Versprechen
Die kleinen Lily und Petunia waren mit dem Einverständnis ihrer Eltern mitten in der Nacht aufgestanden. Um zwei Uhr morgens waren sie schon hellwach. Manche könnten es für verantwortungslos halten, neun- und elfjährige Kinder so des Schlafs zu berauben. Ihre Eltern aber, Mr und Mrs Evans, hätten es für noch verantwortungsloser gehalten, Kinder wegen ihres jungen Alters von solch einem historischen Augenblick auszuschließen. Darüber hinaus hatten die Mädchen Ferien und durften also am nächsten Tag spät aufstehen.
Mrs Evans hatte Tee und heißen Kakao zubereitet und die Mädchen spielten mit Puppen in einer Ecke im Wohnzimmer, während sie regelmäßig zum Fernseher blickten. Ihre Eltern hatten ihnen erklärt, was geschehen würde, und sie warteten ungeduldig darauf, einen Menschen auf dem Mond gehen zu sehen. Und nach den Lichtern in zahlreichen Häusern der Straße zu schätzen, waren sie nicht die einzigen.
Als der englische Moderator seine Rede unterbrach, um die Liveübertragung aus der NASA beginnen zu lassen, setzten sich alle vier Evans auf das Sofa. Petunia verhöhnte ein wenig den amerikanischen Akzent der Journalisten und des Personals der NASA. Lily war ihrerseits nach vorne gerutscht, um besser zu sehen. Sie versuchte, sich alles im Detail einzuprägen, weil sie ihrem Freund Severus versprochen hatte, ihm am nächsten Tag von der Sendung zu erzählen. Der Arme... seine eigenen Eltern hatten ihn nicht wecken wollen, um seinen Schlaf nicht zu stören. Sie war froh, dass ihre Eltern so verständnisvoll waren. Die besagten Eltern kommentierten die Sendung leise, während sie ihren Tee tranken.
Als die Liveübertragung von der Mondoberfläche begann, schwiegen alle und spitzten die Ohren. Die Bilder waren unscharf und getrübt und der Ton so verzerrt, dass es kaum zu verstehen war. Doch das war unwichtig. Wie Millionen von Leuten auf der Welt sahen die Evans, wie Neil Armstrong die Leiter hinunterstieg, die Mondoberfläche beschrieb und schließlich einen Fuß darauf setzte. Sie hörten den ersten Satz eines Menschen auf dem Mond.
Lily war von den Bildern sehr beeindruckt, doch Petunia war enttäuscht. Sie hatte Besseres erwartet, das ähnelte nicht den Filmen, die sie schon gesehen hatte. Die beiden Schwestern fingen an zu streiten. Lily wollte die erste Frau auf dem Mond sein, denn sie hielt das für ungerecht, dass die Amerikaner nur Männer dahin schicken wollten. Petunia erwiderte, dass Lily zu jung war, um das zu verstehen. Sie hatte gerade mit der Gesamtschule angefangen und sie wusste, dass Frauen nicht auf den Mond hinkonnten. Zuerst war es zu schwierig für sie. Und noch dazu mussten sie sich um das Haus und die Kinder kümmern, und da es auf dem Mond keinen gab, nutzte es nichts, dass sie dorthin flogen. Übrigens waren die Amerikaner ihrer Meinung, denn sie hatten keine Frauen als Astronauten gewählt, und sie waren ja die besten, oder? Ob man ein Mädchen sei oder nicht, bemerkte Mr Evans, müsse man in der Schule sehr gut sein, wenn man Astronaut werden wollte. Und Lilys Noten seien bei Weitem nicht zufrieden stellend.
Mrs Evans unterbrach die Debatte mit einem strengen „Ins Bett!", ehe Lily die Zeit hatte zu antworten. Als sie im Bett lag, dachte Lily über diese wenig gewöhnliche Nacht ein bisschen nach. Eigentlich war sie nicht sicher, ob sie wirklich auf dem Mond gehen wollte. Aber die Bemerkung ihrer Schwester über die Stelle der Frauen ärgerte sie. Sie würde nicht einfach zu Hause bleiben. Sie würde Petunia beweisen, dass kein Beruf für sie „zu schwierig" war. Sie würde einen interessanten Beruf ausüben, das konnte sie ihr versprechen! Sie wusste noch nicht was, doch das war unwichtig. Sie würde schon etwas finden.
Zuerst würde sie aber fleißig lernen und die beste ihrer Klasse werden und somit allen zeigen, dass sie genauso viel, ja sogar mehr taugte als die Jungen.
