Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.

Cassie

„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."

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Kapitel 1- Der Wendepunkt

Wie ist es dazu gekommen? Das ist eine lange Geschichte. Wenn ich heute darüber nachdenke, kommt mir mein altes Leben phantastisch vor, als wäre es ein anderer Harry, der dieses Leben gelebt hat. Ich fühle mich jetzt, als hätte ich endlich, nach einer langen Zeit, meine Augen geöffnet. Ich sage nicht, dass diese Welt, meine Welt, in der ich momentan lebe, eine bessere Welt ist, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich mich gut in meiner Haut fühle. Da hat etwas Klick gemacht und jetzt ergibt alles einen Sinn. Vorher habe ich mich wie ein verlorenes Kind in einer riesigen, fremden Welt gefühlt. Ich habe mich so gefühlt, als gehöre ich hier nicht. Als sei alles ein verwirrter Traum, in dem ich mich verloren habe und ich habe verzweifelt versucht, die Menschen nie zu enttäuschen, einen Vertrauten zu finden, der sich um mich kümmern würde. Ich habe mich immer nach Geborgenheit gesehnt, nach Menschen, die mich lieben und akzeptieren würden. Und das war mein erster Fehler. Ich war einfach für diese Welt viel zu naiv.

Wann hat sich alles geändert? Alles hat sich geändert, als ich den sechzehnjährigen Tom Riddle getroffen habe. Ich kann mich noch immer an dieses Treffen erinnern, als hätte es gestern stattgefunden.

/Rückblende

Da stehe ich in der Mitte der Kammer des Schreckens und mir stockt der Atem, als ich einem schwarzhaarigen Jungen, der direkt vor mir steht, zuhöre. Er lächelt selbstgefällig, als er endlich zugibt, er sei Tom Riddle, der sich eines Tages Lord Voldemort nennen würde. Mir ist eiskalt und mein Magen verkrampft sich, als ich die Buchstaben in der Luft anstarre. Ich fixiere mit dem Blick das hübsche Gesicht von Tom Riddle, der mich amüsiert beobachtet.

„Ich habe mir schon seit langem gewünscht, dich kennen zu lernen, Harry Potter", flüstert er und rückt näher. Ich stehe wie angewurzelt da und gaffe ihn, vor Entsetzen gelähmt, an. „Du bist ein Rätsel", haucht er. Seine dunklen Augen nehmen jedes Detail wahr und ich schlucke kräftig. „Ich habe so viel von dir gelernt, als du in mein Tagebuch geschrieben hast."

Da gibt es Gier in seinen Augen.

„Also wirst du derjenige sein, der mich zerstört", sagt er leise. Da gibt es keine Emotion in diesen kalten Augen. „Und du weißt auch nicht, wie es dazu gekommen ist."

Es ist schwer, diese nette Person, dieses Genie, mit dem ich mich täglich unterhalten habe, mit dem ich meine Geheimnisse geteilt habe, mit Lord Voldemort in Zusammenhang zu bringen. Denn Tom ähnelt ihm nicht. Tom ist voller Wissen, er ist immer für mich da, er hat mir Ratschläge gegeben, er war mein Freund, als alle mich schikaniert haben, denkend, dass ich der Erbe Slytherins sei. Aber nicht Tom.

Und ich frage mich jetzt – sollte ich Angst vor ihm haben? Ich habe mehr Angst vor dem Namen, der noch immer in der Luft vor mir schwebt, dem Namen, der schließlich nur ein Name ist. Tom ist real; und all sein Wissen, das er an mich weitergegeben hat, ist real. In der Stille der Nacht, wenn alle schlafen gehen, schreibe ich in sein Tagebuch und die Welt fühlt sich nicht mehr so kalt und fremd an. Denn Tom hat sich auch einmal einsam gefühlt. Er war ein Genie; war aber eine Waise und deshalb hat man ihn schikaniert und gehasst. Ich bin zum Schluss gekommen, dass Tom und ich viel miteinander gemein haben und wenn ich mich mit ihm unterhalte, spüre ich etwas Warmes in meinem Magen. Endlich habe ich einen Freund, der mich versteht und unterstützt. Und was am Wichtigsten ist – er verurteilt mich nicht und ich kann meine Geheimnisse mit ihm teilen, sogar die Tatsache, dass jemand wie Harry Potter misshandelt ist.

„Sie ist so gut wie tot", flüstert er. Jetzt schimmert er nicht mehr, und ich nehme an, es habe etwas mit Ginny zu tun. Ginny, die bewusstlos und hilflos auf dem Boden liegt. Ihr rotes Haar ist auf dem dreckigen Boden ausgebreitet und sie wirkt wie eine gebrochene Puppe.

Ich sehe auf und begegne dem Blick der dunklen Augen. Ich schlucke.

„Alle haben dich verlassen, Harry", flüstert er, „Nur ich bin immer bei dir gewesen. Hast du Angst vor mir, jetzt da du weißt, was aus mir eines Tages wird?"

Ich schüttele meinen Kopf sofort. Auch wenn eine Spur von Angst übriggeblieben wäre, würde ich es nie zugeben. Tom Riddle lächelt flüchtig.

„Langsam bekomme ich eine feste Form", sagt er aufgeregt. Er sieht auf seine Hand hinunter und grinst. Dann sieht er auf und seine Miene wird ernster. Ich kann schwer glauben, dass dieser charmante Junge in ein paar Jahrzehnten zu einem Monster wird. Er legt eine Hand auf meine Schulter und ich fahre hoch.

„Harry", flüstert er, „Ich kann dir noch mehr geben, als ich dir schon gegeben habe. Ich kann dich unterrichten; ich kann dir helfen. Leide nicht, wie ich einmal gelitten habe, nur weil Dumbledore zu stur war zu begreifen, was direkt vor seiner Nase war. Ich hatte keine angenehme Kindheit. Aber du musst nicht so leiden. Du musst seinen Befehlen nicht folgen und du solltest nicht zulassen, dass diese abscheulichen Muggel dich quälen. Du hast genug Potenzial, Harry; und ich werde dir weiter bei deiner magischen Entwicklung helfen. Und niemand wird dich je wieder schikanieren oder schlagen. Du verdienst es nicht, genauso wenig wie ich es verdient habe. Lass mich dir helfen, Harry."

Ich starre in die unergründlichen Tiefen dieser dunklen Augen und ringe mit mir selbst. Tom hat mir bereits viel geholfen. Und er hat mir über seine Kindheit erzählt und im Vergleich zu seiner Kindheit wirkt Ligusterweg Nummer vier wie ein Paradies. Hätte ich ihn nicht kennen gelernt, mit ihm einsame Nächte verbracht, über alles geplaudert, wäre ich in diesem Moment außer mir vor Angst. Aber ich kenne diesen Jungen vor mir; ich kenne ihn, wie ich Dumbledore nie gekannt habe. Denn ich habe eine Liste verfasst – die in der Zwischenzeit schon ziemlich lang geworden ist – von den Sachen, die ich nicht verstehe. Warum hat zum Beispiel Dumbledore erlaubt, dass ich meine Kindheit mit den Dursleys verbringe? Wüsste er nicht, wie mein Leben mit ihnen aussieht, würde ich es verstehen können. Aber ich bin mir sicher, dass er es weiß. Also warum? Warum tut er so, als kümmere er sich um mich?

Da gibt es so viele Sachen, die ich nicht verstehe und wann auch immer ich versuche, eine Antwort aus Dumbledore heraus zu kitzeln, bekomme ich nur eine vage Antwort, ein paar leere Worte, die mir nichts bedeuten.

„Du wirst eines Tages Lord Voldemort sein", sage ich leise.

„Ich bin seine Erinnerung, Harry", flüstert Tom Riddle, „Habe ich dir je etwas angetan? Habe ich dich je angelogen?"

Seine Worte treffen einen Nerv und ich schlucke. Nein, er hat mich nie angelogen. Dumbledore, wiederum...

In diesem Moment ertönt ein Knall und wir beide wirbeln herum. Ein Vogel saust an uns vorbei und lässt etwas fallen. Ich bücke mich und richte mich mit dem sprechenden Hut in der Hand auf. Ungläubig starre ich ihn an. Was soll das...?

„Das ist Dumbledores Phönix", sage ich langsam, „Aber warum schickt er mir den sprechenden Hut?"

Tom macht einen seltsamen Laut in seiner Kehle und seine dunklen Augen blitzen auf.

„Offensichtlich weiß er, wo du bist und er weiß, dass du in Gefahr bist", sagt er mit einem Hauch von Wut in seiner Stimme, „Und doch eilt er nicht zu deiner Hilfe. Stattdessen schickt er dir diesen alten, schäbigen Hut und seinen jämmerlichen Spatz", spuckt er aus.

„Harry", fährt er fort. Auch wenn er noch nicht Lord Voldemort ist und auch wenn er nur eine Erinnerung ist, strahlt er Macht und Selbstsicherheit aus. „Erinnerst du dich an das, was vor einem Jahr in der Kammer unter der Schule passiert ist? Dumbledore hat gewollt, dass du dorthin gehst. Er hat gewollt, dass du versuchst, den Stein der Weisen zu stehlen. Denn er wollte, dass du Lord Voldemort begegnest. Er hat es gewollt, Harry. Er hat dich absichtlich dorthin geschickt, indem er dir so gut wie gesagt hat, worum es geht, wohl wissend, dass du nach dem Stein suchen wirst."

Ich kann es kaum glauben. Ich höre zu und mein Inneres wird kalt, so kalt... Er hat es gewusst. Er hat am ersten Tag über den Korridor im dritten Stock gesprochen. Hagrid hat uns über Nicholas Flamel erzählt. Es war schwer, an den Stein zu gelangen, ja. Aber wie schwer muss es wirklich sein, wenn drei elfjährige Kinder imstande waren, die Zauber zu brechen und den Stein zu finden? Hat er ehrlich gedacht, dass solche Zauber etwa Lord Voldemort aufhalten würden?

Ich keuche auf und plumpse auf den kalten, steinigen Boden. Er hat es gewusst. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich jemanden, der einem Vater ähnelt. Ich habe Dumbledore immer respektiert und ihn als einen Ersatzvater betrachtet. Aber auch er hat mich verraten... Alle verraten mich. Wann auch immer ich jemandem vertraue, geht es ins Auge.

„Harry", höre ich seine Stimme und sehe auf. Die dunklen Augen bohren sich in meine. Die Augen von Lord Voldemort... „Habe ich dich je angelogen? Was würde ich damit bezwecken?"

„Ich bin so dumm", sage ich. Mein Magen verkrampft sich und Wut verbreitet sich wie Gift in mir. Ich bin mir nur vage bewusst, dass meine Hände zittern und dass ich mir auf die Lippen beiße. „Merlin, bin ich dumm!", schreie ich zornig. „Ich vertraue allen! Ich bin so unglaublich naiv! Warum tut er all das? Was will er von mir? Warum lässt er mich nicht in Ruhe? Meine Kindheit war beschissen und er hat es die ganze Zeit gewusst! Er hat es gewusst, aber er hat nichts dagegen unternommen! Überhaupt nichts!"

„Du musst nie wieder erlauben, dass jemand dich quält oder misshandelt, Harry", sagt Tom, der sich bei mir niederlässt. Ich knurre und reibe mir die Schläfen. „Nie wieder."

Ich sehe auf. Was habe ich zu verlieren? Meine Zukunft saust an meinem geistigen Auge vorbei, als ich die Tiefen von diesen dunklen Augen erforsche und ich versuche, mir vorzustellen, wie es wohl wäre, in einem Zelt mitten in einem Wald zu wohnen, wenn ich mich weigerte, zu meinen Verwandten zurück zu gehen. Ich schüttele den Kopf.

„Dann wird Dumbledore mich aus der Schule herauswerfen und das will ich nicht", sage ich leise.

„Du hast mich nicht gut verstanden, Harry", sagt Tom Riddle. „Du kannst im Haus von den Muggeln wohnen, aber du musst nicht leiden." Ich verenge meine Augen. „Warum solltest du ihnen gehorchen? Warum solltest du ihnen wie ein Sklave dienen?" Die Verachtung in seiner Stimme hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Er versteht. Er weiß wie es sich anfühlt, wenn man gehasst und schikaniert wird, nur weil man ein Zauberer ist.

„Du bist ein Zauberer und sie sind dreckige Muggel", sagt Tom. Ein Grinsen erscheint auf seinem hübschen Gesicht. „Sie sind dir unterlegen."

„Wie denn? Außerhalb der Schule darf ich nicht zaubern", frage ich ungeduldig. „Und du hast keine Ahnung, was mein Onkel mir antun kann."

„Jeder Stab, der einem minderjährigen Zauberer oder einer Hexe verkauft wird, ist von dem Ministerium überwacht", sagt Tom schnell und ungeduldig. „Hast du das nicht gewusst?"

„Nein", sage ich. Mein Kopf pocht schon vor Kopfschmerzen und mir ist schwummerig. Da gibt es so viel, was man mir nicht gesagt hat. Für jemanden, der so berühmt ist, weiß ich nicht viel.

„Aber da gibt es Zauberer, die Stäbe verkaufen, die nicht nach der Herstellung dem Ministerium gemeldet werden", sagt Tom Riddle. Ich schaue so schnell auf, dass es wehtut. Ein teuflisches Grinsen stiehlt sich auf das Gesicht von Tom Riddle und ich beginne allmählich einzusehen, trotz meiner Müdigkeit, worauf er damit hinaus will. „Stäbe, die nicht überwacht sind."

„Und das funktioniert?", frage ich ungläubig.

„Natürlich", schnaubt Tom Riddle. „So habe ich meinen zweiten Stab in meinem dritten Jahr gekauft."

„Das klingt... phantastisch", sage ich, versuchend, das Ganze zu verdauen. Da gibt es aber so viel davon... Meine Zukunft kommt mir wie eine fremde und gefährliche Welt vor; aber als ich aufsehe und dem Blick der dunklen Augen begegne, sehe ich da was Bekanntes. Ich atme erleichtert aus.

„Also?" fragt Tom leise.

Langsam, nicke ich und er schenkt mir ein Lächeln. Er legt seine Hand auf meine und ich seufze. Bald ist mir aber klar, dass ich Haut auf meinen Fingern spüren kann und springe auf die Füße. Ginny.

Blitzschnell bin ich bei ihr und greife nach ihrer Hand. Mit einem Wimmern lasse ich sie wieder fallen. Sie ist eiskalt.

„Sie ist tot", sagt eine leise Stimme hinter mir. Ich schaue auf die regungslose Gestalt auf dem kalten Boden und Tränen gleiten meine Wangen entlang, ehe ich mir bewusst bin, dass ich weine. „Aber ich bin hier."

Ich wende mich um und schlucke meine Tränen runter. So hätte es nicht sein sollen. Ich habe einfach Ginny vergessen, während ich mich mit Tom unterhalten habe. Ich habe zugehört... 'Siewardiregal', sagt eine Stimme in meinem Kopf. 'Deswegenhastdusievergessen'.

„Sie war mir nicht egal", zische ich und vergrabe mein Gesicht in den Händen. „Sie war mir nicht egal. Sie ist Rons Schwester... Sie hat es nicht verdient, zu sterben."

„Wäre dir lieber, dass ich nicht hier wäre?", fragt Toms Stimme hinter mir. Sie ist kalt und da gibt es einen Hauch von Beschuldigung in ihr. „Denn dank deiner kleinen Freundin habe ich jetzt eine feste Form."

„Es...", sage ich, halte aber inne.

Ich stelle mir vor, da gäbe es keinen Tom; dass ich keinen Freund wie Tom habe, keinen Berater und keine Person, mit der ich ehrlich sprechen kann, keine Person, der ich mich anvertrauen kann... und beim bloßen Gedanken daran spüre ich in meinem Inneren eine unergründliche Leere. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, denn die bloße Vorstellung ist einfach zu schrecklich. Bin ich ein Schwächling, weil ich mich für so was verkaufe? Andererseits war Ginny schon fast tot, als ich her gekommen bin... Hin und her gerissen, starre ich ihre Leiche an, bis die kalte und schmerzhafte Wahrheit mich mit voller Wucht trifft. Sie war nicht meine Freundin, denn ich habe sie nicht mal gut gekannt. Vielleicht wäre es anders, wäre es Hermine oder Ron gewesen, aber doch... Ich spüre seinen Blick auf meinem Rücken. Er ist unheimlich still. Er sagt überhaupt nichts und die Stille ist schmerzhafter, als ein Messerstich.

„Komm, Harry, es ist vorbei", sagt Tom schließlich, die Stille brechend. „Lass es."

„Ich sollte wenigstens ihre Leiche mitbringen", sage ich mit schwacher Stimme, die mir fremd vorkommt. Ich fühle mich dreckig; und zur gleichen Zeit beruhigt mich die Anwesenheit von Tom. Ich bin ein Monster. Ich bin ein Lügner und ein Monster.

Eine Hand wird auf meine Schulter gelegt und ich spüre eine Welle von Freude. Er ist noch immer da. Trotz allem ist er noch immer da, bei mir.

/EndeRückblende

Jaaa, ich war ein Idiot und ein Schwächling, genau. Tom ist noch immer bei mir aber ich habe gelernt, ihm nicht blind zu vertrauen. Das war seine erste Lektion – niemandem zu vertrauen, auch wenn man sich für deinen Freund ausgibt. Denn ein großer Magier vertraut niemandem und teilt seine Geheimnisse mit niemandem. So wie Dumbledore. Keiner weiß genau, was in seinem Kopf vorgeht. Keiner kennt seine Gedanken und keiner weiß alles über seine Pläne, außer ihm selbst. Er wirft mir Brotkrümel zu und ich soll dafür dankbar sein, dass er mir überhaupt etwas gegeben hat. Er gibt mir nur ein Teilchen der Informationen, die ich brauche, er lächelt mich väterlich an und ich soll blöd grinsen und mit ihm Süßigkeiten essen, während ein wahnsinniger Zauberer irgendwo da draußen ist und nur daran denkt, wie er mich um die Ecke bringen kann.

Dieses Zimmer und mein Sklavenleben bei den Dursleys, wenn Tom mir nicht geholfen hätte, wären ein wahrer Beweis seiner väterlichen Sorge für mich. Wenn Tom und ich dieses Jahr nicht etwas unternommen hätten, würde ich jetzt im Garten bei dieser Hitze arbeiten, danach das Abendessen für die Dursleys kochen und für das Ganze eine Ohrfeige und eine Scheibe Brot mit Wasser bekommen. Tom hatte Recht – ich muss imstande sein, mir selbst zu helfen anstatt von von jemandem abhängig sein zu müssen.

Was ist passiert, nachdem ich aus der Kammer heraus gekommen bin? Nun, das ist auch eine spannende Geschichte. Tom war in sein Tagebuch zurückgekehrt und ich bin mit Ginny in meinen Armen zu Dumbledore gegangen, mit dem Tagebuch in meiner Tasche. Ich werde nie seinen Ausdruck vergessen, als ich sein Büro betreten habe. Für den Bruchteil einer Sekunde gab es einen väterlichen Ausdruck in seinem Gesicht und er hat mir zugezwinkert; aber als ihm klar wurde, dass ich Ginny nicht gerettet habe, dass sie tot und eiskalt in meinen Armen liegt, hat sich sein Ausdruck zu einem ernsten verwandelt und er stand langsam auf. Da gab es Traurigkeit in seinen blauen Augen; Enttäuschung; und für eine Sekunde huschte Wut über sein Gesicht, die aber so schnell wie ein Blitz weg war.

/Rückblende

„Ich... ich weiß nicht, was passiert ist", sage ich zu ihm.

Dumbledore umrundet seinen Tisch und kommt auf mich zu; die blauen Augen, die mir normalerweise freundlich zuzwinkern, sind jetzt kalt. Ich spüre, wie Angst sich langsam in mir breit macht und ich erinnere mich schnell an das Tagebuch von Tom, das sicher in meiner Tasche ist. Ich bin auf der Hut, denn ich erinnere mich nur allzu gut daran, wie mein Onkel mich ruhig anschaut, aber mir in der nächsten Sekunde eine Ohrfeige verpasst. Meine Instinkte übernehmen die Kontrolle und ich bin dazu bereit, aus dem Büro zu fliehen, so bald ich eine Spur von Gefahr rieche.

Dumbledore drückt Ginnys Handgelenk und seufzt. Er wendet sich einem Porträt zu und bittet den Zauberer, Madame Pomfrey zu holen. Ich fühle mich unwohl, als ich mich ohne Einladung mit Ginny in meinen Armen hinsetze.

„Erzähle mir alles, Harry", sagt Dumbledore ernst.

Ich beginne schnell zu sprechen. Es ist schwer, Tom nicht zu erwähnen, aber ich senke meinen Kopf – wie Tom mich angewiesen hat – und spreche mit einer müden Stimme weiter und weiter. Ich sehne mich nach einem Glas Wasser, aber Dumbledore bietet mir nichts Ähnliches an. Stattdessen sitze ich steif auf dem harten Stuhl vor ihm, wie ein Angeklagter vor dem Richter und spreche weiter. Madame Pomfrey kommt und nimmt Ginny auf ihre Arme, tausende von Fragen auf ihren Lippen habend. Dumbledore schickt sie mit einem 'später, Poppy' weg und bald sitzen wir wieder alleine im Büro.

„Ich bin sehr enttäuscht, Harry", sagt Dumbledore schließlich.

Ich spüre, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln und senke den Kopf. Normalerweise würde ich in diesem Moment in Tränen ausbrechen, aber ich denke an Tom und seufze. Er ist in meiner Tasche; und er ist nicht von mir enttäuscht. Was hätte ich tun sollen, wäre das Ganze genau so verlaufen, wie ich Dumbledore erzählt habe? Ich hätte nichts tun können und doch... doch sagt er, er sei von mir enttäuscht.

„Es tut mir leid, Sir", sage ich leise.

„Erinnerst du dich an nichts mehr?" fragt er. Ich starre meine Schuhe an und frage mich, warum Tom mir gesagt hat, ich solle Dumbledore keinesfalls in die Augen schauen.

„Nein, Sir", sage ich bedrückt. „Darf ich gehen? Mir geht es nicht gut. Ich denke... ich werde mich übergeben."

„Geh zu Madame Pomfrey", sagt Dumbledore müde, als wäre es ihm erst jetzt aufgefallen, dass etwas mit mir nicht stimmt. Wie kann man das übersehen? Da gibt es Blut an meiner Schulter, wo mein Umhang zerrissen ist und ich bin so blass wie der Tod.

Ich verlasse sein Büro, mich nach einem langen Gespräch mit Tom sehnend. Auf meinem Weg zum Krankenflügel pralle ich gegen jemanden und zwei Hände greifen nach mir.

„Geht es ihr gut?", schreit mir eine Stimme ins Ohr. Ich zucke zusammen, denn das Gesicht vor mir kommt mir verschwommen vor, aber ich erkenne das rote Haar und die Stimme, die Ron gehört. Ich schüttele den Kopf, stoße ihn zur Seite und renne Richtung Krankenflügel. Ich möchte keine Fragen beantworten zu müssen; ich fühle mich leer und alles, woran ich denken kann, ist mein Bett und Tom. Ich muss ihn sprechen.

Als ich den Schlafsaal betrete, finde ich ihn glücklicherweise leer vor. Ich zaubere die Tür verschlossen, haste zu meinem Bett hinüber und lege die Tränke, die mir die besorgte Krankenschwester gegeben hat, beiseite. Wenigstens scheint sie eine Spur von Sorge zu zeigen, denke ich, als ich Toms Tagebuch hervor ziehe und lächele breit, als er an meiner Seite auftaucht.

„Was hat er gesagt?", fragt Tom geschäftsmäßig.

Ich erzähle ihm alles, was im Büro des Schulleiters vorgefallen ist und dieses Mal stört es mich nicht, Fragen beantworten zu müssen. Tom hört mit einer unergründlichen Miene zu und stellt nur ab und zu eine kurze Frage.

„Warum hast du mir gesagt, ich solle ihm nicht in die Augen schauen?", frage ich ihn.

„Weil ich vermute, dass Dumbledore versuchen würde, deine Gedanken zu lesen", antwortet er.

„Was?" zische ich. „Er... Gedanken lesen? So was gibt es?" Tom rollt mit den Augen und nickt. „Aber... warum würde er es tun?"

„Um die Wahrheit zu erfahren, warum sonst?", zischt Tom. Seine dunklen Augen blitzen auf und mir gefällt sein Ausdruck nicht. Er fährt sich durchs Haar und seufzt.

„Als ich so alt wie du war, hat er so was mit mir versucht, weil er mir nie vertraut hat", sagt er mit einer ruhigeren Stimme.

„Was, hast du etwas angestellt?", frage ich, vor der Antwort Angst habend. Natürlich hat er etwas angestellt! Er ist Lord Voldemort! Merlin alleine weiß, was er in der Schule getrieben hat...

Tom wirft mir einen Blick zu, der alle meine zukünftigen Versuche, etwas aus ihm heraus zu kitzeln, zunichte macht und ich seufze resigniert. Ich möchte nichts wissen.

„Ich versuche dir zu helfen, Harry", sagt er leise.

„Ich weiß", sage ich schnell, etwas Warmes breitet sich in mir aus.

Nach einer halben Stunde öffnet sich die Tür des Schlafsaals und ich höre schnelle Schritte. Schon als ich das Öffnen der Tür gehört habe, habe ich das Tagebuch geschlossen und starre jetzt meinen Freund Ronald Weasley an, der am ganzen Leib zittert. Also weiß er die Wahrheit.

„Du warst dort mit Ginny", zischt er, sich kaum zurück halten könnend. „Und du hast nichts gesehen? Was, ist sie einfach tot umgekippt?"

„Ron..." sage ich leise und spüre wieder, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln.

„Nein!" schreit er. „Du hättest ihr helfen sollen, hast es aber nicht getan! Du bist schuld!"

Ein Teil von mir möchte ins Bett zu krabbeln und nie wieder mit jemandem sprechen müssen, aber eine andere Stimme – die sich überraschenderweise wie Tom anhört – ist empört und möchte den Rothaarigen anschnauzen.

„Was hätte ich tun sollen?" frage ich laut. Ich ignoriere mein schlechtes Gewissen und starre Ron direkt in die Augen. „So habe ich sie gefunden. Denkst du nicht, dass ich ihr geholfen hätte, falls es möglich gewesen wäre? Glaub mir, Ron, ich habe es versucht..."

„Aber du hast dich nicht bemüht!" schreit er mich an.

Jetzt springe ich auf die Füße und ignoriere die Tatsache, dass Ron nicht bei Verstand ist. Er ist außer sich vor Trauer, seine Schwester ist tot, aber ich habe es satt. Ich habe es satt, dass jeder mich für etwas beschuldigt und dass ich schuld bin, weil ich atme.

„Hör mal, es tut mir wahnsinnig leid! Ich weiß, dass was auch immer ich dir sage, nicht die Tatsache ändern kann, dass sie tot ist", schreie ich . „Aber beschuldige mich nicht für etwas, was ich nicht tun konnte. Ich fühle mich mies genug, du hast sie nicht gesehen..."

„Du hättest etwas tun können!" brüllt Ron. Sein Gesicht ist purpurrot und er sieht so aus, als brenne er. „Du bist der Junge der lebt! Du bist Harry Potter! Du hättest sie retten müssen!"

Mir stockt der Atem und ich starre ihn ungläubig an. Was hätte ich tun sollen? Was heißt das, dass ich Harry Potter bin? Ich bin nur ein normaler Junge, wie jeder andere (außer der Tatsache, dass ich ein Zauberer bin). Ich kann mich überhaupt nicht an das erinnern, was vorgefallen ist, als Voldemort zerstört wurde. Ich bin keinesfalls besonders. Ich bin nur Harry.

/EndeRückblende