George, als wäre dies das Offensichtlichste der Welt, und Ginny dachte, das wäre es auch.
"Sagt ihr damit, dass ihr noch nichts unternommen habt?", fragte Ginny mit einer hochgezogenen Augenbraue.
"Gar nichts", sagte Pansy. Alle anderen nickten als Zustimmung.
"Das überrascht mich", sagte Ginny mit einem kleinen Lächeln. Fast hätte sie erwartet, dass sie ihr Harrys Kopf auf einem silbernen Teller präsentieren würden.
"Wir dachten, es wäre nur fair, wenn du es bestimmen könntest", fügte Draco hinzu. Offenbar war er mit dieser Entscheidung auch nicht gerade glücklich.
"Wie nett von euch allen", sagte Ginny voll Sarkasmus. "Was erwartet ihr, dass ich sage? Dass ich ihn tot sehen will, und ich will, dass ihm jeder von euch einen Körperteil abhackt?"
"Das wäre schön", sagte Fred mit einem Lächeln und nickte.
"Aber würde eine ziemliche Sauerei geben", fügte George grinsend hinzu.
Ginny lachte. "Ich weiß nicht, was ich mit ihm tun will. Wir könnten anfangen, indem wir diesen verfluchten Tarnumhang behalten, damit er ihn nicht gegen mich verwenden kann."
"Schon erledigt", sagte Draco grinsend.
"Und lasst mich raten? Du hattest die Ehre, ihn an dich zu nehmen?", fragte Ginny und zog eine Augenbraue hoch.
"Natürlich", nickte Draco.
"Ich weiß wirklich nicht, Leute. Gebt mir ein paar Ideen", sagte Ginny nach ein paar MInuten.
Alle begannen auf einmal zu sprechen. Das einzige Wort, das Ginny deutlich verstehen konnte, war "umbringen". Sie rieb sich die Schläfen und seufzte. Dies würde ein langer Tag werden.
"Okay!", rief sie, um alle wieder zu beruhigen. "Einer nach dem Anderen."
"Ihn umbringen!", sagten sie alle hintereinander.
"Okay, habt ihr noch andere Vorschläge?"
"Ihn verprügeln", meinte Blaise.
"Ihn foltern", zischte Draco.
"Ihn kastrieren", sagte Pansy. Alle drehten sich geschockt zu ihr um. "Was? Er hat es verdient."
"Nein", sagte Ginny zu Pansy. Pansy zog eine Schnute. "Ernsthaft, etwas, das uns Genugtuung gibt, uns aber nicht nach Askaban befördert."
Alle wurden still. Sie alle wollten Harry weh tun, und niemandem fiel etwas Passendes ein, das sie nicht in Schwierigkeiten bringen würde.
"Wenn euch nichts einfällt, können wir auch nichts tun", sagte Ginny nach ein paar Momenten der Stille.
"Was, wenn wir etwas wie damals beim Quidditch Spiel machen?", bot Fred an.
"Wieder einen Geschenkskorb?", fragte Ginny.
"Das wüsste er schon. So dumm ist er auch wieder nicht", sagte Pansy.
"Das bestreite ich nicht", sagte Draco bitter.
"Es muss kein Korb sein. Es könnte auch ein anonymes Päckchen sein", sagte George.
"Und wir müssen nicht die selben Sachen hinein geben", fügte Fred hinzu.
"Wir denken uns etwas Neues aus", meinte George.
"Okay. Hört sich das für alle gut an?", fragte Ginny lächelnd.
Alle murmelten etwas, das sich stark nach "schätze schon" anhörte. Ginny lächelte. "Sind wir dann fertig?"
"Nur noch Eines", sagte Pansy.
"Was?"
"Warum hast du Dumbledore nicht erzählt, was passiert ist?", fragte Pansy leise.
Ginny seufzte. "Weil ich das nicht noch größer aufplustern wollte, als es bereits ist. Wenn es jemand Anderes gewesen wäre, wäre es eine andere Geschichte gewesen."
"Wieso ist es etwas Besonderes, wenn es um Potter geht, und nicht, wenn es jemand Anderes betrifft?", fragte Draco. Die Eifersucht war deutlich in seiner Stimme zu hören.
"Weil es Harry Fucking Potter ist. Denkt darüber nach, alle wären geschockt. Ein paar Leute würden mir nicht einmal glauben. Ich will es einfach hinter mir lassen können", sagte Ginny, die langsam zornig wurde.
Alle wurden still. Sie wussten, dass sie Recht hatte, aber dennoch war es jetzt auch nicht leichter zu akzeptieren.
"Pansy?", fragte Ginny, als sie an die Tür ihres Schlafzimmers klopfte.
"Ja?", fragte Pansy und öffnete die Tür.
"Kann ich mit dir reden?"
"Sicher. Lässt du uns eine Minute allein, Blaise?", sagte Pansy und drehte sich zu ihrem Freund, der auf ihrem Bett lag.
"Ja", murmelte Blaise. Er stand auf und gab Pansy einen schnellen Kuss, bevor er das Zimmer verließ.
"Was ist los?", fragte Pansy, während sie die Tür schloss.
"Ich habe eine Frage."
"Okay."
"Gestern, als ich aufgewacht bin, da sagtest du, dass irgendwann alles leichter wird."
"Ja", sagte Pansy. Sie wusste, was nun kommen würde.
"Woher weißt du das? Anscheinend wird es immer nur schwerer. Ich konnte nicht einmal zulassen, dass Draco mich festhielt, ohne dass ich dachte, es wäre Harry. Jedes Mal, wenn jemand meinen Namen ausspricht, möchte ich zusammenzucken, weil er meinen Namen während der ganzen Prozedur so oft gesagt hatte", meinte Ginny. Stille Tränen begannen, ihr über die Wangen zu kullern.
"Ich weiß, weil mir genau dasselbe zugestoßen ist", sagte Pansy und holte tief Luft. "Du bist erst der zweite Mensch, dem ich davon erzähle", fügte sie mit einem betretenen Lächeln hinzu.
"Blaise weiß es auch?"
"Nein, aber Draco. Er war derjenige, zu dem ich damals gegangen bin", sagte Pansy. Ginny sah sie verwirrt an. "Okay, das wird keinen Sinn ergeben, wenn ich dir nicht alles erkläre", sagte sie und holte tief Luft.
Ginny setzte sich aufs Bett und sah Pansy an. Sie überlegte, ob sie Pansy einfach sagen sollte, sie solle es vergessen, aber ihre Neugier hatte die Überhand gewonnen.
"Als ich ungefähr neun Jahre alt war, machte mein Onkel schwere Zeiten durch und hat ein Jahr lang bei uns gewohnt. Seine Frau hatte ihn verlassen und ihm alles genommen, sein Geld, die Kinder, das Haus, einfach alles. Und mein Vater war das einzige Familienmitglied, das er noch hatte. Als er über den Sommer hier war, passte er oft auf mich auf. Er hat immer komische Sachen gemacht, mich zum Beispiel an komischen Stellen gekitzelt und so etwas. Ich wusste nicht, was er da tat, nicht wirklich jedenfalls. Und dann ging eines Nachts alles zu weit, und er hat mich vergewaltigt", sagte Pansy. Sie spürte, wie ihre Augen wegen der Tränen brannten. Es war Jahre her, seit sie darüber mit irgendjemandem gesprochen hatte.
"Und du hast es nie jemandem erzählt?", fragte Ginny geschockt.
"Ich dachte, es wäre meine Schuld. Als hätte ich ihn aufhalten können, als er begonnen hatte, mich anzufassen, dann wäre er vielleicht nicht so weit gegangen", erklärte Pansy. Sie wusste, wie dumm das klang.
"Aber du weißt, dass es nicht so war.
"Das weiß ich jetzt. Aber damals nicht, also habe ich meinen Mund gehalten."
"Wie passt dann Draco in das Ganze?", fragte Ginny immer noch verwirrt.
"Draco und ich sind befreundet, seit wir Kinder waren. Ein paar Tage, nachdem das passiert ist, kam er zu mir und wir haben uns über meinen Onkel unterhalten, und da ist es mir herausgerutscht", sagte Pansy. Nun rollten ihr die Tränen über die Wangen.
"Aber du sagtest, du wärst zu ihm gegangen."
"Da habe ich mich vielleicht schlecht ausgedrückt. Er ging und unterhielt sich mit seiner Mum. Ich weiß nicht, was er ihr erzählt hatte, aber am Ende durfte ich für den Rest des Sommers bei ihnen bleiben und als ich wieder nach Hause kam, war mein Onkel weg. Seither habe ich nie mehr darüber gesprochen", sagte Pansy.
"Wie lange hat es gedauert, bis du wieder normal warst?", fragte Ginny einen Augenblick später.
"Tja, ich wurde nie mehr wie früher, es hat mich verändert und mich zu der gemacht, die ich heute bin. Aber nach einer Weile denkt man weniger und weniger darüber nach und irgendwann konnte ich den Menschen wieder vertrauen. Ich war jünger, da war es nicht leicht, jemandem Vertrauen entgegen zu bringen. Aber du weißt, wem du trauen kannst und wem nicht, für dich sollte es leichter sein", sagte Pansy mit einem Lächeln.
"Ich weiß aber nicht, wem ich vertrauen kann."
"Du kannst mir vertrauen und Blaise, deinen Zwillingsbrüdern, und du kannst Draco vertrauen", sagte Pansy mit einem spitzen Blick. "Wen brauchst du sonst?"
"Ja, du hast Recht."
"Ich weiß."
"Ich sollte gehen und mich mit Draco unterhalten, oder?", sagte Ginny, ohne Pansy anzusehen.
"Das ist deine Entscheidung. Ich kann dir aber sagen, dass ihn das innerlich auffrisst. Er gibt sich wirklich für all das die Schuld", sagte Pansy.
"Aber es ist nicht seine Schuld. Weiß er, dass ich ihm nicht die Schuld dafür gebe?", fragte Ginny und hoffte, dass Pansy ihr etwas über Dracos Emotionen erzählen würde.
"Ich glaube nicht, Liebes", sagte Pansy mit einem traurigen Lächeln. "Aber wenn du ihm wirklich vertraust und du ihn zurück haben willst, dann zeig ihm einfach wie sehr du ihm vertraust."
"Ja, das mache ich", sagte Ginny und stand auf.
"Denke zuerst darüber nach", sagte Pansy, die ebenfalls aufstand.
"Okay. Danke, Pansy", sagte Ginny, als sie die Tür erreichte.
"Kein Problem."
Ginny erwachte am nächsten Tag mit viel besserer Stimmung. Nach ihrem Gespräch mit Pansy hatte sie sich ans Feuer gesetzt, um nachzudenken. Und ihre Gedanken wanderten weiter, nachdem sie sich hingelegt hatte. Aber nun war alles so klar. Sie wusste, was sie zu tun hatte.
"Draco?", rief Ginny leise.
Draco grunzte als Antwort. Ginny sah auf die Uhr und merkte, dass es erst sechs Uhr früh war. So wenig sie Draco auch wecken wollte, sie wusste, wenn sie es jetzt nicht tat, würde sie später vielleicht nicht mehr dazu fähig sein.
"Draco", sagte sie in einem strengeren Tonfall.
"Was?", fragte Draco und drehte sich schläfrig zu ihr um.
"Kannst du hierher kommen?", sagte Ginny und deutete auf das Bett, auf dem sie saß.
Draco sah sie einen Augenblick lang neugierig an, dann stand er langsam von der Couch auf und kam auf sie zu.
"Wirst du mir verraten, warum du mich um sechs Uhr früh aufweckst?", fragte er.
"Wir müssen sowieso bald aufstehen." Ginny zuckte die Schultern.
"Du nicht", meinte Draco. Ginny hatte eine Woche unterrichtsfrei bekommen.
"Oh doch, ich kann hier nicht länger herumsitzen."
"Hast du mich deshalb aufgeweckt?" Draco hob seine Augenbraue hoch.
"Nein. Setz dich."
"Ja, Ma'am", sagte Draco und verdrehte die Augen.
"Ich bin jetzt bereit, mich mit dir zu unterhalten", sagte Ginny leise.
"Jetzt?" Draco stöhnte gespielt auf.
"Ja, jetzt."
"Okay, also sprich."
"Ich habe mich mit Pansy unterhalten, und sie hat mir gesagt, was ihr damals zugestoßen war, und das macht die Sachen für mich etwas klarer." Draco nickte bloß.
"Du musst wissen, eine Weile lang wusste ich nicht, wem ich vertrauen kann. Als du mich geküsst hast, habe ich nicht dich vor mir gesehen, sondern Harry. Dasselbe geschah jedes Mal, wenn du mich berührt hast", sagte Ginny, ohne Draco dabei anzusehen.
Draco blieb still. Ihm gefiel nicht, in welche Richtung dies ging.
"Aber nachdem ich mit Pansy gesprochen hatte, merkte ich, dass ich ihr vertrauen kann, und Blaise, Fred und George. Und dass ich dir vertrauen kann", sagte Ginny und blickte hoch in seine blassgrauen Augen.
"Okay. Ich verstehe es nicht wirklich."
Ginny holte tief Luft. "Ich will einfach, dass alles wieder normal ist", sagte sie und rutschte ein wenig näher.
"Bist du dir sicher?" Draco sah ihr tief in die Augen, als ob er die Antwort darin lesen könnte.
"Ja", sagte Ginny und brachte ihre Lippen näher zu seinen. "Ich habe dich vermisst."
Draco legte seine Lippen sanft auf ihre und küsste sie einen Augenblick lang sanft. Er war froh, dass Ginny wollte, dass alles wieder normal wurde, und er war froh, dass sie ihn nicht anschrie, für das, was er getan hatte. Er war froh, dass sie ihm gehörte.
"Ich habe dich auch vermisst", sagte er, als er den Kuss unterbrach.
