Vertraue niemals deinen Gefühlen

Kapitel 8

Snape war außer sich. Er wusste nicht, wie er mit diesem neuen Gefühl in seiner Brust umgehen sollte. Für ihn war es vergleichbar mit einer Panik, einer undefinierbaren Angst davor, die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren.

Außerdem war er wütend, weil er die Beherrschung verloren und mit Hermine geschlafen hatte, die ja genau genommen immer noch seine Schutzbefohlene war.

Er fühlte sich schrecklich und verspürte das Bedürfnis, seinen Fehler, den er begangen hatte, zu beichten.

Die Liste seiner Vertrauten war kurz. McGonagall kam für ihn nicht in Frage, sie war im Moment zu labil. Außerdem war er sich nicht sicher, ob sie diese Nachricht überhaupt verkraften würde. Also blieb nur Dumbledore.

Severus war nervös, als er das Gemach des Schulleiters betrat. Er fühlte sich wie damals, als er ein kleiner Junge gewesen war und etwas angestellt hatte. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich Dumbledores Krankenbett und blieb steif vor ihm stehen. Der Zustand des Mannes war in letzter Zeit etwas stabiler, wie er erleichtert registrierte. Er neigte leicht den Kopf vor ihm, wie er es meistens tat, vorausgesetzt, Albus hatte ihn nicht wieder einmal zur Weißglut gebracht.

„Severus", sagte Dumbledore freundlich. „Was für ein herrlicher Tag."

Snape sah verdutzt aus dem Fenster. „Es regnet, Albus."

„Ich weiß, mein Freund. Ist das nicht herrlich?"

Er nickte nur knapp. Jetzt ist er vollkommen verrückt geworden.

„Setz dich zu mir", bat Dumbledore.

Snape zögerte und blieb stehen. „Albus, ich muss mein Gewissen erleichtern." Er wusste, dass es nicht besser wurde, wenn er es zu lange hinaus schob. Trotzdem hatte er keine Ahnung, wie er anfangen sollte.

Der alte Mann lächelte unbeirrt. „Wie ich sehe, hast du dich mit Miss Granger sehr gut arrangiert", sagte er vergnügt.

Snape war sich nicht sicher, was er antworten sollte. Er war einfach zu überrascht von der unerwarteten Anspielung seines Mentors.

„Hermine und du, ihr seid etwas Besonderes.", entgegnete Dumbledore weiter.

„Albus … Ich habe die Beherrschung verloren", gestand Snape gequält. „Ich, ich … bin mit Miss Granger ...", er suchte nach dem richtigen Wort und bezweifelte, dass es das für all die Dinge, die geschehen waren, überhaupt gab, „... intim geworden."

Er war noch bleicher als gewöhnlich im Gesicht, als er geendet hatte. Warum war er nur auf die blöde Idee gekommen, hierher zu kommen, um mit Dumbledore über sein Sexleben zu plaudern? Er seufzte. Vielleicht war es einfach aus alter Gewohnheit geschehen.

„Severus, denkst du wirklich, ich hätte es zugelassen, dass Miss Granger dir bei der Zubereitung meines Heilelixiers hilft, wenn ich nicht alle möglichen Konsequenzen aus dieser Zusammenarbeit abgewogen hätte?"

„Aber … Ist das alles?"

Dumbledore nickte.

„Warum?"

„Ihr wart füreinander bestimmt. Ich kenne dich. Und ich kenne Miss Granger. Ich bin der Schulleiter dieser Schule und habe euch beide im Auge behalten. Mir wurde eines Tages bewusst, dass ihr perfekt zusammen passen würdet." Er holte tief Luft. Das Sprechen strengte ihn deutlich an. „Denk nach, Severus, ihr habt mehr Gemeinsamkeiten, als so manch anderes Paar. Frauen wie Miss Granger sind nur schwer zu finden. Sie teilt deine Leidenschaft für Bildung und das Brauen von Zaubertränken."

Snape zog die Brauen nach oben, als er das hörte.

„Aber sie war - sie ist - meine Schülerin, Albus." Er rang die Hände ineinander und blickte zu Boden, als gäbe es keine schlimmere Schande.

„Sie ist erwachsen. Oder ist dir das nicht aufgefallen? Ihr Herz ist großmütig. Sie ist klug ..."

Snape schüttelte langsam den Kopf. Er konnte nicht begreifen, was hier vor sich ging.

„Außerdem ist sie Hermine Granger, die schon immer allen anderen weit voraus war. Sie ist eine ausgesprochen interessante Hexe und so stur wie du, Severus. Kannst du dir den armen Zauberer vorstellen, der ihr gewachsen sein soll? Oder ist es dir lieber, dass sie alleine bleibt und ewig unglücklich sein wird?"

Dumbledores Worte klangen so ungewohnt zuversichtlich und beruhigend, dass Snape seine Zweifel für einen Moment beiseite schob. „Dann werden wir also nicht vor die Tür gesetzt?", fragte er ungläubig. „Obwohl wir Gefühle füreinander haben?"

„In meinem Zustand bekommt das Leben andere Prioritäten, Severus. Die Vorschriften des Ministeriums können nicht das Glück dieser Welt bestimmen. Ich werde einfach so tun, als wäre nichts geschehen."

Snape senkte den Blick. „Ich weiß nicht, ob ich sie glücklich machen kann, Albus. Nicht mit meiner Vergangenheit."

„Hat sie nicht glücklich gewirkt?"

„Doch ... Ich meine, sie sah ganz zufrieden aus." Er fühlte sich deutlich unwohl in seiner Haut.

„Na also!" Dumbledore klatschte begeistert in die Hände, obwohl seine Verletzung es ihm sichtlich erschwerte. „Dann bleibt mir nicht mehr, als euch beiden alles Gute zu wünschen." Seine Augen funkelten Snape über seine Brille hinweg an. „Ich bin ein alter Mann, Severus. Und ich wünschte, ich könnte sagen, mir wären dieselben Dinge passiert, wie sie dir mit Miss Granger widerfahren sind. Jemanden zu finden, den man liebt und von ihm geliebt zu werden, das ist wahrlich nicht leicht." Nachdenklich blickte er zum Fenster hinaus. „Es beginnt bereits zu dämmern, Severus. Du solltest dich jetzt besser auf den Weg machen. Außerdem braucht ein alter Mann hin und wieder ein kleines Nickerchen."

Severus verbeugte sich und drehte sich um. Dann hielt er inne und sah Dumbledore mit seinen dunklen Augen an. „Danke, Albus."

Der alte Mann nickte zufrieden und schloss seine Augen.

xxx

Snape durchstreifte unruhig die langen Gänge von Hogwarts. Noch immer nagten die Selbstzweifel an ihm.

Was war nur in ihn gefahren, mit einer Schülerin zu schlafen?

Severus!

Die ganze Nacht konnte er kein Auge zumachen, wälzte sich einsam in seinem Bett hin und her, stand wieder auf und legte sich erneut hin. Er konnte nicht aufhören, sich Vorwürfe zu machen.

Deine Schülerin!

Snape schauderte. Nie würde er Hermines enttäuschtes Gesicht vergessen können, als er sie am nächsten Morgen vor Unterrichtsbeginn zurückwies.

Nicht, Hermine. Wir müssen damit aufhören."

Aber Severus", sagte sie unschuldig, stellte sich auf die Zehenspitzen und wollte ihn küssen.

Er griff nach ihren Händen, die überall zugleich zu sein schienen und hielt sie fest. „Hermine, lass das."

Was ist mit dir, Severus? Gestern warst du noch so … anders." Ihre Augen sahen ihn an, als ahnten sie, dass er nicht mehr derselbe war.

Was gestern passiert ist … war ein … Fehler", sagte er dann.

Tränen schossen in ihre Augen. Sie begriff langsam, dass es aussichtslos war, in dieser Situation an ihm festzuhalten.

Sein Blick war genauso hart, wie er es sonst auch gewesen war, der Griff seiner Hände war kühl, die Leidenschaft verschwunden.

Es tut mir Leid, Hermine. Es war nicht deine Schuld. Ich hätte nicht die Beherrschung verlieren dürfen ..."

Sie konnte nicht weiter vor ihm stehen und sich das anhören. Seine Stimme war die gleiche geblieben, nur der Ton war vollkommen anders. Er war nicht mehr liebevoll und liebkosend, er war eiskalt. Hermine fühlte sich hilflos und verletzt. Urplötzlich riss sie sich aus seinem Griff los und rannte laut schluchzend davon...

Außer Atem blieb er stehen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte das ganze Schulgelände nach ihr Abgesucht und noch immer keine Spur von ihr gefunden. Der Regen prasselte unaufhörlich auf seinen Umhang.

So langsam begann er, sich Sorgen um sie zu machen. Er könnte es nicht ertragen, wenn sie sich wegen seiner Dummheit etwas angetan hätte. Er musste sie finden.

Noch einmal lief er mit erhobenem Zauberstabs das Gelände ab, er wollte auf alles vorbereitet sein, da vernahm er in der Nähe einiger Bäume ein Schluchzen. Leise trat er näher. Endlich. Erleichtert steckte er den Zauberstab weg.

Sie stand mitten im Regen. Klitschnass. Es war beinahe stockfinster, dennoch konnte er deutlich ihre Gestalt erkennen.

„Hermine", sagte er sanft und legte ihr von hinten vorsichtig eine Hand auf die Schulter.

Sie zuckte zusammen und sah ihn an.

Snape konnte es nicht ertragen, sie so leiden zu sehen. Sie fröstelte. Schnell zog er seinen Umhang aus und legte ihn über ihre Schultern. Sein ganzes Gewand war in wenigen Sekunden durchnässt.

„Es tut mir so leid, Hermine.", sagte er mit belegter Stimme. „Lass uns gehen, du wirst dich noch erkälten."

Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, ich bleibe hier. Ich möchte allein sein."

Er sah sie abschätzend an und wollte einen Arm um sie legen, doch sie stieß ihn von sich.

Dann blickte sie auf. „Ich denke nicht, dass du das Recht hast, das zu tun, Severus. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich bin gern alleine hier draußen."

„Ich habe es nicht so gemeint", bemerkte er ernst, als er sah, dass sie nicht fortzubewegen war.

Er nahm ihre Hand und diesmal ließ sie es zu. Dann zog er sie unter einen Baum mit tief hängenden Ästen. Vorsichtig strich er ihr die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Hermine ließ ihn zwar gewähren, dennoch war sie immer noch außer sich. „Es war ein Fehler? Severus! Natürlich hast du es so gemeint. Das ist wohl so ziemlich das niederträchtigste, was man jemandem sagen kann, mit dem man intim geworden ist."

Er seufzte. „Es war kein Fehler. Glaub mir. Mir ist noch nie zuvor etwas so schönes passiert." Seine Augen sahen sie durchdringend an.

Hermine liebte es, wenn er das tat, in diesem Moment jedoch war sie verunsichert. Seine Worte klangen aufrichtig und nie hätte sie gedacht, dass er fähig wäre, so etwas zu sagen. Trotzdem war sie verletzt. Erschöpft ließ sie sich auf den nassen Boden fallen. Es dauerte keine Sekunde und er saß neben ihr.

„Ich war bei Dumbledore", begann er ruhig. Er wollte etwas sagen, irgendwas.

Hermine lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Wenn er doch nur nicht diese unglaubliche Stimme hätte, diese Stimme, die sie weich werden ließ.

Snape schlang die Arme um sie. „Ich hatte Angst", gestand er und wischte mit den Fingern die tropfenden Strähnen aus seinem Gesicht. „Ich habe mich immer davor gefürchtet, dass mir so etwas noch einmal passieren könnte."

Sie hob den Kopf und sah ihn an. Snape beugte sich zu ihr und küsste sie auf ihren triefend nassen Mund.