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Nur ein namenloser Unbekannter
Erst heute sah ich einen Mann einen ausgetretenen Zigarettenstummel aufheben, den er in eine Plastiktüte zu vielen anderen steckte. Einen davon schob er sich zwischen die Lippen und zündete ihn an.
Die Straße war voller Menschen, dennoch wage ich zu behaupten, dass es niemandem außer mir aufgefallen ist. Er hatte struppiges, grauschwarzes Haar und ein eingesunkenes Gesicht, ein namenloser Unbekannter in einer Welt voller wuselnder Menschen, ein Geist wie ich selbst. Als ich ihn sah, kam mir in den Sinn, dass wir alle Ameisen sind, von denen jeder das tut, was er sich gezwungen sieht, zu tun. Rauchen, trinken, schlafen, essen, schreiben...
Warum ich das aufschreibe? Keine Ahnung. Mir gehen tagtäglich so viele Dinge durch den Kopf, dass ich sie einfach ordnen möchte.
Ganz zu Beginn, als ich anfing, meine Sachen online zu stellen, hat mich mal jemand gefragt, warum ich mir so viele Gedanken über Snape mache. Ich glaube einfach, weil ich mich gut mit ihm identifizieren kann. Seither habe ich diese Frage oft gehört. Manchmal, je nachdem, wie ich drauf bin, variiert meine Antwort, der Sinn dahinter aber bleibt immer derselbe. Es ist fast wie eine Suche nach etwas, das man unmöglich finden kann. Sei es nun Glück, Freundschaft, Liebe oder sich selbst...
Oft weiß ich nicht, wer ich eigentlich bin. Das Leben mit all den Dingen wie Gleichgültigkeit, Verlust, Trauer und Tod findet auch ohne mich statt. Spielt es da überhaupt eine Rolle, ob ich da bin oder nicht?
Ich habe mich für andere eingesetzt und mir die ein oder andere Narbe dabei geholt. Ob es etwas gebracht hat, weiß ich nicht einmal. Alles ist offen. Und auch wieder nicht. Manche Sachen sind so endgültig, dass sie sich nicht reparieren lassen. Nie mehr. Du verlierst einen Menschen, einen Freund, wen auch immer, nur um dabei festzustellen, dass du ihn sowieso nicht gekannt hast (vielleicht bin ich hier ein wenig wie Harry, der sich früher oder später dasselbe wegen Dumbledore fragt: Wer war dieser Jemand eigentlich?)
Als ich anfing, 'Tear me apart' zu schreiben, war ich so am Ende, dass ich nicht geglaubt habe, dass ich die Story jemals vollenden werde. Klar macht man sich auch in meiner Lage vor, dass es funktioniert.
Irgendwann kam 'Provoziert. Verdammt. Unwiderstehlich.', später dann 'Counting Stars'. Dabei hatte ich eine unglaubliche Wut im Bauch, die eine geschlagene Woche anhielt. Fertig war die Story.
Heute habe ich das Gefühl, ich bin ruhiger geworden, brauche länger, um das umzusetzen, was mir beim Schreiben durch den Kopf geht. Dabei weiß ich nicht einmal, ob das stimmt. Ich schreibe, weil ich denke, dass ich es muss, nicht etwa, weil ich mich hinhocke, um mir was auszudenken.
houseghost/burdenofimpurity
Ludicrous Smile
Kapitel 30
Für geraume Zeit sahen sie einander an und keiner von beiden sprach mehr ein Wort. Hermine war schier am verzweifeln. Sie wusste nicht weiter, denn auch dann, wenn sie ihre Entscheidung getroffen hatte, war ungewiss, was vor ihr lag.
Nur unterschwellig registrierte sie das fahle Gesicht mit der markanten Hakennase vor sich aufragen und fragte sich, was in ihm vorgehen mochte. Warum konnte er nicht wenigstens ein einziges Mal aus sich herausgehen und ihr sagen, wie er dazu stand? Was dachte er über sie oder das, was er getan hatte?
Irgendwann, es kam ihr vor, als wären Stunden vergangen, obwohl es in Wahrheit nur einige Minuten gewesen waren, hörte sie Rons Stimme in der Ferne nach ihr rufen.
Snape fuhr zusammen, als wäre auch er eben erst in die Gegenwart zurückgekehrt. Kaum merklich schluckte er und machte Anstalten, sich von ihr abzuwenden.
Hermine spürte nach der ganzen Aufregung eine Welle der Panik über sie hinweg rollen. Sie wollte nicht, dass er fortging, griff nach seinem Arm und hielt ihn zurück. Energisch zog sie ihn hinter einen Baum, um zu verhindern, dass Ron durch das Licht des Zauberstabs auf sie aufmerksam werden konnte.
„Wo wollen Sie hin, Professor?", fragte sie vorwurfsvoll. „Sie können jetzt nicht einfach so gehen!"
Snapes Mundwinkel spielten.
„Wie Sie vorhin bemerkt haben, sollte ich nicht hier sein", sagte er leise. Er wollte sich von ihr freimachen und zerrte an seinem Arm. „Lassen Sie mich los, Granger. Ich muss zurück zum Schloss, bevor Potter uns alle in Gefahr bringt."
Entschieden verstärkte sie den Griff ihrer Finger und stellte sich ihm in den Weg.
„Nein, warten Sie!", rief sie außer Atem aus. Ihr Herz klopfte so wild, dass sie das Gefühl hatte, es würde zerspringen, wenn er sie jetzt alleine ließ. „Bleiben Sie hier!"
Er erstarrte und blickte kühl von oben auf sie hinab. Die tiefe Furche zwischen seinen Brauen bebte.
In diesem Moment ertönte wieder einer von Rons Rufen, diesmal aus einer anderen Richtung, weiter entfernt als zuvor.
Hermine atmete auf, Snape keineswegs. Im Gegenteil, die Anspannung in ihm schien sich durch ihre Entscheidung noch verfestigt zu haben.
„Nennen Sie mir einen Grund, warum ich das tun sollte", zischte er ihr gereizt zwischen den Zähnen hindurch zu. „Dachten Sie vielleicht, ich würde irgendwelchen Verpflichtungen nachkommen, die sich aufgrund dessen ergeben?"
Hermine blinzelte. Auch dann, wenn er wütend war, musste sie nicht lange überlegen. Wochenlang hatte sie sich seinetwegen den Kopf zerbrochen, war in Gedanken alle möglichen und unmöglichen Szenarien durchgegangen, die ihr eingefallen waren: Eine Welt des Grauens unter der Herrschaft Voldemorts, sowie eine heile Welt im Kreise ihrer Freunde und aller, die ihr etwas bedeuteten. Doch gleich, wie sehr sie auch versucht hatte, ihm dabei keine Beachtung zu schenken, war es ihr nicht gelungen. Immer wieder war er darin aufgetaucht, in jedem einzelnen ihrer Gedanken.
„Sie haben mir gefehlt, Professor", sagte sie traurig. „Sehr. Und wagen Sie nicht, zu behaupten, andersherum wäre es nicht so gewesen."
Snape sog die Luft scharf in seine Lungen ein. Er beugte sich zu ihr hinab und sah ihr prüfend mit seinen schwarzen Augen ins Gesicht, als würde er sichergehen wollen, dass es kein Fehler war, die Wahrheit vor ihr zuzugeben, denn natürlich hatte sie einen weitaus größeren Einfluss auf sein Leben gehabt, als er je zu träumen gewagt hätte.
„Sie haben mir auch gefehlt, Granger. Aber das hat nichts zu bedeuten, verstehen Sie? Es macht keinen Unterschied für uns."
Verblüfft sperrte sie den Mund auf.
„Natürlich tut es das! Was ich vorhin gesagt habe, war nicht ganz richtig. Ich habe Sie gehasst. Aber das ist jetzt vorbei. Ich – ich möchte Sie nicht hassen."
„Dann irren Sie sich in Ihrem Urteil über mich. Heute Nacht wird sich entscheiden, welche Seite gewinnen wird. Wenn Albus Recht hat und Potter es schafft, den Horkrux zu finden und zu zerstören, haben Sie gute Chancen, irgendwann ein normales Leben führen zu können. Sie stehen jetzt auf der richtigen Seite. Ich hingegen ..."
Er nahm den Blick von ihr und verstummte.
Hermine schüttelte den Kopf.
„Was reden Sie da? Wir sind immer auf derselben Seite gewesen! Wenn mir eines klargeworden ist, dann das, Professor. Sie haben sich für uns eingesetzt. Und das ist alles, was zählt. Es waren diese entscheidenden Ereignisse, die mich dazu gebracht haben, mich überhaupt mit Ihnen einzulassen. Sie mussten mir nur erst bewusst werden."
Snape verzog die Lippen zu einem flachen Grinsen und sah sie wieder an. Etwas Befremdliches lag nun in seinem Blick, das Hermine sich nicht erklären konnte. War es Ironie oder vielleicht doch Bitterkeit?
„Wir werden sehen", murmelte er abwesend.
Er hatte nicht geglaubt, dass sie so reagieren würde. Vielmehr hatte er erwartet, dass sie ihn fortjagen würde...
Er hob die Hand und nahm ihr Kinn zwischen seine Finger. Langsam senkte er den Kopf, um sie zu küssen. Doch gleich darauf, kaum dass er ihren Mund mit seinem berührt hatte, richtete er sich wieder auf und wies sie abrupt und kalt von sich.
„Gehen Sie dahin zurück, wo Sie in Sicherheit sind", forderte er streng. „Na los doch!"
„Aber ..."
Er sah sie so durchdringend an, dass sie jeglichen Protest sofort unterdrückte. Auf einmal dämmerte ihr, dass er Recht haben könnte: Wenn Harry Erfolg hatte, würde sich vielleicht schon sehr bald alles ändern, für sie ebenso wie für ihn.
„Ich muss Sie wiedersehen, Professor", brachte sie mühevoll hervor. Die Vorstellung, ihn jetzt gehen zu lassen, behagte ihr gar nicht. Es war nicht richtig. „Bitte! Ich kann nicht … Ich habe so viel mit Ihnen zu besprechen ... Bitte versprechen Sie mir, dass ich Sie wiedersehen werde."
Snape wich ihrem Blick aus, sein ganzer Körper versteifte sich. Er ertrug es nicht länger, sie anzusehen. Er wirkte nervös und Hermine ahnte, warum: Nicht weit von ihnen waren nun wieder Rons Rufe zu hören.
„Es ist doch nur Ron", sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln. „Er weiß längst Bescheid."
„Ich weiß."
Es klang nicht gerade erfreut.
„Schön", seufzte Hermine bedrückt. „Wenn Sie unbedingt wollen, gehen Sie. Aber Sie müssen wiederkommen."
Noch ehe sie wusste, was sie tat, umfasste sie die Knöpfe auf seiner Brust und zog sich zu ihm hoch.
„Danke, dass Sie gekommen sind", flüsterte sie leise in sein Ohr.
Sie drückte ihm einen ebenso flüchtigen Kuss auf den Mund, wie er es zuvor auch getan hatte. Dann sah sie ihn an.
„Es gibt mehr Gründe, Sie nicht zu hassen, als es doch zu tun", sagte sie, sichtlich bemüht, ihn ihre neu entfachte Zuneigung spüren zu lassen, die allen Widrigkeiten trotzen wollte. „Einer davon ist der, dass Sie mir viel zu wichtig sind."
Snape schien verunsichert, während er sie betrachtete. Doch die Friedfertigkeit der einsamen und abgelegenen Gegend hatte etwas Besänftigendes in sich; um sie herum war es nunmehr vollkommen ruhig geworden, Rons Rufe nicht mehr zu hören.
„Etwas Besseres fällt Ihnen nicht ein?", murmelte er sarkastisch, doch jeglicher Biss dahinter verfehlte seine Wirkung.
„Finden Sie es heraus, indem Sie wiederkommen."
Seine Hand kam hervor und legte sich auf ihre Wange. Für jemanden, der so eine gewaltige Kraft ausstrahlen konnte, war es eine unglaublich zaghafte Geste. Langsam strich er mit dem Daumen über ihre Haut, sodass sie für einen Moment die Augen schloss.
„Ich weiß, dass das nicht hätte passieren dürfen, Granger. Es war nicht Ihre Schuld, dass alles so gekommen ist. Trotzdem dürfen Sie nicht ... ich bin nicht gut für Sie. Es ist zu gefährlich, sich weiter mit mir abzugeben."
Hermine lugte vorsichtig zu ihm hoch. Sie hatte nicht von ihm erwartet, dass er sich je bei ihr entschuldigen würde, obwohl sie zugeben musste, dass es ihr viel bedeutete, etwas in der Art von ihm zu hören.
„Es war auch zu gefährlich, sich mit Harry abzugeben, Professor. Aber er wird immer mein Freund bleiben, egal, wie sehr andere versuchen wollen, mich davon abzuhalten."
„Dann sollten Sie aufhören, sich etwas vorzumachen", erwiderte er steif.
„Das gilt auch für Sie. Ich bin überzeugt davon, dass Sie sich nicht zu diesem Schritt entschieden hätten, wenn Sie nichts für mich empfunden hätten, nicht wahr? Alleine dass Sie heute hier hergekommen sind, ist ein deutliches Zeichen dafür."
Er machte einen Satz zurück. Hermine wusste, dass er es nicht mochte, in eine Ecke gedrängt zu werden, konnte aber die Wahrheit über das, was sein Besuch in ihr ausgelöst hatte, nicht länger zurückhalten. Gebannt wartete sie auf eine Antwort von ihm, doch es dauerte, ehe er auf ihre unbefangene Feststellung reagierte.
„Spielt das für Sie denn eine so große Rolle?"
„Ja, das tut es."
Er lächelte kaum merklich und eine unglaubliche Erleichterung durchflutete sie. Zum ersten Mal seit langem wurde ihr ganz warm, während sie ihn beobachtete. Es war ein befreiendes Gefühl, ebenso wie damals, als sie angefangen hatte, einen Sinn in seinem Handeln zu suchen, der es ihr erlaubte, die Grenzen zu ihm zu überschreiten.
„Vielleicht bin ich ja nur gekommen, um Potter aus dem Weg zu gehen", sagte er spöttisch.
„Vielleicht. Aber das halte ich eher für unwahrscheinlich. Es sei denn, Sie haben Angst vor ihm."
„Angst? Überschätzen Sie ihn nicht, Granger."
Sie lachte leise auf und warf dabei ihre wirre Lockenmähne zurück.
„Sie haben doch von ihm angefangen. Außerdem … außerdem geht es ihn nichts an. Das ist meine Sache, vielmehr unsere Sache, wenn Sie es so wollen."
Snapes Nasenflügel erzitterten, er richtete sich auf und rang nach Fassung. Anscheinend schien ihm die Vorstellung, dass die Angelegenheit zwischen ihnen auch ihre Freunde erreicht hatte, immer weniger zu gefallen, je mehr er dazu gezwungen war, sich selbst damit auseinanderzusetzen, was sein Handeln zur Folge hatte.
„Wir sollten besser zusehen, dass wir von hier fortkommen, bevor wir noch etwas sagen, was wir im Nachhinein bereuen", äußerte er förmlich.
Die plötzliche Kälte in seiner Stimme ließ Hermine schaudern.
„Und was sollte das sein? Haben Sie Angst davor, ich könnte vergessen, was Sie mir angetan haben? Keine Sorge, das werde ich nicht. Ich verstehe langsam, dass Ihre Beweggründe nicht die waren, für die ich sie ursprünglich gehalten habe. Es war egoistisch, ja. Aber Sie wollten mich nicht damit zerstören. Es war auch keine böswillige Absicht von Ihnen, ein unschuldiges Leben zu ruinieren. Genau deshalb sehe ich nun alles in einem anderen Licht."
Abschätzig legte er den Kopf schief und einige seiner Strähnen fielen ihm vor die Augen, sodass es ihr erschwert wurde, den Ausdruck dahinter zu entziffern.
„Wieso sagen Sie mir das?", fragte er sogleich und klang dabei deutlich eingeschnappt. „Haben Sie gehofft, ich würde ein Geständnis vor Ihnen ablegen, damit Sie dem Kind eines Tages weismachen können, es müsse sich nicht für mich schämen?"
„Nein. Ich möchte, dass Sie selbst ihm oder ihr alles erklären. Das sind Sie mir schuldig. Aber trotz allem heißt das nicht, dass ich die gemeinsame Zeit mit Ihnen missen möchte."
Er richtete sich auf und sah sie mit einem seltsam gequälten Ausdruck auf dem Gesicht an.
„Warum, Miss Granger? Warum wollen Sie, dass man Sie überhaupt mit mir in Verbindung bringt? Ist Ihnen nicht bewusst, was das bedeutet? Wie dieser Krieg auch endet, Sie täten besser daran, den wahren Vater nicht zu erwähnen. Niemals."
„Das sagen Sie nur, weil Sie sich für sich selbst schämen. Doch dafür ist es zu spät."
Snape schwieg lange. Erst dann antwortete er.
„Ja, ich schäme mich", erklärte er leise. „Ich bin niemand, auf den Sie sich verlassen können."
„Aber Dumbledore hat sich auf Sie verlassen."
Er blinzelte.
„Ist doch so. Er wusste, dass er auf Sie zählen kann. Für ihn waren Sie immer da. Wieso können Sie es dann nicht für mich sein?"
„Weil – weil ich nicht so bin. Ich bin niemand, der -"
„Der was?"
„Der für jemanden da ist."
„Das ist nicht wahr! Sie waren für Harrys Mum da. Sie haben ..."
Snape hob verärgert die Hände.
„Phineas scheint ja ganz schön gesprächig gewesen zu sein. Aber ich rate Ihnen, setzten Sie sich nicht mit dem gleich, was auch immer Sie darüber gehört haben. Was er Ihnen erzählt hat, ist seine Ansicht. Es ist nicht das, was es wirklich war."
„Dann helfen Sie mir. Sagen Sie mir, was es damit auf sich hatte. Bitte."
„Das kann ich nicht. Es - es hat mit uns nichts zu tun."
Hermine wollte es einfach nicht glauben. Wie konnte er nur so stur sein und noch immer daran festhalten, obwohl inzwischen Jahre vergangen waren?
„Ach ja? Wenn es so anders ist, warum sind Sie dann hergekommen? Sie haben einen Fehler gemacht, wir beide wissen das. Versuchen Sie also bloß nicht, mir etwas anderes einzureden. Das funktioniert nicht. Ich bin nicht so einfältig, wie Sie vielleicht glauben."
Sie wischte sich fahrig mit dem Ärmel ihres Pullovers über die Augen. Sie zitterte am ganzen Körper, doch die Kälte, die plötzlich in ihre Glieder kroch, war nicht das, was ihr so zu schaffen machte. Es war weitaus leichter gewesen, von ihm Abstand zu nehmen, als sie auf ihn wütend gewesen war. Jetzt, wo sie erkennen musste, dass sie immer noch Gefühle für ihn hatte, machte es ihr zu schaffen, dass sie sich davor fürchtete, von ihm zurückgewiesen zu werden. Verärgert über sich selbst hätte sie sich am liebsten in Luft aufgelöst. Warum musste sie schon wieder in Tränen ausbrechen? Hatte das, was sie seinetwegen geweint hatte, denn nicht schon genügt?
"Gehen Sie zurück zu Weasley, Granger", sagte Snape ruhig. "Sie frieren."
"Ist mir egal", zischte sie.
"Nicht, wenn Sie sich hier draußen eine Erkältung einfangen."
"Das kommt mir bekannt vor. Aber sollte Ihnen das nicht eigentlich gleichgültig sein?"
Snape fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Auch er war aufgewühlt, konnte es aber wesentlich besser als sie verbergen, wenn er das wollte.
"Ich werde wiederkommen", sagte er beschwichtigend. "Bis dahin versprechen Sie mir, keinen Unfug zu machen. In Ordnung?"
Seine schwarzen Augen bohrten sich so eindringlich in ihre, dass sie leise aufschluchzte.
"In Ordnung. Ich werde Phineas wissen lassen, wo wir sind."
Er wippte zaghaft mit dem Kopf und Hermine hätte sich am liebsten nach vorne geworfen und die Arme um seinen Leib geschlungen, um den Halt bei ihm zu finden, nach dem sie sich von Anfang an so sehr gesehnt hatte. Doch es fiel ihr schwerer denn je. Sie fühlte sich erleichtert wie lange nicht mehr, zugleich aber auch verunsichert, weil sie wusste, dass es falsch war, nach dem ganzen Desaster etwas zu überstürzen. Es war immer schon hart gewesen, ihm zu vertrauen. Er selbst wirkte unentschlossen, als sie sich auf dem Weg zurück zum Zelt nach ihm umdrehte. Trotz allem war sie sich sicher, dass er sie nicht hintergangen hatte, um ihr damit wehzutun.
