Ludicrous Smile

Kapitel 28

Die Zerstörung des zweiten Horkrux löste eine regelrechte Euphorie bei Harry und Ron aus. Während sie bei einer geklauten Flasche Feuerwhisky das Ereignis ausgelassen feierten, kam Hermine nicht umhin, sich mit zwei ganz anderen Themen zu befassen: Das eine war die Schwangerschaft, das andere war Snape.

Tief in ihre Gedanken versunken hockte sie in eine dicke Decke gehüllt draußen vor dem Zelt und grübelte über das nach, was Phineas ihr gesagt hatte. Aber ganz gleich, ob es nun um die Sache mit Lily ging, oder um das, was Snape ihr angetan hatte, Hermine konnte ihn nicht dafür hassen.

Es war ein schreckliches Gefühl, als ihr das bewusst wurde. Wenn er etwas verdiente, dann ihre Zurückweisung, Verachtung und kalte Ablehnung; nicht aber ihr Mitgefühl.

Ron grölte irgendetwas Unverständliches vor sich hin und Harry stimmte gut gelaunt mit ein.

„Auf die Kobolde von Grin'otts!", rief er schwer verständlich.

„Jepp, auf die Kobolde und auf Fred und George und ihre guten Ideen!"

Hermine schüttelte den Kopf und starrte nach oben in den dunklen Himmel.

„Weißt du was?", fragte Ron plötzlich. „Wir sollten Dumbledore dankbar sein, dass er uns auf diese Reise geschickt hat. Wir sind unabhängig und frei und müssen uns nich mit Snape rumschlagen – ich sollte mir auch 'ne Hütte bauen, wie Hagrid – Rons Hütte. Wär doch was! Dann müssen wir im nächsten Winter nich mehr so frieren."

Harry hickste.

„Mir fehlt Hogwarts trotzdem. Ginny is da. Wir sollten hingehen und Snape rauswerfen! Mieser Sack! Hat uns immer nur belogen ..."

„Hat mich geschwängert", murmelte Hermine leise zu sich selbst. „Ist das zu fassen? Das könnt ihr euch nicht vorstellen, oder?"

Sie stand auf und stürmte ins Zelt. Wütend stierte sie auf den Tisch und die Flasche Feuerwhisky, die fast leer zwischen ihren Freunden stand.

„Wir sollten wirklich da hingehen", verkündete sie schrill. „Hab ihm eine runter gehauen, bevor ich abgehauen bin. Und getreten hab ich ihn auch!"

Ron blinzelte und stellte unsanft sein Glas auf den Tisch.

„Wen hast du getreten?"

„Snape! Er hat es nicht anders verdient, glaubt mir!"

„Hast du gut gemacht", murmelte Harry grinsend. „Wie hast du das angestellt?"

„Ha, das errätst du nie! Er hat sich nicht mal gewehrt, weil es nämlich sein Kind ist. Jawohl! Snape hat mich geschwängert."

Harry und Ron stießen jeweils einen markerschütternden Schrei aus.

„Is nich wahr!"

„Snape war das? Wie hat er das denn gemacht?"

„Das solltest du ihn selbst fragen, Ron!"

Harry wollte aufstehen und nach seinem Zauberstab fummeln, plumpste aber auf seinen Stuhl zurück.

„Wenn ich den Kerl erwische -"

„Nein, das wirst du schön bleiben lassen! Was auch immer du tust, Harry, töte ihn nicht. Es ist sein Kind."

„Aber – aber ..."

Hermine stemmte die Hände in die Hüften und funkelte die beiden der Reihe nach an.

„Hört zu! Wenn hier jemand das Recht hat, auf ihn wütend zu sein, dann wohl ich. Aber das wird uns nicht weiterbringen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, erst einmal abzuwarten, bevor wir es mit einer Racheaktion überstürzen und einen Fehler machen."

„Einen Fehler?", fragte Harry ungläubig. „Wir müssen doch irgendwas tun!"

Sie nickte.

„Das werden wir. Aber nicht jetzt. Zuerst müsst ihr euren Rausch ausschlafen, morgen sehen wir weiter."

Entschieden schnappte sie sich die Flasche vom Tisch und ließ sie in der verzauberten Handtasche verschwinden.

„Ihr rührt das Zeug nicht mehr an, ist das klar? Wir haben morgen einiges zu bereden, dazu braucht ihr einen klaren Kopf. Den ersten Teil der Wache werde übrigens ich übernehmen. Und jetzt ab ins Bett mit euch!"

Damit machte sie kehrt und stürmte ebenso schnell aus dem Zelt, wie sie es betreten hatte. Draußen wickelte sie sich wieder in ihre Decke ein und brach in Tränen aus. Der Gedanke an Snape schmerzte, ebenso die Erinnerung an die Art und Weise, wie sie ihre Wut an ihm ausgelassen hatte.

Was hätte sie jetzt für einen Schluck Feuerwhisky gegeben!

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Die Stimmung beim Frühstück war getrübt. Kaum einer der drei sagte ein Wort, was vermutlich daran lag, dass Harry und Ron aufgrund ihres Besäufnisses äußerst empfindlich auf Geräusche reagierten. Zwar hatte Harry ein oder zweimal versucht, was zu sagen, es dann aber mit hochrotem Kopf dabei belassen. Hermine war das nur recht. Sie hatte ohnehin keine große Lust, eine Diskussion über Snape zu führen. Was gesagt werden musste, war gesagt worden. Mehr gab es dem eigentlich nicht hinzuzufügen. Außerdem war es streng genommen eine Sache, die nur sie allein etwas anging.

Trotz intensiver Überlegungen und Grübeleien war sie noch immer zu keinem Schluss gekommen, was sie jetzt mit Snape tun sollte. Fest stand nur, dass sie nicht wollte, dass ihre beiden Freunde etwas unternahmen, was sie später bereuen würde.

Nachdem sie das Frühstück beendet hatten, war Ron derjenige, der den ersten Schritt machte, eine Konversation in Gang zu bringen.

„Also, ich hab nachgedacht", sagte er und kratzte sich verlegen am Kinn. „Du wolltest sowieso immer nach Hogwarts zurück, Harry, weil du vermutet hast, dass dort ein Horkrux sein könnte. Wenn wir nochmal mit Phineas reden, finden wir vielleicht was Nützliches heraus."

„Kommt gar nicht infrage", brummte Harry. „Ich will Snape nicht auch noch warnen, dass wir auf dem Weg zu ihm sind ..."

„Moment mal", schaltete Hermine sich ein. „Wir können da nicht einfach so rein spazieren! Das Schloss ist nicht mehr so, wie ihr es kanntet. Überall gelten die strengsten magischen Sicherheitsvorkehrungen, die ihr euch nur vorstellen könnt."

Harry sah nicht so aus, als würde er ihr das glauben. Skeptisch legte er den Kopf schief.

„Und wie bist du dann da rausgekommen?"

„Weil ich Snape um einen Gefallen gebeten habe."

„Na super! Ist da noch mehr zwischen euch gewesen?"

„Ja", sagte sie schlicht. „Ein paar Sachen gab es schon. Sonst hätte ich wohl nicht mit ihm geschlafen."

Ron hob die Hand vor den Mund. „Mann, ich glaub, mir wird schlecht!"

Wie von der Tarantel gestochen sprang er vom Stuhl und würgte.

„Nicht auf den Teppich, Ron! Wenn du kotzen musst, geh gefälligst nach draußen", zischte Harry ihm nach, als Ron zum Ausgang stolperte. Etwas leiser fügte er an Hermine gewandt an: „Mir reicht noch der Gestank von neulich."

Hermine klappte den Mund auf.

„Das war ein Versehen, Harry!"

„Ist mir gleich. Snape hat Schuld daran, also habe ich wohl auch das Recht, auf ihn sauer zu sein."

„Ach ja? Ist das so einfach für dich? Du hast schon immer nach was gesucht, das dir einen Grund geliefert hat, ihn zu hassen."

„Ist das denn ein Wunder?"

Sie seufzte.

„Hör zu, Harry, ich versteh dich ja. Aber das ist nicht der richtige Weg. Glaub mir, ich hab das auch versucht."

„Soll das heißen, du findest es in Ordnung, ein Kind von ihm zu bekommen?"

„Das – nun, das ist schwer zu sagen. Ich wollte ja kein Kind. Aber es hat mal eine Zeit gegeben, da war ich ihm sehr nahe. Es ist - er war trotz der seltsamen Umstände in Hogwarts für mich da, Harry."

Harry schüttelte sich angeekelt.

„Du spinnst! Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass er dich nur benutzt hat?"

„Natürlich. Ich hab endlose Nächte lang darüber nachgedacht. Aber wieso hat er mich dann nicht an die Carrows verraten? Die hätten nicht lang gefackelt, mir was anzutun. Wieso hat er ..."

„Wach auf, Hermine! Snape ist nicht der nette Mann von nebenan der jemandem aus Gryffindor eine helfende Hand reichen würde. Vermutlich hat er darauf verzichtet, dich an die anderen Todesser auszuliefern, weil Dumbledore dahintersteckte."

Hermine wusste, dass das nur zum Teil wahr war. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie blinzelte und senkte den Blick. Wenn er nur wüsste, was Phineas ihr über Snapes Gefühle für Lily anvertraut hatte! Doch sie wagte es nicht, auch nur ein Wort davon zu erwähnen, um es nicht noch schlimmer zu machen. Harry war seit jeher so viel mehr voller Hass auf Snape, als sie es je gewesen war, dass er es ohnehin nicht verstehen würde.