Broken

Kapitel 38

Ein unerwarteter Besucher


"Du bist was?", fragte Draco ungläubig nach ein paar Minuten der Stille.

"Es tut mir Leid, Draco", flüsterte Ginny und wich seinem Blick aus.

Draco sagte gar nichts. Er saß da und starrte Ginny an, ohne sie wirklich zu sehen. Er konnte nicht glauben, was sie ihm gerade gesagt hatte. Wie konnte sie schwanger sein? Natürlich wusste Draco, wie das funktionierte, aber es war einfach surreal. Eine Million Gedanken wirbelten durch Dracos Kopf, als er ins Nichts starrte. Er fühlte sich ein wenig von sich selbst distanziert. Er würde Vater werden, und obwohl er kaum wusste, wie er sich um sich selbst kümmern sollte, war er bald noch für jemand anderes verantwortlich. Er würde dieses Kind beschützen, sein eigen Fleisch und Blut, vor dem Bösen dieser Welt, dem Draco selbst immer ausgesetzt gewesen war. Könnte er das schaffen? Draco wurde zurück in die Wirklichkeit gerissen, als er Ginny schluchzen hörte. Er fokussierte endlich seinen Blick wieder und sah Ginny an. Draco sah, wie ihr die Tränen über ihre blassen Wangen liefen, und seine Unbeteiligtheit verschwand. Er konnte es schaffen. Er würde es schaffen, er würde nicht nur versuchen, seinem Kind ein gutes Leben zu bieten, er würde nicht nur versuchen, seine Seele zum Besseren zu wenden, er würde es auch für Ginny tun. Er wusste, dass er sie liebte. Das war eines der wenigen Dinge, über die er sich sicher war. Er würde alles tun, um sie zu beschützen, und er würde alles geben, damit sie bei ihm bliebe.

"Hey." Draco berührte ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. "Warum tut es dir Leid? Du hast es ja nicht mit Absicht getan. Wir sind beide Schuld, wir sind beide verantwortlich dafür", sagte Draco sorgsam und wischte ihr die Tränen weg.

"Bist du wütend?", fragte Ginny schüchtern.

"Nicht wütend." Draco schüttelte ein wenig den Kopf. "Nur geschockt. Aber du könntest mich nie wütend machen", flüsterte er.

"Was sollen wir tun?"

"Tja, es braucht noch niemand zu wissen, außer du willst es jemandem erzählen. Was möchtest du tun?", fragte Draco und wusste, dass es nicht allein seine Entscheidung war.

"Ich weiß nicht. Ich kann es nicht aufgeben, ich kann es nicht abtreiben." Ginny sah Draco mit bettelnden Augen an. Sie war so besorgt, dass er etwas von ihr wollen könnte, mit dem sie nicht einverstanden war.

"Niemand sagte, dass du das tun müsstest", sagte Draco und wischte ihr die neuen Tränen weg.

"Du kannst doch nicht sagen, dass du jetzt schon Vater werden willst." Ginny konnte nicht glauben, wie gut Draco dies aufnahm.

"Ich habe es nicht gerade geplant. Aber ich wollte immer Kinder haben", gab Draco zu.

"Also bist du damit einverstanden?" Ginnys Tränen wurden endlich weniger.

"Ginevra." Draco sah ihr tief in die Augen. "Ich habe keinen Grund, nicht damit einverstanden zu sein. Ja, ich habe das offensichtlich nicht geplant, aber es ist passiert. Und wie ich schon sagte, wir haben es beide gemacht, nicht nur du. Ich lass dich nicht mit etwas zurück, wo ich auch meine Hand im Spiel hatte."

Ginny konnte es nicht glauben. Draco war einverstanden damit, er akzeptierte es und war nicht wütend auf sie. Ginny sah ihm in seine grauen Augen und schlang ihre Arme um seinen Hals.

"Ich liebe dich." Die Worte schlüpften einfach aus Dracos Mund. Er hatte es schon viele Male gesagt, aber Ginny hatte währenddessen immer geschlafen.

Draco spürte, wie Ginny sich in seinen Armen versteifte. Mental begann er, sich dafür zu schimpfen. Er hatte nicht vorgehabt, es Ginny zuerst zu sagen. Draco hatte immer gedacht, Ginny wäre die Erste, die so etwas Intimes sagen würde, und er war schockiert, dass sie es bislang noch nicht gesagt hatte. Draco spürte, wie Ginny sich von ihm zurückzog, und er ließ sie zögerlich los.

"Was war das?", fragte Ginny.

Draco konnte ihr nicht in die Augen sehen. "Du hast mich doch gehört", sagte er in emotionslosem Tonfall.

"Meinst du es ernst?", fragte Ginny ungläubig.

"Ja." Draco blickte endlich wieder hoch zu Ginny und sah, dass sie wieder weinte. Das ist unerwartet, dachte er. Draco öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber in diesem Augenblick betrat Blaise das Wohnzimmer.

"Okay, was ist hier los? Pansy will es mir nicht verraten", sagte Blaise und tat gekränkt.

"Nichts", sagte Draco bitter. Blaise hatte wirklich ein schlechtes Timing.

"Was ist los, Ginny?", fragte Blaise und ignorierte Draco.

"Nichts", sagte Ginny. Sie sah zu Pansy, die hinter Blaise stand und leicht nickte.

Blaise drehte sich zu Pansy. "Was ist los mit Ginny?", wiederholte er.

"Nichts." Pansy lächelte. "Sie ist bloß ein wenig schwanger."


Der Rest des Monats verlief ohne Zwischenfälle. Draco und Ginny unterhielten sich und beschlossen, niemandem von Ginnys Schwangerschaft zu erzählen außer den Zwillingen. Sonst brauchte es ja auch niemand zu wissen. Ginny war noch im frühen Stadium ihrer Schwangerschaft und die Schule war beinahe vorüber. Erst nach ihrem Abschluss würde man ihr die Schwangerschaft ansehen.

Erst in der ersten Maiwoche passierte etwas Ungewöhnliches. Ginny saß mit Pansy, Blaise und Draco wieder einmal in der Bibliothek und sie versuchten, ihre Unmengen an Hausaufgaben zu bewältigen. Ginny war von ihrem Platz aufgestanden und ging langsam hinüber zu einem der hohen Bücherregale. Sie strich mit ihren zarten Fingern über die staubigen Buchrücken und las rasch die Titel durch. Binnen weniger Momente hatte sie das Buch gefunden, das sie gesucht hatte. Sie tippte kurz mit den Fingern an den Buchrücken, bevor sie es herauszog. Ginny blieb stehen, öffnete das Buch und blätterte sich durch die Seiten.

Dies war einer der interessanteren Texte über Zaubertränke, den Ginny lesen musste. Natürlich würden nicht viele Schüler gerade dieses Buch interessant finden. Eigentlich war Ginny sich sicher, dass die meisten Schüler es mindestens verstörend finden würden. Es hatte all die magischen Folterflüche aufgelistet, die mittels bestimmter Tränke geheilt werden konnten. Natürlich interessierte Ginny sich dafür, denn sie hatte schon unter ein paar dieser Flüche gelitten und war immer entweder von Blaise oder ihren Zwillingsbrüdern geheilt worden. Ginny seufzte und schloss das Buch, und in dem Moment sah sie einen Rotschopf, der ihr selbst glich. Einen Moment lang dachte sie, es wäre Fred oder George, aber dann merkte sie, dass es ein Bruder war, den sie im Moment nicht so gern zu sehen bekam.

Ron Weasley stand neben ihr.

"Was willst du?", fragte Ginny bitter. Ihre Hand legte sich instinktiv auf ihren Bauch.

"Wir müssen reden", murmelte Ron.

"Ach, wirklich?" Ginny zog ihre Augenbraue hoch und stützte eine Hand an ihrer Hüfte ab.

"Schau, Gin ..."

"Nenn mich nie wieder so. Du hast kein Recht, nach all dem, das du mir angetan hast", sagte Ginny wütend.

"Schau, ich weiß, dass es falsch war. Aber das ist ernst", bettelte Ron.

"Und das, was ich durchmachen musste, ist nicht ernst?", fragte Ginny geschockt. Sie konnte nicht glauben, dass Ron hier stand und so tat, als wäre nie etwas geschehen.

"Das habe ich nicht gesagt. Ich weiß, dass ich es verbockt habe, und deswegen bin ich jetzt hier." Ron fuhr sich mit den Fingern durch sein zerzaustes Haar, das Ginnys Haar so ähnlich war.

"Was ist denn los?", fragte Draco, als er herüber kam. Er hatte Ron noch nicht gesehen.

Ginny sah, dass Ron sich sichtlich versteifte, als er Dracos Stimme hörte. Sie spürte das Gewicht von Dracos Händen beschützerisch auf ihren Schultern.

"Was tust du hier?", brummte Draco in Rons Richtung.

Ginny sah, dass Rons ungewöhnlich weicher Gesichtsausdruck wieder die gewohnte Kälte annahm, als er Draco erblickte. Sie merkte, wie Draco sich an ihrer Seite anspannte, und konnte hören, wie er hinter ihr mit den Zähnen knirschte, um ruhig zu bleiben. Ginny spürte, wie ihre eigenen Nerven mit ihr durchgingen, als sie den stillen Kampf beobachtete und spürte, der zwischen ihrem Bruder vorging, der sie so viele Jahre lang verletzt hatte, und ihrem Freund, der sie gerettet und beschützt hatte, sich um sie sorgte und sich für sie verändert hatte, der für sie gekämpft hatte und der sie liebte. Draco hatte und würde immer mehr für Ginny tun, als Ron sich je vorstellen konnte.

Mit diesen unwohlen Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, merkte sie, wie sie von der Wut überrollt wurde. Wie konnte Ron es wagen, zu ihr zu kommen und einfach mit ihr zu sprechen? Wie konnte er es ihr nach wie vor so schwierig machen, ihn zu hassen? Ginny wusste, dass es nicht nur daran lag, dass sie sich ähnlich sahen und das selbe Blut durch ihre Adern lief, deswegen konnte sie Ron nicht so sehr hassen, wie sie es sollte. Sie hasste ihren Vater und ihren älteren Bruder Percy dafür, was sie ihr angetan hatten, nein, es war eine gewisse Nähe, die Ron und Ginny einmal verbunden hatte, nicht nur im Alter, sondern auch emotional gesehen. Ron hatte auch einmal das selbe wie Ginny erleben müssen, wenn auch nicht so brutal, aber er hatte auch leiden müssen. Bis an den Tag, an dem Ron und Ginny oben in seinem Zimmer gewesen waren und gespielt hatten. Ron hatte Ginny versehentlich vor Aufregung wegen des Spiels geschlagen. Ihr Vater hatte es gesehen, aber falsch aufgefasst. Nachdem dies passiert war, wurde Ron nicht geschlagen, sondern gelobt, solange er Ginny weiterhin schlug. Zuerst hatte Ginny gedacht, er tat dies nur, um selbst zu überleben, und sie versuchte, sich selbst zu überzeugen, dass sie es genauso getan hätte, wenn sie die Ältere gewesen wäre. Aber Ginny hatte bald gemerkt, dass er es nicht länger tat, um zu überleben, dass er sich nicht länger entschuldigte, wenn sie allein waren, und sie nicht länger nur mehr schlug, wenn ihr Vater nicht dabei war. Er begann, Gefallen daran zu finden. Er war verkorkst, krank und grausam. Aber es waren diese Erinnerungen, aufgrund derer Ginny Ron im Stillen immer verziehen hatte, bis heuer, denn nun konnte sie ihm nicht mehr verzeihen. Aber dennoch konnte nichts den Wunsch in ihrem Herzen aufhalten, wieder die Freundschaft, die Verbindung, das Vertrauen und die Liebe zu spüren, die Ron und sie vor langer Zeit einander geschenkt hatten.

Ginny wurde durch Draco aus ihren Gedanken gerissen, der ihr sanft über die Schulter streichelte. Ihre Wangen waren nass, ihre Augen brannten und ihr Gesicht fühlte sich erhitzt an. Sie hatte geweint. Ginny atmete tief ein und spürte, wie die Tränen langsam versiegten, die ihr über die Wangen gerollt waren.

"Was tust du hier?", fragte Draco ein wenig aggressiver.

"Ich bin hier, um mich mit Ginny zu unterhalten", sagte Ron, streckte seine Brust vor und seine Schultern nach hinten.

"Was, wenn sie nicht mit dir sprechen will?" Dracos Stimme zitterte wegen der Bemühung, nicht zu schreien und Ron zu attackieren.

"Ich glaube, es liegt an ihr, das zu beurteilen." Ron hob eine Augenbraue und grinste böse.

"Und seit wann erlaubst du ihr, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen?" Dracos Wut eskalierte langsam. Ginny wusste es, weil Ron angedeutet hatte, Draco wäre genauso schlimm wie er selbst, in dem Versuch, Ginnys Leben zu kontrollieren.

Ginny seufzte schwer und zwickte sich in die Nasenwurzel. Diese kleine, simple Unterhaltung kostete ihr so viel Energie.

"Was willst du, Ron?", seufzte Ginny. Sie spürte, dass Dracos Blick zu ihr wanderte, und wusste, was er dachte, auch ohne dass er etwas sagte.

"Ich kann hier nicht darüber reden, aber es ist wirklich wichtig, Ginny ...", meinte Ron. Er sah aus, als trug er gerade einen innerlichen Kampf mit sich selbst aus. "Du bist in Gefahr."

"Und du bedrohst sie?", sagte Draco durch zusammengebissene Zähne.

Ron verdrehte die Augen. "Ich versuche, sie zu warnen. Bitte, vertraut mir." Ron blickte flehend in Ginnys Augen und sie merkte, dass sie nickte. In Wahrheit vertraute sie Ron nicht vollkommen, das konnte sie nicht, und sie wusste, dass Ron das auch wusste, aber Ginny wollte den Streit verhindern, der gleich zwischen ihrem Bruder und ihrem Freund ausbrechen würde. "Treffen wir uns um sieben im Raum der Wünsche", sagte er. Ron drehte sich um, aber Draco hielt ihn am Arm fest.

"Sie wird nicht allein dort sein", sagte er in warnendem Tonfall, als Ron ihn ansah.

"Gut. Das betrifft euch alle", sagte Ron, bevor er davon ging.

"Ich will nicht, dass du hingehst", sagte Draco zu Ginny, als sie zusammen zurück zu ihrem Tisch gingen.

"Ich bin neugierig, und du bist ja da, um mich zu beschützen", grinste sie hoch zu ihm.


"Geht nicht", sagte Fred.

"Seid ihr verrückt?", meinte George.

Ginny seufzte. Dies war nicht der Grund, warum sie die Zwillinge eingeladen hatte. Ginny sah hinüber zu Blaise und deutete ihm bezüglich des Treffens mit Ron heute Abend.

"Es wird schon nichts sein, alle werden bei mir sein und ich glaube nicht, dass er etwas tun würde, auch wenn ich allein wäre", seufzte Ginny.

"Und was bringt dich auf den Gedanken, dass er nichts tun würde?", fragte Fred geschockt.

"Er kommt mir anders vor.

"So wie an dem Tag am WC, als er dich mit dem Gesicht gegen den Spiegel geworfen hat?" George warf Ginny einen bedeutungsschweren Blick zu.

"Nein ... Ja ... irgendwie", stotterte Ginny. Sie seufzte wieder. "Er kommt mir wirklich besorgt vor. Ich bin neugierig."

"Ihr werdet bei ihr sein, richtig?", fragte Fred die Anderen.

"Die ganze Zeit?", fügte George hinzu.

"Egal, was kommt?", meinte Fred.

"Ja", sagten die drei Slytherins zusammen.

"Gut", meinten die Zwillinge.

"Nun ...", begann George.

"Warum wolltest du uns sehen?", fragte Fred.

"Ich habe Neuigkeiten", lächelte Ginny.

Draco ergriff ihre Hand unter dem Tisch. Er war nervös, das wusste Ginny, auch ohne in sein Gesicht zu blicken. Sie drückte seine Hand in einer, so hoffte sie, beruhigenden Geste, bevor sie fortfuhr.

"Ihr werdet vielleicht nicht allzu glücklich darüber sein, aber ihr werdet bald Onkel." Ginny strahlte.

Fred und George starrten Ginny ein paar Sekunden lang mit offenen Mündern an. Sie sahen erst gar nicht hinüber zu Draco, anscheinend hatten sie es noch nicht geschnallt, dass er der Vater war. Schließlich zwinkerte sich George aus seiner Trance, und Fred folgte ihm kurz darauf.

"Was?", fragte George.

"Wie?", fügte Fred hinzu.

Ginny verzog das Gesicht. "Muss ich euch wirklich erklären, wie es funktioniert?" Sie zog eine Augenbraue hoch.

Fred und George sahen einander erschrocken an. "Nein." Sie schüttelten beide die Köpfe.

"Gin, bist du dir sicher, dass du das kannst?", fragte Fred besorgt.

"Ja. Ich habe darüber nachgedacht. Wir haben darüber gesprochen. Wir schaffen das." Bei Ginnys Worten zuckten die Augen der Zwillinge zu Draco.

Draco zuckte unmerklich zusammen und warf Ginny einen Blick zu, bei dem er sich still bei ihr bedankte. Ginny grinste bloß.

"Sollen wir ihn umbringen?", fragte Fred seinen Bruder, ohne seinen Blick von Draco zu nehmen.

"Foltern?", schlug George vor.

"Jungs", warnte Ginny.

"Was?", fragten die Zwillinge und taten, als hätten sie nichts gemerkt.

Ginny schenkte ihnen einen eisigen Blick, die Zwillinge lächelten bloß.

"Du weißt, wir würden das nicht tun", lächelte Fred.

"Aber nur, weil er jetzt einen Job zu tun hab", meinte George.

"Und weil du uns Stück für Stück auseinander nehmen würdest." Fred wand sich scherzhalber.

"Genau, vergiss es", grinste George.

"Jungs!", schrie Ginny.

"Ja?", fragten sie gemeinsam.

"Das macht mich sehr glücklich", sagte sie mit spitzem Blick.

"Dann gratulieren wir!", sangen die Zwillinge.

"Danke", sagte Ginny triumphierend.


"Er ist spät dran", brummte Draco und sah auf die Uhr.

Ginny und die Slytherins warteten außerhalb des Raums der Wünsche. Es war zehn nach sieben und Ron war nirgendwo in Sichtweite.

"Ich weiß. Geben wir ihm noch fünf Minuten, bevor wir gehen", seufzte Ginny.

Draco nickte leicht, bevor er seinen Blick wieder ans Ende des Ganges richtete.

"Ich glaube nicht, dass wir das tun sollten", äußerte sich Draco.

"Ich weiß", war alles, das Ginny sagte.

"Warum sind wir hier?", fragte Draco wieder.

"Das sagte ich dir doch bereits", seufzte Ginny. "Ich bin neugierig."

"Ich weiß, das hast du mir schon erzählt." Draco sah Ginny mit sanftem Gesichtsausdruck an. "Aber da gibt es doch noch mehr", sagte er wissend.

Ginny fluchte innerlich. Manchmal liebte sie es, wie leicht Draco sie lesen konnte, und manchmal wünschte sie, er würde sie einfach in Ruhe lassen. Ginny knabberte mit ihren Zähnen auf ihrer Unterlippe herum und wich Dracos Blick aus. Sie wollte ihm von ihrer Vergangenheit mit Ron erzählen, aber gleichzeitig wollte sie alles für sich behalten. Niemand wusste, wie nah sie sich einmal gestanden waren. Ginny nahm an, dass Fred und George es wussten. Sie hatten Ron und Ginny zusammen spielen gesehen, aber die Zwillinge waren blind geworden, was ihre Erinnerungen betraf, als Ron begonnen hatte, Ginny zu schlagen.

"Erzähl es mir", drängte Draco. Ginny sah ihm in die Augen und merkte, dass er ihr nicht befahl, etwas zu sagen. Er war bloß ehrlich neugierig, und das konnte Ginny ihm nicht verübeln.

"Das mache ich, aber nicht jetzt", flüsterte sie. Draco nickte und legte liebevoll seinen Arm um ihre Taille. Ginny sah hoch in seine grauen Augen, und Draco legte seine Stirn an ihre.

"Wenn du bereit bist", flüsterte Draco. Bevor Ginny etwas sagen oder verstehend nicken konnte, fing Draco ihre Lippen in einem langsamen und doch leidenschaftlichen Kuss ein.

Ginny unterbrach den Kuss, als sie Schritte auf sich zukommen hörte, und grinste, da Draco aus Protest brummte.

"Er ist hier. Wir können später damit fortfahren", sagte Ginny.

Draco nickte, nahm aber weder seine Hände von Ginnys Hüften, noch erlaubte er ihr, von ihm wegzutreten. Ron kam eine Minute später zu ihnen. Er starrte Draco böse an, der seinerseits genauso giftig zurückstarrte, bevor er die Augen schloss und auf und ab lief, damit der Eingang zum Raum der Wünsche sichtbar wurde. Ron öffnete seine Augen und lächelte, als er sah, dass es funktioniert hatte. Ginny sah hoch zu Draco und merkte, dass dieser die Augen verdrehte.

"Okay, also was machen wir hier?", fragte Draco, als er selbst, Ginny, Blaise und Pansy sich mit Ron an einen kleinen, kreisrunden Tisch setzten, der mitten im Zimmer stand.

Ginny blickte sie um. Sie hatte den Raum der Wünsche noch nie zuvor so leer gesehen. Es gab bloß diesen kleinen Tisch, an dem sie saßen, und eine kleine Couch als Einrichtung. Ein paar Rollen Pergament lagen mit ein paar Federn auf dem Boden verstreut herum.

"Ich habe Neuigkeiten", sagte Ron und rutschte unbequem auf seinem Stuhl hin und her.

"Was hat das mit uns zu tun?", fragte Blaise und sah Ron verdächtig an.

Ginny richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Bruder und ihre Freunde. Sie sah die Slytherins an. Sie alle guckten böse und mörderisch drein. Als sie zu Ron sah, erkannte sie eine Mischung aus mehreren Emotionen. Sie sah Nervosität, Wut und etwas, das Ginnys Meinung nach nur Scham sein konnte. Weshalb empfand Ron so nach so vielen Jahren, in denen er sich nicht um seine Schwester gesorgt hatte? Dies stachelte Ginnys Neugier bloß an, bis sie dachte, sie würde platzen, wenn er ihr nach bald antwortete.

"Ron, worum geht es?", fragte Ginny in einem sanften und doch strengen Tonfall.

Ron seufzte und sah mit seinen dunkelbraunen Augen direkt in ihre zimtfarbenen. "Ich soll dich umbringen."