Hallo! Und hier kommt der sechste OS. Diesmal waren zwei Themen dran: „Flasche" und „bitter".


Wie hatte sie in solch einer Lage geraten können? Nein, das war nicht die richtige Frage. Irma wusste genau, wie es geschehen war. Sie wusste auch, wer dafür verantwortlich war.

Die eigentliche Frage war also: Wie konnte sie ihn dafür büßen lassen? Sie würde sich Zeit nehmen. Rache ist süß und wird noch süßer, wenn man wartet. Sie wollte nicht besonders grausam sein. Aber er musste die Lektion verstehen, damit es nie mehr geschah.

Einer der Schüler, der vor ihr saß, blickte auf und machte – überrascht – den Mund auf. Irma warf ihm einen vernichtenden Blick zu, ehe er die Zeit hatte, einen Ton von sich zu geben. Er schluckte und machte sich wieder an die Arbeit. Braver Junge.

Nein, in diese Lage durfte sie auf keinen Fall jemals wieder geraten. Sie musste ihren Ruf behalten, bei Merlin! Die Schüler nannten sie manchmal mit einem angstvollen Unterton „der Drache der Bibliothek". Seit Jahren ging kein Schüler das Risiko ein, sie „Pince" oder „Irma" zu nennen. Sie war Madam Pince, Wächterin der Bücher und des Wissens von Hogwarts. Sie wurde respektiert und sorgte daher auch dafür, dass ihre wertvollen Werke respektiert wurden.

Und nach dem gerührten Blick der jungen Hexe zu schließen, die sie ansah, ohne von ihr wegzublicken, war dieser Respekt richtig gefährdet.

„Sind Sie fertig, Miss?"

„Nein, Madam."

„Dann empfehle ich Ihnen, sich schnellstens wieder an der Arbeit zu machen", meinte Irma mit scharfer Stimme. „Sie werden erst aus diesem Raum kommen, wenn Sie fertig sind. Es liegt in Ihrem so wie in meinem Interesse, dass Sie nicht die ganze Nacht aufbleiben."

Das Mädchen seufzte, während sie ein neues Buch ergriff.

Irma selbst hätte beinahe geseufzt.

Nach dem, was sie verstanden hatte, hatten die sechs Schüler, die sie das Glück hatte, heute Abend zu überwachen, in den Gängen gekämpft. Slytherins und Gryffindors. Schon wieder. Und sie waren bloß Erstklässler! Sie waren erst seit ein paar Monaten in Hogwarts und hassten einander bereits.

In diesem Fall war die Strafe streng: Punkteabzüge und Nachsitzen mit Filch. Der einzige Haken war, dass Filch gerade ruhig im Krankenflügel schlief, vom Trank niedergeworfen, den ein Spaßvogel am gleichen Morgen in sein Frühstück getan hatte.

Albus hatte sie daher „freundlich" darum gebeten, ihn zu ersetzen.

Sie hätte ablehnen müssen.

Doch sie hatte nachgegeben, als Albus zur Gegenleistung für diesen „kleinen Gefallen" versprochen hatte, ihr zahlreiche alte und seltene Bücher zu schenken. Weil sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnte, ihre wertvolle Bibliothek zu bereichern. Und weil Albus das wusste. Eine Slytherin, die von einem Gryffindor reingelegt wird, das war richtig bitter.

Jeder wusste, dass Irma es hasste, Arbeit und Privatleben zu mischen. Wenn manche ihrer Kollegen bei ihrer Hochzeit dabei gewesen waren, war das bloß, weil sie sich nach und nach mit ihnen angefreundet hatte.

Diesmal war sie aber dazu gezwungen, ihre beiden Welten zu mischen. Weil ihr Mann grippekrank war und dazu unfähig war, sich während der Nacht um Jane, ihre dreimonatige Tochter, zu kümmern. Sie hatte sie also an jenem Abend mitnehmen müssen.

Und nach den Seitenblicken zu schätzen, die ihr die Kinder zuwarfen, während sie ihrem Baby ihre Flasche gab, spürte sie, dass die Nachricht morgen Mittag bereits in der ganzen Schule bekannt sein würde: Madam Pince, der Drache der Bibliothek, von allen gefürchtet und respektiert, war auch die Mutter eines niedlichen jungen Mädchens.

Und Irma fürchtete sich vor den Folgen dieser Nachricht. Sie wollte nicht besonders ihr Familienleben vor ihren Schülern verhüllen. Aber sie war jung, das wusste sie, und sie fürchtete sich davor, dass ihre Autorität es nicht überstehen würde.

Während sie ihre Tochter in ihren Armen wiegte, konzentrierte sie sich wieder auf ihr Ziel: Sich an Albus zu rächen.

Aber wie?

Natürlich konnte sie ja die Rumtreiber diskret manipulieren, damit sie ihn zum Opfer ihres nächsten Streiches machten. Übrigens waren sie auch indirekt an dieser Lage schuld, denn wer sonst hätte einen Schlaftrank in das Essen des Hausmeisters geben können? Albus nahm Scherze immer gut auf, vor allem bei seinen lieben Schülern.

Das war eine interessante Idee, aber für ein anderes Mal. Jetzt brauchte sie etwas Persönlicheres, Grausameres, etwas, was der Schulleiter trotz seines Sinns für Humor und seiner Zuneigung zu den Kindern lange nicht vergessen würde.

Jane fing an zu weinen. Ihre Windeln waren voll. Irma wandte sich entschlossen von den Schülern ab, die wegen des Schreis plötzlich den Kopf gehoben hatten, und wickelte ihre Tochter mit Fachhand frisch.

Seine Zuneigung zu den Kindern... Irma lächelte. Sie hatte die perfekte Idee für ihre Rache.

Sie wollte eben nächsten Monat ins Theater gehen. Das war ihr erster Ausflug seit Janes Geburt und sie suchten nach einem Babysitter für den Abend. Oder vielleicht sogar für die Nacht.

Albus war es ihr doch schuldig, oder?