Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.

Cassie

„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."

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Kapitel 4 - Die Suche nach Antworten

Am nächsten Tag wache ich erstmals um sechzehn Uhr auf. Alle meine Knochen tun weh. Die Stille, die im Haus herrscht, ist der erste Beweis von den gestrigen Ereignissen, denn normalerweise gibt es zu dieser Zeit des Tages eine Menge Lärm. Tante Petunia kocht das Mittagessen, Onkel Vernon kommt nach Hause und Dudley sieht fern und lacht so laut, dass ich ihn sogar in meinem Zimmer im ersten Stock hören kann. Jetzt aber ist es mucksmäuschenstill.

Ich schaue zu meinem Schreibtisch hinüber und mein Blick fällt auf Toms Tagebuch. Mein Magen verkrampft sich und ein Stich von Entsetzen durchzuckt mich. Ich möchte nicht mit ihm sprechen, denn ich weiß schon, was er sagen wird. Dass ich das richtige getan habe. Dass ich mich nie mehr fürchten brauche. Dass ich das gut gemacht habe. Und doch. Da gibt es einen Muggel in meinem Keller, mein Onkel und meine Tante sind tot, weil ich sie getötet habe und Dudley hockt in seinem Zimmer.

Wie ist es dazu gekommen? Und warum spüre ich überhaupt nichts? Ich sollte weinen, ich sollte mich schuldig fühlen, ich sollte auf Tom sauer sein, der mich zum Morden gebracht hatte... Und doch ist mein Inneres eiskalt. Ich spüre überhaupt nichts. Sicherlich ist das eine Folge von der Benutzung der dunklen Magie. Man wird eiskalt und verliert jegliche Fähigkeit, etwas zu empfinden, sowie Mitgefühl.

Weil ich noch hier stehe und Dumbledores Spione nicht reingeplatzt sind, bin ich der Meinung, dass niemand etwas bemerkt hat, was eigentlich ein Wunder ist. Denn wenn ich mich an den Lärm von gestern erinnere, bin ich mir sicher, dass die gesamte Straße über die Morde Bescheid weiß. Bin ich einfach ein Glückspilz oder stimmt da was nicht? Hedwig ist von der Jagd zurückgekehrt und sitzt auf dem Regal, mich vorsichtig anschauend, als frage sie sich, ob ich auch sie umbringen würde, falls sie etwas falsch macht. Die Situation ist surreal.

Ich seufze und widerstehe der Versuchung, das Tagebuch zu öffnen. Tom hatte mir trotz allem etwas sehr Wichtiges beigebracht. Man sollte niemandem vertrauen und man sollte seinen eigenen Kopf benutzen. Also sitze ich auf meinem Bett und versuche das Ganze zu verdauen. Als ich wieder Tante Petunias Leiche vor meinem geistigen Auge sehe, entscheide ich, dass ich dringend eine Ablenkung brauche. Also gehe ich in die Küche und stelle einen Topf auf den Herd. Das Kochen hat mir immer geholfen, mich zu entspannen und meine Gedanken zu ordnen, also wird es auch heute – hoffentlich – helfen. Auch wenn die Polizisten weg sind und auch wenn es keine Tante und Onkel mehr gibt, enden damit meine Probleme nicht, so wie Tom denkt. Denn jemand wird bald zu Besuch kommen und wenn es keine Dursleys gibt, wird Panik ausbrechen und man wird mich natürlich verhören, denn alle wissen ja, dass ich bei ihnen wohne. Nein, da gibt es nur einen Weg heraus – ich muss einen Angriff inszenieren und ich muss dabei das Haus niederbrennen, damit es nicht verwunderlich ist, dass es keine Leichen gibt.

Ich schaue mich um und weiß, ich sollte von meinen eigenen Taten und Plänen angeekelt sein, aber das bin ich nicht. Es fühlt sich beinahe so an, als hätte jemand den Teil von mir herausgerissen, der zu Mitleid fähig ist und hätte ihn mit etwas anderem ersetzt. Und ich habe eine gute Vorstellung, was das sein sollte. Macht. Denn in letzter Zeit kann ich die Magie durch mich fließen spüren; sie ist wie Strom, nahezu greifbar und spürbar; und auch die Zauber, mit denen ich vor ein paar Monaten Schwierigkeiten hatte, kommen mir jetzt leicht vor. Das ist ein Rätsel für mich.

Ich bringe etwas Essen zu Dudley, ehe ich den Imperiusfluch, mit dem ich ihn belegt habe, erneuere und begebe mich zu meinem Zimmer. Dort esse ich in Stille und starre den Teppich an, während tausende von Gedanken durch meinen Kopf flitzen. Als ich mit dem Essen fertig bin, stehe ich entschlossen auf und öffne das Tagebuch. Tom taucht auf, etwas gereizt, denn er kann leider nicht selbst rauskommen, also muss er wohl oder übel darauf warten, dass ich das Tagebuch öffne. Als er meinen todernsten Ausdruck bemerkt, wird auch er ernst, denn er kennt mich schon ziemlich gut.

„Was ist los, Tom?", frage ich leise. Ich fühle mich trotz des Schlafs und trotz des guten Essens sehr müde. „Warum fühle ich mich so? Meine Magie kommt mir wie Strom vor – so war es niemals gewesen. Es ist so leicht, sie zu benutzen. Aber zur gleichen Zeit bin ich zu etwas Einfachem, etwas Menschlichem wie Mitleid oder Reue, nicht fähig."

Tom mustert mich und wägt seine Worte sorgfältig ab.

„Der Wechsel zur dunklen Magie hat immer unvorhersehbare Folgen. Denn normalerweise benutzt man sie seit man geboren ist, wenn man in eine dunklen Familie geboren wird. Du und ich wiederum..." Er schaut mich ernst an und ich weiß, was er damit erreichen will. Er möchte, dass ich uns als ein Team betrachte. Er möchte mir sagen, er habe auch so was durchgemacht. „Du hast zwei Jahre lang nur Hellmagie benutzt und auf einmal bist du in die dunklen Künste eingetaucht. Du wirst dich langsam daran gewöhnen. Aber in der Zwischenzeit sollten wir den Neigungszauber ausprobieren. Er könnte uns eine Erklärung bieten, womit wir es zu tun haben."

Ich senke den Kopf und ringe mit mir selbst. Tom stellt eine Art Sicherheit für mich dar, denn er hat immer eine Lösung, auch wenn sie radikal ist. Auch wenn er eines Tages Lord Voldemort wird, bedeuten mir seine Anwesenheit und seine Anleitung viel. Deswegen fühle ich mich in diesem Moment erleichtert, als er alles so logisch analysiert und mir eine Lösung anbietet. Oder wenigstens etwas, womit man was anfangen kann.

Ich kenne den Spruch schon, aber es ist schon Tage her, seit ich den Zauber benutzt habe. Ich hoffe, ich schaffe es. Nach meinem Magieausbruch fühlt sich meine Magie ein wenig wild und instabil an. Ich richte meinen Stab auf mich selbst, schließe die Augen und versuche es. Ich öffne die Augen und spüre einen magischen Schleier, der sich um mich gewickelt hat. Oder eher – und das ist im Grunde genommen, was der Zauber bewirken sollte – sieht es so aus, als strahle ich etwas aus. Und dieses etwas ist... sehr dunkel, beinahe schwarz. Hier und da gibt es graue Flecken, die jedoch von der Schwärze schnell verschlungen werden. Toms Augen glitzern wie verrückt und er grinst breit, als sich der Schleier langsam in Luft auflöst.

„Also hast du doch einen dunklen Kern", stellt er unnötigerweise fest und hebt stolz sein Kinn. „Da gibt es noch Spuren von deinem Gebrauch der Hellmagie, aber sie werden schnell weg sein."

Ich schweige und mein Herz rast. Wie ist das nur möglich? Ich, ein dunkler Magier? Na klar, ich habe mich in den dunklen Künsten versucht, aber einen dunklen magischen Kern zu haben, das ist zu viel. Wahre dunkle Kerne sind wirklich selten. In der Wahrheit hat – laut meiner Quelle –die Mehrheit der Zauberer und Hexen einen hellen Kern, und da gibt es auch eine Anzahl von neutralen Kernen. Aber einen dunklen zu haben... solche Menschen sind selten. Die angeblichen 'Schwarzmagier' sind in Wirklichkeit nur Menschen mit neutralen Kernen, die sich in den dunklen Künsten versuchen. Sie können aber nicht weit damit kommen, laut Tom. Denn was ihnen fehlt, ist die natürliche Neigung zur dunklen Magie, und aus diesem Grund sind sie unfähig, die anspruchsvolleren Zauber und Flüche auszuführen. Was kann das nur bedeuten?

„Morgen können wir nach Gringotts gehen", sagt Tom ruhig und es kommt mir vor, als käme seine Stimme aus der Ferne. „Sicherlich würde dein Stammbaum einiges aufklären. In der Zwischenzeit können wir uns dem Wesentlichen zuwenden. Dem Muggeljungen im Zimmer nebenan, zum Beispiel."

Ich sehe auf und erinnere mich an den Plan, den ich in der Küche vor wenigen Minuten geschmiedet habe.

„Der bleibt unter dem Imperius", sage ich ehe ich weiß, was ich da sage. Tom hebt die Augenbrauen in die Höhe. „Und ich habe einen Plan, wie ich das Problem lösen kann."

„Früher oder später kommt jemand zum Besuch, also werden sie merken, dass die Dursleys nicht hier sind. Und ich werde der erste auf der Verdächtigenliste sein, denn Onkel Vernon hat allen erzählt, ich besuche ein Kriminalzentrum." Toms Augenbrauen steigen noch höher und da erkenne ich eine Spur von Wut, aber er sagt nichts. „Also habe ich vor, das Haus niederzubrennen, damit man ihre Leichen nicht finden kann."

„Und der Junge?", fragt Tom, der jetzt seinen Stolz und seine Überraschung nicht mehr unter der Maske von Gleichgültigkeit verbergen kann.
„Dem löschen wir das Gedächtnis und lassen ihn vor dem Haus liegen. So wird er überleben. Tante Marge wird sich um ihn kümmern. Er wird es dort lieben. Sie ist genauso dick wie er und backt ständig Kuchen."

Tom lächelt und schaut auf seine Schuhe hinunter. Sein Mundwinkel zuckt auf eine Weise, die mich wissen lässt, dass er beeindruckt ist. Ich bin selbst von mir überrascht. Ich habe sorgfältig über das Ganze nachgedacht und habe mir etwas ausgedacht.

„Deine Denkweise hat sich schon viel verbessert", murmelt Tom, noch immer mysteriös lächelnd. „Ich spreche nur über deine Denkweise. Du denkst nicht mehr wie ein verängstigter Junge. Du denkst wie ein erwachsener Magier. Sehr gut."

„Das kannst du dir sparen", knurre ich schlechtgelaunt. „Ich möchte nicht den Rest meines Lebens in Azkaban verbringen."
„Natürlich nicht", stellt Tom fröhlich fest, als sei ihm der Ernst der Situation nicht vollkommen klar. „Dein Plan ist sehr gut, Harry. Wann werden wir ihn in die Tat umsetzen?"
„In ein paar Tagen", sage ich leise, mich am Kopf kratzend. „Denn sonst wird jemandem einfallen, den Vorfall mit der Polizei und den Brand in Zusammenhang zu bringen."

Tom lächelt breit und nickt.

„Und in der Zwischenzeit?", fragt er.
„In der Zwischenzeit werde ich Gringotts besuchen und mehr über meine Familie herausfinden", sage ich entschlossen. „Das erledige ich morgen."

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Glücklicherweise hatte ich einen Umhang in meinem Koffer, der kein Schulumhang ist, um meine schäbigen Klamotten zu verbergen. Ich habe mich nie um Kleidung geschert, aber in diese alten Jeans und ein übergroßes T-Shirt gekleidet, sehe ich nicht wie ein Zauberer aus, sondern eher wie ein Bettler. Ich habe den Umhang mit einem Kühlungszauber belegt, denn es ist noch immer ganz schön warm da draußen.

Als ich, mit dem Stab parat in meiner Tasche, durch die Winkelgasse schlendere, frage ich mich, ob Dumbledores Spione hinter mir her sind. Es ist wirklich ein Wunder, dass sie nichts mitbekommen haben. Erst bringe ich einen unbekannten, betrunkenen Muggel ins Haus, dann platzt die Polizei herein und letztendlich töte ich meine Verwandten und schleiche mich wieder heraus. Ob es überhaupt Wächter gibt? Wenn ja, sind sie ziemlich dumm.

Ich spüre Aufregung, als ich einem Kobold folge, der mir sagt, er wird mir meinen Stammbaum zeigen. Kobolden macht es nichts aus, dass ich erst dreizehn bin und etwas verlange. Wenn man ihnen für ihre Dienste bezahlt, stellen sie keine blöden Fragen. Geld öffnet alle Türen.

Der Stammbaum gibt mir keinerlei Antworten. Da sehe ich meine Großeltern und meine Ur-Großeltern und die anderen Namen kommen mir auch bekannt vor. Schließlich sind alle Zaubererfamilien auf irgendeine Weise verwandt. Aber da gibt es keine dunklen Magier. Ich werde noch ein paar Namen nachschlagen müssen, aber nichts kommt mir vielversprechend vor. Außer dem Namen Black, aber die Familie ist, so weit ich weiß, ausgestorben.

„Haben Sie das gefunden, wonach Sie gesucht haben?", fragt der Kobold, der bisher nur still dagesessen hatte.
„Nicht wirklich", antworte ich enttäuscht.
„Brauchen Sie vielleicht einen Stammbaum, der mehrere Jahrhunderte zurück geht?", fragt der Kobold.

Ich sehe überrascht auf. Der grinsende Kobold kommt mir ein wenig zu einsichtsvoll vor.

„Keine Sorge, Mr. Potter", sagt der Kobold. „Diskretion ist uns sehr wichtig. Ich werde nicht fragen, wonach Sie suchen, aber ich werde mein bestes geben, dass Sie es finden. Also?"
„Ja", sage ich durch die Zähne. „Ein längerer Stammbaum wäre sehr nützlich."
„In Ordnung", sagt der Kobold geschäftsmäßig und steht auf. „Ich mache einen für Sie. Ich brauche aber einen Tropfen von Ihrem Blut."

Tom hat mir beigebracht, dass man allerlei Sachen mit Blut anfangen kann und die Idee gefällt mir ganz und gar nicht. Andererseits wenn ich dem Kobold mein Blut nicht gebe, werde ich auch nichts herausfinden.

„Wie kann ich wissen, dass mein Blut nicht zu einem anderen Zweck benutzt wird?", frage ich.

Der Kobold richtet sich auf und in jenem Moment bin ich mir sicher, dass ich ihn beleidigt habe. Tja, Pech gehabt. Ich muss sicher sein.

„Wir können einen Schwur ablegen, Mr. Potter", sagt der Kobold kalt.
„So geht es", sage ich sofort und ziehe meinen Stab hervor. Mal sehen... ich habe darüber in irgendeinem Buch gelesen... Hoffentlich schaffe ich es. Der Kobold schweigt, denn ihm ist sicherlich klar, dass ich es falsch verstehen könnte, wenn er versucht, mir Anweisungen zu geben. Denn er könnte mir ja auch falsche Anweisungen geben, damit der Schwur nicht klappt. Lieber Merlin, ich bin so paranoid wie Tom!

Eine halbe Stunde später mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause, mit einem Geldbeutel in meiner Tasche. Der Stammbaum wird in ein paar Tagen fertiggestellt sein. Als ich in Richtung des Tropfenden Kessels marschiere, rauche ich vor Wut. Dieser... da gibt es keinen Namen, der ihn beschreiben kann. Dumbledore hatte sich als mein Vormund ernannt und aus diesem Grund hat er Zugang zu meinem Verlies. Mein eigener Zugang wurde limitiert, sodass ich Geld für meine Schulsachen hatte, aber das ist alles. Und Hagrid hatte mir nichts darüber erzählt. Vielleicht weiß er es nicht. Wie dem auch sei, laut dem Kobold war Dumbledore regelmäßig hier und hat Geld abgehoben, zu welchem Zweck auch immer.

Momentan vergesse ich meine tote Tante und meinen Onkel und die Bitterkeit und Schuld sind weg. Stattdessen spüre ich kochend-heiße Wut und den Drang, jemanden zu erwürgen. Dumbledore wäre der beste Kandidat zu diesem Zweck. Also hat Tom doch seine Gründe, um dem Mann nicht zu vertrauen. Seit der Kammer des Schreckens vertraue ich ihm nicht, jetzt aber hasse ich den Mann mit meinem ganzen Wesen. Was fällt ihm nur ein? Und was macht er mit meinem Geld? Der Kobold hat gesagt, Dumbledore brauche es für mich, aber ich habe dieses Geld nicht bekommen. Warum lügt er mich an? Er ist ein Lügner und ein Dieb, aber die Frage die mich plagt ist – was noch? Was weiß ich noch über das alte Klappergestell nicht?

Als ich aus der U-Bahn herausspringe, gehen mir alle aus dem Weg. Wahrscheinlich habe ich das Aussehen einer Person, die in keiner Laune ist, verarscht zu werden. Ich kann über nichts anderes nachdenken. Jeglicher Gedanke an meinen Onkel ist aus meinem Kopf vollkommen verschwunden und meine melancholische und nachdenkliche Laune wurde von einer zornigeren ersetzt.

„Wie wagt er es?", brülle ich, sobald ich Toms Tagebuch öffne. Er schaut mich etwas überrascht an und folgt mir mit seinem Blick, als ich durchs Zimmer tigere. „Dieses... Arschloch! Das glaub ich nicht! Wie konnte er nur?"
„Ich nehme an, Dumbledore hatte etwas angestellt", sagt Tom ruhig. Ich balle meine Hände zu Fäusten und knirsche mit den Zähnen, nicht mehr wissend, wie ich meinem Zorn Luft machen soll. „Es wundert mich auch nicht. Glücklicherweise hast du es rechtzeitig entdeckt."

Ich erzähle Tom alles, ab und zu fluchend, und finde seine Gelassenheit echt nervig.

„Weißt du", sagt er schließlich. „Da gibt es etwas, was wir tun können."
„Ja, ihm den Hals umdrehen", murmele ich zornig. Ein seltsamer Ausdruck huscht über sein Gesicht. Er sagt jedoch nichts dazu, fährt lediglich fort.

„Wir müssen beweisen, dass er ein schlechter Vormund ist", spricht Tom weiter. „Dass er dein Geld geklaut hat und dass er dir keines gegeben hat. Und in der Zwischenzeit müssen wir einen neuen Vormund für dich finden." Ich werfe ihm einen finsteren Blick zu. „Ja, ich weiß, du brauchst keinen, aber hier handelt es sich um das Gesetz. Bis du volljährig bist, musst du einen haben, wer auch immer das ist. Das Ministerium wird entscheiden, ob deine Wahl des Kandidaten für die Vormundschaft in Ordnung ist und dabei spielt die Herkunft der Familie eine große Rolle. Denn je älter und einflussreicher die Familie ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie deine Wahl billigen werden."

„Na toll!", schreie ich außer mir. „Wen sollte ich fragen? Die Malfoys?"
„Wäre keine schlechte Idee", meint Tom begeistert, als denke er, ich habe es ernst gemeint. „Die Malfoys sind eine uralte, reinblütige Familie und der Minister selbst kennt Lucius Malfoy und hält viel von ihm."
„Du scherzt", hauche ich. Tom zuckt mit den Achseln. „Wie soll ich das tun? 'Hallo, Mr Malfoy, wie geht es Ihnen? Im Übrigen, wollen Sie mein Vormund sein?"

„Harry", sagt Tom seufzend. „Du verstehst es nicht. Wenn die Zauberergesellschaft mitbekommt, dass Harry Potter nach einem Vormund sucht und dass Dumbledore ihn angelogen und betrogen hat, werden sie sich totschlagen, um die Vormundschaft zu bekommen."
„Lieber Merlin, die Welt ist total durchgeknallt", brülle ich empört und werfe mich resigniert aufs Bett.

„Du verstehst die reinblütige Gesellschaft nicht, Harry", sagt Tom, der auf mich zukommt. „Unter ihnen gelten andere Regeln. Ich werde dir helfen, einen Brief an das Ministerium zu verfassen und das nächste Mal, wenn du nach Gringotts gehst, solltest du dir eine schriftliche Aussage besorgen. Das könnte klappen. Und wenn es das tut, bist du frei. Aber denke darüber nach, es sollte eine dunkle Familie sein, die deine Neigung und deine Interessen billigen würde. Das letzte, was du brauchst, ist ein Hellmagier, der dein Leben zur Hölle machen würde. Was du brauchst, ist eine alte Familie, in der es dunkle Magier gibt und die dich in Ruhe lassen würden."

„Vielleicht...", murmelt Tom, schüttelt dann den Kopf.
„Was?", knurre ich.
„Ach, ich hätte so eine Idee...", murmelt Tom. Ich starre ihn finster an und warte, bis er fortfährt. „Also, wenn man mich sehen würde, wenn man wissen würde, dass ich dich unterstütze, würde es einiges leichter machen."
„Das ist nicht dein Ernst!", platzt es aus mir hervor.
„Auch wenn ich nicht Lord Voldemort bin, wird jeder mich erkennen, der zusammen mit mir Hogwarts besucht hat." Tom richtet sich stolz auf und trägt seine beste 'dunkler Lord' Maske. Ich rolle mit den Augen. Toms Ego ist riesengroß. „Und sie werden mir gehorchen."

„Harry Potter, der Junge, der der Schützling des dunklen Lords ist", sage ich und pruste los. Stress ist sicherlich nicht gut für mich. Ich bin total durchgeknallt. „Oh Mann."
„Sind wir uns dann einig? Wirst du an die Malfoys schreiben?", fragt Tom unbeeindruckt.

Ich denke darüber nach. Wenn ich es tue, würden die Malfoys natürlich annehmen, ich sei zur dunklen Seite überlaufen. Lucius Malfoy darum zu bitten, mein Vormund zu sein, möge auf den ersten Blick unschuldig aussehen, denn er ist reich und einflussreich und ein Mitglied einer solchen Familie zu sein, wäre sicherlich sehr gut für mich. Andererseits... könnte man annehmen, ich brauchte ein Versteck, weil ich ein Todesser bin. Ich spreche meine Gedanken laut aus.

„Denkst du nicht, dass Dumbledore es auch so verstehen könnte?", frage ich. „Draco Malfoy ist mein Feind und ich hasse ihn; wir haben uns seit dem ersten Tag gehasst und Dumbledore weiß das. Denkst du nicht, dass es dem alten Mann verdächtig vorkommen würde, wenn ich auf einmal entscheide, gerne bei ihnen zu wohnen?"

„Er ist dein Feind? Warum denn?", fragt Tom überrascht. Also haben wir darüber nicht gesprochen.
„Weil er ein komplettes Arschloch ist", antworte ich ohne zu blinzeln. Tom schüttelt den Kopf und lächelt.

„Hast du dich je bemüht, ihn besser kennen zu lernen?", fragt er, noch immer geheimnisvoll lächelnd. Ich schnaube. „Abraxas Malfoy ist ein sehr guter Freund von mir gewesen. Und die bloße Tatsache, dass der junge Malfoy sein Enkelkind ist, muss was heißen."
„Wen haben wir noch?", frage ich, das Thema wechselnd.

Tom seufzt und runzelt die Stirn. Er schaut auf meinen Stammbaum hinunter, den ich aus Gringotts mitgebracht habe.

„Black...", murmelt er. „Eine gute, dunkle Familie. Sehr reich, die Blacks. Da gibt es Bellatrix..."
„Geht nicht, sie ist in Azkaban", sage ich sofort. „Und ihr Name ist Lestrange."
„In der Tat?", fragt Tom überrascht. „Warum ist sie in Azkaban?"
„Wegen der Benutzung des Cruciatusfluchs", sage ich dumpf.
„Ach so", murmelt Tom. „Schade. Nun, da gibt es Sirius Black."
„Auch in Azkaban", sage ich und ehe Tom fragen kann, warum, hebe ich einen Finger in die Luft. „Frag mich bloß nicht, warum. Wir müssen schnell eine Entscheidung treffen. Wir können später darüber reden."

„Du bist echt frech, weißt du?", sagt Tom ein wenig gereizt. „Schön, wie wäre es mit Andromeda Black?"
„Wer ist sie?", frage ich. Den Namen habe ich nie gehört.
„Nun, ich weiß nicht viel über sie, aber sie ist eine Black. Ich weiß nicht, ob sie am Leben ist, aber du solltest es herausfinden. Narzissa hatte also Lucius Malfoy geheiratet, und du sagst, du willst nicht zu den Malfoys. Ich schlage vor, du verfasst eine Liste von den Namen der dunklen Familien und dann findest du so viel wie möglich über sie heraus. So werden wir einen guten Kandidaten finden und einen Brief an das Ministerium und ihn – oder sie – schreiben können. Und ich schlage vor, wir erledigen das ehe du das Haus niederbrennst, damit du nicht im Wald schlafen musst. Oder noch schlechter – dass du nicht bei Dumbledore pennen musst."

Er verzieht das Gesicht und dieses Mal stimme ich mit ihm überein. Das kommt überhaupt nicht in Frage.

„Ich denke, er würde mich lediglich zu den Weasleys schicken", sage ich nachdenklich. „Denn sie vergöttern ihn und dort hat er mich unter Kontrolle. Das Haus ist so voll, dass ich keinerlei Chance hätte, je alleine zu sein, um etwas Dummes zu machen."

„Wir müssen uns also beeilen", wirft Tom ein, der aus irgendeinem Grund auch keinesfalls zu den Weasleys gehen will, auch wenn er sich in seinem Tagebuch verstecken kann.

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Ein paar Stunden später sitze ich in einer Kneipe in der Nokturngasse mit der Kapuze tief ins Gesicht gezogen, nippe an Tee und lese Zeitungen. Die gute Sache an den Kneipen in Nokturngasse ist, dass es hier überhaupt nicht verdächtig oder seltsam ist, wenn man sein Gesicht nicht zeigt. Und niemand versucht mit einem zu sprechen. Keiner hier hat was Gutes vor und jeder versteht, dass man seine Ruhe haben will.

Ich habe alle Zeitungen gesammelt, die ich finden konnte und blättere jetzt im Propheten, der schon einige Jahre alt ist. Der Wirt hat die Zeitungen für mich besorgt, sobald ich ein paar Galleonen auf der Theke gelegt habe. Mit Geld kann man alles kaufen. Ich halte eine Feder in Hand und mache Notizen. Andromeda Black... Den Namen kann ich nirgendwo finden. Ich habe schon eine ziemlich lange Liste mit Namen – und ich habe herzlich gelacht, als mir klar geworden ist, dass ich lediglich die Namen von angeblichen Todessern aufschreibe – verfasst und ich beiße nervös auf die Federspitze.

Das ist ja unfassbar. Ich sitze in einer Kneipe mit einer Teetasse vor mir – auch deswegen hat man mich schon seltsam angeschaut, bis ich etwas Schnaps bestellt habe, damit ich ihn in den Tee gießen kann, oder zumindest denkt der Wirt, das sei der Fall – und blättere in alten Zeitungen, auf der Suche nach einem Vormund. Meine Gedanken kommen wieder zu Dumbledore und ich kann es einfach nicht fassen. Der Mann ist mir immer so freundlich und hilfsbereit vorgekommen. Warum würde er so was tun? Und wofür braucht er mein Geld? Hat er etwa nicht genug Geld? Der Mann trägt jeden Tag andere Roben, und keine von denen kommt mir billig vor. Ich fasse es einfach nicht. Und weswegen tut er mir so was an?

Tom hat mir erklärt, dass Dumbledore 'versucht' hatte, ihn auf den 'richtigen Weg' zu bringen. Das heißt, er hatte versucht, Tom von der dunklen Magie fern zu halten. Und doch ist Tom ein echter dunkler Magier. Die dunkle Magie ist in seinem Blut und so wie es scheint, auch in meinem. Laut meinen Quellen ist es falsch, einen von der Magie, zu der man Neigung zeigt, fern zu halten. Liegt das Buch darin falsch? Oder Dumbledore? Mir klingt es logisch. Ich habe einmal ein Buch in der Muggelbibliothek über Blutgruppen gelesen und darin steht, man solle die Ernährung der Blutgruppe anpassen, ansonsten gebe es Probleme. Wenn selbst die Muggel sowas erforschen und zu solchen Schlüssen kommen, die sich durchaus mit Magieneigung vergleichen lässt, klingt die Theorie durchaus logisch. Ich muss sie aber überprüfen. Ein Beweis, der diese Theorie jedoch bekräftigt, ist die Tatsache, dass meine Magie nie so leicht zu benutzen gewesen ist wie jetzt, da ich mit dem Studium der dunklen Magie begonnen habe. Das ist das erste Zeichen, das mir sagt, ich bin auf dem richtigen Weg, obwohl dieser Weg in eine vollkommen andere Richtung führt. Aber man hat mich in meinem Leben nie gefragt, was ich will. Diese Rolle von dem Auserwählten wurde mir automatisch zugewiesen und ich habe natürlich versucht, mich den Erwartungen der Menschen (bzw. Dumbledore) entsprechend zu benehmen. Aber niemand hat mich gefragt, ob ich tatsächlich das sein möchte, was alle von mir erwarten.

Vielleicht ist das der richtige Weg. Vielleicht hat mein Blut anstatt mir entschieden. Warum sind die Menschen gewohnt, immer darauf zu warten, dass ihnen jemand sagt, zu was sie werden sollen, sei es die Gesellschaft, die Familie oder die Gesetze? Warum kann man sich nicht so entwickeln, dass man zu genau dem wird, was man will? Vielleicht möchte ich ja nicht der Auserwählte sein. Vielleicht möchte ich nicht besonders sein. Vielleicht möchte ich ein dunkler Zauberer werden und mich den Rest meines Lebens mit der Erforschung der dunklen Künste beschäftigen. Sollte ich deswegen nach Azkaban gehen? Schon gut, ich habe ja jemanden getötet, also gehöre ich ohnehin dorthin. Aber wenn ich lediglich dunkle Magie benutzen wollte? Mein magischer Kern ist dunkel; also aufgrund meiner magischen Neigung sollte ich ins Gefängnis geschleppt werden oder sollte mein ganzes Leben die Hellmagie benutzen, was mich langsam aber sicher zerstört? Etwas stimmt mit dieser Gesellschaft nicht.

Toms Ideen sind zwar radikal, aber jetzt kann ich gut verstehen, dass Veränderungen in der Zauberwelt notwendig sind. Vielleicht waren seine Methoden zu brutal, aber wenigstens hat er versucht, etwas zu unternehmen. Dumbledore wiederum ist im Ministerium sehr einflussreich und er ist sich sicherlich bewusst, dass es viele Sachen gibt, die einfach falsch sind. Und doch hat er sich nie bemüht, etwas zu ändern. Stattdessen hockt er in Hogwarts rum und krümmt keinen Finger, um die Gesetze zu ändern oder sie zu erneuern. Es ist ja verständlich, denn der Mann hat Schiss vor dunkler Magie. Aber abgesehen von der dunklen Magie, gibt es noch eine Menge Sachen, die verändert werden sollten. Zum Beispiel, gibt es keine Waisenhäuser für Zauberer und Hexen (ich wäre lieber in ein Waisenhaus gegangen, als bei den Dursleys zu wohnen). Wo gehen die Waisen hin? Sie gehen zu den Waisenhäusern der Muggel, so wie Tom und dort werden sie schikaniert und gequält. Und das Ministerium hat nie darüber nachgedacht. Oh nein. Für sie ist das in Ordnung. Und zudem erlauben sie den Schülern nicht, ihre Stäbe während der Ferien zu benutzen, also können sie sich nicht gegen die Muggel wehren, so wie es Tom und mir ergangen ist. Sie verschließen die Augen davor und tun so, als gäbe es überhaupt kein Problem.

Mein Blick fällt auf einen Mann in der Ecke, der die Zeitung liest. Er raucht eine lange Pfeife und scheint überhaupt kein Interesse daran zu haben, was in der Kneipe vorgeht. Dumbledores Spion? Würde ich nicht sagen. Denn ich kann eine Spur von dunkler Magie auf ihm spüren und Dumbledores Spione sind sicherlich keine Schwarzmagier. Aber da fällt mir etwas an ihm auf. Er hat einen Siegelring an seinem kleinen Finger, also muss er aus einer uralten Familie kommen. Einer uralten dunklen Familie. Ich gieße etwas Schnaps in meinen Tee, als sich ein Plan in meinem Kopf bildet. Ich bin verzweifelt. Wenn ich nicht bald einen Vormund finde, dann werde ich nicht den Brief an das Ministerium schreiben können. Und ich möchte das Ganze so schnell wie möglich aufklären, damit ich das Haus niederbrennen kann. Wer weiß, wann Tante Marge anruft. Oder wer auch immer.

Ich bin dreizehn und habe nie getrunken, also hat der Schnaps eine sonderliche Wirkung auf mich. Ich stehe langsam auf, falte meine Zeitungen zusammen und gehe zu dem Mann hinüber. Der Wirt folgt mir mit seinem Blick, denn ihm ist schon aufgefallen, dass ich nur ein Junge bin.

„Entschuldigung, Sir", sage ich als ich vor seinem Tisch innehalte. Der Mann blickt über den Rand der Zeitung hinweg. „Könnten Sie mir vielleicht helfen?"

Ich kann sein Gesicht zwar nicht sehen, aber ich weiß, dass seine Augen auf mich gerichtet sind.

„Womit?", fragt er leise. Seine Stimme ist heiser, als hätte er sie seit langem nicht benutzt.
„Nun, ich versuche, etwas über die alten Familien herauszufinden, aber die Zeitungen waren dabei nicht sehr nützlich", sage ich, ehe ich wirklich weiß, was ich da tue. Alkohol ist eine wunderschöne Sache, denke ich mir. Auch wenn ich nur ein paar Tropfen getrunken habe. „Vielleicht könnten Sie mir dabei helfen? Ich werde Sie für die Auskunft natürlich bezahlen."

Der Mann mustert mich sorgfältig und ich stehe kerzengerade da, meine Hand um meinen Stab in der Tasche geschlossen. Falls es notwendig ist, kann ich ihn jederzeit zücken. Schließlich zieht der Mann einen Stuhl zu sich und schiebt ihn in meine Richtung. Ich setze mich erleichtert hin. Er legt seine Zeitung weg und nimmt einen Zug von seiner Pfeife. Der Rauch steigt hoch und ich widerstehe dem Drang zu husten.

„Wie kommst du auf die Idee, dass ich dir helfen kann?", fragt er.
„Ihr Ring, Sir", sage ich schnell.

Der Mann hebt die Hand und mustert seinen Ring. Dann lächelt er, als er die Hand auf sein Knie legt.

„Schön", sagt er. Gehört der Ring zu jemand anderen? Hat er ihn geklaut?
„Nun", fange ich vorsichtig an, denn ich habe kurz das Wappen auf dem Siegelring gesehen und werde den Eindruck nicht los, dass ich es schon irgendwo gesehen habe. „Wissen Sie etwas über Andromeda Black?"

Der Mann wirkt echt überrascht, denn seine Hand bleibt in der Luft schweben, als er zu seinem Glas greift. Schließlich nimmt er einen Schluck und leckt sich über die Lippen.

„Wie viel wirst du mir für die Informationen bezahlen?", fragt er, anstatt mir eine Antwort zu geben. „Es ist mir nicht entgangen, dass du nur ein Junge bist."
„Fünf Galleonen", sage ich durch meine Zähne. So beginnt man nun einmal einen Handel in der Nokturngasse.
„Zehn", sagt der Fremde sofort.
„Sieben", sage ich entschlossen.
„Abgemacht", sagt der Fremde. Ich zähle die Galleonen ab und lege sie auf den Tisch. Der Mann nickt zufrieden.

„Also, Andromeda Black ist die Schwester von Narzissa Malfoy und Bellatrix Lestrange", sagt der Fremde. „Sie hat einen Muggel geheiratet und aus diesem Grund wurde sie enterbt."
„Oh", sage ich, als die Räder sich in meinem Kopf unermüdlich drehen. Das wäre nicht gut. Ich habe genug von Muggeln. Ich weiß, dass er wahrscheinlich ein guter Mann ist, aber die Idee gefällt mir nicht. „In Ordnung. Was wissen Sie über die Nott Familie?"

Und so geht es weiter. Ich stelle eine Frage nach der anderen und der Fremde gibt mir ausgiebige Antworten. Für sieben Galleonen sollte es auch so sein.

„Welcher Familie gehören Sie an?", frage ich schließlich. Der Mann versteift sich. In der Zwischenzeit hat er noch zwei Gläser getrunken und ich wundere mich, dass er noch nicht betrunken ist.
„Das geht dich nichts an", knurrt er.
„Nein, natürlich nicht", sage ich schnell. „Aber Sie wissen so viel über die dunklen Familien und doch sieht es nicht so aus, als wären Sie selbst ein dunkler Magier."
„Bist du einer?", fragt der Fremde.

Ich habe vor, ihm zu sagen, dass ich keinesfalls ein dunkler Magier bin, aber ich halte inne. Denn vielleicht kann er mir helfen. Ich muss ihm ja nicht sagen, wer ich wirklich bin, aber ich kann ihm von meinem Problem erzählen, vielleicht kann er mir dann helfen. Andererseits, wäre er ein Mitglied von einer uralten, dunklen und reichen Familie, würde er kein Geld brauchen und sein Aussehen wäre das eines reichen, dunklen Magiers. Doch seine Klamotten sind schäbig und sein Umhang sieht so aus, als hätte er jemandem gehört, der breitere Schultern hat als er.

„Ja, bin ich", antworte ich.
„Und wo ist deine Familie?", fragt der Fremde weiter. Ich ziehe meinen Stab sofort und baue einen Zauber um uns auf, damit wir nicht belauscht werden können. Der Fremde schaut neugierig zu, sagt jedoch nichts.
„Ich habe keine", sage ich leise. „Aus diesem Grund versuche ich einen Vormund zu finden."
„Ach, ich verstehe", sagt der Fremde. „Und er muss ein dunkler Magier sein. Wie kommst du mit der Sucht voran?"
„Ziemlich gut", sage ich zufrieden. Meine Vermutungen wurden bestätigt – jemand, der sich nicht mit den dunklen Künsten beschäftigt, würde nichts darüber wissen.
„Echt?", Der Fremde schaut mich neugierig an. „Wie alt bist du?"

Das Verhör gefällt mir überhaupt nicht, aber etwas Risiko muss ich ja eingehen, damit ich etwas davon bekommen könnte.

„Dreizehn", sage ich leise.

Der Mann starrt mich für ein paar Momente an, schüttelt aber den Kopf und beginnt seine Pfeife nachzufüllen.

„Hast du ein Zuhause?", fragt er leise. Etwas hatte sich in seiner Stimme verändert und ich bin mir nicht sicher, was oder warum.
„Nur noch für eine kurze Weile", sage ich ernst. „Dann aber muss ich weg."

Er nickt nur und stellt keine zusätzlichen Fragen, obwohl ich damit gerechnet hatte, dass er nachhaken würde. Denn ich bin ein dreizehn-jähriger dunkler Magier, der bisher alleine in einer dunklen Kneipe in der Nokturngasse gesessen hat.

„Du kannst dich also sehr gut um dich kümmern", stellt er unnötigerweise fest und mir kommt diese Feststellung ein wenig zu komisch vor, denn ich habe eher erwartet, dass er Zustände kriegt. „Brauchst aber einen Vormund, damit diejenigen, bei denen du momentan wohnst, dich in Ruhe lassen würden. Stimmt's?"
„Genau", sage ich zufrieden.
„Nun", sagt der Fremde, der seine Pfeife anzündet. „Wenn du mich fragst, solltest du dich Narzissa Malfoy zuwenden. Sie wird sich gut um dich kümmern und sie ist eine dunkle Hexe. Also wird es in Ordnung sein. Ob sie dich akzeptiert oder nicht, hängt davon ab, wer du wirklich bist. Aber ich denke nicht, dass sie solch einen einfallsreichen und klugen Jungen ablehnen würde. Bist du... reinblütig?"
„Ja", sage ich sofort. „Aber meine Eltern sind gestorben."

„Verstehe", sagt der Fremde und mir wird plötzlich klar, dass er mehr weiß, als er mich wissen lässt. Was denn?
„Vielen Dank für Ihre Hilfe", sage ich, als ich aufstehe, denn ich möchte nicht weiter verhört werden. Ich möchte weg von hier. „Vielleicht sehen wir uns irgendwo wieder?"
„Ja, vielleicht", sagt der Fremde.

Ich lehne mich nach vorne, damit ich ihm ins Ohr flüstern kann.

„Viel Glück, Mr Black", sage ich, als ich meinen Umhang in die Hand nehme. Damit wende ich mich zum Gehen. Seine Reaktion habe ich zwar nicht gesehen, aber die Stille, die ich hinter mir gelassen habe, genügt.