Ludicrous Smile
Kapitel 3
Zurück in ihrem Turm rollte Hermine sich unter der Bettdecke zu einer Kugel zusammen und holte ihre verzauberte Galleone hervor, um eine Nachricht an die Jungs zu schicken. Eigentlich war ihr nicht sonderlich danach, sich mit ihnen über das auszutauschen, was geschehen war. Da sie jedoch wissen wollte, wie es Harry und Ron erging, raffte sie sich dazu auf, es doch zu tun.
„Alles klar bei euch? Hab mir eine Auszeit genommen und wurde von der Fledermaus erwischt", schrieb sie knapp. Dann schickte sie die Nachricht mit etwas Wehmut los. Das, was sie erwähnt hatte, war noch weit untertrieben gewesen. Sie brachte es jedoch nicht übers Herz, den Jungs die ganze Geschichte zu erzählen, die sie dazu gedrängt hatte, überhaupt vor den Geschehnissen fliehen zu wollen, die sich in Hogwarts abspielten.
Es dauerte nicht lange, bis die erste Antwort erschien, in der Harry schrieb: „Bei uns nichts Neues. Geht es dir denn gut?"
„Ja. Nichts weiter passiert. Hat mich doch glatt zum Nachsitzen verdonnert. Aber was soll's. Schlaft gut."
„Du auch. Pass auf dich auf!"
Hermine versteckte die Münze im Inneren eines goldenen Anhängers, den sie um den Hals trug und legte einen Unsichtbarkeits-Zauber darüber, sodass niemand auf den ersten Blick das Schmuckstück sehen konnte. Dann löschte sie das Licht an der Spitze ihres Zauberstabs und machte die Augen zu. Dennoch dauerte es eine Weile, ehe sie Schlaf fand. Die Schwellung auf ihrem Gesicht pochte bei jedem Schlag ihres Herzens und sie fühlte sich so einsam und unverstanden wie nie zuvor.
Am darauffolgenden Morgen beim Frühstück traf sie auf Ginny, die sich neben sie setzte, um sich mit ihr auszutauschen. Beide wussten, dass sie aufpassen mussten, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch Hermine konnte nicht ewig so weitermachen und vorgeben, alles wäre in bester Ordnung. Auch dann, wenn die Jungs weit weg waren, hatte sie das Gefühl, sich früher oder später jemandem anvertrauen zu müssen.
„Hat Snape gar nicht gefragt, wie es zu deinem Veilchen kam?", wollte Ginny hinter vorgehaltener Hand wissen.
Hermine, der der Sarkasmus in ihrer Stimme nicht entgangen war, schüttelte wie erschlagen den Kopf.
„Nein. Wieso sollte er auch? Er ist doch nur der Schulleiter. Es kümmert ihn nicht im Geringsten, wie uns die Carrows behandeln. Dafür muss ich jetzt auf unbestimmte Zeit bei ihm nachsitzen, weil ich so spät noch auf dem Turm war. Vielleicht aber auch, weil ich mich quergestellt habe oder ihm meine Antworten nicht gefallen haben."
Ginny schnaubte wütend. „Das ist nicht zu fassen, oder? Ich verstehe nicht, warum Snape sich so aufspielt, wo er doch selbst ein Halbblut ist. Wissen denn die anderen Todesser nicht, wo er herkommt?"
„Ich weiß es nicht", entgegnete Hermine mit gedämpfter Stimme. „Und es ist mir auch egal. Mir genügt es, ihn zu hassen."
Aus den Augenwinkeln schoss sie einen langen finsteren Blick zu Snape hoch, der jetzt Dumbledores Platz am Lehrertisch eingenommen hatte und mit eng zusammen gekniffenen Brauen in die Halle starrte, ohne Anstalten zu machen auch nur einen Happen zu sich zu nehmen.
Ein ungutes Gefühl machte sich in Hermine breit. Wen er wohl heute wieder fertigmachen würde? Was für eine Frage, dachte sie bitter, wo sie doch das Vergnügen hatte, am Abend bei ihm nachsitzen zu dürfen.
Lustlos nahm sie einen Bissen von ihrem Brot und kaute darauf herum. Das mit Snape war nicht immer so gewesen. Lange Zeit hatte Hermine sich bemüht, Gründe für sein Verhalten zu suchen. Es hatte ihr genügt, zu wissen, dass Dumbledore ihm vertraute. Selbst Harry gegenüber hatte sie Snape in Schutz genommen, so wie ihre guten Manieren es verlangt hatten. Doch damit war es längst vorbei. Er war ein Geächteter in ihren Augen, wie jeder andere Todesser auch.
Im Anschluss an das karge Mahl machte sie sich mit ihren Klassenkameraden zum Unterricht auf. Im Gegensatz zu früher gab es längst nicht mehr dieselbe Hülle und Fülle auf den Tischen, die zu den Zeiten ihres verstorbenen Schulleiters vorherrschend gewesen war. Hermine war es gleich. Ihr Auge schmerzte höllisch und ihr Appetit hielt sich bei der Vorstellung an das, was noch vor ihr lag, in Grenzen.
Am Ende der letzten Unterrichtsstunde (sie hatte es doch tatsächlich geschafft, sich nicht weiter mit einem der Carrows anzulegen) kehrte Hermine erschöpft in ihren Turm zurück. Nachdem sie die Hausaufgaben erledigt und zu Abend gegessen hatte, plauderte sie noch kurz mit Ginny, ehe sie sich in die Kerker aufmachte.
Snape schien in übler Laune zu sein. Ohne viel Gerede führte er sie durch eine schmale Tür hinüber in seine persönliche Vorratskammer und trug ihr auf, die angestaubten Regale, Glasgefäße und Kolben gründlich zu reinigen.
"Sehen Sie zu, dass Sie nichts zerbrechen und versuchen Sie nicht, auch nur ein Gramm davon zu entwenden, Granger", sagte er spitz. Seine dünnen Lippen vibrierten leicht und verzogen sich zu einem Grinsen, das unschön seine gelblichen Zähne zum Vorschein brachte. "Ich werde es merken, wenn etwas fehlt. Eimer und Lappen finden Sie hier drüben. Wasser können Sie aus dem Hahn nehmen."
Überrumpelt starrte sie ihn an. Nur weil sie damals etwas aus seinem Vorrat gestohlen hatte, um den Vielsafttrank zu brauen, musste das ja nicht gleich heißen, dass sie eine notorische Diebin war … Sei still, Hermine, dachte sie insgeheim, er würde das zu jedem sagen, nicht nur zu dir. Woher sollte er denn auch wissen, dass sie es gewesen war, die ihn einst bestohlen hatte?
Sie nickte knapp und Snape legte warnend den Kopf schief, sodass ihm einige seiner ungepflegten Strähnen ins Gesicht fielen. Es machte sie seit ihrer ersten Auseinandersetzung mit ihm wahnsinnig, wenn er das tat. Was Hermine jedoch mindestens ebenso wie sein Verhalten irritierte, war, weshalb er diese Kammer mitsamt seinem Inhalt behalten hatte, anstatt sie an Slughorn abzutreten, der doch jetzt für Zaubertränke zuständig war. Was hatte jemand, der die Leitung der gesamten Schule übernommen hatte, immer noch hier unten in den Kerkern zu suchen?
Noch ehe Hermine sich einen Reim darauf machen konnte, rauschte Snape zurück durch dieselbe Tür, durch die sie gekommen waren, in sein Büro hinüber. Seufzend krempelte sie die Arme hoch und machte sich an die Arbeit. Es war entwürdigend, derart von ihm ausgenutzt zu werden. Wie Harry damals auch, war nun sie an der Reihe, irgendeine Arbeit für Snape zu erledigen, um sie damit zu beschäftigen. Ob die Sache einen Sinn hatte oder nicht, blieb dahingestellt, denn mit etwas Zauberei wäre der Fall im Handumdrehen erledigt gewesen.
Während sie Wasser in einen Eimer laufen ließ, sah sie sich um. Es war lange her, seit sie zuletzt hier gewesen war. Doch schon damals war ihr bewusst gewesen, dass in diesem Raum die seltensten und kostbarsten Zutaten lagerten, die man sich zum Brauen der Zaubertränke nur vorstellen konnte.
Hermine hörte ein Plätschern hinter sich und fuhr herum. Der Eimer war längst übergelaufen. Grummelnd holte sie ihn aus dem großen steinernen Becken und schleppte ihn zu einem der Regale hinüber. Auf halbem Weg spitzte sie dabei durch den Durchgang zu seinem Büro und sah Snape an seinem Schreibtisch sitzen, die Nase tief über ein Blatt Pergament gebeugt.
Einen Moment hielt Hermine inne. Ihn so zu sehen, hatte etwas Groteskes an sich, dem sie sich nur schwer entziehen konnte. Gefangen zwischen Ekel und Abscheu studierte sie seine vornübergebeugte Haltung, die sie unweigerlich an eine Spinne erinnerte, die im hintersten Winkel ihres Netzes darauf lauerte, fette Beute zu machen. Untermauert wurde dieser Gedanke vom Anblick seiner berüchtigten Schreibfeder, die einem giftigen Stachel gleich in seiner Hand ruhte, jeden Moment bereit zum Gebrauch. Vermutlich verbesserte er gerade die Aufsätze für Verteidigung gegen die dunklen Künste, die Alecto ihm zur Prüfung überlassen musste, da sie das Schreiben und Lesen nie richtig gelernt hatte; so viel zu den neuen Lehrmethoden an Hogwarts, schmunzelte Hermine grimmig.
Wie so oft nahm ihr Snapes schwarzer Haarmob die Sicht auf seine verhärmte Visage. Sie war nicht wild darauf, von ihm dabei erwischt zu werden, wie sie ihn beobachtete. Doch sie irrte sich. Ihm war keineswegs entgangen, dass er im Zentrum ihres Interesses stand.
Ruckartig hob er den Kopf und sah sie mit einem Funkeln in den kalten Augen zwischen seinen schwarzen Strähnen hindurch an, das ihr beinahe Angst eingejagt hätte, wäre sie nicht schon längst daran gewöhnt gewesen, so von ihm angesehen zu werden. Erneut fing sie an, sich zu fragen, was Snape wohl mit ihr anstellen würde, wenn er wüsste, dass sie es gewesen war, die damals etwas aus seinen Vorräten entwendet hatte.
"Schon fertig, Granger?", fragte Snape zynisch.
Hermine schüttelte sich. Dann verstärkte sie den Griff ihrer Finger um den Henkel des Eimers und ging weiter. Wenn er nur wüsste, wie sehr sie ihn für alles, was er war, verabscheute.
