Kehren wir zurück zu den Originalfiguren mit meinem Lieblingsrumtreiber!
Die Welt und die Charaktere aus Harry Potter gehören zu J.K. Rowling. Das Ereignis, das als roter Faden dieser FF dient, gehört zur Geschichte. Der Rest kommt aus Aqualys' Vorstellungskraft.
An alle, die uns träumen lassen, von den Pionieren bis zu den Autoren.
Hoffnung
Remus wartete. Ruhig saß er auf dem Stuhl und baumelte regelmäßig mit den Beinen. Er hatte ein Buch mitgebracht, doch hielt es für interessanter, das zu betrachten, was ihn umgab. Er kannte den Stock fast auswendig und hätte den Saal mit geschlossenen Augen nachzeichnen können. Das war ja nicht das erste Mal, dass er hier war. An die weißen Wände waren Figuren aus Märchen für junge Zauberer gemalt, die lächelten und sich bewegten, jedoch nicht sprachen. Das war zu farbenfroh. Ein misslungener Versuch, den Ort angenehm zu machen.
Der Wartesaal hätte für banal gehalten werden können. Stühle, Leute, die darauf saßen, Zeitschriften auf niedrigen Tischen, Spiele für Kinder in einer Ecke. Viele Familien. Viele Kinder. Zu viele Kinder. Manche spielten, andere lasen oder schrieben ihre Hausaufgaben, wieder andere blieben an der Seite ihrer Eltern. Doch statt Lachen und Schreie hörte man eher leises Gemurmel und ein wenig gedämpfte Schluchzer. Selbst jene auf den Kinderbesen schienen freudlos zu fliegen. Die Stimmung in diesem bunten Raum schien trübselig zu sein.
Remus bewegte sich ein bisschen, da er sich unwohl fühlte, was bei seiner Mutter, die jedoch ganz schnell wieder ihrer Zeitschrift ihre Aufmerksamkeit schenkte, einen missbilligenden Blick verursachte. Sein Vater dagegen blickte ins Leere, als wäre er in seine Gedanken vertieft. Remus fragte sich, woran er wohl dachte. Seine Aufmerksamkeit wurde schnell von der Ankunft eines Zaubererarztes in weißem Gewand abgelenkt, der eine Akte in der Hand hielt und ein junges Mädchen rief. Es war um die fünf Jahre alt und seine dürren Beine schienen sich nicht bewegen zu können. Der Vater nutzte einen Schwebezauber, um es zum Behandlungsraum zu bringen. Remus zitterte, da er sich das Leben des Mädchens vorstellte. Da es nicht gehen konnte, wurde es – eigentlich ein bisschen wie er – bestimmt von der Zaubererwelt ausgeschlossen. Er fragte sich kurz, ob es besser war, einige Nächte im Monat ein Werwolf zu sein oder das ganze Jahr über nicht gehen zu können, ehe ihm bewusst wurde, dass ein solcher Vergleich dumm war. Plötzlich spürte er Mitleid dem Mädchen gegenüber.
Zum Spaß versuchte er eine Zeit lang zu erraten, woran die Kinder im Wartesaal litten. Nach einer Viertelstunde, während der ihm nur unwahrscheinliche Ideen einfielen, musste er sich gestehen, dass er eigentlich wenig Chancen hatte zu entdecken, woran die anderen Patienten litten, die wie er die Abteilung für seltene magische Krankheiten des berühmtesten Kinderkrankenhauses Europas besuchten.
Wenige Kinder wurden von Werwölfen gebissen, und die Krankheit entwickelte sich nicht genau auf die gleiche Weise, ob man ein Kind oder ein Erwachener war, und daher arbeitete in diesem Krankenhaus der einzige Heiler, der sich auf der Welt auf Kinderlykanthropie spezialisiert hatte, Dr. Lemaire. Während des Monats, der seiner ersten Verwandlung gefolgt war, hatten seine Eltern gedrängt, dass er diesen Fachmann besuchen sollte. Dafür musste man nach London fahren, einen Portschlüssel nach Paris nehmen und schließlich das Flohpulvernetzwerk zum Krankenhaus. Portschlüssel waren nicht billig und Remus war ein bisschen sauer auf sich selbst zu sehen, dass seine Eltern seinetwegen so viel ausgaben. Umso mehr, weil ihn der Zaubererarzt nicht heilen konnte. Sie trafen ihn zwei mal im Jahr, immer zwischen zwei Vollmonde, wenn der Wolf am schwächsten war.
Obwohl seine Eltern hervorragende Fähigkeiten in magischer Heilung entwickelt hatten, da sie ihn behandeln mussten, musste er regelmäßig zum St. Mungo, um die schlimmeren Wunden heilen zu lassen, die er sich selbst an Mondnächten zufügte. Doch die Besuche bei Dr. Lemaire waren anders. Er hatte zwar Sprechstunden, aber dazu leitete er noch ein Rechercheteam, dessen Ziel es war, Lykanthropie zu bekämpfen. Oder mindestens ihre Symptome einzugrenzen. Zur Zeit hatten sie noch keine effiziente Lösung gefunden. Remus und seine Eltern hatten sich bereit erklärt, Zaubertränke im Versuchsstadium zu testen. Bei jedem Besuch mussten sie etwas Neues testen.
Die meisten davon, die ihn davon abhalten sollten sich zu verwandeln, hatten nicht wie erhofft gewirkt. Der effizienteste hatte zwar Remus in einen normalen Wolf verwandelt, doch mit einem noch gewalttätigeren Charakter als sonst. Eine unerwartete Nebenwirkung, wie oft. Dr. Lemaire hatte auch Zaubertränke probiert, die den Schmerz der Verwandlung linderte. Da schon beim Anfang der Verwandlung alle magische Zutaten zerstört wurden, hatte er in Richtung Muggelmedikamente gesucht. Also nahm Remus Tabletten, die den Schmerz der Verwandlung linderten. Nur linderten, doch das war schon besser als nichts.
Der Arzt hatte seine Eltern auch beraten, was die Einrichtung ihres Kellers betraf, um Remus so wenig Anlass wie möglich zu geben, sich zu verletzen. Ein Tipp, der sehr gut funktionierte, war, ein Stück rohes Fleisch hinter die – natürlich versiegelte – Tür zu hängen. Der Wolf wurde vom Geruch angelockt, konzentrierte sich darauf und kratzte, statt sich selbst zu beißen, an der Tür. Das beschäftigte ihn zwar nicht die ganze Nacht, aber die Wunden waren viel weniger zahlreich als sonst. Der einzige Nachteil war, dass sie die Tür alle vier Monate austauschen mussten.
Doch die größte Arbeit erfolgte psychologisch. Dr. Lemaire hatte die Theorie, dass die Gewalt der Werwölfe in ihrer menschlichen Gestalt genauso sehr vom Wolf wie vom Zauberer stammte. Er dachte, dass die Zauberer ihren Charakter unter Kontrolle halten konnten, wenn sie stark und willensstark genug waren, dass sie dem Wolf gegenüber nicht aufgaben. Je jünger die Zauberer zu Werwölfen wurden, desto mehr bestand die Gefahr, dass sie gewalttätig wurden. Es war nicht einfach, aber er versuchte Remus so zu bilden, dass er sich unter Kontrolle halten konnte. Und das gelang ihnen ziemlich gut: Obwohl seine Stimmung kurz vor und nach dem Vollmond plötzlich schwingen konnte, blieb Remus ein ruhiges und schüchternes Kind. Sein täglicher Kampf war erfolgreich. Er blieb ein kranker junger Zauberer, doch er wurde nicht verrückt. Dr. Lemaire hatte die Hoffnung, dass Remus eines Tages in einer Schule für Zauberei angenommen werden und ein so normales Leben haben könnte wie möglich. Als Fachmann würde er jedenfalls dazu raten. Nun blieb noch einen Schulleiter zu finden, der verrückt genug war, dass er so etwas zustimmen würde. Er hatte gehört, dass der von Hogwarts zu dieser Beschreibung passte, aber es waren die Eltern, die solch einen Schritt unternehmen sollten.
Er hatte jedoch Mr und Mrs Lupin gestanden, dass er gar nicht sicher war, wie seine Technik langfristig funktionieren würde. Es könnte sein, dass Remus es sein ganzes Leben lang schaffte, sich zu kontrollieren. Vielleicht würde der Wolf sogar schwächer werden. Oder aber der Wolf würde weiter kämpfen und Remus würde schließlich zusammenbrechen.
Er hoffte, dass er es bis dahin schaffen würde, ein Heilmittel zu finden.
Bei sich selbst dachte Dr. Lemaire, dass die Diskriminierung den Werwölfen gegenüber eine wesentliche Rolle in der psychischen Verfassung der kranken Zauberer spielte. Als Muggelgeborener konnte er sehen wie sehr Lykanthropie manchen Muggelkrankheiten ähnelte. Manchen wegen der Symptome, anderen wegen des Misstrauens der Leute den Kranken gegenüber. Doch seit langem hatte er darauf verzichtet, die Muggel- wie die Zauberergesellschaft zu ändern.
Alles in allem mochte der junge Remus Dr. Lemaire. Er versuchte wirklich ihm zu helfen und sah ihn nie mit Mitleid, Verachtung oder Abscheu an. Das war selten genug, dass es erfreulich war. Er fürchtete sich jedoch sehr vor den Zaubertränken, die er testen würde. Sie schmeckten besonders ekelhaft und hatten oft unerwartete Wirkungen. Der letztere hatte nur bewirkt, dass die Muggelmedikamente gegen den Schmerz nicht mehr wirkten. Diese Nacht war recht schlimm gewesen und er wollte dies um keinen Preis wieder erfahren.
Als ihn also der Zaubererarzt rief, bedauerte er es beinahe, dass er den trüben Wartesaal verlassen musste. Er wandte sich mit seinen Eltern zum Behandlungsraum. Der Doktor sah seltsam aus. Er schien müde aber glücklich. Remus hoffte einen Augenblick lang, dass er ein Heilmittel gegen Lykanthropie gefunden hatte. Doch schnell wurde ihm klar, dass er es schon gewusst hätte, falls das der Fall gewesen wäre. Der Heiler hatte nämlich versprochen, dass er seiner Familie Bescheid geben würde, wenn in diesem Gebiet irgendein Fortschritt gemacht wurde. Plötzlich traurig schalt er sich wegen seiner Dummheit. Es war blöd von ihm zu hoffen, dass eine Lösung gefunden würde, denn er wusste, dass er immer enttäuscht sein würde. Und trotzdem konnte er einfach nicht anders als hoffen. Denn was bleibt einem mit Lykanthropie verfluchten neunjährigen Zauberer, wenn er keine Hoffnung mehr hat?
Dr. Lemaire fing damit an, dass er die Gesundheit seines jungen Patienten prüfte. Müde – ja vielleicht sogar erschöpft – und immer noch ruhig, einige Narben mehr aber keine schwere Wunde, die Diagnose war ziemlich positiv. Er fragte nach den Wirkungen des letzten Tranks und notierte sie interessiert. Manche waren in seinem Fall zwar unnütz, in anderen Gebieten konnten sie aber von Nutzen sein. Und sie konnten ja immer aus ihren Irrtümern lernen.
Erst als ihn sein junger Patient fragte, was ihn so glücklich machte, wurde er sich bewusst, dass er seit dem frühen Morgen ständig gelächelt hatte. Er holte die Muggelzeitung von seinem Schreibtisch und reichte sie Remus.
"Die amerikanischen Muggel haben es geschafft, Menschen zum Mond zu schicken. Sie sind heute Nacht angekommen und sind immer noch dort oben."
"Können die Muggel so was?", fragte Remus in aller Unschuld.
"Das ist sehr schwierig, aber das haben sie als eine Herausforderung gesehen. Und nicht nur für die Amerikaner, für die Muggel insgesamt. Viele Leute schauten das heute Nacht. Die meisten Muggel haben sich darüber gefreut, denn für sie ist es ein großer Schritt nach vorne. Ich komme aus dieser Welt, also bin auch ich froh", erklärte der Heiler.
Mr und Mrs Lupin waren ziemlich überrascht. Sie hatten nichts davon gehört. War das wahr? Hätte ihnen jemand anders als der Doktor davon erzählt, dann hätten sie es für einen Witz gehalten, oder im besten Fall für einen bei den Muggeln breit entwickelten üblen Scherz. Aber sie respektierten Dr. Lemaire sehr. Remus überlegte eine Weile, ehe er die Frage stellte, die in ihm drängte, seit der Heiler ihnen das erklärt hatte:
"Denken Sie, dass ich mich trotzdem verwandeln würde, wenn ich zum Mond hochfliegen würde?"
Wenn Dr. Lemaire eine Frage nicht erwartet hatte, dann wohl diese. Natürlich war keiner der amerikanischen Astronauten ein Werwolf. Eigentlich war die Auslese so hart, dass keiner an irgendeiner Krankheit litt.
Die Verwandlungen der Werwölfe stimmten immer mit dem Vollmond überein, ob er zu sehen war oder nicht. Für jeden Zauberer war das offensichtlich. Manche hatten versucht herauszufinden, warum der Mond und nicht die Sonne oder die Sterne, warum voll und nicht aufsteigend und ob man die Verwandlungen verschieben konnte. Bisher erfolglos. Doch nie hatte sich ein Zauberer die Frage gestellt, ob die Verwandlung am Vollmond passieren würden, wenn man auf dem Mond selbst war! Er brauchte Zeit, bis er verstand, was diese Frage bewirkte.
"Das weiß ich nicht. Das ist eine sehr gute Frage. Ich werde versuchen, es herauszufinden."
Diesmal musste Remus keinen Zaubertrank testen. Der Heiler nahm nur Blut- und Gewebeproben, bevor er ihn und seine Eltern mit abwesendem Blick wegschickte. Remus hatte nicht wirklich verstanden, inwiefern seine Frage gut war. Aber auch er war nun gut gelaunt: Da er sich keiner weiteren Untersuchung unterwerfen musste, würde er den ganzen Nachmittag lang mit seinen Eltern Paris besichtigen können. Wenn er sich ein wenig bemühte, könnte er es sogar schaffen zu vergessen, warum sie hier waren und dass der nächste Vollmond in zwei Wochen war. Das wäre fast wie ein Urlaub. Und er müsste sich über die Muggel auf dem Mond erkundigen. Das Konzept klang interessant.
Kaum war sein Patient weg, und schon suchte Dr. Lemaire nach einer Lösung, um seine Proben in die nächste Rakete bringen zu lassen, die zum Mond hochfliegen würde. Es kam überhaupt nicht in Frage einen Astronauten zu infizieren, er war ja vor allem ein Zaubererarzt. Und es war unmöglich, für einen von ihnen gehalten zu werden, er würde den Abflug wohl nicht überleben. Vielleicht könnte er einige Erinnerungen ändern und eine Petrischale für ein Experiment schicken lassen? Er musste darüber nachdenken...
