Ludicrous Smile
Kapitel 32
Das verwahrloste Haus in Spinner's End als wahres Zuhause zu bezeichnen, wäre zu viel verlangt gewesen, dennoch war es eine Art Heim, das Hermine voll und ganz jemandem wie ihm zugeschrieben hätte. Es war schon nach wenigen Blicken als ein Ort erkennbar, an dem man sich nicht gern und nur selten aufhielt, weil er viele Erinnerungen in sich verborgen hatte, die der Besitzer am liebsten ungeschehen gemacht oder verdrängt hätte. Hier war er aufgewachsen, hier hatte er seine traurige Kindheit verbracht, von der Harry ihr erzählt hatte, als er zum wohl ersten und einzigen Mal in seinem Leben so etwas wie Mitgefühl für den armen Jungen empfunden hatte, den er in den Erinnerungen des älteren Snape gesehen hatte. Und trotzdem, wenn man über die negativen Seiten hinwegsah, und es fertigbrachte, es als sicheres Refugium zu betrachten, war es der perfekte Ort für zwei Menschen, die eigentlich nirgendwo hinzugehören schienen.
Hermine mochte es obgleich aller Macken und Tücken von Anfang an. Das Haus war nicht groß, es war auch nicht besonders freundlich oder gar von Licht und Leben erfüllt. Dafür war es bis in den letzten Winkel mit wild zusammengewürfelten Regalen und Schränkchen vollgestopft, die fast nichts außer Bücher enthielten. Dass die Möbel im Wohnzimmer, im wesentlichen bestehend aus einem abgewetzten Teppich, einem mindestens ebenso alten Lehnsessel, einem Sofa und einem kleinen Tisch, schon einmal bessere Tage gesehen hatten, störte sie nicht. Im Gegenteil, es wäre verwunderlich gewesen, etwas anderes hier vorzufinden. Snape war ein Eigenbrötler, der hier in der Zurückgezogenheit seines Elternhauses die wenigen freien Stunden verbrachte, die ihm während der Ferien blieben. Zumindest war es so gewesen, bis er Schulleiter von Hogwarts geworden war.
Etwas verlegen stand Hermine neben ihm in seinem Wohnzimmer und betrachtete alles, was ihre Augen erreichen konnten, von den schäbigen Holzdielen bis hin zu den vergilbten Vorhängen. Dann riss seine Stimme sie aus ihren Gedanken.
„Nicht das, was Sie erwartet haben, oder Granger?"
Sie fuhr zusammen und sah ihn an. Ein schiefes Lächeln lag auf seinen dünnen Lippen, während er den Kopf leicht zur Seite geneigt hatte, um ihr Urteil abzuwarten.
Hermines Kehle fühlte sich staubtrocken an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, aus Angst, es könnte etwas Falsches sein.
„Ich habe aufgehört, mir etwas vorzumachen, seit ich mit Harry und Ron in einem Zelt zusammenlebe. Wirklich. Dieses Haus ist nichts, wofür Sie sich schämen sollten. Es ist Ihr Elternhaus."
Er zog abschätzig seine Brauen zusammen.
„Es ist nicht nötig, dass Sie versuchen, mir zu schmeicheln. Wir beide wissen, dass Potter Ihnen gewisse, nun ja, sagen wir, Details über meine Kindheit erzählt hat. Aber um es kurz zu machen, werde ich Sie erlösen. Der einzige Grund, weshalb ich Sie hier hergebracht habe, ist der, dass Sie sehen, was Sie Ihrem Kind niemals zumuten sollten. Es ist ein liebloses Heim gewesen, ein trauriges Stück Geschichte ..."
„Unserem Kind", bemerkte Hermine leise und brachte ihn dazu, den Satz früher als gewollt zu beenden.
Snape straffte seine Haltung und deutete mit dem Kopf zu seinem Sofa hinüber.
„Das bleibt dahingestellt. Setzten Sie sich bitte, Miss Granger."
Ohne lange zu zögern kam Hermine seiner Aufforderung nach und nahm Platz. Er ließ sich gegenüber von ihr in dem alten Sessel nieder und verschränkte Arme und Beine ineinander.
„Ich nehme an, Sie haben bereits zu Abend gegessen?", fragte er kurz angebunden, um das Thema, das sie angeschnitten hatte, nicht weiter vertiefen zu müssen.
Hermine nickte und versuchte, sich nicht durch das eindringliche Starren aus der Ruhe bringen zu lassen, das er ihr mitsamt seinen hochgezogenen Brauen entgegenwarf.
„Ich denke nicht, dass es richtig wäre, diese Tatsache zu verdrängen", sagte sie schnell, um den Faden wieder aufzunehmen. „Das Kind hat ein Recht darauf, zu erfahren, woher es stammt. Was es dann später einmal daraus machen wird, ist nicht weiter unsere Entscheidung."
„Das liegt ganz im Auge des Betrachters, finden Sie nicht?", murmelte er zwischen den Zähnen hindurch hervor. „Ich für meinen Teil fände es angemessen, nicht weiter darauf herumzureiten. Glauben Sie mir, so ist es das Beste."
„Das Beste für wen?", platzte es prompt aus ihr heraus.
Seine schwarzen Augen blitzten auf und Hermine wünschte sich, sie hätte das nicht gesagt. Snape konnte sehr gereizt reagieren, wenn man ihn derart überfiel, etwas, was in ihrer derzeitigen Lage nicht gerade von Vorteil war.
„Sie sind anderer Meinung?", sagte er kühl und setzte sehr zu ihrem Ärger sein sardonisches Lächeln auf, das ihr schon so oft aufgestoßen war, wie kaum etwas anderes; es war ein niederschmetterndes Zeichen, das Hermine verdeutlichte, dass er keinesfalls gewillt war, einfach kampflos aufzugeben. Er würde sich nicht auf dieselbe Art mit ihr unterhalten, wie sie es in Hogwarts getan hatten, bevor sie sich dazu entschlossen hatte, die Schule zu verlassen.
„Sir, ich kann verstehen, dass Sie beunruhigt sind. Aber wie Sie schon sagten, es war nicht meine Schuld, dass alles so gekommen ist. Daher wäre es nur fair, wenn Sie aufhören würden, mich ständig abblitzen zu lassen, sobald es unangenehm für Sie wird."
Snape stieß ein scharfes Zischen aus.
„Es ist in der Tat unangenehm. Begreifen Sie denn nicht, was Sie damit auslösen werden, indem Sie uns miteinander in Verbindung bringen? Denken Sie nur einmal über die Folgen nach, Miss Granger, die für Sie, für das Kind und für mich, sofern ich es erleben werde, entstehen werden."
Er nahm die Hand hoch und rieb sich damit die Schläfe. Die Anspannung in ihm war nun nicht länger zu verkennen.
Hermine senkte den Blick auf die Knöpfe, die sanft bei jedem seiner aufgewühlten Atemzüge in Bewegung gerieten. Sie wusste, dass es für ihn ebenso schwer war, mit der ganzen Situation umzugehen, wie für sie. Doch um jetzt auf ihn Rücksicht zu nehmen, war nicht der richtige Zeitpunkt. Sie musste handeln, solange sie die Gelegenheit dazu hatte, solange er da war, um sie anzuhören.
„Haben Sie gedacht, Sie könnten das umgehen, wenn Sie mich erst einmal geschwängert haben?", fragte sie hart. „Ich glaube nicht, dass Sie damit gerechnet haben, dass es so leicht werden wird, nicht wahr? Selbst dann, wenn Ihr ursprünglicher Plan aufgegangen wäre, hätten Sie Ihr Handeln Sie-wissen-schon-wem erklären müssen. Oder war es Ihnen einfach egal, weil Sie dachten, Sie sind bis dahin nicht mehr am Leben?"
Snape riss plötzlich den Oberkörper aus dem Sessel und beugte sich bedrohlich nah über den Tisch zu ihr nach vorn.
„Dass Sie es wagen, mich das zu fragen!", bellte er außer sich vor Zorn. „Habe ich in den vergangenen Monaten nicht schon genug erduldet? Ich dachte, wenigstens Sie hätten begriffen, worum es hier ging. Ich habe meinen Hals riskiert! Ihretwegen und für Potter und all die anderen, die zu blind sind, um etwas zu verstehen. Abend für Abend, den ich mit Ihnen zusammen verbracht habe, habe ich mich gefragt, wofür ich das eigentlich tue. Da haben Sie die Antwort, Granger: Für nichts!"
Entgeistert starrte Hermine auf sein verzerrtes Gesicht. Er war ihr nun so nahe, dass sie nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Doch konnte sie es wagen, das zu tun, nach den Dingen, die gesagt worden waren? Wollte sie das denn überhaupt, obwohl er so verbittert war? Schon früher hatte sie ihn berührt und ihre Scheu vor ihm dabei verloren. Und auch jetzt war der Drang, sich ihm anzunähern, da; vielleicht stärker denn je. Sie wollte den Streit mit ihm begraben, koste es, was es wolle.
Snape schloss die Augen.
„Es ist besser, ich bringe Sie zurück", sagte er kaum hörbar. „Es war ein Fehler, Sie von Ihren Freunden wegzuholen."
Sie schluckte.
„Das ist nicht wahr, Professor", sagte sie leise und stand auf. „Was auch immer es war, es war nicht umsonst, was zwischen uns geschehen ist."
Mit all dem Mut, den sie aufbringen konnte, ging sie auf ihn zu und nahm sein Gesicht in ihre Hände, um ihn dazu zu bewegen, sie anzusehen.
„Wirklich, Granger?"
Hermine nickte. Vorsichtig drückte sie sich an ihn und setzte sich auf seinen Schoß. Er ließ sie gewähren und sah sie mit fragenden schwarzen Augen an.
„Wie kommt es dann, dass Sie jetzt hier sind und nicht da, wo sie hingehören?", fragte er und seine Worte klangen rau und unverständlich.
„Vielleicht irren Sie sich ja, Professor. Vielleicht soll ich genau hier sein. Sie brauchen mich. Und ich brauche Sie."
