Die Twilight- Saga, ihre Handlungen, Personen und Dialoge gehören Stephenie Meyer. Ich bitte vielmals um Verzeihung, dass ich einen ihrer Dialoge in diesem Kapitel etwas umschreiben musste, damit er zu einem meiner früheren Kapitel passt.
Viel Spaß beim Lesen und seid nicht so reviewfaul!
Lamm und Löwe
Ich spürte die Wärme der Sonnenstrahlen auf meiner Haut und sah, wie sie zu glitzern begann, als die Sonne sie erreichte. Bellas Augen wurden groß vor Staunen und sie blieb sprachlos. Ein Umstand, den ich noch nicht oft an ihr erlebt hatte. Ich wagte nicht ihre Gedanken zu stören oder gar zu fragen, was sie bei meinem Anblick empfand. Mir war bewusst, dass diese Facette meiner Vampirexistenz sie wesentlich mehr beschäftigte, als alles andere je zuvor. Vielleicht lag es einfach nur daran, dass es jetzt so deutlich sichtbar wurde. Die Härte oder Kälte meiner Haut konnte man aus dem Gedächtnis verdrängen, meinen gegenwärtigen Anblick nicht.
Wortlos ließen wir uns auf der Wiese nieder und ebenso stumm betrachtete mich Bella stundenlang. Ich ließ ihr die Zeit sich an meinen Anblick zu gewöhnen, denn was bedeutete mir diese schon. Mit dem einen oder anderen Lied, in so tiefen Tönen gesungen, dass sie für Bella nicht wahrnehmbar waren, vertrieb ich mir die Langeweile. Für mich war es vergleichsweise bequem. Ich lag auf dem Rücken und hielt die Augen geschlossen, damit Bella unbefangen meinen Anblick verkraften konnte. Sie saß dagegen steif, mit angezogenen Beinen neben mir. Ich verurteilte mich für meine Nachlässigkeit nicht an eine Decke für meine Begleiterin gedacht zu haben.
Eine zarte Berührung schreckte mich auf. Bella hatte mir über den Handrücken gestrichen und ich öffnete die Augen. Flüchtig lächelnd, als ich feststellte, dass Bella sich inzwischen gefasst hatte, erkundigte ich mich schließlich: „Mach ich dir denn keine Angst?" Die Neugier in meiner Stimme war selbst für Bella nicht zu überhören.
„Nicht mehr als sonst auch."
Ein strahlendes Lächeln belohnte ihre befriedigende Antwort und ermutigt wagte sie näher zu rutschen. Ich schloss wieder die Augen, um sie bei der Betrachtung meiner Person nicht in Verlegenheit zu bringen. Im nächsten Moment spürte ich ihre Finger, die leicht zitternd über meinen Unterarm strichen.
„Darf ich?", bat sie um die Erlaubnis weiter zu machen.
„Ja", gestand ich ihr wohlig seufzend zu. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt." Obwohl meine Haut für sie kalt und hart erschien, so war sie doch unglaublich feinfühlig. Jede Pore nahm allzu deutlich den warmen Hauch ihrer Fingerkuppen war. Die sanfte Berührung ließ meine bleiche Haut erkribbeln, wie kleine Stromschläge fühlten sich ihre Streicheleinheiten für mich an. Während die eine Hand zart über meinen Arm streifte, ergriff die andere Hand die meine. Ich erahnte ihren Wunsch meine Hand umzudrehen und kam ihrer Bewegung zuvor. Ein kurzer Blick zeigte mir, dass ich sie mit der schnellen Drehung erschreckt hatte und ich murmelte: „Verzeihung. In deiner Nähe fällt es mir zu leicht, ich selbst zu sein."
Bella erwiderte nichts, sondern nahm meine Hand und drehte sie hin und her, um das Glitzern der Sonne auf ihrer Innenfläche zu studieren.
„Sag mir, was du denkst", flüsterte ich bittend, sie dabei aufmerksam betrachtend. „Es ist immer noch so seltsam für mich, es nicht zu wissen."
„So geht es uns anderen die ganze Zeit."
„Was für ein hartes Leben. Aber das war keine Antwort." Ich konnte mir gar nicht daran erinnern, wie es gewesen war keine Gedanken lesen zu können. Inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, wenn es auch manchmal nervte, ständig die Stimmen meiner „Mitmenschen" zu hören.
Stockend gestand Bella: „Ich hab mir auch gerade gewünscht zu wissen, was in dir vorgeht ..."
„Und?", bohrte ich.
„Ich hab mir gewünscht, ich könnte glauben, dass es dich wirklich gibt. Und, dass ich keine Angst habe."
„Ich will nicht, dass du Angst hast", murmelte ich sanft, obwohl ich wusste, dass es beinah eine Lüge war. Oft genug hatte ich versucht sie zu ängstigen, damit sie Abstand zu mir hielt. Vergeblich! „Hmmm, na ja, das ist nicht die Angst, die ich meine, obwohl ich das vermutlich im Auge behalten sollte."
Ihre Antwort überraschte, verwirrte mich, da ich nichts mit ihr anzufangen wusste. Schneller als beabsichtigt, richtete ich mich auf, erschreckte Bella damit aber diesmal nicht. Wie gebannt hing ihr Blick an meinen, von der Jagd, goldenen Augen.
„Wovor hast du dann Angst?", flüsterte ich eindringlich.
Statt einer Antwort beugte sich Bella nach vorn, verharrte nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht mit dem ihren und atmete tief durch. Dabei stieg eine Wolke ihres verlockenden Geruches, sowie ein Bild unserer Lippen, im Kuss vereint, vor mir auf. Ich wusste nicht, was mich von beidem mehr aus dem Konzept brachte, doch ich musste vorerst aus ihrer Nähe fliehen, um mir darüber klar zu werden. Ich entriss Bella meine Hand und flüchtete an den Waldrand. Selbst von dort konnte ich ihre geflüsterte Entschuldigung hören: „Tut mir ... leid ... Edward."
„Lass mir einen Moment Zeit", bat ich und regungslos blieb sie an ihrem Platz.
Die folgenden zehn Sekunden brauchte ich, um mir zu überlegen, ob Bellas Geruch den Jagdinstinkt in mir ausgelöst hatte oder ob die Vorstellung sie zu küssen, mich derart aus der Bahn geworfen hatte. Ich kam zu dem Entschluss, dass es wohl eher an letzterem gelegen hatte. Ihre Nähe verunsicherte mich in ungekanntem Maße. Entschuldigend lächelnd kehrte ich zu meiner Begleiterin zurück und ließ mich zwei Meter vor ihr im Schneidersitz nieder.
„Es tut mir so leid. Verstehst du, was ich meine, wenn ich sage, ich bin auch nur ein Mensch?", erkundigte ich mich zögernd.
Bella nickte zustimmend und überlegte mit ernstem Gesichtsausdruck. Anscheinend schien ihr zum ersten Mal die Gefahr, die von mir ausging, bewusst zu werden, den ich roch das Adrenalin, das plötzlich in ihr Blut schoss.
Sarkastisch lächelnd fragte ich: „Bin ich nicht das perfekte Raubtier? Alles an mir wirkt einladend auf dich – meine Stimme, mein Gesicht, selbst mein Geruch. Als ob ich das nötig hatte!"
Wut über diese Eigenschaften eines Vampirs, die es uns fast zu leicht machten Beute zu schlagen, kochten in mir hoch. Abrupt sprang ich auf und kehrte zum Waldrand zurück.
„Als ob du mir davonlaufen könntest", lachte ich bitter und riss mit einem ohrenbetäubenden Krachen mühelos einen halbmeterdicken Ast, der am Baum über mir hing, ab. Einen Augenblick hielt ich ihn fest, dann schleuderte ich ihn mit aller Kraft gegen einen anderen Baum, der daraufhin bis in seine Wurzeln erbebte. Dann lief ich zu Bella zurück, denn ich wusste ihre Nähe könnte mich besänftigen.
„Als ob du dich gegen mich wehren könntest", erklärte ich ruhiger, als ich wieder vor ihr stand. Bella saß noch immer auf der Wiese, kreidebleicher und mit weit aufgerisseneren Augen, als ich sie je gesehen hatte. Zum ersten Mal schien sie das Ausmaß meiner Gefährlichkeit erkannt zu haben, vielleicht hatte ich sie aber auch nur zum ersten Mal so weit hinter meine sorgsam gepflegte Fassade blicken lassen, damit sie es erkennen konnte.
Ich wurde traurig, als ich befürchtete, nun das erreicht zu haben, was ich von Anfang an bezwecken hatte wollen: sie so zu verschrecken, dass sie mich in Zukunft meiden würde.
„Hab keine Angst", murmelte ich und konnte den verführerischen Ton, der sonst Opfer anlocken sollte, einfach nicht unterdrücken. „Ich verspreche ...", ich stockte, da mir das Wort zu bedeutungslos vorkam, für das was ich ausdrücken wollte, „Ich schwöre, dass ich dir nichts tue."
Dieser Eid, der zu Bellas Beruhigung dienen sollte, band mich nun an mein eigenes Wort, sollte mich selbst überzeugen, dass es mir gelingen konnte dem Lockruf ihres Blutes zu widerstehen. „Hab keine Angst", flüsterte ich und trat mit übertriebener Langsamkeit auf sie zu. Ich ließ mich erneut vor ihr nieder und bat sie förmlich: „Bitte verzeih mir. Ich kann mich zusammenreißen. Du hast mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ab sofort zeige ich mich nur noch von meiner besten Seite."
Bella blieb stumm. So lang hatte sie noch nie geschwiegen und so versuchte ich die Stimmung mit einem kleinen Scherz aufzuheitern. Zwinkernd erklärte ich: „Ich bin heute nicht durstig, ehrlich." Mein Plan gelang, sie lachte, aber es klang unsicher und atemlos.
„Alles okay mit dir?", fragte ich, sanft ihre Hand in meine nehmend. Schweigend betrachtete Bella unsere Hände, ihre nur unwesentlich gebräunter als meine. Doch ich spürte die Wärme, die von ihrer ausging, so wie sie dir Härte und Kühle der meinen bemerken musste. Schließlich sah sie auf, noch immer schweigend. Mein reuevoller Blick entlockte Bella ein zaghaftes Lächeln. Doch anstatt einer Antwort fuhr sie mit den Fingerspitzen die Linien auf meiner Hand nach. Das sanfte Kitzeln jagte mir kleine elektrische Impulse durch den Körper. Die Berührung zeigte mir, dass sie mir mein Benehmen verziehen haben musste und glücklich lächelte ich.
„Also, wo waren wir, bevor mein Betragen so ungehörig wurde?", fragte ich in der ritterlichen Sprache eines vergangenen Jahrhunderts, die mein Versprechen mich zusammen zu reißen, untermauern sollte.
„Ganz ehrlich – ich kann mich nicht erinnern."
Ich lächelte verschämt, da ich dank meines ausgezeichneten Vampirgedächtnisses die Antwort auf meine eigene Frage eigentlich kannte. „Ich glaube, wir haben darüber geredet, wovor du Angst hast, abgesehen von den offensichtlichen Dingen."
„Stimmt", erinnerte sich Bella.
„Und?", hoffte ich ihr eine Antwort zu entlocken.
Doch sie senkte den Blick und ließ ihre Finger wieder über meine glitzernde Handfläche gleiten. Sekundenlang herrschte Stille, die ich schließlich seufzend brach: „Wie schnell ich ungeduldig werde." Mein Geständnis brachte Bella dazu aufzusehen. Sie schaute mir in die Augen und ich erkannte, dass sie angestrengt über etwas nachdachte. Gedanken, die mir verschlossen blieben und von denen ich nur hoffen konnte, dass sie sie mir mitteilen würde. Offensichtlich ermutigten sie sie jedenfalls zu einer Antwort, was mich schon etwas befriedigte.
„Ich habe Angst ... Na ja, aus nahe liegenden Gründen kann ich nicht mit dir zusammenbleiben. Und ich habe Angst, dass ich genau das will, viel zu sehr", gestand sie, ohne mich anzublicken.
„Ja", erwiderte ich langsam, etwas überrascht von ihren Worten. Wie hätte ich auch ahnen sollen, dass Bellas Gefühle schon so tief gingen. So tief, wie meine eigenen, die es mir unmöglich machten von ihr zu lassen. „Davor solltest du auch Angst haben. Dass du mit mir zusammen sein willst. Das ist tatsächlich nicht vernünftig." Andererseits konnte ich mich an keine einzige vernünftige Tat erinnern, die ich in Zusammenhang mit meiner Begleiterin bisher begangen hätte.
Bella runzelte nur die Stirn und seufzend fuhr ich fort: „Ich hätte schon längst weggehen sollen. Und spätestens jetzt sollte ich es wirklich tun. Doch ich weiß nicht, ob ich das kann", gestand ich ihr, genauso aufrichtig, wie sie mir gegenüber gewesen war.
„Ich will nicht, dass du weggehst", murmelte sie verzagt mit sinkendem Blick.
„Und genau deshalb sollte ich es tun. Aber keine Sorge. Im tiefsten Innern bin ich eine selbstsüchtige Kreatur. Ich begehre deine Nähe zu sehr, um zu tun, was ich tun sollte."
„Gut."
Dieses kleine Wörtchen brachte mich etwas in Rage. Wieso konnte sie nicht die Vernünftige sein und meine Worte als den Hilferuf nehmen, die sie waren. Das sie gehen sollte, so schnell und weit weg wie möglich. Dass ich zu schwach war und sie die Starke sein musste, die dem ganzen eine Ende bereitete!
Ich bemühte mich jedoch um einen sanfteren Tonfall, als ich ihr mit den Worten „Nein, nicht gut!" meine Hand entzog.
„Es ist nicht nur deine Nähe, die ich begehre! Vergiss das nie! Vergiss nie, dass ich für dich gefährlicher bin als für jeden anderen." Ich konnte ihren Blick spüren, während ich in den Wald sah, nachdem ich ihr ins Gedächtnis gerufen hatte, dass ihr Leben auf dem Spiel stand.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verstanden habe. Vor allem das Letzte", erklärte Bella.
Ihr Geständnis ließ mich unerwartet lächeln. Es war das erste Mal, dass ich erlebte, dass sie etwas nicht verstand.
„Wie soll ich das bloß erklären?", überlegte ich laut. „Und am besten, ohne dir wieder Angst einzujagen ... Hmmmm."
Ich legte meine Hand auf die ihre, sie ihre zweite obendrauf. Es war ein seltsames Gefühl sie so ganz von Wärme umschlossen zu haben. Ungewollt, nahezu versunken in diese wohl tuende Empfindung sagte ich: „Diese Wärme – das ist so angenehm."
Nach einem Augenblick, den ich brauchte, um den Faden wieder zu finden, setzte ich an: „Jeder hat doch seinen Lieblingsgeschmack, richtig? Der eine mag Schokoeis, der andere Erdbeer."
Bella nickte.
„Tut mir leid, dass ich ausgerechnet an Essen denke – mir fällt gerade nichts besseres ein."
Sie lächelte, ich erwiderte es zerknirscht.
„Die Sache ist, jeder Mensch hat einen anderen Geruch. Wenn du einen Alkoholiker in einen Raum voll mit abgestandenem Bier einschließt, wird er vermutlich nicht nein sagen. Doch er könnte widerstehen, wenn er wirklich wollte – wenn er zum Beispiel auf Entzug ist. Wenn man aber ein Glas mit hundertjährigem Brandy vor ihn hinstellt, mit dem edelsten Cognac, und wenn sich der Raum langsam mit dessen Aroma füllt – wie würde es ihm dann wohl ergehen?"
Schweigend ließ ich meine rhetorische Frage stehen. Einander in die Augen schauend hatte ich das Gefühl Bella versuchte meine Gedanken zu lesen, um die Antwort heraus zu bekommen. Ich probierte es gar nicht, da ich wusste, die einzige, die ich von ihr bekommen konnte, würde die sein, die sie aussprach. Doch Bella blieb stumm, also versuchte ich es mit einem anderen Ansatz.
„Obwohl – vielleicht hinkt der Vergleich ja. Vielleicht wäre es zu einfach dem Brandy zu widerstehen. Machen wir aus dem Alkoholiker lieber einen Drogenabhängigen."
„Heißt das, ich rieche wie deine Lieblingsdroge?", erkundigte sich Bella scherzend.
Ich war erleichtert, dass Bella nicht verängstigt auf meinen Erklärungsversuch reagierte. Dankbar, dass sie meinem Gedankengang so einfach folgen konnte, gestand ich: „Du bist meine Lieblingsdroge."
„Passiert das öfter?"
Mit dieser Frage hatte ich gerechnet und sie rief mir das Gespräch mit meinen Brüdern in Erinnerung. In die Baumwipfel schauend, überlegte ich, wie es Bella am taktvollsten zu berichten war. Ohne sie anzublicken, antwortete ich: „Ich hab mit meinen Brüdern darüber gesprochen. Für Jasper seid ihr eigentlich alle gleich. Er ist als Letzter in unsere Familie gekommen und muss sich noch grundsätzlich zur Enthaltsamkeit zwingen. Es dauert seine Zeit, bis sich ein persönlicher Geschmack herausbildet, was den Geruch und das Aroma betrifft."
Mit zerknirschtem Blick sagte ich: „Tut mir leid." Damit wollte ich mich dafür entschuldigen, dass wir Vampire so an Menschen dachten.
„Es stört mich nicht. Tu mir einen Gefallen und mach dir nicht ständig Sorgen, mich zu kränken oder zu ängstigen oder sonst was. So denkst du nun mal, und ich verstehe das, oder ich kann's zumindest versuchen. Erklär es mir einfach, so gut es geht."
Erleichtert, dass Bella so gelassen blieb, atmete ich tief durch, wagte aber bei der Fortsetzung meines Erklärungsversuches noch immer nicht sie anzusehen.
„Jedenfalls, Jasper war sich nicht sicher, ob er schon mal jemandem begegnet ist, der so ...", ich suchte nach dem passendsten Ausdruck, „anziehend auf ihn gewirkt hat wie du auf mich. Also eher nicht. Emmett ist schon länger abstinent, sozusagen, und er wusste, was ich meine. Ihm ist es zweimal passiert, sagt er – einmal war es sehr heftig, das andere Mal nicht ganz so sehr."
„Und dir?", wollte Bella wissen.
„Noch nie", gestand ich ehrlich und es herrschte kurze Zeit Stille.
Meine Begleiterin durchbrach sie mit der von mir gefürchteten Frage: „Was hat Emmett gemacht?" Unwillkürlich wurde meine Miene finster und meine Hand, die noch immer warm in den ihren lag, ballte sich bei der Erinnerung an seine Auskunft. Ich konnte es nicht aussprechen, doch Bella verstand mein Schweigen.
„Na ja, ich kann's mir denken", sagte sie schließlich.
Mit wehmütigem, um Verzeihung bittenden Blick erwiderte ich: „Selbst die Stärksten haben ihre schwachen Momente, nicht?"
„Was soll das heißen? Bittest du mich um Erlaubnis?" Ihre Fragen kamen scharf über die Lippen. Scheinbar unbeabsichtigt, denn in beschwichtigendem Tonfall ergänzte sie: „Ich meine, heißt das, es ist unvermeidlich?"
Ich hatte Verständnis für Bellas scharfe Reaktion und wunderte mich, dass sie so schnell einlenkte. Wie konnte man nur so gelassen über seinen Tod sprechen? Mir war nie die Gelegenheit gegeben gewesen über meinen Tod nachzudenken. Die spanische Grippe hatte mich als Siebzehnjährigen beinah dahingerafft, einem Alter, in dem der Tod für mich kein Thema gewesen war. Bella war jetzt in diesem Alter, körperlich betrachtet. Emotional war sie viel reifer, wie mir ihre Gedanken einmal mehr bewiesen.
Hastig widersprach ich: „Nein, natürlich nicht! Klar ist es vermeidbar! Ich meine, ich könnte nie ..." Mein Satz blieb unvollendet, da ich beinah eine Lüge ausgesprochen hatte. Natürlich hätte ich es getan! An ihrem ersten Schultag an der Forks High School hatte es nicht viel gegeben, was mich davon abgehalten hatte. Inzwischen lag mir jedoch zu viel an Bella, um ohne Bedenken dem verlockenden Ruf ihres Blutes nachzugehen.
„Das mit uns ist anders", versuchte ich zu erklären. „Bei Emmett ... das waren Fremde, die er zufällig traf. Und es ist lange her – er war noch nicht so ... erfahren und so vorsichtig wie jetzt." Stumm und eindringlich musterte ich meine Begleiterin, die sich meine Worte durch den Kopf gehen ließ und schließlich mutmaßte: „Das heißt, wenn wir uns, weiß nicht ... in einer dunklen Gasse getroffen hätten ..."
Sie brauchte ihren Gedanken nicht gänzlich auszusprechen. Ich wusste auch so, was sie wissen wollte und mit schonungsloser Offenheit bekannte ich: „Es hat mich damals meine ganze Kraft gekostet, nicht vor der ganzen Klasse aufzuspringen und -"
Es gelang mir nicht meinen Satz zu vollenden, ebenso wenig wie Bella anzusehen, die ihn folgerichtig zu Ende denken würde und sich daraufhin sicher angeekelt von mir abwenden würde, abwenden musste!*
Ich setzte mein Geständnis fort: „Als du an mir vorbeigingst, war ich drauf und dran, in Sekunden alles zu zerstören, was Carlisle für uns aufgebaut hat. Wenn ich meinen Durst nicht bereits seit ... allzu vielen Jahren unterdrückt hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, mich zu bremsen."
Ich hielt inne und betrachtete die Bäume, während ich mir bewusst wurde, dass ich Bella beinah auch noch mein Alter verraten hatte. Etwas, was sie noch mehr verschrecken musste, als das, was sie ohnehin eben gehört hatte. Grimmig beschloss ich mich dem Abscheu in ihrem Gesicht zu stellen und blickte sie an. Doch in Bellas Augen las ich weder Abscheu, noch Angst, sondern nur die Erinnerung an unsere erste Begegnung. Und die Erkenntnis, warum ich mich damals ihr gegenüber so abweisend verhalten hatte.
„Du musst gedacht haben, ich bin wahnsinnig."
„Ich hab's einfach nicht verstanden. Wie du mich so schnell hassen konntest."
„Du kamst mir vor wie eine Art Dämon, der aus meiner persönlichen Hölle aufgestiegen ist, um mich zu ruinieren. Der Duft, der von deiner Haut ausging ... an dem Tag war ich davon überzeugt, dass er mich um den Verstand bringt. Während dieser einen Stunde spielte ich in Gedanken hundert verschiedene Möglichkeiten durch, wie ich dich aus dem Raum locken könnte, irgendwohin, wo uns keiner sieht. Und eine nach der anderen schlug ich sie mir wieder aus dem Kopf, indem ich an die Folgen für meine Familie dachte. Als es dann klingelte, musste ich hinausrennen, um nichts zu sagen, was dich dazu gebracht hätte, mir zu folgen ..."
Ich sah, dass meine Beichte Bella aus der Fassung brachte, dass sie meine bitteren Erinnerungen zu begreifen versuchte. Mein Blick ruhte hypnotisch und potentiell tödlich auf ihr, während ich sagte: „Und du wärst mitgekommen."
„Auf jeden Fall wäre ich mitgekommen", erklärte sie, um einen ruhigen Ton bemüht.
Ich runzelte die Stirn und betrachtete ihre Hände, während ich mit meinem Geständnis fortfuhr: „Und dann, während ich gerade vergeblich versuchte, dir aus dem Weg zu gehen, indem ich meinen Stundenplan änderte, warst du schon wieder da, und in dem warmen kleinen Raum war dein Duft schier überwältigend. Ich war so kurz davor, mich auf dich zu stürzen! Es war ja nur ein einziger anderer Mensch außer uns dort – so zerbrechlich, so einfach zu beseitigen."
Ich schämte mich meines damaligen Verlangens. Auch wenn Ms Copes gedankliche Nachstellungen mir durchaus unangenehm waren, hatte sie ein so grausames Ende, noch dazu als notgedrungenes Opfer, nicht verdient.
Trotz des warmen Sonnenscheins lief es Bella kalt den Rücken hinunter. Ich konnte die Gänsehaut auf ihren Armen sehen, als sie sich an die Gefahr für Ms Cope und sich, ich wusste das sie in dieser Reihenfolge und keineswegs als erstes an sich dachte, erinnerte.
„Ich widerstand der Versuchung, aber frag mich nicht, wie. Ich zwang mich, nicht auf dich zu warten, dir nicht nach der Schule zu folgen. Als ich vor der Tür stand und dich nicht mehr riechen konnte, war es einfacher, klar zu denken und die richtige Entscheidung zu treffen. Ich stieg zu den anderen ins Auto; sie wussten, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte, aber ich schämte mich meiner Schwäche zu sehr, um es ihnen zu erzählen. Ich setzte sie in der Nähe unseres Hauses ab und fuhr direkt zu Carlisle ins Krankenhaus, um mich zu verabschieden."
Bellas verblüffter Blick bremste meinen Redefluss nur einen kurzen Augenblick.
„Ich nahm sein Auto – es war vollgetankt, und ich wollte unterwegs möglichst nicht anhalten – und ließ ihm meines da. Ich traute mich nicht, nach Hause zu fahren und Esme unter die Augen zu treten – sie hätte mich nicht so ohne weiteres gehen lassen. Sie hätte versucht, mich zu überzeugen, dass es nicht nötig war ..."
Beschämt dachte ich an die Woche zurück, die ich auf der Jagd verbracht hatte. „Am nächsten Morgen war ich in Kanada und jagte, was immer ich bekommen konnte. Doch ich hatte Heimweh. Es schmerzte mich, Esme und den anderen Sorgen zu bereiten. Und in der klaren Bergluft fiel es mir plötzlich schwer zu glauben, dass du so unwiderstehlich sein solltest. Ich redete mir ein, dass es ein Zeichen von Schwäche war, einfach Hals über Kopf davonzulaufen. Schließlich hatte ich schon früher mit Versuchungen zu kämpfen gehabt, zwar nicht in dem Ausmaß, nicht einmal annähernd, aber ich war immer stark geblieben. Wer warst du denn schon? Sollte wirklich irgendein kleines Mädchen", bei diesen Worten grinste ich sie an, „die Macht besitzen, mich ins Exil zu zwingen? Also kehrte ich zurück ..."
Ich starrte vor mich hin in Erinnerung an die liebevolle Aufnahme meiner Familie, als ich endlich nach Hause zurückgekehrt war. Bella schien unfähig zu sprechen, also setzte ich meinen Monolog fort.
„Bevor ich dich wiedersah, traf ich meine Vorsichtsmaßnahmen: Ich jagte und trank dabei mehr als normalerweise. Keine Sekunde lang zweifelte ich daran, dass ich stark genug sein könnte, dich wie jeden anderen Menschen zu behandeln. Ich war allzu selbstsicher und arrogant.
Allerdings konnte ich deine Gedanken nicht lesen, was die Sache definitiv erschwerte. Ich musste unbedingt wissen, was du über mich denkst, war es aber nicht gewohnt, dabei solche Umwege in Kauf zu nehmen – in Jessicas Gedanken nach deinen Worten zu lauschen und so. Außerdem sind ihre Gedanken nicht sonderlich originell, und ich war sauer, dass ich dazu gezwungen war. Dazu kam, dass ich nicht wusste, ob du immer meinst, was du sagst. Es war alles extrem ärgerlich."
Ich runzelte die Stirn, als ich an all das Unbehagen dachte, das mir die Stille aus Bellas Kopf bereitet hatte und auch in diesem Moment fühlte ich es wieder, weil ich nicht wusste, welche Reaktion ich auf meine Beichte erwarten musste.
„Du solltest, wenn möglich, mein Verhalten vom ersten Tag vergessen, also versuchte ich ganz normal mit dir zu reden. Ich war sogar ziemlich erpicht darauf, mit dir ins Gespräch zu kommen, weil ich hoffte, dich ein wenig zu durchschauen. Aber von wegen – du warst viel zu interessant, und am Ende war ich einfach nur in deine Mimik vertieft ... und manchmal hast du mit deiner Hand oder deinen Haaren die Luft bewegt, und mich traf erneut dieser Duft ...
Na ja, und dann kam der Tag, an dem du fast vor meinen Augen zerquetscht worden wärst. Hinterher legte ich mir eine vollkommen logische Erklärung für mein Eingreifen zurecht: Ich musste dich retten, sonst wäre dein Blut geflossen und nichts hätte mich davon abhalten können, uns als das zu entblößen, was wir sind. Aber die Ausrede fiel mir erst später ein." Um bei der Wahrheit zu bleiben, genau gerade eben in diesem Moment. Eigentlich schade, es wäre ein gutes Argument gegen Rosalies Vorhaltungen gewesen.
„Als es passierte, dachte ich nur: „Nicht sie!""
Ich schloss die Augen, versunken in die Erinnerung an diesen Tag und Alice Vision, die mich vorgewarnt hatte. Endlich fand Bella ihre Sprache wieder, wenn auch nur zögerlich, denn ihre Frage klang relativ schwach: „Und im Krankenhaus?"
Die Augen aufschlagend gestand ich: „Ich war so angewidert von mir selbst! Ich konnte es nicht fassen, dass ich uns tatsächlich in Gefahr gebracht hatte, dass ich mich dir ausgeliefert hatte – ausgerechnet dir! Als hätte ich nicht schon genug Gründe gehabt, dich zu töten."
Meine brutalen Worte erschreckten uns beide.
Hastig fuhr ich fort: „Doch es hatten den gegenteiligen Effekt. Als Rosalie, Emmett und Jasper sagten, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, stritt ich mit ihnen ... so heftig, wie nie zuvor. Carlisle war auf meiner Seite, und Alice."Mein Gesicht verzog sich bei ihrem Namen, Bella schaute mich verblüfft an. Sie ahnte ja nichts von den Visionen meiner Schwester, die oft so wegweisend für meine Familie waren.„Esme sagte, ich solle tun, was ich tun musste, um hier bleiben zu können." Ich schüttelte den Kopf in Erinnerung an diese Auseinandersetzung, die meine Familie zum allerersten und hoffentlich letzten Mal gespalten hatte.
„Wie hast du unsere Kräfte nur in aller Öffentlichkeit preisgeben können!", schrie Rosalie.
„Wir meiden die Menschen, wo es geht. Mischen uns nirgends ein und du stellst dich auf einem menschenvollen Parkplatz vor ein schlitterndes Auto", stimmte Emmett ebenso wütend zu.
„Ein Vorwarnung hätte gereicht und wir hätten das Weite suchen können, während das Unglück seinen Lauf genommen hätte", meinte Jasper, etwas ruhiger als seine Vorredner.
„Wie kannst du nur so etwas sagen", rief Alice enttäuscht. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte ihre Ernüchterung über ihren Gefährten. Zum ersten Mal waren die beiden nicht einer Meinung. Es schmerzte mich diese Zwietracht in die Familie gebracht zu haben. Andererseits hatten meine Gefühle für Bella mir einfach keine andere Wahl gelassen.
„Ich konnte sie nicht sterben lassen", erwiderte ich, um einen harten Tonfall bemüht. „Ihr dürft nicht denken, dass ich mir des Risikos nicht bewusst war. Aber niemand wird Bella glauben, sollte sie ihre Vermutung laut äußern."
„Das sind keine Vermutungen, sondern Tatsachen", brauste Rosalie.
„Ich halte mich zurück den Rowdys auf der Forks High nicht mal gescheit den Kopf zurecht zu rücken und du spielst vor der ganzen Schule den Helden", klagte Emmett.
Ich entgegnete wütend: „Als wenn es mir darum gegangen wäre den Helden zu spielen!"
„Niemand wird sich sonderlich erstaunt über Edwards Einmischung äußern", erklärte Alice.
„Verraten dir das deine Visionen?", fragte Rosalie verächtlich.
Jasper baute sich vor ihr auf, um Alice in Schutz zu nehmen, doch diese legte ihm nur begütigend die Hand auf den Arm.
Emmett baute sich breitbeinig neben Rosalie auf und ich stand ratlos zwischen den beiden Parteien. Wie hatte es nur so weit kommen können? Sollte unsere Familie wegen eines zarten, aber für mich so bedeutsamen, Mädchens entzweit werden?
Zum Glück erschien in diesem Moment Carlisle. Ihm konnte es als einzigem gelingen hier Frieden zu stiften. Da man unseren Streit sicherlich ein gutes Stück weit hatte hören können, erübrigten sich irgendwelche Erklärungen.
Gefasst und ruhig, wie man es von meinem Adoptivvater gewohnt war, sagte er: „Euer Streit ist völlig sinnlos. Jeder muss tun, was er für richtig hält. Denkt an eure eigene Vergangenheit!" Er schaute dabei Emmett, Rosalie und Jasper scharf an, so dass alle drei keinen Widerspruch wagten. Blitzschnell vermischten sich die Gedanken meiner Geschwister in meinem Kopf, denn sie folgten Carlisles Worten.
Ich sah Rosalie in ihrem Rachedurst, als sie die Männer bestrafte, die ihr das Leben genommen sah Emmett, der als Mensch gedankenlos Tiere getötet hatte, aus reiner Freude an der Jagd, bis er, eine Ironie des Schicksals, von einem Bären zur Strecke gebracht worden war.
Und ich sah Jasper als kalte Marionette einer Vampirin, gnadenlos Neugeborene tötend.
„Außerdem können wir Miss Swan vertrauen. Sie ist ein ebenso zurückhaltender Mensch wie ihr Vater. Ich glaube kaum, dass sie mit ihren Beobachtungen hausieren gehen wird."
Damit beendete Carlisle unmissverständlich das Thema und ich verließ den Raum. An der Tür traf ich auf Esme, die den Disput aus der Ferne mitgehört hatte. „Tu, was du tun musst, um hier bleiben zu können", hörte ich ihren Gedanken.
Ich hatte jedoch anfangs nicht gewusst, was ich tun sollte.
„Den ganzen nächsten Tag belauschte ich die Gedanken von allen Leuten, mit denen du sprachst, und war vollkommen verblüfft, dass du dein Versprechen hieltest. Du warst mir ein Rätsel. Ich wusste nur, dass ich mich nicht weiter auf dich einlassen durfte, also bemühte ich mich, dir fernzubleiben. Doch der Duft deiner Haut, deines Atems, deiner Haare ... es traf mich jeden Tag aufs Neue, so intensiv wie beim allerersten Mal."
Meine Augen wurden sanft, meine zärtlichen Gefühle für sie spiegelnd.
„Dabei wäre es letztendlich viel besser gewesen, wenn ich uns alle tatsächlich bei der ersten Begegnung verraten hätte, als wenn ich dir jetzt, hier – ohne Zeugen, ohne Hindernisse – etwas tun würde."
„Warum?"
„Isabella", sprach ich zum ersten Mal ihren vollen Namen aus. Mit der freien Hand, eine lag noch immer zwischen den ihren, wuschelte ich ihr durch das glänzende mahagonifarbene Haar.
„Bella, wenn ich dir je wehtun würde, könnte ich mir nie wieder in die Augen sehen. Du hast ja keine Ahnung, wie es mich quält."
Beschämt senkte ich den Blick, als ich ihr das Bild beschrieb, das an mir zehrte: „Der Gedanke, dass du bewegungslos, blass, kalt daliegst ... dass ich nie mehr sehe, wie du rot anläufst oder wie die Erkenntnis in deinen Augen aufblitzt, wenn du wieder einmal intuitiv durchschaust, dass ich dir etwas vormache ... ich könnte es nicht ertragen."
Mit, von dieser Vorstellung, schmerzerfülltem Blick, sah ich auf und offenbarte: „Du bist jetzt das Wichtigste in meinem Leben. Das Wichtigste, was es je gab in meinem Leben."
Unsicherheit erfüllte mich. Bella blickte auf unsere Hände, so dass ich nicht einmal an ihren Augen einen Reaktion auf dieses Liebesgeständnis ablesen konnte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, begann sie schließlich zögerlich: „Was ich fühle, weißt du ja schon. Ich bin hier ... mit dir ... was, grob gesagt, bedeutet, dass ich lieber sterben würde, als mich von dir fernzuhalten."
Stirnrunzeln stellte Bella fest: „Was bin ich nur für ein Idiot."
Erleichtert, dass sich Bellas Gefühle trotz meiner überaus ehrlichen Beichte nicht geändert hatten, lachte ich auf und erwiderte: „Das kannst du laut sagen."
Bella schaute mich an und nahm meine Worte als das, was sie waren. Keine Beleidigung, sondern eine Anerkennung ihrer schonungslosen Selbstkritik. Gemeinsam lachten wir über den Aberwitz und die schiere Unwahrscheinlichkeit dieses Augenblicks.
„Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm ...", murmelte ich in Erinnerung an eine uralte Fabel, die ich einmal gelesen hatte. Ich wollte nicht an das traurige Ende denken, das diese genommen hatte. Denn es hätte im übertragenen Sinn bedeutet, dass ich mein Versprechen, das ich Bella gegeben hatte, brechen oder dass ich sie in eine andere, noch größere Gefahr als mich selbst, bringen würde.
Zur Seite schauend seufzte Bella: „Was für ein dummes Lamm."
In den Wald starrend erwiderte ich: „Was für ein abartiger, masochistischer Löwe." Ich erinnerte mich an ein Detail der Fabel: wie der Löwe sein Rudel davon hatte abbringen müssen das Lamm, das er liebte, zu töten. Würde meine Beziehung zu Bella die Lebensweise meiner Familie gefährden? Ich wünschte in die Zukunft blicken zu können, um heraus zu finden, was ich dem Mädchen an meiner Seite für Schaden zufügen oder was sonst passieren könnte.
Bella riss mich mit der Frage „Warum ... ?" aus meinen Gedanken. Sie stockte jedoch und erst ein aufmunterndes Lächeln, von einem „Ja?", begleitet, ließ sie fortfahren.
„Warum bist du vorhin weggerannt?"
Mein Lächeln verschwand. „Das weißt du doch."
„Nein, ich meine, was genau hab ich falsch gemacht? Ich muss schließlich auf mich aufpassen, also sollte ich wissen, was ich besser sein lasse. Das zum Beispiel", sie strich über meinen Handrücken, „scheint okay zu sein."
„Du hast überhaupt nichts falsch gemacht, Bella. Es war meine Schuld", erklärte ich mit einem beruhigenden Lächeln.
„Aber ... was kann ich denn tun, um es dir nicht noch schwerer zu machen?"
Ihre Frage rührte mich, doch eine Antwort darauf zu geben war nicht eben leicht. Ich musste etwas länger überlegen, bevor ich erläuterte: „Hmmm ... Du warst einfach so nahe – die meisten Menschen schrecken instinktiv vor uns zurück. Unsere Fremdheit stößt sie ab. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du so nahe kommst. Dazu noch der Geruch deiner Kehle."
Ich musterte Bella und wartete darauf, dass sie ängstlich zurückwich. Doch wie so oft überraschte mich das zarte Mädchen, den sie erwiderte munter: „Das ist doch schon mal was." Sie drückte ihr Kinn an die Brust und sagte: „Keine entblößte Kehle in deiner Gegenwart."
Ich konnte schlecht einschätzen, ob dies ein Versucht gewesen war mich aufzuheitern, auf jeden Fall brachte sie mich damit zum Lachen. „Im Ernst, es war mehr die Überraschung als alles andere", gab ich vor. Ich wollte sie mit meiner Zerrissenheit, die ich in dem Moment empfunden hatte, nicht belasten. Es wäre vielleicht nicht ratsam gewesen sie wissen zu lassen, wie gern ich sie in diesem Augenblick geküsst hätte. Mit diesem Bedürfnis musste ich selbst erst ins Reine kommen. Um ihr zu zeigen, dass es mir ernst mit meinem Versprechen, ihr nichts zu leide zu tun, war, legte ich meine freie Hand an die Seite ihres Halses, nahe der Stelle, wo flatternd ihr Puls schlug. Die Berührung löste einen Schauer bei Bella aus, doch kein Adrenalinschub schoss durch ihren Körper. Sie hatte keine Angst!
„Siehst du. Kein Problem", sagte ich und spürte, wie das Blut noch schneller durch ihre Adern pulsierte. Im nächsten Moment zeigte es sich in einer zarten Rötung ihrer Wangen.
„Es siehst so hübsch aus, wenn deine Wange rot werden", stellte ich leise fest und entzog Bella die Hand, welche sie die ganze Zeit gehalten hatte. Leicht ließ ich sie über die zarte Haut ihres Gesichtes streifen, dann legte ich sie an die andere Seite ihres Kopfes.
„Nicht bewegen", flüsterte ich, unnötigerweise, da Bella wie erstarrt vor mir saß. Nicht aus Furcht, wie ich wusste, sondern ebenso gefesselt von meiner Gegenwart wie ich von der ihren. Und vielleicht auch ein wenig neugierig, was ich vorhatte. Darüber war ich mir selbst noch nicht ganz im Klaren. In Bellas Augen versunken, näherte ich mich ihr langsamer, als ich je eine Bewegung erzwungen hatte. Doch dann wagte ich nicht meine Lippen auf die ihren zu legen, wie es mir einen Moment lang vorgeschwebt hatte. Abrupt änderte ich die Richtung und legte meine Wange an die Senke unterhalb ihrer Kehle. Ich spürte die Wärme ihrer Haut und hörte das Pulsieren ihres Blutes, ich roch ihren verlockenden Duft und lauschte ihrem leicht beschleunigten Atem. Reglos, als wäre sie eine Statue, verharrte Bella.
Ohne Aufzublicken ließ ich meine Finger über ihr Gesicht und erst hinunter zu ihrem Nacken, dann zu ihren Schultern gleiten. Anschließend ließ ich mein Gesicht an ihrem Hals entlang streichen, meine Nase streifte ihr Schlüsselbein, und ließ schließlich meinen Kopf seitlich an ihre Brust sinken. Ich lauschte ihrem Herzschlag und seufzte: „Ah." Ich konnte mich nicht erinnern wann ich mich das letzte Mal so wohl gefühlt hatte. Und es mahnte mich an Bellas Zerbrechlichkeit. Lange saßen wir so, ohne uns zu regen, und ich prägte mir den Rhythmus ihres ruhiger werdenden Herzschlages ein, so wie ich versuchte ihren verlockenden Geruch als etwas Natürliches abzuspeichern.
„Von jetzt an wird es einfacher sein", erklärte ich nach einigen Minuten, Bella loslassend. Sie wirkte enttäuscht, als sie fragte: „War es denn sehr schwer?"
Während ich überlegte, womit ich sie enttäuscht hatte, beruhigte ich sie: „Es war nicht annähernd so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Und für dich?"
„Nö, für mich war's ... nicht schlimm."
Ich lächelte über ihre kurze Denkpause und erwiderte: „Du weißt schon, was ich meine."
Bella lächelte zurück und ich nahm ihre Hand, um sie gegen meine Wange zu drücken. „Schau mal. Warm, oder?", vergewisserte ich mich der Empfindung, die ich spürte. Durch ihren Körper war mein Gesicht etwas gewärmt worden. Sie antwortete nicht, sondern flüsterte: „Beweg dich nicht."
Ebenso reglos wie sie vorhin meine Berührung abgewartet hatte, blieb ich sitzen. Ich schloss die Augen, um die vorsichtigen Bewegungen ihrer Hand intensiver genießen zu können. Zart strich Bella über meine Wange, meine Augenlider und die Schatten unterhalb meiner Augen. Ihre Fingerspitzen folgten sanft der Linie meiner Nase und berührten dann fast unmerklich meine Lippen. Wie eine Spur kleiner Feuer brannten ihrer Berührungen auf meiner eiskalten Haut. Erneut erwachte der Wunsch in mir sie zu küssen. Wenn ihre Fingerspitzen auf meinen Lippen schon so ein herrliches Gefühl auslösten, was sollten dann erst ihre Lippen auf den meinen bewirken?! Doch Bella beendete ihre Erkundigungen und ich schlug die Augen auf. Der Hunger nach einem Kuss, den sie darin lesen konnte, ließ ihr Blut erneut wild pulsieren.
Flüsternd gestand ich: „Ich wünschte, ... ich wünschte du würdest das auch spüren ... dieses Durcheinander ... diese Verwirrung. Damit du weißt, was in mir vorgeht."
Ich berührte einmal mehr ihre Haare und strich ihr sanft über das Gesicht, während sie hauchte: „Kannst du es beschreiben?"
„Ich weiß nicht ob das geht", gestand ich. „Einerseits, wie gesagt, ist da diese Begierde – der Durst dieses grauenhaften Wesens, das ich bin. Ein bisschen verstehst du das, glaube ich, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad. Schließlich konsumierst du keine illegalen Substanzen", grenzte ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Sachte berührte ich ihre Lippen, die einen so unwiderstehlichen Reiz auf mich ausübten und fuhr fort: „Aber dann ... Dann sind da noch andere Begierden, die ich noch nicht einmal selbst verstehe – die mir fremd sind." Dieses fast unbezähmbare Verlangen sie zu küssen, sie zu halten und zu beschützen.
„Diese Art von Begierde verstehe ich vielleicht besser, als du denkst."
„Ich bin es nicht gewohnt, mich so menschlich zu fühlen. Ist das immer so?", fragte ich unsicher.
„Für mich, meinst du?" Bella hielt kurz inne, bevor sie gestand: „Nein, nie. Das ist das erste Mal." Also betraten wir scheinbar beide Neuland mit dieser Beziehung, mit diesen Gefühlen und ergriffen nahm ich ihre Hände in die meinen, um wieder etwas Nähe herzustellen.
„Ich weiß nicht, wie ich dir nahe kommen kann", gestand ich. „Ob ich dir nahe kommen kann."
Mir in die Augen schauend, beugte sich Bella vor und legte ihre Wange gegen meine Brust, so wie ich es wenige Minuten vorher bei ihr getan hatte. Doch im Gegensatz zu mir würde sie an dieser Stelle nichts hören können. Da, wo bei ihr das Herz kraftvoll schlug, herrschte in meinem Körper Totenstille.
„Das ist nahe genug", flüsterte Bella und verharrte. Ich benötigte einen Augenblick, um ihren Geruch wieder als wohltuend und nicht appetitanregend einzustufen, dann konnte ich ihre Nähe genießen. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und vergrub mein Gesicht in ihren glänzenden Haaren.
„Du machst das besser, als du denkst", lobte sie mich.
„Ich hab durchaus menschliche Instinkte. Sie sind vielleicht tief vergraben, aber sie sind da."
Reglos blieben wir in dieser halben Umarmung. Betrübt musste ich feststellen, dass das Licht schwächer wurde und die Schatten des Waldes sich nach uns ausstreckten. Bellas Seufzen verriet mir, dass sie ebenfalls bemerkt hatte, dass es spät geworden war.
„Du musst nach Hause", erklärte ich, bemüht mir meinen Verdruss darüber nicht anmerken zu lassen.
„Ich dachte, du kannst meine Gedanken nicht lesen."
Ich schmunzelte, schließlich hatte es dieser besonderen Gabe nicht bedurft, um ihre Gedanken heraus zu finden. „Sie werden langsam etwas klarer", behauptete ich jedoch. Dann ergriff mich eine Idee, die meine Augen vor Begeisterung zum funkeln brachten.
„Kann ich dir was zeigen?", fragte ich, Bellas Schultern ergreifend.
„Was denn?"
„Wie ich durch den Wald laufe?" Mir entging nicht, dass sie wenig fasziniert von diesem Einfall war. Überraschend, wenn man ihren sonstigen Wissensdurst bedachte. „Keine Sorge, dir passiert nichts, und außerdem sind wir viel schneller beim Transporter." Da meine Worte sie nicht zu überzeugen schienen, versuchte ich es mit meinem hinreißendsten Lächeln.
Argwöhnisch wollte Bella wissen: „Verwandelst du dich in eine Fledermaus oder so?"
Ihre Idee brachte mich dazu lauter zu lachen, als ich es je zuvor getan hatte. „Das ist ja wirklich mal was Neues!"
„Ja, stimmt, wahrscheinlich hörst du das öfter."
„Na los, Angsthase – rauf auf meinen Rücken mit dir", bestimmte ich. Doch Bella zögerte noch immer, als hielte sie die Aufforderung für einen guten Scherz. Ich versuchte ihre Bedenken fort zu lächeln, ergriff sie kurz entschlossen und schwang sie mir auf den Rücken. Ihre Arme und Beine klammerten sich an mich, als wäre sie ein kleines Affenkind. Ihr Herz raste und ich fragte mich, ob sie Angst oder Erregung bezüglich des bevorstehenden Abenteuers empfand.
„Ich bin ein bisschen schwerer als ein Rucksack", warnte sie mich, entlockte mir aber nur ein verächtliches „Hah". Für meine übernatürlichen Kräfte war Bellas Fliegengewicht keine Herausforderung. Die Vorfreude auf den schnellen Lauf, den ich gleich hinlegen würde, versetzte mich in Hochstimmung. Ich wusste, in dieser Euphorie konnte mir alles gelingen und so ergriff ich Bellas Hand, presste sie an mein Gesicht und nahm einen tiefen Atemzug ihres Geruchs. Ich bemerkte, dass ihr Herz vor Schreck einen kurzen Schlag lang ausgesetzt hatte, ignorierte es aber und murmelte nur: „Sag ich doch, immer einfacher."
Und dann setzte ich mich in Bewegung. Ich rannte durch das dunkle, dichte Unterholz des Waldes. Meine Füße hinterließen kein Geräusch, wenn sie den weichen Boden berührten. Es bedeutete keinerlei Anstrengung für mich mit Bella auf dem Rücken durch die Baumreihen zu rasen. Ihr musste es vorkommen wie fliegen! Die Geschwindigkeit versetzte mich in einen rauschähnlichen Zustand und ich versuchte schneller zu laufen als je zuvor. Während ich dahinjagte überlegte ich, ob ich es wagen sollte sie zum Abschied zu küssen. Hatte sie nicht den ganzen Tag mit mir unbeschadet überstanden? Konnte ein Kuss da schaden?
Innerhalb weniger Minuten erreichten wie Bellas Transporter und ich konnte die Begeisterung in meiner Stimme nicht bezähmen, als ich fragte: „Aufregend, oder?"
Doch Bella blieb stumm und machte auch keine Anstalten mich loszulassen. Wie erstarrt hing sie an mir und besorgt rief ich ihren Namen.
„Ich glaub, ich muss mich hinlegen", japste diese.
„Oh, tut mir leid", erwiderte ich und wartete, dass sie ihren Worten folgte. Sie schien sich jedoch nicht bewegen zu können und gestand schließlich: „Ich glaub, ich schaff's nicht allein."
Ich gab mir Mühe meine Belustigung zu unterdrücken, als ich ihren Würgegriff um meinen Hals vorsichtig löste, sie nach vorn zog und wie ein Baby auf die Arme nahm. Nach einem kurzen Moment, den ich noch nutzte um ihre Nähe zu genießen, bettete ich sie vorsichtig auf den weichen Farnen.
„Wie geht's dir?", erkundigte ich mich.
Schwach antwortete Bella: „Ich glaub, mir ist schwindlig."
„Steck den Kopf zwischen die Knie", empfahl ich ihr und sie folgte meiner Anweisung. Langsam atmete sie ein und aus und ich setzte mich neben sie, um sie notfalls stützen zu können. Nach einigen Sekunden stellte ich fest: „Das war wohl doch keine so gute Idee."
Eher kläglich meinte Bella: „Wieso, war doch interessant."
„Erzähl mir nichts. Du bist so blass wie ein Gespenst. So blass wie ich."
„Ich hätte lieber mal meine Augen zumachen sollen."
„Beim nächsten Mal."
„Beim nächsten Mal?!"
Ich lachte über das Entsetzen, das bei diesem Gedanken in ihrer Stimme hörbar wurde und sie brummelte: „Angeber."
„Mach mal die Augen auf, Bella", bat ich leise, da mir ein Gedanke gekommen war, wie ich sie ablenken konnte. Unsere Gesichter trennten nur wenige Zentimeter, was meinem Plan zugute kam.
„Beim Laufen kam mir der Gedanke ...", ich stockte angesichts des kleinen Schwindels, da ich mich theoretisch ja schon länger mit dem Thema beschäftigt hatte.
„Dass du aufpassen solltest, nicht gegen einen Baum zu rennen? Das beruhigt mich."
„Bella, du Dummerchen", tadelte ich glucksend. „Laufen ist meine zweite Natur. Darüber muss ich nicht mal nachdenken."
Erneut brummelte Bella: „Angeber."
Lächelnd fuhr ich fort: „Nein. Mir kam der Gedanke, dass ich gerne etwas ausprobieren würde."
Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände und bemerkte, wie ihr der Atem stockte. Zögern, da ich nicht wusste wie ich auf den Kuss reagieren würde, näherte ich mich Bella. Dann trafen sich unsere Lippen und wie ein Feuerwerk explodierte die Emotion in meinem Kopf. Ein unbeschreibliches Gefühl ergriff meinen Körper, ließ mich alles um mich herum vergessen bis ich Bellas Hände in meinem Haar spürte. Ihr keuchender Atem und ihr bereitwilliges Öffnen der Lippen ließ mich versteinern. Ich musste die Sache auf der Stelle beenden. Zu leicht konnte ich in diesem Augenblick die Beherrschung verlieren! Sanft, aber unnachgiebig löste ich meinen Mund von ihrem. Bella schlug die Augen auf und sagte tonlos: „Ups."
„Ich würde sagen, das ist noch untertrieben", erklärte ich, mühsam beherrscht. Ich bemerkte, dass mein Kiefer in mühsamer Anstrengung die Kontrolle zu behalten, verkrampft wirkte. Als sie sich jedoch versucht loszumachen und anhub „Soll ich ...?", ließ ich sie nicht gehen.
„Nein, es ist erträglich", erklärte ich, ihr keinen Zentimeter Platz gebend. Mit freundlicher und kontrollierter Stimme bat ich: „Gib mir nur einen Moment."
Bella musterte mich, während die Erregung langsam abflaute. Ich war zufrieden, wie schnell ich mich wieder unter Kontrolle gehabt hatte und mit zufriedener Miene grinste ich: „So."
„Erträglich?", fragte sie nach.
Befreit lachend, verkündete ich: „Ich bin stärker, als ich dachte. Gut zu wissen."
„Ich wünschte, das könnte ich von mir auch behaupten. Tut mir leid."
„Na ja, du bist schließlich wirklich nur ein Mensch."
Bissig konterte Bella: „Schönen Dank auch."
Nicht darauf eingehend, erhob ich mich und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Sie ergriff sie und während ich Bella hochzog, bemerkte ich, dass sie leicht schwankte.
„Ist dir immer noch von unserem Lauf schwindlig, oder liegt es an meinem Talent beim Küssen?", neckte ich lachend. Nach dem geglückten Experiment fühlte ich mich erleichtert.
„Weiß nicht genau, ich bin noch ganz benommen", gab Bella zu. „Ein bisschen von beidem, würde ich sagen."
„Vielleicht solltest du jetzt mich fahren lassen?"
„Hast du sie noch alle?", protestierte Bella.
„Ich kann jederzeit besser fahren als du an deinen besten Tagen", zog ich sie auf. „Deine Reflexe können mit meinen nicht mithalten."
„Das stimmt wahrscheinlich, aber ich glaube nicht, dass meine Nerven oder mein Transporter das aushalten würden."
„Wie wär's mit ein bisschen Vertrauen, Bella?"
Ich beobachtete wie sie scheinbar darüber nachdachte. Doch ihre Hand steckte in der Hosentasche, um den Schlüssel gekrampft und wie ich mir bereits gedacht hatte, schüttelte sie schließlich grinsend den Kopf. „Nein, kommt nicht in Frage."
Es war nicht zu fassen, wie unbelehrbar das Mädchen war. Ungläubig zogen sich meine Augenbrauen hoch, was Bella nicht davon abhielt sich an mir vorbei schieben zu wollen, um zur Fahrertür zu gelangen. Doch sie schwankte und ich legte meinen Arm um ihre Hüfte, um sie vor einem möglichen Sturz zu bewahren.
„Bella, ich habe bereits zu viele Anstrengungen unternommen, dich zu schützen, um jetzt zuzulassen, dass du dich ans Steuer setzt, obwohl du nicht mal gerade laufen kannst. Außerdem: Echte Freunde lassen einen nicht betrunken fahren", zitierte ich kichernd aus der Verkehrserziehung.
„Betrunken?", entrüstete sich meine Begleiterin.
„Meine bloße Gegenwart berauscht dich", erwiderte ich süffisant grinsend.
Seufzend gestand Bella: „Wo du Recht hast..." und gestand ihre Niederlage ein, indem sie den Schlüssel fallen ließ. Nicht schnell genug für meine Vampirreflexe natürlich. Ich fing ihn und eine Belehrung: „Lass es ruhig angehen, ja? Mein Transporter ist nicht mehr der Jüngste."
Zufrieden lächelnd lobte ich: „Sehr vernünftig."
Verdrossen wollte sie wissen: „Und du? Lässt dich meine Gegenwart ganz kalt?"
Statt einer Antwort, die mir schwer gefallen wäre, da ich für die Gefühle, die Bella in mir hervorrief, keine Worte fand, beugte ich mich zu ihr. Ich strich mit meinen Lippen an ihrem Unterkiefer entlang, vom Ohr zum Kinn und wieder zurück. Bella zitterte und ich bebte innerlich ebenso aufgewühlt von dieser zarten Berührung.„Trotzdem", murmelte ich schließlich. „Meine Reflexe sind besser."
Was gut war, denn ich fühlte mich trunkener, als Alkohol mich hätte machen können.
