19. Wiedersehen

Yuri und seine Freunde erreichten den Hafen Szarreyl, in dem sich, laut Yozak, Kaori aufhalten soll. Nachdem sie Chéries Schiff im Hafen gesehen hatten, war die Spannung der Erleichterung gewichen, doch immer noch war sie vorhanden und würde erst dann komplett verschwinden, wenn sie Kaori vor sich sahen.

Sie machten sich auf den Weg zu dem Haus, das Yozak ihnen in seiner Nachricht beschrieben hatte. Es dauerte auch nicht lange und sie standen vor der Holztür. Conrad klopfte dreimal und wartete. Die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet und die Gruppe sah den bekannten Rotschopf wie er kurz die Umgebung überprüfte und ihnen die Tür dann öffnete.

„Ich habe mich schon gefragt, wann ihr ankommen würdet." meinte er, nachdem er die Tür hinter dem Letzten zugezogen hatte.

„Wir sind so schnell gekommen wie es ging." entgegnete ihm Conrad.

Yuri wandte sich unterdessen um und suchte nach dem Mädchen, wegen dem sie den weiten Weg auf sich genommen hatten. Auch Wolfram suchte aus den Augenwinkeln nach der schwarzhaarigen Schwester seines Verlobten. Doch keiner von beiden konnte sie finden.

„Yozak. Wo ist Kaori?" fragte nun der junge Dämonenkönig seinen Freund und Soldaten. Dieser kratzte sich am Hinterkopf und lächelte ein wenig verlegen.

„Naja, Chérie-sama wollte sie noch nicht gehen lassen. Aber da sie nicht noch einmal nach draußen gehen sollte, haben sich die Damen in das Schlafzimmer zurückgezogen, um ihren Spaß zu haben." meinte er.

Yuri seufzte vor Erleichterung und machte sich auf Richtung Schlafzimmer.

„Wo wollt ihr hin, Heika?" fragte ihn Conrad.

„Ins Schlafzimmer natürlich. Ich muss Kaori noch zurechtweisen. Sie kann nach ihrer Entführung nicht einfach verschwinden, ohne vorher mit einem darüber geredet zu haben." Yuri, der schon fast den Raum verlassen hatte, wurde von einer Hand auf seiner Schulter gestoppt. Als er dem Arm dieser Hand folgte, landete sein Blick auf dem Gesicht seines Namensgebers, Conrad.

„Ich fürchte, das ist keine gute Idee." sagte er.

„Wieso?" fragte Yuri zurück. Daraufhin lächelte Conrad auf seine typische Weise.

„Wie ich Mutter kenne, wird sie sich ein bisschen mit Kaori austoben. Mit anderen Worten sie wird sie erst dann wieder aus dem Zimmer lassen, wenn sie bis zur Perfektion gekleidet ist."

Yuri sah zu seinem Paten, dann in den Flur, der zum Schlafzimmer des Hauses führte, bevor er sich wieder Conrad zuwandte und geschlagen den Kopf hängen ließ. Er setzte sich auf einen der vorhandenen Stühle und wandte sich seinem Bodyguard zu.

„Was glaubst du wie lange sie brauchen?" fragte Yuri Conrad. Dieser lächelte ihn weiter an und meinte:

„Wer weiß?"

In diesem Augenblick hörten sie Schritte im Flur und Chéries Stimme, wie sie fröhlich vor sich hin redete und einer weiteren Person Komplimente machte.

„Ich wusste, dass dir das Kleid stehen würde. Du siehst darin besser aus als ich." meinte sie, bevor sie als erste den vollen Raum betrat.

„Oh! He~ika!" Sie sprang besagte Person an und klammerte sich in einer festen Umarmung an ihn.

„Ich habe ja schon auf euch gewartet. Ihr müsst mir unbedingt eure Meinung sagen. Und? Was meint ihr?" Mit diesen Worten drehte sie ihren Kopf in Richtung des Flurs, in dem nun eine weitere Person stand. Ihr schwarzes Haar fiel in sanften Wellen ihren Rücken. Zwei Strähnen verliefen an beiden Seiten ihres Gesichts. Das Kleid das sie trug, zeigte nicht zu viel von ihrer Haut, doch immer noch genug, um den Blick des anderen Geschlechts auf sich zu ziehen. Das dunkelblaue, fast schwarze Kleid zeigte nicht viel vom Dekolletee, dafür verbarg ein langer Schlitzt nicht das cremefarbene Bein seines Trägers.

„Nanu?! Yunii-san, du bist schon hier? Ich dachte du würdest noch etwas länger brauchen, bis du ankommst." meinte Kaori, die ihren Bruder voller Verwunderung anstarrte. Dieser konnte nicht antworten, denn war immer noch von dem Anblick seiner kleinen Schwester abgelenkt.

„Ka... Kaori? Was... wie...hä?" war alles was er herausbrachte.

„Es ist das Kleid, nicht war?" sie wandte sich an Chérie, „Ich habe doch gesagt, dass es mir nicht steht."

Doch Chérie gab ihr nur ein allwissendes Lächeln zurück und kicherte über die Reaktion des jungen Königs. Conrad, der wie immer einen coolen Kopf bewahrte, räusperte sich.

„Ich denke nicht, dass seine Majestät das denkt, Lady Kaori. Es ist vielmehr die Vorstellung, dass andere Herrschaften Euch so sehen könntet, die seine Majestät sprachlos macht."

„Ach nicht doch, Conrad. Ein Juwel wie Kaori muss man einfach polieren und der Menge zeigen." meinte seine Mutter, Lady Cecilie mit einem breiten Lächeln.

Yuri, der sich inzwischen wieder aus seiner Erstarrung befreit hatte, wandte sich an seine kleine Schwester. Sein Blick ernst.

„Kaori! Was hast du dir dabei gedacht das Schloss ohne Absprache mit mir und den anderen zu verlassen?! Hast du schon den Grund vergessen, aus dem wir dich überhaupt hierher gebracht haben?" fragte er sie wütend.

„Dafür konnte ich nichts. Als ich aufgewacht bin, war ich bereits auf Chérie-samas Schiff, welches, wenn ich anmerken darf, bereits ausgelaufen war." entgegnete sie ihm.

Yuri sah sie nur fragend an.

„Ach, ich hatte ganz vergessen einer Wache Bescheid zu sagen, dass ich unsere kleine Kaori mit auf meine Reise nehme. Verzeiht mir, Heike." sagte Chérie in einem so sachlichen Ton, als würde sie das Wetter kommentieren, wobei sie den Ernst der Lage gekonnt ignorierte.

Yuri und auch seine Begleiter schüttelten nur den Kopf über die komischen Verhaltensweisen der Ex-Dämonenkönigin.

„Wie dem auch sei, Kaori, morgen, mit den ersten Sonnenstrahlen kehren wir nach Ketsumei zurück." sagte Yuri mit einer Stimme, die keinen Widerstand tolerierte.


„Warum nochmal mussten wir so früh aufbrechen?" fragte Yuri seine Begleiter, ein Gähnen unterdrückend.

„Hast du es schon vergessen, Yunii-san? Du meintest gestern, dass wir mit den ersten Sonnenstrahlen aufbrechen sollten." gab ihm Kaori mit einem frischen Lächeln zur Antwort.

„Ja... Ich sollte zuerst nachdenken, bevor ich etwas sagen..." grummelte er vor sich hin, doch die gesamte Gruppe konnte ihn trotzdem hören. Während Conrad, Yozak und Kaori nur belustigt lächelten, war Wolframs Reaktion auf sein Gegrummel etwas lauter.

„Was beschwerst du dich über deine eigenen Befehle, Hennachoko!" schrie er seinen noch müden Verlobten an.

„Hennachoko yuuna!" entgegnete ihm Yuri wie gewohnt.

Der gesamte Weg bis zum Hafen verlief auf diese Weise. Yuri sagte irgendwas und Wolfram schrie ihn deswegen an, während der Rest der Gruppe in stillschweigen dem Streit der zwei zuhörten.

Als sie endlich am Hafen angekommen waren, wartete ein Problem auf sie. Ein anderes Schiff, dass letzte Nacht am späten Abend in den Hafen eingelaufen ist, hatte das Schiff aus Shin Makoku gerammt, sodass es zuerst repariert werden musste, bevor sie wieder in See stechen konnte. Während Yuri, Conrad und Wolfram zu einem Schiffbauer gingen, wartete Kaori in der Nähe des Schiffes unter der Aufsicht von Yozak. Die Mannschaft war damit beschäftigt den Schaden der Ladung zu begrenzen und Kaori sah ihnen dabei zu. Als ein Seemann auf die beiden zukam und Yozak um Hilfe bat, sah dieser kurz zu Kaori, die ihm ein warmes Lächeln zur Antwort gab, bevor er dem Seemann folgte.

Nun saß sie alleine auf einer Holzkiste und verfolgte die Männer bei ihrer Arbeit mit ihren Augen. Ihre Beine baumelten umher und sie fing an eine Melodie zu summen, die ihr gerade in den Sinn kam. Um nicht aufzufallen, hatte sie ein einfaches, einfarbiges Kleid an, dass ihr bis zu den Knöcheln reichte. Als sie nun so dasaß, ihre Beine im Rhythmus der Melodie auf und ab bewegend, bemerkte sie nicht den Blick einer gewissen Person, die sie entdeckt und als das Mädchen von Vortag erkannt hatte.

Mit einem seinem üblichen Lächeln auf dem Gesicht näherte er sich ihr, während sein Bodyguard ihm folgte. Mit wenigen Schritten hatte er die Entfernung zu ihr überbrückt und stand nun hinter der Kiste auf der sie saß.

„Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen würden." sagte er und war erfreut zu sehen, dass sie seine Näherung nicht bemerkt hatte. Als sie sich nun umwandte und in die von einer violetten Sonnenbrille verhüllten Augen des jungen Mannes sah, mit dem sie am vorigen Tag zusammengestoßen war, konnte sie sich ein kichern nicht verkneifen.

„Um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Aber zumindest habe ich dich dieses mal nicht umgerannt." meinte sie. Daraufhin musste auf Sara lachen. Er war froh seinen kleinen Vogel wiedergefunden zu haben, bevor er nach Shou Shimaron zurückkehrte. Sie unterhielten sich noch eine Weile, bevor Berias ihm sagte, dass es Zeit wäre zu gehen. Mit einen Seufzer wandte sich Sara wieder dem Mädchen zu, das ihn aus ihm unerfindlichen Gründen faszinierte.

„Wie es aussieht müssen wir uns jetzt verabschieden. Es hat mich gefreut dich wiederzusehen... Da fällt mir ein, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Sararegi, aber bitte nenne mich Sara... und wie darf ich dich nennen?" fragte er mit einem charmantem Lächeln.

„Mein Name ist Kaori. Ich hoffe wir sehen uns mal wieder." entgegnete sie ihm, ebenfalls mit einem Lächeln. Mit einem letzten Lächeln verabschiedete sich Sara und verschwand mit seinem Begleiter in der Ferne.

Kaori hatte ihn die ganze Zeit mit den Augen verfolgt und bemerkte so nicht, wie ihr Bruder mit den anderen zurückkam.

„Kaori! Komm schon, die Reparaturen am Schiff sind fertig. Wir können jetzt los." schrie Yuri ihr aus der Entfernung zu. Daraufhin sprang sie von der Holzkiste, auf der sie die ganze Zeit gesessen war und rannte zu ihrem Bruder. Mit einem letzten Blick in die Richtung, in die Sara verschwunden war, betrat sie das Schiff, das sie zurück nach Shin Makoku bringen sollte.

Was sie jedoch nicht wusste, war, dass Sararegi schon einen kleinen Abstechen nach Shin Makoku geplant hatte und die zwei sich schon bald unter anderen Umständen wiedersehen würden.