Vertraue niemals deinen Gefühlen
Kapitel 6
Snape schritt ungeduldig den Flur vor dem Zugang von Dumbledores Büro auf und ab, während er auf Hermines Rückkehr wartete. Er war in Sorge. Zum einen darüber, ob Hermine es verkraften würde, ihren Schulleiter in dieser Verfassung zu sehen, zum anderen um Dumbledore, der bei jedem seiner Besuche schlechter aussah.
Endlich öffnete sich der Durchgang und Hermine trat vor ihn. Er hielt angespannt inne und musterte sie von oben bis unten. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass sie ziemlich gelassen aussah.
„Was ist passiert?", fragte er aufgeregt. Von seiner sonst so kühlen Art war in diesem Moment nichts zu spüren.
Hermine atmete tief ein und lehnte sich neben ihm an die kalte Mauer, was ihr ein Gefühl von Sicherheit gab. Sie wollte ihm Vertrauen schenken, um ihn nicht weiter zu beunruhigen. Ihr war sehr wohl bewusst, was die Worte des Schulleiters bedeutet hatten. „Dumbledore hält große Stücke auf dich", sagte sie mit einem sanften Lächeln.
Er blickte sie verblüfft an. „Das ist alles?"
Sie nickte. „Im Kern unserer Unterhaltung ja." Es war eine Notlüge. Einen anderen Ausweg sah sie nicht. Hoffentlich würde sie dadurch sein Vertrauen nicht eines Tages verlieren...
„Was hat er noch gesagt?" Er hielt seine bebenden Hände fest vor dem Körper verschränkt, ein Zeichen für den Zwiespalt in seinem Inneren.
„Du bist zu ungeduldig, Severus." Ihr Gesicht sah aus, als würde es die Sonne widerspiegeln.
„Das hat er gesagt?" Eine seiner Augenbrauen schoss ungläubig nach oben.
Hermine streckte die Hand nach ihm aus und legte sie auf seine bleichen Finger. Sie waren kühl und verkrampft. „Es wird Zeit, dass wir uns an die Arbeit machen", sagte sie bestimmt. „Dumbledore braucht unsere Hilfe. Wir müssen ein Heilelixier fertig stellen."
Mit diesen Worten stieß sie sich von der Mauer ab und ging forschen Schrittes voran, in Richtung Kerker.
Snape wusste nicht, was er davon halten sollte, dennoch folgte er ihr. Nach wenigen Metern hatte er sie eingeholt, ohne weitere Fragen zu stellen.
Beim Abendessen am Tisch der Griffindors wurde Hermine sofort von Harry und Ron umringt. Sie bekam gar nicht erst die Gelegenheit, Blickkontakt zu Snape herzustellen. Alles, was sie erhaschen konnte, war seine schwarze Gestalt am Lehrertisch, dann stellte sich Ron ihr in den Weg.
„Haben wir uns wegen irgendwas gestritten, Hermine?", fragte er mit verschränkten Armen.
„Wieso?", entgegnete sie unschuldig, als ihr klar wurde, worauf er hinaus wollte. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie in letzter Zeit so wenig mit ihren Freunden unternommen hatte.
„Weil du uns ständig aus dem Weg gehst", antwortete Ron.
Hermine seufzte. „Ich hab nur unheimlich viel zu tun." Sie musste ein Lächeln unterdrücken, als sie daran dachte, dass sie jede freie Minute damit zubrachte, mit Snape zusammen an dem Heilelixier zu arbeiten.
„Ist das ein Grund, uns links liegen zu lassen?", fragte Ron. Er sah eindeutig verletzt aus.
„Lass mal, Ron", schaltete Harry sich ein. Dann wendete er sich Hermine zu. „Was er dir eigentlich sagen wollte, war, dass du uns unheimlich fehlst, Hermine."
Hermine wurde rot im Gesicht. Beinahe hatte sie die unbeschwerte Zeit vergessen, die sie in den letzten Jahren zusammen verbracht hatten. Ihre Abenteuer, die Gefahren, die sie gemeinsam gemeistert hatten.
„Ich finde, du bist uns eine Verabredung schuldig", scherzte Harry.
Hermine sah ihn mit offenem Mund an. „Wie bitte?"
„Harry hat recht, Hermine. Wenn du weiterhin mit uns befreundet sein willst, musst du uns zeigen, dass wir dir wichtig sind."
„Ron", seufzte Hermine, ohne näher darauf einzugehen.
„Komm schon, Hermine!", beharrte er. „Wie wäre es mit dem nächsten Quidditch-Match?"
„Ich - ich weiß nicht ...", stammelte sie. Ausgerechnet Quidditch! Als wäre ihnen nicht bewusst, was für eine Meinung sie davon hatte.
„Oder ein gemeinsamer Besuch in Hogsmeade", schlug Ron vor.
„Na gut, ihr zwei. Ich lass mir was einfallen, versprochen."
Endlich waren beide beschwichtigt und wendeten sich dem Essen zu. Hermine riskierte inzwischen einen Blick zum Lehrertisch.
Snape saß neben McGonagall und unterhielt sich mit ihr. Zuerst war Hermine enttäuscht, dass sie keine Möglichkeit hatte, sich vor all den Schülern und Lehrern mit ihm auszutauschen. Dann aber genoss sie es, ihn einfach nur anzusehen. Jede Sekunde, die sie ihn beobachtete, verliebte sie sich mehr in ihn. Sie wollte ihn berühren, sein wunderbares Gesicht in ihre Hände nehmen, es liebkosen und küssen und ihm mit den Fingern durch seine dichten Haare fahren.
Ihr Körper wurde von dem gleichen sinnlichen Gefühl durchströmt, das sie hatte, als seine Hand sie das erste Mal berührte. Ein Schauder der Erregung durchzuckte sie, dann öffnete sie den Mund und ließ die Luft langsam aus ihren Lungen strömen. Sie fühlte sich, als würde sie dahin schmelzen.
„Sagt mal, wisst ihr eigentlich, wo Dumbledore steckt?", fragte Ron plötzlich.
Hermine fuhr herum. Sie gab sich die größte Mühe, unschuldig auszusehen. „Vermutlich ist er verreist", murmelte sie. Zum Glück war es ihr noch nie besonders schwer gefallen, im richtigen Moment nach den passenden Worten zu suchen.
„Wie kommst du darauf?"
„Na, ganz einfach, Ron!" Sie lächelte. „Weil er immer verreist ist, wenn er nicht da ist."
Ron nickte und rollte mit den Augen. „Klar, dass ich da nicht von selbst drauf gekommen bin ..."
Es fiel Hermine nicht leicht, ihre Freunde zu belügen. Aber sie hatte Snape ihr Versprechen gegeben, niemandem etwas über Dumbledores Zustand zu verraten.
Snape. Wie sehr sie sich nach seiner Nähe sehnte. Wie sehr die letzten Wochen mit ihm sie verändert hatten. Sie durfte es nicht riskieren, sein Vertrauen zu verlieren. Es war schon zu viel gewesen, ihm eine Notlüge aufzutischen, die ihn zu seinen Höchstleistungen im Brauen von Zaubertränken anspornen sollte, um Dumbledore zu retten.
Hermine stützte verträumt den Kopf auf die Hände und riskierte einen weiteren Blick zum Lehrertisch.
Da saß er. Snape. Ihr Professor, Severus Snape, der zugleich auch der Mann war, in den sie sich verguckt hatte. Sie liebte den Blick seiner dunklen Augen, die tiefen Furchen zwischen seinen Augenbrauen, die schwarzen Haarsträhnen, die zu beiden Seiten seines Gesichts herab fielen. Sie liebte jedes seiner Worte, die seine Stimme in ihr Ohr getragen hatte. Sie liebte die Art, wie er sich bewegte und sie ansah. Seine kühlen, blassen Hände mit den langen, schlanken Fingern. Wie sehr sie sich wünschte, diese Finger würden sie jetzt berühren, wie sie es schon einmal getan hatten. Sie wollte sie auf ihrer Haut spüren, bis die Kälte verschwand und sie warm mit ihrem Körper verschmolzen. Sie wollte ihn küssen, den dunklen Schatten seiner weichen Unterlippe in sich aufsaugen.
Nur ein Kuss, Severus. Ein einziger Kuss.
Doch was würde danach geschehen? Sie wusste, dass es kein Halten gäbe. Sie hätte nicht die Kraft, ihn von sich zu weisen, um es zu beenden. Sie hatte seine Leidenschaft gefühlt, die angespannten Muskeln in seinem Körper gespürt. Würde er es beenden können? Sie wusste es nicht.
„Es ist schon komisch", murmelte Harry.
Hermine löste den Blick von Snape. Es tat weh.
„Zuerst verschwindest du, dann auch noch Dumbledore."
Hermine warf Harry einen fragenden Blick zu.
„Ich meine ja nur..."
„Genau", fiel ihm Ron ins Wort. „Man könnte fast meinen, da bahnt sich was an."
„Ron!" Hermine musste lachen. Es tat ihr gut, mit ihnen zu scherzen. Verliebtsein konnte ja so schmerzhaft anstrengend sein.
