Ludicrous Smile
Kapitel 38
„Warum hat es so lange gedauert, bis ich davon erfuhr? Warum hat man mich nicht eher in Kenntnis gesetzt?"
„Verzeiht, mein Lord", sagte eine Stimme, die, obwohl sie im Augenblick untertänig klang, Harry das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Es war nichts zu machen. Niemand merkte, dass eine dieser unwürdigen Kreaturen unter einem Zauber stand. Ich selbst habe soeben erst von einer der Wachen davon erfahren. Natürlich wurde mir sofort bewusst, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging."
Harry hatte sich bemüht, die Verbindung nicht zuzulassen, die ihn an Voldemort knüpfte. Doch der Schmerz in seinem Kopf machte es ihm unmöglich, dagegen anzukämpfen. Er konnte alles sehen: Bellatrix, deren rote Lippen zitterten, die vor ihr auf dem Boden knienden Kobolde, den blässlichen Lucius, der sich offenbar von seiner Niederlage im Zaubereiministerium nie mehr richtig erholt hatte. Am seltsamsten aber war, wie das Gesicht der sonst so mächtigen Hexe neben ihm von Angst erfüllt war, als sie sprach.
„Was soll das heißen?", fragte Voldemort leise.
Bellatrix senkte den Kopf bis tief auf die Brust.
„Diebe. Wir wissen nicht, wie viele es waren. Aber wie mir berichtet wurde, haben sie – sie haben etwas mitgenommen."
Voldemort richtete den Zauberstab bedrohlich auf einen der Kobolde.
„W-wir haben alles genau gezählt", sagte er leise. „Es fehlt nur ein einziges Stück. Ein Becher, klein und ..."
Es genügte ihm schon, um zu wissen, dass der Horkrux in Gefahr war. Ohne Vorwarnung streckte er den Kobold nieder und wandte sich dann an Bellatrix.
„Habe ich dir nicht gesagt, du sollst darauf achten? Habe ich nicht befohlen, ihn mit deinem Leben zu schützen?"
Sie sah ihn an, die Augen glitzernd vor lauter Tränen, die aufgrund ihrer eigenen Unfähigkeit hervorbrachen.
„Mein Herr, Ihr wisst, dass ich alles für Euch tun – lasst mich gehen und ihn zurückbringen. Ich werde ihn finden -"
Voldemort hob den Zauberstab und ihre Angst wurde noch größer.
„Bitte, Herr ..."
Doch der Stab sauste auf sie nieder und schlug ihr den Kopf ab.
Wie gelähmt zwang Harry sich zu Ron ins Zelt zurück. Er bebte am ganzen Leib, wohl auch, weil er wusste, dass das Morden noch nicht vorbei war. Er hatte ihre zitternden Gliedmaßen gesehen aber kein Fünkchen Mitleid mit ihr gehabt, schließlich hatte sie Sirius getötet. Was ihn quälte, war nicht ihre Angst, als sie begriffen hatte, dass ihr keine Gnade zuteil werden würde. Auch nicht ihr Tod. Es war einzig und allein die Gewissheit, dass Voldemort nun wusste, dass man ihm auf die Schliche gekommen war.
„Er weiß es", sagte er mit brüchiger Stimme zu Ron. „Er weiß, dass wir in Gringotts waren."
„Hat ja auch ein Weilchen gedauert", entgegnete Ron matt, als hätte er nur darauf gewartet, dass es bald soweit sein würde.
„Er hat alle getötet, die nicht schnell genug auf und davon sind."
Ron machte ein dumpfes Gesicht.
„Also", setzte Harry nach und rieb sich die Stirn, „kommst du mit nach Hogwarts? Es wird nicht mehr lange dauern, bis er sich der Reihe nach davon überzeugen wird, ob sie noch dort sind, wo er sie zurückgelassen hat."
Ron nickte.
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Hermine hatte sich lange vor diesem Moment gefürchtet. Nun lag er unwiderruflich ausgebreitet vor ihr. Die Ereignisse überschlugen sich und es gab nichts, das sie dagegen tun konnte.
Das erste Zeichen kam von Severus, als er, während er des Abends neben ihr auf dem Sofa lag, seinen linken Arm gegen die Brust klatschte, plötzlich aufsprang und völlig überstürzt in seine Schuhe schlüpfte.
„Was immer auch passiert, verlass nicht das Haus", waren seine letzten Worte. Dann war er auch schon verschwunden.
Noch ehe sie so richtig verstanden hatte, was das zu bedeuten hatte, er war schließlich nicht zum ersten Mal zu Voldemort aufgebrochen, erhielt sie eine Nachricht von Harry, die besagte, dass er und Ron auf dem Weg nach Hogwarts waren.
Hermine blieb zurück, allein und den Kopf voller wirrer Gedanken. Ihr Magen krampfte sich scheußlich zusammen, als sie daran dachte. Sie hatte nicht erwartet, dass es sich so anfühlen würde, die Menschen, die ihr am wichtigsten waren, in eine Schlacht ziehen zu lassen, um für sie zu kämpfen. Sie hatte immer damit gerechnet, dabei zu sein, Seite an Seite mit Harry und Ron.
Verbissen kämpfte sie gegen die Tränen an und gegen die Angst. Sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Es gab noch so viel, das sie ihm sagen wollte. Aber es schien aussichtslos zu sein, in ihrem Zustand etwas dagegen zu unternehmen. Das Warten hatte begonnen.
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"Potter!"
Harry drehte sich um und ließ erleichtert den Zauberstab sinken. Er hatte keine Vorstellung davon gehabt, wie es sein würde, Professor McGonagall wiederzusehen. Fest stand nur, dass es ihm leidtat, nicht etwas länger mit ihr plaudern zu können. Der Weg ins Schloss war nicht leicht gewesen. Fast wären sie in Hogsmeade von Todessern geschnappt worden, wenn nicht in letzter Sekunde unerwartet der Wirt des Eberkopfes sie gerettet und über einen verborgenen Tunnel ins Schloss geschleust hätte.
"Was tun Sie denn hier?"
"Ich habe keine Zeit für lange Erklärungen. Aber uns steht ein Angriff bevor. In diesem Moment ist Voldemort dabei, seine Leute um sich zu scharren, um das Schloss zu stürmen. Wir haben auf dem Weg hierher Riesen gesehen …", er holte angestrengt Luft. "Legen Sie sämtliche Zauber über das Schloss, die Ihnen einfallen, um ihn so lange wie möglich aufzuhalten und alle minderjährigen Schüler zu evakuieren ... Ach ja, falls ich es vergesse, in den Kerkern sind alle möglichen Medikamente. Ich denke, Madam Pomfrey sollte ein paar Helfer versammeln und sich auf das Schlimmste gefasst machen. Am besten, Sie informieren das St. Mungo's. Und wenn Sie Professor Snape sehen, gehen Sie ihm einfach aus dem Weg. Fordern Sie ihn nicht heraus -"
"Wie bitte? Nach allem, was er getan hat?"
Harry blinzelte. Er wusste immer noch nicht, ob Snape es wert war, überhaupt bedacht zu werden. Doch darum musste er sich später kümmern. Es gab noch andere Dinge zu erledigen.
"Den Rest werde ich Ihnen wann anders erklären."
Harry wollte schon weiterlaufen, doch McGonagall griff nach seinem Arm und hielt ihn fest.
"Woher wissen Sie das, Potter?"
Harry spürte das Adrenalin durch seinen Körper strömen und sagte knapp: "Vertrauen Sie mir, Professor."
Ohne sich länger um sie zu kümmern rannte er mit Ron im Schlepptau davon.
"Du willst ihn also davonkommen lassen?", fragte Ron wenig später, als sie durch das Schloss eilten, um ihre Freunde im Gryffindor-Turm aufzusuchen und zu warnen.
"Wen?", fragte Harry abwesend. Das einzig Wichtige schien ihm im Moment Ginnys Name auf der Karte des Rumtreibers zu sein.
"Snape."
"Keine Ahnung, Ron. Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Im Moment möchte ich einfach nur noch einmal Ginny sehen ... Ist das ein Problem für dich?"
Ron zuckte mit den Schultern.
"Nein. Warum?"
"Nur so."
Schweigend liefen sie weiter.
"Denkst du, Hermine geht es gut?"
"Ich hoffe es, Ron."
"Sie wird doch wohl nicht so unvorsichtig sein und Snapes Haus verlassen, oder?"
"Nein. Es wäre viel zu riskant. Du hast doch gehört, was sie gesagt hat, über das Baby und so ..."
"Schon. Aber wenn doch, was dann?"
"Lass uns hoffen, dass sie es nicht tut. Ich hab ein komisches Gefühl, Ron. So als würde dieser Tag alles verändern."
Sie erreichten das Portrait der Fetten Dame und hielten atemlos inne.
"Passwort."
Harry und Ron starrten sich an.
"Dumbledore", platzte es aus Harry heraus. "Natürlich Dumbledore, was sonst?"
Die Fette Dame schwang zur Seite und ließ sie ein.
"Dumbledore?", fragte Ron verwirrt.
"War das Erste, was mir eingefallen ist", sagte Harry achselzuckend.
Im Nu waren sie umringt von ihren alten Klassenkameraden und weiteren Gryffindor-Schülern: Da waren Neville, Seamus, die Patil-Zwillinge, Lavender und etliche andere, die er seit Monaten nicht gesehen hatte. Alle sprangen von ihren Plätzen auf und plapperten wild durcheinander.
"Was macht ihr denn hier?", fragten Neville und Seamus zugleich.
"Euch warnen. Voldemort ist auf dem Weg hierher. Vermutlich bringt er ziemlich was an Verstärkung mit."
"Was? Woher weißt du das?"
Harry strich unbewusst mit der Hand über seine ziepende Narbe. Er hatte zweimal hinsehen müssen, um Neville zu erkennen, dessen Wangen deutlich abgemagert waren.
"Ich weiß es einfach", sagte er kurz angebunden. Es war verstörend, sie alle wiederzusehen und ihnen nicht mehr sagen zu können. "Wir – wir haben keine Zeit für Erklärungen, tut mir leid. Das Schloss wird jeden Moment angegriffen werden –"
"Dann erzähl uns mal deinen Plan", unterbrach ihn Neville kampflustig.
"Das geht nicht. Ich hab keinen Plan. Wir müssen zusehen, alle von hier wegzuschaffen. McGonagall wird derweil das Schloss sichern."
"Was soll das heißen?"
"Es heißt, dass Ron und ich weiter müssen", sagte er schweren Herzens, während er beobachtete, dass die soeben noch vor Wiedersehensfreude fröhlichen Gesichter blank wurden und ihn enttäuscht und fragend ansahen. Einige von ihnen hatten tiefe Ringe unter den Augen, andere blaue Flecken und Blutergüsse, die sich quer über die Köpfe hinweg verteilten. Offenbar hatten sie ganz schön was einstecken müssen.
"Aber wieso? Wenn Du-weißt-schon-wer auf dem Weg nach Hogwarts ist, müssen wir was unternehmen, um das Schloss endlich von seinem Regime zu befreien!"
Harry wurde langsam ungeduldig. Jede Minute, die sie hier herumstanden und miteinander diskutierten, verloren sie kostbare Zeit.
"Ich sagte doch schon, das geht nicht! Er wird eine Armee zusammenstellen. Ist euch klar, was das bedeutet? Die werden wahllos alles angreifen, was ihnen in die Quere kommt!"
"Das heißt, du brauchst uns", sagte Neville entschieden. Er sah in die Runde. "Hab ich es euch nicht gesagt? Irgendwann ist es soweit! Und jetzt ist er hier!"
Harry und Ron warfen sich verstohlene Blicke zu.
"Wir können nicht mehr länger warten. Ich habe euch gesagt, was Sache ist. Mehr kann ich nicht tun. Ich muss da was erledigen … Könnte jemand für mich Ginny holen?"
Seamus sah sich hilflos um.
"Die ist oben im Mädchenschlafsaal."
"Ich geh schon", sagte Lavender peinlich berührt und machte sich sofort auf den Weg. Vermutlich war sie froh, schnell wegzukommen. Seit sie und Ron Schluss gemacht hatten, konnten sich die beiden kaum noch in die Augen sehen.
Als Ginny wenig später die Treppe hinunterstieg, wurde Harry ganz flau im Magen. Er hatte auch sie seit Monaten nicht gesehen.
Während die anderen versuchten, von Ron zu erfahren, was denn nun geschehen würde, standen sich die beiden etliche Sekunden gegenüber und brachten kein Wort heraus. Irgendwann machte Ginny den Anfang.
"Ich hab gehofft, dass du kommst."
Harry schluckte hart. Sein Hals fühlte sich staubtrocken an.
"Du musst hier weg, Ginny. Nimm den Durchgang, der vom Raum der Wünsche zum Eberkopf führt. Durch ihn sind Ron und ich ins Schloss gelangt. Voldemort wird jeden Augenblick hier sein und das Schloss ..."
Ginny stürzte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. Harry wusste nicht, wie ihm geschah. Er war innerlich so zerrissen, dass er sie am liebsten bei der Hand genommen und mit ihr auf und davon gelaufen wäre. Doch das war keine Lösung, wie er wusste.
"Bitte", sagte er leise.
Ginny sah ihn an und schüttelte den Kopf.
"Ich werd nirgendwo hingehen. Wenn ihr kämpft, werde ich dasselbe tun."
"Aber ..."
"Versuch nicht, mich umzustimmen, Harry. Wenn das stimmt, was du sagst, wird meine ganze Familie hier sein. Ich weiß es! Glaubst du, ich könnte da einfach abhauen?"
Harry starrte wie benommen in ihr Gesicht. Sie hatte Recht. Er senkte den Blick und kramte in seiner Jackentasche nach der Münze, über die er den Kontakt zu Hermine Aufrecht erhalten hatte.
"Nimm sie. Hermine und Ron haben auch eine. Sie funktioniert ähnlich wie die, die wir für Dumbledores Armee verwendet haben. Du kannst uns jederzeit damit kontaktieren ..."
Ginny streckte die Hand aus und nahm die Münze entgegen.
"Danke. Danke, dass du gekommen bist."
In eben diesem Moment war ein gewaltiger Knall zu hören, der das gesamte Schloss zum Beben brachte. Draußen in der Dunkelheit zuckten helle Blitze über den Himmel. Der magische Schutz, der das Schloss umgab, bröckelte.
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Es sah aus, als würde ganz Hogwarts in Flammen stehen. Doch nur einige hundert Meter weiter, abseits des Getümmels, herrschte bedrückende Stille und Dunkelheit. Die Gewissheit, dass Voldemort den Kampf für eine Stunde unterbrochen hatte, um den Kämpfenden Zeit zu geben, sich zu sammeln und um die Verwundeten zu kümmern, und Harry zu fassen, um ihn auszuliefern, war beunruhigend. Einige der Slytherins hätten ihn wohl nur zu gern geschnappt, doch der Tarnumhang hatte sich wie so oft zuvor auch jetzt als nützlicher Helfer erwiesen.
Die Wut in Harry war unbeschreiblich. Er hatte gesehen, wie Schüler, halbe Kinder noch, gegen Todesser gekämpft hatten. Doch anders als damals bei dem Kampf im Ministerium, als es um die Prophezeiung gegangen war, hatten sie keine Gnade erfahren. Der Schlosshof war ein Ort des Gemetzels gewesen, dem nicht einmal einige der fähigsten Auroren etwas entgegenzusetzen gehabt hatten. Er hatte gesehen, wie eine Schar aus Monstern und Kreaturen aller Art, unter ihnen Inferi, Spinnen und Riesen, über das Schloss hergefallen waren, während Schüler und deren Angehörige, Lehrer, Auroren und viele andere versucht hatten, es zu verteidigen. Er hatte mit ihnen gekämpft und viele von ihnen sterben sehen. Doch wofür? Voldemorts Rache kannte keine Gnade. Von dem Moment an, in dem er realisiert hatte, dass seine Horkruxe in Gefahr waren, war auch Hogwarts in Gefahr gewesen. Er war haltlos über das Schloss und seine Bewohner hergefallen wie ein erbarmungsloser Sturm. Jeder, ganz gleich wie alt, sollte dafür bezahlen, dass Harry Potter es gewagt hatte, seinem großen Geheimnis der Unsterblichkeit auf die Schliche zu kommen.
Harrys Atem überschlug sich schier, als er seinen Kopf aus dem Tarnumhang streckte und Ron ansah. Ron war ebenso erschöpft und müde wie er. Alles an ihm fühlte sich taub an. Fred Weasley war im Zuge der Schlacht bei einer Explosion gestorben, gerade als Percy endlich zu seiner Familie zurückgefunden hatte. Auch Tonks und Lupin waren tot.
"Ich weiß, wo er ist", rief er Ron über den gewaltigen Lärm zu, den ein in der Nähe brüllender Riese verursachte. Es war nicht weiter schwer für Harry gewesen, das herauszufinden, denn noch immer tobte eine unglaubliche Wut in Voldemort.
Ron nickte, was keinesfalls zuversichtlich aussah.
„Wo gehen wir hin?", fragte er wie mechanisch.
„Zur Heulenden Hütte."
„Und was machen wir, wenn wir da sind?"
Harry antwortete nicht. Er war so wild entschlossen wie lange nicht mehr. Gemeinsam setzten sie den Weg fort.
„Wir müssen die Schlange töten", sagte Harry, als er mit dem Zauberstab die Peitschende Weide zum Stillstand gebracht hatte. „Sie ist unser oberstes Ziel."
„Jaah, das müssen wir. Aber es ist reiner Wahnsinn, jetzt da hineinzugehen! Vermutlich wartet er nur darauf, dass du kommst. Außerdem, was willst du denn machen, wenn Nagini uns angreift?"
„Uns wird schon was einfallen. Konzentriere du dich einfach auf das Schwert. Ich glaube, ich weiß schon, was ich tun muss."
Ron öffnete den Mund, um dagegen zu protestieren. Doch es war zu spät. Harry war schon in den Tunnel gekrochen.
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„Ich habe dich nicht grundlos aus der Schlacht zurückgerufen, Severus. Und weißt du auch warum?"
„Nein, Herr. Aber lasst mich gehen und den Jungen für Euch finden."
Er sagte es so überzeugend, dass Harry bereit war, ihm zu glauben, obwohl er sich sicher war, dass Snape log. Er hatte ebenso wie er selbst eine Ahnung, worum es Voldemort ging. Die ganze Zeit über, seit er mit Ron bei Xenophilius Lovegood gewesen war und daraufhin erlebt hatte, wie Voldemort Dumbledores Grab aufgebrochen hatte, um den Elderstab an sich zu nehmen, war es ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Jetzt, wo er hinter alten Kisten und Gerümpel verborgen am Ende des Tunnels, der ihn zuverlässig bis fast ins Innere der Heulende Hütte geführt hatte, kauerte und hörte, was Voldemort zu sagen hatte, kam es ihm irrsinnig vor, dass Voldemort sich nicht einmal an der Schlacht beteiligte.
„Es ist nicht nötig, dass du ihn findest. Er wird von selbst zu mir kommen."
Während Snape wiederholt darum bat, nach Harry suchen zu dürfen, um ihn zu ihm zu bringen, ließ Voldemort ihn eiskalt abblitzen. Hinter ihnen war Nagini zu sehen, die sich, umgeben von einer Art magischem Schutz, unablässig in einem verzauberten Käfig wand.
Harry spürte Zorn in sich aufwallen. Was hatte Snape vor? Wollte er ihn wirklich an seinen Herrn ausliefern? Oder wollte er sich nur Zeit verschaffen und seinen Herrn beschwichtigen?
„Bitte, Herr ..."
„Ich sagte, nein!"
Harry war erschüttert. Nie zuvor hatte er Snape so flehentlich gehört. Doch so sehr dieser auch versuchte, sich Gehör zu verschaffen, es war vergeblich. Ebenso wie bei einer zähen aber aussichtslosen Verhandlung um die Gunst, die Snape zweifelsohne in seiner Position vor seinem Herrn genossen hatte, die nun aber nicht länger gewährt wurde. Dann biss Harry sich getrieben vom Schmerz auf die Zunge, als Voldemorts Zorn jäh und unausweichlich über ihn herfiel.
„Ich sagte, er wird kommen! Aber das ist nicht das, was mich beschäftigt."
Snape verzog die Mundwinkel zu einem schmalen Lächeln.
„Mein Lord?"
Seine Stimme war so leise und weinerlich, dass es beinahe lächerlich wirkte, ihn neben seinem Herrn stehen zu sehen, der innerlich so voller Ungeduld war, weil er glaubte, nun endlich einen Weg gefunden zu haben, um seinen Widersacher Harry Potter ein für alle Mal loszuwerden.
„Es bleibt eine Frage offen, nämlich die, was passieren wird, wenn wir uns begegnen."
Nachdenklich streichelte er mit seinen weißen Fingern den Elderstab, den er aus Dumbledores Grab gestohlen hatte, was nur dazu beitrug, die Wut in Harry anzuheizen. Er hatte kein Recht dazu gehabt, das Grab zu zerstören, egal wie sehr er sich wünschte, Dumbledore hätte ihm mehr über seine Pläne verraten.
„Kannst du mir erklären, warum mein Zauberstab mir seinen Dienst versagte, als ich ihn auf den Jungen richtete? Ebenso wie der von Lucius nicht das tat, was er tun sollte?"
„Nein."
Harry kam nicht umhin, auf Snapes Gesicht zu starren, das nun unablässig Voldemort entgegenblickte. Er sah aus, als wüsste er, dass er gleich sterben würde. Er war so bleich, dass es unmöglich schien, dass noch Leben in ihm steckte. Natürlich wusste er. Er hatte Dumbledore getötet. Er hatte das aufgebrochene Grab gesehen. Doch warum tat er nichts dagegen? Vielleicht weil er wusste, dass es zwecklos war? Voldemort konnte nicht getötet werden. Er war unsterblich ... Wollte Snape trotzdem immer noch seine Tarnung aufrechterhalten?
„Es muss sein, Severus. Du warst ein guter Kämpfer. Aber es gibt nur einen Weg, wie ich ihn mir zu Eigen machen kann. Und nachdem du Albus Dumbledore getötet hast, wird er mir nicht gehorchen, solange du lebst."
Snape hob instinktiv seinen Zauberstab. Doch selbst jetzt benutzte er ihn nicht.
Plötzlich wusste Harry, dass er etwas tun musste. Er dachte an Hermine und das Baby. Er dachte an seine eigenen Eltern und daran, wie sehr er sich immer danach gesehnt hatte, sie kennenzulernen; die Wahrheit zu erfahren, wie sie wirklich gewesen waren, ohne sich dabei auf die Erzählungen anderer verlassen zu müssen.
Und schließlich nahm er den Tarnumhang ab und stopfte ihn in seine Jacke. Er war so entschlossen, dass er nicht weiter auf Rons Hand achtete, die ihn davon abhalten wollte. Ihm kamen Hermines Worte in den Sinn. Es stimmte: Der Zauberstab mochte keine so bedeutende Rolle spielen, wie Voldemort es erwartete, denn er, Harry, hatte bereits zuvor gegen ihn bestanden. Seither hatte er mehr oder weniger erwartet, eines Tages im Kampf gegen ihn sterben zu müssen. Vielleicht war das ja nun sein Moment. Vielleicht aber auch nicht. So oder so war er nicht hier hergekommen, um jetzt einen Rückzieher zu machen. Es gab viele Menschen, die darauf vertrauten, dass er sie von Voldemort befreien würde; all jene, die hergekommen waren, um mit ihm gemeinsam gegen den Tyrannen zu kämpfen. Ebenso wie die, die in der Hoffnung gestorben waren, dass seine Herrschaft eines Tages ein Ende nehmen würde.
So verlockend die Heiligtümer des Todes auch sein mochten, konnten sie nicht an dem rütteln, was Hermine gesagt hatte. Er hatte darüber nachgedacht, was es mit dem goldenen Schnatz auf sich hatte, den Dumbledore ihm vermacht hatte, und war zu dem Schluss gekommen, dass der Stein, der in dem Ring gewesen war, den Dumbledore sich angesteckt hatte, darin verborgen sein musste. Doch brauchte er ihn wirklich, um zu wissen, wer seine Eltern gewesen waren? Hatte sich nicht auch der ursprüngliche Besitzer des Steins, der einer der Drei Brüder aus dem Märchen gewesen war, davon in die Irre leiten lassen? Harry war zu dem Schluss gekommen, dass selbst der Stein der Auferstehung ihm seine Eltern nicht zurückbringen würde, wie er es sich vielleicht immer gewünscht hatte. Es war zu spät, um noch etwas daran zu ändern. Alles, was er tun konnte, war zu versuchen, Voldemort aufzuhalten. Und das würde er, koste es, was es wolle. Er war bereit, alles hier aufzugeben, wenn er dadurch nur etwas ändern konnte.
„Du hast Recht, Tom", sagte Harry mit gefestigter Stimme, als er sich aufrappelte und über die Kisten hinweg stieg, die ihm den Weg versperrten.
Voldemort fuhr herum. Seine nackten Füße glitten tänzelnd über den Boden, sein Umhang raschelte. Snape hingegen war wie erstarrt.
"Du kannst töten, wen immer du willst. Aber mich wirst du damit nicht besiegen, solange du nicht den Mut hast, gegen mich alleine zu kämpfen. Los, von mir aus töte ihn. Aber es wird dir nichts nützen. Der Stab wird dir trotzdem nicht gehorchen, weil du nicht begreifst, wie er wirklich funktioniert."
Voldemorts Nüstern blähten sich und sein schlangenähnliches Gesicht zuckte. Er war beunruhigt und überrascht zugleich, so jäh unterbrochen zu werden.
"Du irrst dich", sagte er flüsternd und seine roten Augen glühten unheimlich. "Ich habe längst begriffen, du dummer Junge."
Harry wollte lachen.
"Bist du dir sicher?", fragte er herausfordernd. "Lass uns das hier beenden, Tom. Lass uns nach draußen gehen, um zu sehen, wer gewinnt. Ich bin bereit dazu. Aber bist du es auch? Denk nach, Tom. Das war es doch, was du immer wolltest, nicht wahr?"
Voldemort hob den Zauberstab und Harry, der wusste, dass Ron bei ihm war, hatte keine Angst mehr. Er versuchte gar nicht erst, seinen eigenen Stab gegen seinen Widersacher zu richten. Wozu auch? Ron wusste, was zu tun war. Er trug eine der verzauberten Taschen von Hermine bei sich, die das Schwert enthielt. Vielleicht würde es ihm ein paar Sekunden Zeit verschaffen, wenn Voldemort ihn niedergestreckt hatte...
Aus den Augenwinkeln glaubte er, dass Snape ihn ansah. Fast war ihm, als würde er ihm etwas sagen wollen. Aber es hätte genauso gut Einbildung sein können. Und dann schoss das grüne Licht aus der Spitze des Zauberstabs auf Harry zu. Ungehalten traf ihn der Fluch.
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Harry rappelte sich hoch und sah nichts als gleißendes Licht. Er wusste nicht, wo er war. Er spürte ein wenig Kälte aber keinen Schmerz, wie er es erwartet hatte, sondern vielmehr Erleichterung, dass er zugelassen hatte, was sein Schicksal gewesen war. Während er sich in dem nebligen Schleier umsah, den seine Augen offenbarten, beschlich ihn das eigenartige Gefühl, nicht allein zu sein. Und tatsächlich, nur ein paar Meter von ihm entfernt lag zusammengekrümmt auf dem trüben, glatten Boden eine kleine, kümmerliche Gestalt, die ihn an etwas erinnerte, das die Überreste Voldemorts hätten sein können.
Er wich zurück und stolperte fast über seine eigenen Füße. Erst jetzt bemerkte er, dass er keine Kleider am Leib trug. Shit. Was ging hier vor? War er am Ende gar nicht tot? Woher sollte er wissen, wie es war, tot zu sein, wenn er es noch nie erlebt hatte? Er hörte ein leises Rascheln hinter sich und blickte sich um.
Dumbledore stand keine zwei Armlängen von ihm entfernt und sah ihn an. Harry bedeckte eilig mit den Händen seine bloßen Unterleib und starrte zurück. Warum hatte Dumbledore seine Klamotten an und er nicht? Er wollte etwas sagen, brachte es aber nicht über sich. Er wusste nur noch, dass er vorgehabt hatte, ihn zur Rede zu stellen, doch eigentlich hatte er gehofft, es in Snapes Büro tun zu können, anstatt splitterfasernackt hier im Nirgendwo. Endlich fasste er sich ein Herz.
"Bin ich tot?"
"Nicht ganz."
Okay. Das erklärte dann so einiges.
"Warum nicht? Der Todesfluch hat mich voll erwischt."
Überrascht über seine eigene Bereitschaft, sich mit seinem ehemaligen Schulleiter auszutauschen, stutzte er. Hatte er nicht vorgehabt, ihm ordentlich die Meinung zu sagen? Doch wie es aussah, galt das nicht, wenn man sich in einer Zwischenwelt wie dieser befand, denn abgesehen von dem verstörenden Ding auf dem Boden war alles viel zu friedlich, um so etwas wie Wut zu verspüren.
"Was ist passiert, Professor?"
Dumbledore legte Harry beruhigend die Hand auf die Schulter und Harry spürte, dass sich ein Umhang über seinen Körper legte. Dankbar hüllte er sich darin ein und genoss die wohltuende Wärme. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Dumbledores Hand, die durch den Ring unbrauchbar geworden war, wieder in demselben reinen Zustand war wie zu den Zeiten davor.
"Erinnerst du dich an das, was ich dir über die Horkruxe gesagt habe?", fragte Dumbldore sanft und sah ihn über die Gläser seiner Brille hinweg an. "Nun, einer von ihnen ist soeben zerstört worden. Er hat ihn damals unwillentlich erschaffen, als er dich töten wollte und ihn nun selbst wieder vernichtet."
"Sie wussten also, dass ich sehr wahrscheinlich sterben muss?"
Dumbledore blickte ernst.
"Die Prophezeiung hat es besagt. Und wenn du ehrlich bist, hast du es die ganze Zeit über geahnt."
"Ja. Aber haben Sie nicht gesagt, dass Voldemort es war, der entschieden hat, was daraus wird, indem er sich dazu entschlossen hat, ausgerechnet meine Familie zu jagen? Ich hatte immer gehofft, Sie würden es mir irgendwann erklären, Sir."
"Ich habe Severus angewiesen, es dir im rechtem Moment zu sagen, nämlich dann, wenn du bereit bist, die Nachricht zu ertragen. Indem du dich heute Voldemort gestellt hast, hast du entschieden, was geschehen wird."
"Dann wusste Snape die ganze Zeit davon?"
"Er wusste, was er wissen musste."
"Aber … was genau soll das alles bedeuten? Es gibt so viel, das ich nicht verstehe. Voldemort wollte Snape töten, weil er dachte, der Elderstab würde ihm sonst nicht gehorchen. Wussten Sie etwa auch, dass er hinter dem Stab her war?"
Dumbledore seufzte tief.
"Du hast Recht. Ich habe es dir nicht gesagt, weil ich befürchtete, du könntest von deinem Weg abkommen und darüber hinaus die Horkruxe vergessen. Doch die Heiligtümer zu suchen und zu besitzen heißt nicht zugleich, Voldemort zu besiegen. Du weißt es vielleicht nicht, aber er selbst hatte es nicht darauf abgesehen, sondern nur auf den Stab. Zumindest denke ich, dass das so zutrifft."
Harry nickte. Er hatte so viele Fragen an ihn, dass er gar nicht wusste, wo er anfangen sollte. Eine davon aber schmerzte ihn besonders. So sehr sogar, dass er die Wahrheit unbedingt erfahren wollte, um das Bild, das er sich von Dumbledore zusammengesetzt hatte, vervollständigen zu können.
„Sir? Es geht mich vielleicht nichts an, aber ich muss es wissen. Dachten Sie, ich würde wie Grindelwald der Versuchung unterliegen, nach den Heiligtümern zu suchen? Ich habe einiges darüber gelesen und mir immer gewünscht, Sie hätten mir davon erzählt, bevor Sie mich auf diese Suche geschickt haben."
Es wurde still und Harry sah wartend auf Dumbledores hakennasiges Profil. Warum antwortete er nicht? Etwa, weil er sich dafür schämte, sich mit Grindelwald angefreundet zu haben? Immerhin hatte er deswegen seine Familie aufgegeben. Oder vielleicht, weil er Harry nicht verletzen und ihm die Wahrheit vorenthalten wollte? Beides schien möglich zu sein, doch Harry wollte es endlich wissen. Schon damals, als er kurz nach Dumbledores Tod die verschiedensten Dinge über dessen früheres Leben erfahren hatte, hatte er sich gefragt, warum er nie mit ihm darüber gesprochen hatte. Hatte er ihm am Ende nicht genug vertraut?
„Nein", sagte er schließlich. „Das dachte ich nicht, denn du warst immer so vollkommen anders als er. Vielmehr fürchtete ich, du könntest wie ich werden. Ach, Harry, was du darüber gelesen oder gehört hast, hat dich verwirrt, nicht wahr?"
Harry nickte und Dumbledore schloss für einen Moment die Augen, ehe er fortfuhr.
„Du kennst die Geschichte, Harry. Du weißt, was meiner Schwester angetan wurde und wie mein Vater sie rächen wollte."
„Ja, ich kenne sie", sagte Harry leise und dachte dabei an die unterschiedlichen Zeitungsberichte des Elphias Doge und der Rita Kimmkorn, die bei ihm so viel ins Wanken gebracht hatten, noch ehe er sich überhaupt auf die Suche nach den Horkruxen gemacht hatte. „Aber ich hätte es gern von Ihnen selbst erfahren."
Harry spürte, wie sehr Dumbledore sich wünschte, die Dinge ungeschehen machen zu können, die er getan hatte. Das, was in seiner Jugend ein verlockender Traum für ihn gewesen war, war nun seine größte Schmach. Und plötzlich gab es keinen Grund mehr für ihn, weiter darüber nachzuforschen, was Dumbledore dazu gebracht hatte, seine Familie zu verlassen, um nach dem größeren Wohl zu suchen, dem er sich verschrieben hatte. Was er wissen musste, hatte er erfahren. Viel interessanter schien da plötzlich eine andere Frage zu sein.
„Sagen Sie mir eins, Professor", sagte er ruhig. „Warum hat Snape seinen Herrn verraten?"
„Harry, Harry", murmelte Dumbledore in seinen Bart hinein. „Du wärst nicht erfreut darüber, das zu hören."
„Das ist mir gleich, Professor. Bitte, ich – ich brauche Gewissheit."
„Gewissheit?", fragte Dumbledore mit gerunzelter Stirn. „Was musst du denn noch wissen, was du nicht ohnehin schon weißt?"
Harry schüttelte den Kopf.
"Bitte, Sir. Wieso haben Sie ihm immer vertraut? Wie war das möglich, wo alle anderen an seiner Loyalität gezweifelt haben?"
Während Harry lauernd darauf wartete, das große Geheimnis zu erfahren, strich sich Dumbledore nachdenklich mit seinen Fingern durch den langen Bart.
"Um das zu verstehen", sagte er dann, "müsstest du seine Motive kennen, Harry. Es gibt nur eine Sache, die jemanden dazu bewegen kann, vollkommen umzudenken. Ebenso wie diese eine Sache es war, die deine Mutter dir gegeben hat, um dich zu beschützen, hat sie auch in ihm etwas ausgelöst."
"Sie meinen, Liebe?", fragte Harry stutzig. Rückblickend kam es ihm so vor, als hätte Dumbledore immer gern davon gesprochen. "Aber wen könnte Snape ..."
"Professor Snape kannte jemanden, den du nie kennenlernen konntest. Vielleicht ahnst du es bereits und hast dich im Verborgenen immer vor einer derartigen Verbindung gefürchtet, seit du damals irrtümlicherweise in das Denkarium gesehen hast. Und vielleicht war das der Grund, weshalb ihr niemals miteinander auskommen konntet."
Harry spürte nichts, als er den Gedanken vollendete. Keinen Zorn, keine Abscheu. Er war nicht einmal sonderlich überrascht.
"Sie reden von meiner Mutter?"
Dumbledore lächelte sanft.
"Ja. Der einzige Mensch, der ihm jemals wichtig war, der sogar so bedeutend für ihn war, dass er nie aufgehört hat, sie zu lieben, war deine Mutter."
"Aber - aber wie konnte er sie dann verraten? Wie konnte er die Prophezeiung verraten, wenn sie ihm angeblich so wichtig war?"
"Darüber haben wir vor zwei Jahren schon einmal geredet, wenn du dich erinnerst."
Harry schwieg und senkte den Blick auf seine Hände, die entspannt auf seinen Oberschenkeln ruhten. Er wusste noch, wie er immer wieder entschieden dagegen angekämpft hatte, die Erklärungen Dumbledores zu akzeptieren. Für ihn waren es nichts als Ausreden und Ausflüchte gewesen. Heute, nachdem er so viel Zeit damit verbracht hatte, darüber nachzudenken, was Snape und Dumbledore geplant hatten, konnte er sie bei Weitem besser verstehen.
Er sah wieder auf.
"Was hat er getan, nachdem er die Prophezeiung an ihn weitergegeben hatte? Ich meine - wusste Voldemort davon?"
"Du meinst, ob Severus ihn gebeten hat, deine Mutter zu verschonen?" Er seufzte. "Ja. Aber als Severus erfuhr, dass es zwecklos war, darauf zu hoffen, kam er zu mir."
Das war es also. Harry atmete tief durch. Den Rest kannte er nun inzwischen soweit, dass er wenigstens vorerst aufhören konnte, an Snape zu zweifeln.
„Sir ..."
„Nicht heute, Harry. Wir haben genug geplaudert. Du musst noch eine weitere Entscheidung treffen. Oder willst du am Ende gar nicht zurück?"
„Ich kann zurück?"
Anstatt einer Antwort löste Dumbledore sich von ihm los. Er entfernte sich Stück für Stück, als Harry mit seinem Bewusstsein in die Heulende Hütte zurückkehrte.
Hustend und nach Luft ringend kam er zu sich. Er hörte ein schwaches Stöhnen und wusste sofort, dass es von Voldemort kam.
Erst jetzt, als seine Augen umherschweiften, registrierte er, dass er bäuchlings auf dem staubigen Boden der Hütte lag. Er tastete mit den Fingern nach seinem Zauberstab und richtete sich auf. Neben sich sah er Ron mit dem Schwert von Gryffindor in der Hand stehen, der angestrengt keuchte. Vor ihnen lag Voldemort. Auch er kam schwerfällig auf die Beine. Anscheinend hatte es ihn ebenso wie Harry von den Füßen gerissen, als er mit seinem Fluch den Horkrux in Harry zerstört hatte.
Harry stand mit zittrigen Beinen da und hatte Mühe, all die Eindrücke, die auf ihn einbrachen, zu verarbeiten. Er suchte fieberhaft mit den Augen die Hütte ab und sah, dass der schützende Käfig, indem Nagini gewesen war, durch den Hieb des Schwerts zerstört worden war. Ebenso die Schlange selbst. Ron hatte ihr mit einem glatten Schnitt den Kopf abgetrennt. Es gab keinen Zweifel, dass sie tot war.
"Du lebst!", sagte Ron ungläubig.
Harry hörte kaum hin. Er konnte es selbst nicht glauben und brachte nur ein halbherziges Nicken zustande. Dabei erkannte er den schwarzen Schatten, der hinter Voldemort stand. Es war Snape und er harrte mindestens ebenso reglos an seinem Platz aus wie zuvor. Harry wusste nicht, was er davon halten sollte. Vielleicht hatte er insgeheim darauf gewartet, dass Snape zu seinem Herrn stürzen würde, um ihm aufzuhelfen, und war nun enttäuscht, als er es nicht tat. Es war wie ein Beweis für den Hass und die Gleichgültigkeit seinem Herrn gegenüber, die Harry bisher immer erfolgreich abgetan hatte. Oder er hatte darauf vertraut, dass er fliehen würde, wie er es damals nach der Ermordung Dumbledores gemacht hatte. Doch nichts dergleichen geschah. Keine Miene auf Snapes starren, farblosen Gesicht deutete darauf hin, was in ihm vorging. Harry war es egal. Er wusste, was er zu tun hatte und machte sich bereit, den letzten Schlag gegen Voldemort zu landen, damit es endlich ein Ende nehmen konnte. Die Minuten, die er während seiner Bewusstlosigkeit im Zwiegespräch mit Dumbledore verbracht hatte, kühlten seinen Zorn. Er war entspannt und zum ersten Mal überhaupt zufrieden mit sich selbst.
Voldemort wankte leicht. Es war auch für ihn unbegreiflich, was geschehen war. Warum war Potter noch immer am Leben? Warum war Nagini nicht mehr in ihrem Käfig? Wie zur Besiegelung seines Niedergangs bildete Harry sich ein, nackte Angst zu seiner Verunsicherung hinzu erkennen zu können.
Als er dann auf den Beinen stand, stieß Voldemort ein unheimliches Lachen aus.
„Na los doch, Tom", rief Harry ihm darüber hinweg zu. „Jetzt gibt es nur noch dich und mich. Du weißt, was gleich passieren wird. Einer von uns muss sterben."
Er hatte im Hinterkopf überlegt, ob er ihn damit überfallen sollte, die Wahrheit über Snape und Dumbledore zu verraten, um ihm damit einen schweren Hieb zu versetzen. Aber Voldemort musste es gar nicht wissen. Es genügte, wenn er selbst es wusste.
Voldemort riss den Arm nach oben und der Elderstab sauste auf Harry nieder. Doch Harry hatte es kommen sehen und sprengte ein Loch in die Tür, um nach draußen zu hechten.
Voldemort stieß einen wütenden Schrei aus, als er sah, dass sein Zauber sein Ziel verfehlt hatte, und rauschte ebenfalls hinaus. Das Licht der aufgehenden Sonne schlug Harry entgegen. Sie war wie ein Symbol, das ihm Kraft gab. Er fühlte sich gut und befreit.
"Komm schon, Tom", forderte er lockend, während er immer wieder mit dem Zauberstab auf Voldemort zielte und ihm so keine Gelegenheit gab, sich von ihm abzuwenden. "Lass es uns beenden."
Sie umkreisten und duellierten sich so lange, bis sie sich zum großen Platz vor dem Schloss durchgekämpft hatten, genau dorthin, wo Harry ihn haben wollte.
"Du willst hier sterben?", fragte Voldemort zischelnd. Deutlich lauter fügte er an: "Damit alle sehen können, wie ich dich töte? Ebenso wie ich dafür gesorgt habe, dass Albus Dumbledore stirbt?"
Eine riesige Schar Schaulustiger fand sich sogleich ein, als seine Stimme über den Platz dröhnte. Alle paar Sekunden, in denen sie sich unablässig umkreisten, wurden es mehr. Viele hatten die Pause der letzten Stunde genutzt, um sich in medizinische Behandlung zu begeben, doch nun war jeder auf den Beinen, der sich aufrecht halten konnte. Alle wollten mit eigenen Augen sehen, was geschah.
"Du wirst es nie begreifen, Tom. Genau das ist der springende Punkt. Du hast Dumbledore nie besiegt, weil er dir jederzeit weit voraus war. Er hat alles genau geplant. Er plante sogar seinen eigenen Tod."
"Du irrst dich, denn ich alleine habe dafür gesorgt, dass er starb."
"Nein, hast du nicht, denn er wollte getötet werden. Und zwar von dem Mann, dem er immer vertraute, seit du angefangen hast, meine Eltern zu jagen. Denk nach, Tom. Es geschah genauso, wie Dumbledore es wollte."
Niemand sagte etwas. Niemand wagte, sich zu rühren. Es war totenstill, damit auch der Letzte im entferntesten Winkel des Platzes es hören konnte.
"Siehst du jetzt deinen Fehler, den du gemacht hast? Deine Überheblichkeit und Selbstüberschätzung haben dich blind werden lassen."
Harry konnte erkennen, dass einige der Umstehenden entsetzte Gesichter machten. Sie wollten nicht glauben, was das zu bedeuten hatte. Es waren Auroren unter ihnen, ebenso wie einige treue Todesser. Vermutlich waren inzwischen auch Ron und Snape am Schauplatz angelangt, um den Ausgang des letzten Kampfes und somit der gesamten Schlacht mitzuverfolgen.
"Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Dumbledore, in dem er mir sagte, dass er Snape vertraute. Doch ich war zu wütend auf alle beide, um es zu verstehen. Vielleicht war ich damals genauso blind und hochmütig wie du, Tom. Ich wollte es besser wissen und Dumbledore nicht glauben, ja, ihn nicht einmal anhören, wie auch du dich geweigert hast. Aber im Gegensatz zu dir habe ich angefangen, die Sachen zu hinterfragen, die du immer unter deiner Würde fandst und abgetan hast."
Ein hohles Lachen erfüllte die Luft.
"Und wieder irrst du dich. Habe ich denn nicht bewiesen, wozu ich fähig bin? Dass niemand mir gewachsen ist? Dumbledore ist tot. Er hat mir sogar noch ein Geschenk hinterlassen."
Seine Finger strichen sanft und siegessicher über den Elderstab.
"Hast du dich je gefragt, warum Dumbledore nicht verhindert hat, dass du den Elderstab erlangst?", warf Harry gelassen ein. "Ich werde es dir sagen: Du bist kein besserer Zauberer als wir. Du bist nur zu sehr davon überzeugt, richtig zu liegen. Doch selbst mit dem Elderstab wirst du mich nicht schlagen können."
Erneut wirbelte der Stab durch die Luft, doch Harry war sich plötzlich so sicher, dass er ihn besiegen konnte, dass er gekonnt parierte. Es spielte keine Rolle für ihn, wer von ihnen den Elderstab hatte oder wie mächtig dieser war. Er wusste, wofür er kämpfte. Mehr Gewissheit brauchte er nicht, um gegen Voldemort zu bestehen. Er war nun ebenso sterblich wie alle anderen hier.
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Die Sonne hatte sich längst über den Horizont gekämpft, als Voldemort besiegt war. Harry hatte gesehen, wie sie seinen leblosen Körper weggeschafft hatten. Er hatte auch die vielen Toten und Verwundeten gesehen, die seinetwegen zu Schaden gekommen waren.
Trotz des heillosen Durcheinanders im gesamten Schloss stellte sich schon bald eine Art Routine ein, was zu tun war. Viele freiwillige Helfer waren geblieben und taten, was getan werden musste. Kingsley Shacklebolt war einstweilen zum Zaubereiminister ernannt worden. Überall waren Auroren zugange, um sich um die übriggebliebenen Todesser zu kümmern, die sich in nicht allzu ferner Zeit einem Verfahren unterziehen sollten.
Unter ihnen war auch einer, der eigentlich nirgendwo sonderlich dazuzugehören schien. Er stand abseits und diskutierte umringt von einer Handvoll Auroren ausgiebig mit einer aufgebrachten Minerva McGonagall, jedenfalls solange, bis es den umstehenden Auroren zu bunt wurde und sie das Gespräch unterbrachen.
„Wenn Sie nichts dagegen haben, Professor, werden wir ihn jetzt mitnehmen", grunzte einer der Auroren, ein schlanker junger Mann, kaum älter als Harry, ungeduldig an McGonagall gewandt.
McGonagall hob drohend den Zeigefinger und die Auroren sahen sie mit gerunzelter Stirn an.
„Das kommt gar nicht infrage! Er ist einer meiner Professoren -"
„Ja, das kann sein. Aber zuerst müssen wir klären, was genau sich da abgespielt hat, bevor wir zulassen können, dass er weiterhin hier unterrichtet."
„Wagen Sie es nicht, mir ins Wort zu fallen, junger Mann! Was bilden Sie sich eigentlich ein? Ich bin vorübergehend die Leiterin der Schule und ich sage ..."
Der Auror schüttelte den Kopf und ließ sie stehen. Er hatte gesehen, dass Harry das Szenario beobachtete und schritt eilends auf ihn zu.
„Was sollen wir mit ihm machen?", fragte der Auror, als ob Harry die Lösung aller Probleme im Gepäck hatte.
Harry starrte Snape an. Snape grinste verschlagen hinter seinem Vorhang aus strähnigem schwarzem Haar zurück und verschränkte die Hände hinter dem Rücken, um sich die magischen Fesseln anlegen zu lassen.
„Von mir aus töte ihn?", rief er Harry zu und schüttelte den Kopf. „Wirklich, Potter ..."
Harry brauchte einen Moment, um zu begreifen, worauf er hinaus wollte. Fast wünschte er sich für Snape, dass er abgehauen wäre, um sich nicht abführen lassen zu müssen. Da er aber wusste, dass der Professor es sich nicht leisten konnte, noch mehr in Verruf zu geraten, wenn er irgendwann darauf hoffte, mit Hermine zusammen sein zu können, hatte er es nicht getan. Zu dumm. Wie es aussah, würden er und Harry sich auch in Zukunft miteinander herumschlagen müssen.
„Versuchen Sie ja nicht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden", brüllte er mit heiserer Stimme zurück. „Sie haben nicht mal den Versuch unternommen, ihn aufzuhalten, als er den Zauberstab auf mich richtete!"
„Natürlich nicht. Er war unsterblich. Es wäre also zwecklos gewesen, es zu versuchen."
Harry schnaubte leise und schenkte ihm keine Beachtung mehr.
„Es wäre von Vorteil, wenn sie darüber mit Dumbledore reden", wies er den Auror an. „Er wird Ihnen bestimmt weiterhelfen."
Der Auror machte ein zutiefst eigenartiges Gesicht.
„Albus Dumbledore? Aber der ist tot ..."
„Jaah, ich weiß. Ist oben im Schulleiterbüro. Kann da nicht weg, verstehen Sie?"
Der Mann rollte mit den Augen und gab seinen Kollegen ein Zeichen, dass es an der Zeit war, mit den Gefangenen von hier zu verschwinden.
Harry sah ihnen nach. Er musste dringend Ron oder Ginny suchen, damit sie Hermine kontaktieren konnten ... Ob sie schon erfahren hatte, dass alles vorbei war? Hoffentlich würde sie sich nicht zu sehr darüber aufregen, dass die Auroren Snape mitgenommen hatten. Andererseits, wenn er so darüber nachdachte, würde es ihm vielleicht nicht schaden, ein oder zwei Nächte in Untersuchungshaft zu verbringen. Auf die Art hatte er wenigstens seine Ruhe vor dem ganzen Trubel, den es zweifelsohne seinetwegen noch geben würde.
Harry grinste und kam sich auf einmal ziemlich dämlich vor. Wahrscheinlich hatte Snape denselben Gedanken gehabt, als er bereit gewesen war, sich abführen zu lassen.
