Disclaimer: Ich bin eine Lehrerin, das heißt, ich verdiene nicht viel. Bitte nicht klagen!
Cassie
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Kapitel 22 – Der Stern der ZauberweltSeit wir mit dem Duellierclub angefangen haben, habe ich immer mit Hermine gearbeitet. Diese Abmachung hat bisher sehr gut funktioniert. Ich möchte nicht auffallen. Ich möchte nicht derjenige sein, der angegafft wird. Natürlich gafft man mich eh an, aber ich möchte es vermeiden, falls ich kann. Heute hat Lupin meinen Namen gerufen und wollte, dass ich einen Partner auswähle und dass wir ein Duell auf dem Podium veranstalten. Ich habe gehofft, dass Ronald Weasley für diese Aufgabe ausgewählt wird, aber es war Draco. Wir haben ein paar Zauber ausgetauscht – keine dunkle Magie! So ist mein Repertoire nicht mal so groß – und ich habe es schnell beendet. Allem Anschein nach kennt auch Draco nicht viele weißmagische Zauber.
Ein weiterer Schock wartet auf mich in der Verteidigung. Denn wir arbeiten mit Irrwichten. Hermine sieht begeistert aus, ich wiederum fühle mich ein wenig nervös. Denn Lupin hat einen in einem Schrank eingesperrt und wird ihn für jeden öffnen, sodass wir den Irrwicht bekämpfen können. Vor einem Jahr wäre ich mir sicher gewesen, dass Voldemort meine größte Angst ist. Jetzt aber... Wovor habe ich Angst? Sicherlich möchte ich nicht, dass es alle erfahren.
Ich muss es irgendwie vermeiden, dass der Irrwicht sich in das, wovor ich Angst habe, verwandelt. Nur wie? Ich schaue zu Hermine, die mich anstrahlt, ihren Stab parat haltend. Wie schön wäre es, wenn ich keine Geheimnisse hätte? Ich kann mich nicht daran erinnern, wie es war, als ich keine hatte. Es war wohl in einem anderen Leben... Ab und zu werfen die anderen mir Blicke zu, als können auch sie nicht erwarten zu sehen, was meine größte Angst ist. Und das sind Hellmagier? Menschen die sich dessen rühmen, immer allen nur Gutes zu wünschen? Quatsch. Sie möchten meine Ängste sehen – was ist dabei gutherzig oder positiv?
„Professor Lupin, ich denke nicht, dass es eine gute Idee wäre, wenn ich den Irrwicht bekämpfe", sage ich laut, als ich an der Reihe bin. Lupin hält inne und schaut mich verwundert an. „Denn wir alle wissen, wer aus diesem Schrank heraus kommt, falls Sie ihn jetzt öffnen."
Stille. Lupin zögert und lässt seinen Blick über die Anwesenden schweifen, die mich anstarren.
„Es ist nur ein Irrwicht", sagt er langsam. „Er kann dir nichts anhaben."
„Vielleicht", sage ich leise. „Aber es wäre nicht fair, wenn auch die anderen daran teilnehmen müssen. Das ist nicht ihre Last, sondern meine. Ich möchte niemandem Angst einjagen, wenn ich es nicht unbedingt tun muss."
Seamus schnaubt, blickt aber weg, sobald ich in seine Richtung schaue.
„Dann könntest du vielleicht einmal in mein Büro kommen", sagt Lupin und richtet sich auf. „So würden wir mit dem Irrwicht alleine sein können. Und ich habe keine Angst... vor deiner Angst." Er lächelt mich freundlich an und ich nicke ihm zu. Geschafft... jetzt aber hat mich Neugier gepackt und obwohl ich nur aus dem Schneider sein wollte, beginne ich mir jetzt zu überlegen, was genau aus diesem Schrank herauskommen würde. Es wäre sehr hilfreich zu wissen, angesichts meiner Arbeit an der Selbstkontrolle, wovor ich wirklich Angst habe.
„Bist du dir sicher, dass es ER wäre?", fragt Hermine leise, als wir das Klassenzimmer verlassen. Als sie an der Reihe war, ist McGonagall rausgekommen und hat ihr mitgeteilt, dass sie in allen Prüfungen durchgefallen ist und ich konnte deutlich Tränen in Hermines Augen sehen, ehe sie sich zusammen gerissen hat und den Gegenzauber benutzt hat.
„Nun, ich weiß es nicht", murmele ich schlechtgelaunt. „Aber es war das Risiko nicht wert, oder? Schön und gut, wenn er vor mir auftaucht, aber die anderen hätten in Panik geraten können."
„Ja, du hast Recht", sagt Hermine nachdenklich. „Das war sehr rücksichtsvoll von dir, Harry."
Eigentlich war es ziemlich egoistisch von mir, denn ich wollte ihnen nicht meine Ängste zeigen. Vielleicht hat es etwas mit Toms Sprichwort 'zeig deine Schwäche nie den anderen' zu tun. Eigentlich ist es ziemlich unfair, oder? Lupin hat von allen erwartet, dass sie ihre Ängste vor einem vollen Klassenzimmer zeigen und das war ein wenig taktlos. Das ist etwas Privates. Warum sollte man wissen, wovor ich Angst habe? Nun ja... ich habe aus dem Augenwinkel bemerkt, dass Ronald und Seamus vielsagende Blicke gewechselt haben. Also kann es heißen, dass sie vielleicht versuchen würden, einen Irrwicht auf mich zu hetzen. Wie sie das schaffen wollen, kann ich mir nicht vorstellen, aber wenigstens wurde ich rechtzeitig gewarnt.
Als ich mit Hermine die Eingangshalle durchquere, erblicke ich ein bekanntes Gesicht, das hier gar nicht her gehört. Ms Weasley. Seit Ginny gestorben ist, hat sie viel abgenommen. Und noch immer sieht sie gedankenverloren aus und da gibt es einen Schatten in ihren Augen, aber als sie mich anlächelt, ist ihr Lächeln freundlich und warm. Ich erinnere mich, warum Ginny eigentlich gestorben ist. Wegen Tom. Weil ich zugelassen habe, dass sie stirbt. Aber... ich bereue es nicht. Denn ich habe Tom bekommen, und alles was ich gelernt habe und zu dem ich geworden bin, wäre ohne Ginnys Opfer nicht möglich gewesen. Denn genau das war es, ein Opfer.
Sie zieht mich in eine Umarmung und wickelt meinen Pferdeschwanz um ihre Finger .
„Ich habe dich sehr vermisst, Lieber", sagt sie leise. „Wie geht es dir?"
„Bestens", sage ich lächelnd.
Vielleicht habe ich etwas Falsches gesagt? Sollte ich mich nicht gut fühlen? Sollte ich mich noch immer wegen Ginnys Tod unwohl fühlen?
„Das freut mich", sagt Ms Weasley. Obwohl sie jetzt ziemlich dünn ist, sieht sie älter denn je aus. Trauer hat sie von Innen aufgefressen. „Hast du Zeit? Ich würde dich gerne sprechen."
„Nun...", fange ich an. Ich überlege es mir. Ich hatte vor, in die Kammer zu gehen, aber das muss warten. Tom würde es verstehen. Denn ich muss den äußeren Schein wahren, was für einen dunklen Magier sehr wichtig ist. „In Ordnung. Ich habe ein wenig Zeit. Hermine?"
Hermine hakt sich begeistert bei mir ein und strahlt Ms Weasley an.
„Hermine", sagt Ms Weasley und drückt ihre Schulter. „Du passt auf Harry auf, oder?"
„Oh ja", sagt Hermine. „Wir sind immer zusammen."
Die alte 'Freundin' Geschichte. Ms Weasley blickt von einem zum anderen und lächelt. Sie denkt, sie versteht es. Das heißt, sie glaubt das, was sie glauben soll. Und das ist gut.
„Ich hab eine Schachtel Kuchen mitgebracht", sagt Ms Weasley, die in ihrer Tasche herum wühlt. „Nur für den Fall, dass ich euch treffe."
Sie ist unglaublich. In Ordnung, Smalltalkmode.
„Es tut mir leid wegen Ronald", sagt sie, als wir zusammen den Hof überqueren. „Er hätte es besser wissen sollen. Du hast es nicht leicht; und das letzte, was du momentan brauchst, ist noch ein Problem."
„Aber er hat es auch nicht leicht, seine Schwester ist...", fängt sie an und stockt. Sie senkt den Blick und Hermine schlingt einen Arm um sie. Mitleid... Warum kann ich keines spüren? „Na ja." Sie schnieft und wischt sich übers Gesicht. „Deswegen bin ich nicht hier. Ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht, Harry."
„Ja", sage ich mit einem neutralen Ausdruck. Hoffentlich genügt es. „Narzissa kümmert sich gut um mich und ich habe endlich ein Heim gefunden."
„Und ihr Mann?", fragt Ms Weasley vorsichtig.
„Lucius ist in Ordnung", sage ich leise. „Ein wenig distanziert, aber er ist in Ordnung. Er hat mich in der Familie willkommen geheißen. Draco auch."
„Ich bin mir sicher, dass Mr Malfoy seine Gründe dafür hat", murmelt Ms Weasley. „Es tut mir leid, Harry. Ich hätte dich selbst aufgenommen, aber..."
„Es ist völlig in Ordnung, wirklich", sage ich schnell. „Narzissa ist eh meine Tante und mir geht es gut bei ihr. Wirklich. Es gibt keinen Grund, besorgt zu sein."
Ms Weasley lächelt schwach, sieht aber nicht so überzeugt aus. Hermine nutzt diese kurze Pause, um über unsere Schularbeit zu reden. Es ist eine gute Sache, dass sie mitgekommen ist.
„Ich freue mich, dass Harry endlich glücklich ist", sagt Ms Weasley, als wir in Stille den Kuchen essen. „Mit dir." Sie schaut zu Hermine, die purpurrot wird und Ms Weasley verwechselt diese Reaktion mit dem wahren Grund für ihre Verlegenheit.
„Ronald wird dir keine Probleme mehr bereiten", sagt Ms Weasley zu mir.
Da wäre ich mir mal nicht so sicher.
„Ich habe mit ihm gesprochen... Er ist so stur wie sein Vater. Aber er ist ein guter Junge. Und ich hoffe, dass ihr zwei wieder Freunde sein könnt."
Darauf kannst du wohl warten, bis du schwarz wirst.
„Vielleicht", murmele ich.
„Kommst du zu Weihnachten?", fragt sie hoffnungsvoll. Langsam, nicke ich. Ms Weasley lächelt breit. „Hermine muss auch kommen", besteht sie. „Ich werde etwas ganz Besonderes zum Abendessen vorbereiten."
Eine Hexe feiert ein Muggelfest. Tom hat Recht. Woher kommt das? Ist es Dumbledores Schuld? Die Zauberer und Hexen haben die uralten Traditionen vergessen und es gibt zu viel Muggelkultur in unserer eigenen. Und es ist einfach falsch. Das sind zwei verschiedene Welten und es ist einfach falsch, sie zu mischen. Trotzdem heißt das, dass ich nichts im Malfoy Herrenhaus verpassen werde, denn da feiert man Weihnachten nicht.
„Denkst du je über sie nach?", fragt Hermine leise, als Ms Weasley das Schloss verlässt. „Ginny."
Nein. Hab sie total vergessen.
„Manchmal", sage ich. „Was mich aber stört, ist, dass alle denken, ich hätte sie retten können, nur weil mein Name Harry Potter ist."
„Nur das?", fragt Hermine überrascht. „Vermisst du sie nicht?"
Oh, ja. Das habe ich wohl vergessen. Verdammt, was ist nur los mit mir? Empathie, null. Ich bin so auf mich selbst und meine Arbeit konzentriert, dass ich eigentlich nie über andere Menschen nachdenke. Passiert das allen dunklen Magiern?
„Natürlich", sage ich ein wenig gereizt, um sie davon zu überzeugen, dass ich ihre Vermutung beleidigend finde.
„Ich vermisse sie", sagt Hermine leise. Tränen glitzern in ihren Augen. Bitte nicht... „Und niemand hat eine Antwort auf die Frage, wie sie gestorben ist. Was mich am meisten stört, ist, dass Dumbledore überhaupt nichts unternommen hat, um es herauszufinden."
Höre ich da einen Hauch von Wut?
„Hör mal, Harry", flüstert sie, sich bei mir einhakend. „Ich habe darüber nachgedacht... Und mir gefallen einige Sachen nicht, die Dumbledore getan hat. Und die Antworten, die er dir gegeben hat... sie ähneln ihm nicht. Etwas stimmt hier nicht."
Ach nein, echt? Ist es wohl möglich, dass sie es endlich begriffen hat?
„Und obwohl ich am Anfang sehr skeptisch war, jetzt vertraue ich dir. Dumbledore möchte etwas von dir und sein Handeln deutet darauf hin. Aber was auch immer er will, er macht es auf eine ganz seltsame Weise. Und du hast Recht, du solltest ihm nicht vertrauen."
„Danke, Hermine", sage ich leise.
„Ich wünsche mir, wir könnten herausfinden, was genau er von dir will", sagt sie seufzend.
„Er wird es mir bestimmt nicht sagen", sage ich verbittert. „Das hat er schon bewiesen."
„Nein", sagt sie nachdenklich. „Aber es gibt vielleicht trotzdem ein Mittel, mit dessen Hilfe wir doch herausfinden können, was er von dir will."
Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe, als Hermine mich angrinst und mich in die Eingangshalle hinein führt.
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„So", sagt sie zwei Stunden später. Wir sitzen zusammen in der Bibliothek und sie ist vor wenigen Sekunden reingesaust. Sie scheint sehr zufrieden mit sich selbst zu sein.
„Ich hab was für dich", murmelt sie. „Aber ich werde es dir nicht hier zeigen."
Ich stelle die Feder beiseite und schaue sie neugierig an.
„Was ist es?", frage ich schnell.
„Fred und George haben es erfunden", flüstert sie aufgeregt. „Langziehohren. Sie haben sie auch verbessert, sodass sie auch unter Türen durch passen. Das funktioniert natürlich nur, wenn es keine Schutzzauber gibt."
„Oh", sage ich gewandt. „Nun... so phantastisch wie das ist, weiß ich einfach nicht, wozu sie gut wären. Denn Dumbledore hat sicherlich sein Büro gut geschützt."
„Ja, aber er kann nicht jeden Ort schnell mit Tonnen von Schutzzaubern belegen", sagt Hermine, deren Augen glitzern. „Hast du nicht bemerkt, dass er oft nach Hogsmeade geht? Und ich habe mich erkundigt." Sie richtet sich stolz auf. „Dumbledore mag Madame Rosmertas Met und manchmal trifft er sich da mit jemandem; manchmal sitzt er mit den anderen Lehrern da; aber laut Fred und George spricht er dort oft mit einem Mann, den sie nicht kennen. Wir könnten sie belauschen und auf diese Weise etwas herausfinden."
Es ist ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Wie können wir nur wissen, wann er sich mit jemandem trifft? Und auch wenn, wissen wir bestimmt nicht, dass er über mich reden würde. Oder dass er über seine Pläne reden würde. Ein Magier wie Dumbledore würde sich sicherlich gegen alles absichern, ehe er jemandem ein Teilchen von seinen ach so geheimen Plänen enthüllt, und auch dann ist es fragwürdig, ob er dieser Person die Wahrheit erzählt.
Aber Hermine hat sich bemüht und diese Ohren könnten echt nützlich sein. Vielleicht... vielleicht könnte ich sie Lucius übergeben? Er könnte Dumbledore im Ministerium belauschen. Und ich bin echt neugierig darauf, was er dort überhaupt treibt. Ich schaue das lächelnde Mädchen vor mir an und erlaube mir, sie ehrlich anzugrinsen. Vielleicht gibt es doch Hoffnung für dich, Hermine. Wenn eines Tages herauskommt was ich bin, wirst du zu mir stehen? Oder wirst du mich verraten?
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Ich frage mich in letzter Zeit oft, wie es wohl möglich ist, dass mich nie jemand gesehen hat, wenn ich aus dem Mädchenklo herauskomme, wo der Eingang zur Kammer des Schreckens ist. Ich verbringe fast jeden Tag dort und der Korridor, der zum Klo führt, ist immer menschenleer. Nie habe ich etwas gesehen. Nie habe ich jemanden hier gesehen. Es ist beinahe... als wäre dieser Korridor verflucht.
Was auch immer. Ich schüttele den Kopf und mache mich breit grinsend auf den Weg zum Gryffindorturm. Ich fühle mich zufrieden und satt und bin mir bewusst, dass ich vor dunkler Magie triefe, also wäre es das Beste, so schnell wie möglich ins Bett zu gehen. Morgen ist Samstag, also werde ich noch Zeit haben, meine Hausaufgaben fertig zu machen. Ich soll mit Hermine nach Hogsmeade gehen. Ich würde lieber hier bleiben und lesen, aber na ja. Ich habe es ihr versprochen.
Und sie denkt nicht mehr, dass Dumbledore ein Heiliger ist. Hat ja lange gedauert, aber endlich hat sie es begriffen. Warum kann kein anderer es begreifen? Hermine von etwas überzeugen zu wollen, ist immer der falsche Weg. Ich sollte lieber Beweise vorlegen und darauf warten, dass sie zu ihren eigenen Schlüssen kommt.
Ich höre ein seltsames Klirren und springe in die allernächste Nische. Ich runzele die Stirn, als ich in meiner Tasche herum wühle, nach meinem Tarnumhang suchend. Niemand kommt hierher. Da höre ich leises Gemurmel, aber es kommt mir nicht so vor, als handele es sich um mehrere Personen. Nur eine Person, die Selbstgespräche führt. Und sie kommt näher und näher. Verdammt. Ich werfe den Tarnumhang über meinen Kopf und warte ab. Jemand kommt an mir vorbei, und allem Anschein nach ist diese Person vollkommen verwirrt und auf etwas konzentriert, was sie in ihren Händen hält.
„Der Turm...", murmelt eine weibliche Stimme. „Ja, ja, Zerstörung. Der Teufel... oh... das stimmt wohl nicht."
Ich lächele breit und schlüpfe aus der Nische, der Person leise folgend. Es geht um die Wahrsagenlehrerin, die verrückte Hexe, die anscheinend eine Vorliebe für Sherry hat. Denn sie hinterlässt giftige Alkoholwolken, als sie den Korridor entlang läuft und an der Abzweigung inne hält.
„Das ist es nicht...", murmelt sie. Sie kratzt sich am Kopf und eine Tarotkarte fliegt durch die Luft. Sie hustet, bückt sich und nimmt die Karte, sie wieder zwischen die anderen steckend. „Hier ist nicht Dumbledores Büro..."
Oh Mann. Das wird heiter. Glücklicherweise ist es schon ziemlich spät, also kann ich ihr problemlos durch die Schule folgen. Falls sie so besoffen zu Dumbledore geht, ist es möglich, dass ihr etwas raus rutscht, was mich interessieren könnte... Gut, dass ich die Ohren, die mir Hermine gegeben hat, noch immer in meiner Schultasche rumtrage. Welch ein Glück.
„Bitte", sagt die betrunkene Frau, sich einem Porträt zuwendend.
Eigentlich gibt es keine Porträts in diesem Korridor, aber eines bei den Treppen. Es ist nicht Glück, dass es hier keine Porträts gibt, sondern die Folge von Myrthes Anwesenheit. Keiner möchte hier Zeit verbringen, nicht einmal die Porträts.
„Wo ist... Dumbledores Büro?", fragt die Hexe. Ich presse die Faust auf den Mund, sodass ich nicht laut auflache. Und diese Hexe ist für diese idiotische Prophezeiung verantwortlich? Welch ein Unsinn.
Ich folge ihr, als sie die Treppen hinunter steigt, noch immer zu sich murmelnd. Das Klirren, das ich gehört habe, sind allem Anschein nach die Sherryflaschen, die sie in ihrer Tasche herumschleppt. Ob sie voll sind oder nicht, kann ich nicht wissen. Aber ihrem Gang nach zu urteilen, sind sie höchstwahrscheinlich alle leer.
Sie summt ein Lied, als sie weiter torkelt und an Professor Flitwick vorbeikommt, der ihr einen mitleidsvollen Blick zuwirft. Ich folge ihr so leise ich kann und mein Herz macht einen Hüpfer, als sie zum Wasserspeier gelangt. Sie versucht, ihm zu erklären, dass sie Dumbledore sprechen will, aber der Wasserspeier ist unnachgiebig. Er wird sie nicht ohne ein Passwort reinlassen. Tja, Pech gehabt. Gerade als ich mir überlege, ob ich zurückgehen sollte oder nicht, denn anscheinend ist Dumbledore nicht in seinem Büro, taucht McGonagall auf, die einen Stapel Bücher trägt.
„Oh, Minerva, hallo", murmelt die Wahrsagenlehrerin. Professor McGonagall richtet sich auf und rümpft die Nase. Etwas an dieser Geste erinnert mich an Hermine. Sie mustert die andere Hexe missbilligend und hebt das Kinn.
„Du solltest dich ein wenig hinlegen, Sybil", sagt sie streng. „Dir geht es nicht sonderlich gut."
„Ich muss... Dumbledore sprechen", stottert die andere Frau. „So geht es nicht weiter. Die Zeichen... sie sind da... ich muss ihm sagen... Das Schicksal kann nicht warten..."
McGonagall zieht eine dünne Augenbraue in die Höhe und räuspert sich. Wir wissen ja, was sie vom Wahrsagen hält. Dass es natürlich ein großer Schwachsinn ist.
„Ach wirklich?", sagt sie kalt. „Komm, ich bringe dich zurück zum Turm. Dort kannst du mir erzählen, was dich bedrückt."
Ich würde McGonagall schon zutrauen, dass sie die betrunkene Hexe mit einem Zauber belegt, sodass sie einschläft. Anscheinend denkt sie, dass ihr Benehmen total unakzeptabel ist und möchte sie von den Schülern weg bringen, selbst um diese Uhrzeit, wo kaum noch jemand unterwegs ist. Ich kann es ihr nicht verübeln.
Sie schlingt einen Arm um ihre Taille, aber die Hexe schaut zurück zum Wasserspeier.
„Ich kann nicht... muss Dumbledore sagen...", murmelt sie, Anstalten machend, in die andere Richtung zu torkeln. Aber McGonagall zieht sie entschlossen mit sich und weg von dem, jetzt genervt aussehenden, Wasserspeier.
„Der Schulleiter ist abwesend", sagt sie entschlossen. „Und dir geht es nicht gut. So bald es dir wieder besser geht, kannst du ihm davon erzählen. In der Zwischenzeit solltest du dich ausruhen. Dein inneres Auge funktioniert am besten, wenn du genug Schlaf bekommst, oder?"
Sehr schlau. Ich bin ehrlich beeindruckt, denn das scheint wohl zu funktionieren. Die betrunkene Hexe richtet sich ein wenig auf und lächelt.
„Ja", sagt sie glücklich. „Es braucht Ruhe, verstehst du... Ansonsten ist die Zukunft neblig..."
McGonagall sagt nichts dazu, aber ihre Lippen zittern, als sie die Professorin mit sich schleift, mit mir im Schlepptau. Vielleicht werde ich doch etwas erfahren. Sie ist eigentlich ein wenig zu betrunken, um über etwas Konkretes zu reden... Andererseits kann das ein Vorteil sein. Man weiß ja nie.
Während die Wahrsagenlehrerin weiter über Tarotkarten, Türme und Teufel plappert, erreichen wir den Ort, wo sie anscheinend lebt. Natürlich muss er dem Turm einer Prinzessin ähneln. Hätte ich mir denken können. Nun hier haben wir ein Problem. Ich kann keinesfalls mit dem Tarnumhang diese Leiter hinauf klettern, ohne dass man mich bemerkt. Da habe ich nur eine Chance – ich muss hoffen, dass die Falltür nicht abgesichert ist und wenn sie nach oben gehen, muss ich die Langziehohren unter den Spalt stecken. Was sie auf dem Weg hierher gesagt hat, war nichts Wichtiges. Vielleicht ist das Ganze umsonst. Aber es ist doch einen Versuch wert.
Gesagt, getan. Glücklicherweise kommt niemand hierher, wenn es keinen Unterricht gibt. Und das kann ich gut verstehen. Als ich das andere Ende des Ohres in mein eigenes stecke, höre ich ihre Stimmen, als ständen sie direkt vor mir.
„Ich muss es ihm sagen, Minerva", murmelt die Wahrsagenlehrerin. „Es ist wichtig..."
„Und es geht um Türme und Teufel, ja, ich habe verstanden", sagt Professor McGonagall knapp.
„Nein, es geht um diesen Jungen... Larry ist sein Name...", murmelt die andere. Ich spitze die Ohren. Larry? Wer ist das? „Larry Totter."
„Harry Potter meinst du?", fragt McGonagall. Was?
„Ja, ja", sagt die andere schnell. „Es geht um ihn."
„Du kannst es mir sagen und ich werde es dem Schulleiter mitteilen", sagt McGonagall schnell.
„Kann ich nicht... die Stimme der Zukunft möchte nicht, dass ich es dir sage", murmelt die andere. „Denn sie sagt, dass du nicht an sie glaubst."
Ich kann deutlich hören, dass McGonagall einen tiefen Atemzug nimmt. Nun, die Stimme der Zukunft, was auch immer sie ist, hat eines richtig verstanden: McGonagall glaubt offensichtlich, dass die alte Ziege Scheiß redet.
„Ich... Muss Dumbledore sagen...", fängt sie wieder an, stockt aber. Etwas fällt um und es gibt einen Knall, als allem Anschein nach Porzellan in tausend Stück zerspringt. Ich höre einen tiefen, unheimlichen Atemzug und dann eine weibliche, jedoch tiefe Stimme, die keiner der Stimmen von den beiden ähnelt.
„Der Stern der Zauberwelt wird erlöschen... und wenn der Mond voll wird, wird der dunkle Lord wieder aus dem Grab auferstehen... und die Sonne wird schwarz sein und die Erde rot vor Blut... Der Stern wird fallen und erlöschen... und die Welt wird in ewige Nacht gehüllt und die Dunkelheit wird so stark sein, wie noch nie... Der Auserwählte... Die schwarze Sonne... die Peitsche der Dunkelheit... wird zerstören und töten... und ewige Nacht wird über die Welt herrschen..."
Die Stimme bricht und ich höre ein Husten.
„Sybil", höre ich McGonagalls schockierte Stimme. „SYBIL!"
„Oh, Minerva, so gut, dass du hier bist", höre ich wieder die Stimme der Wahrsagerin. Wer hat wohl gesprochen? Was in Morganas Willen war das? „Ich wollte gerade zu Dumbledore gehen, um ihm von Larry Totter zu erzählen."
„Er heißt Harry Potter, zum allerletzten Mal!", zischt McGonagall aufgebracht. „Und was ist mit ihm?"
„Das kann ich nur Dumbledore sagen...", sagt die Wahrsagenlehrerin.
Ich habe gerade genug Zeit, um die Langziehohren raus zu ziehen, ehe die Falltür sich öffnet und eine blasse und gereizte McGonagall auftaucht.
„Sterne... Türme und Teufel...", murmelt sie in ihren Bart, als sie sich umwendet und den Turm verlässt. „Ich brauche einen heißen Kakao..."
Ich jedoch stehe nur blöd da, noch immer den Tarnumhang tragend und versuche, mich daran zu erinnern, was sie genau gesagt hat. Ich ziehe ein Stück Papier aus meiner Tasche und schreibe schnell alles auf, woran ich mich erinnere. Es hat sich seltsam angehört, als hätte jemand anderer gesprochen. Aber ich bezweifele keine Sekunde, dass das eine Prophezeiung war. Die Frage ist nur – was mache ich damit?
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~Ach, Prophezeiungen~, sagt Voldemort. Ich sitze ihm gegenüber und schaue ihn – die Schlange – erwartungsvoll an.
Ich habe Snape geweckt, ich habe Narzissa und Lucius geweckt und ich habe Voldemort geweckt. Um ihm das mitzuteilen, bin ich mitten in der Nacht aus der Schule geflohen. Und ich stecke tief in der Tinte, falls es jemand herausfindet. Ich habe alles unternommen, dass es keiner bemerkt, aber doch... Ich muss vor dem Sonnenaufgang wieder zurück sein und ich weiß, dass ich kein Auge zumachen werde. Willkommen in meinem Leben...
~Nach dem, was du mir soeben gesagt hast, bin ich auch der Meinung, dass es eine echte Prophezeiung war~, sagt Voldemort. Ihn schien es überhaupt nicht zu stören, dass ich ihn geweckt habe. Er muss sich hier zu Tode langweilen, wenn er nichts dagegen hat, dass ich mitten in der Nacht in sein Zimmer rein platze und ihn wecke. Er hat hier nichts Besseres zu tun, als Eier zu fressen und den Propheten zu lesen.
~Die Frage, die dich sicherlich plagt, ist – was wirst du unternehmen?~
~Sollte ich etwas unternehmen?~, frage ich verwirrt. ~Ich glaube nicht an Prophezeiungen. Und auch wenn – die Frau war total betrunken.~
~Und deswegen bist du aus der Schule geflohen, hast unzählige Schulregel gebrochen und mich geweckt~, sagt Voldemort selbstgefällig.
Ok, das stimmt. Das war eine, ein wenig übertriebene Reaktion. Ich hätte auch warten können, bis ich die Gelegenheit hätte, es ihm mitzuteilen.
~Was denkst du darüber?~, fragt Voldemort ruhig.
~Dass... sie über mich spricht~, murmele ich.
~Und?~
~Und... ich weiß es nicht. Ich werde aus dieser rätselhaften Rederei nicht schlau~, antworte ich dumpf.
~Der Stern der Zauberwelt~, zischt Voldemort. ~Er wird erlöschen. Man muss kein Genie sein, um zu wissen, was damit gemeint ist. Das war der Moment, in dem du die dunkle Magie, deine Herkunft, willkommen geheißen hast. Und damit meine ich nicht das Rumexperimentieren. Ich meine den Moment, in dem dir klar wurde, dass du sie nicht aufgeben möchtest. Kannst du dich an solch einen Moment erinnern?~
~Ja~, sage ich leise. Wann war das? Ich denke es geschah in dem Moment, als Tom und ich zum ersten Mal die Malfoys besucht haben. In jenem Moment habe ich gewusst und gespürt, dass die dunkle Magie mein Heim ist und beim bloßen Gedanken, sie aufgeben zu müssen, war mir übel. Es hätte sich so angefühlt, als hätte jemand meine Beine abgehackt oder so was. Sie ist ein Teil von mir.
~Ich werde am Vollmond auferstehen, da hat sie Recht~, fährt Voldemort fort und reißt mich aus den Gedanken. Er schaut auf den Zettel hinunter, den ich vor ihn gelegt habe. Zum Glück habe ich alles schnell aufgeschrieben, denn jetzt hätte ich mich an kein Wort erinnern können.
~Das ist die erste Prophezeiung, die mir gefällt~, meint Voldemort, als er weiter liest. Er züngelt zufrieden mit der Zunge und hebt den Schwanz. ~Die Dunkelheit wird so stark wie noch nie werden... Das gefällt mir.~ Ich lächele flüchtig und reibe mir die Schläfen. ~Der Auserwählte... Bist du der Auserwählte, Harry Potter?~
~Keine Ahnung~, murmele ich. ~Die Welt scheint mich als einen zu betrachten, obwohl ich keine Ahnung habe, warum ich für irgendetwas ausgewählt sein sollte.~
~Du scheinst doch für etwas ausgewählt zu sein~, sagt Voldemort. ~Zuerst hast du mich meines Körpers beraubt und jetzt wirst du mir helfen, einen neuen zu erschaffen.~
~Ich war ein Baby~, antworte ich ein wenig genervt. ~Ich habe nichts getan. Ich weiß nicht, was passiert ist.~
Eine Pause tritt ein und ich seufze.
~Ich bin neugierig auf dich, Harry Potter~, sagt Voldemort schließlich. ~Und ich habe damals einen Fehler begangen. Es war kein Fehler, mich gegen Zerstörung absichern zu wollen. Es war ein Fehler, dass ich an so etwas Dummes, wie eine Prophezeiung geglaubt habe. Aber diese gefällt mir.~
~Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll, aber in Ordnung~, sage ich müde. ~Ich habe Euch davon erzählt, hoffentlich wisst Ihr, was man damit machen soll. Ich habe aber eine Frage, mein Lord.~
~Fahr fort~, sagt Voldemort amüsiert.
~Ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr mir mit ein paar Ratschlägen helfen könnt~, sage ich langsam. ~Ich möchte Dumbledore so bald wie möglich töten und ich brauche einen guten Plan.~
Die Schlange züngelt mit der Zunge und zischt. Langsam, nickt sie.
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Da ich schon wach bin und da Narzissa und Lucius auch schon wach sind, haben wir kurz gesprochen, trotz ihrer Proteste, ich solle so schnell wie möglich zurückgehen. Alle schlafen noch und es wäre am Besten, wenn ich morgen komme. Narzissa hat Black besucht – ein Grund, warum sie und Lucius einen Streit hatten – und hat mit ihm gesprochen. In meinem Haus geht es ihm gut und sie haben ein paar Stunden miteinander verbracht. Narzissa ist jetzt vollkommen überzeugt, dass er unschuldig ist, Lucius jedoch nicht. Eigentlich spielt es eh keine Rolle, denn er kann es nicht beweisen. Der einzige Weg wäre, wenn Wurmschwanz die Wahrheit erzählen würde, aber er bestreitet Blacks Aussage und sagt, er sei nie dabei gewesen. Natürlich kann man ihn nicht verbal dazu zwingen, die Wahrheit zu erzählen – und eigentlich ist es mir egal, ob er unschuldig ist oder nicht – aber ich habe vor, wenn die Ferien anfangen, ein langes Gespräch mit ihm zu führen.
Lucius hat Neuigkeiten. Er hat das Riddle Haus gefunden und hat alles mitgebracht, was wir für das Ritual brauchen. Jetzt fehlen nur ein paar illegale Zutaten, die Lucius schon bestellt hat, und natürlich Dumbledores Fleisch und Blut. Ich habe vor, Snape danach zu fragen, aber nicht heute. Er war ziemlich sauer auf mich, als ich ihn geweckt habe und ich möchte eine Konfrontation nicht riskieren. Denn der Mann ist mir mordlustig vorgekommen, als ich ihn gefragt habe, ob ich seinen Kamin benutzen könne.
Ich habe Narzissa von Dumbledores Antworten erzählt und für eine Weile haben wir darüber gesprochen, aber aus irgendeinem Grund wollte ich die zweite Prophezeiung – ob es wirklich eine Prophezeiung war, bin ich mir selbst noch immer nicht sicher – nicht erwähnen.
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Nachdem ich ein paar Stunden in meinem Bett geschlafen habe, habe ich mich wieder auf den Weg zur Schule gemacht. Snape hat die Tür offen gelassen und ich bin leise aus dem Büro rausgetapst und habe gleich den Tarnumhang über den Kopf geworfen. Ich habe überhaupt keine Probleme gehabt, zum Gryffindorturm zu gelangen, und ich hatte gerade vor, in den Schlafsaal zu schleichen, als jemand eine Kerze angezündet und meinen Namen gerufen hat.
„Hätte ich mir denken können", sagt Ron, dessen Gesicht rot ist. Seamus steht hinter ihm, den Stab in seiner Hand haltend, mich mit zusammengepressten Lippen anstarrend. „Wo warst du?"
Auf einmal bin ich hellwach und meine Hand zuckt zu meinem Unterarm, wo ich meinen Stab aufbewahre. Wenn es dazu kommt...
„Und wo warst DU?", frage ich kalt. Mein Herz rast und der Hass, den ich diesem Rotschopf gegenüber spüre, ist beinahe erstickend. Warum kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen?
„Du hast etwas getrieben, es steht dir auf die Stirn geschrieben", zischt Seamus.
„Und was treibt ihr zwei hier, alleine?", frage ich mit einem hämischen Lächeln.
„Beantworte seine Frage!", brüllt Ron. Etwas hakt bei mir aus und ich spüre das bekannte Jucken in meinen Fingern... Die dunkle Magie möchte aus mir platzen... sie möchte zerstören... töten...
Ich mache ein paar Schritte in seine Richtung, bis ich jede Sommersprosse auf seinem Gesicht sehen kann und durchbohre ihn mit meinem Blick. Jetzt bin ich nicht mehr vorsichtig. Zur Hölle damit!
„Warum sollte ich deine Fragen beantworten? Wer bist du, um etwas von mir zu verlangen?", zische ich gefährlich.
Ohne Vorwarnung wedelt Seamus mit seinem Stab und ich ducke mich. Also ist es doch dazu gekommen. Ich zücke schnell meinen Stab und wirbele herum.
„Betäube ihn!", schreit Ron. „Wir werden schon Beweise an ihm finden! Und wenn nicht..."
Noch ein Fluch blitzt aus der Richtung von Seamus und ich ducke mich wieder, einen Impedimentazauber losschießend. Trotz meiner Müdigkeit hat er sein Ziel getroffen und Seamus kippt um. Ron wirbelt herum und hebt den Stab, aber ich bin schneller.
„Petrificus totalus!", zische ich. Der Zauber war so stark, dass mein Stab heftig gezittert hat. Zorn hilft mir, mich besser zu konzentrieren. Und wer sagt, es sei eine schlechte Sache, wenn man zornig ist? Mein ganzer Körper ist hellwach und Gedanken sausen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch meinen Kopf.
Den Zauber habe ich von Hermine gelernt und er ist echt nützlich. Ron kann sich nicht bewegen, aber sprechen. Ich packe ihn am Hals und drücke zu. Er gurgelt. Ich habe es wirklich satt. Ich bin so zornig, dass ich ihn hier und jetzt erwürgen könnte und es würde sich zweifelsohne unglaublich gut anfühlen. Der letzte noch klare Rest meines Verstandes, flüstert mir zu, wo ich mich gerade befinde und was es bedeuten würde, falls ich ihm je etwas antue. Seltsam... ich habe noch nie einen Rausch gespürt, wenn ich keine dunkle Magie benutzt habe.
„Hör mal, du Wurm", zische ich, seinen Hals noch immer drückend, sodass ich Nagelspuren hinterlasse. „Ich habe dich wirklich satt. Wirklich, wirklich satt. Ich habe deine Dummheit, dein Herumschnüffeln und deine Beleidigungen satt. Und ich werde es dir nicht nochmal sagen. Falls du mich nochmal angreifst, falls du Hermine angreifst oder sie beleidigst, falls du was auch immer tust, was mich ärgern könnte, werde ich dir persönlich zeigen, was ich darüber denke. Und es wird nicht angenehm sein."
Ron gurgelt etwas Unverständliches und ich drücke fester zu. Er rollt mit den Augen und ich spüre wilde Freude und Aufregung. Es fühlt sich an, als hätte ich diese wütende Schlange, die immer in meinem Inneren anwesend ist, freigelassen und das Gefühl an sich, ist befreiend. Endlich frei... Da gibt es keine Käfige mehr...
„Nur noch ein Wort, noch eine Drohung", zische ich weiter. Meine Stimme zittert vor Zorn. „Nur noch ein Blick in meine Richtung. Nur noch ein Kommentar... und ich werde dich in die Hölle fluchen. Ich werde dir zeigen, was es wirklich heißt, zu leiden. Verstehst du?"
Rons weit aufgerissene Augen gaffen mich an und ich lockere meinen Griff ein wenig, sodass er sprechen kann.
„Du bist doch ein Schwarzmagier...", platzt es aus ihm.
Zum ersten Mal kann ich echte Angst in seinen wässrigen Augen sehen und es fühlt sich an, als ernähre ich mich davon. Sie gibt mir Kraft und Macht...
Ich schlage mit der Faust gegen die Wand hinter ihm und er zuckt erschrocken zusammen und schließt die Augen. Ich habe nicht einmal bemerkt, dass meine Faust blutet und den Schmerz spüre ich ebenso nicht.
„Ich bin kein Schwarzmagier, du Trottel", zische ich. „Ich bin ein Waise, der geschlagen wurde. Ich bin jemand, der die Hölle durchgemacht hat und alles, was ich bekommen habe, sind Drohungen und mehr Schläge. Endlich habe ich ein Heim und eine Person, die sich um mich kümmert. Begreifst du es nicht? Geht es in deinen dicken Schädel nicht rein? LASS – MICH – IN – RUHE!", brülle ich aus vollem Hals. „Oder ich werde vergessen, wie lieb mir deine Mutter ist und dass ich die Misshandlung hinter mir gelassen habe und dir genau zeigen, wie man mich jahrelang behandelt hat. Denn das ist es, was du dir immer herbei gewünscht hast, oder? Wie ich zu sein. Du wolltest Geld haben und du wolltest Ruhm. Ich hätte jeden Tag mit dir getauscht. Mir hat Geld überhaupt nichts bedeutet, weil ich jeden Tag darüber nachdenken musste, ob ich überhaupt etwas zu Essen bekomme. Und was den Ruhm angeht... du kannst ihn haben. Denn ich brauche ihn nicht. Er hat mir nichts gebracht, außer mehr Leid und Einsamkeit."
Ron starrt mich mit offenem Mund an, als ich mich aufrichte und ihn mustere.
„Ich habe dich und deine kleinen Spielchen wirklich satt", zische ich. Mir ist vage klar, dass ich wahrscheinlich vollkommen verrückt aussehe, aber ich schere mich nicht darum. „Nur noch ein Wort... ein Blick... und du wirst einen Tag aus dem Tagebuch von Harry verdammten Potter erleben. Verstehst du?"
Er nickt schnell und als ich ihn loslasse, gleitet er die Wand entlang, bis er auf den Boden plumpst. Ich wende mich ungerührt ab, klettere die Treppen hoch, die beiden im Gemeinschaftsraum zurück lassend. Wenn er gedacht hat, dass ich nach seinem Überfall nicht im Schafsaal schlafen würde, hat er sich wohl geirrt. Ich werde den Teufel tun, mein Territorium aufzugeben. Zur Hölle mit Ron und Seamus!
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Es genügt zu sagen, dass ich kein Auge zumachen kann, weil Wut in mir brodelt und ich sitze auf meinem Bett mit einem Buch in Hand, vor Wut rauchend, das Buch überhaupt nicht sehend. Morgen treffe ich mich mit Hermine, denn wir sollen zusammen nach Hogsmeade gehen. Und in diesem Moment habe ich wirklich keine Lust darauf, aber ich habe es ihr versprochen.
„Was ist nur los mit dir?", fragt sie mich so bald sie mich am nächsten Tag sieht.
„Eine lange Geschichte", knurre ich schlechtgelaunt. „Gehen wir."
„Wir können doch in Hogsmeade etwas essen", sagt sie, als ich in Richtung der großen Halle losmarschiere. Ich halte inne. „Komm, du hast mir was zu erzählen und Brötchen und Kaffee gibt es auch in Hogsmeade."
Ich erzähle Hermine, dass ich bei Draco war, dass wir eingeschlafen sind und dass ich spät zum Gemeinschaftsraum zurückgekehrt bin. Und ich erzähle ihr alles über den Vorfall mit Ron. Sie hört entsetzt zu.
„Du hättest ihm nicht drohen sollen", murmelt sie schockiert. „Jetzt geht er zu Dumbledore."
„Dumbledore?", wiederhole ich und lache. Als sie mich angafft, ist mir klar, dass ich wahrscheinlich wahnsinnig klinge. „Er kann mich mal! Ich habe ihn wirklich satt! Was bildet er sich nur ein? Nur noch ein Wort von ihm und ich werde ihn in tausend Stücke fluchen!"
Und Hermine ist plötzlich klar, dass ich es wirklich ernst meine. Und es jagt ihr Angst ein. Sie hakt sich bei mir ein. Für eine Weile laufen wir in Stille weiter, ich gegen Steine tretend und fluchend. Hermine scheint nachdenklich zu sein.
„Ich kann einfach nicht verstehen, was mit ihm los ist", murmelt sie. „Es ist, als sei er verrückt geworden."
Ich sage nichts dazu, sondern trete gegen noch einen Stein. Das tut weh... Mein Fuß pocht vor Schmerz. Schmerz ist gut. Er erinnert mich daran, dass ich außer Zorn noch etwas anderes spüren kann.
„Ich werde mit Professor McGonagall reden", sagt Hermine auf einmal. „Der Gryffindorturm ist kein sicherer Ort mehr für dich."
„Und du?", frage ich ungläubig.
„Ich bin sicher, du Trottel", sagt sie und reibt meine Schulter. „Ich schlafe bei den Mädchen."
„Ach ja?", frage ich verbittert. „Und sie sind echt verständnisvoll, oder? Ich habe gehört, dass du einen Spiegel auf Lavender Brown geworfen hast, weil sie bissige Kommentare abgegeben hat."
„Woher weißt du das?", fragt sie leise.
„Ich habe meine Quellen", sage ich finster. „Rede doch mit McGonagall. Aber ich würde lieber mit Dumbledore reden. Er möchte mich eh loswerden, also würde er..."
Ich halte inne, als etwas in meinem Kopf klick macht. Was habe ich soeben gesagt? Mich loswerden? Versucht er genau das zu tun? Die genaue Formulierung der Prophezeiung flitzt mir durch den Kopf und ich schließe einen Moment die Augen, um besser denken zu können. Keiner kann leben, während der andere überlebt... Wann hat er damit aufgehört, zu versuchen, mich wieder für sich zu gewinnen? Als er damals im Malfoy Herrenhaus war. Was habe ich getan? Was habe ich gesagt, sodass er seine Meinung plötzlich geändert hat?
Keiner kann leben, während der andere überlebt... Jetzt ergibt alles einen Sinn. Die Dursleys, Dumbledores rätselhafte Aussagen... Das großväterliche Zwinkern in seinen Augen... Er wollte an mich rankommen, sodass er mich unter Kontrolle haben konnte. Er wollte mich trainieren. Er wollte, dass ich Voldemort zerstöre. Aber als ihm klar wurde, dass ich zur dunklen Seite übergelaufen bin, hat er es vollkommen aufgegeben und stattdessen unterstützt er mich in meinem Vorhaben. Die Erlaubnis, die Malfoys zu besuchen... er erlaubt den Schülern normalerweise nicht, dass sie ihre Familien am Wochenende besuchen. Ich habe mich schon gefragt, warum er mir und Draco die Erlaubnis gegeben hat, hatte aber zu viel am Hals, um auch noch darüber nachzugrübeln. Eine Schlange als mein Haustier... All die Momente, als ich den Eindruck hatte, dass mich jemand beobachtet und doch konnte ich fast jeden Tag entkommen, um zur Kammer des Schreckens zu gehen... Hat er mich beschattet und mich nur aus der Ferne beobachtet, aber nichts unternommen? Er geht mir aus dem Weg, weil er MÖCHTE, dass ich Voldemort helfe. Weil er HOFFT, er tötet mich. Denn so würde auch er, laut der Prophezeiung, sterben.
Ich atme tief durch und bin mir vage bewusst, dass Hermine mich am Ärmel zupft und meinen Namen ruft. Aber ich fühle mich, als sehe ich die Bäume vor mir zum ersten Mal in meinem Leben. Alles ergibt einen Sinn... einen sehr verwirrten und ekelhaften Sinn, aber doch... Ist es möglich, dass Dumbledore zu so was fähig ist? Man muss sich nur daran erinnern, wie er mit Tom Riddle umgegangen ist... Dumbledore hat geglaubt, man könne ihm nicht mehr helfen, also hat er ihn aufgegeben. So wie er mich aufgegeben hat. Als ihm klar wurde, dass ich tatsächlich ein dunkler Magier bin, hat er mich aufgegeben. Vielleicht hat er diese Entscheidung getroffen, als man ihm davon erzählt hat, dass ich meine Verwandten getötet habe. Vielleicht hat alles in jenem Augenblick angefangen. Und falls ich Recht habe, ist er das schlimmste Arschloch auf der Welt. Wie ist es nur möglich, dass ich so naiv war, zu glauben, dass ein Magier wie Dumbledore nichts von meinen Ausflügen wusste, dass er nicht bemerkt hat, dass ich die dunkle Magie benutze? Wie konnte ich nur so sicher sein, dass er den Neigungszauber nicht auf mich angewandt hat, als ich noch ein Kind war? Ist es wohl möglich, dass er die ganze Zeit gewusst hat, dass ich die dunkle Magie in meinem Blut trage? Und dass er mich entweder unter Kontrolle bringen oder mich loslassen muss, sobald ich meine wahre Herkunft entdecke? War es nur eine Frage der Zeit? Oder war Toms Tagebuch der Stein, der die Lawine ins Rollen gebracht hat? Voldemorts Rederei über das Schicksal ergibt jetzt einen Sinn...
„HARRY!", schreit mir Hermine ins Ohr. Ich zucke zusammen. „Was ist nur los mit dir?"
Ich schaue ihr in die braunen, ehrlichen Augen und treffe eine Entscheidung. Ich muss sie einweihen.
