Ludicrous Smile
Kapitel 25
Ron kam ins Zelt und lachte auf, als er das Bild von Phineas auf dem Stuhl stehen sah.
„Du hast doch nicht ernsthaft versucht, noch einmal mit diesem Widerling zu reden, oder?"
Hermine schoss ihm einen finsteren Blick zu und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hatte genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken und war zu dem Schluss gekommen, dass es das einzig Richtige gewesen war.
„Doch, habe ich", sagte sie entschieden.
„Aber er hat dich ziemlich übel beschimpft, Hermine."
„Das habe ich nicht vergessen", pflichtete sie ihm bei. „Trotzdem. Ich habe es satt, dass nichts vorwärtsgeht. Ihr wart monatelang unterwegs und habt gerade mal einen einzigen Horkrux zerstört. Ich hingegen bin gerade erst ein paar Tage aus Hogwarts raus und habe schon jetzt das Gefühl, absolut nutzlos zu sein. Ich weiß, Harry kann nichts dafür, also darf ich ihm keinen Vorwurf machen. Aber so kann das unmöglich weitergehen, Ron -"
„Wofür kann ich nichts?", fragte Harry und steckte neugierig den Kopf in den Eingang des Zelts. Plötzlich versteifte er sich. „Oh, du hast doch nicht etwa mit dem alten Griesgram geredet?"
Ron grinste verhalten.
„Doch, sie hat."
Leise vor sich hin seufzend schnappte Hermine sich das verlassene Portrait von Phineas und stopfte es in ihre verzauberte Handtasche zurück, damit er nichts von dem, was hier vor sich ging, mitbekommen konnte, denn wie es aussah, war es wohl an der Zeit, mit der Wahrheit herauszurücken.
"Reg dich nicht gleich auf, Harry. Aber ich habe Phineas gesagt, dass Snape das Schwert wieder haben kann. Wir brauchen es ohnehin nicht, wenn wir keine Horkruxe mehr finden."
"Du hast was?", rief er außer sich und fing an, wie ein Irrer im Zelt auf und ab zu laufen. "Bist du verrückt?"
"Wer weiß, Harry. Vielleicht gehen ja meine Hormone mit mir durch ..."
"Hör bloß auf damit. Die Masche zieht bei mir nicht!"
"Schön, wie du willst", sagte sie eingeschnappt. "Jedenfalls sehe ich nicht ein, wieso wir uns von denen in Hogwarts verarschen lassen sollten. Die ganze Zeit geht das jetzt schon so und wir hatten keine Ahnung davon! Snape ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Und Dumbledore hält uns ohnehin alle nur zum Narren."
"Snape?", fragte Harry, blieb schlagartig stehen und sah sie mit lose herabhängendem Kiefer an. "Was soll das mit Snape! Was hat er damit zu tun?"
"Na, er war es, der dir das Schwert gebracht hat", entgegnete sie knapp.
Harry und Ron holten beide Luft, doch keiner von ihnen sagte etwas und Hermine spürte ein triumphales Gefühl in sich hochkommen, obwohl sie insgeheim natürlich immer noch stinksauer auf den Professor war, weil er sie hintergangen hatte.
"Damit hättet ihr nicht gerechnet, was?"
"Jetzt reicht es aber!", zischte Harry verärgert. "Wieso sollte er denn so was tun, Hermine?"
Mit knallrotem Gesicht blickte er zu Ron, als würde er sich Unterstützung von ihm erhoffen. Als der jedoch nur mit den Schultern zuckte, sah er zurück zu Hermine.
"Weil er für Dumbledore arbeitet", erklärte sie ohne Umschweife. "Es ist kompliziert, Harry. Und es hat eine Weile gedauert, bis ich mir einigermaßen sicher war. Aber du musst mir jetzt wohl oder übel vertrauen. Ich bin in Hogwarts geblieben, um etwas herauszufinden, was ich auch getan habe. Ich hab da eine riesige Entdeckung gemacht!"
"Ich glaub das einfach nicht", gab Harry kopfschüttelnd zurück. "Snape hat Dumbledore ermordet, Hermine! Hast du das etwa vergessen?"
"Nein."
"Wie sollte er dann für ..."
"Er war schon im ersten Krieg ein Spion. Erinnerst du dich nicht? Als Dumbledore ihn nach Cedrics Tod gefragt hat, ob er es noch einmal tun würde ... du - du warst dabei!"
"Schon. Aber das kann nicht sein!"
"Warum nicht? Denk doch mal nach! Bitte, Harry. Es wird Zeit, dass wir etwas tun. Wir brauchen Hilfe, denn wenn wir hier festsitzen, kommen wir nicht voran."
"Aber ... Selbst wenn das stimmen sollte, was du gesagt hast, wie willst du uns voranbringen, wenn du Snape das Schwert zurückgibst?"
"Lass das mal meine Sorge sein. Ich bin sicher, dass Phineas im Schulleiterbüro ziemlich für Verwirrung sorgen wird. Wenn ich Recht habe, wird er sich auf Snapes Seite schlagen. Und dann sehen wir ja, was draus wird."
"Das ist ... Es ist absoluter Wahnsinn, sich auf jemanden wie ihn zu verlassen ..."
"Es ist brillant, Hermine", sagte Ron begeistert. "Phineas verehrt Snape. Du hast doch gehört, was er über ihn gesagt hat, Harry. Bestimmt kann er irgendwas für uns tun … Dumbledore dazu bringen, sich uns zu zeigen oder so ..."
"Dumbledore ist tot!", rief Harry dazwischen.
"Umso besser! Hermine hat Recht, es wird Zeit, dass wir endlich vorwärtskommen."
Begeistert von der Idee, vielleicht bald schon nicht mehr im Dunkeln tappen zu müssen, lachte Ron übers ganze Gesicht.
"Also bist du dabei?", hakte Hermine sichtlich erleichtert nach, dass wenigstens einer der beiden sie ernst nahm.
"Auf alle Fälle", stimmte Ron zu. "Wir werden denen einen Strich durch die Rechnung machen, dass ihnen hören und sehen vergeht! Uns einfach auf gut Glück Horkruxe suchen lassen … Lasst uns noch mal überlegen. Was wissen wir überhaupt über diese Horkruxe? Denkst du, Phineas und Snape wissen das auch, Hermine?"
Hermine zögerte. Das war schwer zu sagen, denn, soweit sie wussten, war Snape auf die Dunklen Künste versessen gewesen wie kaum ein anderer. Dennoch war sie überzeugt davon, dass Dumbledore ihm nicht alles über Harrys Aufgabe verraten hatte.
"Phineas könnte durchaus mehr wissen als wir", gab sie vorsichtig zurück. "Immerhin hing er die ganze Zeit über im Schulleiterbüro. Was Snape angeht, bin ich mir nicht so sicher. Ich glaube, Dumbledore hat ihn ebenso im Ungewissen gelassen, wie er es mit uns gemacht hat. Nur so konnte er sicher sein, dass sein Plan aufgehen würde."
"Sein Plan?", fragte Harry hüstelnd und wirkte dabei nicht halb so verständnisvoll für ihre Aktion wie Ron.
"Ja. Denkst du vielleicht, er hat sich das nicht genauestens überlegt?"
"Was denn überlegt?"
"Er muss gewusst haben, dass er nicht mehr lange leben würde. Weißt du etwa nicht mehr, wie erschöpft er damals während des gemeinsamen Unterrichts mit dir war? Er war alt und geschwächt. Warum sonst hätte er dich darauf vorbereiten sollen, die Horkruxe zu suchen? Oder warum hätte er zulassen sollen, dass Snape ihn tötet? Dumbledore konnte Dinge, die niemand sonst beherrscht hat. Er hätte oben auf dem Turm einen Zauber benutzen und sich unsichtbar machen können. Oder eben einfach disapparieren."
"Vielleicht konnte er es nicht, weil er zu schwach war, Hermine", sagte Harry in einem leicht gehässigen Tonfall. "Ihr wart nicht dabei. Ihr wisst nicht, was in der Höhle geschehen ist."
"Nein, waren wir nicht", stimmte Hermine zu. "Aber ich hab mich oben auf dem Turm umgesehen, Harry. Dumbledore war nicht dumm. Er hätte wahrscheinlich hundert Möglichkeiten gehabt, sich zu helfen, selbst ohne seinen Zauberstab."
"Da ist was dran", sagte Ron leise.
"Das sind nur Vermutungen", sagte Harry stur. "Er war zu schwach, um sich selbst zu helfen."
"Ach ja? Wie kommt es dann, dass er die Kraft hatte, dich zu lähmen, bevor Draco ihn entwaffnet hat? Er hätte jeden beliebigen Zauber ausführen können und sich für den entschieden, der dich unschädlich gemacht hat."
Sie sahen sich an und Hermine wusste, dass ihm auf der Zunge lag, ihr zu sagen, dass Dumbledore das nur getan hatte, um ihn zu schützen. Aber es war zwecklos, es auszusprechen. Weder er noch Ron konnten der Entschlossenheit, die nun in ihren Augen lag, etwas entgegensetzen.
"Ich bleibe dabei, Harry", sagte Hermine sanft. "Dumbledore hat genau gewusst, was er tat."
Harry starrte sie mit offenem Mund an und wusste offenbar nicht so recht, was er darauf antworten sollte. Jahrelang hatte er nach Gründen gesucht, Snape zu hassen. Einer nach dem anderen war ihm immer noch zu gering erschienen, bis er endlich den gefunden hatte, den niemand hatte abstreiten oder schönreden können: Den Mord an Dumbledore.
"Du glaubst also", sagte er mit belegter Stimme, "Snape ist sein Spion und sollte ihn ermorden. Ist das richtig?"
Sie nickte klamm.
"Er hätte Gelegenheit genug gehabt, mich oder die anderen Schüler fertigzumachen. Aber er hat es nicht getan. Sicher, er war kein Unschuldsengel. Aber im Gegensatz zu den Carrows waren seine Strafen zu ertragen."
"Wieso – wieso bist du dir nur so sicher, Hermine? Vielleicht will er ja, dass du das glaubst, weil er versucht hat, dich auf seine Seite zu ziehen. Er wusste schließlich, dass du immer mit mir befreundet warst. Bestimmt hat er vorgehabt, irgendwas über mich rauszubekommen. Denk nach! Ist dir nichts Komisches oder Verdächtiges aufgefallen?"
"Doch", murmelte sie gedankenverloren. Ihr waren einige Dinge aufgefallen. Zum Beispiel, als er sie dazu angehalten hatte, nicht weiter über seine Tätigkeit für Voldemort nachzuforschen, um ihm im Gegenzug nichts über ihre Freunde verraten zu müssen. "Er wollte wissen, wo du bist", sagte sie schlicht. "Aber nicht so, wie du jetzt denkst, sondern nur, um dir das Schwert zukommen zu lassen."
"Natürlich, das Schwert", stieß Harry sarkastisch aus, als hätte er nur darauf gewartet, ihr etwas entgegensetzen zu können. "Hat ja auch nur ein paar läppische Monate gedauert, bis wir es endlich hatten! Außerdem, wenn er wollte, dass ich es kriege, wieso hat er dann verhindert, dass du es stiehlst? Wieso, Hermine? Hast du darüber schon mal nachgedacht?"
"Ich weiß, das ist alles sehr verwirrend. Aber hätte er denn einfach nur daneben stehen und zusehen sollen, wie ich damit abhaue? Er möchte mit Sicherheit nicht erkannt werden, Harry, weil es zu riskant ist, das zu verbreiten. Kannst du dir auch nur im Entferntesten vorstellen, was los ist, wenn jemand das erfährt, was ich herausgefunden habe?"
"Wohl eher, was du dir zusammengereimt hast", murmelte er verbissen. "Nicht dass Snape je ein offener und freundlicher Typ gewesen wäre ..."
"Das tut doch jetzt gar nichts zur Sache. Viel wichtiger ist, dass wir endlich die Wahrheit kennen -"
"Die ich ziemlich an den Haaren herbeigezogen finde, wenn du mich fragst."
Hermine rollte mit den Augen.
"Hör auf damit, okay? Ich hatte genug Zeit, mir die Zusammenhänge gut zu überlegen."
"Also, wenn man bedenkt, wie lange wir Snape nun schon kennen und ihn immer wieder verdächtigt haben, ergibt das aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet durchaus einen Sinn", erklärte Ron eifrig. "Dumbledore hat ja immer gesagt, er vertraut ihm."
Harry seufzte und es klang so niedergeschlagen, dass es Hermine einen Stich versetzte.
"Mag schon sein. Aber mir wären ein paar Beweise lieber als deine haarsträubenden Theorien, Hermine - nichts gegen dich und deine Fähigkeiten, den Dingen auf den Grund zu gehen. Es ist trotzdem einfach nur absurd."
"Beweise? Du willst ernsthaft Beweise von mir? Gut. Wie wäre es damit: Snape hat in den Kerkern für den Ernstfall einen Vorrat an Medikamenten für die Schule angelegt. So etwas tut niemand, der seine Schüler tot sehen möchte."
"Und?", fragte Harry achselzuckend.
"Und? Hast du mir überhaupt zugehört? Das bedeutet, dass er mit einem Angriff auf Hogwarts rechnet!"
"Wann?"
"Wenn du deine Aufgabe erfüllt hast und Du-weißt-schon-wem gegenüberstehst, Harry."
"Ich dachte, er weiß nichts über meine Aufgabe", gab er spöttisch zurück.
"Das muss er auch nicht. Nichts Konkretes jedenfalls. Es genügt, wenn er weiß, dass Dumbledore dich auf eine Mission geschickt hat."
"Okay. Dann erklär mir mal, wieso Dumbledore ihm nichts über die Horkruxe erzählt hat, ha? Wenn er angeblich mit Snape unter einer Decke steckt und der uns helfen soll, wäre es doch naheliegend, dass er ihm was Brauchbares verraten hat. Etwas, das uns weiterbringt zum Beispiel."
"Darüber hab ich auch schon nachgedacht, Harry. Aber die einzige Erklärung, die ich dafür habe, ist die, dass es zu gefährlich gewesen wäre, ihm zu verraten, was du genau tun sollst. Stell dir doch nur mal vor, Du-weißt-schon-wer schafft es irgendwie, Snape zu knacken, was dann? Selbst dann, wenn er ein begnadeter Okklumentiker ist, besteht immer ein gewisses Risiko für ihn, irgendwann etwas zu verraten, was Du-weißt-schon-wer nicht wissen darf."
Harry legte grimmig die Stirn in Falten und sagte erst einmal nichts mehr dazu. Seine erfolglosen Unterrichtsstunden mit Snape in Okklumentik jagten ihm einen kalten Schauder über den Rücken. Ganz besonders, wenn er sich vorstellte, dass Hermine vielleicht tatsächlich Recht hatte.
