21. Die Schwester des Dämonenkönigs
Eine Kutsche fuhr den Weg zum Schloss Ketsumei entlang. Ihm voraus ritt ein Mann mit dunklem Haar und ernstem Auftreten. Zwei Schwerter befanden sich an seiner Hüfte und niemand hatte Zweifel daran, dass er sie ziehen würde, sollte sein König in Gefahr geraten. Besagter König saß friedlich in der Kutsche und sah aus dem Fenster dem Treiben in der Hauptstadt zu. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er die fröhlichen und glücklichen Leute auf der Straße sah. Er wusste, dass sein Freund, Yuri, ein guter und gutmütiger König war und dass ihn sein Volk über alles liebte. Was er jedoch niemandem verraten würde, war, dass er sich besagten Freund zu Vorbild genommen hatte und versuchte so ein König zu werden wie er es war.
Außerdem passierten in Yuris Umgebung immer die interessantesten Dinge, sodass einem nie langweilig wurde. Bei diesem Gedanken musste er schmunzeln.
„Heika, wir erreichen gleich das Schloss." ertönte die Stimme von Berias am Fenster. Sara richtete seinen Blick an seinen Bodyguard und Onkel. Er nickte zur Antwort.
„Nee, Berias, was denkst du wird diesmal passieren?" fragte er schließlich.
Berias sah seinen König und Neffen durch dringlich an, als ob er dort die komplizierten Gedanken seiner Majestät sehen könnte.
„Ich fürchte, da kann ich keine Antwort geben." meinte er nach einigem Schweigen.
Die Kutsche fuhr durch das Schlosstor und kam im Hof zum Halten. Berias stieg von seinem Wallach ab und öffnete die Kutschentür. Sara trat auf den Hof, sah auf in Richtung Schlosseingang und wurde direkt mit dem Anblick seines Freundes und Königs von Shin Makoku begrüßt.
Yuri kam mit einem breiten Lachen die Stufen zum Hof herunter und begrüßte Sara in seiner gewohnten Offenheit.
„Sara! Schön dich wiederzusehen! Wie gehts dir?"
„Yuri... Mir geht es blendend, vielen Dank. Ich bin erfreut, dass du meine Anfrage zu einem Besuch angenommen hast. Ich war nicht ganz sicher, nachdem was zwischen uns vorgefallen ist..."
„Er hätte ablehnen sollen!" kam eine feste, verärgerte Stimme aus dem Schloss. Yuri wandte sich mit einem Stirnrunzeln um.
„Wolfram... Sag so was nicht!" sagte Yuri zu einem Verlobten. Ein 'Hmpf' war seine einzige Antwort.
„Ist schon in Ordnung, Yuri. Es gibt immerhin einen Grund warum Von Bielefeld-kyo so eine Abneigung gegen mich hat." meinte er beschwichtigend zu Yuri. Dann wandte er sich dem blonden Mazoku zu.
„Dennoch hoffe ich, dass wir irgendwann über diese Vorfälle hinwegsehen können." Wieder erklang nur ein 'Hmpf' zur Antwort.
Yuri führte Sara ins Schloss. Sie liefen durch die Gänge von Ketsumei und redeten über diverse Dinge. Sara erzählte Yuri auch, dass es mit Seisakoku* wieder bergauf geht.
„Verstehe. Ein Glück, sonst wäre das ganze Theater mit dem heiligen Schwert umsonst gewesen." meinte Yuri erleichtert über die Nachricht.
Sara zuckte bei der Erwähnung des heiligen Schwertes leicht zusammen, denn für ihn waren damit nicht nur glückliche Erinnerungen verbunden. Yuri schien zu merken, dass sein Freund noch nicht gut auf dieses Thema zu sprechen war und lenkte das Gespräch auf ein anderes, während sich die zwei in Richtung Terrasse machten.
„Da fällt mir ein, dass ich dir noch jemanden vorstellen muss." meinte Yuri lächelnd zu Sara. Dieser sah den schwarzhaarigen König fragend an. Besagter König jedoch machte keine Anstalten weitere Informationen zu liefern und so liefen die zwei Könige durch die Gänge von Ketsumei bis sie an ihrem Zeil ankamen.
Die Terrasse überblickte den Garten, in dessen Zentrum eine Wasserfontäne dem Himmel entgegen schoss. Um den Brunnen mit der Fontäne wuchsen die von Lady Chérie gezüchteten Blumen: Schöner Wolfram, Conrad steht stolz und Geheimnisvoller Gwendal**. In diesem Garten spielten gerade Greta und ein weiteres Mädchen, das vielleicht drei bis vier Jahre älter war, als die Prinzessin des Reiches.
Sara sah den zwei Mädchen verblüfft zu, denn eine von ihnen besaß genauso schwarzes Haar wie sein Freund neben ihm. Sara beobachtete die Interaktion von Greta mit der schwarzhaarigen Unbekannten. Als diese ihr Gesicht jedoch umwandte, sodass man es von seinem Standpunkt aus sehen konnte, fiel ihm auf, dass es doch nicht so unbekannt war wie gedacht.
Er erkannte das Mädchen, dass in Szarreyl mit ihm zusammengestoßen war und dass er am selben Hafen noch kurz vor seiner Abreise wiedergesehen hatte.
„Die zwei verstehen sich wirklich gut." bemerkte Yuri, während er seine Schwester und seine Tochter betrachtete.
„Yuri..."
„Oh, Entschuldigung. Du kennst sie noch gar nicht. Das da unten ist meine kleine Schwester, Kaori." sagte er.
Sara blickte von Yuri hinunter zu den Mädchen und jetzt sah er auch Ähnlichkeiten zwischen den zwei Schwarzhaarigen. Ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.
„Ich wusste gar nicht, dass du eine jüngere Schwester hast, Yuri." meinte Sara.
„Ja,... irgendwie kamen wir nie darauf zu sprechen..." erwiderte der andere seinem Freund.
„Ich würde deine Schwester zu gern mal kennenlernen, Yuri." sagte Sara mit einem kecken Lächeln.
Jetzt nur damit wir uns nicht falsch verstehen, die Person mit einem großen kleine-Geschwister-Komplex ist Shori, nicht Yuri. Doch auch er kam nicht umher eine gewisse beschützerische Ader zu haben, wenn es um seine kleine Schwester ging. Und diese Ader wurde soeben zum Leben erweckt.
Yuris Gesichtsausdruck wurde ernst und er starrte unbeirrt in Saras Gesicht. Dieser war über den uncharakteristischen Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes überrascht, was in seinen hochgezogenen Augenbrauen wiederzufinden war.
„Sara..." seine Stimme war tief, „... das ist meine Schwester... Wenn du mit ihr irgendwas vorhast, das ihr nicht passt, dann haben wir ein Problem."
"..."
"..."
"..."
"Gut. Lass uns runtergehen, dann kann ich euch offiziell vorstellen." meinte Yuri, bevor er sich zu gehen wandte.
Sara starrte seinen Freund an.
Wer hätte gedacht, dass Yuri seinem Bruder Shori so ähnlich sein konnte.
* Seisakoku = das Reich der Shinzoku
** die Übersetzungen der Namen sind meine eigenen, so wie ich die englische noch im Kopf hatte
