Vertraue niemals deinen Gefühlen

Kapitel 4

Die Arbeit mit Professor Snape gestaltete sich für Hermine schwieriger als sie gehofft hatte, was ihre Verunsicherung in Bezug auf ihn nur noch schürte. Zwar wusste sie, dass sie definitiv mehr für ihn empfand, als es sich für einen Lehrer gehörte. Genau das aber machte es so kompliziert, denn jedes Mal, wenn sie dachte, einen Erfolg in ihrer Beziehung zu ihm verbuchen zu können, wurde sie durch einen herben Rückschlag enttäuscht. Er wirkte unberechenbar, unfehlbar und vor allem unnahbar.

Es kam der Tag, an dem sich eine noch engere Zusammenarbeit beider nicht vermeiden ließ. Sie mussten schnell sein, wenn sie die Zutaten für das Heilelixier in korrekter Reihenfolge zufügen wollten, jede Sekunde zählte. Was noch schlimmer war, war die Gewissheit, dass die Zukunft von ganz Hogwarts vom Erfolg ihrer Taten abhing. Beide waren sich sicher, dass eine Genesung Dumbledores unumgänglich für den Fortbestand ihrer magischen Welt war.

Während Hermine das Buch mit der Rezeptur im Blick behielt und ihm nach und nach die Zutaten reichte, konzentrierte er sich auf die Vorgänge in den zahlreichen dampfenden Kesseln und Glasgefäßen.

„Geben Sie mir die Reagenz", murmelte er und hielt ihr die Hand entgegen, ohne dabei den Blick von zwei Kesseln mit heißer und tiefschwarzer Flüssigkeit zu heben.

Hermine wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß aus der Stirn, einige Strähnen hatten sich aus ihrem Haarknoten gelöst. Sie bewunderte seine konzentrierte Haltung. An diesem Tag machte es ihr nicht einmal mehr etwas aus, dass sein Ton streng war.

„Hier, bitte", sagte sie und klang dabei so gelassen, wie schon lange nicht mehr.

Verwundert drehte er sich um, sein Blick traf sie innig und tief. Wunderschön.

Ihm war ihre Gelassenheit nicht entgangen. Genau das war es, was er so sehr gefürchtet hatte. Was hatte Minerva da nur von ihm verlangt? Ihre Unwissenheit könnte Albus den Tod kosten...

Es geschah alles ganz plötzlich. Ihre Hände berührten seine, es war, als würde ihn ein Stromschlag durchfahren, die Reagenz war vergessen.

War es ein Zufall?

Sie konnten nicht anders. Zugleich verschlangen sich ihre Finger ineinander und hielten sich fest, in ihrer Mitte das Reagenzglas mit seinem kostbaren Inhalt.

Alles schien vergessen, die Zeit still zu stehen. Sein Hals pulsierte, Hermine zitterte. Dennoch begann sie langsam, sich ihm mit dem Mund zu nähern. Irgendetwas zog sie zu ihm, sie musste es einfach tun.

„Miss Granger … Hermine … nicht."

Sie hielt inne und blinzelte ihn mit ihren großen braunen Augen an.

„Du bist viel zu jung – das ist absurd." Eine tiefe, verständnislose Falte bildete sich zwischen seinen Brauen. Er sah aus, als wüsste er nicht weiter.

Hermine aber hielt seinem fragenden Blick stand. „Ich bin anders", flüsterte sie. „Ich bin Hermine Granger. Ich bin stur und eigenwillig. Ich weiß was ich will. Und ich will dich."

Er sah sie an. „Ich weiß nur zu gut, wer du bist. Du bist klug und … wunderschön ..." Mit einem Mal stockte er, als ihm bewusst wurde, dass er zu viel gesagt hatte. „Es - es tut mir leid", stammelte er unbeholfen. „Ich hätte so etwas nicht sagen sollen … ich muss gehen."

Mit diesen Worten rannte er davon, ohne sich auch nur einmal nach ihr umzusehen.

xxx

Snape stand vor dem Spiegel in seinem Schlafgemach. Sein Gesicht war vor Schmerz verzehrt, so groß war die Enttäuschung über ihn selbst. Seine Haare hingen in dicken, klebrigen Strähnen an ihm herab, seine Stirn war klatschnass von kaltem Schweiß. Seine Hände zitterten, als er versuchte, sich am Waschbecken festzukrallen, bis seine Finger schmerzten und er erschöpft zu Boden sank. Albus! Was würde Albus zu dieser Niederlage sagen? Diese Enttäuschung würde er nicht verkraften. Albus, sein vielleicht einziger, wahrer Freund...

Niemals in seinem Leben hätte er gedacht, dass er einen so wichtigen Auftrag nicht erfüllen könnte. Unzählige Zaubertränke hatte er gebraut, Formeln entwickelt und Zauber gewirkt. Doch dieser, der entscheidend für die Zukunft von Hogwarts war, war verwirkt.

Er konnte und wollte nicht begreifen, was geschehen war, was er getan hatte: Stundenlange Arbeit zunichte gemacht. Er war kreidebleich und sein Oberkörper wollte nicht zu beben aufhören. Er hatte sich die Blöße gegeben, Hermine alleine mit ihren Fragen und ihrem Schmerz in den Kerkern zurück zu lassen. Zum Teufel mit dieser Hexe!

Severus!", dröhnte ihre Stimme noch immer in seinem Kopf.

Was hatte er nur getan?