Die Twilight- Saga, ihre Handlung, Personen und Dialoge gehören Stephenie Meyer.
Danke für die Reviews und viel Spaß beim neuen Kapitel.

Der Geruch von Blut

Nachdem es mir gelungen war, Bella dazu zu überreden mit mir nach Seattle zu fahren, hatte mich ein Hochgefühl ergriffen. Ich fühlte mich gut bei dem Gedanken zu einem Entschluss gekommen zu sein. Sicher war es für Bella nicht ungefährlich, wenn sie sich entschied, mit mir zusammen zu sein. Hatte ich aber nicht andererseits bereits eine Gefahrenquelle ausgeschaltet? Und es war keine unbedeutende gewesen, schließlich hatte mein Monster nichts mehr begehrt als ihr Blut.

Ich beschloss die Mittagspause zu nutzen, um zu sehen, ob Bella uns eine Chance gab. Nachdem ich mich bei meinen Geschwistern entschuldigt hatte, suchte ich einen Tisch, der so weit wie möglich von dem ihren entfernt lag. Damit verhinderte ich, dass sie allzu viel von einem Gespräch mit Bella hören konnten, sollte es dazu kommen.

Wie üblich betrat sie die Cafeteria mit Jessica Stanley. Diese war heute besonders gut drauf und schwatzte ununterbrochen vom Schulball, zu dem sie nun mit Mike Newton gehen würde. Bella wirkte desinteressiert an der Unterhaltung. Ihr erster Blick ging zum Cullen- Tisch, wo nur meine vier Geschwister saßen.

Bildete ich mir die Enttäuschung auf ihrem Gesicht nur ein? Verschlug meine Abwesenheit ihr den Appetit? Denn sie holte sich nur eine Limonade und setzte sich auf ihren Platz. Mein Blick folgte ihr die ganze Zeit, doch sie schien mich nicht zu bemerken.

Jessica gab mir ungewollt Schützenhilfe, in dem sie zu Bella sagte: „Edward Cullen guckt dich schon wieder so an. Komisch, dass er heute allein sitzt."
Bellas Kopf schoss hoch und unsere Blicke trafen sich. Ich winkte, aber sie starrte nur ungläubig zurück. Zwinkernd gab ich ihr zu verstehen, dass ich unser Gespräch gern fortgesetzt hätte.

„Meint er dich?", hörte ich Jessica fragen, deren Ungläubigkeit schon fast beleidigend war.
„Vielleicht hat er eine Frage zu den Biohausaufgaben", murmelte Bella und ich bewunderte sie für ihr Geschick im Ausreden erfinden. „Äh, ich gehe mal nachsehen, was er will."

Vor Freude hätte mein Herz einen Satz gemacht. Leider ging das nicht mehr, da Vampirherzen einfach nicht schlagen. Ich gab stattdessen mein Glück über ihre Anwesenheit mit einem Lächeln preis, als ich sie fragte: „Hast du Lust, mir Gesellschaft zu leisten?"
Ich blendete die Gedanken aller im Raum aus, vor allem Jessicas, die trotz des Triumphes Mike zum Schulball zu begleiten, eifersüchtig auf meine Aufmerksamkeit für Bella war.

Sie setzte sich wortlos und schaute mich misstrauisch an. Schweigend genoss ich ihren Anblick und die Freude, dass sie zu mir herüber gekommen war.
„Das ist – ich weiß nicht – ich bin überrascht", stammelte sie schließlich und ich fand es entzückend. Fast verschlug es mir gleichfalls die Sprache und so antwortete ich erst zögernd: „Na ja."

Ich beschloss frank und frei zu äußern, was mich bewegte: „Ich hab mir gedacht, wenn ich schon in die Hölle komme, dann nicht ohne Grund." Anfänglich fiel ihr dazu keine Erwiderung ein, dann gestand sie: „Ich habe keine Ahnung, was du damit meinst."
„Ich weiß", gab ich lächelnd zurück. Wie sollte sie auch? Sie wusste nicht, dass ich ein zum ewigen Leben verdammter Blutsauger war, der in der Hölle schmoren würde, sollte ihm jemals einer das Ende bereiten. Meine Seele befand sich bereits im Fegefeuer, davon war ich fest überzeugt. Und wenn ich Bella nun ins Unglück stürzte, so hatte ich es um so mehr verdient!

„Ich glaube, deine Freunde sind sauer, dass ich dich entführt habe", wechselte ich das Thema. Obwohl Bella deren Blicke im Rücken spüren musste, erwiderte sie locker: „Sie werden` s überleben."
„Was, wenn ich dich nicht mehr zurückbringe?", sondern dich in die Berge entführe, um dir zu zeigen, was ich bin, damit du dich vor mir in acht nimmst.

Der Gedanke brachte ein verschlagenes Funkeln in meine Augen, das sich in ihren spiegelte. Sie schluckte und ich stellte lachend fest: „Du siehst besorgt aus."
„Besorgt nun nicht gerade", widersprach sie, „eher überrascht ..."
Mit einem Lächeln, aber wieder ernst, erklärte ich: „Ich sagte doch – ich bin es leid, mich von dir fern zu halten. Also habe ich es aufgegeben."

„Aufgegeben?", vergewisserte sich Bella und klang dabei verwirrt.
„Ja – aufgegeben, gut zu sein. Ab jetzt mache ich nur noch, was ich will, und lass den Dingen seinen Lauf." Dabei musste mein Ton schärfer geklungen haben, als beabsichtigt, vielleicht auch gefährlich, weil ich daran dachte, dass es das für Bella durchaus werden könnte.

„Ich kann dir schon wieder nicht folgen", gestand meine zauberhafte Gesprächspartnerin.
Darüber musste ich lächeln und ich offenbarte: „Ich verrate immer zu viel, wenn ich mit dir rede – das ist schon mal ein Problem."
„Mach dir keine Sorgen, ich verstehe nicht das Geringste." Es klang selbstironisch und am liebsten hätte ich sie ermahnt, sich nicht immer so klein zu machen. Sie mochte zwar manchmal, vielleicht auch immer öfter, tollpatschig sein, aber sie hatte den schärfsten Verstand, dem ich seit langem begegnet war, zumindest menschlicher Art.

„Das hoffe ich", denn das erspart uns viele Probleme.
„Also noch mal, so, dass auch ich es kapiere – sind wir nun Freunde oder nicht?" wollte Bella wissen.
„Freunde", sinnierte ich, während mir ganz andere Bilder unserer Beziehung vor Augen standen. Ich musste an Alice` Visionen denken. Würden sie sich bewahrheiten, wenn ich Bella mit „Ja" antwortete?
„Oder nicht", murmelte sie fragend.

Ich grinste sie an und meinte: „Na ja, ich würde sagen, wir können es probieren. Aber ich sag dir gleich – ich bin kein guter Freund für dich." Meine Warnung war ernst gemeint. Vielleicht gelang es ihr ja, mich zu meiden, wo ich doch vor mir selbst kapitulieren hatte müssen.
„Das sagst du ständig", warf sie ein.
„Genau – weil du mir nicht zuhörst. Ich warte immer noch darauf, dass du mir endlich glaubst. Wenn du klug bist, gehst du mir aus dem Weg."
Mit ihrer Antwort hatte ich nicht gerechnet: „Damit hätten wir dann auch die Frage meiner Intelligenz geklärt."

Ich lächelte entschuldigend, weil ich ihr in diesem Punkt und in diesem Zusammenhang leider nicht widersprechen konnte.
„Das heißt also, falls ich ... nicht klug bin, könnten wir versuchen, Freunde zu sein?", fasste sie zusammen.
„So ungefähr", erklärte ich, während ich beobachtete, wie sie ihre Hände, die sie um die Limoflasche gelegt hatte, betrachtete.
„Was denkst du gerade?", fragte ich, du bist die Einzige im Raum, von der ich es nicht weiß, und dabei die Einzige, von der es mich interessiert.

Sie erwiderte meinen Blick und bekannte: „Ich versuche herauszufinden, wer du wirklich bist."
Das wäre mir gar nicht recht! Mit einem verbissenen Lächeln erkundigte ich mich: „Und – warst du schon erfolgreich?"
„Nicht sehr." Es klang frustriert und ich musste gegen meinen Willen lachen, unterdrückte es aber, um sie nicht zu brüskieren.
„Aber du hast so deine Theorien?", forschte ich und brachte Bella damit zum erröten. „Du willst es mir nicht sagen?", bohrte ich mit meinem verführerischsten Lächeln weiter. Jedes andere weibliche Wesen wäre dabei schwach geworden und hätte geplaudert. Doch Bella nicht. Sie schüttelte den Kopf und gestand: „Zu peinlich."

„Das ist wirklich frustrierend, ehrlich", beklagte ich mich.
Schnell widersprach Bella: „Ach was. Was soll daran denn frustrierend sein – nur weil sich jemand weigert, dir zu verraten, was er denkt, obwohl er selbst die ganze Zeit kryptische Andeutungen macht, die offensichtlich zu nichts anderem da sind, als dich die ganze Nacht vom Schlafen abzuhalten, weil du nicht draus schlau wirst? Ehrlich, was soll daran frustrierend sein?"

Ich verzog das Gesicht.
Erstens, ist es ernüchternd es nicht zu erfahren, weil es der einzige Gedanke ist, den ich nicht herausfinden kann! Zweitens, sind es keine kryptischen Andeutungen, sondern gut getarnte Befehle, dich von mir fern zu halten. Und drittens, schläfst du trotzdem recht gut, wie ich mich die letzten Nächte mit eigenen Augen überzeugen konnte.

Sie war jedoch noch nicht am Ende, sondern legte jetzt erst richtig los: „Oder – sagen wir mal, jemand macht ständig die eigenartigsten Sachen, rettet dir zum Beispiel an einem Tag unter unmöglichen Umständen das Leben und behandelt dich am nächsten Tag wie eine Aussätzige, ohne irgendeine Erklärung abzugeben, obwohl er es versprochen hat – das ist auch überhaupt nicht frustrierend."

Ein Leben zu retten, ist nun wirklich nichts eigenartiges und unmöglich, zumindest für mich, wäre es vielleicht gewesen, hätte sie mitten in einem Feuerball gesessen. Aber selbst das wäre nur unwesentlich schwieriger gewesen. Eine Aussätzige hätte ich garantiert zuvorkommender behandelt, da von ihr nicht halb so viel Gefahr für mich ausging wie von Bella. Und ich kann mich nicht erinnern dir irgendwas versprochen zu haben! Oder? Ließ mich mein Gedächtnis da irgendwo im Stich?

„Kann es sein, dass du ganz schön sauer bist?", wollte ich von Bella wissen.
„Ich hab was gegen Doppelmoral", antwortete sie und wir starrten uns an.
Um das heikle Thema zu beenden, schaute ich hinüber zu ihren Freunden und fing einen Gedanken von Mike Newton ein.
Was traut sich dieser Cullen Bella die ganze Pause mit Beschlag zu belegen! Außerdem scheinen seine Themen fesselnder zu sein, wie meine. Bella wirkt viel engagierter, als wenn sie sich mit mir unterhält! Vielleicht sogar etwas zornig? Was erzählt der ihr nur? Ob ich hinüber gehe und Bella hole? Die Pause ist schließlich gleich zu ende.

Ich kicherte über Mikes Eifersucht, so dass Bella fragte: „Was?"
„Dein Freund denkt anscheinend, ich bin nicht nett zu dir, und jetzt überlegt er sich gerade, ob er rüberkommen und unsere Auseinandersetzung beenden soll", antwortete ich wahrheitsgemäß.
Frostig erwiderte Bella: „Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst. Aber ich bin mir sicher, dass es nicht stimmt."

Meine Quelle ist todsicher! „Es stimmt, verlass dich drauf. Ich hab dir doch gesagt, dass die meisten Menschen leicht zu durchschauen sind." Vor allem, wenn man Gedanken lesen kann! Manchmal ist es zwar durchaus lästig, aber ich habe mir lange nichts so sehr gewünscht, wie deine Gedanken hören zu können.
Als hätte sie meine „Stimme" gehört, stellte Bella fest: „Außer mir natürlich."

Grübeln entgegnete ich: „Genau, außer dir. Ich frage mich, woran das liegt." Vielleicht sollte ich Carlisle fragen, ob er eine Idee dazu hatte.
Mein intensiver Blick ließ sie wegschauen und ich beobachtete, wie sie ihre Flasche aufschraubte und einen Schluck Limonade trank. Meine Augen folgten der Bewegung ihrer Kehle, als sie schluckte, und blieben einen Moment an der pulsierenden Halsschlagader hängen. Das Monster leckte sich die Lippen und zerstreut, aber für mich zum Augenblick passend, erkundigte ich mich: „Hast du keinen Hunger?"

„Nein. Und du?"
Wahnsinnig! Aber weder meine Mahlzeit noch meine Tischmanieren würden zum Ambiente passen.
„Ich? Nein, ich hab keinen Hunger", erklärte ich ironisch lächelnd.
„Kannst du mir einen Gefallen tun?", fragte Bella zögerlich.
Argwöhnisch sagte ich: „Das kommt ganz darauf an."
„Es ist nur ein kleiner", versicherte sie mir.

Ich wartete, zurückhaltend, aber sichtlich neugierig, was sie von mir verlangen würde.
„Ich dachte nur ... vielleicht könntest du mich beim nächsten Mal vorher warnen, wenn du beschließt, mich zu meiner eigenen Sicherheit zu ignorieren? Dann kann ich mich darauf einstellen." Verlegen blickte Bella bei diesen Worten auf ihre Flasche und ließ den kleinen Finger um deren Öffnung kreisen. Ein Anblick, der mich ziemlich aus der Fassung brachte, denn tief in mir erwachte der Wunsch, sie möge einmal so zart über mich streichen.

„Das kann ich wohl kaum abschlagen."
„Danke." Das war der beste Dank, den ich bisher von dir zu hören bekommen habe, Isabella Swan.
„Krieg ich im Gegenzug eine Antwort?", wollte ich wissen.
„Eine."
„Eine deiner Theorien?"

Ich konnte fast hören, wie sie „Oje" dachte, dann widersprach Bella: „Nicht das."
„Du hast mir eine Antwort versprochen, von Einschränkungen war keine Rede", erinnerte ich sie.
„Und du hast selber Versprechen gebrochen", frischte sie meine Erinnerung auf, oder auch nicht. Mir fiel wirklich keine dahin gehende Verpflichtung ein, die ich nicht eingehalten haben sollte.
„Nur eine Theorie – ich lache auch nicht."
„Klar lachst du", erklärte sie überzeugt.

Ich senkte den Blick, um einen bettelnden Ausdruck hineinzulegen, der bis jetzt bei jedem Wesen gewirkt hatte, und lehnte mich weiter zu hinüber, damit sie meine geflüsterte „Bitte" auch hörte.
Bella blinzelte und ich kam mir fast ein wenig schuftig vor, weil ich meine Vampirkräfte dazu missbrauchte, sie zu beeinflussen. Aber ich konnte einfach nicht locker lassen, also bat ich mit brennendem Blick: „Verrätst du mir bitte eine kleine Theorie?" Genau konnte ich nicht sagen, ob meine Kräfte gewirkt hatten oder ob sie sich einfach nur an das gegebene Versprechen hielt, als sie zögerlich fragte: „Äh, also hat dich vielleicht eine radioaktive Spinne gebissen?"

Ich unterdrückte ein Lachen, weil ich es versprochen hatte, aber es klang ein wenig spöttisch, als ich meinte: „Das ist nicht gerade originell."
Ich merkte Bella an, dass sie trotzdem beleidigt war, als sie zurückschnappte: „Tut mir leid, mehr fällt mir nicht ein."
„Das war noch nicht einmal nah dran", musste ich sie weiter aufziehen.
„Keine Spinnen?"
„Keine Spinnen."
„Und keine Radioaktivität?"
„Nein."
„Mist", seufzte Bella in ihrer hinreißendsten Weise.
„Kryptonit macht mir auch nichts aus", klärte ich sie schmunzeln auf, in der Superhelden- Schiene bleibend.
„Du wolltest nicht lachen", ermahnte mein Gegenüber mich.

Ich versuchte mich zu beherrschen, wurde aber schlagartig ernst, als sie warnte: „Irgendwann krieg ich es raus."
„Ich wünschte, du würdest es nicht probieren." Meinem Tonfall musste sie entnehmen, wie wichtig mir dies war.
„Weil...?"
Ich die Angst vor mir in deinen Augen nicht ertragen könnte! „Was, wenn ich der Böse bin?", fragte ich, mit einem Lächeln von meinen tiefgründigen Gedanken ablenkend.

„Oh, verstehe", erwiderte Bella, als hätte sie plötzlich verstanden. Das jagte mir Angst ein. Vielleicht hatte ich sie unterschätzt und sie war schon hinter mein Geheimnis gekommen? „Ach, ja?", bohrte ich.
„Du bist gefährlich?", wollte Bella wissen, während ihr Puls, ich bemerkte es an ihrer Halsschlagader und an ihrem, für mich hörbaren, Herzschlag, beschleunigte.

Mein Blick sollte es ihr bestätigen, denn offen aussprechen konnte ich es nicht. So sehr ich sie zu ihrem Schutz auch ängstigen wollte, so sehr wollte ich sie anderseits nicht verschrecken, weil ich sie in meiner Nähe haben wollte. Wie krank du bist, Edward Cullen!
„Aber nicht böse", flüsterte das zauberhafte Mädchen den Kopf schütteln. „Nein, ich glaube nicht, dass du böse bist."

Es tat gut dies von ihren Lippen zu hören, aber es stimmte nicht. Davon musste ich sie überzeugen: „Du irrst dich." Kaum hörbar war meine Erwiderung. Schweigen senkte sich über unseren Tisch. Ich wusste nicht, was ich weiter sagen sollte, und so nahm ich ihr den Verschluss ihrer Limoflasche ab und ließ ihn durch meine Finger kreiseln. Ich genoss die Wärme, die ihre Haut darauf hinterlassen hatte. Sie starrte mich an, ich bemerkte es, wagte aber nicht ihren Blick zu erwidern, aus Angst noch mehr zu verraten.

Plötzlich sprang Bella auf und rief: „Wir kommen zu spät." Ich bemerkte erst jetzt, dass die Cafeteria fast leer war. Der Tisch meiner Geschwister war verwaist. Hatte mich keiner von ihnen, wenigstens in Gedanken, zum Mitkommen aufgefordert? Oder war ich so auf meine Gesprächspartnerin konzentriert gewesen, dass ich es überhört hatte?

„Ich gehe heute nicht zu Bio", erklärte ich ihr, und als sie fragte: „Warum nicht?", antwortete ich: „Es ist gut für die Gesundheit, gelegentlich zu schwänzen."

Bella konnte nicht ahnen, dass ich damit die ihre und die unserer Mitschüler meinte. Ich wusste, dass Mr Banner heute die Blutgruppenbestimmung durchnehmen würde. Auch wenn ich im Moment nicht hungrig war, so würde mein Appetit durch die Blutstropfen meiner Klassenkameraden garantiert geweckt werden. Nicht daran zu denken, wenn das Aroma von Bellas Lebenssaft frisch in der Luft läge!

Ich spielte weiter mit der Flaschenkappe, die in schwindelerregendem Tempo durch meine Finger wanderte, während sie verkündete: „Ich gehe jedenfalls hin."
„Dann bis später", sagte ich und sah ihr nach, wie sie halb im Laufschritt zum Ausgang hastete. Bella schaute an der Tür noch einmal zurück, doch sie durfte nicht weiter zögern, denn es hatte bereits geklingelt.

Ich wusste, dass sie rechtzeitig im Klassenzimmer sein würde. Mr Banners Gedanken entnahm ich, dass er noch im Vorbereitungsraum war, wo er die benötigten Unterrichtsmaterialien zusammensuchte. Da ich die Cafeteria nun für mich allein hatte, konzentrierte ich mich auf die „Stimmen" der Schüler, die mit Bella im Biologiekurs saßen.

Mike war verärgert, weil Bella die gesamte Pause mir gewidmet hatte und nun so spät gekommen war, dass er nicht mal direkt vor der Stunde mit ihr reden hatte können.
Angela Weber, die Bella ehrlich mochte, war überrascht und ein wenig ehrfurchtsvoll, dass ihre Freundin so lang meine Aufmerksamkeit genossen hatte.

Dann trat Mr Banner in die Gedanken der Teenager, die nun seinen Ausführungen zum Bestimmen der Blutgruppe lauschten. Ich blieb in Mikes Gedanken, da er sich voraussichtlich trotzdem am meisten bei Bella befinden würde. So bekam ich hautnah mit, wie der Lehrer ihn zu Demonstrationszwecken mit einer Lanzette in den Mittelfinger stach und einen Blutstropfen hervor drückte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, also klinkte ich mich aus und verließ im Laufschritt die Cafeteria, um im Wald frische Luft zu tanken, damit ich den Kopf von meinem Appetit frei bekam. Das dauerte nicht allzu lang und ich beschloss in die Krankenstation zu gehen, um mich dort für die Stunde krank zu melden, damit es keinen Ärger mit Mr Banner gab, weil ich den Biologiekurs geschwänzt hatte.

Ich näherte mich gerade dem Cafeteria- Gebäude, als ich in der Ferne Bella mit Mike Newton erkannte. Sie ließ sich in diesem Moment auf den Boden sinken und ich hörte Mike nervös sagen: „Gott, Bella, du bist ganz grün."
„Bella", rief ich erschrocken. „Was ist passiert – ist sie verletzt?" Warum bin ich nicht bei Mikes Gedanken geblieben!
Der Teenager klang überfordert, als er mir die Situation erklärte. „Ich glaube, sie ist einfach zusammengebrochen. Ich weiß auch nicht, was passiert ist, sie hatte sich noch nicht mal in den Finger gestochen."

Erstaunt bemerkte ich, dass Erleichterung in meiner Stimme mitklang, als ich fragte: „Bella, hörst du mich?"
„Nein, geh weg", stöhnte das kreidebleiche Mädchen und ich musste wieder einmal über ihre Starrköpfigkeit lachen.
„Ich war gerade dabei, sie zur Schwester zu bringen. Aber dann konnte sie nicht mehr weiterlaufen", erklärte Mike.
„Ich bringe sie hin. Du kannst wieder zurückgehen", übernahm ich die Initiative und Bella auf die Arme, während der Teenager noch protestierte: „Nein, ich soll das machen."

Nicht möglich, dass dieser Cullen die Situation schon wieder an sich reißt!

„Lass mich runter!"
Ich ignorierte sowohl ihre Bitte, als auch den eifersüchtigen Jungen hinter mir, der uns noch ein „Hey" hinterher rief. „Du siehst furchtbar aus", informierte ich Bella grinsend.
„Lass mich runter", jammerte sie, umsonst.
„Du fällst also in Ohnmacht, wenn du Blut siehst?", fragte ich sie, sichtlich erheitert. Und so was hängt mit einem Vampir rum!

Bella antwortete mir nicht, sondern schloss die Augen und presste die Lippen zusammen. Viel zu schnell erreichten wir das Gebäude, in dem sich Sekretariat und Krankenzimmer befanden, und mit Leichtigkeit öffnete ich die Tür und betrat mit ihr den warmen Raum.

Die rothaarige Sekretärin, Ms Cope, die mich nur allzu gern sah, kam uns mit einem „Ach herrje" entgegen und ich erklärte ihr, dass Bella im Biologieunterricht zusammengeklappt war. Hilfreich, wie sie in meiner Gegenwart immer gern war, öffnete sie uns die Tür zum Krankenzimmer, in dem die großmütterliche Krankenschwester in einen Roman vertieft war. Sanft legte ich Bella auf der Liege ab, dann postierte ich mich an der Wand. Ich musste dringend etwas Abstand von dem zauberhaften Mädchen gewinnen. Sie auf meinen Armen zu halten, war fast zu viel für mich gewesen. Es hatte nicht viel gefehlt, und ich wäre mit ihr auf und davon gerannt, bevor sie sich hätte umsehen können.
„Ihr ist nur ein bisschen schwarz vor Augen geworden. Sie ermitteln Blutgruppen in Bio", beruhigte ich die erschrockene Krankenschwester. Sie hatte nicht oft „Besuch" in ihrem kleinen Raum und schien deswegen etwas hilflos, was die Situation betraf.

Die Schwester nickte wissend. „Einen gibt es jedes Mal. Du Ärmste, bleib einfach liegen; es wird gleich besser werden." Als könnte Mr Banner mich nicht vorwarnen, wenn er seine Schüler pickst. Dann würde man mich nicht jedes Mal mit kreidebleichen Teenagern überfallen!
Ich musste ein Kichern unterdrücken, als Bella seufzend zugab: „Ich weiß."
„Passiert dir das öfter?", fragte die Krankenschwester und Bella gestand: „Manchmal."
Ein Husten sollte das Lachen überspielen, das mir herausrutschen wollte. Die Schwester bemerkte es trotzdem und sagte zu mir: „Du kannst wieder zum Unterricht gehen."

Selbst wenn es nicht um Blutgruppenbestimmung gegangen wäre, war der Biologiekurs im Moment der letzte Ort auf Erden, zu dem es mich hinzog. Mit Vampirautorität widersprach ich: „Ich soll bei ihr bleiben."
Der Schwester gelang es daraufhin nur misstrauisch zu schauen, ehe sie verkündete, sie würde etwas Eis für die Stirn ihrer Patientin holen und uns allein ließ.
„Du hattest Recht", stöhnte Bella mit zufallenden Lidern. Ich versuchte mir mein Erstaunen nicht anmerken zu lassen, als ich meinte: „Normalerweise schon – aber womit denn speziell?"
„Schwänzen ist tatsächlich gut für die Gesundheit."

Ich hörte das Bella sich darauf konzentrierte, regelmäßig zu atmen. So ganz schien sie also „noch nicht über den Berg" zu sein. Deshalb beschloss ich sie mit einem verblüffenden Geständnis meinerseits abzulenken.
„Einen Moment lang hatte ich wirklich Angst. Ich dachte, Newton zerrt deine Leiche in den Wald, um sie zu vergraben." Während der erste Teil das Eingeständnis meiner Schwäche für sie war, diente der zweite nur zu ihrer Aufheiterung.

„Haha", antwortete sie, noch immer mit geschlossenen Augen. Doch ihre Gesichtsfarbe begann von Vampirblässe in Bellablässe überzugehen.
„Ehrlich – ich hab schon Leichen gesehen, die eine gesündere Gesichtsfarbe hatten als du." Leichen, die ich geschaffen hatte. Denen ich jeden Tropfen ihres Blutes ausgesaugt hatte und die trotzdem einen Hauch rosiger ausgesehen hatten wie Bella. „Ich dachte schon, ich müsste deine Ermordung rächen."

„Armer Mike. Er ist bestimmt sauer."
„Er verabscheut mich zutiefst", klärte ich sie fröhlich auf, in Erinnerung an Newtons Gedanken, als ich ihn aufs „Abstellgleis" geschoben hatte.
„Das weißt du doch gar nicht", widersprach Bella.
„Ich hab sein Gesicht gesehen – das war eindeutig." Und seine Gedanken waren es noch viel mehr!

„Wie hast du mich gesehen? Ich dachte, du schwänzt?"
Wieder einmal musste ich mir eine schnelle und überzeugende Ausrede für das scharfsichtige Mädchen vor mir ausdenken. „Ich saß im Auto und hab Musik gehört."

Meine Antwort schien sie zu überraschen. Erwartete sie den wirklich nur außergewöhnliches von mir? Doch eine Erwiderung blieb mir erspart. Die Krankenschwester kam mit einem Eisbeutel zurück und platzierte ihn mit den Worten: „So, meine Liebe" auf Bellas Stirn. Dann stellte sie fest, das ihre Patientin auch schon besser aussah und Bella stimmte ihr zu. Scheinbar war sie versessen darauf, dem Krankenzimmer oder mir zu entkommen. Letzteres würde ich jedoch zu verhindern wissen!

Auch die Krankenschwester wollte Bella nicht so schnell gehen lassen, doch in diesem Moment steckte Ms Cope den Kopf herein und verkündete, dass es Zuwachs für die Krankenstation gab. Bella sprang von der Liege auf. Dabei legte sie eine erstaunliche Schnelligkeit an den Tag. Sie reichte der Schwester die Kompresse und erklärte: „Hier, ich brauch sie nicht mehr."

Mike Newton wankte mit dem kreidebleichen Lee Stephens herein, der ebenfalls in unserem Biologiekurs war.
Ich glaube, ich muss kotzen!
Ich murmelte. „Oh, nein. Geh raus, Bella." Sie sah mich nur verwirrt an und ich ergänzte: „Vertrau mir – los."
Bella stürzte aus dem Krankenzimmer und ich folgte ihr. Vor der Tür stellte ich verblüfft fest: „Du hast tatsächlich auf mich gehört."

„Ich habe das Blut gerochen", erklärte sie mit gerümpfter Nase.
„Menschen können kein Blut riechen", widersprach ich ihr.
„Ich schon – das ist es ja gerade, was ich nicht vertrage. Es riecht nach rostigem Metall ... und Salz."

Angesichts der fast perfekten Beschreibung konnte ich sie nur anstarren. Es fehlte nur noch, dass sie verschiedene Aromen „erschnüffeln" konnte! Es war der besondere Duft ihres Blutes, der sie für mich so unwiderstehlich machte. Sonst roch der menschliche Lebenssaft für uns eigentlich nur so, wie sie ihn beschrieben hatte, vielleicht mit wenigen Nuancen Unterschied zwischen einzelnen Sterblichen.

„Was ist denn?", wollte sie wissen. „Nichts", musste ich, glücklicherweise, nur erwidern, da in diesem Moment Mike Newton aus dem Krankenzimmer kam.
Das du dich immer noch hier herumdrückst, hätte mich nicht verwundern sollen!
Der Teenager schaute mich mit aller verfügbarer Herablassung ab, so dass selbst Bella nicht entgehen konnte, wie Recht ich kurz vorher gehabt hatte.

Anklagend sagte Mike zu Bella: „Du siehst besser aus."
„Solange du deine Hand nicht aus der Tasche nimmst", warnte diese ihn.
„Es blutet nicht mehr", brummelte er. „Kommst du wieder mit zurück?"
„Soll das ein Witz sein? Da kann ich auch gleich hier bleiben."
„Ja, wahrscheinlich ... Also, wie sieht` s aus bei dir dieses Wochenende – kommst du mit? Zum Strand?" Dabei warf mir Mike einen bösen Blick und Gedanken zu: Wag ja nicht, da auch noch mitmischen zu wollen!

Mich unbeteiligt gebend, starrte ich, bewegungslos am unaufgeräumten Empfangstresen lehnend, vor mich hin und lauschte Bellas Antwort: „Na klar, hab ich doch gesagt."
„Wir treffen uns um zehn am Laden meines Vaters." Du brauchst da nicht aufzukreuzen, Cullen!
Bella versprach: „Ich werde da sein."
„Dann bis gleich, bei Sport", verabschiedete sich Mike.
„Bis gleich", erwiderte Bella und sah ihm nach, als er nach einem letzten schmollenden Blick das Weite suchte.

„Sport", vernahm ich sie gleich darauf stöhnend.
„Ich kann das für dich regeln", flüsterte ich ihr, nähergerückt, nachdem Newton verschwunden war, zu. „Setzt dich dorthin und sei blass."

Letzteres würde ihr sicherlich nicht schwer fallen. Für eine Normalsterbliche hatte sie ohnehin ein fast vampirmäßige Hauttönung. Nicht das mir das nicht gefallen hätte! Leider war es nur allzu verführerisch, wenn Bella dann einmal errötete. Da konnte einem als Blutsauger schon mal das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Ich ging hinüber zum Tresen, an den Ms Cope zurückgekehrt war und sagte: „Bella hat in der nächsten Stunde Sport, aber ich glaube nicht, dass es ihr schon wieder so gut geht. Ich denke, es ist das Beste, wenn ich sie nach Hause bringe. Meinen Sie, es wäre möglich, sie vom Unterricht zu entschuldigen?" Mein einschmeichelnder Tonfall und der verführerische Blick, den ich dabei einsetzte, waren fast verschwendet. Die Sekretärin war ohnehin Wachs in meinen Händen und ich konnte schon wieder ihre schmachtenden Gedanken hören.

Von dem Jungen würde ich mich jederzeit nach Hause bringen lassen. Man müsste noch mal siebzehn sein. Was für ein Jammer, dass es diesen Cullen nicht zu meiner Highschool- Zeit gab.

Wenn du wüsstest, Martha. Ich könnte dein Opa sein. Aber ich glaube nicht mal als Siebzehnjährige hätte ich dich interessant gefunden. Die Geschwätzigen waren noch nie mein Typ und ich kann mir nicht vorstellen, dass du dir das erst die letzten dreißig Jahre angewöhnt hast.

„Brauchst du auch eine Entschuldigung, Edward?", säuselte Ms Cope.
„Nicht nötig, meine nächste Stunde ist bei Mrs Goff, sie hat bestimmt nichts dagegen." Sie wird aufatmen, dass sie nicht wieder eine Stunde lang zwanghaft versuchen muss mich zu ignorieren. Ihre weiblichen Hormone spielen genauso verrückt wie die der Sekretärin, wenn ich im Klassenzimmer bin. Erschwerend kommt ihre Angst hinzu, dass ich mich melden könnte, um mit einer genialen Antwort einmal mehr den Unterricht zu sprengen.

„Okay, ich erledige das. Und du, Bella, erholst dich, ja?" rief Mc Cope hinüber zu Bella. Ob es der wirklich so übel ist oder ob die nur schauspielert um Cullen anzubaggern? Hätte ich zwar von Charlies Tochter nicht gedacht, aber wer würde bei diesem Edward nicht schwach werden. Es gehen ja schon einige Gerüchte über den Campus, dass man die beiden häufig zusammen sieht und das, wo er sich sonst mit niemandem außer seinen Geschwistern hat blicken lassen.

Bella nickte schwach, und ein wenig sehr theatralisch, wie ich fand, so dass ich mit sarkastischer Miene fragen musste: „Kannst du laufen oder soll ich dich wieder tragen?"
„Ich schaff das schon", entgegnete Bella und stand auf, während Ms Cope dachte: Doch nicht so clever das Mädchen, wie ich dachte. Ich hätte so ein Angebot sicher nicht ausgeschlagen.

Gentleman, wie ich von Haus aus war, öffnete ich die Tür. Ich war froh, wenn ich dem verheißungsvollen Duft frischen Blutes, von Lee Stephens Finger, und den Gedanken der Sekretärin endlich entkommen konnte.
Als wir aus der Wärme in den kalten, feinen Regen hinaustraten, der seit dem Morgen pausenlos herab rieselte, sagte Bella: „Danke. Wenn man dann keinen Sport treiben muss, lohnt es sich fast, krank zu sein."

Ich blickte mit zusammengekniffenen Augen in den Regen und schwieg. Schließlich konnte ich Bella schlecht sagen, dass alle Cullens ein ärztliches Attest vorliegen hatten, dass sie vom Sport befreite. Eine Vorsichtsmaßnahme, da unseren übernatürlichen Kräfte bei sportlicher Betätigung jeder Art leicht zum Vorschein kommen konnten. Selbst der perfekteste Vampir kann keine vierundzwanzig Stunden am Tag seine Kräfte vollends beherrschen und so hatte Carlisle uns diese Tortur für den Sportkurs erspart.

„Gern geschehen", erwiderte ich stattdessen.
„Kommst du auch mit? Am Samstag, meine ich?", fragte Bella.
Das kam überraschend, andererseits hatte sie Mikes Warnungen mich von dem Ausflug fern zu halten, nicht hören können. Ich gab mich unbeteiligt, als ich mich erkundigte: „Wo genau fahrt ihr eigentlich hin?"

„Rüber nach La Push, an den Strand."
Quileute- Land! Absolute Sperrzone für kalte Wesen, wie uns die Indianer nennen! Das war vertraglich geregelt und so gern ich Bella mochte, lohnte es für ein paar Stunden nicht, dies zu ignorieren.

Meine Augen verengten sich bei dem Gedanken, dass mich dieser Umstand davon ausschloss, Bellas Nähe zu suchen. Mit ironischem Lächeln, weil ich wieder an Mikes gedankliche Warnung denken musste, meinte ich: „Ich kann mich gar nicht erinnern, eingeladen worden zu sein."
Seufzend stellte Bella fest: „Doch. Gerade eben. Von mir."

Obwohl es mir ungeheures Vergnügen bereitet hätte Mike zu ärgern, indem ich am Samstag aufgekreuzt wäre, machte es mir der Umstand ihres Zieles einfach unmöglich, wenn ich keinen Streit zwischen meinem Clan und den Indianern riskieren wollte. Ich fürchtete, Bella konnte mein Vergnügen an der Idee in meinen Augen tanzen sehen, denn so leicht entging ihr nichts, als ich vernünftig erklärte: „Ich finde, wir beide haben den armen Mike in dieser Woche schon genug provoziert. Nicht, dass er uns noch durchdreht."

„Ach was – Mike", maulte sie, was meinen Herzschlag vor Freude zum Aussetzen hätte bringen können, wenn ich einen gehabt hätte. Entschuldigt, dass ich das immer wieder erwähnen muss, aber ihr dürft nicht vergessen, dass es für einen Vampir nicht einfach ist, verliebt zu sein, wo man kein Herzrasen, Erröten etc. hat, was bei Normalsterblichen darauf hinweist. Andererseits konnte ich mich so auch nicht verraten, was, genau betrachtet, vielleicht auch nicht das Schlechteste war!

In diesem Augenblick erreichten wir den Parkplatz und Bella steuerte auf ihren Transporter zu. An der Jacke hielt ich sie zurück und fragte entrüstet, weil sie mir entkommen hatte wollen: „Wo willst du denn hin?"
„Nach Hause?"
„Hast du nicht gehört? Ich hab versprochen, dich sicher heimzubringen. Meinst du, ich lass dich in diesem Zustand fahren?" Mein Tonfall klang sicher aufgebracht, da ich in Sekundenschnelle Bilder einer verunglückten Bella vor Augen gehabt hatte, die auf dem Heimweg überm Steuer ohnmächtig geworden und gegen irgendwas gekracht war.

„Was denn für ein Zustand? Und was soll mit meinem Transporter passieren?", sträubte sie sich.
„Ich sag Alice, dass sie ihn nach der Schule zu dir fahren soll." Und ohne auf weitere Proteste zu achten, zog ich sie an ihrer Jacke zum Auto.
„Lass mich los", verlangte sie. Das tat ich, allerdings erst, als sie an der Beifahrertür meines Volvo stand.
„Du bist so was von bestimmend", hörte ich Bella grummeln, während ich die Tür aufschloss.

„Es ist offen", erwiderte ich nur und stieg ein. Durch die geschlossene Tür hörte ich sie protestieren: „Ich bin sehr wohl in der Lage, selber nach Hause zu fahren!"
Das du immer so starrköpfig sein musst! Ihr Haar glänzte bereits nass, da es inzwischen stärker regnete und sie ihre Kapuze nicht aufgesetzt hatte. Ich ließ das Fenster ein Stück hinunter und rief: „Steig ein, Bella."

Ich erhielt keine Antwort, nur an ihren Augen konnte ich erkennen, dass sie versuchte ihre Chance zu „errechnen" an ihr Auto zu kommen.
„Ich hol dich sowieso wieder zurück", drohte ich ihr. Endlich gab Bella nach und stieg ein. Sie sah aus wie eine gebadete Katze, völlig unnötig, wenn sie gleich eingestiegen wäre. Trotzdem hielt sie an ihrer Würde fest und behauptete steif: „Das ist vollkommen unnötig."

Ich ersparte mir eine Erwiderung, sondern startete den Motor, stellte Licht an, drehte die Heizung hoch und die Musik leiser. Eine zeitlang blieb es ruhig im Wagen. Anscheinend schmollte meine Beifahrerin. Wir lauschten der Musik und schließlich stellte Bella überrascht fest: „Claire de lune?" Es erstaunte mich, dass sie Debussy kannte. Das schien sie mir anzumerken und so gestand sie: „Nicht gut. Meine Mutter hört viel Klassik zu Hause – ich kenne nur meine Lieblingsstücke."

„Das ist auch eines meiner Lieblingsstücke." Ich fühlte mich Claude Debussy schon lange verbunden, waren wir doch im gleichen Jahr gestorben. Er an einem Krebsleiden, ich an der spanischen Grippe. Leider hatte der Komponist keinen Carlisle Cullen getroffen, der ihm Unsterblichkeit verleihen konnte. Doch seine Musik war es geworden, wenn er auch den Durchbruch mancher seiner einzigartigen Stücke nicht mehr erlebt hatte.

Eine Weile fuhren wir schweigend durch den Regen, gewohnheitsmäßig schnell, aber in gleichmäßigem Tempo. Wir kamen durch die Stadt und ich beschloss die Stille zu brechen. „Was ist deine Mutter für ein Mensch?", wollte ich plötzlich von Bella wissen. Eine Frau ihrer Generation, die gern klassische Musik hörte, wirkte interessant, vor allem da sie Bella damit geprägt hatte.

Mein neugieriger Blick begegnete dem ihren, bevor sie sagte: „Sie sieht aus wie ich, nur hübscher." Statt zu sagen: „Ich finde dich sehr hübsch!", zog ich zweifelnd eine Augenbraue nach oben.
„In mir steckt zu viel von Charlie. Sie ist extrovertierter als ich, und mutiger. Sie ist unverantwortlich und ein klein wenig exzentrisch, und eine ziemlich unberechenbare Köchin. Sie ist meine beste Freundin."
Ich spürte, dass sie immer trauriger wurde, je mehr sie von ihr sprach. Das Bild, das sie von ihrer Mutter malte, entsprach der Vorstellung, die ich mir anhand Esmes Erzählung von ihr gemacht hatte. Mir fiel ein, wie meine Adoptivmutter davon gesprochen hatte, dass das Mädchen neben mir sich besser um seinen Vater kümmerte, als seine Ex- Frau es je getan hatte.

„Wie alt bist du, Bella?", fragte ich und konnte dabei die Niedergeschlagenheit nicht verhehlen, die mich befallen hatte bei dem Gedanken, dass sie keine harmonische und glückliche Kindheit gehabt haben konnte, bei einer Mutter, die selbst noch ein Kind zu sein schien.

Inzwischen hatten wir das Haus der Swans erreicht. Durch den noch stärker gewordenen Regen war es kaum zu erkennen. Wie in einer schützenden Blase saßen wir, und ich erwartete Bellas Antwort.
„Siebzehn", erwiderte sie etwas verwirrt. Sicher dachte sie, dass ihr Alter offensichtlich wäre, da wir in der gleichen Klassenstufe waren. Aber ich hatte nach ihrem „inneren" Alter gefragt, getreu der Weisheit: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Wenn man einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, so wie ich, kann sich das Alter stündlich ändern. Ich entgegnete jedoch: „Du wirkst nicht wie siebzehn."

Sie lachte und ich wusste nicht warum, deshalb fragte ich neugierig: „Was denn?"
„Meine Mom sagt immer, dass ich mit 35 geboren wurde und seitdem auch nicht jünger geworden bin." Bella lachte erneut und ergänzte dann seufzend: „Na ja, einer von uns muss ja erwachsen sein." Das fand ich traurig und da sie verstummte, hatte ich einen Augenblick Zeit mir den Umstand nochmals durch den Kopf gehen zu lassen. Dann erschreckte sie mich mit der Feststellung: „Du wirkst auch nicht wie ein typischer Schüler."

Das bin ich seit achtzig Jahren auch nicht mehr, dachte ich, verzog aber nur den Mund und wechselte das Thema.

„Also – warum hat deine Mutter Phil geheiratet?"
Sie dachte eine Weile nach. Musste sie die Gründe überlegen, warum ihre Mutter den Baseballer geheiratet hatte oder war sie überrascht, weil ich mich an den Namen des jungen Spielers erinnert hatte, von dem wir vor zwei Monaten zuletzt gesprochen hatten?

Kopfschütteln antwortete Bella schließlich: „Meine Mutter ... sie ist sehr jung für ihr Alter. Ich glaube, dass sie sich mit Phil sogar noch jünger fühlt. Auf jeden Fall ist sie verrückt nach ihm." Meiner Meinung nach, war das keine gute Basis für eine Ehe und meine Beifahrerin klang auch nicht so, als verstände sie ihre Mutter in dieser Beziehung.

„Und – hat sie deinen Segen?", wollte ich wissen.
Bella konterte: „Spielt das eine Rolle? Ich will, dass sie glücklich ist ... und er ist das, was sie will."
Für mich stand fest, das Bellas Mutter der egoistischste und unmütterlichste Mensch war, von dem ich gehört hatte. Noch nie war mir eine Mutter begegnet, die das Wohl ihres Kindes nicht vor ihr eigenes gestellt hätte. Keine Mutter, von der ich wusste, hätte ihr Kind gehen lassen, um mit einem jüngeren Mann das eigene Alter vergessen zu machen. Von Männern aus der Midlife- Krise war man das gewohnt, doch von Frauen? Ich merkte Bella die Wunden an, die es ihr geschlagen hatte, wenn sie es selbst auch vielleicht nur bedingt wahrnahm.

„Das ist sehr großzügig ... Ich frag mich ...", sinnierte ich.
„Was?"
„Ob sie wohl genauso großzügig wäre, wenn es um dich geht? Was meinst du – wäre es ihr egal, wen du dir aussuchst?" Zum Beispiel einen Vampir? Dabei fixierte ich ihren Blick mit meinem und brachte sie mit der eindringlichen Fragestellung zum stammeln.

„Äh, glaub schon. Allerdings ist sie meine Mutter – das ist ein bisschen was anderes."
„Aber niemand allzu Beängstigendes, nehme ich an?"
Bella erwiderte grinsend: „Was meinst du mit beängstigend? Zwei Dutzend Piercings im Gesicht und Tätowierungen bis zum Kinn?"
„Zum Beispiel. Aber nicht nur." Ich meine eher eine kalte, steinharte, blutsaugende Kreatur wie mich, die es nach deinem Lebenssaft dürstet und die dich liebt, wie es noch nie etwas anderes auf der Welt geliebt hat!

„Was noch?"
„Glaubst du, ich könnte beängstigend sein?", wollte ich von ihr wissen, statt ihre Frage zu beantworten. Während sie überlegte, stimmte der Gedanke, dass sie nicht sogleich ein „Ja" hervor gestoßen hatte, mich heiter und meine Miene hellte sich auf.
„Hmmm ... ich würde sagen, du könntest beängstigend sein, wenn du es darauf anlegst." Ich hörte ihrem Ton an, dass Bella ihre ehrliche Meinung sagte.
Mit neuem Ernst in der Stimme fragte ich: „Und hast du jetzt Angst vor mir?"
„Nein", kam es wie aus der Pistole geschossen und mein Lächeln kehrte zurück.

„Erzählst du mir jetzt was über deine Familie? Das ist sicher viel interessanter als meine Geschichte."
Ich wurde wachsam. Bei Bella musste ich auf der Hut sein. Zu schnell durchschaute sie mich und so erkundigte ich mich zögerlich: „Was willst du wissen?"
„Die Cullens haben dich adoptiert?"
„Ja."

Nach kurzer Pause fragte sie: „Was ist mit deinen Eltern passiert?"
Sie starben an den spanischen Grippe, die schon lange "ausgerottet" ist, vor achtzig Jahren. Ich war damals siebzehn und bin es heute noch!

„Sie sind vor vielen Jahren gestorben", erklärte ich trocken und sachlich.
„Das tut mir leid", murmelte Bella.
Sie waren wundervolle Eltern, siebzehn Jahre lang.
„Ich erinnere mich kaum an sie. Carlisle und Esme sind seit langem meine Eltern."
Zu lang ist es her, dass sie gestorben sind. So viele andere Erinnerungen verwischen ihr Bild.

Bella sprach das Offensichtliche aus: „Und du liebst sie."
So wie ich von ihnen sprach, konnte ich es nicht abstreiten: „Ja. Ich kann mir keine besseren Menschen vorstellen als die zwei." Oder besseren Vampire!
„Du hast großes Glück."
So muss es dir scheinen! „Ja, ich weiß."
„Und dein Bruder und deine Schwester?"

Nach einem Blick auf die Uhr im Armaturenbrett stellte ich fest: „Mein Bruder und meine Schwester, genauso wie Jasper und Rosalie, werden ziemlich sauer sein, wenn sie im Regen auf mich warten müssen.
Ich bedauerte Bella verlassen zu müssen, andererseits war sie mit ihren Fragen gefährlich tief ins Leben der Cullens vorgedrungen. Und in ihrer Gegenwart war ich nicht schlagfertig wie gewöhnlich.

„Oh, tut mir leid, du musst los", sagte sie und klang ebenfalls bedauernd.
Grinsend erwiderte ich: „Und du willst wahrscheinlich deinen Transporter hier stehen haben, bevor Chief Swan heimkommt, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, ihm von der heutigen Biostunde erzählen zu müssen."
Seufzend meinte Bella: „Ich bin mir sicher, er weiß längst Bescheid – es gibt keine Geheimnisse in Forks."

Außer den sieben Vampiren die hier leben! Der Gedanke ließ mich ein nervöses Lachen ausstoßen und mit einem Blick in den strömenden Regen wünschte ich: „Viel Spaß am Strand ... prima Wetter zum Sonnen."
„Sehen wir uns nicht morgen?"
„Nein. Emmett und ich beginnen das Wochenende etwas früher." Der Entschluss war eben in diesem Moment erst in mir gereift. Ich brauchte einen Tag Abstand von Bellas bohrenden Fragen und halbwissenden Blicken. Mein „großer" Bruder würde jederzeit bereit sein als mein Alibi einen Tag mit mir zu schwänzen.

„Was habt ihr vor?" Bildete ich mir das nur ein, oder klang ihre Frage ein wenig enttäuscht? Ein Grund mehr einen Tag mehr Abstand zwischen uns zu bringen. Bella konnte sich mir anscheinend ebenso wenig entziehen, wie ich ihr.
„Wir gehen wandern, in der Goat Rocks Wilderniss, südlich von Mount Rainier", verkündete ich spontan.
„Oh, na ja, viel Spaß." Ihre vorgespielte Begeisterung brachte mich zum lächeln und mit vor Freude darüber glühenden Augen fragte ich: „Tust du mir einen Gefallen am Wochenende?"

Sie nickte nur und ich sagte, mit einem schiefen Lächeln,: „Sei bitte nicht beleidigt, aber du bist offensichtlich einer dieser Menschen, die Unfälle magisch anziehen. Also ... versuch bitte, nicht in den Ozean zu fallen oder dich von irgendwas überfahren zu lassen, ja?" Vielleicht sollte ich Alice mit einem Blick in die Zukunft beauftragen?!

Anscheinend war Bella doch beleidigt, denn wütend fauchte sie mich an: „Mal sehen, was sich machen lässt." Sie sprang aus dem Auto und schlug die Tür mit ungeahnter Kraft hinter sich zu. Ihre Trotzreaktion brachte mich zum lächeln und so fuhr ich davon.