Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.

Cassie

„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."

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Kapitel 15 - Besessenheit

Hermine war außer sich vor Sorge, als ich so spät in den Gemeinschaftsraum gekommen bin. Ich hatte ihr gesagt, dass ich einen Brief an Narzissa schreiben und in die Bibliothek gehen musste, aber sie hat mir die Geschichte nicht abkauft. Sie hat ja genickt, aber ich konnte in ihren Augen sehen, dass sie mir nicht glaubte.

Vor zwei Tagen hat der Prophet über den Ausbruch von Sirius Black aus Azkaban berichtet und die ganze Schule war außer sich. Alle reden den ganzen Tag lang darüber und ich habe es wirklich satt. Was geht sie es überhaupt an, ob er da draußen ist oder nicht? Sie befinden sich in Hogwarts und außerdem, warum würde Sirius Black nach Hogwarts kommen sollen? Natürlich bin ich der einzige, der weiß, dass er eigentlich doch herkommt, denn er muss sich mit mir treffen.

Dieses Ritual wird mehr von mir erfordern, als ich gedacht habe. Denn bisher habe ich nur einfache Rituale ausgeführt, bei denen es ein paar Handbewegungen gibt und man nur ein paar Sätze in Latein vorlesen muss. Bei diesem Ritual laufen das Trankbrauen und das Ritual parallel, also werde ich die ganze Zeit aufpassen müssen, was im Kessel vorgeht und wann ich die nächste Zutat hinzufügen muss. Da ich die Rolle des Ritualmeisters spielen werde (der derjenige ist, der das Ritual durchführt, überwacht und dafür verantwortlich ist, wie es verläuft), werde ich alles zugleich tun müssen.

Aus diesem Grund habe ich jede Gelegenheit genutzt, um in die Kammer zu gehen und das Ritual zu üben. Momentan gibt es keine Zeit, mit dem neuen Lernstoff weiter zu machen. Ich habe einen Kreis auf den Boden gezeichnet, einen Kessel in die Mitte gestellt und ich benutze den Tempuszauber, um zu wissen, wann die nächste Zutat reingeworfen werden muss. Voldemort hat das Ritual so geschrieben – und Tom und ich haben es ein wenig bearbeitet – dass der wichtigste Teil in zehn Minuten fertig wäre. Zuerst kommt die Eröffnung des Rituals, wobei ich den Kreis magisch – mit Runen – versiegeln muss. Ich beginne den Trank zu brauen, aber zur gleichen Zeit gibt es ein paar Sätze die zusammen mit den Zutaten kommen. Wenn alles drin ist, ist dieser Teil des Rituals vollendet. Ich lasse den Trank ziehen – ich muss auf das Feuer aufpassen, dass die Flamme nicht zu stark und nicht zu schwach ist. Dann kommt eine kurze Anrufung und dann kommt der Teil, der zeitlich begrenzt ist. Zuerst kommt das Blut und das Fleisch von seiner Mutter rein – das sollte in drei Minuten erledigt sein; dann die von seinem Feind – noch drei Minuten – und schließlich die von seinem Diener, auch in drei Minuten. Wenn alles drin ist, habe ich noch eine Minute, um die Anrufung vorzulesen (mit Gefühl, hat Tom gesagt!) und dann sollte das Ritual fertig sein. Wenn ich die Zutaten in den Kessel werfe, darf ich es nicht einfach nur machen, denn es gibt spezifische Handbewegungen, die das Werfen begleiten.

„Du musst den Text auswendig lernen, sonst geht es nicht", behauptet Tom, der mir mit dem Blick folgt. Ich habe nur den Text auf einer Pergamentrolle aufgeschrieben und jetzt gehe ich alles wieder durch. Ich werfe ihm einen wütenden Blick zu.

„Er ist auf LATEIN", sage ich, das Wort betonend. „Wie sollte ich ihn auswendig lernen, bitte sehr?"

„Es wird dir einiges leichter machen", behauptet Tom. „So könntest du dich auf das Trankbrauen und auf die Zeit, die du noch übrig hast, konzentrieren. Jetzt musst du mit diesem Papier rumlaufen. Und wie hast du vor, die Zutaten in den Kessel zu werfen und zur gleichen Zeit die Handbewegungen auszuführen?"

„Oh Mann", stöhne ich, als mir klar wird, dass Tom Recht hat.

„Nun, wir könnten das Papier verzaubern, sodass die Worte in der Luft vor dir erscheinen, aber ich würde dir raten, den Text doch auswendig zu lernen."

„Ja, in Ordnung, das tue ich", stöhne ich.

„Die Minute ist schon zu Ende", meint er ruhig. „Du hast gerade das Ritual verkorkst."

„Ich hab mit dir geredet!" protestiere ich. Der Mann ist UNMÖGLICH.

„Keine Ausrede", sagt Tom scharf. „Wieder. Von vorn."

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„Harry, kann ich dich etwas fragen?", fragt Hermine leise.

Wir sitzen zusammen auf einer Bank im Hof und machen Hausaufgaben.

„Gehst du mit jemandem aus?", fragt sie schnell, als wäre ihr die Frage so peinlich,dass sie sie so schnell wie möglich stellen wollte.

Ich lasse meine Feder fallen und starre sie an.

„Wie bitte?", frage ich.

„Ich mein...", fängt sie an und räuspert sich. Anscheinend findet sie dieses Thema ein wenig zu heikel, und weiß nicht, was genau sie sagen soll. „Du kommst oft spät in den Gemeinschaftsraum, du stehst wieder früh auf und verschwindest und ein paar Male habe ich dich in der Bibliothek gesucht, aber du warst nicht da, obwohl du mir gesagt hast, du möchtest lesen. Also der einzige Schluss, zu dem ich kommen kann, ist, dass du mit jemandem ausgehst."

Ich starre sie noch immer blöd an. Nachdem sie all das wie eine Kanone herausgeschossen hat, räuspert sie sich wieder und schüttelt den Kopf.

„Wir müssen darüber nicht reden, weißt du", sagt sie schnell. „Es ist völlig in Ordnung und es würde mich sehr freuen, wenn du eine Freundin hast, aber ich möchte nur wissen, was da vor sich geht, weil ich um dich besorgt bin. Du musst mir nicht sagen, um wen es sich handelt, nur ob es wahr ist."

Hermine. Sie sammelt Tatsachen und zieht daraus Schlüsse. Aus all diesen Vorfällen hat sie einen Schluss gezogen – dass ich eine Freundin habe und mich im Geheimen mit ihr treffe. Lächerlich. Ich und eine Freundin? Ich kann mir nicht vorstellen, mit einem Mädchen am Ufer des Sees zu sitzen und sie zu küssen... Lächerlich. Ich würde nicht mal wissen, was ich mit einem Mädchen anfangen soll. Ich würde wahrscheinlich über Arithmantik mit ihr reden. Lieber Merlin, etwas stimmt mit mir nicht. Andererseits, wenn Hermine schon denkt, das sei der Fall, dann sollte ich sie auch nicht enttäuschen. Denn so hätte ich eine gute Ausrede, um weiter in die Kammer zu verschwinden.

Ich nicke langsam und sie grinst mich breit an.

„Ich hab es gewusst!", jubelt sie und zieht mich in eine Umarmung. „Das ist klasse, Harry! Ich bin wirklich froh!"

„Ähm", stöhne ich, denn Hermine drückt mich ganz schön fest. „Danke. Hermine, ich kann nicht atmen."

„Oh, Verzeihung", murmelt sie und lässt mich schnell los. Ich atme tief durch. „Es ist nur... es freut mich so, dich glücklich zu sehen. Denn du verdienst es."

Ich nicke nur und wir fahren mit unserer Arbeit fort. Hermine wirft mir von Zeit zu Zeit glückliche Blicke zu, spricht aber nicht mehr darüber.

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Der Samstag kommt und es gibt keine Spur von Dumbledore, wofür ich sehr dankbar bin. Ein Teil von mir möchte wissen, was genau er mir sagen wollte, aber ein anderer Teil, der über alles rational nachdenkt, ist sich sicher, dass es eine weitere Lüge ist. Und noch eine Lüge brauche ich ja nicht.

Wohin auch immer ich schaue, tuscheln die Schüler, wenn ich an ihnen vorbei komme, aber die Lehrer sind wohl eine ganz andere Geschichte. McGonagall hat Hermine und mich dabei ertappt, als wir versucht haben, die Farbe der Rosenblätter zu ändern und hat uns zehn Punkte gegeben; Flitwick war so von meinem Zauber begeistert, mit dem ich eine Teetasse zum Tanzen gebracht habe, dass er mir fünfzehn gegeben hat; und Snape... Snape stört mich nicht bei der Arbeit und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich auf diese Weise viel mehr tun kann, als früher. Denn wenn ich mich entspannen und in meine Arbeit vertiefen kann, braue ich eigentlich ziemlich gute Tränke. Jeden Tag aber werde ich daran erinnert, was die Schüler über mich denken und dass ein paar Details, die die Untersuchung im Ministerium betreffen, doch veröffentlicht wurden. Dass ich ein armer Junge bin, der misshandelt wurde und dass ich ihnen deswegen leidtue. Ich hasse diese Tatsache, aber ich habe zu viel dafür bekommen, um das Ganze wegzuwerfen.

Eine Frage formt sich in meinem Kopf, auf die ich keine Antwort habe. Wie lange muss ich so weitermachen? Am Anfang war es ganz schön lustig, aber die erste Schulwoche ist vorbei und mir geht das Ganze schon auf die Nerven. Wie soll ich das länger aushalten? Werde ich lernen, mich besser zu kontrollieren? Also werde ich dazu fähig sein, mich einfach auszuschalten? Oder werde ich jeden Tag gereizter sein, bis ich endlich etwas Dummes anstelle? Hoffentlich nicht.

Nun, wenigstens eine gute Sache hat es. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Voldemort an Bord eines Schiffes ist. Ich habe es durch seine Augen gesehen. Er war in einem dunklen Raum und ich habe so eine seltsame Bewegung gespürt, bis mir klar wurde, dass das die Wellen sind. Wurmschwanz habe ich nicht gesehen, aber nach dem zu urteilen, was ich gesehen und gespürt habe, verstecken sich die beiden in einem Frachtraum. Das sind gute Neuigkeiten. Aus irgendeinem Grund wünsche ich mir, er könnte schneller herkommen. Warum denn? Denn alles was auf mich wartet, ist schwere Arbeit und Morddrohungen. Andererseits, vielleicht nicht. Vielleicht wird Voldemorts Rückkehr nach England anders verlaufen. Er wird sehen, wie viel ich gelernt habe, indem ich das Ritual durchführe und Tom wird mit ihm sprechen. Dann werde ich einen zweiten Lehrer haben... Oder etwa nicht? Was passiert mit Tom, wenn Voldemort zurück ist und seinen Körper wieder hat? Denn Tom ist ein Teil von ihm. Was wird Voldemort mit Tom tun?

Beim bloßen Gedanken spüre ich Nervosität. Am Anfang war Tom nur ein Freund. Ein Helfer. Jemand, der bereit ist, mich zu lehren und mich in die dunklen Künste einzuweihen. Jetzt aber möchte ich ihn nicht verlieren. Denn es würde sich so anfühlen, als würde der Balken, auf dem ich stehe, plötzlich verschwinden. Er ist mein Pfeiler, auf dem ich stehe. Wenn er nicht da wäre, würde ich umfallen. Ich denke wie ein Mädel, igitt. Es hört sich ziemlich dumm an. Aber ich brauche Tom. Ich brauche seine ruhige Stimme, ich brauche seine Gelassenheit, aber zur gleichen Zeit brauche ich auch seine Strenge und sein Brüllen. Er treibt mich an, wie mich noch nichts und niemand angetrieben hat. Er zwingt mich dazu, meine eigenen Grenzen zu überschreiten und jeden Tag etwas Neues zu lernen und etwas zu beherrschen. Indem er so viel von mir erwartet und keine Ausrede toleriert, ist er ein ausgezeichneter Lehrer und ein Vertrauter. Ihm kann ich alles sagen und er wird mich nicht auslachen. Vielleicht ein bisschen, aber das hilft mir, meine Schwächen besser zu erkennen und mich mit ihnen zu versöhnen. Mich zu akzeptieren, so wie ich bin, aber immer an mir zu arbeiten. Nie nachzulassen und immer nach Größerem zu streben.

Ich möchte ihn nicht verlieren. Aber zur gleichen Zeit sehne ich mich nach Voldemorts Wissen und allem, was er mir beibringen kann. Und ich weiß, dass das Opfer erfordert. Aber ich hoffe mit ganzem Herzen, dass es nicht Tom sein muss.

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Das Wochenende habe ich hauptsächlich in der Kammer verbracht, wo Tom und ich weiter an dem Ritual gearbeitet haben. Ab und zu ertappe ich mich dabei, wie ich ihn anstarre und versuche, mir vorzustellen, wie wohl mein Leben ohne ihn aussehen würde, aber es ist unmöglich. Und wegen meinem Anstarren und meinem momentanen Konzentrationsmangel werde ich bestraft und angebrüllt. Und ich finde, dass kein Lehrer mich so anbrüllen kann wie Tom. Das heißt, das Anbrüllen der Lehrer in Hogwarts hätte keine Wirkung auf mich, außer dem von Tom. Ihn möchte ich nicht enttäuschen. Ich möchte ihm zeigen, dass ich das Ritual erfolgreich durchführen kann und dass ich die neuen Zauber schneller und schneller beherrschen kann.

Am Montag sollen wir endlich 'Verteidigung gegen die dunklen Künste' haben. Denn die vorige Woche hat Snape uns was zum Lesen gegeben, uns aber mitgeteilt, dass ein neuer Lehrer auf dem Weg nach Hogwarts sei und erst nächste Woche ankommen würde. Wir sind alle neugierig, ich eingeschlossen. Denn jetzt hat dieses Fach wohl eine andere Bedeutung für mich. Ich muss mich nicht verteidigen, denn ich BIN ein dunkler Magier. Aber was mich interessiert ist, wie die Hellmagier denken, sich gegen einen dunklen Magier verteidigen zu können. Ich fühle mich ganz komisch, als ich das Klassenzimmer betrete, denn auf eine Weise bin ich ein Eindringling; ein dunkler Magier unter all diesen Hellmagiern. Nun, eigentlich bin ich nicht der einzige. Denn da sind die Slytherins, die argwöhnische Blicke wechseln, ehe sie sich hinsetzen.

„Weißt du, wer der Lehrer ist?", fragt Hermine leise. Denn der Lehrertisch ist leer.

„Keine Ahnung", murmele ich.

„Hoffentlich wird er besser als Lockhart sein", meldet sich Draco von der anderen Seite zu Wort. Leider muss ich zustimmen. Der Mann war ein Idiot. Dumbledore hätte auch Dudley herbringen können, damit er uns unterrichtet. Und es wäre das gleiche gewesen.

„Guten Morgen", sagt eine fröhliche Stimme hinter uns. Wir alle fahren hoch. „Ihr seid alle sehr pünktlich."

Der Zauberer geht schnellen Schrittes und mit wehendem Umhang zum Lehrertisch hinüber. Mir entgeht nicht, dass sein Umhang ein wenig schäbig ist. Der Zauberer lächelt uns alle an und setzt sich an den Rand des Tisches. Etwas, das McGonagall nie und nimmer tun würde. Auf eine Weise gefällt mir seine Gelassenheit und seine Zwanglosigkeit, aber zur gleichen Zeit ist mir sofort peinlich klar, dass der Mann durch und durch ein Hellmagier ist. Ich weiß nicht wie, aber ich weiß es einfach. Tja, Draco hat gesagt, dass die dunklen Magier – manche, also ich bin sicherlich einer von ihnen, denn ich bin ja Harry Potter – die dunkle Magie an Menschen spüren können und ich kann keine an diesem Mann spüren.

„Tut mir leid, dass ich eine Woche zu spät bin, aber ich hatte ein paar Probleme, die schnellstens gelöst werden mussten. Also. Mein Name ist Remus Lupin und ich werde dieses Jahr 'Verteidigung gegen die dunklen Künste' unterrichten."

Ich erstarre. Der Name kommt mir sehr, sehr bekannt vor. Als er weiter spricht, schalte ich ab und versuche festzustellen, woher ich diesen Namen kenne. 'Ich habe gedacht, dass du bei Remus bist'. Daher also. Sirius Black hat mir von ihm erzählt. Er war ein Freund meines Vaters.

Nun... so interessant diese Tatsache ist, weiß ich nicht, was mir seine Anwesenheit in der Schule bringen würde. Mehr Probleme? Oder weniger? Weiß er, wer ich bin? Natürlich weiß er es; jeder weiß, wer ich bin. Moment mal... Ist das ein Teil von Dumbledores Plan? Möchte er, dass Lupin mich beobachtet? Ist er besorgt, dass ich bei den Malfoys dunkle Magie lerne? Kann dieser Lupin wissen, ob das tatsächlich der Fall ist? Dieser Zauber, den Tom mir beigebracht hat, kann nur feststellen, ob man dunkle Magie in letzter Zeit benutzt hat. Dagegen kann ich nichts unternehmen, denn ich habe absolut nicht vor, die dunkle Magie für ein paar Tage – oder Merlin behüte, für ein paar Monate – aufzugeben. Der andere Weg wäre, meinen magischen Kern zu testen. Ich verenge die Augen und lasse meinen Blick über die Menschen schweifen. Die Gryffindors denken offensichtlich, dass Lupin ziemlich cool ist, die Slytherins wiederum sind mehr wegen seinen schäbigen Klamotten besorgt. Ich aber weiche seinem Blick aus und starre mein Buch an.

Anscheinend werden wir etwas über dunkle Geschöpfe lernen. Lächerlich. Wie soll das einem helfen, sich gegen die dunkle Magie zu verteidigen? Ich habe eigentlich gehofft, dass wir Gegenzauber lernen würden oder so was, aber nein. Stattdessen werden wir über Vampire reden. Als es klingelt, springen alle auf und verlassen das Klassenzimmer. Als ich meine Sache einpacke, bin ich mir bewusst, dass Lupins Blick auf mir liegt. Er sagt jedoch nichts, als Hermine und ich zusammen das Klassenzimmer verlassen.

„Er ist ziemlich gut", meint sie fröhlich, das dicke Verteidigungsbuch unter dem Arm tragend. „Ich denke, dass er viel versprechend ist. Was denkst du?"

„Ich denke, dass wir vielleicht eher ein paar Zauber lernen sollten, anstatt irgendwelche Wesen zu studieren oder Aufsätze über Vampire zu schreiben", sage ich scharf. Hermine schaut mich überrascht an.

„Was?", frage ich und zucke mit den Schultern. „Ich bin beinah zweimal ums Leben gekommen. Einmal als ich ein Kind war und das zweite Mal als Quirrel versucht hat, mich umzubringen. Und allem Anschein nach war es nicht das letzte Mal, dass ich in Lebensgefahr bin. Also würde ich gerne wissen, wie ich mich eigentlich verteidigen kann."

„Das ist eine exzellente Bemerkung", ertönt eine Stimme hinter uns.

Remus Lupin steht hinter uns, mit seiner Tasche in der Hand und lächelt mich an. Hermine versteift sich, denn ich habe gerade gegen einen Lehrer gesprochen und Hermine respektiert alle Lehrer, ob sie gut sind oder nicht.

„Ich habe gehört, dass ihr letztes Jahr einen Duellierclub in der Schule hattet", sagt er, mich noch immer freundlich anlächelnd. Urplötzlich packt mich etwas. Ich nehme Blickkontakt auf und tue schnell und intuitiv das, was Tom mir beigebracht hat. Mit der Magie in sein Bewusstsein einzudringen und meine eigenen Gedanken zu ignorieren, damit ich seine hören kann.

'Warum starrt er mich so an? Da gibt es etwas, was an ihm nicht stimmt. Aber natürlich... der Junge hat so viel gelitten... ich verstehe einfach nicht warum... ich muss irgendwie versuchen, an ihm ran zu kommen. Ich muss ihn sprechen. Sicherlich möchte er mehr über seinen Vater wissen... da gibt es etwas Entsetzliches in seinen Augen... Er hat den Tod gesehen...'

Ich ziehe mich abrupt zurück und die Welt beginnt, sich um mich herum zu drehen. Ich atme tief ein und lehne mich gegen die Wand.

„Harry", schreit Hermine, mich an den Schultern packend. „Geht es dir gut? Was ist?"

„Mir ist ein wenig schwindelig", murmele ich.

„Wir sollten zu Madame Pomfrey gehen", sagt Hermine entschlossen.

„Nein, vielen Dank, ich hatte genug von den Heilern für mein ganzes Leben", sage ich knapp. Lupin lächelt flüchtig, mustert mich aber besorgt. „Gehen wir nach draußen. Frische Luft wird mir sicherlich helfen."

„Auf Wiedersehen, Professor", sagt Hermine über ihre Schulter, als sie mich wegzerrt, denn sie erkennt, dass ich in einer schlechter Laune bin und etwas sagen könnte, was ich später bereuen würde.

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„Du warst echt frech, weißt du?", bricht Hermine endlich die Stille. Ich zucke nur mit den Achseln und beginne meine Suppe in den Mund zu löffeln.

„Wer ist dieser Remus Lupin?", fragt Lavender Brown leise. „Hoffentlich wird ihm nichts passieren, denn er ist echt cool. Denkt ihr, er würde tatsächlich einen Vampir herbringen?"

Ich schüttele den Kopf und widme mich meinem Essen.

„Harry! Pass auf!", schreit Hermine. Ich ziehe die Schale zu mir, gerade in dem Moment, als eine riesige Eule mit einem Paket im Schnabel vor mir landet. Jemand schickt mir ein Paket? Mein Name wurde mit einer eleganten Handschrift darauf geschrieben und irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Als ich das Siegel der Malfoys erkenne, grinse ich breit und öffne ohne weiteres das Paket. Hermine schaut schweigend zu, als ich rein gucke und ein paar Kuchenschachteln hervorziehe. Außer diesen befinden sich auch ein Geldbeutel und ein Brief darin.

Ich höre ein lautes Schnauben und ich weiß sehr wohl, dass es Ron ist, aber ich schenke ihm keine Aufmerksamkeit. Stattdessen lese ich Narzissas Brief durch.

„Lieber Harry,

Hier ein wenig Taschengeld für deinen ersten Hogsmeadeausflug. Kaufe doch, was auch immer du willst! Genieße die Kuchen und lass mich wissen, ob du noch was brauchst. Melde dich, wenn du Zeit hast. Wie geht es dir? Behandeln dich die Lehrer gut?

Mit Liebe, Narzissa."

„Ooh, Potter bekommt Geschenke von seiner neuen, schwarzmagischen Familie", höre ich Ron aus der Ferne. „Das ist echt rührend."

Sogar Hermine schaut ihn verwundert an, als frage sie sich, wie dumm man eigentlich sein kann, aber ich schenke ihm meine wertvolle Aufmerksamkeit nicht.

„Hat gestern dein kleiner Finger wehgetan? Du solltest doch darüber schnell den Malfoys schreiben", fährt Ron fort.

„Halt die Klappe!", zischt Hermine giftig. Ich schaue auf. Ihre Augen blitzen gefährlich. „Du solltest besser deine Hausaufgaben schreiben, sodass unser Haus deinetwegen keine Punkte mehr verliert!"

Ron starrt sie wütend an, sagt jedoch nichts. Es ist die Wahrheit. Ron, Seamus und Justin verbringen die Mehrheit der Zeit beim Kartenspielen und Snape hat gestern Gryffindor zehn Punkte wegen Hausaufgaben abgezogen. Und Gryffindor mag solche Menschen nicht, die Punkte kosten, wer auch immer sie sind. Ich und Hermine haben schon viele für Gryffindor gewonnen, also auch wenn ich jetzt in ihren Augen ein Malfoy bin, finden sie mich doch nützlich. Heuchler.

„Warst du schon zu Besuch, Granger?", neckt Ron weiter. Ich versuche mit aller Kraft, weiter zu essen, obwohl meine Hand, die den Löffel hält, zittert. „Ach, Verzeihung, natürlich würden sie dir nicht erlauben, das Haus zu betreten. Denn..."

Ich ziehe reflexartig meinen Phönixstab aus der Tasche hervor und belege Ron augenblicklich mit einem Schweigezauber. Er öffnet weiter den Mund, aber kein Laut kommt heraus. Ich esse weiter, den Stab in meinem Schoß ablegend.

„Potter!", schreit Seamus aufgebracht. „Was hast du ihm angetan? Ist das etwa Schwarzmagie?"

Ich rauche vor Wut. Ich hebe den Blick und durchbohre ihn damit.

„Wenn du endlich einmal in deinem Leben ein Buch öffnen würdest, würdest du sicherlich wissen, was ein Schweigezauber ist", erwidere ich eiskalt. „Und was Ron angeht, falls du je wieder Hermine beleidigst, werde ich einen schönen langen Brief an deine Mutter schreiben."

Das ist eine schlimmere Drohung, als zu einem Lehrer zu gehen oder ihn wieder zu verhexen. Natürlich weiß ich, dass McGonagall mich wegen diesem Vorfall sprechen wollen wird, aber das ist mir in diesem Moment scheißegal. Hermine schweigt, aber ich kann Überraschung und Dankbarkeit in ihren Augen sehen.

Als wir mit dem Essen fertig sind und aufstehen, um zur Bibliothek zu gehen, sehe ich aus dem Augenwinkel, dass ein paar ältere Schüler mit Ron Mitleid haben und ihre Stäbe zücken, um ihm zu helfen.

„Harry, das war echt leichtsinnig", tadelt Hermine mich. „Aber trotzdem sehr tapfer. Danke."

„Gerne", sage ich leise.

„Ich bin mir aber nicht sicher, dass Ron es dir nicht heimzahlen wird", meint sie leise. „Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist."

„Er ist eifersüchtig, wie immer", sage ich knapp. „Früher hätte er mir leidgetan, jetzt aber nervt er mich. Da gibt es eine feine Grenze, die er überschritten hat. Und keine Sorge, ich habe mich schon gegen alles abgesichert. Meine Sachen und mein Bett sind gut geschützt."

Hermine fragt nicht, was für einen Zauber ich dafür benutzt habe, folgt mir aber schweigend in die Bibliothek. Wie ich mich je mit solch einer Person hatte anfreunden können, ist mir vollkommen schleierhaft.

„Ich möchte mehr über diesen Lupin erfahren", sage ich entschlossen, als wir einen Tisch in der Ecke finden.

„Warum, denn?", fragt Hermine überrascht, als sie ihre Bücher hervorzieht. Ohne einen speziellen Zauber wäre es für Hermine nicht möglich, all diese Bücher in ihre Tasche zu stopfen und diese dann den ganzen Tag lang rumzuschleppen.

„Hermine, wir hatten schon zwei Scheißlehrer in diesem Fach", sage ich finster. „Und ich möchte wissen, wer der dritte ist."

„Harry! So redet man nicht über Lehrer", schimpft mich Hermine. Ich schenke ihr keine Aufmerksamkeit, stehe stattdessen wieder auf und suche Madam Pince. Ich habe vor, die Schülerarchive zu durchkämmen. Und ich werde es nicht geheim halten. Soll der Mann doch wissen, dass ich über ihn recherchiert habe. Sicherlich bin ich nicht der einzige, der sich fragt, wer er eigentlich ist. Ich wiederum habe andere Gründe, um mir diese Frage zu stellen.

Gerade als ich mich in ein dickes Archivbuch vertiefe, betritt jemand die Bibliothek. Noch ehe ich meinen Blick hebe, weiß ich, wer es ist, denn seine Magie hat einen bestimmten Geruch...

„Ach, Harry", sagt Dumbledore fröhlich. Ich habe ihn seit Tagen nicht gesehen. Was hat er getrieben? „Ms Granger. Suchst du nach etwas bestimmtem?" Denn sein Blick fällt auf mein Buch.

„Ja, Professor", sage ich ehe Hermine etwas sagen kann. „Eigentlich wollte ich mehr über Professor Lupin wissen."

Dumbledore hebt die Augenbrauen und Hermine schüttelt den Kopf. Ich habe ihm gerade gestanden, dass ich nach Informationen über den neuen Lehrer suche.

„Ich kann dir eine Menge von ihm erzählen, wenn du möchtest", sagt Dumbledore. „Aber ich wollte eigentlich mit dir über den Vorfall mit Ronald Weasley sprechen."

„Natürlich, Professor", sage ich höflich.

„Was ist passiert?", fragt Dumbledore. Als hättest du die Geschichte nicht schon in fünfhundert verschiedenen Versionen gehört.

„Er hat Hermine beleidigt", sage ich ruhig. „Und ich habe ihn mit einem Schweigezauber belegt."

„Harry, so weit ich weiß, hat er nichts Bestimmtes gesagt", sagt Dumbledore. Jetzt weißt du ja doch, was passiert ist? Warum fragst du überhaupt? „Du hattest keinen Grund, ihn anzugreifen."

„Ich habe niemanden angegriffen", sage ich durch die Zähne. Dieser Geruch seiner Magie ist beinah erstickend. Er ist übertrieben süß und erinnert mich an Kuchen, der verdorben ist. „Er wollte mit seinen bissigen Kommentaren nicht aufhören und hat schließlich Hermine beleidigt, sodass ich ihn einfach selbst zum Schweigen gebracht habe."

„Leider muss ich zwanzig Punkte dafür abziehen", sagt Dumbledore und steht auf. Wieder tobt Zorn in meinem Inneren und ich traue mich nicht, ihm in die Augen zu schauen, sonst könnte ich etwas anstellen. Sowie... ihm die Augen auszustechen. Ein verlockender Gedanke.

„Tun Sie das, Professor", sage ich leise. Meine Stimme bebt vor Wut.

Er geht. Hermine beißt sich auf die Lippen.

„Es ist unfair", flüstert sie. „Ich sage nicht, dass du Recht hattest, ihn zu verhexen, aber doch... Es ist ungerecht. Warum bestraft er Ron nicht?"

„Oh, der bekommt schon noch, was er verdient", murmele ich durch die Zähne.

„Harry", zischt sie. „Du planst doch nicht etwas, oder?"

„Überhaupt nicht", sage ich ernst.

„Hoffe ich auch", murmelt Hermine, klingt aber gar nicht davon überzeugt.

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Das Ritual sieht schon viel besser aus. Manche Sachen habe ich schon gelernt, also muss ich nicht ständig im Notizbuch checken, ob ich alles richtig gemacht habe. Den Text auf Latein lerne ich langsam aber sicher auswendig. Langweiliger Unterricht ist eine gute Gelegenheit, den Text wieder und wieder in meinem Kopf durchzugehen. Ron heckt etwas aus. Da bin ich mir sicher, denn ich vertraue meinem Gefahrradar. Er tuschelt mit Seamus, als Professor Flitwick einen neuen Zauber erklärt. Jeder hat eine Holzfigur vor sich, die wir verzaubern werden. Vielleicht könnte ich meine so verzaubern, dass sie Dumbledore ähnelt und ihr dann den Kopf abreißen? Purer Genuss... Woher kommen diese gewalttätigen Gedanken überhaupt? Ich brauche eine Pause. Ich hoffe, dass wir bald nach Hogsmeade gehen dürfen, sodass ich mich mit Black treffen kann. Das wäre mal etwas Lustiges. Der Mann ist vollkommen übergeschnappt. Also schön, ich treffe mich mit einem wahnsinnigen Massenmörder. Ich weiß nicht, warum er mir gesagt hat, er sei unschuldig, aber ich kann ihn ja fragen.

Ich leide an Schlafmangel, das ist es. Ich habe mich dabei ertappt, als ich den gleichen Satz dreimal hintereinander in meinem Kopf wiederholt habe, die ganze Zeit Flitwick anstarrend, ohne ihn wirklich zu sehen. Aber nach Zauberkunst sollte ich in die Kammer gehen, um weiter am Ritual zu arbeiten. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, wenn ich gleich nach dem Unterricht zum Schlafsaal gehen und ein paar Stunden schlafen würde. Tom wird es schon überleben. Es ist besser, als da unten etwas Dummes anzustellen und damit Tom einen Grund zu geben, mich anzuschreien. Oder mich zu verhexen. Ich weiß nicht, was schlimmer wäre.

„Ich habe Kopfschmerzen", sage ich zu Hermine, als es endlich klingelt. Glücklicherweise war es schon zu spät, als Flitwick zu mir gekommen ist, also musste ich die Holzfigur nicht verzaubern. „Ich denke, ich werde mich ein bisschen hinlegen."

„All diese Geheimtreffen werden dich umbringen", meint Hermine, lächelt mich aber an und nickt. „In Ordnung, Harry."

Da es ein schöner Tag ist, geht die Mehrheit der Schüler nach draußen, anstatt den Rest des Tages im stickigen Gemeinschaftsraum zu verbringen. Also habe ich Glück. Der Schlafsaal ist vollkommen leer, aber trotzdem klebe ich meine Vorhänge wieder zu und belege das Bett mit einem Stillezauber. Ich krabbele ins Bett und schließe die Augen. Die Vorhänge drehen sich um mich herum. Vielleicht habe ich mir den Magen verdorben. Mir ist leicht übel. Als ich in den Schlaf sinke, spüre ich ein Jucken und ohne Vorwarnung erscheint eine Szene vor meinem geistigen Auge, die ich kaum erwartet habe. Voldemort, die Schlange liegt zusammengerollt auf dem Boden und züngelt mit der Zunge. Schlangen können tatsächlich besser sehen, als Menschen. Hier handelt es sich aber um eine andere Schlange, die größer ist.

Offenbar hat Voldemort den Körper einer anderen Schlange in Anspruch genommen, ehe er an Bord des Schiffes gekommen ist. Das war sicherlich sehr schlau von ihm, denn falls etwas passiert, würde er an Board eines Schiffes wohl kaum den Körper eines anderen Tieres finden können. Außer Ratten. Aber ich bezweifele, dass Voldemort auf ein solch tiefes Niveau absinken würde, falls es nicht wirklich notwendig wäre.

„Harry Potter", denkt die Schlange und grinst breit – können Schlangen überhaupt grinsen? Ich habe diesen einen Eindruck auf jeden Fall. „Da bist du wieder. Das letzte Mal haben wir nicht gesprochen."

Ich bemerke einen Hauch von Sarkasmus in seinen Gedanken, als er an meinen Namen denkt und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich entscheide, vorsichtig weiter zu machen.

„Wie geht es Euch, mein Lord?", frage ich.

„Unter den Umständen, ziemlich gut", erwidert Voldemort. „Wir werden bald in England sein, Harry Potter, keine Sorge. Aber ich frage mich – hast du meine Erinnerung getäuscht? Warum möchtest du, dass ich so schnell wie möglich dorthin komme?"

Also stehen ihm meine Gedanken zum Thema offen. Verdammt. Es ist nur, wir arbeiten jeden Tag an diesem Ritual und es erfordert so viel von mir, dass ich nicht verhindern kann, tagsüber darüber nachzugrübeln.

„Ein Ritual?", hakt Voldemort nach. „Für mich?" Heute ist er besonders scharfsinnig. Wahrscheinlich weil dies ja eine neue Schlange ist, deren Körper noch immer stark ist.

Ach, zur Hölle mit der Geheimniskrämerei! Er wird es eh erfahren, sobald er zurückkommt. Und falls ich möchte, dass er mich unterrichtet, muss ich, nach der dunklen Tradition, ehrlich mit meinem Lehrer sein. Also zeige ich ihm meine Erinnerungen und erlaube ihm zu sehen, was ich und Tom jeden Tag tun.

„Und du wirst das Ritual ausführen?", fragt Voldemort, nachdem er meine Erinnerungen gründlich erforscht hat. Auch wenn seine Seele den Körper einer Schlange bewohnt, ist seine Gegenwart in meinem Geist – wie ist das nur möglich? – so stark, dass sie mich atemlos werden lässt. Sie ist wie ein Messer, das durch meine Gedanken schneidet und genau das findet, wonach sie sucht. Entsetzlich.

Aber jetzt gibt es einen Hauch von Sanftheit in seinen Gedanken, den ich mir nicht erklären kann.

„Ja, mein Lord, ich arbeite jeden Tag am Ritual", denke ich schnell. Jetzt muss ich keine Rolle spielen oder etwas verbergen, denn mein Eifer lässt sich leicht erkennen. „Ich möchte Euch nicht enttäuschen." Es war richtig gewesen es Voldemort zu sagen. Schließlich habe ich mit einem Teil von ihm monatelang gelebt.

„Und meine Erinnerung denkt, du seist dieser Herausforderung gewachsen?", fragt Voldemort.

„Nicht wirklich", denke ich finster. „Aber ich möchte ihm beweisen – ich möchte Euch beweisen – dass ich es bin."

Stille. Voldemort scheint nachdenklich zu sein. Seine Gedanken sind mir nicht so leicht zugänglich. Ist dem so, weil er sie gut vor mir verbirgt, oder weil ich einfach nicht so erfahren in Legilimentik bin?

„Da gibt es einen Ring...", denkt Voldemort. „In dem Ring befinden sich ein paar Tropfen von dem Blut des Weibes, das sich einmal meine Mutter genannt hat. Diesen Ring findest du im alten Riddle Haus in einer Schachtel in der Bibliothek. Du kannst ihr Blut benutzen."

Ich spüre wahnsinnige Freude als Voldemort mir diese Information enthüllt, denn dies war der Punkt im Ritual, der Tom am meisten beunruhigte. Denn alle anderen Punkte sind ausgeglichen, weil es zwei Zutaten gibt – Blut und Fleisch. Aber da es nur Fleisch –beziehungsweise Knochen – von seiner Mutter gibt, wäre es ein wenig riskant, das Ritual durchzuführen. Aber ich bin so davon besessen, dass ich es trotz allem durchgeführt hätte. Da gibt es eine gewisse Schönheit in allen dunklen Ritualen, die ich einfach bezaubernd finde. Ich mag die ernste Atmosphäre, die in der Ritualkammer herrscht; ich mag die Gerüche von brennenden Kräutern; ich mag das Schreiten um den magischen Kreis herum und die Handbewegungen, die alle ihre eigene Bedeutung haben; und ich mag den Rhythmus des Rituals, der mir wie ein Tanz vorkommt. Wenn man genau weiß, was man da tut, kann man sich entspannen und beinah die dunkle Magie spüren, die in der Luft knackt und den Willen des Magiers erfüllt.

„Vielen Dank, mein Lord", denke ich atemlos. „Das wird uns sehr helfen."

Voldemort nickt mit dem Schlangenkopf und ist für ein paar Momente ganz still.

„Nur ein echter dunkler Magier kann dieses Ritual durchführen", denkt er schließlich. Er klingt todernst. „Bist du einer, Harry Potter? Warum möchtest du mir helfen? Gib mir jetzt eine Antwort und versuche nicht, mich anzulügen."

Er ist noch schlimmer als Tom, geht mir durch den Kopf.

„Mein magischer Kern ist dunkel, ja", antworte ich vorsichtig. Ich denke, dass er mein Zögern spüren kann, aber ich hoffe, dass er auch den Grund, der dahinter steckt, spüren kann. Denn ich bin so vorsichtig, weil ich es nicht wieder vermasseln möchte.

„Ich möchte Euch helfen, weil ich von Euch lernen möchte", fahre ich fort. Alles, oder gar nichts. „Als ich die dunkle Magie entdeckt habe, habe ich ein ganz neues Ich entdeckt. Und ich möchte mehr und ich brauche mehr. Und Ihr könnt mir dabei helfen. Ich wiederum kann Euch einen neuen Körper geben."

Voldemort knirscht mit den Zähnen.

„Warum sollte ich dir irgendetwas beibringen, Junge?", zischt er gedanklich. „Du bist eh ziemlich tief versunken und musst mir helfen. Denn meine Erinnerung wird dich verlassen, wenn du es nicht tust."

Es ist eine schlechte Sache, Voldemort anzubrüllen, aber er hat einen Nerv getroffen. Tom.

„Ich muss gar nichts tun", zische ich zurück. „Und Tom und ich haben eine Abmachung. Ich werde Euch helfen, wenn er mir hilft. Er hat mir von den alten dunklen Traditionen erzählt und ich habe ihn als meinen Lehrer akzeptiert. Ich respektiere ihn und ich folge ihm. Aber er ist ein Teil von EUCH. Also dadurch respektiere und folge ich auch EUCH. Ich werde meinen Teil der Abmachung erfüllen, koste es, was es wolle. Dann könnt Ihr sagen, was auch immer Ihr wollt."

„Und noch was", füge ich wütend hinzu. Meine Gedanken fließen wie ein zorniger Fluss und ich selber kann ihn nicht aufhalten. „Ich werde mein eigenes Fleisch und mein Blut benutzen. Ich bin Tom treu – also bin ich auch EUCH treu. Und das Ritual wird ein Erfolg sein."

Voldemort züngelt mit seiner Zunge und neigt den Kopf zur Seite.

„Die Dunkelheit hat dich, Junge", sagt er mit einem Hauch von Sarkasmus. „Ich kann es spüren. Also ist wenigstens dieser Teil der Geschichte wahr. Schön. Ich komme bald an und du bekommst deine Chance. Ich kann nichts verlieren. Du allerdings kannst alles verlieren, denn falls das Ritual fehlschlägt... Bereite alles vor und führe das Ritual durch. Dann werden wir weiter reden."

„Danke, mein Lord", erwidere ich bissig.

„Erwarte mein Ankommen und teile meiner Erinnerung mit, dass er an deiner Selbstkontrolle arbeiten muss. Sie ist jämmerlich."

Ich wache auf und setze mich schnell auf. Ich rauche vor Wut. Der Mann ist unmöglich! Er ist noch schlimmer als Tom! Tausendmal schlimmer als Tom! Mit einem wütenden Knurren werfe ich die Decke auf den Boden und springe auf. Ich muss mit Tom sprechen.

Hermine sitzt im Gemeinschaftsraum und macht ihre Hausaufgaben, als ich an ihr vorbei sause.

„Harry...?", ruft sie mir hinterher.

„Später", schreie ich, springe durch das Porträtloch und laufe davon. Ich werde mir später eine Lüge ausdenken. In nur einer Woche habe ich mich ans Lügen gewöhnt und es stört mich nicht mehr, wie es mich früher gestört hätte. Denn ich kann Hermine nicht einfach die Wahrheit sagen und wegen diesem Standpunkt ist es akzeptabel, sie anzulügen. Denn die Wahrheit würde sie wahrscheinlich umbringen.

„Ich hatte eine Vision", sage ich atemlos, sobald Tom auftaucht. Seine Augen glitzern und ich beginne ihm schnell von dem Gespräch mit Voldemort zu erzählen.

„Und dann habe ich ihm gesagt, ich sei dir treu, also dadurch auch ihm. Und dass ich das Ritual durchführen und mein eigenes Blut dafür benutzen werde. Als das Blut von einem treuen Diener."

Tom schaut mich verwundert an und etwas blitzt in seinen Augen auf. Zufriedenheit? Stolz? Oder Wut? Es ist schwer zu sagen.

„Wie bist du nur auf diese Idee gekommen?", fragt er schließlich.

„Hab keine Ahnung, ist mir plötzlich eingefallen", sage ich achselzuckend. War es eine schlechte Idee?

„Harry", murmelt er und fährt sich durchs Haar. „Du kannst nicht nur so eine Idee haben, solch eine wichtige Zutat plötzlich mit einer anderen zu ersetzen."

„Warum nicht? Wäre es nicht besser?", frage ich gereizt.

Tom seufzt und im steht auf der Stirn geschrieben: 'wie kann ich es ihm erklären, sodass er begreift?' Ich hasse diesen Ausdruck.

„Also" Er seufzt und bereitet sich, allem Anschein nach, für eine lange Lektion vor. „Wir haben dreimal drei Minuten und eine zusätzliche Minute für die Anrufung. Das heißt, drei Minuten pro Zutat. Das ist echt symbolisch, verstehst du? Zehn stellt Vervollständigung dar; Vollkommenheit; einen beendeten Zyklus. Also stellt er sozusagen eine Wiedergeburt dar. Normalerweise wäre die Zahl sechs passend, aber da es sich um eine Seele handelt, die keinen Körper hat und da das Ritual darauf abzielt, eigentlich einen neuen Körper zu erschaffen, muss die Zahl zehn benutzt werden."

Echt, geht mir durch den Kopf? Ich hab nur gedacht, dass Voldemort Präzision mag, also muss alles in einem bestimmten Augenblick getan werden.

„Also hier handelt es sich weiter um ein Dreieck, das ein universales Prinzip des Kosmos darstellt. Die erste Zutat – der Ursprung. Die Mutter bietet einer Seele ein Heim an, indem sie ein Baby gebärt, das heißt, Voldemort. Sie symbolisiert Erschaffung. Die zweite Zutat – die Zerstörung. Das Blut und Fleisch des Feindes. Sie symbolisiert Zerstörung des Alten, sodass die Seele aus der Asche auferstehen kann. Das Alte muss zerstört werden, damit etwas Größeres und Besseres es ersetzen kann. Und dann kommt die dritte Zutat, welche die Spitze des Dreieckes bildet. Das Kind, oder, in diesem Fall, der treue Diener, welcher der Seele dabei hilft, wiedergeboren zu werden. Er ist sozusagen ein Geber und der Geber ist schließlich derjenige, der das ganze Ritual bestimmt. Denn das Kind muss dieser Seele vollkommen treu sein und tatsächlich, mit ganzem Wesen wollen – ich sage 'wollen', denn es ist der Wille des Gebers, der eigentlich zählt – dass die Seele einen neuen Körper bekommt." Er fixiert mich mit dem Blick. „Und bist du diese Person? Bist du ihm so treu?"

Ich bin vollkommen sprachlos. Seit Monaten habe ich mich nicht so gefühlt. Es ist so KOMPLIZIERT! Und ich habe gedacht, dass es nicht komplizierter werden kann.

„Es ist so kompliziert?", platzt es aus mir.

Tom seufzt.

„Manchmal vergesse ich, Harry, dass du nur dreizehn bist", murmelt er. „Denn die Mehrheit der Zeit kommt es mir vor, als hätte ich einen Erwachsenen vor mir. Einen dunklen Magier, den ich lehre."

„Soll das ein Kompliment sein?", frage ich, ihn hämisch anlächelnd. Also gibt er zu, dass ich ein sehr guter Schüler bin.

„In der Tat", meint Tom großzügig und betrachtet mich. „Und ja, Harry, es ist so kompliziert. Die dunklen Rituale sind keinesfalls leicht oder ungefährlich. Denn hier handelt es sich um eine Auferstehung und das geht gegen alle Naturgesetze. Das ist doch der Sinn der dunklen Magie. Sich nicht damit zufrieden zu geben, was man hat, sondern mehr zu wollen und nach Macht zu streben. Gibt es hellmagische Rituale? Natürlich. Aber was für Rituale sind das? Normalerweise feiern die Hellmagier dadurch ein Naturprinzip oder sie verehren die Magie, die ihnen bei der Geburt gegeben wurde. Keiner von ihnen würde je darüber nachdenken, ein Naturprinzip für sich selbst zu stehlen und es zu benutzen, weil es WIDERNATÜRLICH ist. Sich selbst sozusagen zu einem Gott zu machen. Das würden die Hellmagier nie tun, obwohl die Mehrheit von ihnen an keinen Gott glaubt. Aber sie glauben an die Natur und das, was die dunklen Magier tun, ist ihrer Meinung nach widernatürlich."

„Moment mal", unterbreche ich ihn. Ich weiß, wie Tom es hasst, wenn man ihn unterbricht, aber ich schere mich in diesem Moment nicht darum. „Ein Kind sollte also der Diener sein? Wie hätte es dann Bellatrix Lestrange sein können?"

Tom seufzt. Schon wieder.

„Das ist rein symbolisch, Harry", sagt er. „So hätten wir als die erste Zutat auch das Fleisch und Blut des Vaters benutzen können und es wäre doch das feminine Prinzip."

„Ach so, verstehe", sage ich. Symbolik kann echt verwirrend sein. Ich denke darüber nach, wie ich ihn überzeugen kann, mich doch zu benutzen, denn aus irgendeinem Grund ist mir jetzt wichtig, die dritte Zutat zu sein (eine Zutat für einen Trank zu sein, DAS hört sich sehr komisch an). Ich möchte Voldemort und Tom beweisen, wie viel ich gelernt habe und dass ich kein dummes Kind bin. Das klingt ziemlich kindisch, aber hier handelt es sich um ein kompliziertes dunkles Ritual, und falls ich es erfolgreich ausführe, wird das sicherlich etwas in Voldemorts und Toms Augen heißen. Außerdem bin ich eh schon von diesem Ritual besessen und möchte, dass es klappt. Ich kann es mir nicht erklären, aber solch ein Ritual sollte etwas Besonderes und Mächtiges sein. Und ich möchte es spüren.

„Nun, ich kann dir zwei Gründe nennen", sage ich entschlossen. Tom lehnt sich zurück und fixiert mich mit dem Blick.

„Ich höre zu", er hört sich amüsiert an.

„Der erste Grund wäre – ich bin dir treu. Also dadurch auch ihm. Ich kenne ihn ja nicht, aber ich kenne dich. Und dir bin ich treu."

Toms Augen glitzern und er lächelt mich an. Da sehe ich einen jungen dunklen Lord vor mir, der es genießt, wenn Menschen ihm folgen und ihn respektieren. Meiner Meinung nach, verdient er es.

„In Ordnung, Harry. Also solltest du an mich denken, wenn du die dritte Zutat benutzt", behauptet er.

„Schön", sage ich achselzuckend. „Der zweite Grund wäre – auch wenn ich Voldemort nicht kenne, bin ich der dunklen Magie, beziehungsweise, Dunkelheit, treu. Und da er der dunkle Lord ist – beziehungsweise du – bin ich dadurch auch ihm treu."

Tom lacht laut auf und lehnt sich nach vorne. Seine Augen funkeln wie wild und er mustert mich von oben bis unten.

„Harry Potter, du bist erwachsen", sagt er. „Mir gefällt deine Denkweise, aber auch dein Eifer. Ich kann sie schätzen. Also gut. Ich werde den Text für die dritte Zutat ändern und du wirst dein eigenes Blut und Fleisch benutzen."

„Danke, Tom", sage ich, breit grinsend. Ich fühle mich, als hätte ich gerade etwas gewonnen, obwohl eine Menge Arbeit auf mich wartet.

„In Ordnung", sagt Tom und steht auf. „Aufstehen. Wir haben zu tun."

„Ja, Meister", sage ich begeistert und springe auf. Wer würde nicht aufspringen, wenn die dunkle Magie auf ihn wartet?

ooooooooooooooooooo

Hermine finde ich genau dort, wo ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Sie steht schnell auf, als ich rein komme.

„Harry, was ist? Geht es dir gut?", fragt sie schnell.

„Ja, bestens", sage ich gähnend. Ich bin hundemüde, aber zur gleichen Zeit habe ich den Eindruck, dass die dunkle Magie mir hinterher weht, wenn ich laufe. Denn ich habe Draco auf meinem Weg zurück zum Turm getroffen und er hat mich seltsam angeschaut und den Kopf geschüttelt. So in der Schule rumzulaufen und nach dunkler Magie zu riechen, ist sicherlich keine gute Idee, aber ich musste zurück bevor die Ausgangssperre anfing, sodass ich Hermine eine Ausrede für mein seltsames Benehmen geben konnte.

„Ich hab einen Brief bekommen und wollte ihn schnellstens Dumbledore zeigen", erfinde ich auf der Stelle eine Lüge. Es ist so einfach!

„Einen Brief? Von wem?", fragt Hermine leise.

„Sirius Black", flüstere ich ihr ins Ohr. Hermine schnappt nach Luft und schaut sich um.

„Harry... das ist...", stottert sie.

„...verrückt?", frage ich ernst. „Ich weiß, Hermine. Aus diesem Grund wollte ich zu Dumbledore."

„Was wird er unternehmen?", fragt Hermine, die große Augen bekommen hat.

„Keine Ahnung, er hat den Brief behalten und wir haben für eine Weile darüber gesprochen, danach hat er mich zurück zum Turm geschickt", sage ich, meine Tasche öffnend. Ich weiß, dass ich bis tief in die Nacht hinein meine Hausaufgaben machen und morgen wieder müde aufwachen werde, aber es muss getan werden.