Ludicrous Smile
Kapitel 23
Snape sank wie leblos auf dem Bett zusammen und wollte nichts als sterben. Seit er dem Dunklen Lord die Botschaft von Hermines Flucht überbracht hatte, war er in seiner Gunst erheblich gesunken. Gut, er hatte es nicht anders erwartet. Dennoch machte ihm der Umstand zu schaffen, vor Lucius und den anderen in der Runde zum Gespött gemacht zu werden. Wenigstens hatte er im Gegensatz zu ihm seinen Zauberstab behalten dürfen, was bedeutete, dass noch nicht alles verloren war.
Wie ein Echo hörte er auch jetzt noch deutlich das Zischen in seinem Ohr nachhallen, als er auf dem Boden gekniet und seine Strafe erhalten hatte.
„Wie konnte das nur geschehen? Wie konntest du sie entwischen lassen, Severus?"
Seine vor Wut kalte Stimme war beängstigend gewesen. Der Dunkle Lord wurde schier wahnsinnig, wenn jemand seine Befehle missachtete.
Angestrengt verschloss der Professor seinen Geist, um die letzten Stunden von sich abzuschütteln. Wie eine willenlose Marionette rappelte er sich hoch und nahm den schwarzen Umhang ab. Dann fiel er zurück aufs Bett und schloss die Augen. Er fühlte sich seltsam leer, seit sie fort war. Die vergangenen Wochen und Monate in ihrer Gesellschaft waren zur willkommenen Abwechslung in seinem tristen Alltag geworden, einem ihm unbegreiflichen Umstand, den er sich nur schwer eingestehen konnte. Es grenzte nahezu an ein Wunder, dass Albus sich nicht weiter darüber ausgelassen hatte. Vermutlich hatten er und Phineas hinter vorgehaltener Hand über ihn getuschelt oder sie taten es jetzt.
Wäre er nicht so erschöpft gewesen, hätte er über sich selbst lachen können. Es war ein Fehler gewesen, sie gehenzulassen. Sie hätte bei ihm bleiben sollen, so wie es beabsichtigt gewesen war. Aber was dann? Hatte sie denn nicht schon genug Schaden angerichtet? Sie war wie Gift für ihn, das sich langsam seiner bemächtigte. Aber das durfte nicht passieren. Zweifelsohne war es besser, wenn sie fort war.
Doch auch das stimmte nicht, wie er wusste. In Wahrheit war er sich nicht sicher, was er bezüglich ihres Verschwindens fühlte. Fest stand nur, dass er ihr nicht nachtrauern würde. Sie hatte sich entschlossen, zu gehen und musste die Konsequenzen, die daraus entstanden, selbst tragen. Das bedeutete zum einen, dass sie nun nicht mehr nach Hogwarts zurückkommen konnte, zum anderen, dass sie auf sich alleine gestellt war; Potter und Weasley, zu denen sie sich mit Sicherheit durchgeschlagen hatte, und denen er keine maßgeblichen Erfolge zutraute, nicht mit einbezogen. Bisher hatten die beiden Idioten mit mehr Glück als Verstand überlebt. Das Schwert war geliefert. Ab nun gab es nichts mehr, das er für die drei tun konnte. Er hatte ihretwegen schließlich schon genug riskiert. Doch damit war jetzt Schluss. Es würde nichts bringen, sich weiter über etwas den Kopf zu zerbrechen, was er ohnehin nicht beeinflussen konnte. Wenn sie ihn nicht verstand, konnte er nichts mehr für sie tun. Er hatte einmal versucht, Lily zurückzugewinnen, und es sein ganzes Leben lang bereut. Wieso sollte er also jetzt um jemanden trauern, der ihn genauso von sich wies, wie alle anderen Menschen es zuvor auch getan hatten?
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Ron war nun schon seit gut zwei Stunden weg und Hermine machte sich große Vorwürfe, weil sie der Grund gewesen war, weshalb er das Lager verlassen hatte.
Als er dann endlich wieder zu ihnen stieß, war es bereits dunkel. Erleichtert atmete sie auf. Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn ihm etwas zugestoßen wäre.
"Wo warst du so lange?", fragte sie vorwurfsvoll und warf die Arme um seinen Hals.
"Ich musste unterwegs mehrere Zwischenstopps einlegen", erklärte Ron knapp. "Ich hab drei verschiedene Dörfer abgeklappert, bis ich alles zusammen hatte."
"Was? Wurdest du denn gesehen?"
"Nein, ich glaub nicht. Hier. Seht euch das an."
Er griff in seine Jacke und wedelte gleich darauf mit einer Ausgabe des Tagespropheten vor ihrer Nase umher.
"Ist erst eine Woche alt. Snape muss Du-weißt-schon-wem verraten haben, dass du nicht mehr in der Schule bist. Das Ministerium jedenfalls hat dir eine ganze Seite gewidmet. Mit Bild und Steckbrief und allem Drum und Dran. Sie haben sogar ein Kopfgeld auf dich ausgesetzt."
Hermine schluckte und riss ihm die Zeitung aus der Hand.
"Das darf doch nicht wahr sein!", rief sie verärgert. "Die wagen es tatsächlich, dieses bescheuerte Foto zu verwenden, dass sie damals während des Trimagischen Turniers von uns gemacht haben? Sieh dir das an, Harry!"
Harry und Ron zuckten verhalten mit den Schultern.
"Ist doch Schnee von gestern", sagte Harry in dem Bemühen, gelassen zu klingen. "Wir wissen alle, dass das nur eine erfundene Geschichte war."
"Jaah, wir schon", pflichtete Ron ihm bei.
Hermine aber beachtete ihn nicht weiter.
"Hört euch das an!", rief sie aufgebracht und begann zu lesen:
"Der Grund für ihre Flucht sei naheliegend, wie ein Insider aus Hogwarts berichtet. Sie habe es nicht mehr ausgehalten, von ihrer Jugendliebe Harry Potter getrennt zu sein."
Hermine schnaubte.
"Kompletter Schwachsinn ist das! Wer verkündet denn so einen Müll?"
Harry seufzte leise und nahm ihr die Zeitung aus der Hand.
"Bevor du dich da noch weiter hineinsteigerst, solltest du vielleicht erst mal was essen, Hermine."
"Oh, richtig", sagte Ron schnell.
Er zog seine Jacke aus und holte Hermines verzauberte Handtasche aus seinem Sweater.
"Was hab ich gesagt?", verkündete er stolz, während er die Tasche auf den Tisch leerte, die mit allerhand Sachen gefüllt war. "Der Tarnumhang hat uns noch nie enttäuscht."
Gierig stürzten sie sich auf die mitgebrachte Beute. Es gab wie versprochen Kuchen und Wein, klebrige Torten und Saft. Aber auch dringend benötigte Vorräte, wie Brot, Salami und Konserven. Dazu kamen noch allerhand nützliche Dinge für den täglichen Gebrauch, die ihnen nach und nach ausgegangen waren. Hermine wurde schon beim Anblick der Süßspeisen flau im Magen. Doch es war nicht so, dass das Gefühl unangenehm gewesen wäre. Vielmehr kam es daher, dass sie, seit sie Hogwarts verlassen hatte, nichts Ordentliches mehr zu sich genommen hatte.
Hermine schnappte sich begierig eine Flasche Saft und Ron schenkte zwei Gläser Wein ein, von denen er eines an Harry weiterreichte. Dann prosteten sie sich zu und machten sich über das Essen her. Es wurde ein ausgelassener Abend, wie sie ihn lange nicht mehr erlebt hatten. Nicht einmal die geklaute Ausgabe des Tagespropheten, in der unheilvoll verkündet wurde, dass nun auch auf Hermines Kopf eine Belohnung von fünftausend Galleonen ausgesetzt war, immerhin halb so viel wie auf Harrys, konnte die heitere Stimmung im Zelt trüben. Erschöpft und zufrieden fielen sie in ihre Betten und schliefen ein.
