Hallo! Und hier kommt der fünfte OS. Diesmal war das Thema „richten" (im Sinne eines Urteils).
Der Kampf war kurz aber gewaltsam. Irma stürzte sich nach draußen, sobald sie hörte, dass die Auseinandersetzung schlecht weiterging. Mit ein paar gut ausgedachten Flüchen beendete sie den Konflikt. Zu spät. Das Ergebnis war bereits sehr schlimm. Sechs Verwundete. Und der Hass, der noch stärker wurde.
Minerva kam schnell an der Stelle an, ein Schüler aus ihrem Haus hatte sie bestimmt geholt. Nachdem sie alle Verwundeten zum Krankenflügel geschickt und allen Beteiligten – ihrer legendären Unparteilichkeit gerecht – Punkte abgezogen hatte, drehte sie sich zu Irma um.
„Was ist geschehen?"
Irma antwortete, während sie nachsah, wie sich die Schüler – Viertklässler aus Gryffindor und Slytherin – verstreuten.
Der Zwischenfall hatte in ihrer Bibliothek angefangen, und sie hatte die Schüler darum gebeten, hinauszugehen, weil sie lauter wurden. Sie hätte es nicht tun sollen. Ihre bloße Anwesenheit – die Schüler fürchteten und respektierten sie – war das Einzige, was sie daran hinderte, zauberstabgreiflich zu werden. Sobald sie durch die Tür gegangen waren, waren gleich die Flüche gewirkt worden. Und nicht solche, die man im VgddK-Unterricht lernt.
Und all das wegen eines bloßen Satzes, als einer der Gryffindors über seine Mitschüler aus dem feindlichen Haus gerichtet hatte:
„Slytherins sind alle Todesser."
Das tat weh. Wie alle Vorurteile. Weh, aussortiert zu werden, ohne dass man versucht zu verstehen.
Selbst Irma, die das grüne und silberne Wappen seit Jahren nicht mehr trug, hatte sich von dieser Bemerkung verletzt gefühlt. Sie hatte versucht, unparteiisch zu bleiben, beiden Häusern Punkte abzuziehen und alle in den Gang hinauszuschicken. Sie hätte eingreifen sollen, damit der Konflikt nicht schlimmer wurde. Sie hätte etwas sagen sollen. Aber was? Vielleicht fehlte es ihr an Mut.
Oh, natürlich war ihr Haus auch bereit, Verspottungen und Beleidigungen zu sprechen. Der junge Potter war übrigens ihr Lieblingsziel. Aber er hatte sein Haus, den Schulleiter, die Lehrer und selbst die Schüler aus den anderen Häusern, die ihn verteidigten.
Übrigens hatten auch die Slytherins Vorurteile. Besonders über Muggelgeborene. Man könnte also meinen, diese Urteile wären eine logische Folge davon.
Aber keiner hatte sich je gefragt, warum es so war. Die Tatsache, dass sie allein Muggelgeborene in ihrem Haus ablehnten, war ihnen nicht vorteilhaft. Wo die anderen Zauberer jene kennen lernten, die eines anderen Ursprungs waren, blieben die Slytherins bei den Ideen, die man ihnen beigebracht hatte. Warum hätten sie ihre Meinung geändert, wenn ihnen nichts ihren Fehler bewies?
Irma wusste es wohl. Immerhin war auch sie eine gewesen. Ihr waren schließlich dank Büchern und dank ihrem Mentor – der damaligen Bibliothekarin – die Augen geöffnet worden. Also versuchte sie, das gleiche zu tun. Reinblütige Zauberer und Hexen, und besonders die Slytherins, die Muggelwelt entdecken zu lassen. Dank des einzigen Mittels, das Irma kannte: Durch die Bücher. Es dauerte lange, aber es funktionierte. Immer mehr Slytherins baten sie – indirekt – um Muggelbücher. Sie waren nicht dumm und wussten alle – auch wenn nur innerlich – ihre Fehler anzuerkennen.
Das änderte aber nichts daran, dass sich inzwischen die anderen Häuser gegen sie verschworen. Das war zur Zeit der Gründer passiert und das geschah auch jetzt. Geschichte ist eine ewige Wiederholung. Aber wie konnte man diesen Teufelskreis brechen?
Wer wollte ihn übrigens brechen? Wer verteidigte in Hogwarts die Slytherins? Severus tat sein Bestes – Irma wusste, dass er, obwohl er es abgestritten hätte, seine Schüler mochte –, wusste aber nicht richtig zu handeln und machte das Problem nur schlimmer. Die anderen Lehrer wandten den Blick ab. Irmas Weg war zu langsam – sie würde Generationen brauchen, ehe die Einstellungen geändert würden.
Minerva senkte den Kopf bei dieser Feststellung. Sie versuchte es nicht zu leugnen. Sie hatte anfangs zwar versucht, die Häuser einander zu nähern, die Vorurteile zu bekämpfen, und sie hatte schließlich entmutigt aufgegeben. Sie hatte die Slytherins im Stich gelassen. Die anderen Häuser hatten sich tatsächlich einander genähert, doch ohne sie.
Und der Teufelskreis lief weiter. Denn die Schlangen kannten bloß zwei Verteidigungsmittel: angreifen oder fliehen. In Hogwarts gab es immer öfter Beleidigungen gegen Gryffindors, Muggelgeborene und Harry Potter. Nach Hogwarts gerieten immer mehr Schüler auf eine schiefe Bahn. Während der letzten zwei Jahrgänge hatte sich kein einziger Slytherin für eine Ausbildung als Auror beworben. Unerhört.
Diese Schüler hatten den Eindruck, dass sie zurückgewiesen wurden, und sie stürzten zum Ort, wo man sie mit offenen Armen empfing, ohne über sie zu urteilen. Und sie gaben ihren Gegnern Recht. Sie wurden zu dem, was sie als eine Beleidigung empfunden hatten. Sie wurden zu Todessern.
Was konnte man tun? Irma kannte die Antwort nicht. Minerva auch nicht.
Aber sie würden suchen. Und sie würden finden. Egal, wie lange sie dafür brauchen würden.
