Die Twilight- Saga und alle Charaktere, Handlungen und Dialoge sind Eingentum von Stephenie Meyer.
Hier ist mein 2. Kapitel. Viel Spaß beim Lesen.
Wie ein offenes Buch
Die Bäume rasten an mir vorbei wie die Gedanken meiner Geschwister durch meinen Kopf. Alice hatte ihnen von meinem „Problem" berichtet, während sie zum Haus gelaufen waren. Für einen Vampir war es nicht schwierig wie ein Blitz durch den Wald zu sausen, und dabei mühelos eine Konversation zu führen. Alice war nicht einmal außer Atem, als sie das Haus, zeitgleich mit dem Ende ihrer Ausführungen, erreichte. Ein Normalsterblicher hätte unter solchen Umständen jetzt Seitenstechen! Aber wie waren keine Normalsterblichen, und damit war ich wieder bei meinem Problem! Ich blendete die mitfühlenden Ideen meiner Geschwister aus und dachte an den verlockenden Duft von Bella Swans Blut. Das Monster lechzte danach, wie ein Verirrter in der Wüste nach Wasser lechzten würde.
Nein, ich musste stark bleiben! Die Enttäuschung in den Gesichtern meiner Adoptiveltern wäre tausend Mal schlimmer als die unbefriedigte Gier meines inneren Monsters. Sie musste es sein!
Ich schlug also bei der nächsten Gelegenheit den Weg zum Krankenhaus ein. Ich fuhr weiterhin mit unangemessen hoher Geschwindigkeit und hätte Bellas Vater mich dabei erwischt, wäre ich meinen Führerschein für eine ziemlich lange Zeit losgeworden. Oder zumindest bis der Polizeichef das Zeitliche gesegnet hätte, was für mich einem Wimpernschlag gleichkommen würde, gemessen an der Ewigkeit, die mir blieb.
Ich erreichte Forks kleines, aber angesehenes Hospital und Carlisles Gedanken führten mich direkt zu seinem Büro. Er erwartete mich mit den Worten: „Alice hat angerufen. Ich bin froh, dass du hierher gekommen bist." Die Betonung seiner Worte verriet mir, ebenso wie seine Gedanken, dass er die Alternative meines Weges gekannt hatte. Mit hastigen Worten erklärte ich ihm meinen inneren Zwiespalt und die daraus resultierende Entscheidung. Aufmerksam, wie es seine Art war, lauschte er wortlos meinen Ausführungen.
Dann sagte er: „Edward, ich weiß wie du dich fühlst. Es kommt nicht oft vor, dass man einen Menschen trifft, der eine solche Wirkung auf einen ausübt. Doch mir ging es vor vielen Jahren ähnlich. Da hatte ich aber bereits Jahrzehnte mehr Übung darin meinen Durst zu bezähmen. Ich bin stolz, dass du dich entschieden hast der Gier entgegen zu treten. Nimm dir soviel Zeit wie du brauchst. Alles andere regele ich!"
Damit war alles Nötige gesagt und zum Abschied umarmte Carlisle mich fest. Schon saß ich wieder im Auto und raste, um in meinem Entschluss nicht noch wankend zu werden, aus Forks.
Ich genehmigte mir einen einzigen Tankstop, wobei ich fast wünschte den Wagen stehen gelassen zu haben und zu Fuß „gegangen" gegangen zu sein, auf dem Weg nach Norden. Nach einigen Stunden erreichte ich mein Ziel: den Jasper- Nationalpark, ein fast menschenleeres Waldgebiet in der kanadischen Provinz Alberta. Ich nahm mir kaum Zeit den Wagen abzuschließen, schon streifte ich auf Beutezug durch den Wald. Ein Reh querte als erstes meinen Weg und blieb in Sekundenbruchteilen blutleer liegen.
Vierundzwanzig Stunden durchstreifte ich den dichten Wald bis ich keinen Tropfen Blut mehr hinunterbringen konnte. Dann stieg ich ins Auto und stürzte mich ins Menschengetümmel von Calcary. Ich atmete tief die Gerüche der Menschen ein. Sie rochen alle noch immer verführerisch, obwohl mein Hunger mehr als gestillt war. Aber nicht einer besaß einen so berauschenden Duft wie Bella Swan.
Ich verbrachte weitere Tage mit jagen und inmitten so vieler Menschen wie irgend möglich. Alices Gedanken verrieten mir, dass in der Schule wegen meiner Abwesenheit geredet wurde. Und dass Bella Swan nach mir Ausschau hielt. Ich fragte mich warum und verdammte den Umstand, dass ich ihre Gedanken nicht lesen konnte.
Nach einigen Tagen musste ich schließlich einsehen, dass eine Rückkehr nach Forks unausweichlich war. Auch wenn ich dank Carlisles Doktortitel jederzeit ein Attest vorlegen konnte, durfte ich der Schule nicht allzu lang fernbleiben. Das hätte zusehends Aufmerksamkeit erregt. Und davon hatten wir ohnehin schon reichlich. Außerdem würde nur eine Begegnung mit Bella mir beweisen können, ob mein inneres Monster bezähmbar war.
Die Woche, die mit dem Tag als mir Bellas verführerischer Duft erstmals in die Nase gestiegen war, begonnen hatte, ging zu Ende. Es war Zeit nach Forks zurückzukehren! Ich ging ein letztes Mal auf die Jagd, bevor ich nach Hause zurückfuhr. Erleichtert nahm meine Familie mich in Empfang, obwohl Alice keine negativen Visionen mit mir im Mittelpunkt gehabt hatte. Sie bestätigte mir, was ich in ihren Gedanken über die Geschehnisse in der Schule gesehen hatte.
Und ich sah eine neue Vision, die durch meine Rückkehr und meinen Entschluss wieder zur Highschool zu gehen, entstanden war: ich sah Bella und mich im Wald, umgeben von grünbewachsenen Bäumen, durch deren dichtes Blätterdach sich nur hier und da ein Sonnenstrahl zu Boden verirrte. Sie stand an einen Felsen gelehnt, ich dicht vor ihr, meine Hände an den Seiten ihres Kopfes gegen die Wand gestützt.
Ich entfloh dieser Vorstellung und nutzte die hereingebrochene Nacht für einen Streifzug zum Haus der Swans. Ich musste einen ersten Versuch wagen ihrem Duft zu widerstehen, bevor ich ihr in aller Öffentlichkeit wieder begegnete. Abgelegen wie der menschenscheue Polizeichef – ein Wunder, dass er einen Beruf gewählt hatte, in dem er ständig mit ihnen zu tun hatte – lebte, konnte niemand meine Anwesenheit bemerken. Das Haus lag in tiefer Dunkelheit. Bellas Geruch führte mich problemlos zu ihrem Zimmer im ersten Stock. Durch das offene Fenster konnte ich sie noch besser riechen, als ich es dank meiner unmenschlichen Fähigkeiten ohnehin schon konnte. Ich wagte einen Satz und mit meiner Sprungkraft war es ein leichtes in ihre "heiligen vier Wände" zu gelangen. Ich erschrak, den genau in der Sekunde als ich durch das Fenster huschte, bewegte sie sich. Dieser Schreck war eine willkommene menschliche Regung, die dem Monster, das durch den ersten Hauch ihres Geruches wieder erwacht war, Paroli bot. Vorsichtshalber blieb ich am Fenster stehen und krallte mich an seinem Holzrahmen fest.
Der leise Wind, der durch den Raum strich, brachte eine weitere Welle ihres Duftes und ich zwang mich ihn tief einzuatmen. Das Monster brauste auf und ich sah mich fast auf sie zustürzen, um ihm gierig seinen Willen zu lassen. Es gäbe keine Zeugen, aber ich wäre trotzdem wieder das verabscheuungswürdige Monster mit den teuflischen roten Augen, das ich nie sein wollte!
Ich ließ meinen Blick erst durch das Zimmer, dann über Bella schweifen. Irgendwie fand ich, passte es ganz gut zu ihr. Es war einfach und mit natürlichen Materialien möbliert, wie es dem schüchternen Mädchen entsprach, das ich in der kurzen Zeit, die ich es geschafft hatte in ihrer Nähe zu verweilen, und durch die Gedanken ihrer Mitschüler kennen gelernt hatte.
Sie lag auf der Seite, dem Fenster zugewandt. So konnte ich ihr Gesicht sehen, das auf ihrer Hand ruhte. Die sanften Gesichtszüge, vom Schlaf entspannt, riefen den Beschützerinstinkt hervor, den ich bei ihrem Gespräch mit Jessica Stanley schon einmal verspürt hatte.
Ich löste meine Hände und trat einen Schritt näher, der mich ihren Geruch noch stärker wahrnehmen ließ. Das Monster knurrte gierig auf, aber das Bedürfnis sie zu beschützen wuchs in gleichem Maß. Noch einen Schritt wagte ich, dann ließ ich mich im Schneidersitz auf dem Vorleger nieder, um ihren Duft weiter tief zu inhalieren. Die Bestie steigerte sich in Rage, doch äußerlich hätte man kaum ein Beben meines Körpers vernommen, wenn jemand mit meiner Sehkraft in diesem dunklen Zimmer gewesen wäre. Die Zeit verlor jede Bedeutung, während ich mein Durchhaltevermögen vor Bella Swans Bett auf eine nie gekannte Weise versuchte.
Der Morgen dämmerte bereits, als ich mit einem Husch aus ihrem Zimmer verschwand und nach Hause lief, um mich für einen neuen Schultag umzuziehen.
Die neue Woche begann kälter, aber trockner wie die letzte geendet hatte. Ich war nervös, wenn ich an Bella dachte. Und ich dachte an nichts anderes. Nicht einmal die Gedanken meiner Geschwister fanden Einzug in meinem Kopf, während ich zur Schule fuhr. Dies dauerte bei meinem raschen Fahrstil kaum eine Viertelstunde und bald parkte ich auf meinem üblichen Stellplatz. Kein anderer Schüler wagte es den Parkplatz zu besetzen, den ich vor zwei Jahren, an unserem ersten Schultag, ergattert hatte. Wir stiegen aus und meine Geschwister begaben sich zu ihren Klassenzimmern.
Ich musste als erstes ins Sekretariat, um das Attest, das mir Carlisle ausgestellt hatte, abzugeben. Mrs Cope schaute kurz auf, als ich die Tür zu ihrem Büro öffnete, um das Schriftstück vorbei zu bringen.
„Guten Morgen, Edward. Wieder wohlauf?", erkundigte sie sich mit teilnahmsvoller Stimme. Sieht heute wieder unverschämt gut aus. Der Gedanke zauberte ein Lächeln auf meine Lippen, woraufhin das Herz der Sekretärin schneller zu schlagen begann.
„Ja, nur Migräne", erteilte ich Auskunft, während ich den Zettel über die Theke reichte. Mit Absicht berührte Mrs Copes Hand meine, als sie ihn in Empfang nahm.
„Na dann, eine schöne Woche", wünschte sie. Kein Wort über den Biologiekurs, den du vorige Woche noch so dringend loswerden wolltest? Na, dann hoffe ich du lässt dich bald wieder mal aus einem anderen Grund blicken.
„Danke, ebenso", antwortete ich und begab mich zu meinem ersten Kurs. Auf dem Weg dahin, ließ ich meine Gedanken durch die Flure der verschiedenen Gebäude schweifen, um eine „Stimme" aufzufangen, die sich in Bellas unmittelbarer Nähe befinden musste. Doch nichts! Es kam mir irgendwie komisch vor, dass sich heute so gar keiner mit ihr beschäftigen zu schien. Andererseits war sie jetzt eine Woche an der Forks High School, also nicht mehr die aller heißeste Neuigkeit.
Nach der ersten Stunde fing ich schließlich einen Gedanken von Mike Newton auf, der sich im Haus, wo die Englischkurse gegeben wurde, aufhielt. Er unterhielt sich mit Bella über den Schnee, der gerade zu fallen begonnen hatte. „Sag bloß, du hast noch nie Schnee fallen sehen", sagte er eben zu ihr. Ich verfluchte den Umstand ihre Antwort nicht hören zu können, weil ich zu weit entfernt war und ihre Gedanken nicht lesen konnte. Aber Mike lachte sie aus und dachte: Schnee im Fernsehen. Das Mädchen macht mir Spaß.
Sollte Bella wirklich noch nie echten Schnee zu Gesicht bekommen haben? Ich nahm mir vor es herauszufinden. Alice` Vision warnte mich zwar davor ihre Nähe zu suchen, aber Bella wirkte unheimlich anziehend auf mich. Lag das nur am faszinierenden Geruch ihres Blutes oder steckte mehr dahinter? Gefühle dieser Art hatte ich in meinem unsterblichen Leben noch nie erfahren.
Ich erreichte mein Klassenzimmer und legte die Mathematikbücher bereit. Während Mr Varner mit dem Unterricht begann, schaltete ich völlig ab und konzentrierte mich auf Mike Newtons Gedanken, die zwischen den Lösungen für einen unangekündigten Test über Sturmhöhe und Bella hin und her schweiften. Er teilte den Tisch mit ihr und mir kam es so vor, als könnte ich ihren Geruch nach dem Erdbeerduschbad, das sie zu bevorzugen schien, sogar durch seine Gedanken wahrnehmen.
Wenn ich noch ein paar Zentimeter hinüber rutsche, könnte ich mein Bein an ihres legen.
Dieser Gedanke ließ eine Welle von Eifersucht in mir aufsteigen, und ich musste meine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht aufzuspringen, aus dem Raum und zu den Englischkurszimmern zu stürmen, um den Teenager in die Schranken zu weisen.
Ich könnte natürlich auch meine Hand etwas weiter schweifen lassen, um damit ihre zu berühren.
Da seine Gedanken immer weiter in diese Richtung gingen, sah ich es als geboten an, meine Gedanken zurückzuziehen, zumindest bis zum Ende der Stunde, als sein Weg sich von Bellas trennte.
Den restlichen Vormittag fand ich Bella nicht wieder. Nur ein Gedanke von Alice konnte ich aufschnappen, die sich fragte, wie es mir wohl ging. Ihre Besorgnis brachte mich zum lächeln und ich fand es schade, dass ich ihr keinen beruhigenden Gedanken zurückschicken konnte.
Auf dem Weg zur Cafeteria flog mir Jessica Stanleys „Stimme" zu, die sich über Bella amüsierte. Die beiden Mädchen waren gemeinsam auf dem Weg in die Mittagspause, einem von Schneebällen gepflasterten Weg, wie ich Jessicas Gedanken entnahm.
Hat die sich albern wegen so ein paar Schneebällen. Ich hätte lieber nasse Klamotten, als verwischte Aufzeichnungen. Wenn sie nicht so tun würde, würde ich ihr glatt selbst einen verpassen.
Oh, Mike scheint auch im Kreuzfeuer gewesen zu sein. Wie süß er aussieht mit diesen nassen Haaren. Da möchte man glatt Handtuch sein.
Ich sah Bella im Schlepptau von Jessica und Mike die Cafeteria betreten. Die beiden lachten und witzelten über die Schneeballschlacht, während Bella ihnen stumm folgte. Ich folgte Bella mit meinen Blicken, die nun an die Essenausgabe trat. So sah ich, wie sie aufblickte – und erstarrte. Sie hatte zu unserem Tisch gesehen und mich erblickt.
Jessica zog sie am Arm und fragte: „Hallo? Bella? Was nimmst du?"
Die Angesprochene schaute mit errötenden Ohren zu Boden und einmal mehr wünschte ich ihre Gedanken lesen zu können.
Ich hörte wie Mike Jessica fragte: „Was ist denn mit Bella?"
Diese antwortete ihm selbst: „Gar nichts. Ich nehme nur was zu trinken." Dann trat sie einen Schritt aufs Ende der Schlange zu.
„Hast du keinen Hunger?", fragte Jessica.
„Ehrlich gesagt, mir ist ein bisschen schlecht", erwiderte Bella, ohne aufzuschauen.
Liegt das an mir?, fragte ich mich und beobachtete mit gesenktem Blick, nur aus dem Augenwinkel heraus, wie sie auf ihre Freunde wartete und ihnen mit zu Boden gerichtetem Blick an den Tisch folgte.
Alles in Ordnung?, hörte ich Alice besorgt fragen.
Ich hob den Kopf, sah sie an und bejahte, indem ich meinen Kopf ein fast unmerkliches Nicken ausführen ließ. Dann wendete ich meine Aufmerksamkeit wieder der Richtung zu, wo Bella mit ihren Freunden saß. Ich hörte wie Mike Newton sich mehrmal besorgt nach ihrem Befinden erkundigte, während sie nur an ihrem Wasser nippte.
Ich könnte sie zum Krankenzimmer bringen und nach der Schule nach Hause fahren, wenn es ihr nicht gut geht. Das würde jede Menge Zeit mit ihr allein bringen.
Ich ballte die Fäuste bei diesem Einfall des Teenagers und spürte sogleich eine beruhigende Woge, die mir Jasper sendete. Er nahm meine Aufregung war und schien ebenso besorgt darüber, wie Alice.
„Ich schaff das schon", flüsterte ich so leise, dass es nur für Vampirohren wahrnehmbar war. Ich bemühte mich dazu einen entspannten Eindruck zu machen und als ich aus dem Augenwinkel bemerkte, wie Bella zu uns herübersah, fiel ich in Emmetts und Rosalies Lachen ein, die eben von den Schneebällen erzählten, mit denen sie ein paar Klassenkameraden, nahezu unsichtbar, dank ihrer Geschwindigkeit, eingeseift hatten.
Ich gab mir den Anschein, als hätte ich auf dem Weg zur Cafeteria ebenso viel Spaß gehabt, als mich eine Frage von Jessica an Bella ablenkte.
„Bella, was ist denn?"
Ich blickte zu den Mädchen und sah, dass Bella wieder zu uns herüber schaute. Unsere Blicke begegneten sich und der Ausdruck ihrer braunen Augen traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Was hat dieses Mädchen nur an sich, was mich so fesselt?
Schnell ließ Bella den Kopf sinken und ihre Haare als Versteck vor das Gesicht fallen.
Ich hörte, wie Jessica ihr, ins Ohr kichernd, zuflüsterte: „Edward Cullen starrt dich an."
„Er sieht aber nicht sauer aus, oder?", erkundigte sie sich in drängendem Tonfall.
Ich scheine ihr ganz schön unter die Haut zu gehen, überlegte ich, während Jessica antwortete:
„Nein. Wieso sollte er?" Die bildet sich doch nicht wirklich ein, dass der unwiderstehliche Edward Cullen sich gerade für sie interessiert, dachte sie dabei gehässig.
„Ich glaub, er kann mich nicht leiden", erwiderte sie und ließ den Kopf auf ihren Arm sinken.
Vor einer Woche habe ich dich noch gehasst!
„Die Cullens können niemanden leiden. Na ja, eigentlich beachten sie niemanden genug, um ihn leiden zu können. Obwohl – er schaut dich immer noch an." Er wird sich doch nicht wirklich ausgerechnet für sie interessieren?
Wenn du wüsstest wie sehr wir euch beachten, Jessica Stanley, und wie froh ihr über unsere angebliche Nichtbeachtung sein könnt! Und Bella ist tausend Mal interessanter als du es je sein könntest! Das würdest du schon durch Mike Newtons Benehmen merken, wenn du nicht so mit dir selbst beschäftigt wärest!
„Hör auf, ihn anzugucken", zischte Bella ihr zu und ich vergewisserte mich mit einem raschen Blick, dass Jessica dieser Aufforderung nachkam. Sie tat es, sonst hätte ein scharfer Blick meinerseits sie sicher dazu gebracht. Ich wollte Bella unbemerkt noch etwas mustern, bevor wir gleich im Biologiekurs aufeinander treffen würden. Nur so, anhand ihres Gesichtsausdruckes, konnte ich versuchen ihre Gedanken zu lesen, da ihre „innere Stimme" mir verschlossen war.
Die restliche Pause blickte sie nicht auf und äußerte sich auch nicht zu Mikes Ausführungen über eine Schneeballschlacht, die er für den Nachmittag plante. Ich beobachtete, wie sie schließlich, ohne unserem Tisch einen Blick zu würdigen, mit ihren Freunden zur nächsten Stunde aufbrach. An der Cafeteriatür zog sie die Kapuze über und auf ihrem Gesicht konnte ich gerade noch leichte Freude über den Übergang des Schnees in Regen erkennen, bevor sie meinen Blicken entzogen war. In Mikes Gedanken vernahm ich, wie er sie mit Gejammer darüber bombardierte als sie gemeinsam zum Biologiezimmer gingen.
Ich erhob mich und gab meinen Geschwistern damit das Zeichen zum Aufbruch. In Gedanken wünschten sie mir Glück für den Biologiekurs. Mit allergrößter Langsamkeit lenkte ich meine Schritte zum Klassenzimmer, das ich erst drei Minuten vor dem Stundenklingeln erreichte. Bella saß an unserem Tisch, den Kopf gebeugt und auf einem Heft herum kritzelnd. Ich atmete einmal tief durch, wappnete mich für den Ansturm ihres Geruches und ließ mich auf meinen Stuhl gleiten.
Ich gab meiner Stimme den weichsten Tonfall, den ich aufbringen konnte, und sagte: „Hallo."
Sie wirkte überrascht und ich wünschte mir zu wissen, warum. Nie hätte ich gedacht, dass es so frustrierend sein könnte einen Gedanken nicht lesen zu können. Was konnte es nur bedeuten, dass ihre „Stimme" die Einzige war, die ich nicht hören konnte?
Ich setzte ein freundliches Gesicht auf, zauberte ein leichtes Lächeln auf meine Lippen und konzentrierte mich ganz darauf ihren Geruch auszublenden, als ich mich ihr vorstellte. Wie ich es mir im Laufe des Tages hunderte Male vorgestellt hatte, sagte ich:
„Ich heiße Edward Cullen. Ich bin letzte Woche nicht dazu gekommen, mich vorzustellen. Du musst Bella Swan sein."
Erneut hatte ich sie überrascht und ich musste eine Weile auf ihre Antwort warten. Diese kam dann gestammelt hervor: „W- woher weißt du, dass ich Bella heiße?"
Ich lachte leise und so umwerfend ich konnte. Die Gedanken jedes anderen Mädchens wären an dieser Stelle vollkommen durchgedreht. Doch bei Bella hörte ich nichts und so fiel es mir zum ersten Mal im Leben schwer das Gespräch im richtigen Rahmen weiterzuführen.
„Oh, ich würde sagen, alle hier wissen, wie du heißt. Die ganze Stadt hat auf deine Ankunft gewartet."
Wie ich erwartet hatte, war ihr diese Antwort mehr als unangenehm. Wenn man wie Bella so bemüht war, unauffällig zu bleiben, konnte die geballte Aufmerksamkeit einer ganzen Stadt, mochte es auch nur ein kleines Nest wie Forks sein, einem schon zusetzen.
Ihre Erwiderung, die ich nicht erwartet hatte, verwirrte dann mich. „Nein, ich meine, warum hast du mich Bella genannt, nicht Isabella?"
Weil du es so möchtest, dachte ich, entgegnete aber: „Ist dir Isabella lieber?"
„Nein, ich mag Bella. Nur dass Charlie, also mein Dad, mich anscheinend hinter meinem Rücken Isabella nennt, jedenfalls scheint mich jeder hier unter diesem Namen zu kennen", erklärte sie, sich dabei scheinbar unbehaglich fühlend.
Ich konnte mir nicht helfen. Ihre Art und Weise bezauberte mich mehr, als ihr Geruch im Moment dem Monster Auftrieb gab. Deswegen musste ich nun doppelt aufpassen, was ich sagte. Beinah hätte ich mich nämlich verraten und erwidert, dass jeder Schüler der Forks High School sie nur noch Bella nannte. Ich zog mich also mit einem „Ah" aus der Bredouille und überlegte mit welchem Thema ich unser Gespräch fortsetzen konnte.
Doch erst einmal klingelte es zur Stunde und Mr Banner erklärte uns das Thema für die nächsten sechzig Minuten. Mit Bella als Partnerin würde es vielleicht das erste Mal interessant werden Präparate von Zwiebelwurzeln den Phasen ihrer Mitose zuzuordnen. Der einzige Haken an der Sache war, dass ich bei der Arbeit am Mikroskop näher zu Bella rutschen musste. Für jeden anderen pubertierenden, männlichen Teenager im Raum, allen voran Mike Newton, war das wahrscheinlich der Traum schlafloser Nächte, für mich ein Akt der Selbstbeherrschung.
Mit den Worten „Ladys first", schob ich ihr das Mikroskop hinüber, damit ich ihrem verführerischen Geruch nicht allzu nah kommen musste. Das Monster in mir beobachtete nämlich unverdrossen ihre Halsschlagader, die dicht unter der zarten Haut unaufhörlich und verlockend das verführerische Blut durch ihren Körper pumpte. Ich konnte es förmlich seine Lippen lecken sehen, während ich andererseits wie verzaubert beobachtete, wie sie mich, irritiert von meinem erneuten Lächeln, anstarrte.
„Ich kann auch anfangen, wenn du willst", schlug ich vor, um sie aus ihrer Starre zu holen und löschte fairer Weise das Lächeln von meinen Lippen, um sie nicht noch mehr zu verunsichern.
„Nein, ich mach schon", erwiderte sie, wieder einmal errötend. Mit zunehmender Häufigkeit gewöhnte ich mich an dieses Schauspiel, und es fiel mir leichter das Monster dabei ruhig zu halten. Mit noch nie an ihr bemerkter Selbstsicherheit ergriff sie den ersten Objektträger, legte ihn unter die Linse und stellte das Objekt scharf. Nach kurzer Betrachtung verkündete sie ohne zu zögern: „Prophase."
Ich erkannte die Richtigkeit ihrer Feststellung auch ohne Blick durchs Mikroskop. Um die Gelegenheit für eine Fortsetzung des Gespräches zu nutzen, fragte ich: „Lässt du mich auch einen Blick darauf werfen?" und legte meine Hand auf die ihre, die eben das Präparat wegnehmen wollte. Ihre Hand fühlte sich wie eine kleine, warme Flamme unter meinen eiskalten Fingern an. Die sensiblen Poren meiner Fingerspitzen fühlten die Weichheit ihrer Haut. Und ganz nebenbei durchschoss mich eine Empfindung, als wäre ein Blitz in mich eingeschlagen. Und ich wußte, wovon ich sprach. Nachdem ich ein Jahrzehnt als Unsterblicher verbracht hatte und begann etwas Nervenkitzel zu brauchen, hatte ich mich während eines Unwetters in New York auf das Empire State Building begeben, den Mast erklommen und auf einen Einschlag gewartet. Das Glück war mir hold gewesen und mein Wunsch hatte sich erfüllt. Aber entweder war die Erinnerung in den letzten siebzig Jahren verblasst oder Bella wirkt wirklich elektrisierender auf mich als dieses Naturereignis.
Sie zuckte zurück und ich befürchtete schon ihr mit irgendwelchen unnatürlichen Fähigkeiten wehgetan zu haben. Ich konnte allerdings nichts ungewöhnliches auf ihrer Hand bemerken, murmelte eine Entschuldigung und griff nach dem Mikroskop.
Da ich das Resultat schon kannte, und nur zur Tarnung meiner übernatürlichen Sehkraft das Instrument herangezogen hatte, warf ich nur für den Bruchteil einer Sekunde einen Blick auf das Präparat.
„Prophase", bestätigte ich und griff nach meinem Stift, um das Ergebnis, unter Bellas wachen Augen, in unser Protokoll einzutragen. Dann legte ich den zweiten Objektträger auf, warf einen kurzen Alibiblick darauf und erklärte: „Anaphase."
Zu meiner Überraschung fragte Bella: „Darf ich?" Diese Retourkutsche brachte mich zum Grinsen. Ich begann sie immer mehr zu mögen, denn sie sah nicht nur umwerfend aus, wenn sie das auch von sich selbst nicht glaubte, sondern hatte bedeutend mehr Köpfchen als die meisten ihrer Klassenkameradinnen, ausgenommen vielleicht Angela Weber.
Nachdem Bella das Präparat einer kurzen Musterung unterzogen hatte, streckte sie mir ihre Hand entgegen und mir schien etwas Enttäuschung, über meine richtige Feststellung, in ihrer Stimme mitzuklingen, als sie nach dem dritten Objektträger verlangte. Am liebsten hätte ich sie getröstet, aber ich konnte ihr natürlich nicht sagen, dass ich nach acht High School- Abschlüssen bei dieser Übung einfach nicht falsch liegen konnte.
Vorsichtig legte ich ihr das Gewünschte in die Hand, sorgsam darauf bedacht sie nicht zu berühren. Ich war noch zu verwirrt von dem ersten Hautkontakt und im Moment nicht zum Experimentieren aufgelegt. Erst musste ich mir über das Geschehene etwas klarer werden. Vor allem da sie mich nun erneut in Staunen versetzte, als sie fast ebenso flüchtig einen Blick durchs Mikroskop warf und es mir mit der Bemerkung „Interphase" zuschob.
Wollte sie mich beeindrucken?
Natürlich war Bellas Ergebnis genauso richtig wie beim ersten Mal und ich notierte es.
Wir waren vor allen anderen fertig. Ich ließ meinen Blick durchs Klassenzimmer schweifen, um Bella nicht zu oft anschauen zu müssen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie das gleiche tat und wünschte, zum ich weiß nicht wie vielten Male, ihre Gedanken hören zu können.
Ob sie sich etwas aus Mike Newton macht und wohl eifersüchtig auf das Mädchen neben ihm ist? Ob sie lieber bei ihm sitzen würde? So unbehaglich wie letzte Woche scheint sie sich aber neben mir heute nicht zu fühlen.
Ich bemerkte erst, dass ich sie während meiner Überlegungen gemustert hatte, als sie mich mit einer Frage aufschreckte: „Hast du Kontaktlinsen bekommen?"
Scheinbar war ihr das einfach herausgerutscht, weil sie sich dabei, mich angesehen zu haben, ertappt gefühlt hatte.
Überrumpelt antwortete ich mit einem „Nein" und schaute weg, damit sie sich nicht noch einmal über diese Feststellung vergewissern konnte. Krampfhaft überlegte ich eine Ausrede, falls sie an dem Thema festhalten sollte. Und das tat sie auch.
„Oh. Ich hatte das Gefühl, dass deine Augen irgendwie anders sind." Sie nuschelte es zwar, aber ich war überzeugt, dass sie sich ihrer Sache dabei sicher war.
Wie mir schon vorher klar geworden war, hatte sie ein kluges Köpfchen, eine rasche Auffassungsgabe und vor allem einen Blick für Details. Ich ballte die Fäuste um mich zu beherrschen, sonst wäre ich vielleicht aufgesprungen, um vor der nächsten Frage zu fliehen. Mir wollte einfach keine Ausrede einfallen! Das war mir auch noch nie passiert! Bella Swan bereitete mit eine Überraschung nach der anderen!
Glücklicherweise verhinderte Mr Banner eine Vertiefung des Themas.
Warum arbeiten Miss Swan und Mr Cullen nicht? Möchte doch mal sehen, was da los ist.
Der Lehrer trat hinter uns und schaute über unsere Schultern auf das Protokoll.
Hätte ich mir doch denken können, dass Streber- Cullen die Aufgabe wieder fehlerlos gelöst hat.
„Edward, meinst du nicht, Isabella hätte auch ein wenig am Mikroskop üben sollen?", fragte er.
Ohne nachzudenken, korrigierte ich ihn: „Bella. Um ehrlich zu sein, drei der fünf hat sie identifiziert."
Der kann mir viel erzählen, wenn der Tag lang ist. Es kann schließlich nicht gleich zwei Streber in einer Klasse geben.
„Hast du die Übung schon mal gemacht?", erkundigte sich Mr Banner bei meiner Tischnachbarin. Verlegen lächelnd gestand diese: „Nicht mit Zwiebelwurzeln."
Dieses Lächeln hätte mein Herz zum Rasen gebracht, wenn es den möglich gewesen wäre. Zwar hatte ich noch ein Herz, aber dies hatte zum letzten Mal geschlagen, bevor das Vampirgift sein Werk endgültig an mir vollendet hatte.
Ich bekam kaum mit, was die beiden weiter sprachen, so sehr verwirrte mich das Mädchen. Und das fand ich nicht gut. Ich brauchte einen klaren Kopf, um das Monster in mir ruhig zu halten. An die Leine gelegt, wehrte es sich bei jedem Windzug, der Bellas Duft herüber wehte, verbissen gegen diese.
Ich merkte auf, als Mr Banner sagte: „Vielleicht ist es ja ganz gut, dass ihr zusammensitzt." Da hat Mr Cullen Gesellschaft beim Zeit absitzen, den etwas anderes tut er hier ohnehin nicht.
Eine Sekunde grübelte ich über ein neues Gesprächsthema, dann sagte ich zu Bella:
„Schade mit dem Schnee, nicht wahr?"
Es schien sie zu irritieren, dass ich sie wiederholt ansprach. Wahrscheinlich hatte ich am vergangenen Montag einen bleibenderen Eindruck hinterlassen, als ich bisher vermutet hatte, und meine Hundertachtzig- Grad- Wendung warf sie nun etwas aus der Bahn. Aber das geschah ihr nur Recht! Schließlich erging es mir nicht anders. Das war mir in acht Jahrzehnten nicht passiert, ihr vielleicht das erste Mal in siebzehn Jahren.
„Ehrlich gesagt, nein", antwortete sie mir keineswegs überraschend. Ich dachte an Jessicas Gedanken aus der Mittagspause, aus denen ich Bellas Abneigung gegen die weiße Pracht schon geschlussfolgert hatte.
„Du magst die Kälte nicht", stellte ich daraus resultierend fest.
„Genauso wenig wie die Nässe."
Innerlich schmunzelnd, erwiderte ich: „Dann ist Forks wohl nicht gerade ein angenehmer Ort für dich."
Bella murmelte finster: „Wenn du wüsstest."
Oh ja, ich wüsste nur zu gut einiges von dir. Vor allem aber, warum ich deine Gedanken nicht hören konnte. Ausgerechnet die „Stimme" des faszinierenden Menschen, der mir in den letzten achtzig Jahren über den Weg gelaufen war, konnte ich nicht wahrnehmen!
Deshalb musste ich auf die alt hergebrachte Art in Erfahrung bringen, was ich wissen wollte. Zum Beispiel: „Warum bist du dann hierhergezogen?"
Ups, mein Tonfall hatte dabei wohl etwas fordernder geklungen! Es gelang mir kaum noch meine Verunsicherung über „die Stille aus ihrem Kopf" zu überspielen.
„Komplizierte Geschichte."
„Ich bin sicher, dass ich folgen kann", erwiderte ich, ungeduldig mehr über sie zu erfahren.
Als sie keine Anstalten machten zu antworten, fixierte ich sie mit einem tiefen Blick, als wollte ich ihrem Gehirn zurufen: „Sprich!"
„Meine Mutter hat wieder geheiratet", sagte sie schließlich, nachdem sie bemerkt hatte, welche Aufmerksamkeit ich ihr zukommen ließ.
Bemüht mir meine Ungeduld über die Fortsetzung der Geschichte nicht anmerken zu lassen, meinte ich: „Das klingt doch gar nicht so kompliziert. Wie lange ist das her?"
Mir fiel ein trauriger Klang in ihrer Stimme auf, als sie sagte: „Letzten September."
Scheinbar mochte sie den Kerl nicht. Das hörte man ja oft, vor allem, wenn man, wie ich, Gedanken lesen konnte. Aber wie viele konnten das schon? Andererseits gab es genug scheidungsbetroffene Teenager, die sich gern öffentlich über den Kummer mit Stiefeltern ausließen. Ich konnte gar nicht zählen, wie oft ich davon allein schon in den Gedanken von Mitschülern gehört hatte. Aber jetzt durfte ich nicht abschweifen, auch wenn mir solche Erinnerungen in Sekundenbruchteilen durch den Kopf schossen. Ich musste und wollte mich ganz auf Bella konzentrieren!
„Und du kannst ihn nicht ausstehen?", erkundigte ich mich mit allem Mitgefühl, das ich aufbringen konnte. Schließlich war ich in der glücklichen Lage einmal liebevolle Eltern besessen zu haben und danach von den besten Adoptiveltern aufgenommen worden zu sein, die man, oder in diesem Fall besser Vampir, sich wünschen konnte.
„Nein, Phil ist schon OK. Zu jung vielleicht, aber eigentlich nett."
„Warum bist du nicht bei ihnen geblieben?", wollte ich wissen. Es schien sie ein wenig zu verstören, dass ich hartnäckig mehr von ihrer Lebensgeschichte hören wollte.
Trotzdem erklärte sie: „Phil ist viel unterwegs. Er ist Baseballprofi."
Das Lächeln, das mit ihren Worten einherging und verriet, dass sie ihn scheinbar doch ganz gern mochte, lockte ein solches auch auf meine Lippen.
„Kenne ich ihn?"
„Würde mich wundern. Er ist kein guter Baseballprofi. Nur Minor League. Er spielt, wo er kann." Baseball war der absolute Lieblingssport meiner Familie. Leider erlaubten unsere unmenschlichen Kräfte es uns leider nicht sehr oft dieser Leidenschaft zu frönen. In der Öffentlichkeit durften wir uns dabei erst Recht nicht sehen lassen. Dafür verpassten wir kein Spiel im Fernsehen, egal welcher Liga. Ich ging rasch die Namen sämtlicher Baseballspieler durch, und ich kannte sie alle.
Phil Meyer, schoss es mir nach etwa anderthalb Sekunden durch den Kopf. Er war vor einigen Monaten von den Arizona Diamondbacks nach Florida gegangen und hoffte auf einen Vertrag bei den Miami Marlins. Ein eher mittelmäßiger Spieler, wie ich, dank einigen Jahrzehnten Erfahrung, wusste.
Da es Bella unnötig zum Grübeln gebracht hätte, wenn ich ihr erzählt hätte, wie viel ich wusste, stellte ich fest: „Und deine Mutter hat dich hierher geschickt, damit sie mit ihm reisen kann."
Es war ins Blaue hinein geraten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese blasse Mädchen neben mir freiwillig ins regnerische Forks gekommen war, wo es Sonne und Wärme so ganz offensichtlich unserem kalt- feuchten Klima vorzog. Deshalb erstaunte es mich, als sie widersprach:
„Sie hat mich nicht hierher geschickt. Ich hab mich selbst geschickt."
Dabei reckte sie stolz ihr Kinn vor, als müsste sie damit ihren Worten Nachdruck verleihen, da sie vielleicht selbst nicht von diesen überzeugt war.
Ich runzelte die Stirn, weil ich es nicht so Recht glauben konnte und gab meinem Unverständnis Ausdruck: „Das verstehe ich nicht."
Bella seufzte. Es war ein süßer Ton, wie ich ihn noch nie zuvor gehört hatte und ich konnte mir sie plötzlich als Mutter vorstellen, wie sie einem bezaubernden kleinen Wesen versuchte etwas zu erklären und vielleicht würde sie genau diesen zarten Seufzer ausstoßen, wenn dieses Kleine zum hundertsten Male nachfragte „Warum?".
Mein neugieriger Blick brachte sie dazu die Sache weiter zu erklären: „Zuerst blieb sie bei bei mir in Phoenix, aber sie vermisste ihn. Sie war unglücklich ... Also dachte ich mir, es wäre eine gute Idee, meine Beziehung zu Charlie ein wenig aufzufrischen."
Ihre Worte wurden immer niedergeschlagener und so stellte ich fest: „Aber jetzt bist du unglücklich."
Sie widersprach mir nicht, sondern fragte nur: „Und?"
Mich hätte interessiert, wie tief ihr Unglück darüber reichte nun in Forks festzusitzen, und ich versuchte es wenigstens an ihrer Miene abzulesen, während mich interessierte, ob sie dies gerecht fand.
Sie lachte auf, aber es war ein unglückliches Lachen. „Seit wann ist das Leben denn gerecht?"
Damit hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich dachte an all die Ungerechtigkeit die meiner Familie und mir widerfahren war. Angefangen bei Carlisle, der vor vierhundert Jahren in einen Vampir verwandelt worden war, obwohl es nicht das Schicksal war, welches er für sich gewählt hatte. Oder Esme, die liebe, sanfte, mitfühlende Esme, die ihr Kind verloren hatte und deswegen von einer Klippe gesprungen war. Sie war wieder glücklich geworden an Carlisles Seite, aber die Ungerechtigkeit des Lebens oder unseres Nicht- Lebens, verwehrte ihr ein eigenes Kind. Oder Alice! Ich kannte außer Esme keinen anderen so mitfühlenden Menschen wie Alice, die man wegen ihrer Visionen in ein Irrenhaus gesteckt hatte und die sich nicht einmal an ihren „Erschaffer" erinnern konnte. Und nicht zuletzt ich selbst, der, kaum siebzehn, durch die Spanische Grippe Waise geworden war und selbst das Leben verloren hatte. Dabei hatten meine Eltern und ich ein anständiges Dasein geführt, waren wohltätig im Rahmen unserer Möglichkeiten und jeden Sonntag in der Kirche gewesen.
„Jetzt, wo du` s sagst – stimmt, seit wann?", konnte ich ihr also nur zustimmen.
„Das ist die ganze Geschichte", beharrte Bella, inzwischen scheinbar leicht gereizt.
„Du verstellst dich ausgezeichnet. Aber ich wette, dass es dir viel mehr ausmacht, als du irgend jemandem zeigst", bohrte ich weiter, angestachelt von dem Verdacht auf der richtigen Spur zu sein, obwohl ich ihre „Stimme" nicht hören konnte.
Bella verzog das Gesicht und ich hätte Wetten können, sie hätte mir eine Grimasse geschnitten, wenn sie nicht so ein vernünftiges, gut erzogenes und beherrschtes Mädchen gewesen wäre.
„Habe ich Unrecht?", fragte ich nach, aber sie ignorierte es.
Bei jedem anderen hätte das vielleicht funktioniert, aber ich war geduldig. Geduld lernte man in acht Jahrzehnten, denn man verbrachte viel Zeit mit Warten. Man wartete auf das Ende der Nacht, weil man nicht schlafen musste, auf das Ende eines Schultages, weil man nichts mehr lernen konnte, auf das Ende eines Jahres, auch wenn es einem nicht wirklich irgendeinem Ziel näherbrachte.
Mit aller Selbstgefälligkeit, die ich in meine Stimme legen konnte, murmelte ich: „Dachte ich` s mir doch."
Ihre gereizte Antwort: „Was interessiert dich das denn?", bestätigte mir, dass ich sie ganz gut durchschaut hatte und ich sagte, eigentlich mehr zu mir selbst: „Das ist eine sehr gute Frage."
Ich verstand mich selbst nicht. Nach Alice` Vision und angesichts des verlockenden Geruches von Bellas Blut hatte ich mich doch von ihr fern halten wollten. Aber es gelang mir nicht! Das Mädchen zog mich wie magisch an! Also versuchte ich mich mit dem alten Sprichwort „Seinen Feind muss man kennen!" zu überzeugen, dass ich sie nur näher kennen lernen wollte, um sie besser einschätzen zu können.
Bella seufzte erneut. Es klang diesmal allerdings etwas anders als beim ersten Seufzer und ich fragte mich, ob sie wohl darüber verärgert war, dass ich ihre letzte Frage nicht beantwortet hatte. Ich hätte an ihrer Stelle nicht locker gelassen. Es amüsierte mich, dass ich sie scheinbar ohne Anstrengung verärgern konnte.
„Nerve ich dich?", erkundigte ich mich deshalb.
Augenblicklich schaute sie mich an und erwiderte: „Nicht du, ich selbst nerve mich. Ich bin so leicht zu durchschauen – man kann mir alles vom Gesicht ablesen. Meine Mutter nennt mich immer ihr offenes Buch." Dabei runzelte sie die Stirn.
Darüber bin ich froh, dachte ich. Wenn ich schon nicht deine Gedanken lesen kann, so kann ich wenigstens versuchen durch dein Gesicht zu interpretieren, was dir durch den Kopf geht! Das konnte ich ihr natürlich nicht sagen, aber ich entgegnete ihrer Offenheit ebenso ehrlich: „Im Gegenteil, ich finde es außerordentlich schwer, dich zu durchschauen."
Hätte Bella eine Ahnung davon, dass die Köpfe der anderen offene Bücher für mich waren, wäre sie sicherlich noch beeindruckter von diesem Geständnis gewesen. Denn dass sie es war, entnahm ich ihrer Antwort: „Dann bist du wohl besonders gut darin."
Ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als ich daran dachte, welche Gedanken im Zimmer herumflogen, die ich nur ausblendete, um mich auf das Gespräch mit Bella konzentrieren zu können.
Wer solchen Quatsch in den Lehrplan setzt, gehört erschossen, dachte Mike Newton. Mit Bella zusammen könnte es durchaus Spaß machen. Durch die Arbeit am Mikroskop würde ich ganz unauffällig näher an sie herankommen können. Aber nein, sie sitzt neben Cullen, der sie nicht mal leiden kann. Obwohl – heute zieht er gar nicht so ein Gesicht wie vorige Woche. Wahrscheinlich ging es ihm da einfach nicht gut, und jetzt hat er vielleicht auch erkannt, was für ein Sahnebonbon neben ihm sitzt.
Hoffentlich haben sie mir die Jeans wirklich weggelegt. Nicht, dass ich heute Nachmittag umsonst nach Port Angeles fahre, schwirrte es durch Diana Kings Köpfchen.
Hoffentlich ist diese Stunde bald zu Ende. Nächstes Jahr wähle ich Biologie ab. Vielleicht sollte ich es mal mit Chemie versuchen, überlegte Eric York.
„Normalerweise schon", gab ich unumwunden zu, bevor eine Ermahnung von Mr Banner mich verstummen ließ. Bella wendete sich, sichtbar erleichtert darüber einer weiteren Konversation mit mir entgehen zu können, wieder dem Unterrichtsgeschehen zu. In diesem Moment trug ein warmer Luftschwall aus dem Gebläse eine besonders starke Wolke ihres Geruches heran. Da ich nicht durch ein Gespräch mit ihr abgelenkt war, traf sie mich mit voller Wucht. Angestrengt umklammerte ich die Tischkante und verstärkte innerlich die Leine des Monsters. Es würde wohl bald eine Eisenkette brauchen! Doch zum Glück klingelte es im nächsten Moment und ich konnte aufspringen, um aus dem Zimmer zu stürmen. Auf dem Gang holte ich tief Luft und fing die Gedanken meiner Geschwister auf, die sich fragten, wie ich die Stunde neben Bella wohl überstanden hatte.
So unauffällig schnell wie ich konnte, verließ ich das Gebäude. Ich wusste anhand von Mikes Gedanken, dass Bella jetzt Sport hatte, also hinter mir sein musste, da die Turnhalle auf dem Weg zu den Gebäuden für die Sprachkurse lag. Und ich brauchte jetzt dringend eine Pause von ihrem verlockenden Geruch! Andererseits hätte ich den sprichwörtlichen Penny dafür gegeben zu wissen, was sie über die vergangene Stunde dachte.
Vor dem Spanischklassenzimmer traf ich Alice. Ich murmelte ihr ein: „Alles OK" zu, während wir gemeinsam hinein gingen. Spanisch war mit Abstand mein Lieblingsfach. Nicht, dass es da etwas zu lernen für mich gab. Ich beherrschte diese Sprache ebenso perfekt wie französisch, italienisch, portugiesisch und deutsch. Aber es war der einzige Kurs außer, seit einer Woche, Biologie, in dem ich einen Tischnachbarn hatte. Und das war Alice, mit der ich in dieser Stunde so manches vertrauliche Gespräch führen konnte. Sie spielte mir ihre Sätze zu, ich murmelte die Antworten zurück. Und keiner hätte uns dabei je erwischen, geschweige denn belauschen können!
Heute war unser Gesprächsthema ganz klar: Bella Swan. Alice wollte haarklein alle Details der Unterrichtsstunde wissen. Und ich verschwieg ihr nichts. Auf Alice` Verschwiegenheit konnte ich ebenso zählen wie auf ihre Einschätzung von Bellas Verhalten.
Du hast sie mit deinem heutigen Verhalten auf alle Fälle aus dem Konzept gebracht, erklärte sie mir. Wenn du es wirklich vermeiden willst, dass es zu der Szene im Wald kommt, die ich gestern gesehen habe, solltest du ihre Nähe nicht weiter suchen. Du hast dich heute garantiert interessant für sie gemacht.
„Ich kann aber nicht anders", erwiderte ich.
Das wäre das erste Mal, dass etwas stärker ist als Edward Cullen, stellte Alice fest.
Ich wurde glücklicher Weise einer Antwort enthoben, denn Mrs Gonzales wedelte mit einem Stapel Papier und verkündete, dass wir jetzt einen unangemeldeten Test schreiben würden. Für den Rest der Stunde gab ich also vor mich darauf konzentrieren zu müssen.
Du entkommst mir nicht, Edward Cullen, hörte ich Alice, verbiss mir aber einen Kommentar.
Nach Unterrichtsende gingen Alice und ich schweigend zum Parkplatz. Wir waren die ersten am Auto, da wir den kürzesten Weg vom Klassenzimmer dorthin hatten. Während Alice sich gleich hinein setzte um ihre Frisur dem feuchten Nebel, der dem Regen vom Mittag gefolgt war, zu entziehen, lehnte ich mich gegen die Fahrertür. Ich wollte noch einen Blick auf Bella werfen, bevor ich mich bis zum nächsten Tag, oder vielleicht nur bis zur Nacht, von ihr getrennt musste.
Ich musste nicht lange warten. Von der Turnhalle war es nur unwesentlich weiter, und bei ihrem Abscheu vor jedweder Nässe beeilte sie sich zu ihrem Wagen zu kommen. Ich wunderte mich über die Klapperkiste mit der sie sich auf dem Schulhof blicken ließ. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Gehalt eines Polizeichefs, der zudem nur einen Dienstwagen fuhr, nicht für ein besseres Auto für die einzige Tochter reichte.
Dröhnend sprang der Motor des roten Chevys an und ich beobachtete, wie Bella in den Rückspiegel blickte. Sie schien mich zum ersten Mal wahrzunehmen seit sie den Parkplatz betreten hatte. Ich konnte hören, wie Bella den Rückwärtsgang einlegte und sah, wie sie stürmisch zurücksetzte. Meine Hand klammerte sich an den Türgriff, denn beinah wäre ich losgestürmt, als ich bemerkte, wie haarscharf sie dabei fast mit einem Toyota Corolla zusammen gestoßen wäre. Der Schüler in der halbverrosteten Schrottkarre hupte wütend und ich sah besorgt, wie Bella vom Hof fuhr. Ich hoffte, dass wäre nicht ihr üblicher Fahrstil!
So, ich hoffe ihr hattet so viel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben. Bitte um fleißige, konstruktive Reviews.
Den Jasper Nationalpark gibt es übrigens ebenso wie die erwähnten Baseballteams. Bin bei der Internetrecherche darauf gestossen, daß der deutsche Musiker Alex C. unter dem Pseudonym Jasper Forks einen Remix von "Rivers flow in you" aus dem Twilight- Film inklusive Video, zu sehen bei YouTube, gemacht hat.
Starte jetzt mit Kapitel 3. Es wird einige Zeit dauern, da ich jedes Kapitel nochmals überarbeite, bevor ich es online stelle. Und die Kapitel sind an sich ja schon recht umfangreich.
