Ludicrous Smile

Kapitel 27

Nachdem sie schweigend das Abendessen zubereitet und es verzehrt hatten, verließ Harry freiwillig das Zelt, um den ersten Teil der Nachtwache abzuhalten. Sowohl Ron als auch Hermine war klar, dass er alleine sein und über das nachdenken wollte, was Hermine ihnen gesagt hatte. Dennoch fühlte sie sich schuldig, weil sie wusste, dass das nur die halbe Wahrheit gewesen war. Den anderen Teil, der, der mit ihrer Schwangerschaft zu tun hatte, wollte sie erst einmal für sich behalten, bis sich die Wogen geglättet hatten.

„Er muss das erst mal verdauen, Hermine", sagte Ron beruhigend, während er ihr half, den Tisch abzuräumen und mit dem Zauberstab das Geschirr zu säubern. „Es ist ein schwerer Schlag für ihn, sich vorzustellen, dass Dumbledore und Snape noch immer unter einer Decke stecken könnten."

Hermine seufzte. Sie hatte erfahrungsgemäß nicht erwartet, dass Harry sich darüber freuen würde, die Wahrheit zu erfahren. Es war schließlich auch für sie nicht leicht gewesen, die einzelnen Teile des Puzzles zusammenzufügen.

„Das glaub ich auch. Aber was ist mit dir? Du scheinst die Nachricht ganz gut aufzufassen, oder?"

Ron machte ein verunsichertes Gesicht und Hermine ahnte, dass es ihm schwerfiel, sich gegen Harry auszusprechen, wo sie sich die ganze Zeit über so mühsam zusammenraufen mussten.

„Ach, weißt du", sagte er leise, „im Grunde genommen ist es mir egal, wie wir vorankommen, Hauptsache es tut sich endlich was. Die letzten Monate waren hart. Du kannst dir nicht vorstellen, wie deprimiert er war … Zuerst Dumbledores Tod und dann die wachsende Erkenntnis darüber, dass wir nun nichts mehr hatten, um Du-weißt-schon-wem etwas anhaben zu können. Dumbledore war von Anfang an der einzige Mensch, vor dem Du-weißt-schon-wer Angst hatte. Aber was er uns hinterlassen hat, die rätselhafte Sache mit den Horkruxen, war auch nicht gerade eine vielversprechende Angelegenheit."

„Nein, war es nicht", entgegnete Hermine mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen. „Es war auch nicht meine Absicht, ihn damit zu verletzen, Ron. Vielleicht hätte ich es nicht so überstürzen sollen. Wir müssen die Dinger ja trotzdem finden."

Ron nickte.

„Das schon. Doch so oder so war es richtig, dass du es uns gesagt hast."

Die Nachricht von Phineas am nächsten Tag, dass in Gringotts ein weiterer Horkrux versteckt sein musste, verbreitete sich im Zelt wie ein Lauffeuer. Hermine war so aufgeregt, dass sie es kaum erwarten konnte, mit ihm alleine zu reden, um die Hintergründe für die plötzliche Entdeckung zu erforschen, die er ihnen, wie sie aufgrund seines zurückhaltenden Verhaltens vermutete, vorenthalten hatte. Doch dazu sollte es nicht kommen, denn die Frage, wie sie nun vorgehen sollten, um den Horkrux aus dem Verlies der Lestranges zu stehlen, entfachte eine heiße Diskussion. Jeder hatte einen anderen Vorschlag parat. Ron zum Beispiel schlug vor, Harry unter allen Umständen zu begleiten, wohingegen Harry unbedingt allein gehen wollte. Lediglich in einem Punkt waren sich die beiden einig, nämlich dem, dass sie Hermine nicht mitnehmen sollten.

"Ich kann es spüren, wenn der Horkrux in der Nähe ist. Aber um in die Bank hineinzukommen, muss ich alleine sein. Nur so passe ich vollständig unter den Tarnumhang."

"Und was willst du machen, wenn du drin bist?", warf Ron ein. "Ich kenne von Bill ein paar Regeln und Tipps, was die Kobolde anbelangt. Mit denen ist nicht zu Spaßen, Mann!"

"Dann muss ich sie eben so gut es geht umgehen. Je weniger Aufmerksamkeit wir auf uns ziehen, umso besser. Ich werde auf alle Fälle unter dem Umhang bleiben und es mit dem Imperius versuchen, sobald ich einem Kobold über den Weg laufe, der mir dabei helfen kann, das Verlies zu finden und es zu öffnen."

Hermine stimmte dem nur ungern zu, obwohl sie wusste, dass es die bei Weitem logischste Lösung war, ihn alleine gehen zu lassen. Trotzdem gefiel ihr die Vorstellung nicht, so außen vor gelassen zu werden.

"Und was mache ich?", fragte sie in einem Anflug des Selbstmitleids und zog die Brauen bis zum Anschlag hoch. "Ich finde es nicht besonders fair von euch, dass ihr mich nicht miteinbeziehen wollt. Wir sind immerhin ein Team, schon vergessen?"

Ron und Harry sahen sich über den Tisch hinweg an. Ihre Gesichter verrieten deutlich, was sie davon hielten.

"Du bist schwanger, Hermine, schon vergessen?", erklärte Ron knapp.

"Genau", pflichtete Harry ihm bei.

"Das ist doch wohl nicht euer Ernst! Ich kann am besten von uns zaubern. Ihr müsst mich mitnehmen!"

"Tut mir leid", sagte Harry kopfschüttelnd. "Aber darüber werden wir nicht weiter reden. Ron wird mich bis zur Bank begleiten und vor dem Eingang mit den Scherzartikeln aus dem Laden von Fred und George ein Ablenkungsmanöver starten, um die Wachen zu verwirren. So komme ich unbemerkt hinein. Du verschwindest sofort wieder, Ron, ist das klar? Den Rest werde ich allein erledigen."

Das war das Ende der Diskussion. Harry war so fest entschlossen, dass Hermine und Ron nachgaben, ehe sie einen handfesten Streit heraufbeschwören konnten. Fiebrig fingen sie an, die letzten Dinge durchzugehen, damit sie das Vorhaben so schnell wie möglich hinter sich bringen konnten.

Am nächsten Morgen war es dann soweit und Hermine verabschiedete sich von den beiden. Doch kaum dass Harry und Ron außerhalb der schützenden Zauber disappariert waren, stürzte sie ins Zelt zurück, holte das Portrait von Phineas hervor und stellte es wie gewohnt auf einen freien Stuhl.

"Und?", fragte sie, nachdem er sich endlich zu einem Besuch hatte überreden lassen, für den sie äußerst dankbar, um etwas Ablenkung wegen ihrer Sorge der Jungs halber zu finden. "Werden Sie mir sagen, was da oben bei Ihnen und den anderen Schulleitern vor sich geht?"

Phineas reckte steif den Kopf in die Höhe und sagte ausweichend: "Ich weiß nicht, wovon Sie reden."

Damit hatte Hermine gerechnet.

"Das glaube ich Ihnen nicht. Neulich, bevor ich Sie gebeten habe, Snape etwas auszurichten, waren Sie nicht so verschlossen. Sie wollten mir helfen, schon vergessen?"

"Keineswegs. Doch das ist nicht ganz freiwillig geschehen, wenn Sie sich erinnern. Außerdem wusste ich da auch noch nicht, in welche Lage Sie mich bringen würden – wie, Sie glauben mir nicht? Jedes Mal, wenn Sie ins Spiel kommen, bedeutet das nichts als Ärger!"

Hermine lächelte mit geröteten Wangen. Sie konnte nur erahnen, wie sehr die Gerüchteküche im Büro des Schulleiters brodelte.

"Sie haben uns allen einen großen Gefallen damit getan, dass Sie uns beigestanden haben", sagte sie aufrichtig.

Phineas schnaubte.

"Glauben Sie vielleicht, ich hätte das Ihretwegen getan?"

"Wir sind Ihnen jedenfalls sehr dankbar dafür, Phineas. Ohne Sie würden wir jetzt noch immer ahnungslos im Dunkeln umhertappen."

"Versuchen Sie nicht, mir zu schmeicheln. Und denken Sie vor allem nicht, ich sei bestechlich!"

Hermine seufzte verlegen.

"Nein. Aber haben Sie denn nicht vielleicht doch eine Neuigkeit für mich? Eine winzig kleine?"

Phineas zögerte und blickte sich mit wachen Augen um, als würde er sichergehen wollen, dass sie auch wirklich alleine waren.

"Dumbledore hat ihm gehörig den Marsch geblasen, wenn Sie das wissen wollen", sagte er sodann mit gesenkter Stimme. "Severus war ganz wie verwandelt. Armer Teufel! Hatte immer viel für ihn übrig. Er hatte es nicht leicht ..."

"Er hat es nicht anders verdient, wenn Sie mich fragen", mischte Hermine sich ein. Ihr war egal, wo er herkam oder wie es ihm in der Gesellschaft der anderen Slytherins ergangen war. Er hatte sie hintergangen und verdiente ihre Sympathie nicht mehr.

"Das ist Ihre Sicht der Dinge. Aber Sie vergessen, worum es dabei eigentlich geht. Er dachte wohl, der Versuch, Sie zu retten, löscht das aus, was er den Potters angetan hat. Aber so einfach ist das nicht. Dumbledore hat gar nicht mehr aufgehört. Ja, er hat immer wieder davon angefangen und nichts ausgelassen. Er hat getobt wie lange nicht mehr, da konnte Severus noch so sehr beteuern, wie er es bereut. Nur dafür ist es jetzt zu spät. Das Schicksal der ganzen Familie hat längst seinen Lauf genommen ..."

Hermine bekam plötzlich ein seltsames Gefühl im Magen, als sie davon hörte. Kein Wunder, dass Phineas nicht gut auf sie zu sprechen war, wenn es im Schulleiterbüro so hoch herging.

"Das - das verstehe ich nicht", murmelte sie gedankenverloren. "Was habe ich denn mit dem Schicksal der Potters zu tun?"

Phineas schüttelte energisch den Kopf.

"Ich rede von der verratenen Prophezeiung, Mädchen. Das, was der Todesser Snape im vollen Bewusstsein an seinen Herrn weitergegeben hat."

Auf einmal fiel es Hermine wie Schuppen von den Augen. Damals, bevor Dumbledore gestorben war, hatte Harry sich furchtbar über Snape aufgeregt. Doch dann, mit dem Vorfall auf dem Astronomieturm, hatten sich die Ereignisse förmlich überschlagen und alles Vergangene war in den Hintergrund gerückt.

"Sie meinen, er wollte mich deshalb retten, um das wieder gut zu machen? Aber das kann nicht sein! Er konnte James nicht ausstehen."

"In diesem Punkt gebe ich Ihnen Recht -"

"Sehen Sie? Das ergibt alles keinen Sinn. Außerdem wissen wir beide nur zu gut, dass Sie-wissen-schon-wer mich niemals hätte laufen lassen. Ich wäre ihm immer ein Dorn im Auge gewesen. Wahrscheinlich hätte er mich so oder so getötet -"

"Einen Sinn? Gutes Kind! Nicht alles, was wir tun, muss immer einen Sinn ergeben. Manchmal handeln wir einfach aus dem Bauch heraus."

Verdutzt runzelte Hermine die Stirn.

"Das trifft bestimmt auf viele Menschen zu. Aber nicht auf Professor Snape."

"Und woher wollen Sie das wissen? Ich kenne ihn länger als Sie und ich versichere Ihnen, dass er nicht die Absicht hatte, Sie an den Dunklen Lord auszuliefern. Deshalb hat er Sie geschwängert. Er hat gehofft, Ihnen Zeit erkaufen zu können."

"Was zur Hölle reden Sie da? Das ist doch absoluter Humbug!"

"Ich weiß. Aber wenn Sie damals dabei gewesen wären, als er im Schloss seine Stelle bekam, wenn Sie ihn gesehen hätten, den verzweifelten Ausdruck in seinen erkalteten Augen, würden Sie nicht so reden. Er wollte bestimmt nicht Lehrer an Hogwarts werden oder für den Rest seines Daseins für Dumbledore spionieren. Aber er hat es getan. Er hat sich den Verrat nie verziehen, nicht bis zum heutigen Tag."

Bedrückt starrte Hermine ihn an. Sie wollte nicht fragen, warum er ihr das anvertraut hatte, war aber froh, davon erfahren zu haben, um sich endlich ein Bild von allem machen zu können.

"Soll das heißen, er hat diese kranke Entscheidung, mich für seine Rettungsaktion zu benutzen, aufgrund seiner Gewissensbisse gegenüber Harry gefällt?"

"Nicht für den Jungen", sagte Phineas leise. "Und wie wir wissen, ganz bestimmt nicht für James."

"Für wen dann?"

Hermine stockte der Atem, noch ehe sie es zu Ende gedacht hatte. Phineas hingegen nickte nur.

"Aber – aber das würde ja bedeuten … weiß irgendjemand davon?"

"Nein. Der einzige Mensch, der es wusste, ist tot."

"Dumbledore", hauchte sie leise und es klang wie ein ersticktes Flüstern von jemandem, dessen Welt gerade komplett auf den Kopf gestellt worden war.

Nachdem Hermine den ersten Schock verdaut hatte, saßen sie und Phineas sich vornüber zusammengesackt, die Köpfe auf die Hände gestützt, gegenüber und sahen sich an.

„Ich verstehe das immer noch nicht", sagte Hermine. „Er und Lily hatten nichts miteinander, richtig?"

„Nein."

„Aber wie konnte er dann glauben, dass er sie liebt?"

„Es gibt auch andere Arten der Liebe, Miss Granger", erwiderte Phineas schneidend. „Es muss nicht immer gleich ein körperlicher Akt inbegriffen sein, wenn wir an Liebe denken."

„Nein, natürlich nicht. Aber -"

„Wenn wir von Professor Snape reden, sollten wir die Umstände miteinbeziehen, unter denen er aufgewachsen ist. Inwieweit sind Sie damit vertraut?"

Hermine blickte ihn überrumpelt an und fühlte sich auf einmal sehr eingeschüchtert, was zum Einen daher rührte, dass sie sich nicht vorstellen konnte, wie sie das weiterbringen würde, zum Anderen, weil er sie so eindringlich ansah, dass sie das Gefühl hatte, er würde sie mit seinen klugen Augen ebenso durchleuchten, wie McGonagall es immer getan hatte.

„Wozu wollen Sie das wissen?"

Phineas seufzte.

„Das dachte ich mir", sagte er schnippisch. „Sie haben mit ihm geschlafen, ohne irgendetwas über ihn in Erfahrung zu bringen. Das ist bemerkenswert und dumm zugleich."

„Ähm", murmelte Hermine mit wieder einmal deutlich geröteten Wangen. „Es ist ja auch nicht so, dass es immer besonders aufschlussreich gewesen wäre, sich mit ihm zu unterhalten. Sie wissen ja selbst, wie verschlossen er sein kann ..."

„Sollen das Ausflüchte oder etwa eine Entschuldigung sein?"

„Also, etwas weiß ich schon", fiel ihr übereilt ein. „Zum Beispiel, dass er wohl keine allzu glückliche Kindheit hatte."

„Lassen Sie mich raten, woher Sie das wissen!", gab er in einem finsteren Lachen von sich.

„Können wir jetzt bitte endlich zum Punkt kommen? Sie wollten mir doch etwas sagen!"

„Wie Sie wünschen", murmelte Phineas und verdrehte die Augen. „Lily war, soweit stimmen Dumbledore und ich überein, der erste Mensch, der Severus gewissermaßen bewundert hat, weil er sie und ihre magischen Kräfte verstanden hat, wo andere es nicht konnten. Er wiederum war ihr von Anfang an sehr zugetan, ob beabsichtigt oder nicht, bleibt dahingestellt. Jedenfalls hat er eine unglaublich tiefe Zuneigung für sie empfunden, die im Laufe der Zeit sogar noch gewachsen ist."

„Was Sie sagen, klingt nicht einfach nur nach Zuneigung, Professor. Aber Liebe? Ich weiß nicht ..."

„Warum nicht? Seine Gefühle für Lily waren so fest in seinem Inneren verwurzelt, dass nichts anderes daran heranreichen konnte. Deshalb bin ich ebenso wie Dumbledore überzeugt davon, dass es genau das gewesen ist, was ihn dazu gebracht hat, sich gegen Lord Voldemort zu wenden."

„Vielleicht."

„Ganz bestimmt sogar."

Hermine seufzte angestrengt und sah auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Harry und Ron waren jetzt schon über drei Stunden fort.

„Denken Sie, Professor Snape ist bewusst, was er mir angetan hat?"

Sie sah auf und fand sich mit seinem nachdenklichen Blick konfrontiert, der sie zutiefst verunsicherte. Vor allem, weil sie wusste, dass das Schlimmste noch vor ihr lag.

„Das ist bei ihm nicht leicht zu sagen", erwiderte er knapp.

Sie biss sich auf die Lippe.

„Wissen Sie, eine Weile dachte ich tatsächlich, er hätte ein Bewusstsein für Dinge, die falsch sind. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher."

„Was auch immer ihn dazu gebracht hat, Sie zu hintergehen, geschah nicht in böser Absicht. Dessen bin ich überzeugt."

Ungläubig legte sie den Kopf schief.

„Wie können Sie das sagen, wo Sie doch offenbar über alles Bescheid wissen, was er getan hat? Glauben Sie nicht vielleicht, dass er es verdient, dafür bestraft zu werden?"

„Bestraft? Für den Verrat und den Betrug durchaus. Aber wie ich ihn kenne, wird die schlimmste Strafe von allen die sein, die er sich selbst zumutet."