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Hier, weit unter dem versprengten Himmelsdach, leben wir, hier sterben wir.
Gib mir Flügel, um sie auszubreiten.
Flügel, um dich damit warmzuhalten.
Flügel, um damit zu fliegen.
Flügel, um damit den Himmel zu berühren.
xxx houseghost xxx
Ludicrous Smile
Kapitel 5
Während Hermine sich beim Schrubben eines verkrusteten Glaskolbens abreagierte, kam ihr in den Sinn, dass sie Snape die Frage gar nicht hätte beantworten können, da sie selbst keine Antwort darauf wusste; jedenfalls keine, die sie zufriedengestellt hätte. Tatsächlich hatte sie bisher nicht darüber nachgedacht, warum sie auf ihrer Flucht vor den jüngsten Geschehnissen ausgerechnet auf dem Astronomieturm gelandet war. Vielleicht, weil Dumbledore dort gestorben war. Vielleicht aber auch, weil sie sich gewünscht hatte, selbst dieser düsteren Welt entfliehen zu können, die sich um sie herum zusammengebraut hatte. Welcher Mensch träumte nicht früher oder später davon, Flügel zu haben?
Nach einer guten Stunde des Putzens, die sie gebraucht hatte, um sich aufgrund des aufwühlenden Gesprächs mit Snape innerlich halbwegs wieder zu beruhigen, leerte Hermine einen Eimer schmutziges Wasser in den Ausguss. Während sie die Pause, in der das frische Wasser in den Eimer lief, dazu nutzte, etwas zu verschnaufen, wischte sie mit dem Handrücken ihre zerzausten Strähnen aus dem Gesicht und erhaschte dabei einen Blick auf Snape, der wie erwartet an seinem Schreibtisch saß und mit seiner Feder auf einem Blatt Pergament herumkritzelte. Es war eigenartig, aber irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, hinter sein Geheimnis zu kommen, weshalb er noch immer hier unten in den Kerkern herumlungerte. Bereits bei ihrer ersten Strafarbeit war ihr aufgefallen, dass viele der Behältnisse mit den Zutaten für Zaubertränke und Konsorten nicht so angestaubt gewesen waren, wie sie auf den ersten Blick geglaubt hatte. Im Gegenteil, Hermine war sich ziemlich sicher, dass Snape mehr oder weniger regelmäßig auf seinen Vorrat zurückgriff. Die Frage war nur, weshalb. Doch auch hier fiel es Hermine nicht schwer, eins und eins zusammenzuzählen, womit sie anhand der Zutaten ermitteln konnte, was er damit herstellte. Die Antwort war ebenso verblüffend wie verwirrend: Soweit sie das sagen konnte, waren es überwiegend schmerzstillende und heilende Arzneien.
Der Eimer lief über und Hermine drehte das Wasser ab. Obwohl sie bei ihrer Ankunft in den Kerkern gefroren hatte, stieg ihr nach der ganzen Putzerei die Hitze zu Kopf. Doch das war nicht der einzige Grund. Wenn das wahr war, was sie herausgefunden hatte, musste Snape irgendjemanden oder irgendetwas mit ziemlich heftigen Schmerzmitteln versorgen; es sei denn, er verwendete sie für sich selbst.
Wie vom Blitz getroffen schlug Hermine die Hand vor den Mund, um einen Aufschrei der Überraschung zu unterdrücken. War das zu fassen? Der Anblick des stillen und in sich gekehrten Professors erweckte nicht den Eindruck, dass er es nötig hatte, einen Vorrat an Medikamenten für den Ernstfall anzulegen. Genau genommen jedoch war es schwer, überhaupt etwas über ihn aussagen zu können.
Snape kritzelte indes unbeirrt von Hermines Observationen weiter. Sein Gesicht war auch diesmal größtenteils hinter seinen Haaren verborgen, lediglich ein Stück der markanten Hakennase kam schemenhaft dahinter zum Vorschein. Ob er sich dessen bewusst war, was in ihr vorging? Wohl kaum, sonst hätte er sich schon längst bemerkbar gemacht oder sie mit Vorwürfen überhäuft, dass sie sich gefälligst wieder an ihre Arbeit zu machen hatte.
Gerüstet mit einer neuen Ladung Wasser wankte Hermine zurück zu ihrem Regal. Es war besser, ihm nicht in die Quere zu kommen.
„Was glaubst du, wofür er das Zeug verwendet?", schrieb sie nach verrichteter Strafarbeit spät in der Nacht mit Hilfe ihrer Münze an Harry. „Du-weißt-schon-wer wird wohl kaum Gebrauch davon machen."
„Bestimmt nicht", kam von ihm zurück. „Vielleicht sind unserer Hoheit die Sachen, die Slughorn für den Schulbedarf zusammenbraut, nicht gut genug. Oder er ist so paranoid, dass er glaubt, jemand könnte ihn vergiften."
„Dann denkst du also genau wie ich, dass er es für sich selbst herstellt?"
„Vermutlich, Hermine. Jedenfalls solltest du vorsichtig sein. Komm dem Kerl lieber nicht zu nahe."
„Keine Sorge, Harry. Ich krieg das schon hin."
Aufgrund ihrer Entdeckung war Hermine so aufgeregt, dass sie die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Erst in den frühen Morgenstunden döste sie ein, sodass sie am Sonntag fast das Frühstück verpasst hätte, wenn Ginny sie nicht aus dem Bett geholt hätte.
Als sie sich in aller Eile halbwegs frischgemacht hatte und sie gemeinsam auf dem Weg in die Große Halle waren, klärte sie Ginny über alles auf, was sie herausgefunden hatte.
„Harry ist derselben Meinung wie ich", sagte sie entschieden. „Snape muss sich da unten in den Kerkern ganz schön was zusammenbrauen. Die Zutaten, die er verwendet, zählen mit zu den stärksten Betäubungsmitteln, die in der Welt der Muggel existieren. Und dann kommen natürlich noch die Dinge hinzu, die die Zauberer benutzen … es passt perfekt zusammen, Gin."
„Wenn du meinst. Aber wofür braucht er das ganze Zeugs, Hermine? Wenn du mich fragst, sieht Snape nicht so aus, als würde er unter Schmerzen leiden. Im Gegenteil! Er ist es doch, der andere leiden lässt."
„Das hat ausnahmsweise mal nichts zu bedeuten. Wenn er sich so zudröhnt, kann er problemlos mit einem Rennbesen an der Quidditch-Weltmeisterschaft teilnehmen, ohne dabei auch nur einen Muskel ziepen zu spüren."
Ginny verzog das Gesicht. „Die Vorstellung möchte ich mir lieber ersparen. Aber jetzt lass uns endlich über was anderes reden. Heute ist Sonntag, da müssen wir uns nicht ausgerechnet über Snape und deine Strafarbeit unterhalten."
Hermine wollte protestieren und öffnete den Mund. Wie früher auch war sie nur schwer zu bändigen, wenn sie erst einmal eine Entdeckung gemacht hatte, die sie für wichtig hielt. Genau im selben Moment jedoch sah sie Amycus und Alecto am Tisch der Lehrer Platz nehmen und ihr drehte sich der Magen um. Das Frühstück jedenfalls war damit erst einmal gelaufen. Wenig begeistert von dem sich ihr darbietenden Szenario warf sie einen versteinerten Blick zum Lehrertisch hoch und stellte fest, dass auch Professor McGonagall alles andere als begeistert wirkte, zwei Todesser neben sich sitzen zu haben. Wenigstens Snapes Erscheinung wurde ihnen erspart. Wie so oft bei den Mahlzeiten gab es von ihm keine Spur.
Im Anschluss an das Frühstück, das für Hermine ihrem Magen zuliebe im Wesentlichen aus trockenen Cornflakes bestanden hatte, zog sie sich mit Ginny in den Gemeinschaftsraum zurück, um noch einmal den jeweiligen Unterrichtsstoff der vergangenen Woche durchzugehen. Zu Zeiten wie diesen war es wichtiger denn je, vorbereitet zu sein.
„Du hast nicht zufällig was Neues von unseren Flüchtigen gehört?", fragte Ginny plötzlich in die Stille hinein.
Hermine blinzelte und legte ihr Buch zur Seite. Bisher hatten sie nur wenig über Harry und Ron geredet, da es sie traurig machte, nichts für sie tun zu können.
„Doch, habe ich", sagte sie mit gedämpfter Stimme. „Wir schreiben uns nach wie vor regelmäßig, aber es macht mich verrückt, nicht bei ihnen sein zu können."
„Und wie geht es ihnen so?"
Angespannt zog Hermine die Knie unters Kinn und legte die Arme darum.
„Sie sind ziemlich am Ende mit den Nerven, seit sie den Grimmauldplatz verlassen mussten."
„Gibt es denn keine Möglichkeit für sie, dorthin zurückzukehren?"
„Ich fürchte nein. Der Schutz des Fidelius-Zaubers ist erst einmal dahin. Fast hätten sie es nicht geschafft, Yaxley abzuschütteln, der sich bei der Flucht aus dem Zaubereiministerium an Harry festgehalten hat. Aber im letzten Moment ist es ihnen doch noch gelungen. Dann sind sie einfach in die Wälder geflohen, von denen ich Harry erzählt habe."
„Aber das ist doch verrückt! Wie wollen sie denn bei der Kälte dort draußen überleben?"
„Ich weiß. Sie sind ganz allein. Zum Glück konnten sie meine verzauberte Handtasche mitnehmen. Es ist nicht viel, aber es ist alles drin, was sie brauchen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Ich fürchte nur, dass ihnen bald die Konserven ausgehen werden. Und wie es dann weitergehen soll, weiß ich nicht."
Es stimmte, Hermine wusste nur eins: Sie brauchten etwas, das Harry voranbringen würde, ein Mittel, um die Horkruxe zu zerstören. Doch das hatte Scrimgeour ihnen vorenthalten.
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„Du brauchst das Schwert, Harry. Was nützt dir der Horkrux, wenn du nichts hast, um ihn zu zerstören?"
„Wir wissen aber nicht mit Sicherheit, wo es ist, Hermine. Ich hab sogar schon das Portrait von Phineas befragt, das wir vom Grimmauldplatz mitgenommen haben. War übrigens eine super Idee von dir. Wenn er gut drauf ist, ist er eine recht interessante Gesellschaft. Vor allem jetzt, wo wir ganz alleine sind ..."
Hermine platzte fast der Kragen. Ungeduldig hatte sie darauf gewartet, bis Zeile für Zeile auf der Münze erschienen war und sie endlich die ganze Nachricht zu lesen bekommen hatte, umso enttäuschter war sie nun von der Antwort.
„Sag bloß, er hat dir nichts darüber verraten, wo das Schwert sein könnte?"
„Nein. Fehlanzeige. Er weigert sich beharrlich, näher darauf einzugehen."
„Hmm, das sieht ihm ähnlich. Schon damals, als wir während der Ferien im Grimmauldplatz waren, war er sehr eigen. Aber lass nicht locker, Harry. Vielleicht kannst du ihn ja früher oder später dazu bringen, zwischen euch und Dumbledore zu vermitteln."
„Das glaub ich kaum. Er hat mir deutlich klargemacht, dass er nichts von Dumbledore wissen will. Wenn überhaupt, dann redet er von Snape. Ununterbrochen. Er verehrt ihn regelrecht, schließlich war er ja selbst ein Slytherin und ist mächtig stolz darauf, dass es endlich wieder einen Schulleiter aus seinem eigenen Haus gibt."
Hermine verdrehte die Augen, als sie Harrys Antwort las.
„Siehst du jetzt, dass wir keine Wahl haben?", fragte sie ausweichend. „Wenn ich Glück habe, erwische ich ihn vielleicht im Büro des Schulleiters und kann ihm mal gehörig den Marsch blasen. Er muss einfach einsehen, dass wir Hilfe brauchen."
„Und was, wenn du ihn tatsächlich dort erreichst? Ich will dich ja nicht kränken, aber du weißt, dass er nicht sonderlich gut auf Muggelgeborene zu sprechen ist, Hermine. Was willst du ihm denn überhaupt sagen? Wenn du nicht aufpasst, verrät er dich an Snape und du fliegst auf. Wenn ich es mir recht überlege, wird er das sogar müssen, weil er im Dienste von Hogwarts steht."
„Irgendwas wird mir schon einfallen", antwortete Hermine, wobei sie eingeschnappt das Kinn nach oben reckte. „Falls nicht, werde ich einfach improvisieren. Hab Vertrauen, Harry. Vor allem, vergiss nicht, du brauchst das Schwert dringend. Niemand sonst hat ein Anrecht darauf, es zu bekommen. Dumbledore wollte es dir schließlich nicht grundlos hinterlassen."
„Das weiß ich. Doch selbst wenn du es erreichen könntest, wissen wir nicht, wie ich im Anschluss da drankommen soll. Du kannst nicht einfach so aus Hogwarts raus. Wir hingegen können nicht rein."
„Langsam, Harry. Immer schön eins nach dem anderen. Den Rest überlegen wir uns, wenn es soweit ist."
„Aber es ist zu gefährlich, Hermine. Du wirst dir noch größeren Ärger einhandeln, wenn du das tust."
„Hör auf damit, Harry. Ich will das machen und damit basta. Denkst du, es macht mir Spaß, hier mit den Carrows auszuharren und nichts Sinnvolles tun zu können?"
„Und wenn sie dich am Ende doch dabei erwischen? Was dann?"
Sie seufzte. Darüber hatte sie sich auch schon ihre Gedanken gemacht. Doch um die Sache jetzt abzublasen war es zu spät. Hermine war fest entschlossen, das durchzuziehen.
„Das wird nicht passieren", schrieb sie felsenfest überzeugt. „Ich sehe eigentlich nur ein Hindernis: Um von dem Wasserspeier vor der Treppe zum Schulleiterbüro durchgelassen zu werden, brauche ich ein gültiges Passwort. Der Rest erledigt sich quasi von selbst."
„Nicht ganz, Hermine. Du vergisst Snape."
„Keine Sorge, Harry. Ich habe mir alles gründlich überlegt. Du musst mir nur noch Bescheid geben, wenn das Büro verlassen ist. Nimm deine Karte und schau nach, wo Snape steckt. Wenn ich mich nicht täusche, dürfte er den lieben Sonntag lang damit zubringen, unten in den Kerkern Betäubungsmittel zusammenzubrauen."
„Betäubungsmittel? Habe ich da richtig gelesen?"
„Ich fürchte, das hast du. Als ich meine Strafarbeit erledigt habe, sind mir ein paar Dinge aufgefallen. Aber das erzähl ich dir ein andermal. Tu mir jetzt den Gefallen und nimm endlich die Karte. Dann, wenn du sie hast, wirst du mir sagen, wo Snape ist. Ich mach mich gleich auf den Weg."
Hermine fackelte nicht lange. Nachdem sie alles mit Harry besprochen hatte, machte sie sich auf zum Schulleiterbüro, um ihre waghalsige Mission anzutreten. Je eher sie es hinter sich bringen konnte, desto besser. Noch dazu, wo sie am Wochenende nicht damit rechnete, allzu vielen Leuten auf den Gängen zu begegnen. Vor dem Zugang zum Büro des Schulleiters probierte sie eines der möglichen Passwörter aus, die Harry ihr anhand der verzauberten Münze übermittelt hatte, schon glitt der Wasserspeier beiseite und Hermine konnte die Wendeltreppe betreten, die sie ins Allerheiligste von Hogwarts führte. Bis jetzt verlief alles einfacher als gedacht.
Vorsichtig blickte sie sich um und stellte dabei fest, dass sich das Büro drastisch verändert hatte, seit Snape darin eingezogen war. Die blitzenden Instrumente und Gegenstände, die Dumbledore gehört hatten, waren verschwunden. Gähnende Leere zierte nun die einst so prachtvoll ausgestatteten Vitrinen und Wände. Selbst die Bilder der einstigen Schulleiter waren überwiegend verlassen, einige von ihnen schliefen aber auch. Die übrigen Porträtierten lungerten vermutlich irgendwo im Schloss herum oder besuchten ihre Bilderrahmen, die in anderen Gebäuden und Häusern hingen.
Zwar war Hermine im Laufe der Jahre erst zweimal hier gewesen, die drückende Stimmung jedoch, die nun im Raum vorherrschend war, entging ihr keineswegs. Das erste Mal hatte sie Dumbledores Büro im Zuge der Vorbereitung auf ihren Einsatz als Unterwasser-Gefangene während des Trimagischen Turniers kennengelernt. Ein weiteres Mal war sie hier gewesen, nachdem der Angriff von Nagini auf Mr. Weasley stattgefunden hatte. Jetzt, da sie vor Snapes Schreibtisch stand, war es ein ziemlicher Schock, den Namen ihres verstorbenen Schulleiters am unteren Ende des verlassenen Bilderrahmens zu lesen, der die Wand dahinter zierte. Von Phineas gab es ebenfalls keine Spur. Wenn sie doch nur eine Möglichkeit finden würde, mit Dumbledore zu reden. Aber dafür blieb ihr keine Zeit.
Enttäuscht wandte sie sich den Vitrinen zu. Das Schwert war so ziemlich das einzige Schmuckstück, das in diesem Raum verblieben war. Verführerisch funkelte es im Licht der spätherbstlichen Sonne.
Auf leisen Sohlen schlich Hermine darauf zu und rüttelte am Verschluss der Vitrine. Es gab keine Zweifel, dass sie versuchen musste, das Schwert zu bekommen. Immerhin war es dazu in der Lage, Horkruxe zu zerstören. Außerdem gehörte es rechtmäßig Harry, schließlich hatte Dumbledore es ihm vermacht; wenn nur Scrimgeour es bei der Verkündung seines Nachlasses herausgerückt hätte.
Hermine wollte gerade ihren Zauberstab auf die Glasscheibe der Vitrine richten, da flog er in hohem Bogen aus ihrer Hand. Verschreckt wirbelte sie herum und sah keine zwei Meter entfernt eine schwarze Gestalt vor sich aufragen, die unvorteilhaft vom fahlen Tageslicht angestrahlt wurde.
"Aufmüpfiges Gör!", dröhnte Snape zwischen den Zähnen hindurch. Gekonnt warf er mit der einen Hand seinen Umhang zurück, der von einem raschelnden Geräusch begleitet durch die Luft segelte. Wie zum direkten Angriff bereit stand er vor ihr, wobei Hermine erst jetzt erkannte, dass er mit der anderen Hand den Zauberstab auf sie gerichtet hatte. "Was haben Sie hier zu suchen?"
Snapes Erscheinung war ebenso düster wie seine Stimme. Der Zauberstab, den er bedrohlich auf ihr Gesicht geheftet hielt, bebte vor Anspannung. Hermine, der vor Schreck die ganze Farbe aus dem Gesicht gewichen war, schluckte und blickte abwechselnd auf seine weiße Hand und zwischen seine schwarzen Augen, die sich kalt in ihre zu bohren schienen. Mit klopfendem Herzen suchte sie nach Worten, doch nichts kam hervor. Ihr Hals fühlte sich an, als wäre er gänzlich ausgetrocknet.
"Also?"
"Ich ..."
Snape machte ein weinerliches Geräusch wie ein verletztes Tier und nahm den Zauberstab runter.
"Sie wissen, was das bedeutet, Granger?", sagte er kühl.
In Hermine arbeitete es. Sie konnte sich vorstellen, dass er es genoss, sie auf frischer Tat ertappt zu haben. Vermutlich spielte er bereits mit dem Gedanken, sie zur Folter an die Carrows zu übergeben. Trotzdem wollte sie sich nicht so schnell geschlagen geben.
"Das Schwert gehört Harry", entgegnete sie mit zittriger Stimme. Vielleicht war es irrsinnig, sich vor ihm rechtfertigen zu wollen, vielleicht hatte sie aber auch einfach das Gefühl, Harry verteidigen zu müssen; Hermine wusste nicht, warum sie überhaupt versuchte, ihm etwas zu erklären, sie tat es einfach. "Dumbledore hat es ihm hinterlassen", platzte sie drauflos. "Es ist nur rechtens, wenn er es erhält ..."
Mit einem Satz war er bei ihr und packte sie am Kragen ihrer Bluse, sodass ihr fast die Luft wegblieb.
"Potter also", zischte er in ihr Ohr. "Dachten Sie deshalb, Sie könnten einfach hier einbrechen und es entwenden? Antworten Sie!"
"D-D-Dumbledore würde wollen, dass er es erhält. Gehen Sie ihn suchen und fragen Sie ihn! Ich bin sicher, er wird Ihnen dasselbe erzählen."
"Lassen Sie das mal meine Sorge sein, Granger. Unser ehrenwerter Albus Dumbledore ist tot, wie Sie wissen. Sehen Sie besser zu, dass Sie vorsichtig sind, nicht zu freizügig über Potter zu reden. Verstanden?" Seine ganze Haltung wirkte, als wäre er kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Zeitgleich verstärkte er den Griff an ihrem Kragen, sodass Hermine ungewollt würgte.
"Was ist?", brachte sie mühsam hervor. "Wollen Sie mich etwa dafür umbringen?"
Snapes Miene verhärtete sich dadurch nur noch mehr. "Vielleicht, Granger", sagte er ruhig.
Einen quälenden Moment lang sahen sie sich an und Hermine glaubte zwischen all den Strähnen hindurch, die seine schmalen farblosen Wangen säumten, blanken Hass auf seinen verhärmten Gesichtszügen zu erkennen. Snape atmete so schwer, dass sie seinen warmen Atem auf ihre Haut auftreffen spüren konnte. Instinktiv wollte Hermine die Augen schließen, doch sie konnte es nicht, so sehr fühlte sie sich gezwungen, seinem Blick standzuhalten.
Und dann wandelte sich das Bild. Snapes finster zusammengekniffene Brauen entspannten sich und seine Mundwinkel rutschten sanft nach oben.
"Heute Abend, Granger. Acht Uhr. Und wehe, Sie kommen auch nur eine Sekunde zu spät."
Erst jetzt lockerte er den Griff seiner Finger und stieß sie unsanft von sich. Hermine stolperte zurück, bis sie mit dem Kopf gegen die Vitrine schlug. Verstört rang sie nach Luft. Sie war sich sicher, dass nicht mehr viel gefehlt hätte, bis Snape ihr ebenso wie Alecto einen körperlichen Schaden zugefügt hätte. Es war ein Moment schierer Angst gewesen. Angst vor seinem nächsten Schritt.
