Ein gefragtes Mädchen
Auch am nächsten Tag war der Unfall auf dem Parkplatz Gesprächsthema Nummer eins. Bella stand weiterhin im Mittelpunkt des Geschehens, was Jessica Stanley zu einer ungeahnten Welle an gehässigen Gedanken inspirierte. Tyler Crowley gesellte sich zu Bellas Bewunderern und ließ in der Mittagspause Wogen der Eifersucht bei Mike Newton und Eric York aufkommen.
Auch wenn ich Bellas Gedanken nicht lesen konnte, so wusste ich, dass ihr die fortgesetzte Aufmerksamkeit überaus peinlich war. Und für Eifersucht schien es, meiner Meinung nach, auch keinen Grund zu geben. Tyler erhielt von ihr nicht mehr Zuwendung als jeder andere Mitschüler.
Mir graute ein wenig vor der Biologiestunde. Dort würde ich Bella nicht entkommen können, sollte sie erneut versuchen die Wahrheit über den gestrigen Vorfall heraus zu bekommen.
Ich verließ vor ihr die Cafeteria und saß bereits an unserem Tisch im Biologiezimmer, als sie hereinkam. Den Blick starr nach vorn gerichtet, versuchte ich den Anschein zu erwecken, als würde ich ihr Eintreffen gar nicht bewegen. Doch schon ihr Geruch hing, kaum das sie den Raum betreten hatte, in der Luft und informierte mich über ihre Anwesenheit.
„Hallo, Edward", grüßte sie mich freundlich.
Mich hartnäckig daran erinnernd, dass ich mich von ihr fern halten musste, wendete ich ihr den Kopf nur ein klein wenig zu und antwortete mit einem stummen Nicken. Danach herrschte Funkstille zwischen uns.
Es gelang mir wochenlang keinen Ton zu ihr zu sagen und den Eindruck zu hinterlassen, als würde ich sie ignorieren. Niemand bemerkte die schnellen, sehnsuchtsvollen Blicke, mit denen ich sie streifte. Niemand konnte entdecken, dass ich die Gedanken ihrer Freunde las, um in ihrer Nähe zu sein. Ich wusste nicht, ob sie gewahrte, wenn ich im täglich stattfindenden Biologiekurs von ihr wegrutschte. Und allzu oft musste ich das Bedürfnis sie anzusprechen, unterdrücken, in dem ich mich am Tisch oder Stuhl festklammerte.
Jagen ging ich nicht mehr, denn Nacht für Nacht bewachte ich Bellas Schlaf. In diesen Stunden konnte ich ihr unerkannt nah sein.
Es wurde März und das Verhalten meiner Mitschüler immer lächerlicher, wie gewöhnlich, wenn es um den in Kürze veranstalteten Schulball ging. Es war Damenwahl angesagt und nur mein abweisender Gesichtsausdruck und mein ablehnendes Verhalten bewahrte mich davor Dutzende von Absagen erteilen zu müssen. Einige Mädchen dachten nämlich schon daran mich einzuladen und sei es nur, um damit Eindruck vor ihren Freunden zu schinden. Leider zählte ich zu den begehrtesten Jungen der Schule, wenn ich mich auch absichtlich kühl und einzelgängerisch gab, und mit mir zum Schulball aufzutauchen, käme für jedes Mädchen einem Triumphzug gleich.
Mir konnte natürlich nicht verborgen bleiben, dass Jessica Stanley Mike Newton gebeten hatte mit ihr zu Forks „gesellschaftlichen Großereignis" zu gehen. Doch er hatte sich Bedenkzeit erbeten. Ich wusste selbstredend den Grund dafür: er hoffte auf Bellas Einladung. Da sie jedoch keine Anstalt machte, ihn zu fragen, griff er selbst den Stier bei den Hörnern. Zum Glück tat er das vor einer Biologiestunde, so dass ich Zeuge des Gesprächs werden konnte.
„Was ich sagen wollte, Jessica hat mich gefragt, ob ich mit ihr zum Frühjahrsball gehe."
„Echt? Toll! Ihr habt bestimmt einen super Abend zusammen", entgegnete Bella enthusiastisch.
Mir fiel ein Stern vom Herzen, um ehrlich zu sein, eher ein ganzes Gebirge. Die Vorstellung von Bella und Mike hatte mir Eifersucht bereitet, aber ich hätte nichts dagegen tun können, wenn Bella letztendlich seinem Charme erlegen wäre. Hatte ich mir doch alle Mühe gegeben, sie auf Abstand zu halten.
Mike schien mir meine Erleichterung allerdings anzumerken, den er klang unbehaglich, als er weitersprach: „Na ja, die Sache ist ... Ich hab ihr gesagt, ich weiß noch nicht."
Mensch Bella, du musst doch wissen das ich mit dir zu dem Ball gehen will!
„Warum dass den?", fragte Bella, in deren Stimme sich unüberhörbares Missfallen und Erleichterung mischten. Hätte ich jetzt ihre Gedanken hören können, wäre ich an dieser Stelle nicht unsicher geworden. Sollte ich mich getäuscht haben und sie wollte doch mit Mike zum Ball gehen? War sie enttäuscht, weil er Jessica noch nicht abgesagt, und erleichtert, weil er ihr auch noch nicht zugesagt hatte? Mike wurde rot und blickte zu Boden, als er stammelte: „Ich war nicht sicher ... also, ob du nicht vielleicht vorhattest, mich zu fragen."
Reflexartig rückte ich näher, um Bellas Antwort zu hören, eigentlich unnötig, bei meinem guten Gehör. Aber vielleicht bildete sich mein Unterbewusstsein ja ein endlich mal einen Gedanken von ihr auffangen zu können, wenn es sich ihr näherte.
„Mike, ich finde, du solltest ihr zusagen", erwiderte Bella zu meiner großen Freude.
„Hast du schon jemand anderen gefragt?", wollte Mike, mit einem schnellen Blick auf mich, wissen.
Schön wär` s! Aber ich dürfte ihr nicht einmal zusagen, sollte sie es wagen. Sie wäre das einzige Mädchen aus Forks mit dem ich hingehen würde!
„Nein. Ich gehe überhaupt nicht zum Ball.", erklärte Bella.
„Warum denn nicht?", erkundigte sich Mike.
„Das ist der Samstag, an dem ich nach Seattle fahre", brachte sie schnell hervor, zu schnell für meinen Geschmack. So als hätte sie es gerade erst beschlossen!
„Kannst du das nicht auf ein anderes Wochenende verschieben?"
„Nein, tut mir leid. Und du solltest Jess auch nicht länger warten lassen – das ist unhöflich.", ließ sie seine letzte Hoffnung platzen.
„Ja, du hast recht", murmelte Mike niedergeschlagen und ging zu seinem Platz. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Es klingelte und Mr Banner begann den Unterricht.
Bella hatte die Augen geschlossen und die Finger gegen die Schläfen gepresst. Ob sie schon bereute ihm eine Abfuhr erteilt zu haben, fragte ich mich.
Wenn ich nur mit ihr zum Ball gehen könnte. Zu gut konnte ich mich an das angenehme Gefühl sie im Arm zu halten, erinnern, dass ich am vorherigen Tag gespürt hatte. Ich war frustriert, dass ich meinen Empfindungen nicht freien Lauf lassen konnte, aber nur so konnte ich sie beschützen.
Unsere Blicke begegneten sich das erste Mal seit Wochen. Mit meinem Blick versuchte ich heraus zu finden, ob sie mir auch einen Korb geben würde, dürfte ich sie fragen, ob sie mit mir zum Ball geht.
Bella schien ebenfalls nicht wegsehen zu können. Ihre Hände begannen zu zittern. Also war ich ihr, trotz meines zurückweisenden Auftretens, noch nicht gleichgültig geworden. Musste ich mich noch mehr anstrengen, um sie abzuschrecken?
Mr Banner rief mich auf und gezwungener Massen wendete ich mich dem Unterrichtsgeschehen zu. „Der Krebs- Zyklus", antwortete ich auf seine Frage, die nur mein Unterbewusstsein wahrgenommen hatte.
Als ich wieder zu meiner Nachbarin hinübersah, hatte sie sich hinter ihren Haaren versteckt. In mir erwachte das dringende Bedürfnis, mich für mein Benehmen zu rechtfertigen, also sprang ich nach Stundenende nicht auf wie gewohnt, sondern sprach sie an.
Sie machte den Eindruck, als überlegte sie, ob sie mir antworten sollte. Als sie es schließlich tat, klang es bockig: „Was ist? Sprichst du wieder mit mir?"
Ich musste ein Lächeln über ihre leicht kindische Reaktion unterdrücken, während ich zugab: „Nein, eigentlich nicht."
Sie schloss die Augen, als müsste sie mich ausblenden, atmete langsam durch die Nase ein und biss die Zähne zusammen, während ich darauf wartete, was sie sagen würde.
„Was willst du dann, Edward?", erkundigte sie sich, noch immer mit geschlossen Augen.
„Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich mich sehr unhöflich verhalte. Aber es ist besser so, wirklich", erklärte ich.
Bella schaute mich an und äußerte reserviert: „Ich hab nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst."
„Es ist besser, wenn wir nicht befreundet sind. Glaub mir." Ich könnte nicht nur dein Freund sein. Und selbst das wäre zu gefährlich für dich.
„Nur blöd, dass dir das nicht früher aufgefallen ist. Dann müsstest du jetzt nicht alles so schrecklich bereuen", zischte sie.
Ich war schockiert. So dachte sie also über mein Verhalten? Jetzt verstand ich gar nichts mehr!
„Bereuen? Was denn bereuen?"
„Dass du nicht einfach zugesehen hast, wie der blöde Van mich zermatscht."
Ich war sprachlos, etwas das mir nicht allzu häufig passierte. Daraus resultierend entstand Wut über ihre unzutreffende Idee.
„Du glaubst, ich bereue es, dir das Leben gerettet zu haben?", vergewisserte ich mich.
Bella fauchte: „Ich weiß es."
„Gar nichts weißt du", erklärte ich, obwohl ich es ihr am liebsten entgegen geschrien hätte. Du weißt gar nicht, wie weh es mir tut dich zu ignorieren, obwohl ich eigentlich mehr über dich erfahren möchte. Wie sehr ich deinen Anblick brauche, deine Stimme hören will. Und wie sehr ich mich danach verzehre dich im Arm zu halten!
Glücklicherweise reagierte sie auf meine wütende Aussage, in dem sie sich wortlos umdrehte, ihre Bücher nahm und zur Tür ging. Vielleicht wäre ich sonst schwach geworden und hätte mehr von meinen Gefühlen offenbart. Diese wurden im nächsten Moment auf eine neue Probe gestellt.
Bella blieb mit der Stiefelspitze an der Türschwelle hängen und ließ die Bücher fallen. Ich konnte nicht anders, als sie ihr aufzuheben, ohne an die Konsequenzen zu denken. Da wir aber die letzten im Raum gewesen waren und Bella mich im Rücken gehabt hatte, war ich der Versuchung zu ihr zu sprinten, erlegen.
„Danke", sagte sie frostig. Das Bedanken müssen wir noch etwas üben, ging es mir durch den Kopf, antwortete aber mit: „Keine Ursache."
Sie stakste zur Turnhalle davon, wo, wie ich wusste, ihre ganz persönliche Folterstunde sie erwartete. Ich hatte Spanisch, einen Kurs, den ich nutzen konnte, um die Gedanken der bemitleidenswerten Mitschüler zu durchkämmen, die mit Bella Basketballspiel mussten. Wie ich den „Stimmen" entnahm, war sie an diesem Tag noch schlechter drauf wie gewöhnlich. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen fragte ich mich, ob dies an mir lag. Ich wusste, dass ich mir nicht wünschen durfte, dass es so war. Da ich ihre Gedanken nicht lesen konnte, war ich verunsichert und so richtete ich es ein, dass ich zum Unterrichtsende unauffällig an der Turnhalle lehnte, in der Hoffnung noch ein Gespräch von ihr belauschen zu können.
Doch sie verließ das Gebäude allein und rannte fast zu ihrem Auto. Ich folgte ihr und bemerkte so, dass sie zusammenschrak, als sie eine Gestalt an ihren Chevy gelehnt sah. Wenn hat sie befürchtet – Mike oder mich?
Eric erwartete Bella und problemlos konnte ich ihn sagen hören: „Äh, ich wollt dich fragen ... ob du vielleicht Lust hättest, zum Frühjahrsball zu gehen ... mit mir."
Bella klang verwundert, als sie feststellte: „Ich dachte, es ist Damenwahl."
Er gab das betreten zu, schien aber Hoffnung zu haben bei Bella zu punkten.
„Danke für deine Einladung, aber ich bin an dem Tag in Seattle."
„Oh. Na ja, vielleicht ein andermal", bemerkte Eric deprimiert, aber seine Miene hellte gleich darauf auf, als Bella „Klar" erwiderte.
Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Und wenn sie an dem Tag in Seattle ist, heißt das, Mike Newton ist auch abgeblitzt.
Eric kam mir entgegen, als ich mich nun Bella und ihrem Transporter näherte. Ich blickte starr gerade aus und biss die Zähne zusammen, denn es drängte mich Erics Vorbild zu folgen und Bella die gleiche Frage zu stellen. Dieser Gedanke beschäftigte noch eine Person: Tyler Crowley. Mich interessierte, ob auch er eine Abfuhr kassieren würde, sollte er Gelegenheit bekommen sie zu fragen.
Mit leicht beschleunigtem Tempo ging ich zu meinem Volvo und stieg ein. Ich hörte, wie Bella unnötig laut ihre Tür zukrachte und den Motor aufheulen ließ. Hatte ich sie zu dieser unbeherrschten Reaktion provoziert? Ich parkte aus und blieb stehen, vorgeblich um auf meine Geschwister zu warten. Mein Anliegen war jedoch Bella zu blockieren, die ich damit sichtlich verärgerte, wie mir ein Blick in den Rückspiegel bewies. Ich beobachtete, wie sie verärgert die Augen von meinem Volvo lenkte, Tylers Winken im Rückspiegel ignorierte und starr aus dem Fahrerfenster schaute. So bemerkte sie nicht, dass Tyler ausstieg, nach vorn ging und auf der Beifahrerseite klopfte. Es dauerte etwas, bis sie ihm das Fenster heruntergekurbelt hatte, damit sie sagen konnte: „Tut mir leid, Tyler, aber ich steck hinter Cullen fest."
Sie klang genervt, aber Tyler grinste und erwiderte: „Ja, ich weiß – ich wollte dich nur etwas fragen."
Ich konnte mir vorstellen, dass sie ahnte, was nun auf sie zukam und konnte mein schadenfrohes Lächeln nicht bremsen.
„Hast du vor, mich zum Frühjahrsball zu bitten?", ging unser Mitschüler forsch aufs Ziel zu.
Bella klang gereizt, als sie ihm erklärte, dass sie an dem Tag in Seattle wäre.
„Ja, das hat Mike auch gesagt...", gab er daraufhin zu.
„Aber warum ...?"
„Ich hatte gehofft, du wolltest es ihm nur schonend beibringen", erklärte Tyler schulterzuckend.
Da ich Bella nun seit geraumer Zeit studiert hatte, wusste ich, dass sie mühsam ihren Ärger verbarg, als sie sagte: „Tut mir leid, Tyler. Aber ich bin wirklich nicht hier an dem Tag."
Er gab jedoch nicht so leicht auf, sondern ging mit den Worten: „Ist schon okay. Wir haben ja noch den Jahresabschlussball."
Damit ließ er eine fassungslose Bella zurück, über deren Gesichtsausdruck ich schallend lachen musste. Ich irritierte damit meine Geschwister, die in diesem Moment einstiegen. Bella ließ den Motor aufheulen und ich gab Gas. In ihrem jetzigen Zustand erweckte sie den Eindruck, als würde sie mir gern einen kleinen Lackschaden verpassen, und ich wollte doch die Tochter des Polizeichefs nicht unnötig in Schwierigkeiten bringen.
Bei Einbruch der Dämmerung ging ich mit meinen Geschwistern und Eltern auf die Jagd, bevor ich Bellas Schlafzimmer einen weiteren Besuch abstattete, so wie jede Nacht, seit ich sie kennen gelernt hatte. Es war eine selbst erschaffene Hölle sie ansehen, aber nicht berühren zu können. Aber ich brauchte ihre Nähe, wie ich die Luft zum atmen gebraucht hätte, wenn ich kein Verdammter gewesen wäre!
Am nächsten Morgen verhalf mir Bellas Ungeschicklichkeit zu einem weiteren Vorwand ihre Nähe zu suchen. Ich hatte auf dem Parkplatz auf sie, wie ich ehrlich zu mir selbst zugab, gewartet und beobachtete ihre Ankunft. Als sie ausstieg, rutschte ihr der Autoschlüssel aus der Hand und fiel in eine Pfütze. Noch während sie sich danach bückte, hielt ich ihn, an den Transporter gelehnt, schon in meiner Hand.
Ich wagte nicht vor mir selbst Rechenschaft abzulegen, weil ich mit dieser Aktion, unnötigerweise, erneut ihre Aufmerksamkeit auf meine Schnelligkeit gelenkt hatte.
„Wie machst du das?", fragte sie erstaunt und verärgert zugleich.
„Wie mache ich was?", provozierte ich sie, während ich ihr den Schlüssel hinhielt und in ihre Hand fallen ließ, als sie danach griff. Eine Berührung hätte mich in diesem Moment nur aus dem Konzept gebracht.
„Einfach so aus heiterem Himmel auftauchen."
Mit weicher Stimme erwiderte ich: „Bella, was kann ich dafür, dass du ein außergewöhnlich unaufmerksamer Mensch bist?" Und wenn ich Pinocchio wäre, würde meine Nase jetzt bis zum Waldrand wachsen.
„Was sollte der Stau gestern?", fragte sie vorwurfsvoll. „Ich dachte, du wolltest so tun, als würde ich nicht existieren, nicht mich bis aufs Blut reizen."
Blut und reizen in einem Satz, waren kein guter Gedankenanstoss für mich, denn reizendes Blut stand just in diesem Augenblick vor mir. Ich lenkte mich mit der Erinnerung an den angesprochenen Vorfall ab und gestand kichernd: „Das war nur Tyler zuliebe. Ich musste ihm seine Chance lassen."
„Du..." Sie suchte nach Worten, schien aber keines zu finden, das schlimm genug für mich gewesen wäre. Je wütender sie wurde, um so mehr musste ich über sie lachen.
„Außerdem tue ich nicht so, als würdest du nicht existieren." Ich halte dich zu deinem eigenen Schutz fern.
„Das heißt, du willst mich tatsächlich bis aufs Blut reizen? Wenn ich schon Tylers Van überlebt habe?"
Ich wurde wütend, weil sie auf diese alte Geschichte zurückkam und antwortete kalt, aber leise: „Bella, was du sagst, ist komplett absurd."
Sie drehte sich wortlos um und stapfte davon. Ich sah ihr an, dass auch sie wütend war. Woran lag es nur, dass es uns mühelos gelang einander in Rage zu bringen?
„Warte", rief ich, ergebnislos. Doch ich hatte keine Mühe Bella einzuholen und ergänzte: „Es tut mir leid, das war nicht nett." Sie ignorierte mich weiterhin, also fuhr ich fort: „Nicht, dass es nicht wahr wäre, aber es war trotzdem nicht nett, es zu sagen."
„Warum lässt du mich nicht einfach in Frieden?", giftete sie mich an. Wenn ich das nur könnte!
Ich bemühte mich wieder um einen freundlichen Ton, als ich sagte: „Ich wollte dich was fragen, aber du hast mich vom Thema abgebracht."
„Sag mal, hast du vielleicht eine gespaltene Persönlichkeit?", wollte Bella bissig wissen.
Im Augenblick lag sie damit gar nicht so verkehrt, denn das traf in gewisser Weise zu. Zum einen zog es mich zu ihr hin, als wäre sie ein Magnet für mich, zum anderen musste ich sie meiden, um sie zu beschützen.
„Jetzt fängst du schon wieder an."
Seufzend entgegnete Bella: „Na schön. Was willst du wissen?"
„Ich habe mich gefragt, ob du nächste Woche Samstag – du weißt schon, am Tag des Frühjahrsballs - „
Abrupt blieb meine Gesprächspartnerin stehen und wendete sich zu mir. „Soll das vielleicht witzig sein?", fiel sie mir ins Wort, während ihr Gesicht sich vor Zorn rötete.
Selbstverständlich dachte sie, ich wollte sie dazu einladen, und über ihren Ärger konnte ich mich deshalb nur sichtlich amüsieren, was sie wiederum erzürnte.
„Würdest du mich bitte ausreden lassen?", bat ich.
Bella biss sich auf die Lippen und verschränkte die Arme, als müsse sie sich damit abhalten etwas unüberlegtes zu tun. Es hätte ihr ohnehin nur schaden können, auch wenn sie nicht so einen verhängnisvollen Hang zu Pleiten, Pech und Pannen gehabt hätte.
„Ich hab mitbekommen, dass du den Tag in Seattle verbringst, und wollte dich fragen, ob du mitfahren willst?" Ich war von dem Satz ebenso überrascht wie sie. Den hatte ich irgendwie nicht geplant gehabt. Ehrlich gesagt, hatte ich gar nicht richtig überlegt, welche Frage ich ihr stellen wollte.
„Was?"
„Willst du mit nach Seattle fahren?", wiederholte ich.
„Mit wem denn?", erkundigte sich Bella verdutzt.
Dem Kaiser von China! „Mit mir, wem sonst", erklärte ich und hoffte nicht so geklungen zu haben, als würde ich mit einer geistig Behinderten sprechen.
„Warum?", hakte sie, noch immer verdattert, nach.
„Ich hatte sowieso vor, in den nächsten Wochen nach Seattle zu fahren", improvisierte ich. „Und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob dein Transporter die Strecke schafft."
„Mein Transporter läuft prima, danke der Nachfrage", behauptete sie im weitergehen.
„Aber schafft er die Strecke auch mit einer Tankfüllung?", ließ ich nicht locker.
„Ich weiß nicht, was dich das angeht", konterte sie hochnäsig.
„Die Verschwendung begrenzter Ressourcen geht jeden etwas an."
„Ganz ehrlich, Edward", ich genoss es meinen Namen aus ihrem Mund zu hören, „ich kapier` s nicht. Ich dachte, du willst nicht mit mir befreundet sein."
Nein, ich will dich für immer in meinen Armen halten!
„Ich hab gesagt, es wäre besser, wenn wir nicht befreundet wären, nicht, dass ich es nicht will", berichtigte ich sie.
Bella motzte, mit heftigem Sarkasmus: „Ach so, vielen Dank – gut, dass wir das geklärt haben."
Bei dem Mädchen musste man höllisch auf seine Ausdrucksweise achten, stellte ich einmal mehr fest und erklärte: „Es wäre ... besonnener von dir, nicht mit mir befreundet zu sein. Aber ich bin es leid, mich von dir fern zu halten, Bella."
Erst in diesem Moment hatte ich vor mir selbst kapituliert. Ich konnte dem Verlangen nach ihr nicht länger widerstehen. Lange genug hatte ich es versucht, aber ich war am Ende meiner Kräfte. Mit dieser Erkenntnis durchflutete mich der einzigartige Gedanke, dass es mir nur dadurch gelingen würde ihrem Blut zu entsagen. Das Monster legte sich zur Ruhe, das erste Mal seit Wochen!
„Fährst du mit mir nach Seattle?", wagte ich einen erneuten Vorstoß.
Anscheinend hatte ich ihr die Sprache verschlagen, denn ihre Antwort bestand nur aus einem Nicken. Ich lächelte sie nur kurz an, dann sagte ich ernst: „Du solltest dich wirklich von mir fern halten. Wir sehen uns in Bio."
Dann ließ ich sie stehen, mochte sie aus meinen Worten machen, was sie wollte!
