Ludicrous Smile
Kapitel 16
Er war fort und Hermine wollte nichts tun als sich in seinem Bett verkriechen und es nie wieder verlassen. Sie mochte seinen Geruch, der überall im Bett und an ihr selbst zu haften schien, mochte es entgegen aller Erwartungen sogar, daran erinnert zu werden, wie er vor ihren Augen gekommen war. Doch dann spürte sie die klebrigen Überreste seines Ejakulats an ihren Fingern und begriff, dass es falsch war, sich das Hirn darüber zu zermartern, warum er gegangen war. Er war nicht grundlos fort, sondern weil er ein Todesser war. Und vermutlich war er jetzt genau da, wo er hingehörte.
Sie nahm den Zauberstab hervor und ließ die Spuren an ihren Händen verschwinden. Es war zum Heulen, als sie die Zusammenhänge immer wieder aufs Neue Revue passieren ließ. Eilig fischte sie nach ihrer Münze und schrieb an Harry, der genau das tat, was sie jetzt brauchte: Sie auf andere Gedanken bringen.
Froh darüber, dass sich bei ihm und Ron eine bedeutsame Entwicklung getan hatte, las sie gebannt jede Zeile. So erfuhr sie, wie Harry im Wald von einem gleißenden Licht zu einem Weiher geführt worden und darin das Schwert von Gryffindor entdeckt hatte. Als er dann das Schwert herausholen wollte, wäre er fast in dem eisigen Wasser des Weihers ertrunken, wenn Ron ihn nicht in letzter Sekunde herausgefischt hätte.
„Du hättest das Medaillon ablegen müssen, bevor du ins Wasser gestiegen bist, Harry. Nach allem, was wir über Horkruxe wissen, hätte dir klar sein müssen, dass er versuchen würde, sich gegen etwas, das ihn zerstören kann, zu verteidigen."
„Das weiß ich jetzt auch, Hermine. Aber zum Glück ist ja nochmal alles gutgegangen."
„Glück ist gar kein Ausdruck! Wie ist Ron überhaupt auf die Idee gekommen, mitten in der Nacht nach dir zu suchen?"
„Er war beim Pinkeln und dann hat er das Licht ebenfalls gesehen und ist ihm gefolgt."
Hermine legte grummelnd die Stirn in Falten, als sie das las. Was für ein Zufall aber auch! Konnte sie die beiden denn wirklich so ohne Weiteres sich selbst überlassen?
„Jemand muss uns absichtlich das Schwert gebracht haben, Hermine", fuhr Harry fort.
„Das dachte ich mir. Und du sagst, der Patronus, den du gesehen hast, war eine Hirschkuh?"
„Ja. Eindeutig."
„Ist das nicht seltsam, wo deiner doch ein Hirsch ist?"
„Ich weiß."
Dass das nicht die Antwort war, die sie sich erhofft hatte, verstand sich von selbst. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass da noch mehr dahinterstecken musste.
„Denkst du, dass Du-weißt-schon-wer was gespürt hat, als Ron das Medaillon zerschlagen hat?"
„Dumbledore meinte damals, dass das eher unwahrscheinlich ist. Aber warum fragst du?"
„Ach, nur so."
Wieder einmal entschied sie sich dafür, dass er die Wahrheit nicht wissen musste. Doch die Frage, warum Voldemort Snape zu sich bestellt hatte, blieb offen.
In der Morgendämmerung, als sie endlich eingedöst war, wurde sie von der Ankunft des Professors geweckt. Laut polternd machte sich seine Anwesenheit bemerkbar und Hermine brauchte nicht lange, um festzustellen, dass mit ihm längst nicht alles in Ordnung war. Sie rappelte den Oberkörper hoch und schob sich die zerzausten Locken beiseite, um sich ein Bild von allem machen zu können, wobei sie heftig erschrak.
Snape fiel vor ihren Augen wie ein Sack Zement bäuchlings auf das Bett und regte sich nicht mehr. Er hätte sie fast unter sich begraben, wäre Hermine nicht blitzschnell zur Seite gewichen.
„Professor!"
Kaum dass sie ausgesprochen hatte, realisierte sie, dass er sie nicht einmal zu bemerken schien.
"Professor!", rief sie noch einmal.
Snape reagierte immer noch nicht auf sie. Er robbte erschöpft auf das Kissen zu und drehte den Kopf von ihr weg, als er darin niedersank.
Hermine beobachtete ihn und verschränkte säuerlich die Arme vor der Brust. Sie wusste nicht, ob sie Mitleid mit ihm haben oder wütend auf ihn sein sollte. Es war ja nicht ihre Schuld gewesen, dass er fortgehen musste.
Leise seufzend kletterte sie über seine Gestalt hinweg und beugte sich zu ihm hinab. Als sie sein Gesicht nicht sehen konnte, die langen Strähnen nahmen ihr wieder einmal erfolgreich die Sicht, streckte sie die Hand nach ihm aus und schob sie beiseite.
"Und?", fragte sie abschätzig. "Was wollte er diesmal?"
Er öffnete eines seiner Augen und sah sie mit einem Funkeln darin an. "Hören Sie endlich auf, mich das zu fragen, Granger."
Seine Stimme war ein einziges Knurren gewesen, sodass Hermine ernsthaft mit dem Gedanken spielte, ihn sich selbst zu überlassen. Doch sie konnte es nicht. Wie schon so oft zuvor musste sie sich eingestehen, dass sich langsam alles zusammenzufügen schien. Da war die Tatsache, dass er sie (im Gegensatz zu den Carrows) gut behandelt hatte, obwohl seine Launen oft nur schwer zu ertragen waren. Dann die schier unermüdliche Arbeit im Labor, um die Schule mit Medikamenten und dergleichen zu versorgen, falls es zu einem Angriff Voldemorts und seiner Todesser kommen würde - von denen er übrigens einer war, wie sie sich im Stillen ermahnte. Und dann sein rätselhaftes Verschwinden gestern Abend, sowie die Sache mit dem Schwert, von der Harry berichtet hatte.
Wenn er jetzt bei Voldemort gewesen war, woran sie keine Zweifel hatte, wo war er dann gewesen, als sie ihn in seinem Labor gesucht hatte? Alles was sie wusste, war, dass er schneebedeckt zurückgekommen und ihrer Frage nach seinem Verbleib ausgewichen war. Und warum hatte er sie damals nicht knallhart bestraft, als sie versucht hatte, das Schwert zu stehlen? Er wusste, dass sie mit ihren Freunden in Kontakt stand, während er selbst wiederum die Gelegenheit hatte, sich mit den Portraits im Schulleiterbüro auszutauschen. Konnte es vielleicht sein, dass er etwas damit zu tun hatte, dass Harry das Schwert erhalten hatte? Doch wieso hatte er dann das gefälschte Schwert in das Verlies nach Gringotts bringen lassen? Offenbar doch nur, weil er nicht wissen konnte, dass es eine Kopie gewesen war. Außerdem, Todesser brachten keinen Patronus zustande, soweit sie das wusste. Doch das musste nicht zwangsläufig bedeuten, dass er wissen konnte, dass sie das einmal erfahren hatte.
Snape hatte inzwischen beide Augen fest geschlossen und Hermine betrachtete unablässig sein Gesicht. Alles in ihr war in Aufruhr. Sie sah den rätselhaften Mann aus den Kerkern neben sich liegen, der angefangen hatte, sie in seiner Nähe zu dulden, was auch immer das heißen mochte. Sie wusste, dass er Dumbledore ermordet hatte und seither vermutlich noch weitaus verrufener war als je zuvor in seinem Leben. Er war zweifelsohne einsam. Doch warum weigerte er sich strikt dagegen, ihr seine Motive offenzulegen? Was für einen Unterschied machte das schon für ihn, wo er doch, wie er gesagt hatte, auf der 'richtigen' Seite stand?
"Haben Sie jemals einen Patronus hervorgebracht, Professor?", fragte sie plötzlich in die Stille hinein, die nur ab und an vom Knistern des Feuers im Kamin unterbrochen wurde.
Snape schien zuerst nicht darauf zu reagieren und Hermine wollte schon anfangen, sich lauthals über sein abweisendes Verhalten auszulassen, zum Beispiel darüber, dass sie keine Lust darauf hatte, ihm zwar einen runterholen zu dürfen, aber sonst keine Wertschätzung zu spüren bekam, es sei denn, er war gnädig gestimmt.
Vollkommen unerwartet wälzte er sich mit einem Mal schwerfällig auf die Seite und legte den Kopf auf seinen Händen ab. Mit müden Augen, die von tiefen Schatten umringt waren, sah er sie an.
"Warum interessieren Sie sich so für das, was ich tue, Granger?", fragte er und seine Stimme war dabei so eindringlich, dass sie fröstelte. "Sie denken doch nicht wirklich, ich würde nicht merken, was Sie vorhaben. Oder?"
Wie auf frischer Tat ertappt wurde sie rot. Sie biss sich auf die Lippe und senkte schnell den Blick auf seine Brust.
"Und was denken Sie, was ich vorhabe?"
Er seufzte tief und langanhaltend. "Sie wollen Informationen sammeln, Granger. Das tun wir derzeit alle. Es ist kein Geheimnis. Aber haben Sie sich schon einmal damit auseinandergesetzt, was passiert, wenn ich sie Ihnen gebe und Sie sie gegen mich verwenden?"
Hermines Herz klopfte, während sie über seine rätselhafte Antwort nachdachte. Sie sah auf und merkte, dass er den Blick von ihr genommen hatte. Abwesend starrten seine Augen an ihr vorbei in den Raum hinein.
"Sie wollten meinen Tod wie viele andere auch", sagte er weiter. "Auch das an sich ist nicht weiter verwunderlich, wenn man es aus Ihrem Blickwinkel betrachtet."
"Ich kann nicht bestreiten, was Sie gesagt haben", warf sie ohne Umschweife ein. "Ich hätte nur nicht gedacht, dass ich mich einmal in dieser Lage befinden würde, Professor."
Snape runzelte die Stirn und sah sie wieder an.
"Und was genau hat das nun wieder zu bedeuten?", fragte er ruhig und ließ sie dabei nicht aus den Augen.
Hermine schickte ein stilles Stoßgebet zum Himmel und holte angestrengt Luft. Wenn er das, was sie zu sagen vorhatte, zu hören bekäme und sie sich irrte, wäre sie in noch größeren Schwierigkeiten als sie es ohnehin schon war.
"Es bedeutet, dass ich ernsthaft in dem Glauben bin, rechtfertigende Gründe gefunden zu haben, die mich an Ihrer Loyalität zweifeln lassen. Entweder bereuen Sie, Dumbledore getötet zu haben und setzen nun alles daran, es wieder gut zu machen. Oder, was noch viel seltsamer wäre, Sie haben nie aufgehört, für ihn zu arbeiten."
Snape grinste sie verschlagen an. "Das wäre nun wirklich zu absurd, meinen Sie nicht? Er ist tot, Granger. Ich selbst habe ihn umgebracht."
Verwundert über seine Reaktion atmete sie durch. "Das ist ja das, was ich nicht verstehe. Deshalb dachte ich, Sie könnten mir dabei helfen, die Sache aufzuklären."
Langsam schüttelte er den Kopf, den Blick nun wieder von ihr abgewandt.
"Nicht heute, Granger. Es war eine lange Nacht. Sie sind durcheinander und ich ebenfalls."
Hermine schnaubte. Sie war mit einem Mal so aufgebracht, dass ihr alles gleichgültig zu sein schien. Fest entschlossen, jetzt nicht nachzugeben, legte sie ihre Hand auf seine Wange und drehte seinen Kopf, sodass er mehr oder weniger gezwungen war, sie anzusehen.
"Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Haben Sie mir denn überhaupt zugehört? Oder ist Ihnen wieder einmal einfach nur alles egal?"
Blitzartig schnellte er hoch und griff nach ihren Armen. Dann drückte er sie nahezu mühelos flach mit seinem Körper auf das Bett nieder, führte ihre Arme über ihrem Kopf zusammen und hielt sie fest, sodass sie sich unter ihm kaum noch bewegen konnte.
"Vorsicht, Miss. Übertreiben Sie es nicht. Sie sind hier in meinem Territorium. Das heißt, Sie haben keine Ahnung, worauf Sie sich einlassen, wenn Sie sich mit mir anlegen."
Hermine nickte klamm. Sie spürte, wie die Tränen in ihre Augen stoben. Die Enttäuschung über sein zurückweisendes Verhalten machte ihr nach der gemeinsamen Zeit mit ihm weitaus mehr zu schaffen, als der Umstand, sich in seiner Gewalt zu befinden.
"Warum haben Sie sich dann überhaupt meiner angenommen?", stieß sie verletzt aus. "Warum haben Sie sich um mich gekümmert, anstatt mich an Amycus oder Alecto auszuliefern? Wenn Ihnen wirklich alles egal gewesen wäre, hätten Sie mich auch einfach an Voldemort übergeben können. Aber das konnten Sie nicht, weil Sie wussten, dass ich zu Harry Kontakt habe, nicht wahr? Sie wollten verhindern, dass ich Ihnen Ärger mache. Deshalb haben Sie mich nachsitzen lassen. Und das ist Ihnen gelungen. Ich weiß nicht, wie Sie es angestellt haben, dass ich aufgehört habe, Sie zu hassen. Sie sind überhaupt nicht die Sorte Mann, die mich jemals interessiert hätte. Aber nach all den gemeinsamen Stunden mit Ihnen im Labor dachte ich doch tatsächlich, dass sich etwas zwischen uns verändert hat! Wie konnte ich nur so blöd sein!"
Sie verstummte atemlos. Als ihr daraufhin einfiel, dass er sie noch immer festhielt, zerrte sie wütend an ihren Armen und schrie ihn an.
"Lassen Sie mich endlich los!"
Snape sah sie an. Die tiefe Furche zwischen seinen eng zusammengezogenen Brauen pochte und seine Nasenflügel bebten, so aufgewühlt schien er aufgrund ihres Ausbruchs zu sein.
"Vielleicht haben Sie recht, Granger", sagte er leise. "Es war naiv von Ihnen, sich mit mir abzugeben. Sie hätten es besser wissen müssen."
Noch ehe sie begriff, was er damit zum Ausdruck bringen wollte, hielt er seinen Zauberstab in der Hand und richtete ihn geradewegs auf ihr Gesicht.
"Was soll das werden?", fragte sie mit nun zittriger Stimme, die unmissverständlich klarmachte, dass sie Angst vor ihm hatte.
Snape schüttelte kaum merklich den Kopf.
"Es tut mir leid. Aber es geht nicht anders. Sie würden nicht aufhören, ehe Sie alles zerstört haben."
"Zerstört?"
Sie rang nach Luft. Instinktiv wusste sie, was er vorhatte. Sein Blick war so leer, dass sie keine Zweifel an seiner Absicht hatte. Sie fing an zu schreien, mobilisierte ihre letzten Kräfte, zappelte und wehrte sich.
Snape schürzte indes von Schmerz verzerrt die Lippen. "Es muss so sein, Granger."
"Nein!", brüllte sie aus Leibeskräften. "Wie können Sie es nur in Erwägung ziehen, sich an meinem Gedächtnis zu schaffen zu machen? Wenn Sie das tun, werden Sie es auf ewig bereuen, das versichere ich Ihnen!"
"Und warum, Granger, sollte das so sein? Ich bin gespannt. Aber wagen Sie es ja nicht, mir mit einer Ihrer rührseligen Ausreden anzukommen. Das mag bei Filch ziehen, nicht jedoch bei mir."
Panisch sah sie in seine Augen und suchte nach etwas, das ihr den Hals retten konnte. Etwas, das ihn zur Vernunft bringen konnte.
"Sie wollen also, dass ich Ihnen sage, warum Sie das nicht tun sollen?"
"Etwas schneller, wenn's recht ist", zischte er ihr zu. "Ich bin müde und meine Geduld ist längst ausgereizt."
Hermine nickte beschwichtigend.
"Gut. Ich werde es Ihnen sagen. Aber legen Sie endlich den Zauberstab weg. Bitte. Tun Sie es um Ihrer selbst willen."
"Das wird sich noch zeigen, Granger. Bisher haben Sie mich nicht überzeugt."
Wäre die Situation nicht so dringlich gewesen, hätte sie selbst jetzt mit den Augen gerollt. Doch so unterdrückte sie den Drang.
"Es quält Sie, was Sie auf dem Turm getan haben", sagte sie felsenfest überzeugt. "Und wissen Sie auch, warum? Sie wollten Dumbledore nicht töten, ob Sie ihn nun mochten oder nicht. Deshalb sind Sie auch dorthin zurückgekommen, als Sie mich da oben gefunden haben. Anders als die anderen Todesser haben Sie ein Gewissen, Snape."
Er legte den Kopf schief und lachte mit spöttisch erhobenen Mundwinkeln auf. "Habe ich das denn, Granger?"
Hermine war nicht nach Lachen zumute. Sie hielt starr seinem Blick stand. Ihre braunen Augen trafen beinahe schon flehentlich auf seine schwarzen, in der Hoffnung, er möge endlich ein Einsehen haben.
"Sagen Sie es mir. Sie selbst haben versucht, mich davon zu überzeugen, dass Sie eine Ehre besitzen. Jetzt, in diesem Moment, bekommen Sie endlich die Möglichkeit, damit aufzuhören, all die Fehler zu machen, die Sie gemacht haben. So einfach ist das. Es gehört nicht mehr als eine einzige Entscheidung dazu, Professor, aber auch nicht weniger. Doch Sie sind der, der sie treffen muss."
Snape seufzte und setzte sich auf. Er machte eine fahrige Bewegung mit seiner Hand und steckte den Zauberstab weg. Ein letztes Mal sah er sie an, ehe er seine zittrigen Finger durch die Haare schob. Dann, ohne ein weiteres Wort, stand er auf und verschwand im Bad.
Hermine blieb zurück. Sie war zu durcheinander, um weiter darüber nachdenken zu wollen, was geschehen war. Fest stand nur, dass sie eine Höllenangst davor gehabt hatte, dass er ihr Gedächtnis verändern und sie vergessen lassen könnte, was zwischen ihnen stattgefunden hatte oder gesagt worden war. Trotz allem wollte sie daran festhalten. Sie wollte es nicht vergessen, ganz gleich, wie schwierig es zuweilen mit ihm sein konnte.
