Das Feuer im Kamin des Dumbledore-Gemeinschaftsraums brannte, als sich drei Schüler in simplen Hogwartsumhängen in die dunkelblauen Sessel fallen ließen. Es war ruhig im Gemeinschaftsraum, angenehm ruhig. Weder gab es Gespräche über Styling noch mehrere Knutschereien zwischen wild wechselnden Schülern. Mit der schnellen Bewegung einer Hand landete ein Pergament auf einem Tisch zwischen den Sesseln, es war mit dem Wort „Schlachtplan" überschrieben.
Hermine Granger, Harry Potter und Draco Malfoy sahen sich in die Augen. Dieses Treffen war ihnen schwer gefallen, sehr schwer. Die Anspannung in der Luft war beinahe spürbar. Es lag nicht nur an der traditionellen Feindschaft zwischen den drei Schülern, nein, dies hier war ein geheimes Treffen und sie waren eindeutig im Begriff, etwas mehr als Verbotenes zu tun. Selbst wenn es für das größere Wohl aller war, plagten vor allem Hermine Gewissensbisse. Aber sie hatten gar keine andere Wahl. Vor gar nicht allzu vielen Jahren hatte sie selbst gesagt: „Es gibt wichtigere Dinge - Freundschaft und Mut." Angesichts der schrecklichen Situation in Hogwarts würde es nun mehr als Freundschaft und Mut bedürfen. Der Schritt, den Versuch zu wagen, sich mit einem Feind zu verbrüdern, war nur der erste. Schweigend blickten die drei auf das Pergament, und es schien, als wäre wirklich viel nötig, um die gegenseitige Abscheu zu überwinden.
Schließlich brach Hermine das Schweigen: „Ich weiß, ihr seid Erzfeinde und möchtet euch lieber Flüche auf den Hals jagen. Außerdem wollen wir alle wohl in unsere eigentlichen Häuser zurück, doch vorher gilt es etwas zu erledigen. Oder jemanden…"
„Calli-Ray…", flüsterte Malfoy.
Beim Klang dieses Namens zuckte Hermine zusammen. Was hatte diese Callista-Raven-Shadow-Samantha-Voldemortina Malfoy-Snape nur aus ihrer Welt gemacht?
Harry stöhnte auf: „Diese Frau macht mich fertig: Ich möchte nicht Harald genannt werden, ich hasse meine neuen Klamotten und über die anderen Dinge…", dabei warf er Malfoy einen verschämten Blick zu, „…will ich überhaupt nicht reden."
Malfoys Augen leuchteten – allerdings nicht rot und auch gelbe Punkte waren nicht zu erkennen: „Du hast gut reden, Potter. Ich muss diesen Umhang mit dem nervigen Stehkragen tragen, habe rote Augen und soll ein Dementor werden, um dann meine Zwillingsschwester zu heiraten. Da war die Sache mit dir und Snape noch harmlos. Wiederholen möchte ich es jedoch nicht. Außerdem bin ich mit Sicherheit kein Vampir, das wüsste ich ja wohl selbst am besten. Ich hasse es schon manche Leute zu berühren, da werde ich sie doch nicht noch beißen!"
„Dafür laufe ich völlig behaart herum, und diese Krallen nerven unglaublich. Damit kann man keine Feder halten und beim Waschen reiße ich meine Haut immer auf", beschwerte sich Harry, um sich anschließend lange Krallen aus schmutzigem Plastik von den Fingernägeln zu reißen.
„Ihr lauft immerhin nicht so herum als kämt ihr gerade aus dem schlimmsten Sex-Shop der Welt!", mischte sich nun auch Hermine ein.
„Und was war mit der schwarzen Körperfarbe?", jammerte Malfoy, „ich habe Stunden gebraucht um das Zeug wieder abzuwaschen."
„Ist ja gut", sagte Hermine, „wir mussten alle leiden. Aber eine Sache ist klar: Diese Frau muss weg!"
Mit einem Quietschen öffnete sich die Tür zum Gemeinschaftsraum, rasch suchte Malfoy seinen Umhang, Harry tauschte seine runde Brille gegen irgendeine Zuhälter-Sonnenbrille aus und Hermine mühte sich ihren Hogwartsumhang abzustreifen.
„Alles in Ordnung, keine Gefahr!", ertönte die Stimme von Cho Chang.
Ginny ergänzte: „Sie ist noch in einem dieser furchtbaren Läden."
Auch die beiden Mädchen trugen wieder ihre Schulumhänge, waren allerdings mit einem ganzen Stapel Tüten verschiedenster Mode-Designer beladen. Bevor sich jedoch jemand nach den Einkäufen erkundigen konnte, landeten die Tüten im Kaminfeuer. Der unangenehme Geruch nach verbranntem Polyester verbreitete sich schnell im Gemeinschaftsraum.
„Sie ist einfach schrecklich", sagte Ginny. „Fleur Delacour war wirklich nichts gegen sie. Noch nicht einmal Ron findet sie hübsch, und das muss nun wirklich etwas bedeuten."
Mit gequälter Miene mischte sich Cho ins Gespräch ein: „Sechs Stunden! Sechs verfluchte Stunden ist sie mit uns durch diese schrecklichen Läden gelaufen. Ihr glaubt nicht, was für scheußliche Sachen sie ausgesucht hat. Zum Glück brennt der ganze Mist jetzt."
Weiter munter über ihren Einkaufsbummel lästernd zogen sich Ginny und Cho zurück. Hermine meinte noch Wortfetzen wie „Kleid? Das war kein Kleid, sondern höchstens ein zerrissener Duschvorhang!", zu vernehmen.
„Wie werden wir sie nun los?", fragte Harry mit einem Blick auf den bisher ziemlich leeren „Schlachtplan".
„Wir sollten sie töten", sagte Malfoy.
„Oder noch besser", ergänzte Hermine, „dafür sorgen, dass sie der Schule verwiesen wird. Also lassen wir unsere Feindschaft ruhen bis Calli-Ray verschwunden ist."
Malfoy nickte.
„Yeah, Deal!", rief Harry.
Hermine blickte ihn entsetzt an, Malfoy verschluckte sich an seinem Kürbissaft,
„Entschuldigung", sagte Harry, „ich glaube es ist ansteckend."
In diesem Augenblick klingelte Harrys iPhone. Mit einem Aufstöhnen warf er einen Blick auf das Gerät: „Oh nein!"
„Sie?", fragte Malfoy.
Harry nickte entsetzt.
„Was schreibt sie denn?", fragte Hermine.
„Woher soll ich das denn wissen", sagte Harry und zeigte das Handy seinen Mitschülern, „da steht nur: SZZSSSSZ SZZSSS HHH HZHHSSSHHS ZHHH SSSH SH."
Malfoy musste lachen: „Du bist doch der Parsel-Experte, Potter."
„Aber das ist kein Parsel! Ich hoffe ja, sie ist einfach ohnmächtig geworden oder gestorben und mit ihrer Stirn auf das Display aufgeschlagen."
„Ich persönlich glaube ja, dass es einfacher ist sie zu töten als dass Dumbledore sie der Schule verweist. Ein gut gezielter Todesfluch und alles ist vorbei.", sagte Malfoy.
„Es darf aber keine Zeugen und keine Beweise geben. Wir brauchen das perfekte Verbrechen", meinte Hermine.
Malfoy sagte: „Also müssen wir sie mit ihrem eigenen Zauberstab töten, sonst könnte man den Avada Kedavra anhand unserer Stäbe nachweisen."
Harry überlegte: „Vielleicht wäre der erste Ball des Jahres eine gute Gelegenheit. Ich glaube, sie geht dort mit Blaise Zabini hin. Ihr wisst schon: Ein romantischer Spaziergang am See, ein gestohlener Zauberstab, ein kleiner Zauber und der Riesenkrake übernimmt den Rest. Calli-Ray ist dann einfach… verschwunden und kommt nie wieder."
Die drei mussten unwillkürlich grinsen.
„Es könnte funktionieren", sagte Hermine nachdenklich, um sich dann ihrem blonden Mitschüler zuzuwenden. „ Malfoy, du verstehst dich doch ganz gut mit Zabini. Könntest du dafür sorgen, dass er eine kleine Nebenrolle in unseren Mordplan übernimmt?"
„Ich kümmere mich darum, Granger. Aber wir brauchen noch einen Plan B."
Harry brachte einen seiner Träume der letzten Tage zur Sprache: „Irgendwie spuken mir die ganze Zeit Ideen über die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten einer Kettensäge im Kopf herum"
Entsetzt wandte sich Hermine ihrem schwarzhaarigen Freund zu: „Aber Harry! Der ganze Dreck und das viele Blut. Denk doch mal daran, wer das alles putzen muss: Die Hauselfen. Ich habe B. ELFE. R nicht umsonst gegründet und wir können diese armen, kleinen unterdrückten Wesen nicht mit unseren Problemen belasten. Hast du überhaupt schon mal daran gedacht…."
Malfoy gebot ihnen mit einer Handbewegung zu schweigen: „Können wir endlich wieder zum Thema kommen?"
Hermine blickte irritiert auf, bis sie sich schließlich besann. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs ließ sie die Worte „1. Mordversuch nach dem Eröffnungsball (Zabini fragen)." auf dem Pergament erscheinen.
„Die Idee, sie von der Schule schmeißen zu lassen, gefällt mir aber auch. Im Brechen von Regeln und Verursachen eines heillosen Chaos sowie vieler Probleme haben wir ja mehr als genug Erfahrung", sagte Harry.
„Ich hätte niemals gedacht, dass mir ausgerechnet diese Fähigkeiten Potters einmal nützlich sein könnten", meinte Malfoy.
Harry beachtete ihn nicht: „Ich werde bei Fred und George Weasley eine komplette Ladung Scherzartikel bestellen."
„Frag am besten nach Produkten, die noch nicht getestet sind und sich unter Umständen als gefährlich herausstellen könnten", riet Hermine.
Von der Treppe, die zu den Schlafsälen führte, erklang ein unterdrücktes Geräusch.
„Sie ist nicht da!", rief Harry in Richtung des ungefähren Ursprungs des Geräusches.
Mit einem erleichterten Seufzen trat Angelina Johnson ins Licht, sie trug die Kleidung des Gryffindor-Quidditschteams und trug einen Besen unter dem Arm.
„Ich möchte ein paar Runden fliegen gehen. Und vielleicht ein paar Quidditschbälle zerstören. Ich halte es nicht aus wenn mich diese… diese… Person immer Angelina Jolie nennt. Ich habe gehört, dass das so eine Muggel-Schauspielerin sein soll. Was habe ich mit der zu tun?"
Angelinas Stimme war mit jedem Wort lauter geworden, sie hatte wirklich schlechte Laune und ließ sich von allen Beruhigungsversuchen nicht stören.
„Ich gehe jetzt auf jeden Fall trainieren, ich bin ja jetzt eine Treiberin. Ja, verdammt, die Position heißt nicht Klatscher, sondern der Ball. Und weil diese Calli-Ray das nicht versteht, werde ich nun so lange üben, Klatscher gegen ihren ach-so-hübschen Kopf zu schießen, bis ich sie beim nächsten Spiel wirklich treffe und ihr endgültig alle Lichter ausblase!"
Nach dieser doch recht beeindruckenden Ansprache stellte sich niemand Angelina in den Weg. Hermine ergänzte den „Schlachtplan" um die Worte „2. Quidditsch-Unfall (Angelina übernimmt das sicher gern)"
„Können wir nicht auch unter den Lehrern nach Verbündeten suchen?", fragte Harry.
„An wen denkst du, Potter? Dumbledore hält die ganze Sache wahrscheinlich für wahnsinnig amüsant und sieht darin eine Prüfung, um Schüler verschiedener Häuser gegen einen gemeinsamen Feind vereint vorgehen zu lassen oder so ein Schwachsinn!"
„Ich werde mit Professor McGonagall sprechen. Sonderlich begeistert von der neuen Schülerin scheint sie nicht zu sein und immerhin ist sie stellvertretende Schulleiterin", sagte Hermine.
„Kann eure McGonagall diese Calli-Ray nicht für immer und ewig in eine Ameise verwandeln?", fragte Malfoy mit einem hoffnungsvollen Blick zu Hermine.
Das Mädchen antwortete ihm: „Ich glaube nicht, dass sie sich darauf einlässt. Sie ist immer sehr korrekt. Außerdem heißt es Professor McGonagall, Malfoy!"
„Snape kann doch von seinem Tutu auch nicht begeistert sein!", platzte es aus Harry heraus.
„Es heißt Professor Snape, Potter, und ich nehme an, er ist alles andere als begeistert, hat aber wahrscheinlich besseres zu tun als nervige Schüler zu ermorden. Und wenn man bedenkt, wie lange du, der Lahmarsch, der Wieselkönig und das Schlammblut schon auf dieser Schule sind, scheint Professor Snape keinen großen Erfolg dabei zu haben, Schüler der Schule zu verweisen."
„Malfoy!", knurrte Harry.
Auch Hermine war entsetzt: „Malfoy, wir hatten uns darauf geeinigt…"
„Ist ja gut", sagte Malfoy, „ich nehme es zurück… vorerst. Ich kann mit Professor Snape einmal über sie sprechen, aber solange er nicht wieder zur Begleitperson bei einer Klassenfahrt gemacht wird, erwarte ich nicht viel.
Allein das Wort „Klassenfahrt" hatte ausgereicht, um Hermine und Harry die Dringlichkeit des Calli-Ray-Problems vor Augen zu führen. Noch einmal so etwas wie diesen schrecklichen Ausflug in die Alpen wollten sie sich wirklich nicht antun.
Alarmiert fragte Harry: „Ihr meint doch nicht etwa, dass es noch so eine… so eine… Klassenfahrt geben wird?"
„Da sie jetzt auch noch Vertrauensschülerin ist, rechne ich fest mit mehr Klassenfahrten. Wir müssen einfach…"
„… mit ihr fertig werden, bevor noch so eine Katastrophe eintritt.", ergänze Malfoy.
Der Gedanke an die letzte Klassenfahrt war noch immer traumatisch für Hermine. Während ihrer Zeit an der Muggel-Schule waren Klassenfahrten eigentlich eine lustige Abwechslung gewesen und kein Grund, ganze Charakterkonzepte über den Haufen zu werfen, um aus der Klassenbesten eine geschmacklose Schlampe zu machen.
Wieder öffnete sich die Tür mit einem Quietschen, hastigen Schrittes betrat Stephen Cornfoot, bisher besser bekannt als „den unhotten Rewänklo-Boy", den Gemeinschaftsraum. Er war völlig außer Atem.
„Vorsicht!", japste er, „sie kommt!"
Nun musste alles schnell gehen. Hermine zog sich ihren Schulumhang aus, räkelte sich in Unterwäsche auf einem Sofa und ließ mit einem kleinen Zauber die eigentlich recht angenehmen und von Dunkelblau dominierten Farbtöne des Raumes in einem wilden und äußerst unangenehmen Durcheinander aus Rosa, Pink, Violett, Gold und Silber erstrahlen.
Da er seine Hose und sein Oberteil in die Wäsche gegeben hatte, verschwand Stephen Cornfoot im Jungenschlafsaal, die übrigen Schüler suchten nach möglichst geschmackloser Kleidung, Cho und Ginny hingen äußert obszön aufeinander, Harry klebte fluchend seine Krallen wieder an und Malfoy versuchte, die roten Kontaktlinsen möglichst schnell wieder in seinen Augen unterzubringen. Leider flossen dabei einige Tränen, und da Malfoy wusste, was Calli-Ray von weinenden Jungen hielt, wurde ihm bereits schlecht, bevor ihrer aller Schrecken auch nur den Raum betrat.
Schon betrat Calli-Ray in ihrer ganzen Pracht den Raum, doch unter und zwischen den ganzen Tüten ihres Einkaufsbummels war das Mädchen kaum zu erkennen. Dennoch begannen alle damit, sich wieder normal – also so wie in der bisherigen Geschichte - zu verhalten. Die unglaublich süße aber schrecklich penetrante Stimme von Calli-Ray ertönte: „Harald, hassu meien SmS bekomme?!"
Harry musste mit den Augen rollen.
TBC
