Ludicrous Smile

Kapitel 10

Erst jetzt, wo Hermine längst wieder in ihrem Turm war und im Bett lag, kam ihr in den Sinn, dass sie gar keine Angst davor gehabt hatte, den Professor zu berühren. Verstört wälzte sie sich von einer Seite auf die andere. Die Vorstellung davon, ihn nicht als Feind zu betrachten, war erschreckend. Sie musste den Verstand verloren haben. Wie lange sollte das mit ihrer Zusammenarbeit denn noch so weitergehen? Sie wusste, dass es falsch war, sich ihm langsam und Stück für Stück zu ergeben, ohne Widerstand zu leisten. Es gab keine Zweifel an den Umständen, die zu Dumbledores Tod geführt hatten. Hermine glaubte Harry. Sie vertraute ihm. Außerdem hatte Snape nicht einmal versucht, es abzustreiten. Welche Beweise brauchte sie denn noch dafür, dass er ein kaltblütiger Mörder war? Trotz allem hatte sie einen Moment lang aufgehört, daran zu denken, was geschehen war. Sie hatte sich von der trügerischen Idylle dazu hinreißen lassen, ihm zu glauben, dass das, was er im Labor tat, mehr war als bloßer Egoismus. Es war nicht richtig gewesen. Es war falsch. Sie hasste ihn, weil er Dumbledore getötet hatte. Und genauso sollte es sein.

Verbissen schickte Hermine eine Nachricht an Harry und war erleichtert über seine Antwort. Alles, was sie von Snape ablenkte, kam ihr sehr gelegen.

„Es ist der Name, Harry. Ihr dürft seinen Namen nicht aussprechen. Es liegt ein Fluch darauf."

„Shit! Kein Wunder, das Ron jedes Mal austickt, wenn ich damit anfange. Danke, Hermine! Das war echt hilfreich."

In den kommenden Tagen wurde es wieder ruhig in den Kerkern. Keiner von beiden redete viel. Außerdem war Snape so beschäftigt, dass es an ein Wunder grenzte, wenn er ihre Anwesenheit überhaupt zur Kenntnis nahm. Hermine hatte nichts dagegen, wieder ausreichend Abstand zu ihm einzunehmen. Insgeheim machte sie sich immer noch Vorwürfe, weil sie angefangen hatte, etwas in Snape sehen zu wollen, was er nicht war. Er war keiner von 'den Guten', wie sie sich selbst immer wieder ermahnte. Er war eben einfach nur Snape der verhasste Schulleiter.

Wenige Tage vor Weihnachten, Hermine hatte endlich etwas mehr Schlaf abbekommen, da Snape zum wiederholten Mal zu Voldemort gerufen worden war, fiel ihr auf, dass der Professor etwas neben sich zu stehen schien. Bereits mehrmals war es vorgekommen, dass er seine Arbeit kurzzeitig unterbrochen hatte, weil ihm seine zittrigen Hände Probleme bereitet hatten. Anfangs wusste Hermine nicht, wie sie damit umgehen sollte. Einerseits verspürte sie eine scheußliche Genugtuung, schließlich war er ein Todesser und verdiente es nicht anders. Andererseits war ihr aber auch bewusst, dass es menschenunwürdig war, so zu denken. Sie hatte noch nie zu denen gehört, die eiskalt auf Rache aus gewesen waren, obwohl sie sich insgeheim wünschte, sie würde dem Professor und seinem Gebrechen weniger Beachtung schenken.

Als es wieder passierte, dachte Hermine zuerst, Snape würde zu Voldemort gerufen werden, so wie seine rechte Hand zu seinem linken Arm schoss. Fast zeitgleich rutschte ein leeres Glasröhrchen aus seinem Griff, fiel zu Boden und zerbrach. Wortlos machte Hermine sich daran, die Scherben aufzusammeln, so wie sie es schon des Öfteren getan hatte, wenn etwas zerbrochen war, doch kaum dass sie sich gebückt hatte, packte Snape sie an der Schulter und hielt sie zurück.

„Nehmen Sie den Zauberstab, Granger. Es war nicht Ihre Schuld."

Hermine stand der Mund offen. Vollkommen überrumpelt starrte sie ihn an und es dauerte einige Sekunden, ehe sie sich wieder gefasst hatte. Unbeholfen nickte sie und machte sich an die Arbeit. Nun gab es keine Zweifel mehr, dass sie dabei war, verrückt zu werden, denn bisher hatte er als Teil ihrer Strafe regelrecht darauf bestanden, dass sie alles von Hand zu tun hatte.

Für den Rest des Abends machte Snape mit seiner Arbeit weiter, ohne ihr nähere Beachtung zu schenken. Hermine wusste auch so, dass es in ihm brodelte, ebenso wie in ihr.

Um Mitternacht entließ er sie und sie eilte wie befohlen schnurstracks aus dem Labor. Draußen auf dem finsteren Gang vor seinem Büro hielt sie inne und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie wusste nicht, was mit ihr los war. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie sich solche Gedanken über ihn machte. Es war eigenartig, aber es tat weh, ihn zu beobachten, denn ironischerweise war ihr nicht entgangen, dass er versucht hatte, den Schmerz vor ihr zu verbergen, der ihn heimsuchte wie ein plötzlicher Schlag. Sein Gesicht war so verzerrt gewesen, dass sie den gequälten Ausdruck selbst durch die Strähnen hindurch gesehen hatte; eine Maske aus Angst, Abscheu und blankem Hass. Doch genauso gut wusste sie, dass es nicht sie gewesen war, der all das gegolten hatte. Seine überraschende Äußerung hatte etwas Sanftes und Zerbrechliches in sich gehabt, obwohl es nicht möglich sein konnte, Snape so ein Verhalten zuzuschreiben.

Hermine spürte die kalte, abweisende Mauer aus Stein in ihrem Rücken und erinnerte sich an die Begegnung, die sie mit ihm auf dem Astronomieturm gehabt hatte. Warum war er nur dort gewesen? Er hatte nicht wissen können, dass er da oben auf sie treffen würde. Trotzdem waren sie sich zufällig begegnet.

Bevor sie wusste, was sie tat, machte sie kehrt und rannte zurück in sein Büro. Ihr Herz klopfte und sie verlangsamte ihren Schritt. Bestimmt wäre er furchtbar wütend auf sie, weil sie seine Anweisung, umgehend in ihren Turm zurückzukehren, missachtet hatte. Hermine aber war es egal. Sie wollte weiter, wollte wissen, was es mit ihm und seinem Verhalten auf sich hatte.

Erst unmittelbar vor der Tür zu seinem Labor blieb sie stehen und drückte sie leise auf. Das Wasser im Hahn rauschte und Snape stand über die steinerne Spüle gebeugt. Er hatte ihr den Rücken zugewandt und Hermine konnte seine linke Hand erkennen, die sich krampfhaft am Rand des Beckens festhielt. Sie schien zu beben, ebenso wie sein ganzer Rücken, während er mit der anderen Wasser zum Mund schöpfte. Einige Sekunden später drehte er den Hahn ab und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Spätestens jetzt wusste Hermine, dass sie sich bemerkbar machen sollte, bevor er sie entdecken konnte.

„Professor?", fragte sie vorsichtig in die aufkommende Stille hinein.

Snape erstarrte regelrecht und für einen kurzen Augenblick wünschte Hermine sich, sie hätte nicht kehrtgemacht.

Auf einmal fuhr er herum, das Gesicht von einem Vorhang aus ungepflegten Strähnen verhangen. Als er sie sah, richtete er sich langsam zu seiner vollen Größe vor ihr auf.

„Warum sind Sie noch hier, Granger?", fragte er in einem abweisenden Knurren.

Hermine kam näher und hielt nur eine gute Armlänge vor ihm inne.

„Ich war nicht die Einzige, die in dieser Nacht auf dem Turm Zuflucht gesucht hat, nicht wahr? Sie wollten ebenfalls dort oben sein."

Umgehend versteifte er sich. „Was soll das hier werden, Granger? Ein Verhör?"

„Das wissen Sie genau", sagte sie sanft. „Sie konnten nicht wissen, dass ich dort oben war. Sie wollten genauso wie ich etwas entfliehen."

Er öffnete den Mund, Hermine aber streckte mit all ihrem Mut die Hand nach ihm aus und legte ihre Finger auf seine dünnen Lippen. Sie tat es einfach, ohne sich über die Konsequenzen oder den Fehler, der dahinter verborgen war, Gedanken zu machen. Das Einzige, was sie mit Sicherheit wusste, war, dass er bereits etliche Male die Gelegenheit gehabt hatte, ihr etwas anzutun, sich bisher jedoch immer anders entschieden hatte.

Snape schluckte, als wäre er zu befangen, um etwas zu unternehmen. Es war auch so offensichtlich, dass ihm die Situation nicht behagte.

Über sich selbst erschrocken nahm Hermine die Hand wieder runter. Sie konnte nicht glauben, dass sie das getan hatte, doch der Drang in ihrem Inneren, ihn berühren zu wollen, war so stark gewesen, dass sie nicht länger dagegen hatte ankämpfen können. Angespannt wartete sie, was geschehen würde. Sie wusste, dass er jeden Moment wieder zur Besinnung kommen und sie fortjagen könnte. Solange er es aber nicht tat, schwelgte sie in dem eigentümlichen Gefühl, das ihr die Berührung verschafft hatte. Es war ein Moment der Wärme und Friedfertigkeit gewesen, in der er einfach nur stillgehalten und es zugelassen hatte, ohne wie üblich eine Spitze gegen sie loszulassen.

Für ein oder zwei Minuten standen sie vollkommen reglos voreinander und sahen sich an. Sie wusste, dass sie Recht hatte. Dennoch machte er keine Anstalten, es vor ihr zuzugeben.

„Ich verstehe das alles nicht. Warum waren Sie auf diesem Turm, Professor? Warum wollen Sie, dass ich glaube, alles sei Ihnen gleichgültig, obwohl Sie wie besessen daran arbeiten, neue Medikamente herzustellen, um die Bewohner des Schlosses im Falle eines Angriffs zu wappnen? Ist das nur Teil Ihrer Verkleidung, um zu verhindern, dass jemand erfährt, dass Sie sich um etwas sorgen? Manchmal glaube ich, Sie wollen etwas bewegen. Etwas verändern oder mir einfach nur etwas sagen. Aber dann ist plötzlich wieder alles vorbei."

Irritiert von ihrer freizügigen Art des Denkens blinzelte er.

„Hören Sie auf damit, Granger. Es ist nicht immer gut, alles auszusprechen, was man gerade im Kopf hat."

„Ich ... Sie haben Recht. Es tut mir leid."

„Das sehe ich", gab er spöttisch zurück. „Sie hätten besser daran getan, meine Anweisung zu befolgen, dann wären Sie jetzt längst in Ihrem Turm, anstatt sich hier in etwas zu verrennen, von dem Sie keine Ahnung haben."

„Und wenn ich das nicht sein will, Sir?", fuhr sie ihm forsch dazwischen.

Es wurde wieder still. Betreten senkte sie den Blick auf die vor ihr aufragenden Knöpfe, die seine Brust säumten. Snape schüttelte kaum merklich den Kopf und Hermine fühlte sich so leer wie selten zuvor in seiner Gegenwart.

„Ich weiß, dass es falsch war, das zu tun. Aber tief in mir drinnen, war mir danach, einfach umzukehren."

„Das ist absurd, denn dafür gab es keinen Grund. Ich hatte Sie fortgeschickt, wenn Sie sich erinnern."

„Sie glauben mir nicht?"

„Nein", sagte er knapp.

Hermine biss sich auf die Lippe. Sie wollte nicht wahrhaben, was sie da hörte. Sie hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, wusste jedoch nicht, was das sein sollte.

„Gehen Sie jetzt, Granger. Sie brauchen vorerst nicht wiederzukommen. Ihre Arbeit in den Kerkern ist während der Ferien nicht vonnöten."

Hermine lugte entgeistert zu ihm hoch. Dass sie einmal so enttäuscht darüber sein könnte, von ihm zurückgewiesen zu werden, hätte sie nicht für möglich gehalten. Es versetzte ihr einen Stich.

„Wie - wie meinen Sie das?", fragte sie klamm.

„Genauso, wie ich es gesagt habe. Sie können sich glücklich schätzen. Und jetzt raus mit Ihnen."

Er wollte sich an ihr vorbei drücken, doch noch ehe es dazu kommen konnte, griff Hermine nach seinem Arm.

„Warten Sie. Sie können mich jetzt nicht einfach so stehenlassen!"

„Ich versichere Ihnen, ich kann", äußerte er gereizt und machte sich blitzschnell von ihr frei. „Tun Sie das nie wieder, Granger. Stellen Sie nicht mein Urteil infrage oder ich versichere Ihnen, Sie werden es bereuen."

Hermine schüttelte den Kopf. Was, wenn sie gar nicht wollte, dass plötzlich alles vorbei war? Sie war nicht gewillt, jetzt, da sie so weit gekommen war, aufzugeben.

„Ich wünschte, Sie würden nur für einen Moment Ihre Maske fallenlassen und mir zeigen, was sich dahinter verbirgt."

Snape schnaubte mit einem seichten Lächeln auf den Mundwinkeln. „Nein. Das tun Sie nicht."

Hermine registrierte nur unterschwellig, dass er alles andere als gefasst geklungen hatte, denn sie hörte kaum noch hin. Ihre Aufmerksamkeit galt nun voll und ganz seiner Gestalt, die zum Greifen nah vor ihr aufragte. Sie sah sein Gesicht, seine Augen, seine Lippen, die zuvor so warm und weich gewesen waren. Keine Sekunde später schloss sie die Distanz zu ihm und streckte sich zu ihm empor. Ihre Hand griff nach einer Handvoll der Knöpfe auf seiner Brust, während sie zugleich ihre Lippen auf seine drückte. Ein seltsamer Blitz zuckte durch ihren Körper. Sie fühlte seinen aufgewühlten Herzschlag unter ihren Fingern, konnte genau das verwunderte Aufatmen hören, das ihm entfuhr. Dann, bevor Snape handeln konnte, unterbrach Hermine den Kontakt zu ihm und alles war wieder vorbei.

„Sie sind ein bedauernswerter Mann, Professor", flüsterte sie leise, „denn Sie belügen sich selbst."

Die Berührung war nur flüchtig gewesen und sofort wich sie ausreichend zurück. Snape wirkte dennoch wie erstarrt, als sie wieder vor ihm stand und ihn ansah. Langsam machte sie einen Schritt in Richtung Tür, wirbelte herum und lief davon, so schnell es ihre Beine erlaubten.