Ludicrous Smile

Kapitel 4

Nachdem Hermine es erfolgreich geschafft hatte, einen ganzen Abend lang kein Wort mit Snape zu wechseln, kehrte sie fix und fertig um Mitternacht in ihren Turm zurück. Bisher hatte sie erst die Hälfte der mühseligen Arbeit erledigt und morgen, da war sie sich sicher, würde der Rest folgen. Wenigstens hatte sie inzwischen aufgehört, über ihr geschwollenes Auge nachzudenken; wenn das nicht mal ein Fortschritt war.

Gemeinsam mit Ginny hockte sie am nächsten Morgen nach dem Frühstück in einer einsamen Ecke des Gemeinschaftsraums und grübelte über alles nach, was sie bewegte. Snape hatte sie in der Großen Halle glücklicherweise nicht zu Gesicht bekommen. Außerdem war Samstag, für gewöhnlich ein guter Tag, um den Carrows aus dem Weg zu gehen.

„Es muss doch einen Grund geben, warum er das tut", murmelte Hermine in Gedanken vor sich hin.

„Na, ich weiß nicht, ob ein Todesser einen Grund braucht, um dafür zu sorgen, dass du dich elend fühlst."

„So meinte ich das auch gar nicht, Gin", gab Hermine kopfschüttelnd zurück.

Sie klappte ihr Zaubertränke-Buch zu und streckte die müden Glieder. Seit dem Moment, in dem Snape angefangen hatte, ihr eine Aufgabe zuzuteilen, war Hermine im Kopf damit beschäftigt, einen Sinn zu suchen, der hinter seinem Handeln stecken konnte, denn eines war klar: Snape war nicht blöd. Wenn er etwas tat, dann nur, weil er einen Nutzen darin sah.

„Ich meine, er hat nicht mal besonders registriert, dass ich überhaupt da war. Er wusste es zwar, aber im Grunde genommen war ihm meine Anwesenheit glaube ich ziemlich egal. Er hat sein Ding gemacht, ich meins. Verstehst du?"

Ginny runzelte verwundert die Stirn. „Nein."

Ein Seufzer entfuhr Hermine. Was hatte sie denn erwartet? Dass Snape sie ebenso wie die Carrows körperlich angreifen würde? Es war paradox, denn obwohl er für sein barsches Auftreten bekannt war, hatte sie nie erlebt, dass er einem Schüler mit körperlicher Gewalt zu nahe getreten war, außer vielleicht damals bei Harry, nachdem dieser im Denkarium Snapes Erinnerungen gesehen hatte.

„Ich will damit nur sagen, dass es eigentlich auch andere Möglichkeiten gäbe, solche Aufgaben zu erledigen. Zum Beispiel Zauberei oder eben die Hauselfen. Er bräuchte nun wirklich nicht mich dafür."

„Ah. Und das mit den Elfen kommt ausgerechnet von dir?", bemerkte Ginny hüstelnd.

Hermine zuckte mit den Achseln. „Ich weiß selbst, dass es nicht richtig ist, sie so auszubeuten. Aber irgendwie kommt es mir schleierhaft vor, dass Snape uns mit solchen Dingen bestraft, während die Carrows ihre ganz eigenen Methoden dafür haben. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass die uns mit Hagrid in den Verbotenen Wald schicken würden, um Zutaten für das Labor zu sammeln."

Ginny rollte mit den Augen. „Soll das vielleicht heißen, du bist eingeschnappt, weil Neville und ich Glück hatten, dass Snape uns an Hagrid übergeben hat, während du seine Vorratskammer putzen musstest?"

„Nein", sagte Hermine schnell. „Es ist nicht so, wie du denkst. Aber ich habe meine Erfahrungen mit den Carrows gemacht. Daher fällt es mir schwer, zu glauben, dass Snape ebenso ist wie sie."

„Na, dann pass mal auf, dass Harry nichts davon erfährt, worüber du dir hier Gedanken machst", gab Ginny trocken zurück. „Snape ist nämlich immer noch derjenige, der Dumbledore ermordet hat. Das bedeutet, wenn Dumbledore noch leben würde, hättest du nicht dieses Veilchen abbekommen."

„Ich weiß", stimmte Hermine abfällig zu. „Aber ich wäre nicht ich, wenn ich mir keine Gedanken über sein Verhalten machen würde. Ich habe ihn gestern beobachtet, Gin. Er ist so … so anders. Irgendwie eigenartig und absonderlich. Aber auf eine sehr abstoßende Weise."

„Ich bin froh, dass dir das aufgefallen ist", sagte Ginny spöttisch. „Andernfalls wäre es ziemlich beunruhigend, dir zuzuhören."

Hermine klemmte ihre Lippe zwischen die Zähne. Ginny hatte Recht. Es war nicht gut, über Snapes Motive nachzudenken oder gar über ihn zu reden. Er hatte ihnen Dumbledore genommen und im Gegenzug die Carrows gebracht. Mehr brauchte sie nicht über ihn zu wissen.

Nachdem Hermine auch an diesem Abend in den Kerkern erwartet wurde, verlief der Rest des Tages nicht ganz so entspannt, wie sie es von einem Samstag gewohnt war. Andererseits war nichts mehr so wie früher, seit Snape Schulleiter war.

Wie befohlen betrat sie zu vorgeschlagener Stunde sein Büro. Zu behaupten, dass ihr unbehaglich war, ihre Freizeit in seiner Gegenwart verbringen zu müssen, war noch weit untertrieben. Vor allem, als er sie gleich nach ihrer Ankunft dazu aufforderte, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Jetzt mit ihm über ihr Verhalten zu diskutieren, war so ziemlich das Letzte, was sie wollte.

„Ich denke nicht, dass wir besonders große Fortschritte erzielen werden, wenn Sie sich immer noch weigern, mit mir zu sprechen, Miss Granger", sagte er erhaben.

„Und warum sollte ich mit Ihnen reden wollen? Es gibt nichts, das ich Ihnen zu sagen habe."

Snape zog eine seiner Brauen in die Höhe und erst jetzt bemerkte Hermine, wie forsch sie geklungen hatte.

„Oh?"

Plötzlich stand er auf und beugte sich über den Tisch zu ihr hinunter, sodass sie sich wünschte, sie hätte lieber den Mund gehalten. Ihn aus dieser Perspektive vor sich zu haben, war alles andere als angenehm.

„Was haben Sie auf diesem Turm gemacht?", bellte er sie ungehalten an.

Verängstigt starrte Hermine auf sein verzerrtes Gesicht und die paradox anmutenden Strähnen, die ihm zu beiden Seiten seiner fahlen Wangen herabfielen.

„Wieso wollen Sie das wissen?", fragte sie nun etwas vorsichtiger, was nicht weiter schwer war, da ihre Stimme brach.

Er atmete tief und langanhaltend aus. Dann richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wenn Sie eine Nachricht an Potter senden wollen, muss ich Sie warnen, dies zu unterlassen. Es ist strikt verboten, mit ihm in Kontakt zu treten. Das Ministerium überwacht sämtliche Eulen, die es in die Finger bekommt ..."

Hermine schüttelte energisch den Kopf. War das zu fassen? Er glaubte doch nicht wirklich, dass sie so einfältig wäre, zu versuchen, eine Eule an Harry zu schicken. Oder vielleicht doch?

„Das war nicht das, was ich tun wollte", sagte sie entschieden, ohne weiter darauf eingehen zu wollen. Er brauchte ja nicht zu wissen, dass sie von Anfang an mit ihrem flüchtigen Freund in Kontakt stand.

Einen Augenblick lang sah Snape sie so eindringlich mit seinen schwarzen Augen an, dass Hermine zweifelsohne erkennen konnte, wie sehr es in ihm arbeitete.

„Ich wollte alleine sein", setzte sie unbeholfen nach. „Ich wollte niemanden sehen."

„Und warum wollten Sie alleine sein?", fragte er, wobei seine Stimme so sanft klang, dass Hermine die Kinnlade herunterfiel.

Was wollte er denn hören? Dass diese Schlampe Alecto sie geschlagen hatte, weil sie nicht lesen konnte, was in dem verdammten Buch gestanden und Hermine Recht gehabt hatte? Dass sie besser als diese beiden Todesser zusammen über das Fach Verteidigung gegen die dunklen Künste Bescheid wusste und dennoch zum Schweigen verdammt war, weil es ihr nicht gestattet war, als Schlammblut den Mund zu öffnen? Nein. Diese Befriedigung wollte sie ihm nicht geben. Es war nichts, was er wissen musste, denn wenn er es wüsste, würde es ohnehin nichts ändern.

„Wieso wollen Sie das wissen?", hauchte sie leise, obgleich sie ahnte, dass er ihr nicht darauf antworten würde.

„Bitte beantworten Sie meine Frage, Miss Granger. Warum wollten Sie alleine sein?"

Sie spürte, dass sich ein dicker Knoten in ihrem Hals formte. Fast war sie drauf und dran, seinem Drängen nachzugeben, doch dann dachte sie daran, was er getan hatte. In Snape steckte nichts, das es rechtfertigen würde, ihm zu trauen. Sie selbst hatte es in den vergangenen Jahren mehrmals während des Unterrichts erfahren müssen. Nicht ein Fünkchen Mitleid oder Mitgefühl. Für niemanden. Keine Reue, kein Herz.

„Weil – weil mir nun einmal danach war. Da oben auf dem Turm waren nur ich und meine Gedanken. Es war dunkel und friedlich ..."

„Und kalt, nicht wahr?", sagte Snape und rollte dabei von einem leisen Zischen begleitet die Mundwinkel zurück. „Ist Ihnen bewusst, wie töricht es war, das zu tun? Kein Schüler hat bei Einbruch der Dunkelheit mehr etwas dort oben zu suchen. Niemand könnte dort für Ihre Sicherheit garantieren -"

Hermine, die glaubte, sich verhört zu haben, lachte auf. Es war ein bitteres Lachen, wie sie selbst es für gewöhnlich verabscheute. Nicht jedoch in diesem Moment.

„Meine Sicherheit? Ist das Ihr Ernst?"

Ein gefährliches Blitzen legte sich über seine Augen, Hermine aber ignorierte es. Wie konnte er nur so tun, als wäre alles in Ordnung mit der Situation, in der sie alle sich seit Dumbledores Tod befanden, wo doch so offensichtlich das Gegenteil der Fall war?

„Wir Schüler sind von Todessern umgeben", fuhr sie fort. „Von denen Sie einer sind. Sie wissen, was das bedeutet, nicht wahr? Kommen Sie mir also nicht mit Dingen wie Sicherheit, wenn Sie sie nicht so meinen."

Es wurde still. Wie aus weiter Ferne registrierte Hermine, dass ihre Atmung heftiger ging als gewöhnlich. Sie zitterte am ganzen Leib, wohingegen Snape ganz ruhig geblieben war. Beinahe schmerzhaft sah sie dabei zu, wie sich ein unheimliches Grinsen über sein Gesicht legte.

"Ich rate Ihnen, sich nicht mit mir anzulegen", sagte er durch seine nahezu unbeweglichen Lippen hindurch. "Zuerst einmal werden Sie Ihren Ton zügeln, wenn Sie mit mir reden, Miss Granger. Des Weiteren kann ich mich nicht entsinnen, Ihnen erlaubt zu haben, mich so freizügig anzusprechen. Sie werden mich 'Sir' nennen, ob es Ihnen nun so passt oder nicht."

Hermine schluckte wortlos. Es war hart, der Versuchung zu widerstehen, den Blick von ihm zu nehmen, der sich von ihm ausgehend so beharrlich mit ihrem paarte. Dass sie trotz allem nicht die Absicht hatte, ihm Honig um den Mund zu schmieren, stand außer Frage.

"Ja."

Snape stieß ein ungeduldiges Grollen aus. Ihre Reaktion auf seine Belehrung hin schien ihm nicht sonderlich zu gefallen, woraufhin sich Hermine endlich eines Besseren besann.

"Ja, Sir", gab sie emotionslos zurück und erntete zum Dank dafür ein missgünstiges Schnauben.

"Am besten, Sie gehen nun an Ihre Arbeit, Granger. Augenblicklich."

Hermine stand auf und gehorchte. Snape weiter zu reizen wäre sinnlos gewesen. Wenn jemand es schaffte, sie einzuschüchtern, dann er. Außerdem hatte sie keine Lust darauf, das Nachsitzen bei ihm zur Gewohnheit werden zu lassen, damit er sie nach Belieben ausbeuten konnte.