Die Twilight- Saga, ihre Personen, Handlungen und Dialoge gehören Stephenie Meyer.
Es hat leider etwas gedauert bis Kapitel 6 fertig war. Es ist leider nicht so umfangreich geworden, wie ihr feststellen werdet, denn ich hatte leider in den letzten Tagen nicht viel Zeit zum Schreiben. Außerdem geht es im Originalbuch ausschließlich um Bella und da konnte ich aus Edwards Sicht nicht viel interpretieren. Er war ja nicht dabei. Ich hoffe das Kapitel entschädigt euch trotzdem für die Wartezeit und ihr versüßt mir das Weiterschreiben mit ein paar Reviews!
Schauergeschichten
Auf dem Rückweg zur Schule überlegte ich, warum meine Bitte Bella so aufgeregt hatte. Es war schließlich offensichtlich, dass sie zu Unfällen neigte. Sollte sie sich nicht eigentlich freuen, dass ich mir Sorgen um sie machte? Oder hatte ich, unbeabsichtigt, ihrem Selbstvertrauen einen Dämpfer verpasst? Ich fürchtete, das in dieses Chaos weiblicher Emotionen nur eine Klarheit schaffen konnte: Alice.
Pünktlich zum Unterrichtsende erreichte ich die Forks High School und erwartete meine Geschwister. Alice war zum Glück die erste am Auto und ich reichte ihr Bellas Autoschlüssel. Den hatte ich ihr blitzschnell aus der Jackentasche gezogen, als ich sie vor einer knappen Stunde zu meinem Volvo gebracht hatte. Selbst wenn sie mir also zu ihrem Chevy entkommen wäre, hätte ihr das ohne den Schlüssel rein gar nichts genutzt.
„Würdest du bitte Bella ihr Auto bringen?", bat ich Alice. In ihren Gedanken las ich Verwunderung und so erklärte ich: „Bella ist in Bio übel geworden. Da habe ich sie nach Hause gebracht."
„Blutgruppenbestimmung?", tippte meine Schwester goldrichtig und ich beschränkte mich auf ein Nicken als Antwort. Alice hatte sich, in kluger Voraussicht auf solche „menschlichen Experimente", für Chemie als Naturwissenschaftsfach entschieden und glänzte darin genauso wie in jedem anderen Fach. Sie hatte allerdings auch eine ganz besondere Begabung in dieser Richtung, die aus ihrem früheren Leben zu stammen schien. Und Alice hatte sie genutzt: theoretisch besaß sie einen Doktortitel und wäre für jedes Labor eine wertvolle Angestellte. Letzterem wäre ihre Vorhersagungsgabe ebenso dienlich gewesen.
Aus einer Fortsetzung des Gesprächs wurde vorerst nichts, denn nun kamen auch Jasper, Rosalie und Emmett. Erstaunt sahen sie zu, wie Alice nicht bei uns einstieg, sondern zu Bellas Wagen schlenderte. Ich erklärte ihnen die Situation und parkte aus. In gewohnt rasantem Tempo fuhren wir nach Hause, wo ich meine Geschwister absetzte. Anschließend lenkte ich den Volvo zum zweiten Mal an diesem Tag zum Haus der Swans, um Alice abzuholen.
Kurz nach ihr traf ich beim Wohnsitz des Polizeichefs ein. Alice deponierte den Wagenschlüssel auf der Fußmatte an der Eingangstür und stieg zu mir ein.
„Sie riecht wirklich äußerst lecker", war ihr erster Kommentar. „Aber das Auto ist eine echte Zumutung."
Ich musste lächeln. Alice hatte eine Schwäche für schnelle, schnittige Autos und so musste ihr die Fahrt im Chevy wie die mit einem temporeduzierten Behindertenfahrzeug vorgekommen sein.
„Trotzdem danke. Du hast was gut bei mir", sagte ich.
„Das merk ich mir. Ich komme bei Gelegenheit darauf zurück", erwiderte sie. „Und nun erzähl: was sollte das heute Mittag? Hast du den Verstand verloren? Wochenlang streichst du wie ein liebeskranker Kater nur um Bella herum und heute winkst du sie an deinen Tisch?"
„Ich habe kapituliert", gestand ich Alice. „Ich kann mich einfach nicht von ihr fern halten. Aber ich habe sie gewarnt. Nicht nur einmal, schon wochenlang. Aber irgendwie scheint sie sich von mir genauso angezogen zu fühlen, wie ich mich von ihr."
Alice schnaubte entrüstet: „Witzbold! Schon vergessen: du bist ein Vampir! Es gehört zu deinen gottverdammten Eigenschaften anziehend auf Menschen zu wirken. Willst du das Risiko enttarnt zu werden wirklich eingehen. Denk an meine Vision. Wenn du dich mit Bella einlässt, erfährt sie, was du bist. Sie kann uns alle in Gefahr bringen."
„Mein Gott, Alice, glaubst du nicht, dass ich mir das selbst nicht schon hundert oder tausend Mal selbst gesagt habe. Aber ich liebe sie. Wenn sie sich nicht von mir fern hält, nimmt das Schicksal diesen Lauf!"
Meine Schwester schien ein wenig schockiert von meinem Geständnis. Außer Esme hatte bisher niemand etwas von meinen tiefen Gefühlen für Bella erfahren, es sei den Jasper hatte in meinen Gefühlen gestöbert. Daran glaubte ich allerdings weniger, denn dann wäre Alice vorgewarnt gewesen. Außerdem setzte Jasper seine Gabe nur spärlich und diskret ein, was ich ihm hoch anrechnete.
„Und die Gefahr, die sie für dich bedeutet? Was ist, wenn du die Kontrolle verlierst? Wie hast du es überhaupt so lang in ihrer Nähe aushalten können, in der Nähe dieses verführerischen Geruches?", wollte Alice wissen.
„Es fällt mir leichter seit ich beschlossen habe meine Gefühle zuzulassen", erwiderte ich.
„Trotzdem ist es leichtsinnig. Und wenn ich das schon so sehe, was werden erst die anderen sagen!" „Ich weiß das, Alice. Und darum werde ich versuchen mich wieder etwas von Bella zu distanzieren. Vielleicht erkennt sie ja doch noch, dass ich nicht gut für sie bin!"
„Distanzieren? Das ich nicht lache! Jede Nacht stehst du an ihrem Bett!"
„Davon weiß sie nicht, also zählt es nicht", versuchte ich mich heraus zu winden.
„Für mich ist das kein Argument, Edward Cullen!"
„Ja, ok, ein Versuch war es aber wert", erklärte ich in scherzendem Tonfall. Doch Alice ging nicht darauf ein, sondern wollte ernst wissen: „Wie stellst du dir das in Zukunft vor?"
„Ich sehe Bella die nächsten drei Tage nicht." Alice sah mich fragend an und so erklärte ich ihr, dass ich vorhatte mit Emmett auf einen Jagdausflug zu gehen.
„Und du wirst nachts nicht zu ihr gehen?", bohrte sie nach.
„Nein. Dafür musst du mir versprechen ein Auge auf sie zu haben."
Alice seufzte und versprach es. „Es wäre alles viel einfacher, wenn du dich in eine von uns verliebt hättest", stellte sie fest.
„Die waren mir zu hart und kalt", wagte ich erneut einen Scherz, doch Alice reagierte nicht darauf. In Gedanken versunken sah sie aus dem Fenster auf die vorbei rauschenden Bäume. Ich wendete mich von diesen ab. Es wäre unfair gewesen sie zu lesen, denn ich wusste, dass es Alice ganz private Gedanken waren und was sie mich davon wissen lassen wollte, würde sie mir sagen.
Wir waren fast an unserem Haus, als Alice das Gespräch wieder aufleben ließ: „Ich helfe dir, Edward. Ich habe ein Auge auf Bella, damit du beruhigt sein kannst und keine Dummheiten machst. Es wird kommen, was kommen muss. Du hast dich entschieden, und ich sehe, dass es wahrscheinlich nichts gibt, was jetzt noch etwas ändern könnte."
„Ich revanchiere mich irgendwann dafür, Alice", erwiderte ich dankbar.
„Dann sind wir schon bei zwei Gefälligkeiten", stellte Alice fest und sprang aus dem Volvo, den ich just in dem Augenblick eingeparkt hatte. Sie ging zum Haus und mir fiel ein, dass ich sie nun gar nicht wegen Bellas Reaktion auf meine Bitte vorsichtig zu sein, befragt hatte. Aber vielleicht war es auch wieder gut so. Wahrscheinlich hätte ich Alice damit zu sehr genervt und es war günstiger, ich fragte Esme um ihre Meinung. Sie hatte schließlich genauso viel Einblick in die weibliche Psyche wie meine Schwester.
Ich ging ins Haus und traf auf Emmett. „Was hälst du von einem kleinen Jagdausflug dieses Wochenende?" wollte ich von ihm wissen?
"Was jagen wir denn?"
Ich wusste, dass ich Emmett den richtigen Anreiz liefern musste, deswegen hatte ich die Goat Rocks Wilderness gewählt.
"Bären", kombinierte er folgerichtig, als ich ihm das vorgesehene Ziel nannte. "Du kannst auf mich zählen! Wann gehts los?"
"Bei Einbruch der Dunkelheit."
"Oho, du lässt einen Schultag mit Bella sausen?! Hat sie dich heute Mittag geärgert?" Er war sichtlich amüsiert über seinen Gedanken. Das sah ich ihm an.
"Nein, ich brauche bloß mal eine Abwechslung."
Doch Emmett durchschaute mich!
"Abwechslung - das ich nicht lache. Aber für eine ordentliche Ration Bärenblut soll es mir recht sein."
Damit ging er ins Haus. Seine Gedanken verrieten mir, dass er sich von Rosalie verabschiefen wollte. Das würde einige Zeit in Anspruch nehmen wie ich die Potenz meines Bruders kannte. Ihn von seiner Gefährtin zu trennen war immer ein hartes Stück Arbeit. Keiner hätte vermutet, dass der toughe Kerl, als der er sich gern ausgab, so sehr an einem anderen Menschen hängen könnte. Gut, genau betrachtet, an ein Vampir, aber in Liebesdingen unterschieden wir uns nur unwesentlich von den Menschen. Der wesentlichste Unterschied war vielleicht, dass wir in körperlichen Dingen viel mehr Ausdauer bewiesen. Emmett und Rosalie hatten darin schon Rekorde aufgestellt und wie ich die beiden kannte, würden sie die nächsten Stunden versuchen diesen zu brechen. Ich wollte mir das lieber nicht vorstellen
In meinen siebzehn menschlichen Lebensjahren war ich nur einmal verliebt gewesen. An das Mädchen hatte ich fast keine Erinnerung mehr. Nur verschwommen konnte ich mir ihr Bild vor Augen rufen. Sie war fünfzehn gewesen, hatte durch ihre Art viel älter gewirkt und sich auch so gegeben. Sie, ihr Name war Margarete gewesen, hatte im Nachbarhaus gewohnt und ich hatte sie oft heimlich beobachtet, wenn sie mit ihren Freundinnen im Garten saß. Gesprochen hatten wir nie miteinander.
Meine einzige Liebeserfahrung als Vampir bestand in einer kurzen und leidenschaftlichen Affäre mit Tanya Denali, die wir als Cousine ansahen. Sie lebte mit ihrem Clan genauso von tierischem Blut wie wir. Meinerseits waren keine Gefühle im Spiel gewesen und so hatte ich schnell einen Schlussstrich gezogen, bevor Tanya zu viel Emotionen entwickelte.
Umso mehr verwirrten mich jetzt meine Gefühle für Bella. Sollten sie dieser tiefen, unverbrüchlichen Natur wie die meiner Familienmitglieder sein, wäre ich mein restliches Leben an dieses schüchterne, zarte Mädchen gebunden. Nun ja, eher den Rest ihres Lebens. Ich würde sie eines Tages verlieren, aber mir wurde klar, dass ich den unweigerlich aus ihrem Verlust resultierenden Schmerz in Kauf nehmen würde für einige erfüllte Jahre mit ihr zusammen.
"Warum kommst du nicht ins Haus, Edward?", holte mich eine Stimme aus meinem Überlegungen. Esme hatte sich gewundert, weil ich nicht mit meinen Geschwistern herein gekommen war. Wäre ich nicht zu sehr von meinen eigenen Gedanken gefangen gewesen, hätte ich ihre besorgte Stimme vernommen.
"Ich habe gerade über etwas nachgedacht", erklärte ich.
"Bella", tippte sie ins Schwarze. Esme kannte mich inzwischen fast so gut wie Alice. Ich nickte bestätigend.
Schweigend wartete meine Adoptivmutter, ob ich mehr dazu sagen würde. Ich wußte ihre unaufdringliche Art zu schätzen. Ich wußte, sie würde immer ein offenes Ohr für mich haben, aber nie versuchen Dinge aus mir heraus zu quetschen, die ich nicht preisgeben wollte.
"Ich habe kapituliert", gestand ich ihr, so wie vor einiger Zeit Alice. Fragend zog Esme eine Augenbraue hoch."Ich kann mich einfach nicht länger von Bella fern halten. Also versuche ich es auch nicht mehr. Statt dessen gebe ich ihr die Chance mich zu meiden."
"Glaubst du das wird ihr gelingen?", fragte Esme. Als Antwort zuckte ich mit den Schultern. Ich wußte es selbst nicht und Esme schien mir das anzusehen.
"Willst du überhaupt, dass sie sich dir fern hält?"
"Nein", stöhnte ich auf und schlug, ein wenig verzweifelt über den Zwiespalt, der sich mir eröffnet hatte, die Hände vor die Augen.
Esme legte mir tröstend einen Arm um die Schulter. Ich blickte sie an und das mütterliche Lächeln auf ihrem Gesicht drückte Verständnis aus. Wieder einmal erschien es mir, als könnte sie mir ins Herz blicken.
"Du wirst das richtige tun, Edward", erklärte sie überzeugt. "Wenn sich Bella in dich verliebt, kannst du es nicht ändern. Vielleicht seid ihr für einander bestimmt. Seinem Schicksal entkommt man nicht." Diese Überzeugung hatte sich Esme in den sechzig Vampirjahren zugelegt. Ihre Gedanken kehrten in diesem Augenblick zu ihrem menschlichen Leben zurück.
Sie war fünfundzwanzig, eine junge Frau auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit. Die Gesellschaft bewunderte sie für ihr tadelloses Aussehen, ihre perfekten Manieren, ihre elegante Ausstrahlung und das Ansehen ihrer Familie. Niemand ahnte, dass Esme an einer unerfüllten Liebe litt. Ihr Herz gehörte einem Geschäftsfreund ihres Vaters, der fast doppelt so alt war wie sie. Natürlich war er verheiratet und hatte Kinder, Kinder in Esmes Alter, und Enkel. Doch für eine Affäre mit der bezaubernden jungen Frau war er sich nicht zu fein. Es kam, was kommen musste. Esme wurde schwanger. Ihre Familie war entsetzt und stellte ihr ein Ultimatum: Abtreibung oder Verstoß!
Esme entschied sich für das Kind ihrer Liebe. Ohne Unterstützung ihrer Familie und nur mit einem lächerlichen Geldbetrag ihres Liebhabers ausgestattet, landete sie in einer schäbigen Pension, wo sie die folgenden Monate der Schwangerschaft eher vor sich hin vegetierte als lebte.
Im letzten Schwangerschaftsmonat wachte sie eines morgens mit starken Krämpfen auf. Sie glaubte es wären die Wehen und zog sich an, um ins Krankenhaus zu gehen. Kaum hatte sie sich vom Bett erhoben, sank sie jedoch auf dem Boden zusammen. Eine Welle Blut schoss zwischen ihren Beinen hervor und tränkte den schäbigen Läufer, auf dem sie lag. Mühsam zog sie sich am Bett hoch und rief um Hilfe. Zu ihrem Glück waren die Wände nicht dick und die Bewohnerin des Nachbarzimmers hörte sie.
Es war eine ältliche Prostituierte, die Esme kaum kannte, aber sie rettete ihr das Leben. Ella, wie sich nannte, hatte selbst einige Fehlgeburten und Schwangerschaftsabbrüche hinter sich und erkannte die Gefahr, in der Esme schwebte. Sie organisierte einen Rettungswagen und kümmerte sich bis zu dessen Eintreffen um die Schwangere. Für das Baby jedoch war es zu spät. Es musste im Krankenhaus durch einen Notkaiserschnitt entbunden werden und war bereits tot als es ans Licht der Welt kam.
Esme verzweifelte und kaum das sie die nötige Kraft zum Aufstehen hatte, verließ sie das Krankenhaus. Ihr letztes Geld investierte sie in ein Taxi zum Meer. Mit der Kraft der Verzweiflung schleppte sie sich auf die Klippen und stürzte sich ins nächste Erinnerung bestand in dem Schmerz, der durch ihren Körper gejagt war, nachdem Carlisle sie gebissen hatte. Es hatte lang gedauert bis sie den Schmerz über den Verlust ihres Kindes überwunden hatte. Die Liebe zu Carlisle zu entdecken, dauerte noch länger. Anfangs war sie unentschlossen gewesen, ob sie ihm für das von ihm zugedachte Schicksal dankbar sein sollte oder ob sie ihn dafür hassen sollte. Doch Carlisle, der sich auf den ersten Blick in sie verliebt hatte, als sie durchnässt und zerschlagen wie eine weggeworfene Puppe im Krankenhaus eingeliefert worden war, zeigte Geduld. Er gab ihr die Zeit, die sie brauchte, um ihr Schicksal zu akzeptieren und umwarb sie liebevoll.
Esme entschädigte ihn dafür mit einer tiefen, bedingungslosen Liebe, nachdem sie ihre Vergangenheit zurückgelassen und ihre Vampirkräfte beherrschen gelernt hatte.
Nun kehrte sie in die Gegenwart zurück und fragte: "Was wirst du tun?"
"Ich halte mich drei Tage von Bella fern. Sie geht am Wochenende mit ein paar Mitschülern nach La Push. Vielleicht vergißt sie mich über die Abwechslung hinweg und das Problem löst sich von allein." Bei dem Gedanken krampfte sich mir das Herz zusammen, aber ich war bereit auf Bella zu verzichten, zu ihrem eigenen besten.
"Das ist sicher eine gute Idee. Wie willst du das anstellen?", erkundigte sich Esme.
"Ich geh mit Emmett auf Bärenjagd. Gleich heute, bei Einbruch der Nacht."
"Die armen Bären", erwiderte Esme schmunzeln. "Und es erklärt, warum er vorhin Rosalie so eilig nach oben entführt hat."
Bei der Weiterführung dieses Gedanken schoss mir unweigerlich Bellas Bild durch den Kopf. So würde es zwischen uns nie sein können! Es war dumm von mir auf eine Beziehung mit diesem zauberhaften Wesen zu hoffen. Ich würde entweder höllisch aufpassen müssen, was ich tat, oder sie unweigerlich verletzen. Wenn ich sie wirklich liebte, durfte ich das gar nicht erst riskieren, ergo musste ich sie von mir fern halten. Nein, sie musste sich von mir fern halten! Denn ich hatte ja schon bewiesen, dass meine Widerstandskraft keineswegs vampirstark war!
"Ich geh jetzt auf mein Zimmer", informierte ich Esme und lief ins Haus. Mitfühlend sah sie mir nach, ich erkannte es aus dem Augenwinkel auf ihrem Gesicht und hörte es in ihren Gedanken.
In meinen eigenen vier Wänden warf ich mich aufs Sofa, setzte Kopfhörer auf und schaltete per Fernbedienung die Stereoanlage an. Wie im Auto lag auch hier eine CD von Debussy im Player und ich stellte eine Endlosschleife von "Claire de lune" ein. In der Erinnerung, wie wir im Volvo gemeinsam dieses Stück gehört hatten, konnte ich ihr nah sein.
In Momenten wie diesen wünschte ich schlafen zu können. Es verhieß Vergessen! Es quälte mich an Bella zu denken, andererseits wollte ich nicht damit aufhören, konnte ich gar nicht aufhören an sie zu denken. Immer neue Gesten, die ich heute an ihr beobachtet hatten, zogen an mir vorbei. Das ein oder andere Mal musste ich über Bemerkungen und Reaktionen, die sie gemacht hatte, lächeln. Sie war wirklich faszinierend, wenn man so über sie nachdachte. Und viel zu gut für die Trottel, die auf der Forks High School herumliefen! Sie verdiente einen besonderen Partner. Ich war besonders, das war nicht abzustreiten. Aber ich war auch gefährlich, für sie vielleicht zu gefährlich. Nein, nicht vielleicht. Ich war es ganz bestimmt. Die ganze Situation hatte das Potential in einer Katastrophe zu enden.
In meine Überlegungen versunken bemerkte ich kaum, wie es dämmriger wurde. Ein Poltern an der Tür riss mich aus meinen "Träumen".
"Kann es losgehen?", rief Emmett, die Tür aufreissend. Obwohl er den Nachmittag keineswegs so geruhsam verbracht hatte wie ich, strotzte er vor Energie.
Ich nickte zustimmend und sprang auf. Nachdem ich die Stereoanlage ausgeschaltet hatte, folgte ich meinem Bruder nach unten, wo sich die restliche Familie im Wohnzimmer vor dem Fernseher versammelt hatte.
"Ich habe gehört ihr geht Bären jagen?", wendete sich Carlisle an mich. In seinen Gedanken las ich, dass er von Esme über die Hintergründe unseres Ausfluges informiert."Ja, bis Sonntag", informierte ich ihn. Nicht, dass ich dazu verpflichtet gewesen wäre, schließlich konnte man ihn kaum als meinen Erziehungsberechtigten bezeichnen, wenn er als solcher auch in der Öffentlichkeit galt.
"Viel Erfolg", erteilte er uns seinen "väterlichen Segen".
Emmett und Rosalie versanken nochmals in eine feste Abschiedsumarmung, ich erinnerte Alice an ihr Versprechen ein Auge auf Bella zu haben, dann verließen Emmett und ich das Haus. In wortloser Übereinkunft beluden wir seinen Jeep mit einer kleinen, aber qualitativ hochwertigen Campingausrüstung. Auch wenn wir Vampire wind- und wetterfest waren, schien es angebracht zur Tarnung eine solche dabei zu haben, sollte es menschliche Begegnungen geben. Wir versuchten diese zwar zu meiden, aber ausgeschlossen war es nicht, da die Goat Rocks Wilderness ein beliebtes Jagdgebiet war.
Emmett setzte sich ans Steuer, ich kletterte auf den Beifahrersitz und hatte kaum die Tür geschlossen, als mein Bruder auch schon aufs Gaspedal trat und der Wagen davonschoss.
"Ganz sicher, dass du nicht noch einen letzten Blick auf Bella riskieren willst?", stichelte er. "Nein, los fahr!", antwortete ich, wäre ich ein Mädchen hätte man meinen Tonfall dabei sicher als zickig bezeichnet.
Der Fahrstil meines Bruders stand meinem in Verwegenheit und Tempo keineswegs nach und so erreichten wir unser knapp 300 Meilen entferntes Ziel in zwei Stunden. Wir parkten, der Unauffälligkeit halber, auf einem ausgewiesenen Besucherparkplatz und schlugen uns dann mit unserem Gepäck in die Wildnis. Die Dunkelheit war dabei für uns kein Problem. Dank unseres guten Sehvermögens gelangten wir problemlos über Stock und Stein, unser übernatürlicher Geruchsinn wies uns menschenleere Pfade. Nach einer halben Stunde Fussmarsch in nahezu menschlicher Geschwindigkeit - wozu hetzten, wo wir alle Zeit der Welt hatten - errichteten wir unser Lager auf einer winzigen Lichtung.
Kaum stand das Zelt und war mit zwei Schlafsäcken ausgerüstet, trieb es Emmett zur Jagd. Bären waren seine erklärten Lieblinge. Ich vermutete, dass das daran lag, dass ihm einer zum Verhängnis geworden war. Nun rächte er sich an jedem verfügbaren Exemplar und ich hatte dieses Wissen zu meinen Gunsten ausgenutzt.
Etwas lustlos begleitete ich ihn auf die erste Tour, die uns schon bald zum Versteck eines Bären brachte. Der lag schlummernd in seiner Höhle, die er wahrscheinlich auch zum kürzlich beendeten Winterschlaf genutzt hatte, und verdaute sein Abendmahl, das er in der Dämmerung gefangen haben musste. Schlafende Bären auszusaugen verstieß allerdings gegen Emmetts "Berufsehre" und so machte er sich einen Spaß daraus das Tier zu wecken und zu reizen, bevor er es überwältigte. Ich sah dem Schauspiel appetitlos zu und überließ meinem Bruder die Beute allein.
"Hoffentlich hängst du nicht das ganze Wochenende so deprimiert hier rum", erklärte Emmett, nachdem er seine Mahlzeit beendet hatte. Ich antwortete nicht, sondern schlug den Rückweg zum Zelt ein. Ich kroch hinein und in den Schlafsack. Emmett folgte mir knurrend und brummeln: "Na, das kann ja heiter werden."
Irgendwie überstanden wir unser Männer- Wochenende ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen, aber es war ein hartes Stück Arbeit. Mein antriebsloses Herumhängen nervte Emmett, sein energiestrotzendes Jagdfieber ging mir auf den Geist. Ich gelangte zu der Einsicht, dass ein Shoppingwochenende mit Alice vielleicht ablenkungsreicher gewesen wäre. Ich dachte viel zu oft an Bella, eigentlich pausenlos, wenn mich Emmett nicht gerade mit irgendwelchen Banalitäten ablenkte. Ehrlich gesagt mochte ich Bärenblut nicht mal sonderlich. Der Geschmack von Puma oder Rotwild war mir bedeutend lieber.
Ich war heilfroh als wie Sonntagabend wieder Zuhause ankamen, Emmett ebenso. Er konnte es kaum erwarten das Wiedersehen mit Rosalie zu feiern. Und ich musste von Alice erfahren, was sie über Bellas Wochenende wusste. Es war mir nicht gelungen ihre Gedanken von der Goat Rocks Wilderness aus zu lesen. Sie musste mich bewusst abgeblockt haben. Ich nahm sie zur Seite, kaum das ich die anderen begrüßt hatte.
"Was war bei Bella los?", konnte ich es nicht erwarten zu fragen, als wir allein in der Küche standen.
"Nicht viel. Sie war Freitag in der Schule wieder einmal der Mittelpunkt. Es hat ihr zwar nicht gefallen, aber natürlich wollten die anderen wissen wie es ihr nach ihrem Kollaps am Donnerstag ging. Mittags hat sie zu uns herüber gesehen, ziemlich auffällig. Hat wohl gehofft, dass du da bist. Lauren Mallory hat deswegen ganz schön über sie gelästert. Am Samstag war sie mit ihren Freunden unterwegs. Ich habe gesehen, dass sie am Strand war, aber irgendwann verschwand ihre Zukunft. Ich konnte sie erst abends wieder sehen, als sie den Sonntag plante. Es ist alles ok. Ich konnte ihr ja schlecht hinterher schleichen. Und die größte Gefahr für Bella Swan steht immer noch vor mir, Edward Cullen!"
Ich erwiderte nichts, bedankte mich nur und ging dann auf mein Zimmer. Mit "Claire de lune" über den Ohren legte ich mich aufs Sofa. Aber Debussy beruhigte mich heute nicht. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht nach Bella. Nachdem ich das Gefühl an die siebzig Stunden, mir kam es komischerweise wie Jahre vor, unterdrückt hatte, musste ich ihm nun nachgeben. Ich sprang kurzerhand aus dem Fenster und schlug den Weg zu Bellas Haus ein. Ich kannte ihn "im Schlaf", so oft war ich ihn gegangen.
