Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.

Cassie

„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."

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Kapitel 19 – Büchse der Pandora

Dieser Tag war einfach zu anstrengend für mich, denn ich konnte kein Auge zumachen. Ich habe mich im Bett hin und her gewälzt und bin endlich, gegen zwei Uhr, in einen leichten Schlaf gesunken. Ich höre wieder das Zischen, das eigentlich Worte sind; ich sehe Dumbledores Gesicht vor mir und ich sehe Enttäuschung in seinen blauen Augen. 'Ich bin von dir sehr enttäuscht, Harry', flüstert er. 'Du bist so tief gesunken. Niemand kann dich jetzt retten.' Ich sehe Narzissas Gesicht, das zornverzerrt ist. 'Hast du wirklich geglaubt, ich würde dich in meine Familie aufnehmen? Du bist nichts weiter als ein Waise, der nichts auf der Welt hat.' 'Tötet den Schwarzmagier!', schreit Ron auf einmal. Ich wende mich in meinem Traum um und sehe Hermine. 'Du hast uns alle verraten! Ich werde nie und nimmer deine Freundin sein! Was bildest du dir nur ein?' Da sehe ich Madame Bones, die den Hammer hoch hebt. 'Hiermit erkläre ich, dass Harry James Potter zu seinen Muggelverwandten zurückkehren und bis zum Ende seines Lebens dort bleiben muss.' Als ein Knall ertönt, bekomme ich Lupin zu sehen. 'Ich wollte mich nicht um dich kümmern, weil ich wusste, was aus dir werden wird. Deine Eltern würden sich im Grabe umdrehen.' 'Harry, ich wollte niemandem von deinen Verletzungen erzählen, denn du hast sie verdient', sagt gerade Madame Pomfrey. 'Ich habe es gewusst, aber du bist ein Schwarzmagier. Du verdienst es.' 'Du bist eine Schande', sagt Tom. Er lacht – und sein Gelächter hallt noch immer in meinen Ohren, als ich hochfahre.

Es war ein Traum. Nur ein Traum. Scheiße. Endlich bin ich eingeschlafen und dieser widerliche, dumme Traum musste mich wecken. Verdammt!

Na ja. Jetzt bin ich wieder hellwach und da ich ziemlich sicher bin, dass ich so leicht sicher nicht wieder einschlafen werde, stehe ich auf. Es ist vier Uhr. Narzissa hat mir ein paar Sachen gekauft, die in einer Ecke meines Zimmers auf mich warten. Denn ich hatte keine Zeit, das Paket zu öffnen. Alles ist in Ordnung. Narzissa möchte mich behalten, ich habe ein wunderschönes Heim, Tom ist mit mir zufrieden, Ron hasse ich noch immer, also spielt es keine Rolle, was der Idiot von mir hält, Hermine ist meine beste Freundin... Ich sollte etwas Heißes trinken. Vielleicht Kakao?

Ich mache mich auf den Weg nach unten. Es ist stockdunkel, aber ich möchte niemanden wecken – und Voldemort die Schlange steht hoch auf meiner Liste – und so schleiche ich in Richtung Treppen, oder wenigstens denke ich, dass dort die Treppen sind. Wie dem auch sei, ich pralle gegen etwas Weiches und falle um.

„Große Morgana", zischt eine Stimme. Ich werde einen Moment blind, als mir jemand eine Kerze unter die Nase hält. „Was machst du da?"

Es ist Draco. Er trägt einen Pyjama und sein Haar ist zerzaust. Konnte auch er nicht schlafen?

„Ich konnte nicht schlafen", zische ich wütend, seine Hand, die die Kerze hält, wegdrückend. „Was soll das mit der Kerze?"

„Du also auch", murmelt Draco.

„Ich wollte gerade etwas trinken", murmele ich und rappele mich auf.

„Komm mit", sagt Draco und führt mich nach unten.

Im Erdgeschoss müssen wir nicht mehr leise sein, denn dort gibt es keine Zimmer, in denen jemand schläft, also können wir niemanden wecken.

Draco zündet ein paar Kerzen an als er in den Salon kommt und ich mache die Tür leise zu und blinzele.

„Ich habe versucht, einzuschlafen, aber es war vergeblich. All das Zischen hat mich in den Wahnsinn getrieben. Ich kann es noch immer in meinem Kopf hören", murmelt Draco. Ich setze mich stöhnend hin und reibe mir die Schläfen. Als ich meinen Kopf hebe, sehe ich Draco, der teuflisch grinst. Er hält eine Flasche in der Hand.

„Na dann", sagt er leise. „Da alle schlafen, können wir wohl Vaters Feuerwhiskey ausprobieren."

Ich blinzele.

„Nein, Danke", sage ich glucksend. Dracos Idee ist eigentlich ziemlich lustig. „Alkohol hat eine komische Wirkung auf mich."

„Also hast du ihn schon probiert?", fragt Draco überrascht. Er zuckt mit den Achseln. „Ach was. Nichts kann mich mehr überraschen, was in Zusammenhang mit dir steht."

Er gießt etwas Whiskey in ein Glas und nimmt einen Schluck davon. Er erschaudert.

Ich schaue ihn amüsiert an.

„Ich hab dir Angst eingejagt, gib es doch zu", sage ich mit einem hämischen Lächeln. „Damals im Korridor vor Snapes Büro und heute auch."

„Du bist es nicht, was mir Angst einjagt", murmelt Draco, sieht aber ein wenig verlegen aus. „Sondern der dunkle Lord."

„Ach, der ist in Ordnung", sage ich abwinkend. Draco nimmt noch einen Schluck des Whiskeys und wirft mir einen schockierten Blick zu.

„Was hast du geträumt?", fragt er leise. „Ich habe dich gehört."

Ach nein. Habe ich wieder geschrien oder gewimmert? Ich hasse meine Träume.

„Es ist nichts", murmele ich. 'Zeige nie den Menschen deine Schwächen', hat Tom oft zu mir gesagt. Draco schüttelt den Kopf und zuckt mit den Schultern.

„Schön, erzähl es mir nicht", sagt er. „Aber die Tatsache, dass du jetzt hier mit mir bist, bedeutet etwas."

„Ich bin nur nervös", sage ich, mich zurück lehnend.

„Was wirst du im Bezug auf Dumbledore unternehmen?", fragt Draco nach einer Pause.

„Was meinst du?", frage ich überrascht.

„Oh, komm schon. Er hat dich in den Klauen dieser abscheulichen Muggel gelassen, er hat dich angelogen, er hat Geld von dir geklaut und noch immer versucht er, dich für sich zu gewinnen."

„Nicht mehr", sage ich dumpf. Draco zieht die Augenbrauen in die Höhe. „Hast du etwa nicht bemerkt, dass er mich meidet? Er möchte mich nicht sprechen. Zudem hat er mir erlaubt, eine Schlange als Haustier zu haben."

Draco verschluckt sich beinah am Feuerwhiskey. Ich erzähle ihm von diesem Vorfall und er hört interessiert zu.

„Seltsam", meint er schließlich. „Mir kommt es vor, als hätte er seine Meinung geändert. Versucht er dich auf diese Weise zu gewinnen? Wenn ja, geht er die Sache falsch an."

„Die Frage ist – warum braucht er mich überhaupt? Wofür?", frage ich genervt.

„Du... du weißt nichts über die Prophezeiung?", fragt Draco leise.

„Was für eine Prophezeiung?", frage ich überrascht.

„Nun", sagt Draco langsam und stellt sein Glas ab. „Vater hat mir davon erzählt. Es gibt eine Prophezeiung über dich und den dunklen Lord. Die Prophezeiung sagt deine Geburt und den Untergang des dunklen Lords voraus, aber sie ist nicht komplett."

„Wer hat diese Prophezeiung gemacht?", frage ich leise. Mein Herz rast. Es kommt mir vor, als gäbe es heute kein Ende an Schocks und Überraschungen.

„Keine Ahnung", sagt Draco achselzuckend. „Ich weiß nur, was mir mein Vater gesagt hat."

„Und er hat mir nichts gesagt", zische ich wütend.

„Vielleicht weil er gedacht hat, dass du schon darüber Bescheid weißt", erklärt Draco.

„Ich werde ihn morgen danach fragen", zische ich wütend. „Und im Übrigen, warum ist die Prophezeiung nicht komplett?"

„Ich weiß nur, dass der Spion des dunklen Lords nicht alles gehört hat", antwortet Draco.

Ich denke ernst darüber nach und schnaube.

„Prophezeiung, welch ein Scheiß! Und du denkst, dass Dumbledore mich aus diesem Grund nahe haben will?", zische ich wütend.

„Das ist meine Vermutung", antwortet Draco kühl. „Das ist es, was wir alle gedacht haben. Bis du allem Anschein nach die Seiten gewechselt hast. Und aus diesem Grund finde ich es überraschend, dass Dumbledore dich so leicht aufgeben würde. Es ist nicht logisch."

„Seit wann ist irgendetwas in meinem Leben logisch?", murmele ich. Draco kichert und bietet mir ein Glas Feuerwhiskey an. Ich betrachte das Glas mit Argwohn, aber schließlich nehme ich es in die Hand. Zum Teufel damit. Sonst werde ich nie einschlafen können, mit Voldemort und Prophezeiungen in meinem Kopf herum wirbelnd.

„Also weiß der dunkle Lord davon?", frage ich, als ich das Glas zu meinen Lippen bringe. Draco zuckt mit den Achseln und ich schnaube. „Kein Wunder, dass er mich hasst", murmele ich schlechtgelaunt. „Und mich würde interessieren, worüber diese Prophezeiung eigentlich labert."

„Das würden wir alle gerne wissen", behauptet Draco, der mich vorsichtig anschaut.

„Aber das Wahrsagen ist Unsinn", sage ich und mache meine Augen zu, als der Feuerwhiskey sich auf den Weg in meinen Magen macht. Dieses Zeug ist extra stark. „Glücklicherweise müssen wir dieses Fach nicht besuchen."

„Oh bitte", schnaubt Draco. „Hast du die Wahrsagenlehrerin gesehen? Die, mit großen Brillen, die einem Insekt ähnelt? Ich hab gehört, dass sie total nutzlos ist."

„Würde mich auch nicht wundern", sage ich und nehme noch einen Schluck Whiskey.

„Aber du hast meine Frage nicht beantwortet", sagt Draco auf einmal. Seine Augen glitzern, vermutlich wegen des Alkohols. „Was wirst du unternehmen?"

Ich seufze.

„Zu jener Zeit wollte ich nur eines – Narzissa als meinen Vormund haben. Ich hab genug Geld und ich möchte alles hinter mir haben. Ich möchte alles vergessen. Aber ich werde Dumbledore eines Tages schon zur Rede stellen. Denn ich möchte wissen, warum er sich von mir distanziert hat. Ich möchte wissen, was die Prophezeiung sagt. Ich möchte so viel wissen und niemand sagt mir was. Und es geht um mich, verdammt noch mal! Es ist zum Haare ausreißen."

Ich stöhne und lehne mich mit dem Glas in Hand nach vorne.

„Was ist mit der Aussage des Kobolds?", fragt Draco neugierig.

„Keine Ahnung. Aber damals ist es mir so vorgekommen, als wollen alle sie einfach ignorieren. Oder wenigstens zur Seite stellen, unter dem Vorwand, dass Dumbledore einen sehr guten Grund für sein Benehmen hat."

„Und Madame Pomfrey?", fragt Draco leise. „Ich hab gehört, dass Madame Bones sie verhören wollte."

„Madame Pomfrey hat ihre Aussage schon gemacht", sage ich kopfschüttelnd. „Sie hat gesagt, dass sie ein paar Kratzer gesehen hat, aber geglaubt hat, dass ich, wie jeder Junge, auf Bäume klettere und dass ich mich auf diese Weise verletzt habe. Ihr ist überhaupt nicht eingefallen, dass sie mich gründlich untersuchen könnte. Und außerdem hat sie mich nicht nackt gesehen, also hätte sie nicht wissen können, was für Verletzungen ich noch hatte. Sie ist einfach davon ausgegangen, dass sie nicht jeden Schüler, der Hogwarts betritt, gründlich untersuchen muss. Ein paar Leute aus dem Ministerium wollten, dass sie kündigt, denn sie war nachlässig und ist ihren Pflichten nicht nachgegangen, aber Dumbledore hat sie davon überzeugt, dass sie eine exzellente Heilerin ist. Jetzt versucht sie, es bei mir wieder gutzumachen, indem sie mich jede Woche untersucht und mir allerlei Tränke gibt."

„Hört sich an, als hätte Dumbledore es doch gewusst", sagt Draco nachdenklich.

„Ach was weiß ich, ich habe seine Pläne und seine Ideen ganz schön satt", zische ich genervt und gebe das Glas wieder zu Draco, um es nachfüllen zu lassen. „Es ist aber seltsam. Als ich den dunklen Lord gefragt habe, wie ich ihn von meiner wahren Loyalität überzeugen kann, hat er mir gesagt, ich solle ihm Dumbledore bringen."

Draco hält inne und schaut mich vorsichtig an.

„Natürlich wäre mir nichts lieber, als Dumbledores Tee einen Schuss Gift hinzu zu fügen, ihm einen Todesfluch auf den Hals zu jagen, ihm einen Schubs zu geben, wenn er die Treppen hinunter steigt oder seine ach so tollen Zitronenbonbons zu vergiften, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich ihn zum dunklen Lord bringen soll."

Als ich die Mordtechniken durchgehe, werden Dracos Augen groß und er starrt mich an, als könne er seinen Ohren nicht trauen.

„Dir ist hoffentlich klar, dass du verrückt bist", sagt er leise, als ich verstumme. Ich werfe ihm einen wütenden Blick zu und er senkt den Blick. Hat er schon wieder Schiss vor mir? Ich genieße dieses Gefühl.

„Was ist, Draco?", höhne ich, mich ihm zuwendend. „Hast du nie einen Mord geplant?"

Draco betrachtet mich skeptisch, als ich mich, noch immer grinsend, nach vorne lehne.

„Du bist betrunken", murmelt er. „Alkohol hat tatsächlich eine seltsame Wirkung auf dich."

„Ach, hat der kleine Draco Angst vor Harry Potter?", höhne ich weiter, ihn spielerisch am Ohr ziehend.

„Hör auf damit!", zischt Draco und schlägt meine Hand weg. Ich packe ihn an der Schulter und presse ihn gegen den Sessel. Die silbernen Augen mustern mich aus der Nähe und ich kann Anzeichen von Panik in ihren Tiefen erkennen. In diesem Moment packt mich etwas und ich presse meine Lippen auf seine.

Draco versteift sich und scheint sich keinen Millimeter bewegen zu können. Ich wiederum genieße das Gefühl. Ich habe keine Ahnung, was ich da tue, aber es fühlt sich gut an. Seine Lippen sind so weich. Meine Zunge presst gegen seine Lippen und als Draco tief einatmet und mir damit Zugang zu seinem Mund gibt, beginnt sie diesen zu erforschen. Er stöhnt; und eine zittrige Hand wird auf meine Schulter gelegt. Ich spüre eine Welle von etwas, was mir sehr gefällt, und ich presse mich härter gegen ihn. Ich atme auch tief ein, als ich seine Zunge an meiner spüre und mir ist auf einmal sehr heiß. Mein gesamter Körper scheint zu brennen, als ich eine Hand in das platinblonde Haar vergrabe und ihn zu mir ziehe. Er schmeckt so gut... Er riecht nach Kiefern und nach Whiskey und diese Kombination gefällt mir.

Schließlich keucht er auf und ich ziehe mich langsam zurück. Er atmet schwer und seine silbernen Augen sind größer als normal. Und jetzt kann ich da deutlich Panik sehen. Ich fühle mich ein wenig verwirrt, aber als ich wieder an dieses Gefühl denke, spüre ich einen unwiderstehlichen Drang, es wieder zu tun. Ich lehne mich wieder nach vorne, aber Draco dreht seinen Kopf zur Seite.

Ich spüre einen Stich von Wut, denn er will mir nicht geben, was ich möchte. Ähm – was war das wieder?

„Du bist betrunken", murmelt Draco. Seine Wangen sind rosa angelaufen. „Geh schlafen."

„Gefällt es dir nicht?", frage ich. Meine Zunge gehorcht mir nicht. Na ja, vielleicht bin ich ein wenig beschwipst. Ich fahre mit einer Hand über seine weiche Wange. „Komm schon."

Die wütende Schlange, die ich immer in meinem Inneren spüre, wenn meine Magie wild wird, stellt sich auf und ich greife nach seinem Kinn und drehe seinen Kopf, sodass ich ihm in die Augen schauen kann. Und ehe ich weiß, was ich da tue, dringe ich in seine Gedanken ein und mein benebeltes Gehirn versucht sich besser zu konzentrieren, sodass ich die Erinnerung finden würde, nach der ich suche. Ich lächele leicht, als mir klar wird, dass er es nicht nur genossen hat... Sondern mich aus der Ferne beobachtet hat...

Ich ziehe mich zurück und finde mich Angesicht zu Angesicht mit einem, jetzt vollkommen in Panik geratenem Draco, der schluckt und unfähig zu sein scheint, sich von der Stelle zu rühren. Seine Augen sind wie zwei Monde... Warum sind meine Gedanken so langsam?

„Schön", sage ich selbstzufrieden. Aus irgendeinem Grund gefällt mir die Idee, dass er mich schon seit Tagen beobachtet und über mich nachdenkt. „Wie du meinst. Aber ich weiß, dass du es genossen hast. Wir werden es wieder tun, keine Sorge."

Ich grinse ihn teuflisch an und lehne mich zurück; und Draco steht schnell auf und verlässt den Salon so schnell wie möglich. Ich schüttele den Kopf, leere mein Glas und schaue mich um. Irgendwie finde ich es amüsant, dass er es sich herbei gewünscht hat, aber da jetzt sein Tagtraum zur Wirklichkeit wurde, ist er verwirrt und weiß nicht, was er darüber denken soll. Klar, wir alle haben Tagträume, aber nicht jeder wird verwirklicht. Wer hätte gedacht, dass Draco so gut schmeckt? Ich lecke meine Lippen und grinse breit. Vielleicht war dieser Tag total verrückt, aber das Ende gefällt mir sehr.

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Am nächsten Morgen werde ich von Dobby geweckt, der mich wissen lässt, dass das Frühstück in ein paar Minuten anfängt. Ich blinzele durch meine Haarsträhne und komme zu dem Schluss, dass sich das Zimmer um mich dreht. Meine Zunge fühlt sich klebrig an und irgendwie faul, also sage ich erstmal nichts, bis ich versuche zu schlucken, und feststelle, dass meine Kehle total ausgetrocknet ist.

„Wasser", gelingt es mir zu flüstern. Dobby reicht mir ein Glas, die ganze Zeit mich nervös anschauend, seine großen Augen noch größer als normal.

„Braucht der junge Meister noch was?", fragt der Elfe besorgt. Der junge Meister... irgendwie gefällt mir das.

„Ja...", stöhne ich. „Ich hab Kopfschmerzen. Und mir ist schwummerig."

„Ich bringe dem jungen Meister Tränke dafür", piepst der Elf und verschwindet. Ich stöhne und werfe mich wieder aufs Bett. Oh Mann. Habe ich etwa gestern zu viel dunkle Magie benutzt? Warum fühlt sich mein Kopf wie ein fauler Kürbis an? Als ich meine Schläfe reibe und den Kopf zur Seite drehe, blitzt eine Erinnerung in meinem Kopf auf. Dracos Augen, die mich erschrocken anstarren... Freude und Aufregung in meinem Magen... Dracos Lippen, so weich und so warm...

Ich fahre hoch. Was zum Teufel war das? Ich konnte nicht schlafen... bin nach unten gegangen... bin gegen Draco geprallt... wir haben getrunken... ich habe ihm mit meinen Mordplänen Angst eingejagt... und ich habe ihn geküsst. Und das nicht nur kurz. Wenn ich 'geküsst' sage, meine ich meine Zunge und seine Zunge, umeinander gewickelt; ich meine, dass meine Hände über seinen Körper gewandert sind... dass ich aufgeregt war... oder besser gesagt, ERREGT war. Obwohl mir dieses Gefühl nicht mal so fremd ist, war es diesmal so stark und so tief greifend, dass mein Kopf in jenem Moment vollkommen leer war.

In Ordnung, Potter, nur keine Panik. Also hast du mit Draco gesoffen und dann hast du ihn geküsst. Na und? Er hat es genossen. Du hast es genossen. Also wo liegt das Problem? Diese Stimme hört sich genau wie Tom an. Aber da gibt es auch eine andere, schrille Stimme, die mir ins Ohr schreit. Weil es ja um Draco geht! Weil du ihm verdammt noch mal einen Zungenkuss gegeben hast, und weil es dich offensichtlich erregt hat. Seit wann bin ich schwul? Seit wann möchte ich Jungen anstatt Mädchen küssen? Na dann, sagt die andere Stimme. Du hast dir schon öfter diese Frage gestellt. Warum möchtest du keine Mädchen küssen? Weil sie ja Mädchen sind.

Ich stöhne laut, als Dobby mit den Tränken auftaucht und vergrabe den Kopf in den Händen. Dieser Tag fängt wohl ziemlich schlimm. Ich verspüre den Drang, mich zu übergeben. Ich schlucke die Tränke schnell runter und deute auf den Schrank.

„Finde doch was zum Anziehen", murmele ich. „Und kein Wort zu Lucius und Narzissa. Ich verbiete dir, ein Sterbenswörtchen über meine Übelkeit und Kopfschmerzen zu sagen."

„Dobby verspricht es, junger Meister", piepst der Elf, als er eine Hose und ein einfaches T-Shirt rüber bringt.

„Gut", knurre ich.

Als ich in den Speisesaal reinkomme, fällt mein Blick sofort auf Draco. Er hat den Blick nicht gehoben, als ich reingekommen bin und starrt seine Schale mit Haferbrei an, als wäre sie die interessanteste Sache auf der Welt. Ich seufze und fahre mir durchs Haar.

„Harry", sagt Narzissa besorgt. „Du siehst müde aus. Hast du schlecht geschlafen?"

„Ja, ich hatte Alpträume", erwidere ich. Ich habe keine Ahnung, wie ich aussehe, aber wenn ich so aussehe, wie ich mich fühle, dann muss es schlimm sein.

Narzissa presst die Lippen zusammen und wirft Lucius einen Blick zu. Er wiederum schaut mich argwöhnisch an.

„Gehst du zu ihm?", fragt er leise.

„Ja, gleich nach dem Frühstück", murmele ich.

Das Trinken hätte ich mir sparen können. Ich habe einen Kater und muss gleich zum dunklen Lord gehen, der über dunkle Magie reden möchte. Normalerweise wäre ich außer mir vor Aufregung, aber in diesem Zustand kann ich nur an eins denken – mein Bett.

„Du solltest einen Trank zu dir nehmen", meint Lucius leise. „Um schneller wach zu werden. Dobby!"

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Tränke sind eine wunderbare Sache, denke ich, als ich die Treppen nach oben steige. Im Vorbeigehen fällt mein Blick auf die Tür, die zum Salon führt. Dort habe ich... Vergiss es. Voldemort wartet auf mich und da ich mich jetzt viel besser fühle, muss ich dieses Gespräch so schnell wie möglich erledigen, ehe die Wirkung des Trankes nachlässt.

Voldemort, die Schlange wartet beim Fenster auf mich. Im letzten Moment wird mir klar, dass er den Propheten liest und ich presse schnell die Hand auf den Mund, um nicht laut zu lachen. Aber ich kann mir nicht helfen, das Bild der schwarz und gelb gestreiften Schlange, die auf dem Propheten liegt und deren Kopf sich von links nach rechts bewegt, wenn sie einen Artikel liest, ist einfach zum Totlachen.

~Mein Lord~, zische ich stattdessen und lasse mich auf die Knie nieder. Die Schlange dreht den Kopf. Ich höre das Rascheln von Papier und als ich wieder aufschaue, schlängelt die Schlange in meine Richtung.

~Steh auf und setz dich~, befiehlt Voldemort. Ich schaue mich um. Es gibt nur einen quietschenden Stuhl in der Ecke und ich hebe die Hand. Der Stuhl fliegt durch die Luft und landet vor mir. Ich setze mich darauf. Voldemort wirft mir einen seltsamen Blick zu und lächelt – können Schlagen lächeln? Ich habe gedacht, dass ihr Mund gezuckt hat.

~So, Harry Potter~, sagt er leise. ~Erzähle mir von dem, was dir meine Erinnerung beigebracht hat. Welcher Zweig der dunklen Magie liegt dir?~

Ich schaue zu der Schlange auf, die jetzt am Rande des Bettes zusammengerollt liegt und mich ohne zu blinzeln anschaut.

~Er ist mein Lehrer. ER hat einen Namen~, zische ich.

~Er ist ich~, erwidert Voldemort nach einer Pause. ~Du nennst ihn Meister. Also heißt das, laut den uralten, dunkelmagischen Traditionen, dass du ihn – beziehungsweise mich – als deinen Lehrer akzeptiert hast.~

Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe.

~Also wollt Ihr mich doch unterrichten?~, frage ich.

~Nun, ich habe schon darüber nachgedacht~, sagt die Schlange langsam und neigt den Kopf zur Seite. ~Die Lehrer-Lehrling Verbindung ist lebenslang und kann nicht gebrochen werden. Es ist sozusagen ein Pakt zwischen zwei Personen. Der Lehrer muss sicher sein, dass sein Schüler würdig ist, von ihm gelehrt zu werden; und der Schüler muss sicher sein, dass er ihn respektieren und ihm folgen würde. Also in gewissem Sinne habe ich dich schon als meinen Lehrling akzeptiert.~

~Ihr seid der dunkle Lord~, sage ich selbstzufrieden. Ich grinse breit. Ich habe ihn! ~Wenn Ihr euch nicht an die uralten Traditionen haltet, heißt das, dass Ihr dem dunklen Pfand nicht folgt.~

Die Schlange züngelt mit der Zunge und mustert mich.

~Du bist echt frech, Junge~, zischt sie. ~Ich bin der dunkle Lord, ja. Aber ich kann auch entscheiden, mich nicht länger an die uralten Traditionen zu halten und meine eigenen Regeln einführen.~

Aber natürlich.

~Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Was liegt dir? Welcher Zweig der dunklen Magie interessiert dich am meisten?~

~Rituale~, sage ich sofort. Keine Ahnung, was mir liegt, aber die Schlange nickt. ~Insbesondere Dämonenbeschwörungen. Ich finde sie echt faszinierend.~

~Hast du je so was ausprobiert?~

~Natürlich nicht, ich weiß nicht genug, um mich auf so was einzulassen~, antworte ich überrascht. Hat er etwa erwartet, dass ein dreizehnjähriger Junge einen Dämon problemlos beschwört? Heißt das, dass er tatsächlich glaubt, ich sei dazu fähig? Interessant... Was hat Tom ihm wirklich gesagt?

~Arithmantik interessiert mich, aber sie ist verdammt schwer~, fahre ich fort. ~Die Runen wiederum sind echt nützlich und nicht mal so schwer zu benutzen, wenn man sie zusammen mit ihren exakten Bedeutungen alle auswendig kennt. Ich habe schon ein paar Experimente gemacht.~ Ich kann nicht glauben, dass ich Voldemort davon erzähle. ~Ich habe meinen eigenen Schutzzauber erschaffen, mithilfe von ein paar Runen. Und er was echt nützlich.~

~Vor wem musst du etwas schützen?~, fragt Voldemort neugierig.

~Vor den Gryffindors~, knurre ich. Erinnere mich bloß nicht daran, denn ich werde bald dorthin zurückgehen müssen. ~Weil Narzissa jetzt mein Vormund ist, denken sie, dass ich ein dunkler Magier bin und versuchen, einen Beweis dafür in meinem Koffer zu finden.~

Voldemort gibt ein langes Zischen von sich. Hat er gerade gelacht?

~Oh ja, die Gryffindors~, murmelt er. ~Du hast einen echten dunklen Kern, was sehr selten ist. Wie kommt es, dass du in Gryffindor bist?~

~Der sprechende Hut hat mir die Wahl gelassen – Slytherin oder Gryffindor. Und da ich während meiner Fahrt nach Hogwarts gehört habe, dass alle die Slytherins hassen, war ich fest entschlossen, nach Gryffindor zu gehen. Denn ich wollte nicht gehasst werden, davon hatte ich schon genug.~

Ich senke den Kopf und ziehe die Möglichkeit in Betracht, dass Dumbledore Ronald gesagt hat, er solle sich mit mir anfreunden und mir den Kopf mit seinen Idealen und Prinzipien füllen. Nein, Ron ist einfach zu dumm dafür.

~Hast du die verbotenen Flüche ausprobiert?~, fragt Voldemort.

~Ja~, sage ich leise.

~Alle drei?~, hakt er nach.

~Nur den Todesfluch nicht~, murmele ich.

~Warum denn?~, fragt er.

Jetzt erinnert er mich an Tom. So stellt mir Tom Fragen, bis ich meine Kontrolle verliere und beginne die Wahrheit auszuspucken. Ich kenne diesen Trick, Voldemort. Denn es ist dein eigener.

~Nun, ich habe noch keine Chance dafür bekommen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es schaffe, wenn die Zeit dafür kommt~, sage ich achselzuckend. ~Kann ich etwas fragen, mein Lord?~

~Fahr fort~, sagt Voldemort.

~Wie kommt es, dass die verbotenen Flüche nicht arithmantisch ausgedrückt werden können?~, frage ich.

Die Schlange mustert mich und schüttelt ihren Kopf.

~Die Antwort auf diese Frage ist sehr komplex~, sagt er. ~Aber es gibt eine Antwort, ja. Und vielleicht werde ich dir eines Tages das Geheimnis enthüllen.~

Mein Herz macht einen Hüpfer. Er weiß! Ich bin mir sicher, dass er es weiß. Ich weiß nicht, warum ich so erpicht darauf bin, es herauszufinden, aber es ist ein Rätsel und ich mag Rätsel. Außerdem muss die Frage, warum man sich so allmächtig fühlt, wenn man sie benutzt, dadurch auch beantwortet werden. Es ist vielleicht eine Frage, die sich nicht viele dunkle Magier gestellt haben. Ich fühle mich allmächtig und unbesiegbar, schön – aber warum?

~Du fühlst dich von den dunklen Ritualen angezogen~, fährt er fort. ~Warum?~

Wie kann man nur erklären, warum einem etwas gefällt?

~Ähm... Ich weiß nicht, wie ich diese Frage beantworten soll...~, fange ich unsicher an. Eine Antwort muss ich ihm aber geben. ~Aber ich werde Euch erklären, wie ich mich dabei fühle.~ Voldemort nickt.

~Ich mag die feierliche Spannung, die in der Ritualkammer herrscht. Ich mag die Aufregung, die ich in meinem Magen spüre, wenn ich mich auf ein Ritual vorbereite. Ich mag die verschiedenen Gerüche; wie Latein sich in meinen Ohren anhört und wie meine Worte durch die Kammer hallen; ich mag die Präzision, die für die Ausführung erforderlich ist. Die Reihenfolge, in der man alles tun muss. Für mich ist ein Ritual wie ein Tanz. Wenn ich die Schritte schon gut kenne, bewegt sich mein Körper von alleine und ich kann in der dunklen Magie versinken, die jede Ecke der Ritualkammer erfüllt.~

~Wie viele hast du schon durchgeführt?~, fragt Voldemort, der mich seltsam anschaut. Ich habe so leidenschaftlich gesprochen und mich dabei so benommen, als sei ich mir nicht mehr bewusst, dass Voldemort mir zuhört. Ich habe gesprochen, als wäre ich alleine.

~Ungefähr dreißig~, sage ich. ~Aber ich arbeite jeden Tag an dem Auferstehungsritual.~

Voldemort wirkt nachdenklich und ich versuche, mich auf dem harten Stuhl ein wenig zu entspannen. Der Trank wird bald nachlassen, ich kann es spüren...

~Und das Duellieren?~, fragt Voldemort. Der Mann – oh nein, warte mal, die Schlange – ist unermüdlich.

~Ich hatte nie einen Gegner, also kann ich nicht wissen, wie gut ich bin~, sage ich nachdenklich. ~Es gibt zwar einen Duellierclub in der Schule, aber man darf natürlich keine dunkle Magie verwenden.~

~Tatsächlich?~, fragt Voldemort neugierig. ~Dumbledore hat ihn gegründet?~

~Es war eigentlich... meine Idee~, murmele ich.

Ich erzähle Voldemort schnell, wie es dazu gekommen ist und er hört zu. Das ist unheimlich. Ich rede mit Voldemort über die Schule.

~Du kannst dich mit Lucius duellieren~, behauptet Voldemort schließlich. Ich schaue ihn etwas überrascht an. ~Du musst üben. Und natürlich ist es gut, so viele Flüche und Zauber wie möglich zu beherrschen, aber man muss üben. Schließlich ist es die Erfahrung, die in den meisten Fällen den Sieger bestimmt.~

~Werden alle Vorbereitungen für das Ritual bis Vollmond getroffen sein?~, fragt er schließlich.

~Ja, aber da gibt es so viel, was wir tun müssen~, sage ich seufzend. ~Die Zutaten, mein Lord. Es wird echt schwierig sein, sie alle zu beschaffen. Zwei der Zutaten sind Dumbledores Blut und Fleisch.~

Die Schlange scheint amüsiert zu sein.

~Und zu denken, dass das alte Huhn mir dabei helfen wird, zu Kräften zu kommen...~, zischt er belustigt. ~Es ist ironisch und herrlich zugleich.~

~Hoffentlich wird er uns nicht durchschauen~, sage ich nachdenklich. ~Ich weiß nicht wie T... Meister plant, das zu schaffen. Er möchte, dass Snape sein Blut besorgt und denkt, Nagini wäre im Stande, etwas von seinem Fleisch zu bringen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie. Sie wird sicherlich nicht seinen kleinen Finger mitten in der Nacht abbeißen, oder?~

~Ach~, sagt Voldemort nickend. ~Ja, logisch. Nagini hat mein volles Vertrauen.~

~Meister hat mir nicht gesagt, wie das eigentlich funktionieren soll~, fange ich vorsichtig an. Ja, und warum? Tom und seine ach so tollen Pläne. ~Er denkt sicherlich nicht, dass Snape einfach in Dumbledores Büro rein platzen und ein paar Tropfen Blut von ihm verlangen kann.~

Jetzt hat die Schlange definitiv gegrinst, denn ich kann ihre messerscharfen Zähne sehen.

~Snape ist ein fähiger Diener~, behauptet Voldemort. ~Zugegeben, er ist um seine eigene Haut besorgt, aber wenn man etwas von ihm verlangt, wird er es zweifelsohne erledigen. Seine beste Chance ist, sich zu verwandeln und Dumbledore zu beißen, während er schläft.~

Oh, das erklärt alles. Er wird das Blut später in eine Schale ausspucken und... Moment mal... Sich verwandeln? Ihn beißen?

~Ist er... etwa ein Vampir?~, frage ich.

~Nein, Junge. Würdest du das nicht wissen? Würdest du ein dunkles Wesen nicht erkennen können?~ Ok, das stimmt. Aber was... ~Er ist ein Animagus und seine Tierform ist die einer Fledermaus. Das war einmal echt nützlich, als es ums Bespitzeln ging.~

Na so was. Eine Fledermaus also? Das ist... echt passend. Ist es etwa ein Zufall, dass wir ihm den Spitznamen 'Fledermaus' gegeben haben?

~Und es wird kein Problem für Nagini darstellen, ein Stückchen Fleisch zu besorgen~, stellt Voldemort zufrieden fest. ~Wie steht es mit den anderen Zutaten?~

~Nun, ich bin wohlauf~, sage ich scherzend. Ich scherze mit Voldemort! Träume ich? ~Da gibt es noch...~ Ich schlucke. Das ist ein heikles Thema. ~Die Knochen... von Eurer Mutter. Und ihr Blut.~

Die Schlange versteift sich und züngelt genervt mit der Zunge.

~Das erledigt Lucius. Sag ihm, dass ich es ihm befehle~, zischt er. ~Deine Aufgabe ist die des Ritualmeisters. Und du solltest dich besser auf deine Arbeit und deine Vorbereitungen konzentrieren.~

~Natürlich~, sage ich schnell. Er möchte meine Arbeit leichter machen? Aber natürlich; er möchte, dass dieses Ritual klappt. Und ich bin ein dreizehnjähriger Junge, der ein solch ernstes Ritual ausführen wird, das noch kein dunkler Magier ausgeführt hat. Macht mich diese Tatsache nicht ein wenig nervös?

~Ja, du bist noch immer sehr jung~, spricht Voldemort meine Gedanken laut aus. ~Aber ich vertraue meiner Erinnerung, wenn auch niemandem sonst.~

~Ein dunkler Magier vertraut nur sich selbst~, sage ich lächelnd.

~Genau~, erwidert Voldemort. ~Ich sehe ein, dass du schon ein paar Sachen gelernt hast.~

~Darf ich etwas fragen, mein Lord?~, fange ich vorsichtig an. Jetzt könnte ich vielleicht eine Antwort bekommen, denn Voldemort scheint amüsiert zu sein.

~Fahr fort~, erwidert die Schlange. Aus irgendeinem Grund scheint er unser Gespräch zu genießen. Sehr gut.

~Ich habe gehört, dass es eine Prophezeiung gibt... Die über mich und Euch spricht~, sage ich leise. ~Aber ich weiß nichts Genaues.~

~Vor vielen Jahren wurde eine Prophezeiung gemacht, das stimmt~, sagt Voldemort nach einer Weile. ~Glaubst du an das Schicksal, Harry Potter?~

~Ganz ehrlich habe ich nie darüber nachgedacht~, erwidere ich langsam. War es mein Schicksal, bei den Dursleys zu landen? Toms Tagebuch zu finden? War das Schicksal oder lediglich ein Zufall? ~Vielleicht.~

~Ich glaube an das Schicksal~, sagt Voldemort ernst. Echt? ~Es war mein Schicksal, der dunkle Lord zu werden. Alles, was in meinem Leben passiert ist, hat in diese Richtung geführt. Und ich bin fest überzeugt, dass jeder ein Schicksal hat.~

~Diese Prophezeiung sagt voraus, dass du derjenige sein wirst, der mich zerstören wird~, fährt er fort. ~Und aus diesem Grund habe ich deine Familie getötet. Ich habe versucht, auch dich zu töten. Denn ich wollte sicher sein, dass mir keiner im Wege steht. Vielleicht war es, von deinem heutigen Standpunkt aus, notwendig. Denn hättest du eine Familie, hättest du sicherlich ein ganz anderes Leben geführt. Es hätte überhaupt keine Chance geben, dass du deine wahre Magieneigung entdeckst. Du wärst in Dumbledores Schatten aufgewachsen und du wärst ein Hellmagier, mit Körper und Seele. Also war es Schicksal, das sich eingemischt hat und mich dazu getrieben hat, deine Familie zu töten.~

Er spricht darüber so ruhig, als spreche er über das Einkaufen. Aber... Hat er wirklich an diese Prophezeiung geglaubt? Glaubt er noch immer daran?

~Aber du bist zur dunklen Seite übergelaufen~, spricht er weiter. ~Und du wirst mir dabei helfen, einen neuen Körper zu erschaffen. Also wirst du dadurch diese Prophezeiung sozusagen zunichte machen, in dem Moment, in dem du dein Blut für mich opferst und das Auferstehungsritual ausführst.~

Ich habe schon oft darüber nachgedacht. Ich weiß ja, dass Voldemort meine Eltern getötet hat; und ich bin mir dessen bewusst, dass Dumbledore mit aller Kraft versucht hat, Voldemort als ein Monster darzustellen. Fast hätte ich ihm geglaubt. Aber ich möchte selbst feststellen, wer ein Monster ist und wer nicht. Klar, Voldemort hat meine Eltern getötet; aber Dumbledore ist auch kein Heiliger. Voldemort kann ich dafür danken, dass ich keine Familie habe. Aber Dumbledore kann ich dafür danken, dass ich eine beschissene Kindheit hatte. Ich vertraue niemandem; und einmal möchte ich meine eigenen Entscheidungen treffen. Jetzt verstehe ich, warum Voldemort meine Eltern eigentlich getötet hat und es ist echt blöd. Wie dämlich muss man sein, um aufgrund einer dummen Prophezeiung eine ganze Familie zu ermorden, die ihm nichts getan hat? Voldemort war offensichtlich schon damals ziemlich paranoid. Aber möchte ich meine Eltern rächen? Nicht wirklich. Ich weiß nur, was passiert ist, weil man es mir gesagt hat und ich kann mich überhaupt nicht an sie erinnern. Ich kann mich nur an die Dursleys erinnern. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern mich geliebt haben und es tut mir leid, dass sie meinetwegen sterben mussten. Aber ich möchte nicht in der Vergangenheit leben. Ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen und ich möchte an das, was einmal passiert ist, nicht erinnert werden.

~Eins verstehe ich nicht~, sage ich langsam. ~Hättet Ihr meine Eltern nie getötet... und wäre ich ein Hellmagier... würde man trotzdem von mir erwarten, dass ich ein Leben nehme - wenn man das meint, wenn man 'zerstören' sagt. Auch wenn es 'für das größere Wohl' ist...~

Voldemort zischt laut auf als er Dumbledores Zitat erkennt und ich kann es ihm nicht übel nehmen.

~... das passt nicht zur Hellmagie. Es passt nicht zu ihren Prinzipien~, fahre ich schnell fort.

~Natürlich nicht!~, zischt Voldemort laut. Ich zucke zusammen. ~Es gab so viele Kriege in der Muggelwelt und die gewinnende Seite, wurde immer als die weiße Seite dargestellt. Also nehmen sie sich das Vorrecht, Menschen abzuschlachten, weil sie für ihre Überzeugungen kämpfen.~

~Ich kenne nicht die ganze Prophezeiung~, sagt Voldemort im selben Ton wie Tom, wenn er gesteht, dass er etwas nicht weiß. ~Dumbledore kennt die komplette Version. Und vermutlich gibt es auch eine Version in den Archiven des Ministeriums.~

~Dumbledore weiß es?~, flüstere ich. Mein Magen verkrampft sich, als Zorn in mir explodiert. ~Er weiß es, und er hat mir nichts gesagt? Hat er etwa erwartet, dass ich ihm folge und ihm alles abkaufe, ohne dass er mir gegenüber so etwas Wichtiges erwähnt?~

Die Schlange schüttelt den Kopf, als ich meine Hände zu Fäusten balle.

~DUMBLEDORE!~, platzt es aus mir. ~Immer dreht sich alles um ihn und ich habe es satt! Er hat seine Finger in allem! Liebe Morgana, er wird mich in den Wahnsinn treiben!~

~Setz dich~, befiehlt Voldemort kalt, der mich während meines Ausbruchs schweigend beobachtet hat. Ich rauche vor Wut. So weit ist es gekommen, dass ich bei der bloßer Erwähnung des Namens Übelkeit spüre. ~Es gibt irgendwann die richtige Zeit für alles.~

~Ich schwöre, er ist schlimmer, als ein Schwarzmagier~, zische ich wütend. ~Mit uns weiß man wenigstens, was man erwarten soll. Er und seine geheimen Pläne. Er und seine Ideen. Er und sein verdammtes größeres Wohl!~

~Nun, ich stimme zu, Dumbledore würde dir keine direkten Antworten geben~, sagt Voldemort ruhig. Schon wieder erinnert er mich an Tom, der immer ruhig weiter spricht, obwohl ich vor Wut rauche. Schwarzmagier. ~Aber etwas kannst du doch unternehmen. Du kannst die Prophezeiung aus dem Ministerium holen.~

Ich schaue schnell auf.

~Ich kann nicht einfach ins Ministerium rein stolzieren und von den Menschen verlangen, dass sie mir die Prophezeiung zeigen~, spreche ich meine Gedanken laut aus.

~Natürlich nicht, Junge, sei nicht lächerlich~, sagt Voldemort verächtlich. ~Du musst einen guten Plan haben. Und vielleicht werde ich dir beim Planen helfen, aber das muss warten. Zuerst muss ich einen neuen Körper haben, denn so geht es nicht weiter.~

Ich schaue die gelb und schwarz gestreifte Schlange an und frage mich, wie ich mich fühlen würde, wenn meine Seele in einer Schlange gefangen wäre. Spüre ich Mitleid? Nein, ich bin nur dankbar dafür, dass es nicht mir passiert ist. Es muss schrecklich sein...

~Du hast einen Monat, um alle Vorbereitungen zu Ende zu bringen~, fährt Voldemort fort. Er hört sich wieder ruhig an. Eine Sekunde lang habe ich gedacht, ich könne Wellen von Zorn aus seiner Richtung spüren. Aber sie sind wieder weg. Wie schafft er das nur?

~Und ich bin auf das Ritual und deine Leistung ganz schön gespannt~, sagt Voldemort, seine Zähne zeigend. ~Also enttäusche mich nicht.~

~Ich werde mein Bestes tun, mein Lord~, sage ich müde.

~Wir werden sehen~, erwidert Voldemort. ~Teile Severus mit, er soll mich besuchen. Du solltest mitkommen, sodass du übersetzen kannst. Kommt am nächsten Samstag.~

Ich rufe Dobby, um etwas Essen für ihn zu besorgen – wie viele Eier kann man eigentlich essen? Es muss schrecklich sein, den ganzen Tag lang Eier essen zu müssen. Andererseits ist es vielleicht besser, als Ratten oder Mäuse. Ich kann schon spüren, dass die Wirkung des Trankes nachlässt und die Welt beginnt sich wieder um mich zu drehen. Ich begebe mich zu meinem Zimmer, vorhabend, ins Bett zu krabbeln. Dieses Gespräch hat wohl lange gedauert und ich fühle mich ausgepowert. Als ich einschlafe, sehe ich zwei graue Augen vor meinem geistigen Auge, die mich erschrocken anstarren und weiche Lippen, die nach mir rufen... Was ist bloß in mich gefahren?