Ludicrous Smile
Kapitel 13
Bis zu dem Moment, in dem ihr aufgefallen war, dass sein ganzes verdammtes Schlafzimmer nach Sex gerochen hatte, war es nicht weiter schwer für sie gewesen, seine Gegenwart zu ertragen. Mit ihrem Ziel vor Augen und Snape, der ihr dabei half, es zu erfüllen, hatte sie sich eingebildet, sie würde damit klarkommen, sich vor ihm zu verstellen. Die Wahrheit sah natürlich anders aus. Die Gedanken in ihr überschlugen sich regelrecht und erschwerten es ihr, einen klaren Kopf zu behalten.
Nachdem auch Hermine eine lange und heiße Dusche genommen hatte, um sich jegliche Überreste von Snapes Geruch abzuschrubben, kroch sie ins Bett und weinte. In ihrem Unterleib machte sich ein seltsames Gefühl breit. Es war kein unerträglicher Schmerz, vielmehr ein Ziepen, schließlich hatte Snape sich nicht brutal an ihr vergangen. So oder so war es ausreichend, um sie an ihre erste sexuelle Erfahrung mit ihm zu erinnern, wodurch sie sich eingestehen musste, dass es vielleicht der falsche Weg gewesen war, seine Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. Verbissen redete sie sich ein, dass es keinen Unterschied machte, solange er nur mitspielte und ihr entgegenkam.
Als Hermine sich halbwegs wieder unter Kontrolle hatte, merkte sie, dass sie bei all der Aufregung um Snape ihre beiden Freunde vollkommen vergessen hatte. Eilig nahm sie ihre Münze heraus und schrieb an Harry; der antwortete nicht, dafür aber Ron. Panisch berichtete er ihr von dem Ausflug nach Godric's Hollow und wie sie das Grab von Harrys Eltern und das Haus gefunden hatten, in dem sie umgekommen waren.
Hermine wartete angespannt auf jede einzelne Zeile, bis sie plötzlich erfuhr, dass die beiden der alten Bathilda Bagshot in ihr Haus gefolgt waren, wo deren Überreste sich als Nagini entpuppt hatten.
„Es war eine Falle. Die Schlange steckte die ganze Zeit über in ihr. Es war absolut gruselig, Hermine. Ein Glück, dass du uns das Diptam und den ganzen Kram eingepackt hast."
Auf einmal wollte Hermine nichts mehr darüber lesen, was geschehen war. Sie fühlte sich elend genug, weil sie mit Snape geschlafen hatte, während Harry und Ron sich in Gefahr begeben hatten, um nach dem Schwert zu suchen. Vergeblich wie immer.
„Wichtig ist jetzt nur, dass du die Wunde, die Nagini ihm zugefügt hat, ordentlich gereinigt hast. Hast du auch wirklich alles gemacht, was ich dir beigebracht habe?"
„Ja, Hermine. Er ist eingeschlafen. Es geht ihm soweit gut. Harry meinte, dass sie ihn nur dabehalten sollte, bis Du-weißt-schon-wer sie erreicht hätte. Sie hatte nicht die Absicht, ihn zu töten."
So sehr sie auch ihr Gewissen beruhigen wollte, war es zwecklos. Die ganze Nacht wälzte sie sich von einer Seite auf die andere und kämpfte gegen die Schuldgefühle an.
Am nächsten Morgen beim Frühstück wusste sie kaum, wo sie hinsehen sollte, als Snape am Tisch der Lehrer Platz nahm. Zuerst schien er sie nicht zu beachten, nach einer Weile jedoch trafen sich vollkommen unvorbereitet ihre Blicke. Unerbittlich sah er sie mit den eng zusammengezogenen Brauen zwischen seinen Strähnen hindurch an. Schließlich hielt Hermine es nicht mehr aus. Sie stand auf und eilte aus der Großen Halle, um so viel Abstand wie möglich zwischen ihm und ihr herauszuholen. Sie wollte ihn nicht sehen. Ihre Sorge um Harry und Ron war auch so schon zermürbend genug, als dass sie den Nerv gehabt hätte, sich mit Snape auseinanderzusetzen.
Draußen auf dem Gang drückte sie sich traurig in eine einsame Ecke und ließ ihren Tränen freien Lauf. Tief in ihre Gedanken versunken registrierte sie nicht einmal mehr, dass sie plötzlich beobachtet wurde.
„Hören Sie auf, sich wie ein Kind zu benehmen, Granger."
Hermine wirbelte herum, als sie Snapes Stimme hörte. Mit großen feuchten Augen starrte sie ihn an.
„Gehen Sie weg!", spuckte sie verletzt. „Ich will Sie nicht sehen!"
Er machte unbeirrt davon einen Schritt auf sie zu und griff nach ihrem Arm.
„Das könnte Ihnen so passen", knurrte er. „Zuerst spielen Sie mir etwas vor und dann lassen Sie sich hier in aller Öffentlichkeit gehen."
„Das geht Sie gar nichts an! Und jetzt lassen Sie mich allein, wenn Sie nicht wollen, dass wir Aufmerksamkeit auf uns ziehen!"
„Machen Sie sich darüber keine Sorgen", beharrte er eisig. „Ich bin nicht wild darauf, mit Ihnen in Verbindung gebracht zu werden."
Hermine zerrte an ihrem Arm und wollte sich von ihm losmachen, Snape jedoch dachte gar nicht daran, ihr diesen Gefallen zu tun. Seine Hände nahmen sie so fest bei den Schultern, dass sie vor Schreck nach Luft schnappte.
„Nun hören Sie mir gut zu, Granger. Niemand hat Sie gebeten, sich aufzuspielen. Ich weiß, was letzte Nacht geschehen ist. Und ich weiß auch, dass Sie es wissen. Ihre Freunde hatten großes Glück, dass sie der Schlange entkommen sind. Aber das heißt nicht, dass so etwas nie wieder geschehen wird. Sie wussten von Anfang an, worauf Sie sich einlassen. Fangen Sie also nicht jetzt damit an, die Nerven zu verlieren. Verstanden?"
Hermine blinzelte irritiert. Sie hatte ganz vergessen, dass Voldemort ihn wegen des Vorfalls in Godric's Hollow zurate ziehen könnte.
„Sie - Sie wissen davon?"
Erst jetzt entspannte sich seine Haltung ein wenig. Er drückte seine dünnen Lippen aufeinander und ließ von ihr ab.
„Kommen Sie jetzt endlich zu sich?"
Für ein oder zwei Sekunden sah sie ihn einfach nur an. Sein zerfurchtes Gesicht wirkte so vertraut auf sie, dass sie schlicht und ergreifend nickte. Dann warf sie sich wie erschlagen nach vorn und lehnte ihre Stirn an seine Schulter. Sie tat es einfach, weil er für sie da war, nicht etwa, weil sie ihn gut leiden konnte. Davon waren alle beide meilenweit entfernt, denn sofort versteifte er sich und machte sich von ihr frei. Die Hände fest um ihre Arme gelegt, hielt er sie auf Abstand zu sich.
„Nehmen Sie sich zusammen, Granger. Weder Ihnen noch mir ist damit geholfen, wenn uns jemand so entdeckt."
Hermine zog betreten die Nase hoch. Dass Harry letzte Nacht Voldemort nur knapp entgangen war, hatte ihr schwer zugesetzt. Aber dass ausgerechnet Snape es sein würde, der sie darüber hinwegtrösten sollte, war mindestens genauso verstörend. Niemand sonst in ihrer Nähe wusste von dem Vorfall in Godric's Hollow. Es wäre auch zu gefährlich gewesen, sich jemandem anzuvertrauen. Ja, nicht einmal Ginny, die wie einige andere Schüler während der Ferien auch nach Hause gefahren war, sollte es erfahren.
„Wie war es bei ihm?", hörte sie sich plötzlich fragen.
Snape legte den Kopf schief und fasste sie eindringlich ins Visier.
„Genauso vergnüglich wie immer, Granger", sagte er mit einem halbherzigen Lächeln auf den Lippen.
Hermine schauderte unbewusst. Sie hatte nicht erwartet, dass er überhaupt darauf antworten würde, denn für gewöhnlich zog er es vor, sie schwach anzureden. Es fiel ihr schwer, damit umzugehen. Und das nicht nur, weil sie mit ihm Sex gehabt hatte.
Bedröppelt senkte sie den Blick auf die Knöpfe, die seine Brust säumten. Im Vergleich zu gestern wippten sie bei jedem seiner Atemzüge ausgesprochen sanft auf und ab.
„Ich verstehe das nicht, Professor", sagte sie in Gedanken vor sich hin. „Nichts von dem, was Sie tun, scheint einen Sinn zu ergeben."
Snape nahm seine Hand und legte sie auf ihren Mund.
"Es ist auch nicht Ihre Aufgabe, sich Gedanken darüber zu machen", sagte er zynisch und strich dabei kaum merklich mit dem Daumen die Kontur ihrer Oberlippe nach.
Hermines Puls ging schneller. Eben noch hatte sie nicht den Eindruck gehabt, dass er in der Stimmung war, sich überhaupt mit ihr abzugeben. Jetzt aber konnte sie beim näheren Hinsehen wieder das Feuer in seinen schwarzen Augen aufflammen sehen, das die Erregung, die in seinem Inneren verborgen war, zum Ausdruck brachte.
Er schluckte hörbar. Alles, ob nun gut oder schlecht, schien sich zu vereinen. Sie war gefesselt von seinem Blick, obwohl sie sich nicht erklären konnte, wieso das so war. Sie fühlte die sanfte Berührung auf ihrer Haut und spürte ein eigentümliches Kribbeln in ihrem Unterleib, ganz ähnlich dem, das sie vor Aufregung gehabt hatte, als sie dem Drang nachgegeben hatte, sich ihm zu nähern.
Seine Hand glitt langsam ihre Kehle entlang, den Hals hinab bis zu ihrer Brust, unablässig gefolgt von seinen brennenden Augen, die die unsichtbare Spur nachzeichneten. Auf ihrem linken Busen kam sie schließlich zum Erliegen.
Wie erstarrt hielt Hermine die Luft an. Er machte einen Schritt nach vorn und kollidierte hart mit ihrem Körper. Die langen, blassen Finger auf ihrer Brust schlossen sich fest um das junge Fleisch, drückten und erkundeten es.
Hermine biss sich auf die Lippe, als er anfing, ihren harten Nippel mit dem Daumen zu umkreisen. Sie lehnte sich Halt suchend an ihn und ergab sich ganz in seine Berührung. Es war zu gut, um wahr zu sein: Da stand sie inmitten eines Korridors der Schule, innig an Snapes hageren Körper gedrückt und ließ sich von ihm streicheln.
Irgendwo in der Ferne war ein Poltern zu hören, ihm folgte leises Gemurmel und schnelle Schritte. Wie es den Anschein hatte, leerte sich die Große Halle. Das Frühstück war zu Ende.
Snape kam augenblicklich zu sich und löste sich von Hermine los. Er machte einen Schritt zurück und sah sie abschätzig zwischen seinen Strähnen hindurch an, während sie schwer atmend und mit offenem Mund vor ihm stand.
Ohne ein weiteres Wort machte er kehrt und schwebte schnellen Schrittes davon, sodass sich sein Umhang wie erzürnt hinter ihm aufbauschte. Zurück blieb nur die junge Frau, mit der er zwar geschlafen, ihr jedoch sämtliches Vergnügen verwehrt hatte. Die soeben unverhofft erfahrenen Glücksgefühle verblassten, sie war verwirrter denn je.
Den ganzen restlichen Tag über bekam sie den Vorfall nicht mehr aus dem Kopf. Es verfolgte sie gnadenlos, daran zu denken, wie sie sich ihm am Abend zuvor angeboten hatte, um nichts als kühle Verachtung von ihm zu bekommen. Zugleich ahnte sie nach all den Geschehnissen mit ihm, dass es ihm nicht viel anders ergangen war. Er hatte zwar mit ihr geschlafen, um den körperlichen Bedürfnissen nachzukommen, doch war es auch für ihn nicht so gewesen, wie er es sich gewünscht hätte.
Als sie ihn am Abend beim Essen nicht sah, vermutete sie, dass er wieder in seinem Labor beim Brauen war. Schnurstracks machte sie sich auf den Weg, um der Sache auf den Grund zu gehen, oder vielmehr, um ihre ständig wachsende Neugier in Bezug auf ihn zu befriedigen.
Die Tür zu seinem Büro war nicht verschlossen und Hermine trat ein. Auf den ersten Blick wirkte alles, wie sie es gewohnt war: Eine einsame Kerze brannte in ihrer Halterung an der Wand, auf seinem Schreibtisch türmte sich stapelweise Pergament. Leise drückte sie die Tür hinter sich zu und sah sich um. Durch den Türspalt zum Labor fiel Licht. Hermine fasste sich ein Herz und setzte ihre Reise fort.
"Ich dachte, ich habe mich klar ausgedrückt, Granger", begrüßte er sie mürrisch, ohne länger als nötig von dem Zaubertrank aufzublicken, an dem er arbeitete.
Hermine rollte mit den Augen. Dafür, dass er sie nur wenige Stunden zuvor auf so verführerische Art und Weise unsittlich berührt hatte, war das Wiedersehen mit ihm enttäuschend.
"Ich wollte Sie sehen", sagte sie knapp. "Was ist so verwerflich daran?"
Er legte laut scheppernd seinen Rührstab beiseite und machte einen langen Schritt auf sie zu, bis er unmittelbar vor ihr aufragte. Mit finsterer Miene funkelte er sie an.
"Sie haben hier unten nichts verloren, Granger. Genügt Ihnen das?"
"Offengestanden nein. Ich dachte, wir könnten ... Na ja, Sie wissen schon …"
Sie verstummte, sodass nur noch das leise Blubbern des Zaubertranks zu hören war, der über der offenen Flamme in seinem Kessel vor sich hin brodelte. Dass sie sich so unbehaglich fühlen würde, es auszusprechen, hätte sie nicht gedacht.
Er verzog das Gesicht zu einer schiefen Grimasse. "Könnten was?"
"Wir könnten die Sache von vorhin vertiefen", sagte sie kleinlaut und versuchte dabei, ihn mit einem unbeholfenen Lächeln zu erreichen.
Angespannt fuhr er sich mit den Händen durch die Haare. Erst jetzt registrierte Hermine, dass er seine Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte. Unsagbar blass und zerbrechlich wie Pergament schien ihr seine Haut entgegen, am linken Arm von seinem dunklen Mal durchzogen. Es versetzte ihr einen Schauder, vor allem, da er sich gar nicht weiter darum bemühte, es vor ihr zu verbergen. Er wirkte gestresst und auch sonst sah er ziemlich durcheinander aus.
"Das ist ausgeschlossen, Granger", polterte er ungerührt los. "Wie stellen Sie sich das nur vor?"
"Indem wir einfach da weitermachen, wo wir unterbrochen wurden."
Ungläubig riss er die Augen auf. Für einen kurzen Moment lang sah er aus, als wäre ihm übel.
"Ist das so einfach für Sie? Sie kommen ungebeten hier her und dringen hier ein, dabei wissen Sie in Wahrheit gar nicht, was Sie da eigentlich von mir verlangen."
Hermine schnaubte. Sie hatte langsam genug von diesen Spielchen. Ganz besonders, da sie erfahren hatte, wie aufregend es sein konnte, von ihm gestreichelt zu werden.
"Das ist wieder mal so typisch für Sie! Aber um mit mir zu schlafen, hatten Sie keine Hemmungen, was?"
Seine Nasenflügel erzitterten. Es gab keine Zweifel daran, dass sie ihn getroffen hatte.
"Ich hätte nicht gedacht, dass Ihnen dieses Erlebnis so viel bedeutet hat", sagte er scheinbar kühl.
"Aber natürlich hat es das", entgegnete Hermine aufgebracht. "Es war ja nicht so, dass ich erwartet hätte, dass das ausgerechnet mit Ihnen geschieht."
"Dafür haben Sie sich aber jede Mühe gegeben, es soweit kommen zu lassen."
Hermine schüttelte den Kopf. "Sie verstehen das nicht. Es schien mir der einzig richtige Weg zu sein, etwas zu bewegen."
"Sie wollen doch nicht wirklich, dass ich Ihnen das glaube", sagte er und hob dabei eine seiner Brauen an. "Das sind nicht Sie, Granger. Sie sind nicht das richtige Mädchen für so etwas."
"Woher wollen Sie das wissen? Alles hat sich verändert. Vor wenigen Monaten hätte ich Ihnen vielleicht geglaubt. Aber jetzt, jetzt nicht mehr."
Sie sah offen in sein Gesicht und nutzte die aufkommende Stille, um sich mit den versteckten Emotionen darauf vertraut zu machen. Es war, wie sie es vermutet hatte: Snape war genauso verwirrt wie sie.
Ermutigt durch diese Erkenntnis streckte sie die Hand nach ihm aus und fasste nach seinem linken Arm. Er öffnete den Mund, als würde er etwas sagen wollen, entschied sich aber dagegen. Noch immer sahen sie sich ungebrochen in die Augen. Dann senkte sie den Blick und drehte vorsichtig seinen Arm herum, sodass sie das Dunkle Mal sehen konnte. Snapes Haut war wie gewohnt kühl. Die Luft in den Kerkern hatte immer schon einen unfreundlichen, zugigen Charakter gehabt.
Hermine spürte die Unruhe, die von ihm ausging. Selbst dann, wenn sie nicht wusste, was sie da eigentlich tat, fühlte sie sich immer noch dazu veranlasst, sich ihm zu nähern. Es war wie ein Zwang, dem sie sich nicht entziehen konnte. Eine unerklärliche Anziehungskraft des Bösen, das er seit jeher verkörperte, obwohl sie lange dagegen angekämpft hatte, Dumbledores Urteil über den Mann aus den Kerkern zu misstrauen. Inzwischen war sie eines Besseren belehrt worden. Einzig und allein die Widersprüche, die sie an ihm entdeckt hatte, besänftigten ihren aufgewühlten Verstand.
Ein Schaudern ging von ihm aus. Er zog an seiner Hand und Hermine ließ los.
"Sie wissen längst, was ich bin, Granger", sagte er mit rauer Stimme. "Es gibt also keine Notwendigkeit, das hier fortzusetzen."
Er drehte sich um und widmete sich wieder dem Zaubertrank.
Blitzschnell eilte Hermine ihm nach. Kaum dass sie ihn erreicht hatte, fasste sie nach seinem Arm und blickte zu ihm auf. Ohne Erfolg, denn Snape beachtete sie nicht weiter. Stattdessen rührte er verbissen in seinem brodelnden Kessel herum.
„Soll das bedeuten, Sie weisen mich ab?"
„Ja, das bedeutet es."
Hermine spürte Zorn in sich aufwallen. Vorhin, als er sie auf dem verlassenen Gang gestreichelt hatte, war von dieser Zurückweisung nichts zu spüren gewesen.
„Ich glaube Ihnen nicht", sagte sie schnippisch.
Er zuckte mit den Schultern.
„Das ist nicht mein Problem."
„Aber … warum?"
„Ich habe zu arbeiten."
„Ist das alles?"
„Was für einen Grund brauchen Sie denn noch?"
„Ich hätte mir einen etwas Triftigeren gewünscht, Professor. Einen, der wirklich Sinn macht."
Langsam drehte er sich ihr zu, die Hände an seinen Seiten zu Fäusten geballt.
„Sie halten es nicht vielleicht für möglich, dass ich genug von Ihnen habe, richtig?", fragte er schneidend und trat bis auf wenige Zentimeter an sie heran. „Sie und Ihre unerschöpfliche Neugier erwarten zu viel von mir. Aber damit muss jetzt endgültig Schluss sein. An diesem Abend auf dem Turm waren Sie nicht so angetan von meiner Gesellschaft, Granger. Daher frage ich mich, woher dieser plötzliche Sinneswandel kommt. Was ist so anders an mir als damals? Oder als gestern? Sie wollten mich herausfordern und haben gewonnen. Ich habe Ihnen gegeben, worum Sie mich mit ihren flehenden braunen Augen gebeten haben. Trotzdem war ich Ihnen am Ende zuwider. Und jetzt stehen Sie hier und wollen, dass ich weitermache. Warum sollte ich Ihnen diesen Gefallen tun? Was springt für mich dabei heraus?"
Fassungslos starrte sie ihn an. Was er gesagt hatte, klang bei näherer Betrachtung so widersprüchlich, dass sie selbst keine Antwort darauf finden konnte.
„Wenn mir danach ist, jemanden zu ficken, kann ich mich auch an jemand anderen wenden. Ich brauche nicht Sie dazu."
Hermine sperrte den Mund auf. Natürlich wusste sie, dass das rein theoretisch wahr war. Doch insgeheim traute sie seinen Worten nicht. All die Jahre über hatte sie Zeit gehabt, ihn zu beobachten. Er war niemand, der sich freizügig in der Gesellschaft anderer Menschen bewegte. Vergnügungen jeglicher Art waren ihm fremd. Bei allen festlichen Aktivitäten im Schloss war er für sich geblieben, so gut es ihm möglich gewesen war. Er war ein notorischer, griesgrämiger Eigenbrötler, der am liebsten allem und jedem aus dem Weg ging. Wieso sollte er also in die Welt hinausgehen und jemanden zu seinem Vergnügen flachlegen? Außerdem hatte er so sensibel und überaus empfindsam auf ihre Nähe und selbst die zögerlichste Berührung reagiert, dass die Frage, wann er überhaupt zuletzt mit jemandem geschlafen hatte, durchaus berechtigt war.
„Ich bestreite nicht, dass Sie Einfluss besitzen, Professor. Vielleicht haben Sie die Macht, die ich nicht besitze, sich zu nehmen, wonach Ihnen ist. Aber ich denke, wir wissen beide, dass Sie dem nicht nachkommen. Amycus und seine Schwester würden das tun. Sie hingegen nicht. Sie sind einsam. Selbst jetzt, wo Sie der Schulleiter sind, verkriechen Sie sich lieber in den Kerkern, anstatt oben in Dumbledores Büro zu sein."
Er zuckte kaum merklich zusammen, von einem Schmerz durchbohrt, den sie nicht verstehen konnte.
„Sie scheinen ja mächtig über alles Bescheid zu wissen. Aber Sie irren sich. Ich bin hier unten, weil ich hier hergehöre, Granger. Anders als Sie habe ich hier einen Großteil meines Lebens verbracht."
„Umso schlimmer!", stieß sie energisch aus. „Es bestätigt nur, dass ich Recht habe."
Das Gesicht von Wut verzerrt sah er sie an und sein Brustkorb hob und senkte sich so schnell, dass Hermine fast bereute, was sie gesagt hatte.
„Niemand hat das Recht, mich oder meine Lebensweise zu verurteilen, Granger", spuckte er sie an. „Schon gar nicht Sie."
Hermine seufzte leise. Es war nicht leicht, ihren aufgewühlten Gemütszustand unter Kontrolle zu halten.
„Sehen Sie denn nicht, dass ich das nur sage, um Ihnen zu verdeutlichen, dass ich jetzt und hier mit Ihnen zusammen sein möchte? Was wir getan haben, war nur der Anfang. Ich bin sicher, dass es noch viel mehr als das gibt."
„Und wie kommen Sie darauf?", fragte er ironisch. „Jemand von Ihrem Erfahrungsschatz sollte nicht von diesen Dingen reden, Granger."
„Weil Sie selbst es mir gezeigt haben", antwortete sie, ohne näher auf seine Anspielung einzugehen. „Ihre Berührung war wunderschön. Ich wollte mehr davon ... Verstehen Sie es jetzt?"
Er schüttelte wie von Sinnen den Kopf.
„Selbst dann, wenn ich es verstehen würde, wäre es einfach nur absurd. Haben Sie denn gar keine Hemmungen davor, sich mit mir einzulassen? Oder gefällt Ihnen die Vorstellung davon, Ihren Schulleiter um den Finger zu wickeln? Vielleicht wollen Sie auch einfach nur einen älteren Mann ins Bett zerren. Nicht mehr lange und ich bin achtunddreißig Jahre alt, das ist fast doppelt so alt wie Sie. Ist das reif genug für Sie?"
„Wenn das Alter ein Argument sein soll, fällt Ihnen das reichlich früh ein, Professor."
„Lassen Sie das!"
„Und wenn schon. Ich sage das nicht gern, aber Hexen und Zauberer werden zumeist deutlich älter als Muggel."
„Es ist mir gleich, wie Sie das sehen. Sie sind krank, wenn Sie versuchen, das zu rechtfertigen. Jemand, der solche Dinge tut, kann nicht bei Verstand sein."
„Tatsächlich? Warum kümmert es Sie dann? Wenn es Ihnen gleichgültig wäre, würden Sie gar nicht erst davon anfangen und es einfach tun."
Snape sah sie eine Weile an, ehe er hart seine Kiefer aufeinander schlug und den Blick zu Boden senkte. Einige seiner Strähnen fielen ihm vor die Augen und machten es beinahe unmöglich für Hermine, den Ausdruck auf seinem Gesicht zu entziffern.
„Vielleicht bin ich ja krank", sagte sie leise, die Augen traurig auf seine Brust geheftet. „Was für einen Unterschied macht das schon? Es gibt ohnehin nichts, das ich tun kann, denn egal, was ich auch anfange, es geht alles in die Brüche. Mein Leben ist so gut wie verwirkt. Sehen Sie sich nur einmal meine Herkunft an. Ich bin nicht gut genug für Ihre Welt, Professor. Ich bin nicht gut genug für irgendetwas."
Snape stieß ein unfreundliches Knurren aus, das Hermine zusammenfahren ließ.
„Wie auch immer", murmelte er zwischen den Zähnen hindurch hervor. „Was wir getan haben, war nicht richtig."
„Nicht, wenn Sie alles daran schlechtmachen. Stattdessen könnten Sie ja einmal in Ihrem Leben versuchen, etwas Gutes an einer Sache zu finden."
„Etwas Gutes?"
„Ja. Warum nicht? Wir sind beide in einer Lage, die uns nicht behagt -"
„Wer sagt, dass dem so ist? Vielleicht möchte ich ja nur, dass Sie das glauben, um Sie für etwas zu gewinnen."
„Dann würden Sie sich nicht immer wieder dagegen sträuben, Professor. Nein. Ich denke nicht, dass Sie mit sich und Ihrer Lage zufrieden sind. Ebenso wenig wie ich mit meiner zufrieden bin. Genau deshalb hatte ich gehofft, wir könnten gemeinsam etwas dagegen tun."
„Indem Sie mit mir schlafen?"
„Zum Beispiel. Sie sind einsam. Ich bin es ebenfalls."
Er lächelte schmal. „Lassen Sie das, Granger. Ich denke, für heute haben wir genug diskutiert."
„Wie Sie meinen. In diesem Fall ist es vielleicht besser, wenn ich Sie wieder Ihrem Gebräu überlasse. Gute Nacht, Professor."
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte sich zu ihm hoch, um ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange zu drücken. Dann eilte sie davon. Sie hatte gespürt, wie schwer es ihm gefallen war, ihrer Aufforderung zu entsagen. Es war nicht viel, um sie zu besänftigen, doch es war genau das, was sie brauchte, um ihr zu zeigen, dass sie sich nicht in ihm getäuscht hatte.
