TERRA NOVA

Of Daughters

7. Erinnerung

Sie saß neben dem Bett ihres Vaters und betrachtete ihn mit einem traurigen Blick. Heute Morgen war er zum ersten mal nach der Betäubung auf seinem Kommandostand wach gewesen und hatte es beinahe geschafft seine Fesseln zu zerreißen, ehe sie ihn wieder betäubt hatten. Er war noch immer der Meinung gewesen in Somalia zu sein, während es sie zutiefst erschrocken hatte und sie sich danach Sorgen gemacht hatte, wo die meisten anderen Erkrankten sich längst zurückerinnerten. Doch Dr. Shannon, welche selbst seit einigen Stunden wieder arbeitete, hatte ihr versichert, das würde noch kommen, er sei nur eben länger infiziert gewesen als sie, oder Malcolm Wallace.

Jetzt nach dem Mittagessen saß sie also wieder an seiner Seite, abwartend. Es war seltsam und fiel ihr schwer, den kräftigen, alten Haudegen überwältigt und verzweifelt da liegen zu sehen. Und verzweifelt war er gewesen, letzte Nacht, wie am Morgen und wie es sein Blick noch immer war. Nachdem sie ihn hier kennengelernt hatte, war er ihr immer wie ihr Beschützer erschienen, ein Fels in der Brandung, sie hatte bisher nie darüber nachgedacht, das es einmal anders sein könnte. Jetzt aber lag er gefesselt vor ihr und obgleich sie am Morgen froh darüber gewesen war, verletzte sie vor allem diese Tatsache, an seinem derzeitigen Anblick. „Wach doch bitte wieder schnell auf," sagte sie leise und strich über seine Hand, als sie Schritte hörte.

„Thalia."

Sie drehte sich herum, entdeckte ihn: „Jayce!" Sie sprang auf, lief in seine Arme, die Tränen kamen ganz von selbst, sie konnte sie nicht verhindern. Weinend lag ihr Kopf im nächsten Moment an seiner Brust und er strich ihr sanft über den Rücken das Haar.

X

~Wash~

Washington seufzte, und reichte der Ärztin ihre verletzte Hand. So etwas würde ihr sicher nicht noch einmal an einem Haus, okay unfertig mit scharfen Kanten, aber dennoch... Die Ärztin legte die Instrumente beiseite. „Fertig, wie neu."

Sie nickte und zog ihre, nun nicht mehr blutende Hand zurück. „Danke, das..."

Jayce!"

Wie die beiden Shannons wandte auch Washington den Blick nach rechts. Nathalia wurde eben von einem jungen Militär in die Arme geschlossen und weinte schluchzend an seiner Schulter. Wash seufzte erleichtert, sie hatte seit der Nacht keinen Zugang zu Nathalia bekommen und entschieden Valine von der Patrouille zurückzubeordern. Jetzt war sie sicher das ihre Entscheidung richtig gewesen war.

„Ähm... weiß er davon?" Fragte Shannon sie nun und beobachtete das junge Paar wachsam. Ihr Mann hingegen lächelte breit. „Die Frage ist eher, ob er ahnt, wie weit die beiden sind. Die machen Maddy und Reynolds Konkurrenz."

„Moment... er weiß es?" Fragte sie erneut, die Ärztin hob überrascht die Brauen, „Und der Junge lebt noch? Und in einem Stück?"

Washington stand grinsend auf. Sie nickte und nahm ihre Waffe von der Liege. „Genau genommen, hat er sie nach der Sache mit diesen kleinen Flugbiestern sogar in ihrem Bett gefunden, schlafend."

„Nein!" Beide Shannons sahen sie ungläubig an, doch sie nickte, immerhin fand sie es selber nach wie vor ziemlich überraschend, doch es war was ihr Nathalia erzählt hatte. „Sein Glück war wohl, das sie unter der Decke lag und er in voller Montur darüber."

„Schatz? Hatte Maddy auch schon..."

Die Ärztin begann zu lachen und klopfte ihrem Mann auf den Arm. „Wenn, du glaubst doch nicht, ich würde es dir sagen?"

„He! Ich bin ihr Vater und er hat..."

„Taylor hat den Mann aber leben gelassen, würdest du es auch?"

„Ich..."

„Ja, genau," antwortete sie und zog ihren Mann mit einem entschuldigenden Blick davon. Wash nickte und wandte sich ebenfalls ab, sie hatte zu tuen.

Taylor!"

Sofort lief die Ärztin wieder an ihr vorbei und auch Wash lief die Meter Gang weiter in Richtung seines Bettes.

X

~Nathalia~

Sie beruhigte sich langsam und blickte zu ihm auf. „Wieso... bist du schon hier?"

„Weil du mich brauchst?" fragte Jayce und lächelte.

„Washington," flüsterte sie, sie musste es ihm gesagt haben. Er nickte beugte sich vor und küsste ihre Stirn. Sie bemerkte wie er kurz an ihr vorbei sah, ehe er ihr das Haar aus der Stirn strich und sie ruhig betrachtete, den Anflug eines Lächelns im Gesicht. „Wie geht es ihm?"

„Dr. Shannon sagt, er wird wieder, es... ich...mag ihn so nicht sehen, aber... ich kann ihn doch nicht..."

„Ich bleibe mit dir hier, okay?"

„Ich... bin im Moment keine gute Gesellschaft," seufzte sie und schüttelte traurig den Kopf. Er hob ihr Kinn an. „He, Thalia, sieh mich an," bat er, sie tat es und er nickte. „Er ist nicht verletzt, nur etwas krank. Du musst auch nicht reden, ich werde einfach da sein, okay?"

Sie nickte und wollte schon wieder zu ihm ans Bett gehen, doch Jayce hielt sie zurück. „Hast du gegessen?"

Sie nickte.

„Hast was zum Trinken hier?"

Sie schüttelte den Kopf. Er nickte, beugte sich vor küsste sie kurz auf die Lippen und strich ihr übers Haar. „Ich hole rasch etwas, geh zu ihm."

Sie nickte.

Am Bett nahm sie wieder seine Hand und sah ihn nachdenklich an. Jayce hatte Recht, ihr Vater war nicht verletzt, sie musste sich nicht fürchten. Anderseits aber hatte ihr die letzte Nacht gezeigt, das es nicht selbstverständlich war, das er immer da war. Und genau da lag jetzt ja auch das Problem. Sie schloss seufzend die Augen. Ohne das es ihr selbst bewusst geworden war, hatte sich ihre Beziehung zu ihm, in den wenigen Wochen sehr verändert. Von beobachtend, vorsichtig, war sie dazu übergegangen ihm richtig zu vertrauen, er war ihr wichtig geworden. Ein Fels in der Brandung. Mein Beschützer, eine starke Schulter an meiner Seite,... Familie. Ich liebe ihn und durch seine Bemühung es mir hier leichter zu machen, mir das Gefühl zu geben, das er immer da war, hat mir genau dieses Gefühl gegeben. Ich... habe nie darüber nachgedacht, das... das ich ihn verlieren könnte, so... so wie ich Mum verlor, oder er... seine Familie.

Sie fühlte sich plötzlich wieder sehr klein, allein und unsicher. Sie hatte Angst, irgendwann ganz allein dazustehen und schon wieder liefen ihr die Tränen über das Gesicht. „Bitte, verlass mich nicht."

xXx

~Taylor~

Vor 8 Stunden:

Etwas berührte ihn...an...der Hand...was war das? Wo kam es her?...ein Geruch nach frisch gewaschenem... nach Reinigung...das anhaltende Rauschen in seinen Ohren begann zu verebben...

… von irgendwoher hörte er Stimmen, dich er verstand sie nicht, konnte sie nicht richtig hören... verärgert versuchte er den weißen Schleier vor seinen Augen zu lüften... ohne Erfolg, es wurde wieder dunkler...die Stimmen aber klangen irgendwie näher...

Meine Augen! Ich muss sie öffnen! Es gelang ihm nicht,...er versuchte zu sprechen, doch nichts war zu hören... angestrengt versuchte er sich nun zu bewegen... wieder nichts...Was ist das...was passiert hier? ….Müdigkeit drohte ihn wieder einzufangen, der Schleier fiel wieder über ihn...aus weiß wurde grau und alle Geräusche verstummten, das Gefühl von etwas das ihn berührte verblasste... die Gedanken wurden schwer...verschwammen... Dunkeltheit...

Gegenwart

….Helligkeit. Wärme. Stimmen, zwei... Schritte in der Ferne... irgendetwas hielt seine Handgelenke...

Ich...muss...Augen... auf! Befahl er sich selbst, doch nichts... Dafür überkam ihn das merkwürdige Gefühl, das etwas falsch war, irgendetwas fühlte sich hier falsch an... seine Gedanken rasten...

Helligkeit! Es müsste Dunkel sein. …. aber...warum? es... es war Nacht...

...er hatte keine Ahnung wieso es Dunkel sein müsste, Hell war... er hatte keine Erinnerung daran wo er zuletzt gewesen war... verstand nicht wieso er irgendwo im hellen lag, ihm sein Körper nicht gehorchen wollte...

...Streng dich an! Verdammt, streng...

….etwas warmes fasste seine Hand, eine kleinere... Wer ist das? Verdammt! Beweg dich! Mach dich bemerkbar! Warum kriege ich meine verfackten Augen nicht auf? Ein Unfall? Ist irgendetwas...verdammte Scheiße, was...was geht hier vor?!

...er spürte Nässe an seinen Fingern, der rechten Hand, die wo ihn jemand festhielt...

...er seufzte...Verdammt! Sag doch was? Wer ist da?

...er glaubte plötzlich das es noch heller wurde...erneut versuchte er es mit Bewegung, dieses mal nur die Hand... er versuchte es auch wieder mit den Augen...

„Bitte, verlass mich nicht."

...Nicht verlassen?...Nathalia! Traf es ihn wie ein Schlag...

Nathalia..."

„Bitte, komm schon, Dad."

Nathalia," wiederholte er... „Nathalia"

X

„Bitte, komm schon, Dad."

„Nathalia..."

Sie zuckte zusammen, doch seine Hand schloss sich um ihre. Sie sprang auf, starrte ihn an. Er blinzelte. „Nathalia," wiederholte er deutlicher und heftete den Blick auf sie. Sie starrte ihn unverwandt an, ignorierte Jayce der eben hinter sie trat. „Commander."

Taylor drückte ihre Hand und zeigte ein ruhiges Lächeln. „He, nicht weinen," sagte er und sah dann hinunter auf die Riemen, welche seine Hände festhielten. Irgendetwas musste er definitiv vergessen haben. Er hatte doch niemanden...

„Commander Taylor. Wie geht es ihnen?"

Er schaute an seiner Tochter und ihrem Freund vorbei ans Fußende. Dr. Shannon stand dort, ihr Mann blieb wachsam hinter ihr, auch seine First in Command stand sichtlich wachsam neben der Ärztin. Das nagende Gefühl wuchs an. „Sollte es das nicht?" Fragte er skeptisch.

„Commander wissen Sie wo sie sind?" Fragte die Ärztin und trat näher. Er bemerkte das auch Wash ihn nach wie vor fragend musterte, sie wirkten alle angespannt, auch Nathalia hatte ihn inzwischen losgelassen, Valines Hände lagen auf ihren Schultern. „Was soll das? Terra Nova, im MedCenter."

„Was ist mit... Somalia?" Fragte Jim Shannon.

Er kniff die Augen zusammen, eine Mischung aus Verärgerung und Trauer unterdrückend, daran wollte er nicht denken. „Was zum Teufel geht hier vor? Wash?! Was soll das? Wir haben 2150, dies ist Terra Nova, eine Kolonie 85 Millionen Jahre in der Vergangenheit, also, was..."

Alles blickte ihn erleichtert an und noch vor der Ärztin griff seine Tochter nach einem der Riemen an seinen Handgelenken und befreite ihn, während Wash die Fesseln seiner Füße löste. „Also, was sollte das hier?"

„Sie erinnern sich nicht?" Fragte Wash.

„An nichts mehr?" Wollten seine Tochter und Jim Shannon, fast zeitgleich wissen. Er schüttelte den Kopf, dann aber kamen ihm Bilder, Gedanken in den Sinn und er hielt inne. „Was hab ich gemacht?"

xXx

Gemeinsam mit seiner Tochter saß er auf einem Baumstamm im kleinen Garten und genoss die Sonne, wie die Ruhe. Er schaute neben sich und seufzte. Es war Wochenende, Wash würde am Abend zu ihnen kommen, wenn Jim Shannon das Kommando für die Nacht bekam. Vorgestern war er zu der Forschungsstation gefahren und gestern im MedLab aufgewacht. Erst spät am gestrigen Abend war ihm dabei aufgefallen, das er etwas entscheidendes vergessen hatte. Etwas das er nun nachzuholen gedachte. Er zog die kleine Schachtel aus seiner Westentasche und legte sie ihr auf die Knie.

„Hier. Es... tut mir Leid."

„Was?" Fragte sie verblüfft und schaute auf die kleine Schachtel.

„Nun... im MedLab an meinem Bett zu sitzen war sicher nicht, was du dir an deinem ersten Geburtstag hier vorgestellt hast."

„An... das war gestern?" Sie sah zu ihm auf und starrte ihn an. Taylor grinste und lächelte dann. „Ich hätte wirklich geglaubt, dass dir der Tag mehr bedeutet."

„Naja... irgendwie... ich weiß nicht... all das neue hier... und ich... ich wollte...als ich herkam habe ich mir geschworen nicht zu feiern, ohne... Mum."

Taylor konnte sie verstehen und doch war er verwundert. Sie schien es bemerken und sah ihn mit einem Seuftzen an. „Weißt du... ich... ich hatte am Morgen noch viel zu viel Angst, um... dich und dann, später... viel zu erleichtert." Sie lächelte schwach.

Er spürte wie ihm warm wurde und ihn ein längst vergessenes Gefühl übermannte. Obgleich er seine Tochter erst so kurz kannte, war sie ihm dennoch schon sehr ans Herz gewachsen. Sie war ein Teil von ihm und so wie er sich an ihre Präsens in seinem Leben gewöhnt hatte und sich ihrer erfreute, so sehr erwartete er bereits sein Enkelkind. Am Anfang hatte ihn diese Entdeckung erschrocken, er hatte sich Sorgen um Nathalia gemacht, inzwischen aber kannte er seine Tochter, ihre Stärke, sie hatte ihm schon jetzt viel gegeben.

Eine Weile saßen sie schweigend da, er überließ sie ihren eigenen Gedanken und dachte zurück an die vergangenen letzten Wochen, die gemeinsame Zeit. Seine Gedanken kehrten zu gestern zurück und dem jetzt. Sie war ihm nicht böse, was ihn erleichterte, über ihre Angst, alleine zu sein, wenn ihm etwas geschah jedoch hatte er seitdem sehr oft nachgedacht. Vor allem in Momenten wie diesem, da sie seine Nähe suchte, fast wie ein kleines Mädchen, das sie schon lange nicht mehr wahr und er nie gekannt hatte.

Er strich ihr durch das braune Haar.

Sie lehnte sich seitlich bei ihm an und öffnete langsam das kleine Paket.

Taylor beobachtete sie ruhig. Er war inzwischen zu einem Entschluss gekommen und hatte ihn auch schon mit den Shannons besprochen. Jetzt da er sie betrachtete, war er sich sicher, richtig entschieden zu haben. Sollte es dazu kommen und er fallen und er würde alles daran setzten das es nicht so war, dann würden die Shannons um Nathalia kümmern. Ihm war klar, das es nicht das Gleiche war, aber es war alles was er tuen konnte, dafür Sorgen, das sie nicht alleine war.

Erneut dachte er zurück an den Mittag im MedCenter, als er aufgewacht war und eine Erinnerung kam ihm in den Sinn, die er bisher nicht bewusst wahrgenommen hatte.

„Bitte, verlass mich nicht."

...Nicht verlassen?...Nathalia!

Nathalia..."

Bitte, komm schon, Dad."

Nathalia," wiederholte er... „Nathalia"

„...Taylor?"

Er sah verwundert neben sich, sie saß inzwischen neben ihm, nicht mehr bei ihm angelehnt und ihr fragend, besorgter Blick verriet ihm, das er wohl etwas verpasst hatte. „Entschuldige, was wolltest du?"

„Können wir heute Abend auch Jayce einladen? Bitte, Taylor."

„Taylor?" Fragte er und strich ihr eine lose Strähne hinter das Ohr. „Als ich geschlafen habe, da hast du mich Dad genannt."

Überrascht und mit großen Augen starrte sie ihn an, ehe sie verlegen auf ihre Hände schaute. Er streckte die Hand aus, fasste ihr Kinn und hob es sanft an. „Eigentlich..." er suchte nach den richtigen Worten, denn er wollte sie nicht drängen, es sollte ihre Entscheidung sein. Er atmete leise ein. „Eigentlich,..." begann er erneut, „...könnte mir das gefallen."

Sie schaute ihn einen langen Moment lang an. „Das... das hast du gehört?"

Er nickte und strich ihr über die Wange.

Sie nickte und lehnte sich bei ihm wieder an. „Darf ich Jayce dann jetzt einladen, Dad?"

Er lächelte und legte wieder seinen Arm, um seine Tochter. „Klar."

„Und... wenn ich...irgendwann möchte das er hier bleibt? So...über Nacht?"

„Werde ich mich zusammenreißen, versprochen."

Sie lächelte breit und schloss die Augen. „Denkst du, Mum beobachtet uns?"

„Ich war nie besonders religiös."

„Ich auch nicht? Aber diese Vorstellung finde ich irgendwie... tröstlich."

Nachdenklich schaute er hinauf in den klaren Himmel. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht, wenn ich ehrlich bin."