Ludicrous Smile

Kapitel 22

Im ersten Moment realisierte Hermine gar nicht, wie erleichtert sie eigentlich war, dass Harry nun davon wusste. Erst nach und nach stellte sich ein beruhigendes Gefühl ein, das deutlich besagte, wie gut es tat, zu wissen, dass sie nicht alleine war. Zum ersten Mal seit Tagen konnte sie wieder durchatmen und das gab ihr Hoffnung. Vor allem aber bekräftigte es ihren Entschluss, das Kind trotz aller Widrigkeiten zu behalten.

Als sie wenig später Ron davon erzählte, reagierte er nicht viel anders, als erwartet.

„Du bist was? Meine Fresse! Aber ... Wie konnte das denn passieren?"

Sie und Harry sahen sich verhalten an und Hermine wollte fast darüber lachen. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass er das eigentlich wissen müsse, nachdem er und Lavender damals so innig aneinandergeklebt hatten. Doch dann ließ sie es bleiben. Ihr war fast alles recht, solange er nur nicht anfing, sie mit unangenehmen Fragen zu löchern.

„Wisst ihr was? Das sollten wir eigentlich feiern", schloss Ron plötzlich. „Jaah! Wir hocken hier draußen rum und haben die erste Hürde überstanden. Der Winter geht bald zu Ende und wir leben noch. Aber wisst ihr, was das Beste an der ganzen Sache ist? Snape verbreitet Angst und Schrecken in der Schule und merkt gar nicht, was sich hinter seinem Rücken so abspielt. Genauso wie Du-weißt-schon-wer. Das ist ein wunderbarer Tag, denn für die, die uns längst tot sehen wollen, ist es wie ein direkter Schlag ins Gesicht. Oh! Meine Mum würde ein riesiges Fest veranstalten, wenn sie davon wüsste!"

Hermine schluckte. Wenn er wüsste, wer hier wen hintergangen hatte, würde er wahrscheinlich nicht so reden.

„Ron ..."

„Nein, ehrlich. Das ist ein neues Leben, das du da in dir hast. Kommt schon, Leute! Sitzt nicht so griesgrämig da. Wir werden jetzt ins nächste Dorf apparieren und uns da mit ein paar neuen Vorräten eindecken und dann gibt es Kuchen und Torte und was zum Anstoßen – für dich natürlich Saft, Hermine ..."

Er strahlte bis über beide Ohren, als würde er selbst Vater werden; aus lauter Unwissenheit natürlich, denn Hermine war sich sicher, dass er anders reagiert hätte, wenn es sich um sein eigenes Kind handeln würde. Zuerst fielen sie doch alle in eine Schockstarre, oder etwa nicht?

Es versetzte ihr einen eigentümlichen Stich, ihn so zu sehen. War das des Rätsels Lösung? Sollten sie alle Probleme, die damit einhergingen, einfach verdrängen und sich für einen Moment lang vormachen, alles wäre in Ordnung? Aber war das nicht genau das, was sie auch mit Snape getan hatte, ehe alles so katastrophal geendet hatte?

„Ich denke nicht, dass wir so überstürzt handeln sollten", sagte sie vorsichtig, Ron aber war nicht zu bremsen.

Eifrig wuselte er ins Zelt und holte die nötigsten Sachen, die sie auf keinen Fall im Lager zurücklassen sollten, gemäß dem Fall, irgendetwas könnte unterwegs schiefgehen.

Als er zurückkam, hatte weder Harry noch Hermine auch nur einen Versuch gemacht, ihn aufzuhalten. Wie benommen starrte Hermine auf sein vor Freude überschäumendes Gesicht und wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Er wirkte so gut gelaunt wie seit Monaten nicht. Die Veränderung durch die unerwartete Nachricht war ihm sogar so gewaltig anzumerken, dass es ihr schwer fiel, ihm seine Illusionen zerstören zu wollen.

Erst jetzt, als er seine beiden Freunde reglos und mit matten Gesichtern in der winterlichen Nachmittagssonne vor sich sitzen sah, schien ihm bewusst zu werden, dass keiner seine Euphorie teilte.

„Was ist?", fragte er auffordernd und sah erst zu Hermine, dann zu Harry.

Dieser schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, Hermine, aber das ist deine Aufgabe. Ich misch mich da nicht weiter ein."

Sie erhob sich von ihrem Campingstuhl und seufzte.

„Das ist wirklich lieb von dir, Ron. Aber wir dürfen trotz allem nicht vergessen, dass wir immer noch auf der Flucht sind. Wir sollten uns genau überlegen, was wir tun, bevor wir unser Lager verlassen. Die Greifer, die für Du-weißt-schon-wen auf der Lauer liegen, können überall sein. Zu dritt passen wir nicht mal mehr richtig unter den Tarnumhang. Es wäre also besser, wir blasen die ganze Sache ab, bevor wir unnötig riskieren, geschnappt zu werden. Die Horkruxe zu finden, ist viel wichtiger als das."

Ron blinzelte.

„Wichtiger als dein Baby, Hermine? Das glaub ich jetzt nicht."

Sein sommersprossiges Gesicht versuchte zu lächeln und auf einmal wurde Hermine ganz warm dabei. Vielleicht hatte er ja Recht. Sie war nicht die erste Frau, die ungewollt schwanger geworden war, obwohl die Tatsache, wie es passiert war, eine gewisse traurige Ironie in sich hatte: Sie hatte sich mit dem Teufel eingelassen und musste jetzt dafür bezahlen.

„Schön", sagte sie leise. „Wenn es dich glücklich macht, bin ich dabei."

Sie spürte, dass Harry neben ihr einen Einwand erheben wollte und schoss ihm einen finsteren Blick zu.

„Du wolltest dich nicht einmischen, also halt dich gefälligst jetzt da raus."

„Aber Hermine ..."

„Ist schon okay", unterbrach ihn Ron. „Ich werde alleine gehen. Leihst du mir den Tarnumhang, Harry? Hermine sollte auf jeden Fall hierbleiben. So ist es am sichersten für sie. Und alleine bin ich schneller wieder zurück. Die da draußen werden mich nicht kriegen, verlasst euch drauf. Es wurde sowieso langsam mal Zeit, die Vorräte aufzustocken. Rein theoretisch sind wir jetzt ja zu viert. Das bedeutet, wir brauchen unbedingt was Ordentliches zum Kauen. Vitamine und so einen Kram. Weißt du denn, wann das Baby kommen soll? Bei uns zu Hause hieß es immer, wenn es im Sommer geboren wird und ein Junge dabei rauskommt, sollte man sich in Acht nehmen."

„Also, ich weiß nicht genau", murmelte Hermine verlegen. Und wieder wurde ihr bewusst, dass es noch so viele Dinge gab, die sie zu klären hatte. „Das kam alles ziemlich plötzlich. Aber ich denke, rein rechnerisch dürfte es eher im Herbst passieren ..."

Harry sprang mit einem Satz auf die Beine und funkelte seinen Freund an.

„Was bitteschön soll das jetzt heißen, Ron? Bist du sauer, weil ich nicht deiner Meinung bin, eine Babyparty zu schmeißen? Wenn ich so eine Enttäuschung für dich bin, weiß ich ehrlich gesagt nicht, was du eigentlich noch hier verloren hast."

„Halt die Klappe, Mann", sagte Ron finster. Er ballte seine Hände zu Fäusten und wandte sich dann schnell an Hermine, ehe aus lauter Frust ein Unglück über sie hereinbrechen konnte. „Macht nichts. Du wirst das schon noch herausfinden ... Wahr wahrscheinlich auch nur wieder so ein Aberglaube, den sie verbreitet hat, um Fred und George in ihre Schranken zu weisen. Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke, sollte sich der Spruch vermutlich eher auf Percy beziehen ..."

Verdutzt sahen sie einander an. Und es geschah etwas, das sie alle nie für möglich gehalten hätten: Jeder von ihnen konnte spüren, wie beim Gedanken an Rons Brüder, die so unterschiedlich wie Tag und Nacht waren, die Anspannung von ihnen abfiel. Ob es nun bloßer Zufall oder ein Wink des Schicksals war oder nicht, dass sie sich nach den Menschen sehnten, die darauf vertrauten, dass sie vorwärtskamen, wussten sie nicht. Doch vielleicht war das, was Ron gesagt hatte, ja wirklich wahr, vielleicht brauchten sie einen kleinen Hoffnungsschimmer in dieser Zeit der Einsamkeit und Trostlosigkeit.

„Okay, das ergibt durchaus einen Sinn", gab Harry zu bedenken. „Entschuldige, dass ich das gesagt habe, Ron. War nicht so gemeint."

„Das hoffe ich für dich", erwiderte Ron gelassen. „Aber Percy bleibt auf jeden Fall ein absoluter Reinfall."

Auf einmal fingen alle drei lauthals zu lachen an. Es war zuletzt vor Dumbledores Tod gewesen, dass sie so vergnügt beieinandergestanden hatten. Selbst Hermine vergaß für einen Moment lang ihre Sorgen und fiel Ron und Harry um den Hals.