Ludicrous Smile
Kapitel 24
Ein paar Tage später war die Ausgelassenheit verschwunden und ein nüchternes Gefühl machte sich bei Hermine und ihren Freunden breit. Der triste Alltag im Zelt half keineswegs dabei, von der traurigen Realität abzulenken. Die Lügen, die im Tagespropheten über Hermine und Harry verbreitet wurden, gingen nicht spurlos an ihnen vorüber. Jedes gemeine Wort, das über sie berichtet wurde, schürte den Hass derer, die unschlüssig waren, ob es sich überhaupt noch lohnte, darauf zu warten, dass Harry Potter eines Tages über Voldemort siegen würde. Harry selbst war mehrmals drauf und dran gewesen, das monatelange Versteckspiel endlich aufzugeben, um zu beweisen, dass er noch am Leben und nicht plötzlich vom Erdboden verschluckt worden war. Genauso wie mit den schmutzigen Nachrichten verhielt es sich aber auch mit allen gegenteiligen Behauptungen.
Wie sich herausstellte, hatte Ron ebenfalls eine alte Ausgabe des Klitterers mitgebracht, in der Lunas Vater sich deutlich gegen Voldemorts Regime ausgesprochen hatte. Des Weiteren gab es da noch die Radiosendung 'PotterWatch', die im Untergrund von einigen ehemaligen Hogwartsschülern, sowie Fred und George Weasley und Mitgliedern des Phönixordens ins Leben gerufen worden war, um Harry und all jenen, die zu ihm hielten, Mut zu machen.
Am meisten zu schaffen machte Hermine nach wie vor die Sache mit Snape. Sie hatte versucht, sich einzureden, dass das, was sie mit ihm gehabt hatte, keine Rolle spielte, um nicht darüber nachgrübeln zu müssen, was er getan hatte. Trotzdem ertappte sie sich immer wieder dabei, wie sie heimlich, wenn die Jungs draußen waren, die Karte des Rumtreibers studierte, die neben dem Spickoskop auf dem Tisch lag.
Sie konnte sich nicht vorstellen, was in ihm vorgegangen war, als er sie hintergangen hatte. Warum hatte sie nie mit ihm über die Konsequenzen geredet, bevor sie sich auf ihn eingelassen hatte? Rückblickend schien es zu einfach gewesen zu sein, mit ihm zusammen den Alltag zu vergessen. Er hatte Recht gehabt: Es war falsch gewesen, ihm zu vertrauen.
Jetzt war es zu spät, um umzukehren. Es gab keine Verbindung mehr zur Schule mit Ausnahme des griesgrämigen Portraits von Phineas Nigellus Black. Ein oder zweimal hatte sie schon versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen, was jedoch zu keinem Ergebnis geführt hatte, nachdem er sie gleich zu Beginn als Schlammblut beschimpft hatte. Hermine wusste dennoch, dass ihr keine andere Wahl blieb, wenn sie etwas über Snape oder Hogwarts herausfinden wollte.
Vorsichtig stellte sie sein Portrait auf einen Stuhl und rief immer wieder seinen Namen, in der Hoffnung, dass er sich früher oder später gnädigerweise einmal blicken lassen würde. Für über eine Stunde starrte sie dann auf den sich auf und ab bewegenden Schriftzug Snapes, der im Schulleiterbüro umherwanderte und sich vermutlich mit den Portraits an den Wänden austauschte.
Während Harry und Ron draußen in der untergehenden Sonne versuchten, das Passwort für PotterWatch zu knacken, überlegte sie verbissen, wer von ihren Mitschülern dem Tagespropheten diese haarsträubende Geschichte aufgetischt haben könnte oder ob am Ende doch wieder alles nur auf Rita Kimmkorns Mist gewachsen war.
"Ah, das Granger-Mädchen", sagte Phineas plötzlich. "Mir war, als hätten Sie nach mir gerufen."
Hermine sah ihn abschätzig an, als würde sie dem unverhofften Frieden nicht trauen. Sie hatte die Hoffnung, mit ihm reden zu können, schon fast aufgegeben. Außerdem war es das erste Mal gewesen, dass er sie nicht mit einem Schimpfwort begrüßt hatte.
"Guten Abend, Professor Black", erwiderte sie erzwungen höflich und warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf die vor ihr auf dem Tisch ausgebreitete Karte, was er jedoch von seiner Position aus nicht sehen konnte: Snape war noch immer in seinem Büro, saß jetzt aber offenbar am Schreibtisch. Sofort fragte sich Hermine, ob er wusste, dass Phineas jetzt bei ihr war.
"Haben Sie einen Moment Zeit für mich? Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten."
Das Bildnis des ehemaligen Schulleiters funkelte sie schneidend an.
"Natürlich würden Sie das. Niemand gönnt mir meine wohlverdiente Ruhe. Alle wollen mit mir sprechen, egal zu welcher Zeit."
"Wie - wie meinen Sie das?", stammelte Hermine unbeholfen.
"Dass Ihretwegen die ganze Schule im Aufruhr ist. Es kursieren gewisse Gerüchte, falls es Ihnen entgangen ist."
Hermine blinzelte verlegen. "Wenn das so ist, sollten Sie eigentlich wissen, dass das nicht wahr ist. Harry und ich, wir sind nur Freunde. Das war schon immer so. Wir haben nie -"
"Wen interessiert das schon", herrschte er sie an. "Ich rede nicht von den Klatschspalten, wenn Sie das meinen. Meine Informationen stammen für gewöhnlich aus erster Hand."
Einen Moment lang wusste sie nicht, ob sie darüber weinen oder lachen sollte. Offenbar ging es nicht um Harry und sie, sondern um ihr Techtelmechtel mit Snape. Doch Phineas war noch nicht fertig.
"Sie hätten sich vorsehen sollen", setzte er unterkühlt nach. "Jemand wie Sie sollte wissen, dass es gefährlich ist, mit dem Feuer zu spielen. Und wenn ich es mir recht überlege, haben Sie sich bereits mehrmals die Finger verbrannt."
Hermine horchte auf. Auch dann, wenn sie nicht wusste, was er damit beabsichtigte, indem er ihr das sagte, gab es kaum noch Zweifel an seiner Andeutung. Es war schon fast zu offensichtlich, um sich zu irren, denn als einer der ehemaligen Schulleiter von Hogwarts wusste er genau, was dort oben in Snapes Büro vor sich ging.
"Warum sagen Sie mir das?", fragte sie ausweichend. "Etwa, um mir Ihre Sympathie zu bekunden? Bedaure, aber dafür ist es zu spät. Sie hatten noch nie etwas für mich und meine Herkunft übrig, soweit ich das bisher verstanden habe."
Phineas ließ ein abfälliges Schnauben vernehmen.
"Ich denke nicht, dass Sie es sich in Ihrer derzeitigen Lage erlauben können, fremde Hilfe abzulehnen. Selbst dann, wenn sie winzig klein sein und von mir kommen sollte."
"Hilfe von Ihnen? Wieso sollten Sie mir helfen wollen?"
"Es ist meine Pflicht, der Schule zu dienen."
"Dann wurden Sie also dazu angehalten", stellte Hermine unmissverständlich klar. "Wer war es? Dumbledore?"
"Das spielt keine Rolle. Glauben Sie es oder nicht, jedenfalls war es ein Fehler, so voreilig das Schloss zu verlassen. Es macht die Sache nur noch komplizierter, Ihnen zu helfen."
"Was sollte Sie das kümmern? Sie sind durch und durch ein Slytherin. Ich sehe also nicht, wieso Sie mir tatsächlich helfen sollten."
"Wenn das so ist, sollte ich vielleicht besser wieder gehen", murmelte er verschlagen.
Hermine holte Luft. Sie hatte keine Lust, darauf zu warten, bis er sich erneut dazu herabließ, sich mit ihr abzugeben.
"Warten Sie", rief sie rasch. "Können Sie mir nicht etwas auf die Sprünge helfen? Wenn Sie so gut informiert sind, wissen Sie sicher auch, was es mit dem Schwert auf sich hatte, nicht wahr? War es Snape, der Harry das Schwert gebracht hat? Und Sie haben ihm gesagt, wo Harry sich aufhält, oder?"
Phineas' Augen blitzten auf.
"Was tut das jetzt noch zur Sache, Mädchen? Sie haben es doch, oder etwa nicht?"
Hermine überlegte und lugte noch einmal verhalten auf die Karte. Für ihn machte es vermutlich keinen Unterschied, wie das Schwert wirklich zu Harry gelangt war. Für sie hingegen war das anders. Gerade jetzt schien der Umstand, was es mit Snape auf sich hatte, wichtiger denn je zu sein.
"Hören Sie, Professor", sagte sie flehentlich, "ich wollte das Schwert nicht für mich stehlen. Es gehörte Harry. Und wissen Sie, wieso? Weil Dumbledore wollte, dass er es erhält."
"Das können Sie sehen, wie Sie wollen. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über das, was geschehen ist, sondern über das, was noch geschehen wird."
Abwesend nickte sie. Vielleicht hatte er Recht und es spielte keine Rolle mehr, ob Snape das Schwert gebracht hatte oder nicht. Sie kamen mit den Horkruxen ohnehin nicht voran. Sie wussten ja nicht einmal, wo sie danach suchen sollten. Sie waren verloren.
„Wenn Sie es mir nicht sagen wollen, lassen Sie es. Ich glaube, ich habe meine Antwort schon vor geraumer Zeit erhalten. Richten Sie Professor Snape aus, er kann das Schwert wieder haben. Wir brauchen es nicht mehr. Es sei denn, Dumbledore legt endlich die Karten offen auf den Tisch und hört auf, uns zum Narren zu halten."
Phineas sah sie eindringlich mit seinen dunklen Augen an.
„Wie kommen Sie nur darauf, so unverschämt mit mir zu reden?", fragte er zornig. „Ich nehme keine Befehle von Ihnen entgegen!"
Hermine schüttelte enttäuscht den Kopf.
„Manchmal denke ich, alle, die im Schulleiterbüro zu tun haben, sind gleich. Rätsel, nichts als Rätsel! Ich wette mit Ihnen, Dumbledore steckt dahinter. Er hat es gemocht, Harry gewisse Dinge selbst herausfinden zu lassen. Aber das hilft uns nicht weiter. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Wenn Sie uns also helfen wollen, sollten Sie sich beeilen."
Phineas starrte sie lange an und Hermine hatte ein ungutes Gefühl dabei. Es war riskant, vor ihm zuzugeben, dass sie auf der Stelle traten. Sie wussten nicht, was im Schulleiterbüro vor sich ging. Aber ewig würden sie so nicht weitermachen können; das zermürbende Versteckspiel und die Flucht vor Voldemorts Anhängern musste irgendwann ein Ende haben.
