Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.

Cassie

„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."

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Kapitel 8 - Die Sorgen eines Hellmagiers

/DumbledoresSicht

Wenn man jung ist, heißt man Überraschungen und Veränderungen im Leben herzlich willkommen. Mit der Zeit wird aber jegliche Abschweifung vom Alltag ein wenig stressig. In meinem Alter ist sie nicht herzlich willkommen.

Ich habe so sorgfältig an meinen Plänen gearbeitet; ich habe jedes Detail in Betracht gezogen und alles genauestens geplant. Es heißt aber, dass auch sorgfältig vorbereitet Pläne schiefgehen können. Und wenn so was passiert, fühlt es sich wie eine Ohrfeige des Schicksals an. Andererseits ist es tröstend zu wissen, dass diese Welt noch was bieten kann, außer dem, was ich schon kenne.

Die erste Frage: wie hat Harry erfahren, dass ich mich zu seinem Vormund ernannt habe? Meine Vermutung ist, dass er Gringotts einen Besuch abgestattet und die richtigen Fragen gestellt hat. Die Kobolde würden ihm natürlich alles erzählen, was er wissen will, denn ihre erste Regel lautet: immer dem Kunden alles anbieten, was sie können. Und in diesem Fall, die Wahrheit.

Die zweite Frage: was ist nur in jener Nacht passiert, als es einen Brand im Haus seiner Verwandten gegeben hat? Wo war Harry? Hat er sich irgendwo versteckt? Warum war er der einzige, der den Brand überlebt hat, außer seinem Cousin, der aber an einem Trauma leidet? Als ich den Brief des Ministeriums erhalten habe, ist mir schon eine Frage beantwortet worden. Aus irgendeinem Grund setzt sich Narzissa Malfoy für Harry ein, und ich kann nur vermuten, dass Harry irgendwie bei den Malfoys gelandet ist. Vielleicht hat sie ihn gefunden? Ich bezweifele, dass Harry einfach so zu ihnen gehen würde. Schließlich scheint es, dass Draco Malfoy und Harry nicht gut miteinander auskommen. Also warum würde er sich seinen Feinden zuwenden?

Andererseits kann es eine ganz einfache Antwort geben. Falls Harry in Gringotts die richtigen Fragen gestellt hat, hätte er auch erfahren können, dass Sirius Black sein Pate ist. Aus diesem Grund hätte er sich Narzissa zuwenden können, aber Harry kommt mir nicht wie der Typ vor, der viel Wert auf Familie legt. Denn der Begriff von Familie hat wohl eine andere Bedeutung in seinen Augen. Seine Verwandten haben sich schon darum gekümmert.

Die Frage, die mich jetzt plagt, ist - was soll ich unternehmen? Denn Harry hat immer eine Vaterfigur in mir gesehen und ich habe ihm nie davon erzählt, dass ich sein Vormund bin. Ich wollte mich um ihn kümmern. Ich wollte ihn darauf vorbereiten, was auf ihn wartet und ich wollte es langsam tun. Aber das Schicksal hatte wohl einen anderen Plan. Der Brand war ein schrecklicher Unfall und die Tode seiner Verwandten haben den jungen Harry sicherlich erschüttert. Was aber bedauerlich ist, ist dass Narzissa Malfoy ihn sozusagen gerettet hat, also scheint Harry ihr zu vertrauen. Oder etwa nicht? Denn ich habe noch nicht mit ihm darüber geredet, ich habe nur diese Einladung zur Untersuchung im Ministerium bekommen, in der steht, dass Narzissa Malfoy sich als Harrys Vormund bewirbt. Da gibt es nur eines, was ich tun kann. Ich muss mit Harry reden. Meine Vermutung ist, dass er zurzeit im Herrenhaus der Malfoys ist. Ob es ihm gut geht? Ich sollte versuchen, wieder sein Vertrauen zu gewinnen, auch wenn es momentan ein wenig geschwächt ist. Ich ziehe mich schnell an, lasse Minerva wissen, dass ich weg muss, und appariere dann direkt vor das Herrenhaus.

Das Symbol von reinblütigem Stolz. Die Brunnen, die gut gepflegten Hecken (zweifelsohne von den vielen Elfen, welche die Malfoys besitzen), die Statuen von Schlangen und Drachen, der Turm und die vielen Statuen von berühmten Familienmitgliedern, die den Garten schmücken – das ist alles nur eine Maske, unter der Dreck und Schmutz steckt. Lucius Malfoy war so sicher, dass sein Meister die Welt besiegen würde, dass er sich gar nicht gegen seinen Untergang abgesichert hat, also hat er tief in der Tinte gesteckt, bis er sich mithilfe seiner Beziehungen im Ministerium herausgezogen und den Ruhm der Malfoy Familie wieder hergestellt hat. Ich aber glaube ihm kein Wort. Er ist ein Todesser und er wird immer ein Todesser sein. Auch wenn Narzissa Malfoy es gut meint – denn trotz allem bin ich der Meinung, dass sie eine gute Mutter ist – würde ich Harry nie in seinen Klauen sehen wollen. Es könnte Harry zerstören und das muss ich verhindern. Das Problem liegt darin, dass das Ministerium ihm glaubt – oder wenigstens die Mehrheit – also habe ich tatsächlich keine Argumente, warum Narzissa nicht Harrys Vormund sein kann. Ich muss daher Harry selbst überzeugen, dass es für ihn das Beste wäre, wenn er in meiner Obhut bleibt. Sein Vertrauen mir gegenüber ist vielleicht ein wenig geschwächt, aber trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, dass ich ihn erfolgreich überzeugen kann, meiner Vormundschaft zuzustimmen. Ich sollte ihm etwas anbieten. Ich hätte ihm ein Geschenk bringen sollen. Ach, in meinem Alter wird man ein wenig vergesslich. Sicherlich wird er einem alten Mann verzeihen können.

Vielleicht kann ich ihm doch etwas anbieten? Was würde ihm nur gefallen? Seine Freunde, sie machen ihn glücklich. Vielleicht wäre es eine gute Idee, ihn zu den Weasleys zu schicken. Andererseits scheint er in letzter Zeit nicht mehr so gut mit Ronald Weasley auszukommen. Ein Besen? Er mag Quidditch. Ja, das wäre eine ausgezeichnete Idee. Ich werde noch heute einen Besen bestellen und ihn ihm schicken.

So ermutigt nähere ich mich dem Haupteingang und ein Elf taucht vor mir auf.

„Was sucht der alte Herr im Heim der edlen Malfoy Familie?" piepst der Elf. Ich seufze. Die edle Malfoy Familie, in der Tat.

„Ich möchte Mrs. Malfoy sprechen", sage ich. „Mein Name ist Albus Dumbledore."

„Warten Sie hier, Herr Dumbledore", sagt der Elf und verschwindet.

Ich hebe meinen Blick. Das Herrenhaus der Malfoys wurde, laut der Steintafel über dem Eingang, im Jahr 1782 gebaut. Die alten Zaubererfamilien sterben langsam aus. Diese Familie aber hat eine lange Geschichte, die jedoch stark von der Schwarzmagie geprägt ist. Das ist nicht der Typ von Zauberern und Hexen, mit denen Harry sich assoziieren sollte.

Der Elf taucht wieder auf und führt mich hinein. Ich folge ihm in den Salon, wo Narzissa Malfoy auf mich wartet. Sie ist der Inbegriff von Eleganz und Anmut. Sie steht kerzengerade in der Mitte des Raumes, ihre Miene vollkommen ausdruckslos. Die wahre Black Erbin. Sie trägt ein langes, elegantes Seidenkleid, das bis zum Boden reicht und hält ein Kristallglas, das wahrscheinlich Schnaps enthält. Als sie ihren Blick auf mich fixiert, ist er kalt und feindselig.

„Mr Dumbledore", sagt sie. „Was kann ich für Sie tun?"

„Ich möchte Harry sprechen", sage ich. Ich möchte mich nicht hinsetzen, denn sie hat mir noch keinen Sitz angeboten – ein reinblütiger Brauch und ganz ehrlich ein ziemlich dummer– also bleibe ich stehen. Es ist ihr Ziel, dass ich mich verlegen fühle, aber sie unterschätzt mich.

„Ist er hier?", frage ich.

„Ja", sagt Narzissa ohne jegliche Emotion. „Er schläft. Der Heiler ist soeben bei ihm gewesen und hat ihm einen Schlaftrank gegeben."

„Kann ich ihn sehen?", frage ich. Ein Heiler? „Geht es ihm gut?"

„Er leidet an einem Trauma, Mr Dumbledore", sagt Narzissa ein wenig lauter und ich kann einen Hauch von Wut in ihrer Stimme erkennen. Also setzt sie sich für ihn ein. Warum? Sie wendet ihren Blick ab ehe ich die Chance bekomme, in ihre Gedanken einzutauchen. „Er hat Albträume und er ist unterernährt. Der Heiler meint, aus diesem Grund sei er so klein, denn der Essensmangel hat permanente Schäden an seinem Körper hinterlassen."

„Und er schläft jetzt. Ich werde nicht zulassen, dass man ihn weckt", fügt sie zischend hinzu.

„Dann werde ich mit ihm sprechen, wenn er wach ist", sage ich. Ich möchte keinesfalls, dass Narzissa denkt, ich schere mich nicht um Harrys Gesundheit. Das würde meinen gesamten Plan zunichte machen. „Kann ich aber Sie sprechen?"

„Natürlich", sagt Narzissa großzügig, was aber man aber in ihrer Stimme nicht hören kann. „Setzen Sie sich hin. Möchten Sie Tee?"

Auch wenn sie mir keinen Tee anbieten will, ist sie verpflichtet, eine gute Gastgeberin zu spielen.

„Wie kommt es eigentlich, dass Harry hier ist?", frage ich.

„Die Kobolde haben mich angerufen", sagt Narzissa. „Harry ist zu Gringotts gegangen und dort bewusstlos umgekippt. Ich bin sozusagen seine Familie, durch Sirius Black. Also haben sie mich gerufen, weil es ihm offensichtlich nicht gut ging."

„Ich bin sein Vormund", sage ich streng. „Warum haben sie nicht mich gerufen?"

„Vermutlich hatte Harry etwas darüber gesagt, dass er nicht wolle, dass Sie weiter sein Vormund seien", sagt Narzissa achselzuckend. „Ich habe nicht gefragt und ganz ehrlich ist es nicht meine Sache. Ich habe nur den armen Jungen so schwach und verhungert daliegen gesehen und habe ihn hergebracht. Der Heiler hat mir einen sehr beunruhigenden Bericht gegeben. Harrys Körper ist für sein Alter viel zu unterentwickelt und er ist unterernährt. Zudem gibt es eine Menge Narben an seiner Haut und der Heiler ist der Meinung, dass der Junge geschlagen wurde. Ich habe eine gründlichere Untersuchung verlangt und der Heiler hat seine Vermutungen bestätigt. Sein Arm wurde vor ein paar Jahren gebrochen, und der Knochen ist nicht gut geheilt. Er hat ein Schädeltrauma, weil er mit einem langen Gegenstand auf den Kopf geschlagen wurde. Sollte ich weitermachen, Mr Dumbledore?"

Ihre Stimme zittert jetzt vor Wut und ich versuche meine Unruhe nicht zu zeigen.

„Solche Behandlung des Jungen ist vollkommen unakzeptabel und abscheulich," fährt sie fort. Ihre grauen, kalten Augen blitzen wie der Himmel während eines Sommersturms auf. „Und zudem eines reinblütigen Zauberers. Aus diesem Grund bestehe ich darauf, sein Vormund zu sein. Ich habe vor ihm zu helfen so gut wie ich kann. Hier wird er alles haben, was er braucht."

„Ich hatte keine Ahnung", sage ich sehr leise. „Ist der Heiler sicher...?"

„Versuchen Sie bitte nicht anzudeuten, dass das Ganze vielleicht eine Lüge ist!", brüllt sie mich an. Wenn Frauen ihre Kinder beschützen, können sie ziemlich angsteinflößend sein. Und offensichtlich betrachtet Narzissa Harry als ihr Kind. „Hätten Sie ihn gefragt, hätte er Ihnen davon erzählt! Sie hätten die Anzeichen bemerken müssen! Sie hätten es wissen sollen und Harry hat einen ausgezeichneten Grund, Ihnen nicht zu vertrauen!"

„Ms Malfoy, ich kann Ihnen versichern, hätte ich es gewusst, hätte ich sicherlich...", beginne ich fest, werde aber unterbrochen.

„Nein", zischt sie, so schnell aufstehend, dass ihre Teetasse klirrend zu Boden fällt. „Sie waren sein Vormund und ein Vormund sollte sich um das Kind kümmern. Sie wollten sich nicht um Harry kümmern und das haben Sie bewiesen. Und jetzt habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen. Das Ministerium wird entscheiden, in wessen Obhut Harry bleibt und bis dahin möchte ich nicht, dass Sie Harry bei der Wiedererlangung seiner Gesundheit stören."

„Sie können mir nicht verbieten, mit Harry zu sprechen", sage ich wütend. Die Frau geht mir langsam auf die Nerven. Wie kann ich sie nur loswerden?

„Kann ich nicht", sagt Narzissa und hebt stolz das Kinn. „Aber ich werde Harry selbst fragen, ob er mit Ihnen sprechen will."

„Ihm geht es nicht gut", unterbreche ich sie. „Harry weiß nicht, was er da sagt."

„Wenn der Heiler sagt, ihm gehe es wieder gut genug, um Sie zu sprechen, dann geht es ihm gutgenug, dass er weiß, was er sagt", bellt Narzissa giftig. „Und bitte versuchen Sie nicht, mich zu beleidigen, indem Sie andeuten, dass ich eine Lügnerin bin!"

Ich seufze und verlasse resigniert das Herrenhaus. Das Ganze ist ziemlich nervig. Narzissa hat Harry in ihren Schutz genommen und betrachtet ihn als ihr Kind. Mutterinstinkt oder sonst was... Aber ich hätte nie gedacht, dass sie jemanden wie Harry in ihren Schutz nehmen würde. Denn Harry gehört der hellen Seite an, er ist der Junge der lebt. Ich halte inne. Vielleicht ist das ein Teil ihres Plans. Eine alte Familie wie die Malfoys, so jemanden wie Harry in der Familie zu haben... ihre Familie wird berühmt sein. Lucius muss seine Finger in der Sache haben. Sonst kann ich es mir nicht erklären. Leider war er nicht zu Hause, damit ich ihn hätte sprechen können. Dieses Treffen im Ministerium wird mehr erfordern, als ich vorher vermutet habe. Ich muss mich gut vorbereiten. Ich muss all die richtigen Sachen sagen und die richtigen Argumente vorlegen.

/HarrysSicht

Ich wage es nicht, durchs Fenster zu gucken, denn Dumbledore kann noch da sein. Stattdessen öffne ich das Tagebuch und seufze mit Erleichterung, als Tom auftaucht.

„Keine Sorge, Harry", sagt er amüsiert, als ich durchs Zimmer tigere. „Narzissa wird es schon aufklären. Ich und du aber, haben noch viel zu tun."

Ich halte inne und werfe ihm einen genervten Blick zu. Immer kommt er auf dem ersten Platz, nicht wahr? Wenn Voldemorts Ego noch größer ist, werde ich aus dem Fenster springen.

„Er heckt etwas aus", murmele ich. „Ich weiß es. Schon jetzt schmiedet er Pläne."

„Natürlich", sagt Tom lächelnd. „Aber er denkt wie ein Hellmagier. Er möge sich wie ein dunkler Magier benehmen. Aber ihm fehlt das Wissen und das Verständnis von dunkler Magie. Und das wird sein Untergang sein. Denn er kennt sie nicht; und aus diesem Grund werden wir ihm immer einen Schritt voraus sein."

Eine aufgeregte Narzissa betritt den Raum und verbeugt sich, als sie Tom erblickt. Als sie meinen Ausdruck bemerkt, beginnt sie sofort von ihrem Treffen mit Dumbledore zu erzählen, denn die Ungeduld spiegelt sich deutlich in meinen Augen.

Schon nach ein paar Sekunden rauche ich vor Wut.

„Dieser... dieser... Mistkerl!", brülle ich auf einmal und Narzissa zuckt zusammen. Tom wiederum schaut mich unbeeindruckt an. „Wie kann er es wagen! Wie kann er es wagen, zu behaupten, dass ich übertreibe! Dass ich Lügen verbreite! Und die ganze Zeit hatte er sehr wohl gewusst, wer der Lügner ist! Dieser doppelgesichtige, manipulative, alte, widerliche..."

„Er wird bekommen, was er verdient", unterbricht Tom mich mit einer ruhigen Stimme.

„Es ist nicht genug!", schreie ich aus vollem Hals. Narzissa fummelt an ihrem Kleid und wirft Tom einen nervösen Blick zu. Alles platzt aus mir heraus – all das Leid, der Hass, die Bitterkeit, der Zorn. Und ich spüre, dass meine Magie in mir brodelt und mich anfleht, sie freizulassen. So habe ich mich auch gefühlt, als ich meine Kontrolle verloren habe und meinen Onkel und meine Tante getötet habe. Es fühlt sich an, wie eine zornige Schlange, die nur eines im Kopf hat – zu zerstören.

Ohne Vorwarnung explodiert mein Glas in tausend Stücke und Narzissa fährt hoch. Tom steht auf und die Glasscherben knacken unter seinen Füßen, als er auf mich zukommt.

„Tief durchatmen, Harry", befiehlt er mit dieser ruhigen, jedoch kalten, Stimme und legt mir eine Hand auf die Schulter. Ich schaue ihm in die Augen und finde, dass der Anblick von seinem Gesicht eine beruhigende Wirkung auf mich hat. Und in jenem Moment wird mir klar, dass er trotz allem eine Autorität für mich darstellt. Er war derjenige, der mich in die dunklen Künste eingeweiht hat und aus diesem Grund spüre ich eine einzigartige Verbindung mit ihm. Respekt. Dankbarkeit. Und Vertrauen. So ironisch es sich auch anhört, ich vertraue Tom. Nicht mit meinem ganzen Wesen, denn das wäre falsch. Ein dunkler Magier vertraut niemandem vollkommen. Aber ich vertraue ihm, weil er mehr für mich getan hat, als irgendjemand sonst.

Ich nicke und atme tief ein und aus. Narzissa steht noch immer bei der Tür und beobachtet uns mit der klaren Absicht, sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen, falls etwas schiefgeht.

„Kontrolliere deine Magie, Harry", flüstert Tom. „Sonst kontrolliert sie dich."

„Ja", murmele ich geistesabwesend.

„Wir müssen etwas unter uns besprechen", sagt Tom, der sich Narzissa zuwendet. „Aber um acht will ich, dass du und Lucius im Salon anwesend seid. Wir müssen uns sorgfältig vorbereiten. Und wenn es vorbei ist, wird es ein größerer Schlag für Dumbledore sein, als der Verlust von Harry." Er grinst teuflisch. Seine Selbstsicherheit und seine Arroganz haben eine tröstende Wirkung auf mich. Er weiß, was er da tut, denn er ist der Meister der Manipulation. Er wird es schon hinkriegen.

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Jetzt habe ich die Chance, vom größten Manipulator zu lernen. Tom steht beim Kamin und starrt die Flammen an. Ich sitze in einem Sessel und höre dem Ticken der Kuckucksuhr zu, was momentan das einzige Geräusch ist, welches man hören kann. Tom spinnt ein Lügengewebe, das so ausführlich ist, dass es sich beinah so anfühlt, als sei die Geschichte eine alternative Welt, wo all das tatsächlich vorgekommen ist. Jetzt kann ich gut verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass er eines Tages Lord Voldemort sein wird. Er sagt einem genau das, was man hören will und manchmal sind es keine Lügen, nur eine Variation der Wahrheit. Und nun sehe ich ein, dass die Untersuchung im Ministerium nicht lediglich ein Treffen wegen der Vormundschaft sein wird. Es wird ein politischer Sieg sein und ich kann es kaum abwarten.

Mittlerweile hatte ich schon wieder einen Traum über Voldemort. Ich habe gesehen, wie man ihn durch einen Wald trägt und ich habe auch das Gesicht von Wurmschwanz gesehen. Wurmschwanz ist außer sich und ich beginne langsam zu bezweifeln, ob er dieser Aufgabe gewachsen ist. Ich habe ja keine Ahnung, wo sie sich eigentlich befinden, aber wenigstens weiß ich jetzt, dass sie abgereist sind. Sie haben sich langsam auf den Weg nach England gemacht und ich hoffe, dass Wurmschwanz das Tier, in dessen Körper Voldemorts Seele wohnt, erfolgreich hierher bringen wird. Glücklicherweise handelt es sich um eine große Schlange, die sich anscheinend um seinen Hals wickeln und auf solche Weise reisen kann. Nicht, dass Wurmschwanz diese Art des Reisens mag, denn mit einer Schlange rum zu laufen kann kaum angenehm sein. Aber wenigstens versteht er, worum es geht – hoffen wir – und sie kommen nach England. Voldemort wiederum – die Schlange – ist sehr argwöhnisch, scheint aber zu glauben, dass das Ganze kein Trick ist. Ich habe befürchtet, dass er nicht kommen würde, denn wenn man nach Toms Persönlichkeit urteilt, kommt man zum Schluss, dass Voldemort äußerst paranoid ist und nur sich selbst vertraut. Aber wenn sie hierherkommen, werden wir ihm alles erklären. Und hoffentlich wird Tom mich in solch einem Licht darstellen, sodass Voldemort zustimmt, mir die dunkle Magie beizubringen.

Nachdem wir den Plan für das Ministerium besprochen haben, fühle ich mich erschöpft, aber irgendwo in meinem Inneren pulsiert eine Art Aufregung. Wenn ich an die Untersuchung denke, fühle ich mich angeekelt, nervös und aufgeregt zugleich. Es ist eigentlich unmöglich, solch eine Mischung von Gefühlen zu spüren. Und doch... sollte ich mich freuen, dass ich mich so fühle. Denn diese Kälte, die mein Herz bewohnt, sie bereitet mir Sorgen. Sie ist anscheinend eine Folge der Benutzung der dunklen Magie. Aber nicht einmal Tom hätte voraussehen können, dass so was passiert, obwohl er der Meinung ist, dass es eine gute Sache ist. Denn weniger Emotionen heißt für ihn nur, dass man einen klareren Kopf hat. Aber sind nicht die Emotionen und die Gefühle genau das, was uns menschlich macht?

Hermine hat geschrieben: 'Ich freue mich wahnsinnig, dich wieder sehen zu können'. Aber ein Teil von mir fragt sich, ob sie es wirklich so meint. Man sollte keine Sachen sagen, die man nicht meint. Und doch kommt es so oft vor. Man sagt 'guten Tag' zu jedem – aber man meint es fast nie. Es ist nur so eine Art Brauch, über den wir nicht nachdenken. Wir sagen es automatisch. Und wir sind alle Lügner, weil wir uns selbst und die anderen anlügen, indem wir behaupten, dass wir es tatsächlich so meinen, aber in der Wirklichkeit schenken wir unseren Worten keine Aufmerksamkeit. Und sowie jeder Zauberspruch eine Bedeutung und somit auch Folgen hat, sollten auch unsere Worte nicht eine Bedeutung haben?

Ich kann Hermine nicht sagen, dass ich mir wünsche, Ron würde wieder zur Vernunft kommen, denn er ist mir einfach egal. Ich hasse ihn ja nicht; er ist mir einfach egal. Er ist nutzlos und unwichtig – und in einem einzigen Moment habe ich gesehen, was er wirklich ist. Er hat sich nur mit mir angefreundet, weil ich Harry Potter bin, aber zur gleichen Zeit sehnt er sich nach der Berühmtheit, die ich habe und nicht möchte. Er ist neidisch, kindisch und naiv; aber zudem ist er aggressiv und man kann ihn sehr leicht beeinflussen. Und in dem Moment, als er mir Treue als mein Freund zeigen sollte, hat er mich angegriffen und sich gegen mich gewendet. Und für mich heißt das, das Ende unserer Freundschaft. Er hat sein wahres Gesicht gezeigt und ich brauche nichts mehr zu wissen. Und auch wenn er sich eines Tages entschuldigt, wie Hermine behauptet und hofft, wird es keinen Unterschied machen.

Trotz allem hat Tom sich an sein Versprechen gehalten. Wir werden noch sehen, wie die Sache mit Voldemort verlaufen wird, aber Tom vertraue ich. Es ist ironisch – der einzige Mann, dem ich vertraue, ist mein größter Feind. Meine Welt wurde auf den Kopf gestellt und obwohl sie eine wunderschöne und magische Welt ist, bereitet sie mir manchmal Kopfschmerzen. Als ich elf war, habe ich erfahren, dass ich ein Zauberer bin. Als ich zwölf war, bin ich Tom begegnet. Ich war Zwölf, als ich die Schönheit und Macht der dunklen Magie erkannt habe. Und ich war Dreizehn, als ich zum ersten Mal ein menschliches Wesen getötet habe. Wahrscheinlich bin ich der einzige Junge auf der Erde – Tom Riddle ausgeschlossen – der so viel in so wenigen Jahren erlebt hat.

Als ich die Nächte im Ligusterweg Nummer vier an meinem Schreibtisch beim Lesen verbracht habe, habe ich oft durch das Fenster geguckt und mich gefragt, ob man bemerken kann, dass jemand ein Leben genommen hat. Als ich Tom danach gefragt habe, hat er mich mysteriös angelächelt.

/Rückblende

„Weißt du, ich habe mich das Gleiche gefragt", sagt er. „Ich war natürlich besorgt, ob Dumbledore mich durchschauen kann."

„Und?", frage ich ungeduldig. Ich habe nicht gefragt, wen er getötet hat, aber ich bezweifele nicht, dass er es mir verraten würde, falls ich ihn je frage. „Gibt es einen Zauber dafür oder so was?"

„Harry", sagt Tom tadelnd. „Magie ermöglicht eine Menge Sachen, aber nicht alles ist mit Magie möglich. Man kann es nicht mit einem Zauber feststellen, aber da gibt es trotzdem einen Weg."

„Weißt du was Thestrale sind?", fragt er. Ich schüttele den Kopf, halte aber inne.

„Moment mal", sage ich nachdenklich. „Sind das nicht etwa Tiere?"

„Genau", sagt Tom, mich anstrahlend. „Das sind Tiere, die nur für jenen sichtbar sind, der jemanden sterben gesehen hat. Das heißt natürlich nicht, dass man getötet hat, aber die Mehrheit der Jungen in deinem Alter hat nie jemanden sterben sehen. Du aber schon."

„Ich bin auf diese Tatsache nicht stolz, vielen Dank", erwidere ich bissig.

„Mag sein", sagt Tom, den Kopf zur Seite neigend. „Aber damit hast du ein Problem gelöst, nicht wahr? Denn hättest du es nicht getan, wärst du noch immer bei den Dursleys und du wärst noch immer ihr Sklave."

„Nicht mehr", sage ich entschlossen. „Denn jetzt habe ich meinen zweiten Stab und damit auch meine Magie."

„Ja, aber wie lange hättest du sie unter Kontrolle halten können? Irgendwann hätten sie etwas dagegen unternommen."

„Das ist wahr", murmele ich resigniert.

„Also, du hast dein Problem gelöst und dazu auch einen guten Vormund bekommen. Du hast damit zwei Probleme auf einmal gelöst und dabei hast du dich nicht um Moralprinzipien geschert. Und das ist der dunkle Weg."

„Also bist du der Meinung, dass ich jetzt diese Thestrale sehen kann?", wechsele ich das Thema.

„Du hast getötet", antwortet Tom achselzuckend. „Also ja. Aber du solltest die Menschen nicht wissen lassen, dass du die Tiere sehen kannst."

„Wo könnte ich sie überhaupt sehen? Im verbotenen Wald?", frage ich ungläubig.

„Erinnerst du dich an die Kutschen, welche die Schüler nach Hogwarts fahren?" Ich nicke. „Thestrale ziehen die Kutschen."

„Echt?", platzt es aus mir. „Also deswegen scheint es, als bewegen sich die Kutschen von alleine!"

/Ende Rückblende

Wie viel ich über Hogwarts nicht weiß und wie viel Tom im Laufe der Jahre darüber gelernt hat, wird mir jeden Tag klarer. Tom hat keine Ahnung, wie man Quidditch spielt, aber er hat seine Zeit in Hogwarts vollkommen dem Lernen gewidmet. Ob es um das Studieren seiner Klassenkameraden oder das Lernen von dunkler Magie ging, er hat seine Zeit sehr gut genutzt. Aber zur gleichen Zeit hat er die Chance verpasst, sich wie ein Kind zu benehmen. Wenn ich darüber nachdenke, hatte ich auch nie eine Chance bekommen, mich wie ein Kind zu verhalten. Mir wurde früh genug beigebracht, wie man kocht, die Küche putzt oder im Garten arbeitet. Dank Dumbledore habe ich nie eine Chance gehabt, in einer richtigen Familie aufzuwachsen und ich habe in Hogwarts versucht, alles was ich nie gehabt hatte, auszuprobieren. Aber jetzt ist es zu spät. Schon jetzt bin ich ein Mann, und habe kein Interesse an dem Kartenspielen oder so was. Das Leben hat statt mir entschieden und aus diesem Grund bin ich zu dem geworden, was ich heute bin.

Und warum hat Dumbledore eigentlich gewollt, dass ich bei den Dursleys aufwachse? Warum hat er mich nicht zu sich genommen, wenn er schon mein Vormund ist? Bin ich gefährlich? Wollte er auch die Magie in mir ausrotten? Oder mich etwa zähmen? Hat er gewusst... dass ich einen dunklen magischen Kern habe?

Ich werde nie eine Antwort auf diese Fragen bekommen, denn Dumbledore bewahrt seine Geheimnisse sehr gut auf. Vielleicht hat er es gewusst. Schließlich gibt es einen Zauber dafür. Und jetzt, da ich einen schwarzmagischen Vormund verlange, ist es wohl möglich, dass Dumbledore denkt, ich wisse es auch und wolle aus diesem Grund Narzissa als meinen Vormund haben.