Disclaimer: Ich bin eine Lehrerin, das heißt, ich verdiene nicht viel. Bitte nicht klagen!
Cassie
oooooooooooooooooo
Kapitel 41 – Das erloschene LichtAls ich meine Augen wieder öffne, ist das erste, was ich erblicke, Dementoren.
Eine Gruppe Dementoren steht in einem Kreis und lehnt sich nach vorne. In der anderen Ecke stehen die Todesser, denn keiner möchte einem Dementor nahe sein, und sie fahren hoch, als ich auftauche. Lucius, der in der ersten Reihe steht, schließt kurz die Augen und Erleichterung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Bellatrix wiederum schaut stumm zu, als ich an ihnen vorbeimarschiere, sie keines Blickes würdigend, und direkt auf die Dementoren zugehe.
„Aus dem Weg!", befehle ich scharf.
Ich sehe Memphistos Hörner hinter den schwarzen Umhängen der Dementoren und stelle mit Erleichterung fest, dass er noch immer Dumbledore in seinen Klauen hält, dabei bösartig grinsend. Er strahlt mich an und entblößt dabei seine gelben Zähne. Zweifelsohne denkt er, heute sei sein Glückstag. Denn der Tag, an dem der Vertreter des Lichtes getötet wird, wird unter den Dämonen als Neujahr gefeiert.
Also hat Voldemort ein paar Dementoren hergerufen, sodass sie sich um Dumbledore kümmern können. Sehr einsichtsvoll. Sie schweben zur Seite, wenn auch widerwillig, und ich komme hindurch und schaue auf Dumbledore hinunter. Die lichtblauen Augen schauen auf und ich grinse. Das hier ist eine ganz andere Version von Albus Dumbledore, die mir jedoch mehr als die übliche, besserwisserische, großväterliche und rätselhafte gefällt.
„Endlich gehörst du mir", flüstere ich. Ich könnte vor Freude platzen. „Endlich..."
Ich höre kollektives Rascheln, weil die Todesser in die Knie gehen, als der dunkle Lord erscheint. Aber ich wende mich nicht um, um ihn zu begrüßen. Die lichtblauen Augen, die mir jetzt leer und hoffnungsvoll vorkommen, gleiten zum dunklen Lord hinüber, der hinter mir auftaucht.
Dumbledore scheint ganz sprachlos zu sein. Er hat schon alles gesagt und jetzt sieht er ein, dass es keinen Weg heraus gibt. Der große Magier hat keinen Plan B. Und außerdem scheinen die Dementoren Eindruck auf ihn zu machen, denn Dumbledore sieht geschlagen und miserabel aus. Aber ich kann persönlich nichts mehr in ihrer Gegenwart spüren. Wahrscheinlich hat der abgeschlossene Pakt mit Memphisto etwas damit zu tun.
Noch jemand kommt aber ich schenke den Neuankömmlingen keine Aufmerksamkeit. Der dunkle Lord mustert Dumbledore und neigt den Kopf zur Seite.
„Deine Zeit ist abgelaufen, alter Mann", sagt er leise und bedrohlich. „Du hast den Kampf verloren."
Einige Todesser glucksen und einige wechseln triumphierende Blicke. Ich wiederum starre Dumbledore wie gebannt an. Wie viele Tage habe ich davon geträumt, darüber nachgedacht, ihn so hilflos sehen zu können... So schwach... so hoffnungslos... Ich zittere noch immer wegen der Anstrengung des Kampfes und ich atme schwer, aber nichts existiert in diesem Moment, außer mir und Dumbledore. Endlich... werde ich meine Rache haben. Endlich werde ich frei sein.
Der dunkle Lord bückt sich und streckt einen langen weißen Finger aus, ihn unter Dumbledores Kinn legend. Dumbledore dreht den Kopf zur Seite und Memphisto versenkt seine Klauen noch tiefer in sein Fleisch.
„Der große Albus Dumbledore", flüstert der dunkle Lord, ihn musternd. „Man könnte sagen, dass auch ich ein Recht auf dich habe, so wie mein Lehrling, der Rache will... Aber heute geht es nicht nur um Rache. Denn wir stehen über solchen menschlichen Bedürfnissen, trotz dem, was du von uns hältst. Nein, heute geht es um dich, als den Vertreter des Lichtes. Dein Tod wird das Ende einer Ära bezeichnen und den Anfang einer neuen."
Dumbledore starrt ihn wortlos an.
„Und so sehr ich mir wünsche, derjenige sein zu können, der dich umbringt, werde ich diese Ehre meinem Lehrling übergeben", sagt der dunkle Lord mit einem Grinsen. „Er wird derjenige sein, der dem Vertreter des Lichtes den letzten Schlag verpassen wird."
Wenn er es so sagt, klingt Dumbledores Titel überhaupt nicht beeindruckend, sondern eher lächerlich.
„Wo möchtest du es tun?", fragt Voldemort.
„Im Keller, Meister", antworte ich atemlos.
Meine Hand zuckt in Richtung meines Bein, wo mein wunderschöner Dolch ist. Ich bin total außer mir und weiß nicht, was ich zuerst tun soll. Ich fühle mich hibbelig.
„In Ordnung", sagt der dunkle Lord. „Geh."
„Wenn du mich umbringst, wird es eine permanente Narbe auf deine Seele hinterlassen, Harry", gelingt es Dumbledore zu sagen.
Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe und bin mir vage bewusst, dass Draco bei seinem Vater steht und dass Blaise Zabini eine zitternde Hermine in seinen Armen hält. Was, hat er gedacht, dass Voldemort derjenige sein wird, der ihn umbringt? Für eine Sekunde lang schien es, als hätte er es tatsächlich erwartet. Wäre es logischer zu vermuten, dass jemand, der schon so viele umgebracht hat, kein Problem damit hätte? Oder eher jemand, der noch immer magisch wächst und Erfahrung im Kampf sammelt?
Bellatrix lacht; und dieses eine Mal stimme ich ihr zu. Ich pruste los und wende mich wieder Dumbledore zu.
„Ist schon geschehen, alter Mann", erwidere ich breit grinsend. Obwohl ich total erschöpft bin und obwohl mein Herz in meiner Kehle pocht, stürmt Adrenalin durch mein Blut und ich bin noch immer hellwach.
„Und ich habe genug von deinen Warnungen und deinem Gelaber über das Böse", sage ich verächtlich. „Jetzt werde ich dir das wahre Gesicht des Bösen zeigen."
Ich lehne mich nach vorne und schlage ihm so kräftig ich kann ins Gesicht. Dumbledores Kopf gleitet zur Seite und ein Blutrinnsal kullert über seine Schläfe.
Ich schüttele meine Faust und hebe gebieterisch die Hand, die ganze Zeit den Blick nicht von Dumbledore abwendend. Memphisto hebt den bewusstlosen Dumbledore in die Luft und folgt mir glucksend.
„Ich habe mir schon seit einer Ewigkeit gewünscht, das tun zu können", murmele ich zufrieden, als ich die Kellertür öffne.
Der Tisch steht schon bereit und ich weise Memphisto an, Dumbledore auf dem Tisch abzulegen. Ob Memphisto keine Ahnung hat, wie man mit Sterblichen umgehen soll, oder ob er es absichtlich getan hat, weiß ich nicht, aber er lässt den bewusstlosen Dumbledore aus der Höhe auf den Tisch fallen, sodass der Tisch gefährlich wackelt und geht zur Seite. Natürlich möchte er bleiben; er möchte zuschauen, wie ich den Vertreter des Lichtes umbringe. Ich bin nur überrascht, dass keine ganze Armee von seinen Dämonenfreunden mit Cocktails aufgetaucht ist.
Als ich meinen Dolch hervorziehe und mir die Lippen lecke, taucht der dunkle Lord auf, der die Tür zum Keller hinter sich schließt und sich umschaut. Er nickt. Ein Paar Dementoren sind uns gefolgt und das ist auch richtig so. Denn bei Dumbledore weiß man ja nie. Und ich habe nicht umsonst gekämpft, sodass er jetzt entkommt. Er geht nirgendwo hin. Die Dementoren gleiten geräuschlos rein und bleiben in den Ecken stehen.
Der dunkle Lord mustert den bewusstlosen Dumbledore und schmunzelt.
„Eine primitive Methode, die jedoch ziemlich effektiv ist", stellt er fest, über meinen Schlag redend.
Meine Faust tut noch immer weh und anscheinend blutet sie. Aber das macht nichts. Es hat sich gelohnt. Ich binde Dumbledore an den Tisch und lehne mich nach vorne. Ich mustere das Gesicht des Mannes, der über mich hinweg über mein Leben entschieden hat und es somit zur Hölle gemacht hat. Jetzt verkörpert er nicht nur all das Leid und all die Traurigkeit, die ich durchlebt habe, sondern auch den alten Harry, der hilflos ist und noch immer denkt, er verdiene all das Leid und die Schläge. Und heute werde ich diesen alten Harry umbringen und dadurch die letzte Spur meines alten Lebens zerstören. Vielleicht war Dumbledore überrascht, dass der dunkle Lord ihm nicht gedroht, oder ihn beleidigt hat; denn er würde jemandem wie Lord Voldemort schon so was zutrauen. Aber das beweist nur, dass er die dunkle Magie und die dunklen Magier einfach nicht versteht.
Es ist vorbei. Jetzt wissen sicherlich alle, wer ich bin und ich werde nie zurück nach Hogwarts gehen können. Jetzt bin ich auf der Flucht, als der zukünftige Mörder von Albus Dumbledore und als Schwarzmagier. Und auch wenn ich alles hinter mir gelassen habe, wird mir klar, dass ich es mir die ganze Zeit herbei gewünscht habe. Es ist so schwer, sich als einer von ihnen auszugeben. Jetzt kann ich den dunklen Lord gut verstehen und ich bewundere ihn dafür, dass er tatsächlich die sieben Jahre in Hogwarts verbracht und alles ertragen hat. Ein Jahr war genug für mich und noch vier würde ich nicht ertragen können.
Ich ziehe meine Ballrobe aus und werfe sie zur Seite. Voldemort rollt mit den Augen und schüttelt den Kopf.
„Higgy", ruft er die Elfe. „Bring Harry was zum Anziehen."
Ich lege den Dolch und meinen Stab auf dem kleinen Tisch ab und mustere Dumbledore wieder. Seine Hände sehen ganz normal aus. Er hat zwar Handschuhe getragen aber jetzt, da ich seine Hände direkt sehen kann, wird mir klar, dass ihnen nichts fehlt. Er trägt jedoch einen Ring auf seinem Ringfinger.
„Meister", sage ich, gerade als eine zu Tode erschrockene Higgy mit der Kleidung erscheint. „Ist das Euer Ring?"
Voldemort nimmt Dumbledores Hand mit einer angewiderten Miene in seine und mustert den Ring. Er schüttelt den Kopf.
„Nein, aber er sieht meinem Ring ähnlich", sagt er leise.
Unsere Blicke treffen sich und seine Züge verhärten sich. Also hat Dumbledore auch dabei gelogen. Gibt es ein Ende zu seinen Meisterplänen und seinen Geheimnissen? Ich verpasse Dumbledore eine Ohrfeige und werfe das T-Shirt, das Higgy in zitternden Händchen hochhält, über meinen Kopf. Es ist an der Zeit, dass ich ein paar Antworten bekomme. Ich hatte wirklich genug von seinen Spielchen.
Die Augen des Weißmagiers schnellen auf und er schaut sich um. Er versucht, sich aufzusetzen, aber ich habe ihn so fest gebunden, dass er sich keinen Millimeter bewegen kann. Und dazu werden zweifelsohne seine Hände und Füße in ein paar Minuten taub sein.
Sein Blick landet auf dem todernsten dunklen Lord, der ihn wortlos anschaut. Als er mich erblickt, der sich mit dem Stab in der Hand über ihn beugt, lässt er seinen Kopf wieder auf den Tisch fallen und seufzt.
„Warum zögerst du?", fragt er leise.
„Oh keine Sorge", antworte ich. „Ich werde dich umbringen. Aber ich möchte es genießen. Je länger es dauert, desto mehr Spaß macht es."
Voldemort schüttelt den Kopf und setzt sich auf einen Stuhl. Die Dementoren schauen schweigend zu, als ich einen Stuhl zu mir ziehe und mich darauf setze.
„Aber ehe ich dich töte, werden wir uns ein wenig unterhalten", sage ich grinsend.
„Ich habe dir nichts zu sagen", erwidert Dumbledore. „Ich habe dir alles gesagt, was ich dir sagen möchte. Jetzt möchte ich in Frieden sterben."
„In Frieden wirst du nicht sterben, das kannst du ruhig vergessen", sage ich kalt. „Aber ich bin neugierig auf ein paar Sachen und ich möchte Antworten."
„Die wirst du nicht bekommen", sagt Dumbledore und schließt die Augen.
Ich schaue auf und begegne dem Blick der dunklen Augen, die mich genau anschauen. Ich weiß, worüber er nachdenkt. Aber es ist überhaupt nicht notwendig. Er weiß ja, dass ich von diesem Moment schon seit Monaten träume, aber was er vielleicht nicht begreift, ist, dass ich es kaum abwarten kann, es tatsächlich zu tun.
Ich richte meinen Stab auf Dumbledore und spüre Aufregung, die sich wie eine warme Welle in mir ausbreitet.
„Crucio", sage ich beinah liebevoll.
Dumbledore reißt die Augen wieder auf und er schreit aus vollem Hals, dabei an den Seilen, mit denen ich ihn an den Tisch gebunden habe, zerrend. Die Lippen des dunklen Lords kräuseln sich zu einem Lächeln und er lehnt sich zurück, dabei aussehend, als bereite er sich auf eine Show vor. Es fühlt sich so anders an, diesen Fluch an jemandem benutzen zu können, der sich nicht bewegt und darauf wartet, dass ich ihn in die Hölle fluche. Man kann sich die Zeit nehmen, um dieses Gefühl zu genießen. Aber vor allem fühlt es sich so verdammt gut an, weil ich ja einen Cruciatusfluch auf Albus verdammten Dumbledore anwende.
Wie lange darf man jemanden unter dem Cruciatusfluch halten, ohne dass derjenige verrückt wird? Keine Ahnung. Aber ich könnte es herausfinden.
So was habe ich noch nie getan. Mein Opfer liegt, an einen Tisch gebunden und sein Leben ist in meinen Händen. Als ich Wurmschwanz gefoltert habe, habe ich mich nicht so gefühlt. Dieses Gefühl von Macht, das mir die Verwendung des Cruciatusfluches bietet und die Tatsache, dass ich derjenige bin, der entscheidet, ob Dumbledore lebt oder stirbt, erfüllt mich vollkommen und momentan vergesse ich, wo und wer ich bin. Zweifelsohne gibt es etwas Schwarzmagisches bei bloßem Mord. Denn so wie es der Fall mit allerlei dunklen Zaubern und Flüchen ist, muss man die Kontrolle übernehmen und entscheiden, was zu tun ist. Ein Hellmagier hätte Angst vor diesem Gefühl, vor dieser Verantwortung für ein menschliches Leben und würde es nicht tun, alles dem Schicksal überlassend und entscheidend, sich nicht einzumischen. Aber ein dunkler Magier würde die Erfahrung genießen und die Rolle des Richters und Henker mit Freude spielen, sich dabei vollkommen bewusst, was er tut und warum.
Ein Wimmern reißt mich aus dem Rausch heraus und ich schaue auf Dumbledore hinunter, der am ganzen Leib zittert.
Ich lasse den Stab sinken und Dumbledore atmet tief und schmerzvoll ein.
„Du wirst eh sterben, alter Mann", flüstere ich ihm ins Ohr. „Wenigstens kannst du dein Gewissen erleichtern, ehe du stirbst. Unter Muggeln nennt man so was letzte Ölung. Du sollst mir sagen, was du, deiner Meinung nach, im Laufe deines langen Lebens falsch gemacht hast und ich werde dich von deinen Sünden erlösen. Indem ich dich töten werde. Was dir eigentlich nach all der Folter, die auf dich wartet, wie eine Erlösung vorkommen wird."
„Harry", gelingt es Dumbledore zu sagen, „Du hättest heute nicht hier sein sollen."
„Denkst du?", frage ich gespielt überrascht. „Weißt du, ich habe mir schon tausendmal gewünscht, ich wäre tot, weil meine Verwandten mich wie Dreck behandelt haben. Wenigstens so würde ich nie wieder dem Knurren in meinem Magen zuhören oder darüber nachdenken müssen, wann Onkel Vernon die Tür des Schrankes öffnet und mich verprügelt. Dank dir und deiner Dummheit, war alles, worüber ich in meinem Schrank unter den Treppen nachdenken konnte– wann sterbe ich?"
Dumbledore schließt die Augen und eine Träne rollt seine Wange entlang.
„So habe ich es nicht gemeint", flüstert er.
„Weint der große Weißmagier?", schnurre ich. „Ist es möglich, dass er es endlich begriffen hat?"
„Harry", flüstert Dumbledore. „Ich habe es für dein eigenes Wohl getan. Ich wollte, dass du weit weg von der Zauberwelt aufwächst und dass du keine Chance bekommst, über dunkle Magie nachzudenken. Überhaupt herauszufinden, dass es so was gibt. Denn..."
Er schluckt und ich packe ihn grob am Hals.
„Ja?", frage ich, mich in sein Gesichtsfeld bringend.
„Denn... ich habe gewusst, dass du einen schwarzen Kern hast und dass es nur eine Frage der Zeit wäre, wann die Dunkelheit in dir die Kontrolle übernimmt. Und mit der Prophezeiung... Du hättest kein Schwarzmagier sein sollen. Du hättest heute nicht hier sein sollen. Ich wollte dich retten, Harry. Ich wollte, dass du die Hellmagie lernst und dass du unter Freunden und Menschen aufwächst, die dich lieben. Ich hatte mir nicht vorstellen können, wie deine Verwandten dich behandeln. Hätte ich es gewusst, hätte ich dich mitgenommen."
„Echt?", frage ich, mich auf einmal aufrichtend. „Du hast es nicht gewusst? Wie kann man es bitteschön nicht wissen? Bist du etwa blind oder was? Hast du nicht bemerkt, wie dünn ich bin? Dass ich nicht zurückgehen wollte? Ich hab dir doch gesagt, ich würde über die Ferien lieber in Hogwarts bleiben und du hast mich doch wieder dorthin geschickt."
„Wer hätte gedacht, dass jemand ein Kind auf diese Weise behandeln kann?", fragt Dumbledore und schaut mir in die Augen.
Er glaubt tatsächlich daran. Erst jetzt wird mir klar, dass er tatsächlich daran glaubt, dass er mir nur helfen wollte, indem er mich den Dursleys gegeben und versucht hat, mich fern von dunkler Magie zu halten. Es gibt Menschen, die in ihrer eigenen Welt leben, in der sie natürlich Helden sind. Aber wie kann man jemanden nur von dem fern halten, was man eigentlich ist? Man kann nicht von der dunklen Magie geheilt werden, die man in seinem Blut hat, genauso wenig wie man zum Beispiel seine sexuelle Orientierung ändern kann. Man kann sich nur für etwas ausgeben, was man nicht ist, aber die Wahrheit wird immer in einem bleiben und nichts und niemand kann sie ändern.
„Also wolltest du mich in einen Hellmagier verwandeln", sage ich zornig. „Weißt du nicht, dass so was nicht möglich ist? Dass es sogar ungesund ist und dass es einen zerstören kann, wenn man nur die Magie benutzt, für die man keine Neigung zeigt? Sag mir bloß nicht, dass du DAS nicht weißt, großer Weißmagier!"
„Natürlich weiß ich das", erwidert Dumbledore. „Aber laut der Prophezeiung hättest du eh nicht lange leben sollen, so traurig mich diese Tatsache gemacht hat. Und jetzt ist es auch nur eine Frage der Zeit, wann..."
„Noch immer laberst du über Prophezeiungen!", zische ich genervt. „Hast du nichts daraus gelernt? So was gibt es nicht. Ich habe diese verdammte Prophezeiung ausgetrickst, indem ich zur dunklen Seite überlaufen bin. Ich glaube nicht daran, dass jemand oder etwas meine Zukunft bestimmt. Ich alleine bestimme meine eigene Zukunft. Ich alleine entscheide, zu was ich werden werde und was ich mit meinem Leben tue! Und kein sogenanntes Schicksal und keine Prophezeiungen werden darüber über mich hinweg entscheiden! Ich bin der Meister meines eigenen Lebens und meiner Zukunft!"
„Das ist zweifelsohne eine schwarzmagische Denkweise", meint Dumbledore leise.
„Danke", sage ich, mich stolz aufrichtend. „Also, nachdem dein Plan offensichtlich fehlgeschlagen ist, als du endlich begriffen hast, dass ich nicht deine Puppe sein möchte, hast du mich aufgegeben. Du hast mich sogar in meinem Vorhaben unterstützt, weiter dem dunklen Lord zu helfen. Stimmt das?"
Dumbledore nickt nur.
„Woher hast du gewusst, dass er zurück ist?", frage ich mit verengten Augen.
„Ich habe dein regelmäßiges Verschwinden bemerkt", sagt Dumbledore seufzend.
„Nein, das ist es nicht", sage ich grimmig. „Du kennst jemanden, der das dunkle Mal trägt und der es dir gesagt hat. Wer ist es?"
Jetzt steht der dunkle Lord wieder auf und neigt den Kopf zur Seite. Es gibt einen Verräter in seinen Reihen? Wen?
Ich zücke meinen Stab, vorhabend, die Wahrheit mit einem guten Cruciatusfluch aus ihm heraus zu kitzeln aber der dunkle Lord ist schneller. Er winkt in meiner Richtung und packt Dumbledore am Kinn. Dumbledores Lügen kann er vielleicht ertragen; aber dass es einen Verräter in seinen Reihen gibt? So was toleriert der dunkle Lord nicht. Er taucht in Dumbledores Gedanken ein und ich stehe an der Seite. Jetzt werden wir sehen, wer der bessere Legillimentiker ist. Der Weißmagier oder der Schwarzmagier?
Dumbledore schließt die Augen, aber der dunkle Lord braucht keinen Augenkontakt. Dumbledores Hände zittern, als der dunkle Lord weiter gnadenlos in seinen Erinnerungen herum wühlt. Und anscheinend schert er sich dabei nicht darum, ob er Schaden hinterlässt. Ich setze mich kurz auf meinen Stuhl und atme tief durch. Dumbledores Lippen bewegen sich, aber kein Laut kommt heraus. Der dunkle Lord zückt seinen Stab und richtet ihn auf Dumbledore. Welchen Zauber er benutzt hat, weiß ich nicht, aber nach ein paar Minuten atmet Dumbledore tief ein und der dunkle Lord richtet sich auf. Er hat einen todernsten Ausdruck im Gesicht, den ich kenne. Er hat gerade einen Verräter entdeckt und er hat vor, ihn umzubringen. Die Absicht steht ihm ins Gesicht geschrieben.
„Karkarrof also", murmelt er finster. „Er wir mir dafür büßen. Fahre fort, Harry."
Wer ist das, frage ich mich? Ich kenne ihn nicht.
„Du hast nach Horkruxen des dunklen Lords gesucht", sage ich zu Dumbledore, der noch immer zitternd und mit fest geschlossenen Augen daliegt. „Welche hast du gefunden?"
Dumbledore antwortet nicht. Schon wieder bewegen sich seine Lippen, aber ich kann nichts hören. Es sieht aus, als sei er in einer Trance.
„Ich befürchte, dass ich ihn mit meinem mentalen Angriff ermüdet habe", sagt der dunkle Lord, der selbst ein wenig müde, jedoch entschlossen, aussieht. „Ich weiß nicht, ob du noch was von ihm bekommen kannst."
„Aber ich möchte ihn jetzt töten", sage ich, den Kopf hebend. „Ich möchte nicht warten! Ich habe schon seit Monaten darauf gewartet!"
Der dunkle Lord lächelt mich an und wirkt dabei, als habe er meine Antwort erwartet.
„Ungeduldig, was?", fragt er. „Schön. Wir brauchen ihn nicht mehr. Er könnte dir mehr Lügen erzählen und wie er dachte, das richtige getan zu haben, aber das brauchst du nicht."
„Was schlagt Ihr vor?", frage ich.
„Wenn du noch Nutzen aus ihm ziehen möchtest, kannst du einen Ritualmord ausführen", sagt er, mich musternd.
„Klingt gut", sage ich, mich setzend. „Was, denn?"
„Nun, du könntest zum Beispiel eine deiner Fähigkeiten dadurch noch verbessern", sagt der dunkle Lord. „Oder du könntest dich dadurch mächtiger machen. Denn auch wenn Dumbledore ein Hellmagier ist, kannst du einen Teil seiner Macht gebrauchen."
Ich liebe die dunkle Magie, geht mir durch den Kopf. Ich grinse breit und schaue auf Dumbledore hinunter.
„Weist mich an, Meister", sage ich aufgeregt.
/Hermines Sicht
Warum ist er noch immer nicht zurückgekommen? Dauert es so lange, jemanden umzubringen? Ich sollte lieber nicht darüber nachdenken. Denn wenn ich darüber nachdenke, wird mir übel...
Zabini steht seufzend auf und gießt sich mehr Kürbissaft ein. Wir alle sitzen im Salon und starren Löcher in der Luft. Keiner hat Lust, zu reden, und so sitzen wir schon seit zwei Stunden in Stille. Ich habe versucht, etwas zu essen, aber es ist unmöglich. Uns wurde gesagt, wir sollen hier bleiben und still sein, bis alles vorüber ist.
Man sagt, dass Tapferkeit eine Tugend von Gryffindor ist. Und doch sehe ich hier Menschen, die alles aufgegeben haben, weil sie für ein größeres Ziel kämpfen. Wir sind alle Jugendliche; aber doch sind wir schon jetzt auf der Flucht. Wir haben alles geopfert, um die dunkle Seite zu unterstützen. Wahrscheinlich sind die anderen so großgezogen worden; aber trotzdem finde ich es bemerkenswert.
Ein Schrei ertönt und ich schaue mich panisch um. Zabini presst die Lippen zusammen und schaut mich vorsichtig an. Seit wir zusammen gekämpft haben, ist er nicht von meiner Seite gewichen. Ich bin Anthony losgeworden und habe nach Harry gesucht – und ich habe gesehen, wie er sich mit Dumbledore duelliert und mein Herz hörte auf zu schlagen. Aber Harry hat sich nicht vor Schmerzen auf dem Boden gewälzt. Er hat nicht versucht, vor Dumbledore wegzulaufen. Er hat gekämpft – wie ein Mann und wie ein echter dunkler Magier.
Sobald er mich bemerkt hat, hat Draco mich gepackt und mich zu sich gezogen. Er hat mir alles erklärt und ich blieb bei ihm in den Schatten, diesem Duell folgend, meinen Augen nicht trauend. Harry war unglaublich. Seine Reflexe sind einfach unglaublich und sie haben ihm oft das Leben gerettet. Aber seine Magie... Die Weise, auf die er kämpfte... Mir stockte der Atem, als er diese riesige schwarze Peitsche herbeigezaubert hat und damit nach Dumbledore geschlagen hat. In den Büchern, die ich gelesen habe, redet man ständig über die Macht der dunklen Magie und was sie bewirken kann. Aber ich habe es heute zum ersten Mal gesehen und es war einfach unglaublich. Und all diese Zeit hatte ich keine Ahnung, wozu mein bester Freund fähig ist. Ich hatte keine Ahnung, dass er solche Macht besitzt.
Ich bin jeder seiner Bewegungen und Zauber atemlos gefolgt, in Zabinis Armen zitternd, der offensichtlich erkannt hat, dass ich nicht still stehen kann, während mein bester Freund sich auf einen Kampf um Leben und Tod einlässt. Und dann ist er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf gekommen. Ich habe ihn wie gebannt angestarrt und konnte meinen Blick nicht abwenden. Er ist ein junger Mann! Und das hat Harry getan? Er hat ihm den Körper von einem jungen Mann gegeben? Wie hat er das nur geschafft?
Aber nichts kann mich mehr überraschen. Harry hat sich in etwas Unerkennbares verändert. Als ich den dunklen Lord erblickt habe, habe ich endlich ausgeatmet. Harry war nicht mehr alleine und er hatte Hilfe. Sie haben angefangen, gegen Dumbledore zu kämpfen... Und mir kam es wie eine Art von Tanz vor... wie eine Art wunderschöner und tödlicher Tanz... sie bewegten sich, als wüssten sie, was der andere denkt. Wie eins. Die Zauber, die Harry benutzt hat, hat auch der dunkle Lord, im selben Moment benutzt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sie eine mentale Verbindung geöffnet haben und dass sie mit ihrer Hilfe ihren nächsten Zug geplant haben. Aber doch... Im Kampf hat man sicherlich keine Zeit, um darüber nachzudenken. Man handelt automatisch und instinktiv... und doch... mir kam es so vor, als wäre es eine Art Choreographie gewesen, die die beiden gut geübt haben. Vielleicht haben sie es ja.
Und dann ist Fawkes aufgetaucht. Harry befahl uns, den Phönix loszuwerden und ich war die erste, die reagiert hat. Ich habe den Phönix mit einem dunklen Fluch niedergemacht, sodass er zu Boden gefallen ist. Da habe ich ihn gleich mit einem weiteren Zauber verbrannt. Es hat sich seltsam angefühlt, die dunkle Magie irgendwo anders als im Raum der Wünsche zu benutzen , aber in diesem Moment habe ich sie instinktiv benutzt, vermutend, dass nur die dunkle Magie Wirkung auf ein Lichtwesen, so wie Fawkes, haben kann.
Ich weiß nicht, ob und wann er wieder aus der Asche geboren werden wird, aber in jenem Moment spielte es keine Rolle. Ich habe ihn vernichtet und bin weiter dem Duell gefolgt. Und dann ist Aberforth gekommen... von allen Menschen, musste ausgerechnet er kommen. Ich habe ihn gleich erkannt. Und ich habe gewusst, dass wir erledigt waren, falls wir da blieben, denn er würde zweifelsohne die Lehrer mitbringen. Harry ist geflohen; und Dumbledore war verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, dass ihn jemand zu diesem Haus appariert hat, bis ich ihn gesehen habe. Draco hatte einen Portschlüssel und wir sind alle wegappariert und hier aufgetaucht. So schnell bin ich noch nie gelaufen...
Ich kann meine Augen vor Müdigkeit kaum offen halten, aber ich kann trotzdem nicht ruhig sitzen. Ich muss wissen, ob es Harry gut geht und was passiert ist.
Früher waren die Slytherins höflich mir gegenüber, aber nach diesem Kampf, nachdem sie zugeschaut haben, wie ich Fawkes mit einem dunklen Zauber außer Gefecht gesetzt habe, betrachten sie mich scheinbar als eine von ihnen. Man hört zu, wenn ich etwas sage und man ignoriert mich nicht, sowie es früher manchmal der Fall war. Und vor allem, ist Blaise Zabini da...
Zabini legt eine Hand auf meine Schulter und schüttelt den Kopf.
„Es bringt nichts", flüstert er. „Demjenigen, der sie dabei unterbricht, wird es schlecht ergehen. Bleib doch hier."
Ich lehne den Kopf an seine Schulter und seufze. Ich hasse es, warten zu müssen... Und da unten ist mein bester Freund, der gerade das dritte Opfer zu seiner Liste von Morden hinzufügt...
/Harrys Sicht
Ich nehme noch einen Schluck Feuerwhisky und stelle mein Glas beiseite, mich zurück lehnend. Alkohol und Mord gehen gut zusammen. Ich habe mich endlich ein wenig entspannt und beruhigt. Zuvor habe ich mich gefühlt, als könne ich wegen des Adrenalins und des Kampfes aus meiner Haut platzen. Und jede meiner Zellen vibriert noch immer wegen der Magie, die ich benutzt habe. Dieses Mal habe ich mich nicht zurückgehalten, sondern alles gegeben, was ich konnte. Ich habe nicht über die Tatsache nachgedacht, ob ich meine magischen Reserven auslauge oder nicht. Ich habe einfach alles gegeben, was ich geben konnte und was ich gelernt habe und mein Körper, der noch immer wächst, trägt jetzt die Folgen.
„Harry?", höre ich Dumbledores leise Stimme.
Er liegt im Halbdunkeln auf dem Tisch und wir warten auf den dunklen Lord. In der Zwischenzeit habe ich mich mit einem Glas Feuerwhisky beruhigt.
„Ja?", antworte ich belustigt.
„Was hast du diesem Dämon angeboten? Ich bin nur neugierig", fragt Dumbledore.
Nun ich sehe einfach keinen Grund, warum ich es ihm nicht sagen soll. Er wird eh mein Geheimnis mit ins Grab nehmen.
„Einen Teil meiner Seele", antworte ich, ihn amüsiert musternd. „Warum möchtest du das wissen?"
„Man merkt es", meint Dumbledore traurig. „Ich habe erkannt, dass dir etwas passiert ist."
„Mir ist gelungen, was meinem Verwandten nicht gelungen ist", sage ich grinsend. Dumbledore dreht den Kopf in meine Richtung und schaut mich erwartungsvoll an. „Lord Grindelwald."
Dumbledores lichtblauen Augen blicken zu Boden und er schließt sie.
„Aber reden wir nicht über mich", sage ich aufstehend. „Du hast ihn geliebt, oder?"
Eine Pause tritt ein aber schließlich nickt Dumbledore.
„Wie ist es nur möglich, dass ein Vertreter des Lichtes sich in einen dunklen Lord verlieben kann?" frage ich neugierig.
„Die Liebe wählt nicht, Harry", sagt Dumbledore traurig. „Eines Tages, wenn du dich in jemanden verliebst, wirst du wissen, worüber ich rede. Hoffentlich. Denn ich denke nicht, dass du dazu fähig bist, jemanden wirklich zu lieben, genauso wie Voldemort."
„So was nennt man nicht Liebe, sondern Leidenschaft", sage ich. „Und wenn man zulässt, dass die Emotionen die Richtung des Lebens bestimmen, heißt das, dass man zu schwach ist, um sie mit seinem Willen zu kontrollieren."
„Die Emotionen sind genau das, was uns menschlich macht, Harry", sagt Dumbledore traurig. „Aber das kannst du nicht wissen. Du kannst es nicht mehr verstehen, weil du, genauso wie Voldemort, deine Menschlichkeit umgebracht hast."
„Ich bin alles losgeworden, was mich schwach macht", sage ich mit verengten Augen. „Siehst du das nicht? Das deine Emotionen dich schwach machen? Dein Mitleid, deine Traurigkeit, deine Freude, deine sogenannte Liebe. Sie haben dich geschwächt."
„Ich bereue nicht, dass ich Gellert geliebt habe und ich bereue auch nicht die glücklichen Momente, die ich mit ihm erlebt habe", meint Dumbledore. „Geht es nur um Macht? Bis du so vom Anhäufen der Macht besessen? Lebst du nur für Macht?"
„Es geht immer um Macht", antworte ich, den Tisch umrundend, sodass ich ihm in die Augen schauen kann. „Denn zum Beispiel ist die Macht der Grund, warum du jetzt hier bist. Beantworte mir aber eine Frage. Warum hast du dich nie bemüht, etwas über die dunkle Magie zu lernen? Hast du Angst davor?"
„Die Schwarzmagie ist gefährlich und sie zieht einen ein und lässt nicht los", sagt Dumbledore. „Du bist der lebendige Beweis dafür."
„Ja, aber ich habe es gewollt", sage ich, mich nach vorne lehnend. Dumbledores Blick fällt auf mein dunkles Mal und er seufzt.
„Aber wahrscheinlich wirst du es nie verstehen können", sage ich kopfschüttelnd. „Wie mächtig die dunkle Magie wirklich ist. Was sie eigentlich bewirken kann. Sie kennt keine Grenzen und man kann alles mit ihr tun. Eben auch einer Seele einen neuen Körper geben."
„Ja, aber was ist der Preis dafür?", fragt Dumbledore. „Was bekommt man? Man verliert alles und wird zu einer leeren Hülse, die sich immer nach mehr Macht sehnt. Man empfindet überhaupt nichts. Man ist leer in seinem Inneren und da gibt es nichts, was diese Leere füllen kann, außer mehr dunkle Magie und mehr Macht."
„Ich bin bereit, diesen Preis zu bezahlen und habe ihn schon viele Male bezahlt", sage ich. „Und nicht viele sind dafür bereit oder dazu überhaupt fähig. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Hast du Angst vor der dunklen Magie? Schließlich warst du mit einem dunklen Lord zusammen. Hattest du nicht Angst vor ihm? Vor seiner Macht und vor dem, was er tun kann?"
Dumbledore seufzt und schließt die Augen.
„Ja, manchmal hatte ich Angst vor ihm", antwortet er leise. „Ich hatte Angst vor dieser Bestie, die in ihm lebte. Die ohne Sinn töten konnte und die nur zerstören wollte."
Nun, das klingt bekannt. Solch eine Bestie lebt auch in mir. Aber ich versuche nicht, gegen sie zu kämpfen. Denn sie gibt mir Kraft und klärt meinen Kopf. Ich habe so das Gefühl, dass wenn sie erwacht, wir zusammen unbesiegbar sind. Aber natürlich bin ich ja nicht dumm. Ich bilde mir nicht ein, dass ich was auch immer tun kann. Ich kenne meine Grenzen – aber heute Abend habe ich sie nochmal überschritten und bewiesen, wie viel ich gelernt habe und was ich vermöge.
„Aber ich fühlte mich von ihm magnetisch angezogen", fügt Dumbledore hinzu.
„Also hast du dich von seiner Magie angezogen gefühlt", stelle ich fest.
„Ja, in gewissem Sinne", gibt er zu.
„Verstehe", sage ich. „Und dann hast du ihn ins Gefängnis gesteckt. Wenn du ihn wirklich geliebt hättest, hättest du es nicht getan. Zumindest sollte ein Hellmagier so denken."
„Weißt du, Harry, ich habe schon tausendmal darüber nachgedacht", sagt Dumbledore leise. „Ich musste es tun, denn er war mein Feind. Aber zur gleichen Zeit liebte ich ihn. Und es zerriss mir das Herz, ihn im Gefängnis zu sehen. Aber... ein Vertreter des Lichtes zu sein, bringt gewisse Pflichten mit sich. Ich war zwischen meinen Pflichten und meinen Gefühlen hin und her gerissen – und ich habe eine Entscheidung getroffen. Es war nicht leicht, aber ich habe es getan."
„Für jemanden, der so viel empfindet, war es zweifelsohne schwer, solch eine Entscheidung zu treffen und dabei zu bleiben", sage ich.
„Wenigstens gibst du zu, dass du emotional kalt bist", bemerkt Dumbledore.
„Und es ist gut so, denn Emotionen sind eine unnötige Last, die Menschen tragen müssen. Ohne sie sieht man die Welt umso klarer und deutlicher", sage ich ernst. „Und wenn ein Mensch zu sein heißt, dass man ein emotionales Durcheinander ist, dass die Emotionen das Leben eines Menschen kontrollieren, dass man wie ein Papierschiff von dem Ozean seiner Gefühle hin und her geworfen wird, dann gebe ich zu, ich bin kein Mensch und möchte keiner sein."
„Aber was auch immer ich tue, wird meine Pflicht immer an erster Stelle für mich sein", füge ich hinzu.
„Gesprochen wie ein echter Erbe der Dunkelheit", meint Dumbledore.
„Danke", sage ich und wende mich um.
Dumbledore nickt nur und schließt die Augen, auf die Rückkehr des dunklen Lord wartend.
„Ich erinnere mich, als Lily und James mich zu ihrem Haus eingeladen haben, um dich zu sehen", sagt Dumbledore nach einer Pause. „Schon als du klein warst, konnte ich spüren, dass es etwas Dunkles an dir gibt. Ich wusste nicht, was. Lily und James waren freundliche, gute Menschen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ihr Sohn anders wäre. So habe ich ein paar Zauber auf dich gesprochen, während sie im Wohnzimmer waren. Denn ich wollte sie nicht mit meinen Vermutungen und dunklen Zweifeln belästigen."
Ich schaue ihn unbeeindruckt an. Hofft er, dass ich meine Meinung ändere? Dass ich doch entscheide, ihn nicht zu töten? Dann kennt er mich überhaupt nicht und ist dümmer, als ich dachte.
„Solch einen magischen Kern habe ich nur zweimal in meinem Leben gesehen", murmelt Dumbledore. „Ich konnte es nicht glauben. Aber ich habe keinem gesagt, was ich herausgefunden habe. Ich konnte es einfach nicht. Und als Sybill die Prophezeiung gemacht hat, habe ich gleich gewusst, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Dunkelheit in dir aufwacht. Ich habe entschieden, dich fern davon zu halten, in der Hoffnung, dass du nie herausfindest, was du wirklich bist. Aber ich habe dich unterschätzt."
„Viele tun das", sage ich augenrollend.
„Ja", murmelt Dumbledore. „Hasst du mich?"
„Nicht direkt", beantworte ich diese seltsame Frage. „Du stellst etwas dar, was ich zerstören möchte."
„Dein altes Leben", sagt Dumbledore sofort. „Den alten Harry. Habe ich Recht?"
„Ja", sage ich ein wenig genervt.
Ich habe mich schon daran gewöhnt, dass der dunkle Lord alles über mich wissen möchte und dass er oft in meinem Kopf herum wühlt. Aber er ist mein Lehrer. Er soll Sachen über mich wissen, auch wenn ich am liebsten eine permanente mentale Barriere errichten würde, sodass er nie wieder einen Blick in meine intimen Gedanken werfen kann. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Aber wenn Dumbledore meine intimen Gedanken laut ausspricht, macht es mich wütend.
„So was hat Voldemort auch versucht, indem er sich einen neuen Namen gegeben hat", meint Dumbledore. Mann wie ich es hasse, wenn Menschen so sprechen, als wissen sie alles. „Denkst du, dass er erfolgreich war? Dass er sein altes Ich, das er so hasste, losgeworden ist?"
„Du weißt gar nichts über die dunklen Magier, oder?", frage ich verächtlich. „Darum geht es nicht. Wir können nicht ändern, was wir einmal waren. Schließlich ist auch unsere Vergangenheit ein Teil unserer magischen Entwicklung und sie zu ignorieren wäre wirklich dumm. Aber wenn man weiter wächst und mächtiger wird, kann man nicht mehr seinen alten Namen benutzen, denn man ist so viel mehr geworden und die Vergangenheit ist nur ein altes Kapitel im Buch des Lebens, das fertiggeschrieben ist. Man braucht einen neuen Namen, der der Person entspricht, die man jetzt ist. Es ist Realität und nicht Wunschdenken."
„Und hast du einen neuen Namen?", fragt Dumbledore leise.
„Noch nicht, aber ich arbeite daran", sage ich grinsend.
Wahrscheinlich hat er kein Wort davon verstanden, was ich ihm soeben gesagt habe, denn er wird es nie begreifen. Er ist ein Hellmagier, durch und durch. Und sowie ich manche Sachen, über die er spricht, nicht verstehen kann, so ist es auch mit ihm.
„Harry?", sagt Dumbledore als ich mich von ihm abwende. Wir beide hören sich nähernde Schritte. „Ich möchte, dass du weißt... ich vergebe dir."
„Wofür?", frage ich mit einem hämischen Lächeln.
Hellmagier und ihre Vergebungen. Er möchte sich nur das Gewissen erleichtern ehe er stirbt, das ist alles.
„Für alles, was du getan hast und für das, was du vorhast, zu tun", sagt Dumbledore.
„Schön, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll", sage ich achselzuckend. „Es bedeutet mir überhaupt nichts."
In jenem Moment betritt der dunkle Lord den Raum und schaut sich um.
„Bereit?", fragt er, Dumbledore keines Blickes würdigend.
„Ja, Meister", antworte ich, meinen Dolch in die Hand nehmend.
Voldemort setzt sich in die Ecke und schlägt die Beine übereinander.
Dumbledore schließt die Augen, als ich den Dolch hochhebe und mit dem Ritual anfange. Er hat sich mit seinem Schicksal versöhnt und es scheint, dass er keine Angst mehr hat, sondern nur auf den tödlichen Schlag wartet. Ich halte den Dolch mit beiden Händen und die Sätze auf Latein fließen aus meinem Mund. Das ist das Ende von meinem alten Leben. Das ist der Anfang von etwas Neuem, von einem neuen Leben der Macht und Großartigkeit. Und egal wie sehr Dumbledore sich bemüht hat, mich dazu zu bringen, Mitleid oder Zweifel zu spüren, ist er gescheitert. Denn mein Inneres ist nur mit dem brennenden Wunsch erfüllt, ihn endlich umzubringen und weiterzuleben. Es gibt keine Angst, keinen Zweifel und kein Mitleid in mir. Es gibt nur meinen Willen, der in meinem Inneren wie ein Feuer brennt, und der heute verwirklicht wird.
Dumbledore glaubt an die Prophezeiungen und Voldemort hat auch daran geglaubt. Ich wiederum habe den beiden gezeigt, wie man das Schicksal austricksen und seine eigene Zukunft bestimmen kann. Manche Menschen sind an ihr Schicksal gebunden; aber ich habe ihnen gezeigt, dass man durch seine eigenen Entscheidungen und Wahlen die Zukunft biegen und seinen Wünschen anpassen kann. Man hat mich mein ganzes Leben kontrolliert und bestimmt, was ich tun soll und zu was ich werden soll. Aber ich hatte genug davon. Ich möchte niemandes Puppe sein. Ich möchte endlich frei sein. Und der Weg zur Freiheit liegt vor mir und bewegt sich nicht.
Vor ein paar Monaten habe ich ihn wirklich, mit meinem ganzen Wesen, gehasst. Jetzt aber nicht mehr. Mein Hass ist zusammen mit den anderen Gefühlen verschwunden; sie wurden aus meiner Brust herausgerissen und sind weg. Aber ich bedauere Dumbledore auch nicht. Er ist mir einfach egal. Er ist das letzte Hindernis auf meinem Weg zur Großartigkeit und Macht und ich werde dieses Hindernis, wie jedes, zerstören. Vielleicht glauben die Hellmagier, dass 'gute Taten' dazu beitragen, dass man Frieden nach dem Tod findet. Dass man endlich seine Ruhe hat. Aber ich glaube nicht daran. Ich glaube, dass mein eigener Wille bestimmt, was gut und böse ist. Und während ich meinem Willen folge und nicht von meinen eigenen Prinzipien und Idealen abschweife, habe ich nichts zu bereuen. Während ich in Einklang mit der Dunkelheit in mir bin, kann nichts schiefgehen. Und das habe ich auch heute bewiesen. Ich habe das Unmögliche getan, zusammen mit dem dunklen Lord. Zusammen haben wir den Vertreter des Lichtes besiegt und er hat mir netterweise die Belohnung dafür übergeben.
Seit wir Hogwarts verlassen haben, sah der dunkle Lord sehr zufrieden aus. Und jetzt sitzt er in seiner Ecke und lächelt, als ich die letzten Worte schreie und den Dolch mit aller Kraft in die Brust von Albus Dumbledore versenke und ihn danach mit einem mächtigen Ruck herausziehe, der mich stolpern lässt. Für ein paar Momente starre ich die Leiche an und genieße das Gefühl, das mich soeben erfüllt. Ich atme mit geschlossenen Augen tief durch und heiße die Macht willkommen, die mich bis zum Rand ausfüllt und mich schwindelig werden lässt. Mein ganzer Körper zittert und ich kann nicht genug davon haben. Ich lehne mich gegen den Tisch und starre Dumbledores lichtblaue, jetzt leblose, Augen an. Diese Hände haben es getan... Es gibt Blut an meinen Fingern... Dumbledores Blut...
Als das Gefühl allmählich nachlässt, wird mir klar, was gerade passiert ist und ich schaue auf und begegne dem Blick von dunklen Augen, die mich über den Tisch hinweg anschauen. Ich grinse breit und beginne zu glucksen, als ich zu meinem Stuhl hinüber stolpere. Ich habe es geschafft... Es ist vorbei... Langsam wird mein Glucksen zum Gelächter und bald kann ich mich nicht halten... Es war so einfach... so verdammt einfach... und ich habe es geschafft. Ich habe Dumbledore gefangen, ich bin aus Hogwarts geflohen und ich habe ihn getötet. Ich fühle mich wie neu geboren. Es fühlt sich genauso an, wie ich es mir schon tausendmal vorgestellt habe, und noch viel besser.
/Hermines Sicht
„Was passiert jetzt?", fragt ein todernster Theodore Nott.
„Nun, ich denke, dass wir noch heute dieses Haus verlassen werden", sagt Draco nachdenklich. „Denn wenn ihnen klar wird, auf welcher Seite Harry wirklich steht, werden sie natürlich auch dieses Haus durchsuchen. Es gehört ihm."
„Scheiße", murmelt Zabini.
„Ja, genau", seufzt Draco. „Unsere Elfen packen im Manor unsere Sachen... und sie werden auch versuchen, unsere Koffer aus Hogwarts zu holen... Aber es ist fraglich, ob es ihnen gelingt."
Jetzt reden wir unablässig weil keiner darüber nachdenken möchte, was gerade im Keller vorgeht. Sie alle sollen dunkle Magier sein, auf diese oder jene Weise, manche nur durch die Zugehörigkeit zur dunklen Seite. Aber keiner möchte darüber nachdenken, wie jemand – ja, Dumbledore, aber für mein Argument spielt es keine Rolle, um wen es geht – da unten zu Tode gefoltert wird. Und den Schreien nach zu beurteilen, die wir gehört haben, wird Dumbledore gefoltert. Ein Bild von Harry, der mit dem Stab in Hand über ihm steht und ihn foltert, huscht an meinem geistigen Auge vorbei, aber ich vertreibe solche Gedanken und versuche, mich auf das Gespräch zu konzentrieren.
Zabini war sehr nett. Er ist noch immer nett zu mir. Und auch wenn ich es nicht zugeben wollte, betrachte ich diese Slytherins als meine Freunde. Was ist nur aus Anthony geworden? Er hat mich sicherlich gesucht... nur um zu hören, dass ich weg bin. Was er jetzt über mich denkt? Ach, Blödsinn. Das ist überhaupt nicht wichtig. Ich habe einen guten und freundlichen Jungen getäuscht und ich fühle mich mies genug, eben ohne die Gedanken, was er jetzt von mir hält. Vielleicht denkt er, dass ich entführt worden sei. Aber das erleichtert mein Gewissen überhaupt nicht.
„Wo sind deine Eltern, Draco?", frage ich in die Stille.
„Mein Vater ist mit den anderen hier irgendwo", sagt Draco leise. „Und meine Mutter... weiß ich nicht. Vater wird sie holen."
Ich presse die Lippen zusammen. Narzissa ist mir sehr lieb geworden und ich möchte nicht, dass ihr etwas passiert.
„Und du?", fragt Blaise Zabini auf einmal, dessen Arm noch immer um meine Schultern liegt.
„Meine Eltern wissen nichts über nichts und würden keinem etwas sagen können, auch wenn jemand sie findet", antworte ich leise. „Klar, mache ich mir ein wenig Sorgen um sie, aber ich denke nicht, dass sie in Gefahr sind."
„Warum bist du überhaupt mitgekommen?", fragt Nott neugierig. „Ich meine, ich weiß, dass du Harrys beste Freundin bist und alles, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass du wirklich mitkommen möchtest. Ich weiß, dass du schon viel getan hast... Für die dunkle Seite, meine ich. Du hast Harry geholfen. Aber stehst du auf der dunklen Seite?"
Der Raum wird totenstill und ich lächele schwach. Nott ist einer von denen, die mit mir gesprochen haben, wenn sie es tun mussten. Aber jetzt hört er sich nicht so an, als sei er durch Harrys indirekte Gegenwart dazu gezwungen, mit mir zu reden.
„Ja", sage ich, meine Hände anstarrend. „Beweist nicht alles, was ich bisher getan habe, dass ich auf der dunklen Seite stehe?"
„Es beweist, dass du Harry unterstützt und dass du nicht möchtest, dass ihm etwas passiert", sagt Nott, der mich neugierig mustert. „Aber das muss nicht heißen, dass du auf der dunklen Seite stehst. Also stehst du doch auf unserer Seite."
„Ich habe es Harry versprochen und ich werde mein Versprechen nicht brechen", sage ich ein wenig genervt. „Aber ich bin freiwillig hier, weil ich hier mit euch hingehöre."
Nott zuckt mit den Schultern und sagt nichts dazu. Ich weiß ja, was sie alle denken. Sie alle stammen aus dunklen Familien, in denen es schon Tradition ist, die dunklen Lords zu unterstützen und die dunklen Künste zu üben. Und wer bin ich? Ich werde ihnen schon zeigen, wer Hermine Granger ist.
In jenem Moment hören wir etwas Seltsames und wir alle heben die Köpfe. Jemand lacht. Ein Todesser vielleicht? Aber wer würde es wagen, laut zu sein, wenn der dunkle Lord gesagt hat, man solle ihn und Harry nicht stören? Dann hören wir noch jemanden, der auch lacht, eine tiefere Stimme, die zusammen mit der ersten Person lacht. Jetzt reden sie. Das heißt, sie schreien und sie lachen.
„Oh Mann", murmelt Draco und schüttelt den Kopf.
„Ist das etwa... denkst du, dass...", flüstert Zabini, der blässer wird. Draco nickt.
Wir sitzen so in Stille für eine Ewigkeit, den Stimmen zuhörend und ins Leere starrend. Jeder hat sich seinen eigenen Gedanken und Vermutungen gewidmet und keiner möchte darüber reden.
Nach einer Ewigkeit öffnet sich die Tür und jemand kommt rein. Ich schaue auf. Es ist Harry.
Er grinst von einem Ohr zum anderen und lässt den Blick über den Raum schweifen. Seine Finger und Hände sind blutverschmiert und er hat ein paar Bluttropfen auf seinen Wangen. Und er ist im Rausch. Das sieht jeder, der Augen hat. Aber seine Augen... Jetzt kann ich es deutlich sehen, das, was ich früher nur vermutet habe und wovon ich gedacht habe, dass meine Augen mir Streiche spielen. Sie sind rot und sie glitzern vor Freude.
„Meine liebe Freunde", sagt er laut und feierlich.
Ist er etwa betrunken? Zumindest sieht er betrunken aus. Schlimmer kann es nicht sein.
„Vor ein paar Momenten ist der Vertreter des Lichtes, der große Weißmagier, Albus der Weise, der Gute und der augenzwinkernde Dumbledore – ich erinnere mich nicht an seine anderen Namen und sie sind nicht mehr wichtig – gestorben."
„Harry", flüstere ich.
Beim Anblick seiner Augen spüre ich einen Stich von Angst, der wie ein Messer meinen Bauch durchsticht.
Keiner wagt es, sich von der Stelle zu rühren, oder etwas zu sagen. Denn sie alle sitzen vollkommen sprachlos da und gaffen ihn an. Keiner, außer mir.
Ich springe auf die Füße und werfe mich auf ihn. Er ist so kalt... Und er zittert. Er riecht nach Blut und Alkohol...
Ich vergrabe meinen Kopf in seinem Haar, sodass ich mir nicht diese roten Augen anschauen muss. Man muss kein Genie sein, um zu wissen, dass er schon wieder irgendein dunkles Ritual ausgeführt hat, das ein menschliches Opfer erfordert. Und dieses Opfer war natürlich Dumbledore. Aber er ist noch immer mein Freund. Ich habe schon viel gesehen und viel erlebt, was Harry angeht und ich habe ein dickes Fell bekommen. Ich kann jedoch nicht leugnen, dass ich am liebsten auf dem Sofa geblieben wäre.
Die kalten, blutverschmierten Hände umarmen mich zögernd, aber er trennt sich schnell von mir. Ich blicke von seinen Augen weg.
„Und du warst sehr gut", sagt er, mein Kinn mit dem Finger hebend. Ich nicke nur. Es gefällt mir nicht, was ich in seiner Gegenwart spüre. Es ist etwas... Schreckliches... Wahrscheinlich hat dieses Ritual solch eine Wirkung auf einen. Er hat ihn nicht nur getötet, sondern auch für seine eigenen Zwecke benutzt. Und was auch immer er getan hat, es muss etwas Schreckliches sein.
„Ihr alle habt es gut gemacht", sagt er zu allen.
Ich stehe an der Seite, seinen Rücken anstarrend. Harry... Was hast du schon wieder getan? War es nicht genug, den Mann einfach zu töten? Musstest du ihn auch foltern? Ihn opfern? Was hast du getan? Gibt es jetzt überhaupt etwas in der Welt, was dich anekelt?
„Der dunkle Lord gibt momentan seinen Dienern Anweisungen", sagt Harry, der sich auf einen Sessel wirft und die Augen schließt. Gut, dass ich mir nicht mehr diese roten Augen anschauen muss. „Und wir sollen warten. Dann werden wir alle dieses Haus verlassen. Denn das Ministerium weiß, dass es mir gehört und man wird mich hier suchen."
„Was hast du getan?", fragt Draco.
Er hat seine Sprache wieder gefunden und starrt seinen Liebhaber kreidebleich an. Vielleicht ist er der einzige, der es wagt, Harry zur Rede zu stellen.
„Mit dem großen Weißmagier, meinst du?", fragt Harry, der noch immer mit geschlossenen Augen dasitzt. „Eine Menge."
Er grinst breit und wirkt selbstzufrieden. Ich weiß nicht was schlimmer ist – der Rausch oder der Alkohol. Wahrscheinlich ist die Kombination davon am schlimmsten.
„Hauptsache ist, er ist jetzt endlich tot", sagt Harry, sich die Lippen leckend.
Die Slytherins wechseln Blicke. Es ist eine Sache, darüber zu reden, wie man am liebsten die Hölle aus jemandem fluchen oder jemanden umbringen würde. Aber es ist eine ganze andere Sache, es tatsächlich zu tun. Jedem ist so was zuwider. Außer Harry. Und ich finde es erschreckend und unmenschlich, dass jemand zu so was fähig ist.
„Also trinken wir etwas", sagt Harry, seinen Stab zückend und damit wedelnd. Eine Flasche Feuerwhisky erscheint auf dem Tisch. Wann hat er DAS gelernt, frage ich mich? Aber es sollte mich überhaupt nicht wundern. Schließlich reden wir hier über Harry, den Erben der Dunkelheit. Ich habe ja gesehen, wie er kämpft. Nichts sollte mich mehr überraschen.
Keiner möchte ihm sagen, dass er genug getrunken hat und ich nehme kommentarlos ein Glas von ihm entgegen.
Harry hebt sein Glas hoch und blickt in die Runde. Aber keiner möchte ihm in die Augen schauen. Für einen Moment lang sieht er so aus, als wolle er fragen, was zum Teufel los sei, aber dann wird es ihm klar und er grinst breit.
„Es wird nachlassen", sagt er. Also liest er jetzt unsere Gedanken wie Bücher. Unheimlich. „Also. Auf den Tod des großen Weißmagiers. Auf den dunklen Lord. Auf den Anfang der Ära der Dunkelheit. Prost!"
Er leert sein Glas in zwei Schlucken und lehnt sich selbstzufrieden zurück. Ich wiederum trinke die widerliche Flüssigkeit langsam und mit Dankbarkeit, weil mein Herz schon seit Stunden wie wild gegen meine Brust klopft und weil ich mich, seit ich Harry gesehen habe, wie er die große Halle verlassen hat, so fühle, als könnte ich platzen. So viel in nur zwei oder drei Stunden habe ich noch nie in meinem Leben erlebt und in mir herrscht totales Durcheinander. Der Alkohol brennt in meinem Magen und sofort spüre ich eine warme Welle, die sich in mir ausbreitet. Ich atme tief durch. Hoffentlich wird es mir besser gehen.
Wir hören Stimmen vor der Tür und Harry öffnet die Augen, als der dunkle Lord den Raum betritt, dicht von Lucius Malfoy und Bellatrix Lestrange gefolgt. Wir alle stehen auf – alle, außer Harry – und ich starre meine Hände an, als ich den Füßen des dunklen Lords mit meinem Blick folge. Der Vertreter der Dunkelheit... Was wird er wohl zu meiner Anwesenheit sagen?
„Wir brechen auf", sagt er.
Seine Stimme ist so tief... Ich habe solch eine melodiöse und tiefe Stimme nicht erwartet. Er blickt in die Runde, aber keiner wagt es, sich zu bewegen. Ich war noch nie dem dunklen Lord so nahe...
„Ist das dieses Mädchen, über das du gesprochen hast, Harry?"
Ich erstarre und starre weiter meine Hände an, als die Füße des dunklen Lords näher kommen. Mein Herz pocht schmerzhaft gegen meinen Brustkorb und ich schlucke. Sollte ich mich hinknien? Ich habe keine Ahnung...
„Ja, Meister", höre ich Harrys betrunkene Stimme. „Das ist Hermine."
„Bürgst du für sie?", fragt der dunkle Lord.
„Ja", antwortet Harry und rülpst.
„Manieren", schnappt der dunkle Lord. „Also in Ordnung. Lucius, du wirst dich um die Kinder kümmern. Gehen wir. Harry, komm mit."
Er verlässt den Raum und ich begegne dem Blick von Lucius Malfoy, der mich mit einer unergründlichen Miene anschaut. Harry ist schon verschwunden.
„Kommt", sagt Lucius leise.
Ich atme tief durch und stehe auf. Zabini legt einen Arm um meine Taille und führt mich aus dem Salon heraus, da er offensichtlich sieht, dass es mir nicht gut geht. In der Eingangshalle sind etwa zwanzig Todesser, die miteinander tuscheln und uns keine Aufmerksamkeit schenken.
Lucius zieht ein Seil hervor und blickt in die Runde. Ein Portschlüssel. Wohin gehen wir? Auf ins Unbekannte... Aber ich bin endlich frei... Ich gehe mit diesen Menschen, die ich Freunde nennen kann... Und Harry kommt mit. Oder?
Lucius hält inne, als sich eine kleine Tür öffnet und lässt seine Hände sinken. Die Todesser brechen in Jubel aus und einige klatschen, als zwei Zauberer durch die Tür hindurchkommen. Sie tragen etwas. Mein Herz hört auf zu schlagen, als mir klar wird, was – oder wen – sie mit hochgehobenen Stäben schweben lassen.
Sein langer Bart baumelt wie der Schwanz einer toten Katze und die Phönixe auf seiner Ballrobe bewegen sich noch immer. Aber sie sehen nicht mehr fröhlich und sorglos aus, sondern eher traurig und irgendwie künstlich. Sie sollten eigentlich ein Beerdigungslied singen... Als die Todesser seine Leiche schweben lassen, lässt sie Bluttropfen hinter sich, die geräuschlos auf den gut polierten Boden fallen. Ich spüre, wie sich beim bloßen Anblick Tränen in meinen Augen sammeln und ich presse die Hand auf meinen Mund. Es ist unerträglich... Ich kann es nicht glauben, dass er tatsächlich tot ist...
Einige Todesser beginnen zu singen und Harry taucht aus dem Nichts auf und beginnt mitzusingen.
„Meine lieben Kollegen und Kolleginnen!", schreit er, Dumbledores Worte, die er beim Ball gesprochen hat, jetzt als eine Verhöhnung seiner Rede wiederholend. Schon wieder hält er ein Glas in Hand. „Heute ist ein guter Magier gestorben und wir sollten ihn betrauern, für alles, was er war und was er der Welt gegeben hat."
Er senkt feierlich den Kopf und einige Todesser wechseln verwirrte Blicke. Aber da der dunkle Lord nicht weit weg von ihm steht und lächelt, blicken sie wieder in Harrys Richtung.
„Das heißt, wir müssen feiern, dass er endlich tot ist!", schreit Harry und die Todesser prusten los.
„Guter Weißmagier, requiescat in pace und all der Scheiß. Schau auf mich ab und zu hinunter und denke darüber nach, wer dich getötet hat! Sei dankbar für die Erlösung! Schaue zu, wie die Ära der Dunkelheit anfängt und wie das Licht mit deinem Tod erlischt!"
Er lacht laut und schüttelt den Kopf, als die Leiche langsam durch die Tür verschwindet.
„Auf den dunklen Lord", sagt Harry, sich ihm zuwendend und das Glas hochhebend. Der dunkle Lord neigt den Kopf zur Seite und nickt nur. „Auf die ewige Nacht!"
Als ich wegappariert bin, kann ich noch immer ihr Gelächter hören, das in meinen Ohren hallt. Ich werde es immer in meinem Kopf hören können...
