22. Der erste Stein
Im Garten versteckte sich Kaori in einem Busch vor Greta. Die beiden hatten eine Runde Verstecken begonnen und Greta war dran mit Suchen. Ihre Nichte war richtig gut in diesem Spiel und Kaori musste kreativer mit ihren Verstecken werden, doch wo soll man sich in einem Garten verstecken, in dem nicht ein einziges Gebäude steht, abgesehen vom Schloss, doch sie hatten vereinbart, dass nur der Garten für ihr Versteckspiel benutzt werden durfte.
Sie hörte wie sich ihr Schritte näherten. Vorsichtig spähte sie durch die Blätter und sah wie Greta drei Meter von ihr stand und in alle Richtungen blickte. Kaori musste sich ein kichern verkneifen, als sie das strahlende aber ratlose Gesicht ihrer Nichte sah.
Unerwartet gesellten sich zwei weitere Personen zu Greta. Der eine war ihr Bruder, Yuri. Als sie die andere Person sah, war sie überrascht ihn zu sehen. Nie hätte sie gedacht, dass sie Sara hier, im Schloss des Dämonenkönigs, antreffen würde. Obwohl sie neugierig war, warum er hier war, blieb sie in ihrem Versteck und beobachtete die drei aus der Entfernung.
„Great. Weist du wo Kaori ist? Ich wollte ihr Sara vorstellen." meinte Yuri, der in die Hocke gegangen war, um mit seiner Adoptivtochter auf Augenhöhe zu sein.
„Nein, das weiß ich nicht. Wir spielen gerade Verstecken und Kaori ist wirklich gut darin." gab das Mädchen zur Antwort.
Yuri lächelte seiner Tochter zu und meinte dann: „Ja, das ist sie. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Sorgen, die Shori und ich immer hatten, wenn wir sie nicht finden konnten."
Kaori musste sich ein Kichern verkneifen, als sie das leicht angespannte Gesicht ihres Bruders sah. Ja, auch sie konnte sich gut daran erinnern. Vor allem an die kleinen Panikattacken, die ihr älterer Bruder Shori hatte, wenn er dachte, dass jemand sie entführt habe und sie sie deswegen nicht finden konnten. An diesen Stellen hatte sie sich ihnen immer erbarmt und war aus ihrem Versteck gekommen, welches, genau wie jetzt, nur einige Meter von den Suchenden entfernt war.
Doch jetzt wollte sie die drei noch ein wenig beobachten und vielleicht auch den Grund für Saras Erscheinen erfahren.
Was sie jedoch nicht beachtet hatte, war die Möglichkeit, dass jemand sie findet. Als sie nämlich einen Zweig aus ihrem Sichtfeld beiseite schob, wandte sich Saras Blick in die Richtung des Busches, in dem sie sich versteckt hatte. Und obwohl er sie zwischen dem ganzen Grün nicht hätte sehen können, traf sein Blick den ihrigen und ein wissendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Sie konnte den Blick nicht von seinem abwenden. Irgendetwas an ihm zog sie an und obwohl sie zugab, dass Sara ein bildhübscher, junger Mann war, war es nicht sein Äußeres, dass diese Anziehungskraft auf sie ausübte.
„Ich denke, ich habe deine Schwester gefunden, Yuri." sagte dieser nonchalant zu seinem Freund ohne den Blick von ihr abzuwenden.
Mit einem kleinen Seufzer stand sie auf und aus ihrem Versteck. Mit einem verlegenen Lächeln trat sie auf Yuri, Greta und Sara zu.
„So wie es aussieht, ist mein Versteck aufgeflogen." meinte sie witzelnd.
Yuri sah ganz erstaunt aus, als er seine Schwester aus dem Busch erscheinen sah. Sein verdutzter Blick wanderte von Kaori zu Sara.
„Woher wusstest du, wo sie war?" fragte er.
Sara wandte sich endlich Yuri zu und entgegnete mit einem Lächeln: „Ich hatte einfach Glück."
Yuri blinzelte einmal, zweimal, bevor er sein Erstaunen überwand und sich an seine Schwester richtete.
„Wie dem auch sei... Kaori, darf ich dir meinen Freund vorstellen?! Sararegi, König von Shou Shimaron. Er ist auf einen Besuch vorbeigekommen und bei der Gelegenheit wollte ich, dass ihr euch kennenlernt." sagte Yuri mit seiner gewohnt offenen Art.
„Ich freue mich Euch kennenzulernen,... obwohl es nicht das erste Mal ist, dass wir uns begegnen." meinte Kaori an Sara gewandt.
Auf diese Äußerung hin weiteten sich Yuris Augen vor Überraschung und auch Greta sah fragend hin und her. Sie war es auch, die die Frage stellte, die durch Yuris Kopf schwirrte:
„Ihr kennt euch?"
Es war Abend und im Esssaal von Ketsumei hatten sich die üblichen Personen zusammengefunden. Heute jedoch mit zwei zusätzlichen Gästen aus Shou Shimaron. Nach dem Gespräch im Garten waren Yuris Nerven ein wenig angespannt. Er konnte das Gefühl nicht loskriegen, dass zwischen Kaori und Sara etwas vorgefallen war, obwohl dies nicht der Fall war. Doch es ging hier schließlich um seine geliebte, kleine Schwester und da konnte er schon mal zu einem Shori werden.
„Ich sagte doch schon, dass du dir keinen Kopf machen musst, Yuri. Wir sind uns nur zweimal zufällig über den Weg gelaufen." versuchte Kaori die Laune ihres Bruders und hiesigen Dämonenkönigs zu verbessern, denn sie wusste ganz genau, dass Yuri in seine Shori-Immitation verfiel.
Dieser schmollte noch ein Weilchen vor sich hin, während er parallel dazu irgendwelche undeutlichen Dinge grummelte. Ein Seufzer entwich ihren Lippen, wobei sie ihr Kopf resigniert senkte.
Die anderen Anwesenden waren zunächst überrascht zu erfahren, dass Kaori und Sara sich bereits begegnet waren, doch nahmen sie diese Neuigkeiten besser auf als ihr König, der sich benahm wie ein kleines Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hatte.
Nach einer Weile hatte auch er sich wieder beruhigt und das Abendessen verlief wie jeden Abend mit den üblichen Unterhaltungen und dem gelegentlichen Streitereien zwischen Yuri und Wolfram.
Was jedoch keiner bemerkte, war jener eine Soldat, der sich strategisch in einer Ecke des Zimmers befand, genau wie drei andere, um den König und seine engsten Vertrauten im Notfall zu beschützen. Dieser Soldat war aber nicht dem Dämonenkönig und seinem Reich treu.
Nein.
Er verfolgte andere Ziele zusammen mit seinem Meister und hatte sich als Soldat ausgegeben, um seinem Ziel näher zu sein. Dieses Ziel saß ganz ruhig am Esstisch und unterhielt sich abwechselnd mit dem kleinen Menschenmädchen, ihrem Bruder und Shou Shimarons König.
Dessen Anwesenheit gab ihm ein ungutes Gefühl, denn er wusste, dass jener König zur Hälfte ein Shinzoku war., d.h. neben Kaori mit ihrem immensen Maryoku eine weitere Gefahr für seinen Meister.
Nachdem die Herrschaften fertig waren und den Raum verlassen hatten, machte sich auch Utagai, jener falsche Soldat, auf zu seiner temporären Unterkunft, um seinem Meister Bericht zu erstatten.
Meister Kyofu war nicht erfreut über das unerwartete Erscheinen des Halb-Shinzoku, doch dies bedeutete nur, dass sie ihren Plan früher als geplant in die Tat umsetzten mussten. Mit ein paar Modifikationen, um sich den neuen Anforderungen zu entsprechen natürlich.
Der Auftrag hieß nun nicht mehr nur Kaori zu entführen, sondern auch König Sararegi aus dem Weg zu räumen. Dabei war es vollkommen egal wie viele Opfer es gab.
Utagai machte sich mit diesen Befehlen auf zum Schlafgemach des schwarzhaarigen Mädchens, welches entweder ihre Pläne durchkreuzen oder erfüllen würde. Er hatte nur einen Gedanken:
Noch heute Abend wird sie in Meister Kyofus Händen sein.
