Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.

Cassie

„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."

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Kapitel 3 - Die Folgen

Und Tom hatte sich an sein Versprechen gehalten. Zwar gab es Tage, an denen ich die Tatsache bereute, dass er bei mir ist, aber jetzt gibt es kein Zurück. Man nennt die Ferien aus einem guten Grund Ferien, oder? Denn im Sommer sollte man sich entspannen. Man sollte die Schule vergessen, man sollte Spaß haben und einfach die Welt um sich herum genießen. Aber Tom ist nicht dieser Meinung. Andererseits lerne ich zum ersten Mal Magie. Das, was wir in der Schule lernen, kann sich mit dem, was mir Tom beibringt, nicht vergleichen. Und ehe ihr denkt, dass ich mich nur mit den dunklen Künsten beschäftige, muss ich euch verraten, dass er mir Legilimentik beibringt. Ich finde sie unglaublich schwer, aber ich sehe ein, warum sie mir von Nutzen sein kann. Die Gedanken anderer lesen zu können, wäre echt nützlich.

„Da werden wir etwas zum Üben finden müssen", meint Tom.

Ich stehe klatschnass vor ihm und atme tief ein und aus. Er hatte mir gerade 'ein paar Flüche und Zauber' beigebracht, was natürlich heißt, ich habe den ganzen Morgen tierisch schwitzend und einen Fluch nach dem anderen abschießend verbracht. Ich bin ihm aber unglaublich dankbar, denn jetzt gibt es keine Bibliothek, die ich besuchen kann. Ich fühle mich gerade, als hätte ich das gesamte Repertoire an Flüchen aus allen Büchern der verbotenen Abteilung alphabetisch durchgemacht und alles, woran ich denken kann, ist Mittagessen.

„Einen Muggel?", frage ich müde als ich mich auf den Boden werfe. Wir üben in der Garage von Onkel Vernon. Da ich schon öfter Sachen in die Luft gejagt habe, wurde die Garage mit allerlei Muggelabwehrzauber belegt, damit niemand hierher kommen und herum schnüffeln kann. Es ist erstaunlich, wie man sich an eine bestimmte Denkweise gewöhnt. Tom wirft mir einen überraschten Blick zu und nickt.

„Ein Muggel wäre dir auch für dein Legilimentiküben nützlich", meint er.

„Schön", sage ich und reibe mir die Schläfen. „Aber später. Mein Körper braucht Nahrung – schon vergessen?"

„Das habe ich nicht", murmelt Tom, als bereue er die Tatsache und steht auf. „Schon gut. Aber wenn es dunkel ist, solltest du jagen gehen."

Er grinst mich teuflisch an und ich rolle mit den Augen. Tom mag solche Ausdrücke und vermutlich hatte er sich im Laufe der Jahre noch bessere ausgedacht. Hermine wäre wirklich empört, hätte sie ihn so reden gehört. Und im Übrigen habe ich noch nichts von ihr gehört. Nichts von ihr und nichts von Ron. Hätten sie nicht meine Freunde sein sollen?

Dudley sitzt im Wohnzimmer und er zuckt heftig zusammen, als ich rein komme. Dudley hat gelernt, sich wie ein guter Junge zu benehmen. Der böse Zauberstab hat ihn einmal in ein Schwein verwandelt, einmal hat er eine Schlange auf ihn aufgehetzt (eigentlich war das ich gewesen, denn ich habe eine hübsche Gartenschlange gefunden und gedacht, Dudley würde ihre Gesellschaft genießen) und einmal konnte er drei Tage lang nicht sprechen, weil ich ihn mit einem Schweigezauber belegt habe. Tja, wenn man schon die Chance hat, so rumzuspielen, wird man sehr einfallsreich.

Ich pfeife, als ich den Teller mit meinem Namen aus der Küche hole und damit in der Hand die Treppen nach oben steige. Dudley zittert vermutlich hinter dem Sessel, denn ich konnte ihn nicht mehr sehen. Breit grinsend schließe ich die Tür meines Zimmers mit meinem Fuß und setze mich aufs Bett. Auch wenn Tom nicht mehr da ist, fühle ich mich, als verfolge er mich. Ich frage mich vage, warum ich keine Briefe von meinen Freunden erhalten habe, aber momentan ist das eine Nebensache. Ich habe mich an Toms Gesellschaft sehr gewöhnt und ihn aus dem Tagebuch heraus zu lassen wird in der Schule schwierig sein. Aber da ich nicht mehr mit Ron rede, wäre es ja nicht seltsam, dass ich mich hinter den Bettvorhängen verstecke und sie mit einem Klebezauber belege.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum Tom mir eigentlich hilft. Und ich bin nicht mehr der Typ, der ihm den 'ich möchte dir helfen' Scheiß abkauft. Nein, auch wenn er eine Erinnerung ist – und dieser Teil ist mir nicht mal so klar, denn er will mir keine genauen Antworten geben – kann er denken. Zu diesem Schluss sind wir schon gekommen. Und ein dunkler Magier wie Tom – egal ob er sechzehn ist – tut nichts, ohne dass er einen Nutzen daraus ziehen kann. Also warum hilft er seinem Feind? Der einzige Schluss, den ich ziehen kann, ist, dass er sich erhofft, er würde mich auf die dunkle Seite ziehen und damit Voldemort – seinem zukünftigen Selbst – einen mächtigen Verbündeten geben. Mächtigen? Tja, was soll ich sagen, seine Arroganz ist ein wenig ansteckend und außerdem habe ich dafür Beweise. Aber zurück zum Thema. Ich bin mir sicher, obwohl er es nie laut gesagt hat, dass er einen dunklen Zauberer aus mir machen will. Im Übrigen werdet ihr merken, dass Tom einen Unterschied zwischen einem dunklen Zauberer und einem Schwarzmagier macht. Denn die Bezeichnung 'Schwarzmagier' stammt von den Hellmagiern, die alles, was mit dunkler Magie zu tun hat, in einen Sack werfen und es als 'Schwarzmagie' bezeichnen. Dabei gibt es auch noch neutrale, so genannte 'graue' Magie, von der man nichts in den Büchern – gewöhnlichen Büchern – lesen kann.

Und was denke ich dazu? Überhaupt nichts. Momentan fühle ich mich gut in meiner Haut und ich habe überhaupt nichts vor. Denn ich kann schon sehr gut sehen, was meine Freundschaft mit Tom bewirkt hat. Ich bin nicht mehr der naive Junge, der all den Scheiß auf der Welt glaubt. Ich vertraue Dumbledore sicherlich nicht, und das nicht, weil Tom ihm nicht vertraut. Ich habe meine eigenen Gründe. Der Mann hat seine Geheimnisse und er schmiedet Pläne, lässt aber niemanden an sich heran, damit man daran teilnehmen oder – Merlin behüte! – ihm helfen kann. Denn der große Magier braucht keine Hilfe, vielen Dank. Er verheimlicht mir schon so viel, dass man mit seinen Geheimnissen mir gegenüber ein dickes Buch füllen kann. Und seine Antwort, ich sei einfach viel zu jung? Tom glaubt nicht, dass ich für irgendetwas zu jung bin und ich kann die Wirkung seines Unterrichts sehen. Im Laufe der letzten Monate habe ich dreimal so viel gelernt, wie ich in einem Jahr in Hogwarts gelernt habe. Der Mann ist ein Sklaventreiber, aber er unterrichtet alles. Er sagt nie, etwas sei zu schwer für mich oder sonst was. Ich schufte mich hier zu Tode, aber wenigstens habe ich etwas erreicht. Der Beweis steht vor meiner Nase.

Aber möchte ich ein dunkler Zauberer werden? Tja, zu spät. Ich bin schon einer. Und es fühlt sich richtig an. Tom behauptet, dass ich eine natürliche Neigung zur dunklen Magie habe, worauf ich nur geschnaubt habe. Aber je mehr dunkle Magie ich lerne, desto mehr wird mir klar, dass sie sich natürlich anfühlt. Die Neigung zur bestimmten Magie hängt von der Art des eigenen magischen Kerns ab – noch etwas, das man uns nicht in der Schule beigebracht hat. Und solch eine wichtige Sache! Da gibt es drei Arten von magischen Kernen – hell, neutral und dunkel. Falls man einen dunklen Kern hat, dann kommt einem die dunkle Magie leicht und natürlich vor. Aber laut meiner Quelle – ein Buch aus der Kammer Slytherins – ist es überhaupt nicht ratsam, die Magie, für die man keine Neigung hat, immer zu benutzen. Denn das kann den Kern beschädigen und mehr als das – man kann sich nie zu seinem vollen Potenzial entwickeln, weil man einfach die falsche Magie benutzt. Und das klingt ganz logisch. Noch ein Grund, warum ich Dumbledore nicht vertraue. Hogwarts unterrichtet nur Hellmagie und das mit der Einstellung, es gäbe nur die Hellmagie auf der Welt und sie sei die richtige Form von Magie. Alles andere sei falsch. Quatsch.

Nun, was meine Neigung zur Magie angeht, Tom hat versprochen, mir einen Zauber beizubringen, der diese enthüllen kann. Und ich bin schon darauf gespannt. Laut ihm ist die Abstammung der Schlüssel, denn falls die Eltern zu dunkler Magie neigen, wird auch ihr Kind ein dunkler Magier. Und genau das ist es, was mich verwirrt, denn so weit ich weiß, waren meine Eltern Hellmagier. Vielleicht irre ich mich? Ich weiß nur das über sie, was Dumbledore und Hagrid mir erzählt haben, also sind meine Quellen nicht wirklich vertrauenswürdig. Deswegen habe ich geplant, Gringotts zu besuchen, denn laut Tom können die Kobolde mir meinen Stammbaum zeigen.

Also haben wir schon festgestellt, Harry Potter ist ein dunkler Magier und er ist stolz darauf, Punkt. Ich finde die dunkle Magie einfach phantastisch und ich möchte mehr lernen. Momentan arbeite ich an meiner Selbstkontrolle, denn Tom sagt, ich könne verrückt werden, falls ich nicht lerne, der Verlockung, dunkle Magie zu üben, zu widerstehen. Was auch immer man mir über die dunkle Magie erzählt hat, ist total falsch. Daraus kann ich nur einen Schluss ziehen – man hat keine Ahnung, worüber man redet. Hat Dumbledore je dunkle Magie ausprobiert, damit er Erfahrung damit hätte? Sicherlich nicht. Der Mann rümpft mit der Hakennase, sobald man etwas 'Dunkles' erwähnt. Für ihn heißt die dunkle Magie das gleiche wie Gemüse für Dudley – sie laufen davon als wäre der Teufel ihnen hinterher. Ich finde es einfach bedauerlich, dass ein Mann, der sich für solch einen großen Magier ausgibt, sich nicht die Zeit genommen hat, um sich mit der dunklen Magie wenigstens bekannt zu machen. Hat er Angst davor? Auch wenn man so offensichtlich ein Hellmagier ist, hätte er wenigstens die Grundlagen der dunklen Künste lernen können, damit er weiß, worüber er eigentlich redet.

Mit Ron möchte ich nichts mehr zu tun haben. Ja, es tut mir echt leid, dass seine Schwester tot ist, aber ich habe kein schlechtes Gewissen, denn ich habe Tom bei mir. Ich weiß, wie es sich anhört, und glaubt mir, ich habe schon tausendmal darüber nachgedacht. In jenem Moment hat für mich ein neues Leben angefangen und ich bedauere es nicht. Es ist egoistisch von mir, ich weiß; aber so wie ich die Sache sehe, habe ich schon tausendmal zugeschaut, wie anderen gute Sachen passieren. Mir passierte nichts Gutes. Gut, ich bin ein Zauberer und ich war der glücklichste Junge auf der Welt, als ich das erfahren habe, aber das war schon da, in mir. Man hatte es mir nur zugeteilt. Ich habe elf Jahre lang zugeschaut, wie Dudley Geschenke zu Weihnachten bekommt und alles, was ich bekommen habe, waren alte Socken. Niemand war je nachsichtig mit mir. Ich musste mich für alles bemühen und ich habe es satt. Also betrachte ich Tom als eine Art Geschenk und ich genieße es. Hätte ich mich letztes Jahr so reden gehört, hätte ich sicherlich geglaubt, ich sei durchgedreht. Vielleicht ist es eine Folge von der Einweihung in die dunklen Künste. Habe keine Ahnung und mir ist egal.

Hermine wiederum ist eine ganz andere Sache. Klar, manchmal geht sie mir mit ihren Stundenplänen und ihrer besserwisserischen Einstellung auf den Sack, aber sie ist klug und sie ist mir treu. Sie ist die einzige, die zu mir steht und die einzige, die mir vertraut. Ich belüge sie nur ungerne, aber ich weiß, dass es momentan keine andere Lösung gibt. Sie würde es nicht verstehen. Vielleicht werde ich ihr eines Tages alles erzählen, aber dieser Tag ist leider noch nicht gekommen.

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Niemand stellt dumme Fragen, als ich mich mit einer schwarzen Jacke in der Hand nach draußen begebe, auch wenn es schon Mitternacht ist. Onkel Vernon, der gerade schlafen geht, wirft mir einen Blick zu und steigt die Treppen ohne ein Wort hinauf. Er denkt wahrscheinlich, dass ich nichts Gutes vorhabe, und da hat er leider Recht. Mit dem Stab in meiner Tasche verlasse ich das Haus durch die Seitentür, denn ich bin mir sicher, dass Dumbledores Spione das Haus bewachen. Ich habe genug Beweise dafür. Ich schlendere die Straße entlang und frage mich, wer für meinen Zweck passend wäre. Ich habe noch nicht entschieden, was ich mit meinem 'Gast' tun werde. Ich kann ihn unmöglich in meinem Zimmer einsperren. Also wäre die logische Wahl der Keller. Ich muss mich nur vergewissern, dass ich ihn mit guten Schutzzaubern belege, damit Tante Petunia oder Onkel Vernon nicht herum schnüffeln können. Ich werde ihnen einfach sagen, ich übe Magie im Keller – und so würden sie nicht nachschauen wollen, denn sie haben panische Angst vor Magie. Das M Wort, wie es Onkel Vernon nennt. Tja, man kann sie nicht dafür beschuldigen. Schließlich habe ich ihnen im Laufe der Tage ganz schön gezeigt, was man mit Magie bewirken kann. Die drei Tage, die Dudley als ein Schwein verbracht hat, waren die lustigsten in meinem Leben. Niemand kann wieder gut machen, was ich in meiner Kindheit durchgemacht habe; aber Dudley das Schwein ist gut genug.

Ich komme an ein paar Teenagern vorbei, die in einem Park sitzen und saufen. Ein Teil von mir betet, dass sie mich provozieren, damit ich einen Grund hätte sie zu verfluchen, aber mein Verstand – der sich wie Tom anhört –rät mir, mich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen, damit ich nicht die Chance hätte, etwas Dummes anzustellen. Schade. Ich komme an einem kleinen Laden vorbei, der noch immer geöffnet ist. Vor dem Laden sitzt ein vollkommen betrunkener Mann, der etwas in den Bart murmelt. Ich mustere ihn als ich Bonbons kaufe und er lächelt mich an, als er mir zuruft. Das wird kinderleicht sein.

Fünfzehn Minuten später stehe ich wieder in meinem Zimmer, der Säufer bewusstlos auf dem Boden und öffne Toms Tagebuch. Er rümpft die Nase so bald er auftaucht und schaut sich um, auf der Suche nach der Ursache des abscheulichen Geruchs.

„Wirklich", murmelt er, als er den Mann mustert. „Hättest du nicht etwas Besseres holen können?"

Er redet über die Muggel, als wären sie Tiere und ich bin es schon gewohnt.

„Nein", sage ich sofort. „Er hatte seine Hilfe angeboten, also habe ich den hilfsbereiten Mann mitgebracht."

Tom knurrt und schüttelt den Kopf. Tom ist besessen von Sauberkeit.

„Hoffen wir, dass er sein Gehirn nicht weg gesoffen hat", meint er trocken, als er den Mann untersucht. Er hält sich die Nase und ich lache, meinen Stab ziehend.

„Zünde eine Kerze an, du brauchst das Muggellicht nicht", sagt Tom. „Sonsten fragen sich deine Wächter, was du so spät treibst."

Als ich die Kerze auf dem Schreibtisch abstelle, krempele ich meine Ärmel hoch und trinke den übergebliebenen Kaffee direkt aus der Kanne. Es wird eine lange Nacht werden.

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Die Dursleys glauben, ich bewahre eine Leiche im Keller auf und den Gedanke an sich finde ich einfach zum Totlachen. Ihm geht es sicherlich im Keller viel besser, denn hier hat er ein Dach über dem Kopf und Essen, was er früher nicht hatte. Ich habe den Keller mit allerlei Zaubern belegt, ein Stillezauber insbesondere, sodass der Muggel sich heiser schreien kann und niemand ihn hören kann. Die Absurdität der Situation kommt mir ins Bewusstsein, als ich Dudley leise fragen höre, ob ich jemanden getötet habe und die Leiche im Keller aufbewahre. Die Treppen wieder hoch steigend, lache ich herzlich bis mir klar ist, was genau ich getan habe. Schließlich kann man aus dem, was Dudley gesehen hat, allerlei Schlüsse ziehen. Als ich mich hinlege – denn ich war ja die ganze Nacht lang auf den Beinen – vertreibe ich die überflüssigen Gedanken aus meinem Kopf und versinke in einen tiefen Schlaf.

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Eine unangenehme Überraschung erwartet mich, als ich meine Augen wieder öffne. Nie hätte ich solch eine Situation vorhersehen können, nicht einmal Tom hätte gedacht, dass die Dursleys zu so was imstande wären. Was mich geweckt hatte war Lärm. Jemand klopft an der Tür und verlangt, dass ich sie öffne. Ich haste zum Tagebuch und öffne es, so schnell ich kann, meinen Stab schon parat in meiner Hand.

„Tom!", schreie ich. „Da steht..."

„POLIZEI! ÖFFNE DIE TÜR, SOFORT!", donnert eine unbekannte männliche Stimme, die Tom die Situation in einer Sekunde klar macht. Sein Ausdruck wird auf einmal ernst und er versteift sich.

„Fliehen kannst du nicht, denn du kannst deine Sachen nicht so schnell holen,", meint er. Die Tür beginnt zu zittern, aber meine Schutzzauber halten noch immer. Ich hatte schließlich einen tollen Lehrer und die Zauber sind nicht wirklich hellmagisch.

„Wir können hier bleiben, aber der Muggel ist noch immer im Keller und wir haben sein Gedächtnis nicht gelöscht", spricht Tom schnell weiter. „Also musst du ihnen gegenübertreten."

„Wie denn? Bist du wohl verrückt?", schreie ich ihn an.

„Sie sind Muggel, Harry", sagt Tom trocken. „Wo liegt das Problem?"

Ich ringe mit mir selbst und schaue zwischen der Tür und Tom hin und her. Schließlich bricht etwas in mir zusammen und ich renne zur Tür. Ich richte meinen Stab auf die Tür.

„Bombarda!" schreie ich. Mein Zauber war vielleicht ein wenig zu kräftig, denn ich bin ja aufgeregt. Die Tür explodiert in tausend Stücke und eine Staubwolke steigt hoch in die Luft. Da höre ich Schreie und ich überlege mir, wie viele Polizisten ich mit meinem Zauber verletzt habe. Nicht weil ich besorgt über ihr Wohlergehen bin, sondern weil ich so viel wie möglich außer Gefecht setzen möchte. Die Entscheidung wurde schon getroffen – ich habe mich für den Kampf entschieden. Ich hatte genug vom Verstecken, vom Fliehen und vom Abwarten, wann man mich das nächste Mal verprügelt. Etwas Heißes kocht in mir und ich schiebe jeglichen Gedanken an die Folgen meines Handelns zur Seite. Tom steht beim Tisch und beobachtet alles genau.

„Da seht ihr!", höre ich Onkel Vernons Stimme. „Er ist ein Freak, er ist ein Krimineller, ein Mörder! Nehmt ihn fest!"

Seine Stimme löst eine einzigartige Reaktion in mir aus. Ich spüre kochend-heiße Wut in mir, die sich wie eine riesige Schlange aufrichtet und sich auf einen Angriff vorbereitet. Der Mann hört einfach nicht auf. Er hatte mein Leben zur Hölle gemacht, und alles, was ich wollte war, dass er mich in Ruhe lässt. Eben das kann er nicht tun. Er hasst mich so sehr, dass er nicht aufhören würde, bis ich tot bin. Was habe ich dem Mann je angetan?

Als ich klein war, habe ich mir manchmal vorgestellt, dass ich Onkel Vernon mit dem Gürtel schlage, mit dem er mich geschlagen hatte, aber das waren nur Tagträume. In der Wirklichkeit hätte ich nie gewagt, so was zu versuchen. War ich zu feige? Ich glaube, dass ich tatsächlich überzeugt war, ich sei ein Freak und ich verdiente das Ganze. Jetzt aber nicht mehr. All die Traurigkeit und all die Verzweiflung, die ich in meiner Kindheit gespürt habe, die unendlichen Nächte die ich alleine im Schrank unter der Treppe verbracht habe, mich in den Schlaf weinend, mich fragend, ob es besser wäre, wenn ich tot wäre und mich fragend, warum ich nicht wie Dudley sein könnte, flitzen vor meinem inneren Auge vorbei und ich höre nichts, außer der Stimme meines sogenannten Onkels.

Im Vorbeigehen betäube ich den Polizist, der eine Pistole in der Hand hält und er kippt um. Ich sehe nur meinen Onkel und als er mich erblickt, wie ich durch die Staubwolke durchkomme und auf ihn zukomme, verschwindet das dumme Lächeln von seinem Gesicht. Er sieht etwas in meinem Gesicht, was ich nicht sehen kann; und was auch immer es ist, es lässt ihn in jenem Moment ganz klar erkennen, dass ich ehrlich vorhabe, ihn zu töten. Der brennende Wunsch steht mir im Gesicht geschrieben und der Mann erkennt ihn und macht sich schreiend aus dem Staub. Ich renne ihm ohne darüber nachzudenken hinterher.

Er hat einen ernsten Fehler begangen, als er mich elf Jahre lang mit physischer Arbeit gequält hat, denn mein Körper ist zum Laufen viel besser geeignet, als der von Onkel Vernon, für den sich die Phrase 'Sport machen' nur auf den fünf Sekunden langen Spaziergang von seinem Auto ins Wohnzimmer bezieht. Ich überspringe die Treppen und ehe er die Eingangstür öffnen kann, richte ich meinen Stab auf ihn.

„Exuras!", schreie ich bevor ich mir bewusst bin, was ich da tue. Voller Genugtuung schaue ich zu, wie er gequält aufschreit und mit den Armen herumfuchtelt, wahrscheinlich um das nicht-existierende Feuer auszulöschen. Ihm fällt aber nicht auf, dass es kein Feuer gibt. Als ich da wie gebannt mein Werk begutachte, greifen zwei Arme von hinten nach mir und ich höre Tante Petunias panische Stimme. Reflexartig richte ich meinen Stab auf sie, aber er fällt mir aus der Hand. Ich werde umgedreht und jetzt stehe ich von Angesicht zu Angesicht vor ihr, deren Augen weit und rot vom Weinen sind, und deren Hände mich zu erwürgen versuchen. Die wütende Schlange, die noch immer in meinem Inneren tobt, zischt zornig und wirft sich auf sie. In Wirklichkeit bin ich derjenige, der die Hand hebt und eine Magiewelle explodiert aus meinen Fingerkuppen, die sie direkt in die Brust trifft. Sie fliegt durch die Luft und landet auf dem Geländer. Danach, als sie auf dem Boden liegt, laufen ihr Blutrinnsale über die Wangen.

Stille tritt ein und ich schaue mich schwer atmend um, weil sie mir komisch vorkommt. Onkel Vernon liegt auf dem Boden bei der Eingangstür. Ich hole tief Luft und gehe schauen, ob er tatsächlich bewusstlos ist. Ich trete gegen ihn, aber er rührt sich nicht. Fluchend bücke ich mich, um zu checken, was mit ihm passiert ist. Als ich seinen Puls zu finden versuche, kann ich keinen finden. Was soll das?

„Ist er tot?", kommt eine Stimme aus Richtung der Treppen. Ich richte mich auf und erblicke Tom, der mit steinerner Miene da oben steht, der Inbegriff von einem jungen dunklen Lord. Seine langen Finger berühren im Vorbeigehen das blutige Geländer und ich fühle mich auf einmal erleichtert, ihn zu sehen.

„Ich... ich weiß es nicht", sage ich. Die wahre Bedeutung seiner Worte wird mir erst jetzt klar. Bisher habe ich nicht wirklich geglaubt, dass Onkel Vernon tatsächlich tot sein könnte. Aber...

„Was für einen Fluch hast du benutzt?", fragt Tom ruhig, der die Treppen hinab steigt.

„Exuras", sage ich leise.

„Hmm", murmelt Tom nachdenklich. Er bückt sich anmutig – der Mann kauert sogar mit Anmut – und greift nach dem Handgelenk von dem Wal. „Er ist tot", stellt er fest. Dann schaut er hoch und richtet sich langsam und mit einer schnellen Bewegung auf. „Und die Schlampe auch."

„WAS?", zische ich, die Treppen hinauf rennend. Ich bremse bei Tante Petunia ab und falle auf die Knie.

„Na schön, jetzt bist du das Problem los", behauptet Tom gelassen. Er schaut zu wie ich meine Tante untersuche, kein weiteres Wort sagend. Ihr wollte ich nicht wehtun. Wie hatte das nur passieren können?

„Der kleine Muggel ist bewusstlos", fährt Tom gelassen fort. Er steht noch immer bei der Leiche meines Onkels. „Schock wahrscheinlich", fügt er trocken hinzu. „Wir sollten das Gedächtnis von den Polizisten löschen. Ich wollte dir diesen Zauber eh beibringen, also jetzt ist deine Chance, ihn zu lernen. Da hast du deine Versuchskaninchen."

Er lächelt zufrieden und steigt die Treppen hoch. Ich stehe noch immer wie angewurzelt bei Tante Petunia und ich starre sie im Schock an. Das Blut ist getrocknet und ihr normalerweise sorgfältig gekämmtes Haar ist zerzaust. Ich starre sie an und mein Kopf ist vollkommen leer. Ich kann noch immer nicht begreifen, dass sie tot sind. Ich erwarte jede Sekunde Onkel Vernons laute Stimme zu hören, aber im Haus herrscht Stille. Die Lampe direkt unter der Eingangstür schwingt noch immer hin und her und da gibt es einen komischen Geruch in der Luft. Tod... Und Zerstörung.

„Harry", sagt Tom sanft und legt mir eine Hand auf die Schulter. Ich begegne dem Blick der dunklen Augen, die mich beinah besorgt anschauen. „Sie haben dich jahrelang schikaniert und gequält; sie haben dich gehasst, weil du ein Zauberer bist. Sie haben keine Reue empfunden – warum solltest du jegliche empfinden?"

Wie immer hat Tom Recht. Aber einen Mensch zu töten... Zwei Menschen... Das habe ich nie gewollt. Mein Verstand sagt mir, ich solle mir jetzt die Seele ausweinen oder mich heiser schreien. Aber das tue ich nicht. Stattdessen starre ich die Leiche von Tante Petunia mit einer versteinerten Miene an und frage mich, ob ich von einem Dämon besessen bin. Dieser Dämon steht direkt hinter mir. Tom ist schuld. Tom und seine dunkle Magie. Tom und seine Pläne. Tom und sein Wunsch, mich zur dunklen Seite überlaufen zu sehen.

„Harry", fängt er wieder an, mit dieser sanften, verführerischen Stimme, die mir wie die Stimme der Dunkelheit selbst vorkommt. Ich schlage seine Hand weg.

„Vergiss es", knurre ich aggressiv. Tom verwechselt meine Reaktion mit der Folge meines Magieausbruchs und nickt nur. „Löschen wir das Gedächtnis der Polizisten. So schwer kann es nicht sein", verlange ich.

„Ist es nicht", sagt er fröhlich und zufrieden, als er mir zurück zum... Tatort folgt. „Und du bist mächtig geworden, also denke ich nicht, dass du Probleme damit haben wirst."

In meinen nicht vorhandenen Bart fluchend, zücke ich meinen Stab und höre seinen Anweisungen zu. Mein Kopf ist vollkommen leer und ich zwinge mich dazu, gut zuzuhören, damit ich endlich dieses Problem loswerde. Wenigstens werde ich die Polizisten laufen lassen.

Als es dämmert, stehen die Polizisten bei der Brücke ein paar Straßen weg vom Ligusterweg und wachen langsam auf. Tom und ich kauern hinter ein paar Bäumen, um uns zu vergewissern, dass alles gut geklappt hat. Das hat es. Obwohl sie sich über höllische Kopfschmerzen beschweren, glauben sie wenigstens an die Erinnerung, die ich in ihre Köpfe hinein gezwungen habe. Tom und ich kehren zurück nach Hause. Ich schleiche durch die Seitentür wieder ins Haus – Dumbledores Wächter sind wirklich Idioten, denn sie haben sicherlich die Polizisten kommen gesehen – und erblicke wieder die Leichen im Flur. Alles kommt mir wie ein Traum vor. Ein sehr schlechter Traum.

„Ich würde dir raten, die Leichen zu verbrennen", meint Tom. „Damit man keine Beweise finden kann."

„Du hast damit Erfahrung, was?", knurre ich. Tom gluckst.

„Nicht wirklich", sagt er mit einem Funkeln in seinen Augen. „Aber ich habe oft darüber nachgedacht, was ich tun würde, falls ich dazu gezwungen wäre."

Ich möchte keine seiner Geschichten hören, also zaubere ich wortlos die Leiche von Onkel Vernon und Tante Petunia federleicht und begebe mich in den Keller, wo ich den Plan ohne viele Spuren zu hinterlassen in die Tat umsetzen kann. Tom schaut wortlos zu und gibt mir Ratschläge. Ich fühle mich wie gerädert. Ich bin zu keinem klaren Gedanken fähig und alles woran ich denken kann ist mein warmes Bett. Als ich in den Schlaf sinke, denke ich an überhaupt nichts.