Ludicrous Smile

Kapitel 19

Wie jedes Mal außer sich, wenn er von Malfoy Manor kam, eilte Snape gleich mehrere Stufen auf einmal nehmend hinauf in das Schulleiterbüro.

„Er möchte, dass Miss Granger die Schule verlässt", herrschte er das Portrait hinter seinem Schreibtisch an. Er war so aufgebracht, dass er sich gar nicht erst die Zeit nahm, seinen langjährigen Mentor zu begrüßen. „Ihr Blutstatus war von Anfang an eine Gefahr für sie. Ganz besonders in diesem Schuljahr."

Dumbledore nickte beflissen. Er schien es gewohnt zu sein, so von seinem Gegenüber angeredet zu werden.

„Verstehe. Und wenn sie das tut, was dann?"

Snape nahm die Hände hoch und fuhr sich damit durch die Haare, als er sich in den ausladenden Stuhl hinter dem Tisch wuchtete und Dumbledore in die wachen blauen Augen blickte.

„Sie wird ins Ministerium gerufen werden und sich dort einer Untersuchung unterziehen müssen."

„Das heißt, sie werden ihr den Zauberstab abnehmen."

„Ja."

„Ich habe befürchtet, dass dieser Tag kommen wird", sagte Dumbledore inmitten eines tiefen Seufzers.

Snape wirkte dadurch keineswegs beschwichtigt. Eine dunkle Furche bildete sich zwischen seinen Brauen.

„Haben Sie das", bemerkte er in einem leicht süffisanten Tonfall. „Und warum haben Sie dann nichts unternommen?"

„Mir sind die Hände gebunden, Severus. Genau wie dir. Niemand unserer verbliebenen Verbündeten im Ministerium kann etwas dagegen tun. Und auch sonst sind alle machtlos gegen Toms Einfluss."

Snape schüttelte energisch den Kopf.

„Nicht ganz. Ich habe einen Plan."

Verwundert legte das Portrait die Stirn in Falten.

„Wie meinst du das?"

„Dass ich einen Versuch unternommen habe, um sie zu retten, Albus."

„Was soll das? Willst du mich auf den Arm nehmen?"

„Wohl kaum. Aber um Sie nicht länger auf die Folter zu spannen, werde ich offen mit Ihnen reden: Ich habe mit ihr geschlafen. Darin liegt das Geheimnis verborgen, mit dem niemand gerechnet hätte."

Dumbledore wurde käseweiß. Ein leises Raunen, von den anderen Portraits an den Wänden stammend, ging durch den Raum, doch keiner der beiden beachtete es weiter.

„Du hast was?", fragte Dumbledore krächzend. Er wirkte so betroffen, dass ihm schlicht und ergreifend die Worte im Halse steckenblieben.

„Es war nicht beabsichtigt, dass es eines Tages soweit kommt, wenn Sie darauf hinauswollen", erklärte Snape gelassen, als wäre es die natürlichste Sache auf der Welt, das unter diesen Umständen zu tun. „Wir haben uns lediglich ein wenig aufeinander zubewegt. Nichts Großes. Oder sehe ich vielleicht aus wie jemand, der sich binden möchte?"

Er grinste so verschlagen, dass Dumbledore einen Moment lang nicht wusste, was er davon halten sollte.

„Du meinst das ernst? Wie konntest du das nur tun!"

„Das ist nebensächlich. Entscheidend ist, dass sich dadurch völlig neue Perspektiven eröffnet haben. Irgendwann wurde mir bewusst, dass es auf diesem Wege vielleicht eine Möglichkeit gäbe, sie vor dem Schicksal zu bewahren, das ihr blüht, wenn der Dunkle Lord sie in die Finger bekommt."

„Das heißt, du schläfst weiterhin mit ihr? Und sie hat keine Ahnung von dem, was du vorhast?"

„In der Tat."

„Dann habt ihr also nicht darüber geredet?"

„Nein."

Dumbledore lugte ihn ungläubig über den Rand seiner Brille hinweg an.

„Das passt nicht zu dir, Severus. Das passt ganz und gar nicht zu dir. Sie ist so jung. Sie ist kein Spielzeug!"

„Woher wollen Sie wissen, was zu mir passt und was nicht?", fragte Snape abschätzig durch die Zähne hindurch. „Sie waren nie dabei, soweit ich weiß. Was lässt Sie also glauben, ich würde mich darum scheren, was mit jenen passiert, die ich bestiegen habe?"

„Halt den Mund, Severus!", bellte Dumbledore erzürnt. Selbst jetzt im Rahmen seines Portraits gefangen erwachte seine altgewohnte Autorität zum Leben. „Du weißt, dass das nicht wahr ist. Du bist nicht wie die anderen. Du sorgst dich genauso wie ich es tue."

Snape lachte gehässig auf.

„Sorgen? Um wen? Hier oben ist es genauso einsam wie unten in den Kerkern, falls Ihnen das entgangen ist. Doch wenn ich es mir recht überlege, in letzter Zeit nicht mehr ..."

Auf Dumbledores Gesicht lagen nun endlos tiefe Falten, die unschwer erkennen ließen, wie sehr ihm Snapes Versuche, gleichgültig zu erscheinen, zu schaffen machten. Er wusste nur zu gut, wie zerfressen er vom Schmerz war, den er mit sich herumtrug. Ein gutes Jahr war vergangen, seit er erfahren hatte, dass der dunkle Zauberer vor ihm niemals aufgehört hatte, seiner Liebe zu Lily nachzutrauern.

„Du hattest in deinem Leben kaum Interesse an Frauen", sagte er eindringlich. „Aber das heißt nicht, dass dir ihr Schicksal gleichgültig gewesen wäre."

Snape blinzelte. Er war immer noch so aufgebracht über die Entscheidung Voldemorts, dass ihm nicht danach zumute war, sich vor Dumbledore rechtfertigen zu müssen; doch wenigstens in einem Punkt hatte Albus Recht: Er war nicht wie die anderen.

„Wir haben Krieg, Albus", sagte er schlicht, ohne weiter auf die Debatte einzugehen. „Wir haben Potter und Weasley sich selbst überlassen und wissen nicht, ob sie etwas erreichen können. Vielleicht stimmt es ja und ich sorge mich ebenso wie Sie. Daher frage ich Sie, ob Sie Miss Granger wirklich ihrem Schicksal überlassen wollen. Denn genau das wird passieren, wenn wir nicht einschreiten."

„Das habe ich nicht gesagt, Severus."

„Dann hören Sie auf, mir Vorwürfe einreden zu wollen!", zischte er scharf. „Er wird sie so oder so töten. Ich habe auf Ihr Anraten hin eingegriffen und getan, was in meiner Macht stand, die Schüler vor den Carrows zu schützen. Sie gehört ebenso dazu wie alle anderen. Aber ich kann nun einmal nicht alle retten, dafür vielleicht sie."

„Aber … Was hast du vor? Wenn er alle Muggelgeborenen aus Hogwarts verbannen möchte, wirst du ihn nicht davon abhalten können."

„Es wäre ihr Ende. Sobald sie die Schule verlässt, gibt es kein Zurück mehr. Das Ministerium kennt keine Gnade. Sie haben Recht, wir beide wissen, dass es infiltriert ist. Man wird sie der Lüge bezichtigen und sie einsperren. Erst einmal in Askaban ist sie verloren. Sie ist ein so reines Geschöpf, dass sie den Dementoren nichts entgegenzusetzen hätte. Wenn sie aber ein Kind austrägt, wird der Dunkle Lord sie vielleicht verschonen. Er wird es nicht als Bedrohung ansehen. Im Gegenteil. Es könnte für ihn durchaus noch die ein oder andere Bedeutung haben."

Dumbledore rückte seine Brille zurecht. Er musste zugeben, dass er das nicht bedacht hatte.

„Ich verstehe langsam, worauf du hinauswillst. Aber nur einmal angenommen, es wird kein Zauberer und keine Hexe werden, was dann?"

„Es wird eine Weile dauern, bis er das herausfindet. Bis dahin bleibt sie am Leben."

„Und das Kind? Hast du denn keine Skrupel, es ihm eines Tages auszuliefern? Dein eigen Fleisch und Blut?"

„Soweit wird es nicht kommen", entgegnete Snape knurrend. „Soweit darf es nicht kommen. Wir beide wissen, dass ich als Vater nicht tauge. Außerdem rechne ich nicht damit, solange am Leben zu bleiben. Sobald der Krieg vorüber ist, wird sie Hilfe bei ihren Freunden finden. Sie könnte ihre Eltern ins Land zurückholen oder bei den Weasleys Unterstützung finden. Zwei hungrige Mäuler mehr oder weniger macht bei denen keinen Unterschied. Sie ist jung. Sie wird es schon schaffen."

Dumbledore holte Luft. „Wie es aussieht, hast du alles genau berechnet", sagte er forsch und seine blauen Augen bohrten sich erbarmungslos in Snapes. „Vorausgesetzt, Harry erreicht bis dahin sein Ziel."

Snape zuckte kaum merklich zusammen bei der Vorstellung an die geringen Aussichten, die sie alle hatten. Noch immer galt es, auf den Jungen zu setzen, ehe sie sich Hoffnungen machen konnten, den Spuk ein für alle Mal zu beenden.

„Aber, was ich nicht verstehe, wenn sie das tut, wenn sie mit dir schläft, wird sie wohl etwas dagegen unternehmen", setzte Dumbledore gedankenverloren nach. „Du unterschätzt sie, wenn du glaubst, sie würde diese Sache dem Zufall überlassen. Wie ich Miss Granger kenne, wird sie in so jungen Jahren auf keinen Fall ein Kind von jemandem wollen."

„Unterschätzen? Dasselbe gilt für meine Zauber, Albus. Ich habe meine eigenen Mittel und Wege gefunden."

„Und was bitteschön heißt das nun wieder?"

„Sie schläft in meinem Bett. Das bedeutet, sie ist die ganze Nacht in meiner Nähe."

„Soll das heißen, du hast … du manipulierst ihre Verhütung?"

„Ganz recht. Meine Zauber sind stärker als ihre. Schockiert Sie das etwa? Nun, dann lassen Sie mich Ihnen etwas sagen, Albus. Wir haben beide nie darüber geredet. Es ist einfach passiert. Rein theoretisch weiß ich nicht einmal, ob sie überhaupt jemals verhütet hat."

„Severus! Wir reden hier von Miss Granger."

Snape schnaubte. „Würden Sie das bitte unterlassen? Miss Granger hin oder her. Wenn jemand den Kopf voller Sorgen hat, kann er sich schon mal vergessen."

Dumbledore funkelte ihn an.

„Bevor du anfängst, ihr die Schuld zuzuschieben, möchte ich, dass du mir dein Vorhaben näher erklärst."

„Erklären? Was gibt es da noch zu erklären?"

„Jede Menge. Wie lange geht das mit euch überhaupt schon so?"

„Ein paar Wochen."

Ein unendlich tiefer Seufzer war zu hören und das Portrait nahm den Blick von der schwarzen Gestalt Snapes. Es wurde still.

„Etwas anderes ist dir wohl nicht eingefallen", murmelte Dumbledore nach einigen Sekunden und zwirbelte nachdenklich seinen Bart um den Zeigefinger. „Du kannst unmöglich so weitermachen. Weißt du denn gar nicht, was du ihr damit antust, indem du ihr ein Kind aufbürdest?"

„Dafür ist es zu spät. Es war mehr, als Sie für sie getan haben."

Aufgeschreckt riss Dumbledore den Kopf herum und starrte Snape mit geweiteten Augen an.

„Und wenn es schief geht? Wenn unser eigentlicher Plan dabei einen Schaden nimmt? Hast du das auch bedacht?"

„Wenn es schief geht, ist alles andere auch verloren. Potter und Weasley wissen nicht weiter. Sie tappen wieder einmal im Dunkeln. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einer der beiden die Nerven verliert."

„Lass deine Scherze. Hast du dir schon überlegt, wie du Tom das beibringen wirst?"

Snape verzog die Lippen zu einem sardonischen Lächeln. Natürlich hatte er das, obwohl er wusste, dass es kein Spaziergang werden würde, seinem Herrn davon zu berichten.

„Er wird nicht begeistert sein, zu erfahren, dass seine rechte Hand sich mit einer Muggelgeborenen eingelassen hat. Du weißt, wie er damals reagiert hat, als du ihn um das Leben von Lily angefleht hast. Er könnte dich auf der Stelle dafür töten. Und sie obendrein."

„Vielleicht", sagte Snape scheinbar kühl. Sein Blick aber war abwesend an Dumbledores Rahmen vorbei aus dem Fenster gerichtet. „Aber wenn nicht, habe ich ihr wenigstens etwas Zeit verschafft."