Vertraue niemals deinen Gefühlen
Kapitel 3
Noch am selben Abend trat Hermine in den dunklen Kerkerraum, in den Snape sie bestellt hatte. Sie fröstelte bei dem Gedanken an die Ungerechtigkeit, die ihr zuteil geworden war. Ihre Lippen bebten. Was war nur geschehen? Noch wenige Stunden zuvor war sie sich sicher gewesen, dass in diesem Schuljahr alles anders werden würde. Sie hatte in den letzten Ferien noch mehr Zeit als gewöhnlich damit verbracht, sich auf den Schulbeginn vorzubereiten, was nicht grundlos gewesen war, wie ihr im Nachhinein in den Sinn kam.
Snape war der Auslöser dafür gewesen, ihr Professor, Severus Snape. Er war nicht so, wie die jungen Männer, die sie sonst kannte. Die meisten von ihnen langweilten sie. Snape hingegen war eine Autoritätsperson, jemand, der Respekt verdiente und ihn sich auch zu verschaffen wusste. Er war gebildet und reifer. Und genau das war es, was sie wollte, weil sie ebenso war. Sie war sich sicher, dass sie stundenlang mit ihm über Zaubertränke und Zaubersprüche diskutieren könnte, wenn sie ihm nur näher kommen würde.
Doch jetzt war ihre Freude, ihn endlich wieder zu sehen, verschwunden. Wie hatte sie sich nur derart in ihm täuschen können?
Sie war so tief in ihre Gedanken versunken, dass sie nicht merkte, wie ein dunkler Schatten hinter ihr hervortrat.
„Miss Granger", sagte eine tiefe Stimme.
Hermine hielt verschreckt inne. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und das ließ sie beinahe die Enttäuschung und den Ärger vergessen. „Ich, ich hab mein Buch mitgebracht", stammelte sie verlegen. Sogleich schämte sie sich dafür. Warum konnte sie nicht einfach ihren Mund halten?
Jetzt stand er vor ihr, so stark und wunderschön in ihren Augen. Anders. Besonders.
Sein Blick bohrte sich in ihr Sichtfeld. So verging eine Weile, ohne dass auch nur ein Wort gesprochen wurde.
Snape schluckte. Seine Finger waren vor seinem Körper ineinander gefaltet und schienen zu zittern.
„Miss Granger", sagte er erneut. „Ich..." Dann hielt er inne.
Hermine schloss für einen Moment die Augen und nahm all ihren Mut zusammen.
„Professor, wenn Sie mich hierher bestellt haben, um mich weiter zu demütigen, dann..." Sie suchte nach den richtigen Worten und schnaubte. „Ich denke nicht, dass es angebracht war, mich heute vor der gesamten Klasse so zu behandeln. Wenn Sie ein Problem mit mir haben, sollten Sie es mir persönlich mitteilen."
Snape sah sie an, als wüsste er nicht, was er darauf antworten sollte. In seinem Blick lag weder Wut, noch Ärger. Es war eher eine Mischung aus Scheu und Verwunderung.
Hermine aber konnte nicht anders, sie musste ihrem Ärger Luft machen und fuhr energisch fort.
„Wieso haben Sie mich hierher bestellt?"
„Ich verstehe", sagte er schlicht.
„Was?" Hatte er wirklich vor, ihr auszuweichen? „Ich meine, wie bitte?"
„Miss Granger, würden Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zusammen an einem Heilmittel für Albus Dumbledore zu arbeiten?" Plötzlich stand er kerzengerade vor ihr, klang gefasst.
Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte, so sprachlos war sie. Sie hatte deutlich gemerkt, dass er ursprünglich etwas ganz anderes sagen wollte. Es verwirrte sie.
„Wie Sie vielleicht wissen, ist das Leben des Schulleiters in großer Gefahr und Sie sind eine der fähigsten Schülerinnen, die ich jemals unterrichtet habe.
Hermine traute ihren Ohren kaum. „Professor, ich denke nicht, dass es angebracht ist, mir nach diesem Zwischenfall heute all diese Dinge zu sagen."
Sein Blick veränderte sich. „Es stand mir nicht zu, Sie zu demütigen", sagte er sanft.
Hermine konnte ihre Überraschung über seinen plötzlichen Sinneswandel nur schwer verbergen.
„Ich frage Sie noch einmal, Miss Granger: Würden Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zusammen an einem Heilmittel für Albus Dumbledore zu arbeiten?"
„Ja", hauchte sie mit schwacher Stimme. „Himmel, ja!" Endlich kehrte das Lächeln in ihr junges Gesicht zurück.
Snape nickte. „Gut, dann sollten wir beginnen." Seine Stimme klang beständig und fest, seine Augen funkelten über die Gewissheit, dass er diese Auseinandersetzung für sich entscheiden konnte.
