Vertraue niemals deinen Gefühlen
Kapitel 5
Die nächsten Tage verliefen für Hermine voller Ungewissheit. Sie war ein Häufchen Elend, der sonst so frische Ausdruck in ihren Augen blieb leer. Sie wusste nicht, was sie getan haben sollte, dass er sie so überstürzt hatte stehen lassen.
Severus ging es nicht anders: Er litt darunter, sie so zu sehen, obgleich er wusste, dass es die richtige Entscheidung war, ihr aus dem Weg zu gehen. Sie hatte ihn mit ihrem Verhalten überrascht und das war nicht gerade etwas, was er gutheißen konnte. Selbst dann nicht, wenn er sich eingestanden hätte, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte
Ihm schwebten dunkle Gedanken vor, was geschehen würde, wenn auch nur eine einzige Person von ihren Gefühlen füreinander wüsste. Hogwarts war ihr beider Zuhause, hier waren sie in Sicherheit. Doch außerhalb, fernab von Dumbledores Macht, hatten sie keine Chance, Voldemort zu entkommen. Snape als ihrem Lehrer war es verboten, sich zu den Gefühlen für seine Schülerin zu bekennen. Sie beide würden die Schule verlassen müssen, was bedeuten würde, Voldemort schutzlos ausgeliefert zu sein.
Es war eine der schwersten Entscheidungen, die er jemals zu treffen hatte und beide versuchten mühevoll, sich während des gemeinsamen Unterrichts zusammen zu nehmen. Was hatten sie auch für eine Wahl?
Snape zog sich wie gewöhnlich an seinen Schreibtisch zurück und ließ die Klasse, so gut es ging, in Ruhe arbeiten.
Selbst dann, als sie plötzlich mit Tränen überströmt aus dem Unterricht rannte, ließ er sie gewähren, ohne weiter darauf einzugehen. Kein Nachsitzen, keine Ermahnung, nichts. Nur ein dunkler Blick in die verwunderte Runde der anderen Schüler, die sich sofort wieder ihren Aufgaben zudrehten.
Irgendwie war sie ihm dankbar dafür. Ihr Herz war verletzt. Sie wagte es kaum, ihn anzusehen, aus Angst, ihre Gefühle könnten sie erneut überwältigen.
Als es an der Zeit war, einen neuen Versuch für die Herstellung des Heilelixiers zu wagen, brach Snape das Schweigen. Am Ende seiner Unterrichtsstunde wartete er ab, bis alle Schüler die Klasse verlassen hatten.
Hermine war so antriebslos, dass ihr entging, dass sie die Letzte war, die den Raum verlassen wollte. Snape stand plötzlich hinter ihr und griff nach ihrem Arm. Sanft zog er sie zu sich.
„Hermine", sagte er zögerlich und ließ sie los, als er sicher war, dass sie nicht davon laufen würde. „Wir müssen reden."
Sie antwortete nichts darauf und gab sich Mühe, ihm nicht direkt in die Augen zu sehen. Es war zu schmerzhaft für sie.
„Es war ein Fehler", sagte er mit ruhiger Stimme. „Ich wusste nicht, was ich tun soll." Er wirkte abwesend und durcheinander.
Hermine seufzte und brach ihr Schweigen. „Nur ein Wort, Severus. Ein Wort hätte mir genügt." Sie schluckte schwer. „Aber du bist einfach davon gelaufen, obwohl ich sehen konnte, dass du es auch wolltest."
Er verkrampfte seine Hände ineinander, nach einer Antwort suchend. Doch es fiel ihm keine ein, die seine Gefühle richtig auszudrücken vermochte. Stattdessen sagte er gar nichts.
Hermine wurde wütend. Endlich traute sie sich, ihn richtig anzusehen. „Warum bist du nur so verbohrt, Severus?"
Er kniff die Lippen fest zusammen und warf den Kopf in den Nacken. „Es gibt keine Entschuldigung für mein Verhalten", sagte er schließlich.
Hermine nickte nur. In ihrem Inneren herrschte ein heilloses Durcheinander. Sie konnte sehen, dass er alles ungeschehen machen wollte und keinen Ausweg fand.
„Ich habe mir etwas überlegt", sagte sie dann.
Severus sah sie verunsichert an. Was hatte sie vor? Er spürte einen Stich in seinem Herzen.
„Ich will ihn sehen", sagte sie bestimmt, ohne ihm eine nähere Erklärung für das zu liefern, was in ihr vorging.
Snape sah sie fragend an, doch sie blickte zu Boden. „Wen?"
„Dumbledore. Ich muss ihn einfach sehen."
„Hermine … ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist." Er klang sanft, irgendwie erleichtert über ihre Antwort. Dennoch haderte er mit dem Gedanken, jemanden zu Dumbledore zu lassen. Der Zustand des alten Mannes war schlecht. Er konnte nicht zulassen, dass ihn jemand in Aufregung versetzte.
Hermine beobachte sein Gesicht voller Aufmerksamkeit. Er war immer ein Meister darin gewesen, andere zu täuschen. Ihr gegenüber jedoch verhielt er sich ganz anders. Sie hatte seine harte Fassade zum Bröckeln gebracht. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass er sie nicht absichtlich verletzt hatte. „Warum hast du das getan?", wollte sie wissen. „Warum bist du fort gelaufen?"
Er trat einen Schritt auf sie zu, konnte dem Drang nicht widerstehen, sie in seine Arme zu schließen.
Eine Träne glänzte auf Hermine Wange, sie sah so hilflos und verletzlich aus.
Snape machte eine Bewegung mit der Hand, um sicher zu gehen, dass die Kerkertür am anderen Ende des Raumes verschlossen war. „Ich hatte keine andere Wahl", sagte er mit schwerer Stimme. „Du hast versucht, mich zu küssen, Hermine. Sie würden uns der Schule verweisen und du weißt, was das bedeutet."
Endlich wagte sie es, ihm in seine Augen zu blicken, seine wunderschönen, unergründlichen Augen. Sie nickte und lehnte ihren Kopf gegen seine Brust.
Snape ballte die Hände zu Fäusten, wagte es nicht, sie anzufassen.
„Du weißt, dass ich etwas für dich fühle", murmelte sie leise. Stumme Tränen durchnässten sein Gewand, während sie seinen Geruch einatmete, eine Mischung aus frisch geschlagenem Holz in einem herbstlichen Wald und verschiedenen, wohl riechenden Chemikalien, die Hermine nur schwer zuordnen konnte.
Snape seufzte. Er hatte zu viel gearbeitet und zu wenig geschlafen, doch endlich erwachte etwas in seinem Inneren. Ein schwacher Funken Hoffnung, den er um nichts auf der Welt ersticken wollte. Er durfte sie nicht einfach so gehen lassen! Und genauso wenig durfte er sich in etwas hineinstürzen.
„Es gibt eine Chance", sagte er schließlich und schlang die Arme um ihren Körper. Er drückte sie so innig gegen seine Brust, dass er das schmerzvolle Beben in jeder ihrer Fasern spüren konnte. „Wir müssen warten. Einige, wenige Monate, bis du erwachsen bist."
Es gab nichts mehr zu sagen, seine Worte wirkten wie eine stillschweigende Vereinbarung, an die sie sich halten mussten.
Ihr Kopf lag auf seiner Brust, als sie nach oben blickte. Ihr Mund war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt und doch wagten beide es nicht, sich zu küssen, denn sie wussten nur zu sehr, dass es dann kein Halten mehr geben würde. So verharrten sie, ineinander umschlungen, bis Severus einlenkte.
„Ich denke, ein Besuch wird ihm ganz gut tun", sagte er ernst. „Albus ist einsam und isoliert. Er schläft sogar in seinem Büro."
„Wer hätte das gedacht", flüsterte sie leise. „Armer Dumbledore ..."
Snape begleitete Hermine zum Büro des Schulleiters, obwohl er sich unwohl dabei fühlte, schließlich wussten nur wenige Vertraute etwas über Dumbledores schlechten Gesundheitszustand.
Am Fuße der Treppe nahm er Hermine beiseite. „Ganz gleich, was auch immer du sehen wirst, du darfst niemandem davon erzählen."
Seine Augen leuchteten in tiefem Schwarz, das sie schaudern ließ.
„Wir sind nur solange in Sicherheit, solange Voldemort Dumbledores Macht fürchtet."
Hermine nickte benommen. Diese Augen!
„Warte hier einen Moment", bat Snape und kehrte ihr den Rücken zu.
Im Inneren des Büros brauchte er nicht lange nach Dumbledore zu suchen. Wo früher einige seiner seltsamen Apparaturen gestanden hatten, befand sich nun ein bequemes, breites Bett.
„Severus", sagte der alte Mann erfreut, seine Augen glänzten wie die eines kleinen Schuljungen. Trotzdem sah er miserabel aus, ausgemergelt und stark gealtert. Seine Haut schien viel zu groß für die darunter liegenden Gliedmaßen zu sein. „Ich freue mich über deinen Besuch."
Snape war ein Meister darin, sich seine Besorgnis nicht anmerken zu lassen. „Ich bin nicht alleine gekommen", sagte er knapp. „Miss Granger ist hier, Albus."
Dumbledore lächelte. „Dann bitte sie herein, Severus."
Snape deutete eine leichte Verbeugung mit dem Kopf an, er hatte immer noch großen Respekt vor seinem Gegenüber. Dann verschwand er.
Es dauerte nicht lange und die zierliche Gestalt eines Mädchens erschien im Raum.
„Miss Granger!", rief Dumbledore übermütig. „Es ist mir eine Ehre, Sie hier begrüßen zu dürfen … Ein Toffee?" Mit zittriger Hand hielt er ihr eine kleine Schale mit Süßigkeiten entgegen. Der andere Arm lag gänzlich unter einer Decke verborgen.
Hermine versuchte zu lächeln und schüttelte den Kopf. „Nein danke, Professor." Sie war erschrocken über den Anblick, der sich ihr bot. Wann hatte der Schulleiter das zu einem Schlafgemach umfunktionierte Büro zum letzten Mal verlassen? Er sah so verloren aus in diesem Bett, dass ihr fast die Tränen kamen.
„Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen", sagte sie förmlich.
Dumbledore blickte sie sanft über seine Brille hinweg an. „Ich bin mir sicher, dass Sie nichts getan haben, wofür Sie sich bei mir entschuldigen müssen."
Hermine trat näher. „Darf ich mich setzen?"
„Natürlich. Sie sind mir immer willkommen, mein Kind."
Ermutigt setzte Hermine sich auf die Bettkante. Sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte, obwohl sie lange überlegt hatte, was sie sagen würde. Es lag ihr fern, diesen alten, schwachen Mann in Aufruhr zu versetzen.
„Es tut gut, zu sehen, was für eine würdige Schülerin Sie sind", begann Dumbledore. „Hogwarts ist stolz auf Sie."
Hermine war froh, dass er etwas gesagt hatte. In dieser Situation wäre es ihr ganz egal gewesen, worum es ging. Alles war besser, als diese seltsame Stille.
„Miss Granger, Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich sehe, dass Sie besorgt sind, aber ganz gleich, was es auch ist, ich vertraue Severus."
Hermine zuckte erschrocken zusammen. Sie sah seine funkelnden Augen. Was genau wusste er? Sie traute sich nicht, danach zu fragen. Stattdessen kam ihr in den Sinn, weshalb sie eigentlich hierher gekommen war. Alles andere musste warten.
„Es ist meine Schuld, dass wir das Heilelixier nicht in ausreichenden Mengen beschaffen konnten", sagte sie. Ihre Augen füllten sich mit Tränen bei dem Gedanken daran, wie viel von ihrer Aufgabe, die ihr Severus anvertraut hatte, abhing. „Professor Snape hat mich gebeten, ihm bei der Herstellung zu helfen ..."
„Gutes Kind, ich glaube, wir wissen beide, dass meine Genesung nicht alleine von dem Heilelixier abhängt", antwortete Dumbledore ruhig. „Es gibt Wunden, die nicht einmal der stärkste Zaubertrank heilen kann. Professor Snape ist der fähigste Lehrer dafür, den es gibt. Niemand vermag es, Zaubertränke so wie er zu brauen. Sein einziger Fehler ist, dass er sich die Schuld an Dingen gibt, für die er nichts kann." Sein Blick bohrte sich tief in ihre Augen. „Ich denke, das sollte unter uns bleiben, Miss Granger."
Hermine war verstört. „Dann ist also alles umsonst?", fragte sie enttäuscht.
Dumbledore schüttelte gemächlich den Kopf. „Vielleicht ist es besser, die Hoffnung in dieser Situation zu schüren, um die Menschen, die uns nahe stehen, nicht in Verzweiflung zu stürzen. Wir brauchen Professor Snape. Hogwarts braucht seine Hilfe."
Hermine nickte im stummen Einverständnis. In ihrem Inneren aber überschlugen sich die Gedanken.
