Ludicrous Smile

Kapitel 6

Hermine dachte gar nicht daran, zu spät zu kommen. Pünktlich um zwei Minuten vor acht klopfte sie wie gewohnt in den Kerkern an die Tür zu seinem Büro. Nachdem Harry auf der Karte gesehen hatte, wie Hermine von Snape überrascht worden war, war es schwer gewesen, ihm zu erklären, dass ihr nichts geschehen war. Nichts, was er wissen musste. Es war auch so unverkennbar gewesen, wie sehr es ihm leidgetan hatte, dass er sie nicht rechtzeitig hatte warnen können; Snape war plötzlich von der Karte verschwunden und dann vollkommen unerwartet neben ihr im Schulleiterbüro aufgetaucht.

Während Hermine mit einem unguten Gefühl im Bauch vor der Tür stand und darauf wartete, hereingebeten zu werden, wurde plötzlich die Tür aufgerissen und Snape höchst persönlich erschien vor ihr, ein hässliches Grinsen auf den dünnen Lippen, das den Wunsch in ihr erweckte, ihm ins Gesicht spucken zu wollen, wie verabscheuungswürdig er war. Stattdessen riss sie sich zusammen und wich einen Schritt zurück, um ausreichend Sicherheitsabstand zu ihm zu haben.

„Wer lächelt jetzt, Miss Granger?", fragte er sardonisch. „Es ist der Teufel höchstselbst. Aber das brauche ich Ihnen ja nicht zu erklären. Dennoch, sollten Sie noch einmal versuchen wollen, das Schwert zu stehlen, muss ich Ihnen davon abraten. Es ist fort."

Hermine blinzelte. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Sie brauchten das Schwert. Sie brauchten es so sehr!

„Wo haben Sie es hingebracht?", entfuhr es ihr ungestüm. „Es gehört Ihnen nicht!"

Snapes Grinsen erstarb. Es war so schnell aus ihr herausgerutscht, dass sie es nicht zurücknehmen konnte. Ohne zu antworten trat er beiseite und bedeutete ihr mit dem Kopf, dass sie einzutreten hatte.

„Ich fürchte, Sie werden sich von dem Gedanken verabschieden müssen, mir dazwischenzufunken", sagte er ruhig, als er sie zu seinem Schreibtisch geleitet hatte, elegant seinen Umhang anhob und sich niederließ. Hermine setzte sich wortlos auf den freien Stuhl ihm gegenüber, wobei noch größerer Ärger in ihr aufwallte. Abschätzig sah sie in sein Gesicht und fragte sich, was er wohl als Nächstes mit ihr tun würde. Doch noch ehe sie zu einem Entschluss gekommen war, faltete er gemächlich seine Finger ineinander und legte die Hände vor sich auf der Tischplatte ab.

„Ich habe etwas in meinem Besitz, das Ihnen gehört", sagte er sanft. „Es sollte mich eigentlich wundern, dass Sie es noch gar nicht vermisst haben. Doch wenn ich mir Ihren Blutstatus so ansehe, überrascht es mich nicht weiter. Vielleicht hatten Sie ja vor, ihn freiwillig herauszugeben. Eine kluge Entscheidung, wenn ich es mir recht überlege. Das Ministerium überlegt schon seit einer Weile, gewissen Zauberern und Hexen die Erlaubnis zum Zaubern zu entziehen."

Nur langsam dämmerte ihr, wovon er sprach. Unweigerlich ging ihr Atem schneller. Sie hatte ihren Zauberstab nicht mitgenommen, als sie nach dem Aufeinandertreffen mit ihm aus seinem Büro geflohen war. Voller Horror beobachtete sie Snape dabei, wie er seine Brauen in die Höhe zog, als würde er nur auf ihre Antwort warten.

„Sie haben nicht das Recht, so zu reden!", sagte Hermine mit rauer Stimme. „Nur weil Sie ein Halbblut sind, heißt das noch lange nicht, dass Sie besser dran sind als andere. Sollte das neue Gesetz also tatsächlich in Kraft treten, sind Sie genauso erledigt wie ich."

„Das glaube ich kaum, Granger. Immerhin stehe ich auf der richtigen Seite."

Hermine riss die Augen auf und verfluchte sich in Gedanken, jetzt nicht einfach ihren Zauberstab aus der Tasche ihrer Jeans ziehen zu können, um Snape endlich den längst überfälligen Denkzettel zu verpassen, den er verdiente.

„Ja, Granger?", fragte er süßlich und seine langen dünnen Finger holten etwas aus dem Inneren seines Umhangs hervor, das Hermine als eben jenen Zauberstab erkannte.

„Geben Sie den her!", keifte sie und sprang von ihrem Stuhl auf. „Er gehört mir!"

„Sind Sie sicher? Manch einer würde an Tagen wie diesen behaupten, Sie hätten ihn gestohlen. Das Ministerium ist ganz wild darauf, Lügner zu enttarnen und diese angemessen zu bestrafen."

„Er ist nicht gestohlen!", rief Hermine bitter aus, doch es kam vielmehr einem Schluchzen gleich. „Ich habe ihn gekauft. Wie jeder andere hier in Hogwarts auch."

Snapes Miene wurde leer. Er starrte reglos in ihre Augen und mitten durch sie hindurch wie in ein tiefes schwarzes Loch, sodass Hermine schauderte.

„Seltsame Welt, nicht wahr?", murmelte er leise zwischen seinen nahezu unbeweglichen Lippen hindurch, während er das abgegriffene Holz in seinen Fingern drehte, als würde er es beim Abtasten einer Prüfung unterziehen. Dann blinzelte er und seine Pupillen trafen hart und kalt auf ihre.

„Das nächste Mal, wenn Sie irgendwo einbrechen, sollten Sie nicht so unvorsichtig sein, wenn er Ihnen derart viel bedeutet. Sie wollen doch sicher nicht, dass er in die falschen Hände gerät." Einer seiner Mundwinkel rollte sich zurück und Snape legte den Zauberstab zwischen ihnen auf den Tisch. Hermine schluckte schwer, schnappte ihn sich mit klammen Fingern und steckte ihn weg. Die ersehnte Erleichterung, ihn wieder zu haben, blieb aus. Wie hatte sie nur so unachtsam sein können? Ein Zauberer ohne Zauberstab war so gut wie wehrlos. Genau deshalb nahm das Ministerium die Muggelgeborenen unter die Lupe. Es wusste, dass selbst der fähigste Zauberer und die fähigste Hexe früher oder später an ungesagten Zaubern scheitern würden.

Entkräftet sackte sie zurück auf ihren Stuhl. Sie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Es war ihre eigene Schuld gewesen, dass sie ihren Zauberstab im Büro des Schulleiters liegengelassen hatte. Snape hatte sie zu Tode erschreckt, doch das war keine Entschuldigung für ihr Versagen.

„Keine Sorge, Granger", entgegnete Snape zynisch. „Es besteht kein Grund, mir zu danken."

Zornig funkelte sie ihn an.

„Was bilden Sie sich nur ein? Ich hasse Sie! Ich hasse Sie so sehr, dass ich Sie endlich tot sehen möchte!"

Snape lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das überrascht mich nicht. Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber hören Sie endlich auf, sich aufzuspielen."

Er hatte genug davon, sich von Teenagern wie ihr und ihren Freunden dazwischenfunken zu lassen. Er verabscheute die Welt, in die er hineingeboren wurde und sein Leben, das sich daraus entwickelt hatte. Er hasste Potter und seinen gottverdammten Vater, obwohl der schon längst tot war. Er konnte Kinder nicht ausstehen, trotzdem war er an diese Schule gefesselt, ohne ihr entrinnen zu können. Er konnte das Gewinsel und Gejammer der Menschen nicht ertragen, die so viel schwächer waren als er. Trotz allem hatte er es satt, ständig um Anerkennung kämpfen und aufpassen zu müssen, nicht den Kopf zu verlieren.

„Sie in Ihren jungen Jahren bilden sich ein, das Richtige zu tun", Hermine öffnete den Mund, Snape jedoch würgte sie ab, indem er die Augen zu engen Schlitzen zusammenkniff. „Nun halten Sie den Mund und hören Sie gut zu. Sie irren sich. Es gab viele wie Sie, Granger, die geglaubt haben, sich in alles einmischen zu müssen. Die meisten von ihnen wurden eines Besseren belehrt, doch da war es schon zu spät. Sie wissen nicht, was Sie tun. Daher gebe ich Ihnen einen Rat: Lassen Sie es bleiben. Hören Sie auf damit, ehe wir Ihnen das Genick brechen. Gehen Sie in sich und fragen Sie sich, ob es das ist, was Sie wollen, denn eines ist klar: Wir sind stärker. Wir sind die Gewinner. Sollten Sie weitermachen, liegen Sie früher oder später am Boden. Und niemand wird Ihnen dann mehr entgegenkommen. Nutzen Sie Ihre Chance, sich gedeckt zu halten, denn niemand wird Sie weiter beachten, klein und unbedeutend wie Sie es sind. Denken Sie darüber nach. Wer würde nach Ihnen suchen, Granger? Wer würde Sie vermissen?"

Hermine schüttelte entsetzt den Kopf. Natürlich wusste sie, dass sie Snapes Worten nicht trauen konnte. Sie würde nicht zulassen, dass er sie auf seine Seite ziehen konnte. Aber was sollte sie tun? Sie war machtlos, wohingegen er voll und ganz in der Lage war, die Geschehnisse zu lenken.

„Ich glaube Ihnen nicht", sagte sie leise. „Sie sind ein Lügner und ein Betrüger. All die Jahre über haben Sie uns angelogen und uns glauben lassen, dass Sie zu uns gehören. Jedes Wort, das Sie sagen, ist pures Gift, gesprochen von einer falschen Schlange. Doch mich werden Sie nicht damit beeindrucken. Ich weiß, was ich tue, ob Sie es nun glauben oder nicht. Ich habe es von Anfang an gewusst. Und daran wird sich nichts ändern."

Snape reckte kühl das Kinn empor. „Sind Sie sicher? Es gäbe genügend Wege, Ihrer naiven Vorstellung von Loyalität einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wo fange ich nur an? Ach ja, richtig! Wie geht es Ihren Eltern in Australien?"

Hermine wurde bleich. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er das wissen würde. Doch obgleich es absurd zu sein schien, konnte es nur eine Möglichkeit geben, wie er das herausgefunden hatte: Das Portrait von Phineas. Sie schüttelte sich. Harry und Ron würden nicht so einfältig sein, in seiner Gegenwart ihre größten Geheimnisse auszuplaudern. Bestimmt musste es eine andere Erklärung dafür geben.

„Wa-was meinen Sie damit?"

„Ihre Eltern, Granger", sagte Snape sanft, wobei sich ein kaum merkliches Lächeln über sein Gesicht legte. „Ich rede von Ihren Eltern. Aber keine Angst, Ihr kleines Geheimnis ist bei mir in Sicherheit. Jedenfalls, solange mich niemand danach fragt."

Was auch immer das nun wieder zu bedeuten hatte, Hermine war sich sicher, dass sie es nicht mochte. Schon alleine seine Anwesenheit machte sie krank. Seine widerliche Art dazu war schier unerträglich.

„Was wollen Sie?", fragte sie in einem leisen Flüstern. „Dass ich gehe? Dass ich die Schule als Muggel verlasse, ebenso wie ich damals hergekommen bin?"

Snape legte nachdenklich seinen Zeigefinger auf die dünnen Lippen. Es war unmöglich für Hermine, zu sagen, was in ihm vorging. Erstaunlich war nur die Ruhe, die von ihm ausging.

„Warum gleich immer so theatralisch?", murmelte er süffisant. „Ich möchte lediglich, dass Sie kooperieren. Und überlegen Sie sich Ihre Antwort gut."

In Hermine überschlug sich alles. Das war so ziemlich das Letzte, was sie wollte. Doch um Harry nicht zu enttäuschen, sah sie kaum eine andere Wahl.

„Und was ist, wenn ich es nicht tue?"

„Diese Frage können Sie sich sparen", sagte er in einem tiefen Grollen. „Denken Sie lieber darüber nach, was sein könnte, wenn Sie es täten."