Teil III - VERLUST
Er fand sich in einem großen Zimmer vor. Ihr Wohnzimmer. Im Hellen sah es um so vieles größer aus, um so vieles unbekannter. Der, mit diversen familiären Erinnerungen gefüllte Schrank, der kleine Tisch vor ihm, auf welchem benutzte Teller ruhten, selbst das Sofa, auf welchem er saß: bei Tageslicht war alles anders. Die Fenster waren offen, kalte Luft zog rein und brachte ihm eine nüchterne Gewissheit: Er hatte verloren. Verloren gegen sich selbst, gegen seine eigenen Regeln; seine Kontrolle hatte er verloren. Kein Schritt, der zurückführte, der ungeschehen machte. Aber es war gleichzeitig der schönste Verlust, den er sich vorstellen konnte. Denn dieser bedeutete, dass er sie gewonnen hatte. Beim Verlieren hat er gewonnen.
Lautes Plätschern riss ihn aus seinen Gedanken. Er zuckte in sich zusammen und hörte, wie es lauter wurde. Wie aus einem Traum gerissen kam er sich vor. Benommen blickte er umher und entdeckte am Boden liegende Kleidung, seine sowie ihre, entdeckte abgebrannte Kerzen. Überall Spuren ihrer Liebe. Er stand langsam auf und hob ihren schwarzen Rock vom Boden auf. Bei dem Gedanken an die vergangenen Nächte, schmunzelte er genüsslich und drehte seinen Kopf in die Richtung, aus welcher das Geräusch gekommen war. Wie lange waren sie schon in diesem Haus ohne es zu verlassen, wie lange liebten sie einander schon - abgeschottet von außen, von der Realität? Wie viele Tage und Nächte waren es? Während er noch rätselte, bewegte er sich in die Richtung, aus der das Plätschern gekommen war.
Mit einer Hand klopfte er vorsichtig an, während die andere Hand mit dem weichen Stoff spielte.
"Kate?" sagte er zaghaft und öffnete dann langsam die Tür. Eine heiße Dampfwelle kam ihm entgegen. Der Spiegel, der rechts von ihm an der Wand hang, benebelte in sekundenschnelle und hinter dem weißen Vorhang sah er ihre weiblichen Umrisse.
"Kate?" wiederholte er leise.
Das Plätschern hörte auf und der Vorhang bewegte sich. Er sah ihre Hände diesen zur Seite schieben und wie sie ihren Kopf vorsichtig hinausstreckte. Sie lächelte verliebt als sie ihn sah.
"Komm ..." sagte sie selbstsicher und winkte ihn verführerisch mit ihrem Zeigefinger zu sich. Bei ihren Worten fiel das schwarze Kleidungsstück aus seinen Händen und sackte zu Boden.
Er betrat langsam die kleine Kabine. Dampfwolken hatten sich inzwischen um seinen nackten Körper gewickelt; er sah sie den Vorhang wieder zuziehen, sah sie das Wasser wieder laufen lassen. Und das Plätschern setzte erneut ein. Sie sagte nichts, er sah sie schweigend an. Schweigend und genießend. Um ihre Mundwinkel herum sah er winzige Spuren Zahnpasta; ihr langes Haar klebte verstreut auf ihrer Stirn und ihren Schultern, während weiße Schaumwolken den restlichen Teil ihres schlanken Körpers bedeckten. Ohne den Augenkontakt mit ihm zu unterbrechen, griff sie zielstrebig nach einer der nahe liegenden Flaschen, füllte ihre linke Handinnenfläche mit der Flüssigkeit und begann, diese auf die Brust und Arme ihres Chef und Liebhabers zu verteilen. Langsam, lächelnd und genießend. Tiefer dunkler Duft breitete sich in der engen Kabine aus, gesellte und vermischte sich mit dem ihrigen: leicht, weiblich.
Unter ihren gleitenden Fingern fühlte sie straffe Haut, harte Muskeln, fühlte beschützende Kraft. Er küsste sie behutsam und schmeckte den frischen Pfefferminzgeschmack an ihren Lippen. Heißes Wasser lief seinen Körper entlang, erzeugte neue Dampfwolken und vergrub sich tief in seine Poren. Er fühlte alle Tropfen einzeln wie sie seinen Körper herunter flossen und beobachtet, was sie mit ihren Händen tat, sah schweigend zu, wie sein Körper darauf reagierte, wie sie ihn mit ihren Berührungen an die Grenzen seiner Selbstbeherrschung trieb. Aber er hatte gelernt zu genießen. Auf ihren Wimpern hatten sich winzige Tropfen Wasser angesammelt und ließen ihre Augen noch schöner, noch strahlender erscheinen. Er fing an, abwechselnd an ihren Ohrläppchen und ihrem Hals zu knabbern, während seine Hände ihre Taille massierten und diese intensiv und spielerisch gegen sein ungeduldiges Becken pressten.
Nachdem sie auch seine Schultern und Arme unter einer weißen Schaumdecke hatte verschwinden lassen, breitete sie ihre Erkundungsreise auf seinen restlichen Körper aus. Sie wanderte nach unten und ertastete seinen Hintern, der aufgrund der vielen Verbrecherjagden ganz fest und handlich geworden war, der aber, wie sie fand, leider zu oft unter seinen langen Mänteln verborgen war; ertastete weiter vorne den harten und offensichtlichen Beweis seiner Begierde, seiner nackten Lust. Zufrieden lächelte sie, als wäre sie stolz, dass er seine Selbstbeherrschung nun doch verloren hatte und er las in ihren Augen gleichzeitig die eine unmissverständliche Aufforderung. Er fühlte wie sie ihre schlanken Beine um ihn schlang, fühlte wie sein eigener Körper vor Ungeduld bebte. Er presste sie an die Fliesen, hob sie mit beiden Händen etwas hoch, gerade so hoch, dass ihre beiden Körper nahtlos in einander übergehen konnten. Und dann verschwand Offensichtliches im Verborgenen. Ein tiefes dunkles Raunen verließ ihre Kehle, drang in sein Ohr, während ihre Finger sich krallenartig in das Fleisch seines Rückens vergruben, was ihn zufrieden lächeln ließ, bevor er letztendlich nachgab und sich in endloser Sinnlichkeit verlor.
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„Kate." sagte er und seine Stimme wurde während der Aussprache ihres Namens immer leiser. Er verschluckte die letzten Buchstaben mehr, als dass er sie deutlich aussprach.
„Kate…." wiederholte er noch mal.
Aber sie reagierte nicht. Er lächelte. Jedes Mal, wenn er sie ansah wurde ihm aufs Neue bewusst, wie sehr er sie liebte. Beinahe tat etwas in ihm weh. Auf dem Boden sah er die Handtücher liegen, mit denen sie sich gegenseitig abgetrocknet hatten, bevor er sie ins Schlafzimmer getragen hatte, wo sie sich schließlich erneut geliebt hatten. Wie beim ersten Mal. Jedes Mal wie das erste Mal.
Er beobachtete die beinah unsichtbaren dünnen Fältchen um ihre Lippen, die auf ein zufriedenes Lächeln deuteten, welches sie seit dem einen Abend auf ihrem Gesicht trug, beobachtete wie sich ihr freiliegender Brustkorb regelmäßig rauf und runter bewegte und wie ihm persönlich diese Regelmäßigkeit Ruhe und Zufriedenheit verlieh.
„Liebling…" begann er erneut und erntete daraufhin ein leises Gurren.
„Hmmmmm…?" ertönte es von seiner schlafenden Agentin. Sie schmiegte sich genüsslich an ihr Kissen, ohne dabei ihre Augen aufzumachen. Er überlegte kurz, während er ihr beim Aufwachen zusah und rief sich die Geschehnisse der letzten Tage ins Gedächtnis.
Er hatte bemerkt, dass es wieder einen Mann in ihrem Leben gab. Zufällig hatte er es bemerkt; das Telefon hatte geklingelt; sie war nicht da; er hatte für sie abgenommen. Das erste Mal dachte er sich nichts dabei, er nahm an, es sei ein Verwandter, ein Kollege, irgendjemand Unwichtiges. Keine Gefahr. Aber die Anrufe häuften sich innerhalb kürzester Zeit und von Mal zu Mal wurde ihm klarer, dass die Stimme am anderen Ende der Leitung ein bestimmtes Interesse an Kate hatte. An seiner Kate. Und da muss der Teil Seiner, der instinktiv und gefühlsorientiert dachte und handelte, einen Entschluss gefasst haben. Den Entschluss, ihr zu sagen, was ihm an ihr lag. Aus sich selbst endlich auszubrechen und es ihr zu sagen. Und das hat er. Wobei er gar nicht viel gesagt hatte, er hat eher gehandelt. Er ist kein Mann poetischer Worte. Ihn machen eindeutige und konkrete Handlungen aus.
Das was gefolgt war, war eine leidenschaftliche Nacht, ein leidenschaftlicher Morgen. Ungehemmt und bedingungslos hatten sie einander geliebt, einander süchtig nach dem anderen gemacht. Seelisch, körperlich, sinnlich. Und wenn er sie so wie in diesem Augenblick ansah, konnte er manchmal immer noch nicht glauben, dass sie nun wirklich sein war. In seinen Armen lag, auf denselben Kissen schlief. Und während er versuchte, sich sein Glück begreiflich zu machen, genau in dem Augenblick überfiel ihn eine dunkle Gewissheit. Gänsehaut. Er erstarrte. Eine böse Vorahnung. Er wusste, eines Tages würde er auch sie verlieren. So wie alle davor. Er war das Verlieren gewohnt, er hatte bereits Menschen verloren, die ihn liebten; die er liebte. Eine tiefe Stimme in ihm flüsterte Böses...Kelly…Es kam ihm vor als ob alle, die ihn liebten, dazu verdammt waren, ihn zu verlassen, ihn allein zu lassen. Er war zum Verlieren geboren.
Schockiert über diese Gedanken, schüttelte er den Kopf und schob alles als einen Streich seines Geistes ab. Alles Humbuck, alter Junge, alles. Leroy Jethro Gibbs, reiß dich zusammen! Sehe doch endlich ein, dass es zum Greifen nahe liegt - vor dir liegt es, auf den Kissen ruhend: endlich glücklich. Er atmete schwer aus und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die schlafende Kate. Wie schön sie war. Eine schlafende Schönheit. Er lächelte erleichtert. Stundenlang hätte er sie so beobachten können, still und stumm ihre Schönheit bewundernd, in sich aufsaugend. Aber es war an der Zeit, sich der Realität zu stellen, dem Alltag - dem einen Gespräch. So sehr er es bedauerte.
Er fuhr zärtlich über ihre inzwischen trockenen Haare, dann über ihr Gesicht.
„Wir müssen langsam los. Wenn mich nicht alles täuscht, dürfte heute Sonntag sein." sagte er leise auffordernd. Bloß zwei Tage waren es also. Dabei kam es ihm so vor, als wäre sie schon seit je her sein gewesen, als hätte es nie jemanden anderen für ihn gegeben.
„Ich weiß. Draußen ist es bestimmt schon dunkel…"murmelte sie verschlafen und öffnete dann ihre Augen. Als sie seinem Blick begegnete, lächelte sie zurück. Da war er. Wachte über ihr als würde er sie vor etwas Unsichtbarem, was nur er sah, beschützen müssen. Ihr Leroy. Ihr Jethro. Ihr Gibbs. Und das, so glaubte sie, obwohl sie nicht mal annährend seinem Frauentyp zu entsprechen schien. Aber liebende Frauen können irren.
„Es gibt da nur ein kleines Problem. Ich will eigentlich gar nicht weg von hier. Weg aus deinem Haus, deinem Schlafzimmer, deinem Bett…." murmelte er und grinste frech.
„Dann lass uns liegen bleiben… Und einander lieben… Immer wieder..." konterte sie zurück und streichelte verträumt seine Wangen, dann seine Lippen.
„Dein Kühlschrank ist inzwischen leer... Wir würden verhungern." warf er als Einwand ein.
„Jethro! Hast du nie was davon gehört, dass Liebende von Luft und Liebe leben?" fragte sie gespielt entsetzt.
„Dann leben die aber nicht sehr lange..." erwiderte er ironisch.
Er war dank ihr wie von allem losgelöst, wie neugeboren, unschuldig, aber er war dennoch Realist genug, um sich seinen letzten Kommentar zu verkneifen.
Sie sahen einander an wie Frischverliebte, die einander schon lange zuvor lieben gelernt hatten, die einander aber erst kürzlich entdeckt hatten. Die einander liebten, die aber, jeder für sich, instinktiv wussten, dass das, was sie hatten, nicht von Dauer war. Sie würde ihn verlassen, dämmerte die Stimme in seinem Kopf. Ja, gehen wird sie. Instinktiv fasste er sich mit der rechten Hand an die Stelle, an der viele die Seele vermuten. Denn dort tat es weh. Woher kamen sie nur, diese Gedanken, woher diese Skepsis, das Weigern zu begreifen, dass auch er es endlich gefunden hatte: ein süßes Stück vom Glück.
„Ist alles in Ordnung mit dir?" fragte sie besorgt als sie sah, wie geistesabwesend er sich ans Herz fasste. Von ihrer Frage wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt, lächelte er sie erleichtert an.
„Du hast mich hier getroffen. Weißt du noch? In der Air Force One als ich dich auf die Probe gestellt habe? Du meine Güte, du hast aber ordentlich zugeschlagen. Es tut da immer noch weh…!" antwortete er und gab ihr damit nicht die wirkliche Antwort auf ihre Frage. Seine Stimme war leise, er wählte jedes Wort sorgfältig aus, um zu verhindern, dass sie auch nur eine leise Vorahnung davon bekam, was ihn wirklich beschäftigte.
„Ah? Das tut mir wirklich Leid... Dann lass mich deine Wunden heilen..." antwortete sie verführerisch und begann eine leidenschaftliche Kussreise an seinem Oberkörper.
Und so gerne er sich ihr und ihren Lippen hingegeben hätte, er konnte es nicht. Die Stimme in seinem Kopf wollte nicht verstummen.
„Kate." sagte er ernst und bei dem Klang seiner Stimme wurde offensichtlich, dass sie in diesem Augenblick von dem verliebten Geplänkel über zu den ernsten Themen gewechselt hatten.
Sie richtete sich langsam auf und setzte sich hin. Von dem liebeshungrigen Glanz in ihren Augen war plötzlich nichts mehr da. Ernst hatte sich in ihrem Gesicht niedergelassen.
"Sag mal, ist das jetzt dein Lieblingswort...!?" konterte sie und versuchte die Situation aufzulockern. Vergeblich.
Das weiße Lacken bedeckte nur ihre Knie, ihr Oberkörper war frei. Wie schön du bist, meine Kate, dachte er. So kindlich und doch auf eine Weise unwiderstehlich, dass es mir schon das Herz bricht, wenn ich dich so sehe. Schutzlos, zerbrechlich. Wie ich dich liebe. Meine Kate.
„Was wollen wir machen?" fragte er vorsichtig und sie entdeckte an dem so mutigen und selbstbewussten Gibbs mal wieder eine neue Seite. Er klang schüchtern, unwissend. Wie ein Kind, welches vor einer unlösbaren Matheaufgabe stand. Vielleicht leidet er an gespaltenen Persönlichkeiten, dachte sie ironisch. Mal ist er so, mal so. Dass er eifersüchtig sein konnte, das hätte sie nie gedacht. Oder dass er keine Scheu davor hatte, seine Verletzbarkeit, seine tiefsten Gefühle zu offenbaren. Bis er sie Stück für Stück vom Gegenteil überzeugte. Ihr wurde klar, das Rätsel Gibbs würde nie jemand völlig lösen können.
„Nun, wir haben es angefangen – wir sollten auch dazu stehen. Jethro… ich… ich liebe dich. Und von mir aus kann es die ganze Welt wissen, Ducky, Tony, Abby, sogar die Leute im hintersten Süden des Nordwestens des Ostjordan können es erfahren. Und deine komische Rothaarige als erste! Was hast du mit der überhaupt?" fragte sie und verkreuzte eingeschnappt ihre Arme.
Er wollte lächeln über dieses deutliche Anzeichen von Eifersucht ihrerseits und ihr sagen, dass diese grundlos und unbegründet war, aber das wirkliche Thema war gerade viel zu ernst und ihm zu sehr wichtig, als dass er abgelenkt hätte. Also schwieg er als Antwort und forderte sie damit stumm auf, weiter zu reden.
„Hörst du, ich liebe dich, Jethro, ich liebe dich…!" Sie klang verzweifelt, als hätte sie Angst, er würde sie nicht verstehen; sie und ihren Schmerz; diese Liebe zu ihm.
„Kate… „ sagte er vollkommen ernst und widersprach ihr, indem er nichts sagte außer ihrem Namen. Stille.
Draußen brach bereits die Dunkelheit an. Vom gestrigen und vorgestrigen Regen war nichts zu sehen. Ihm fiel ein, wie er sie an dem Abend vorfand. Er war vom Regen bis auf die Knochen durchnässt; sie in ihrem kurzen Rock, auf einen anderen Mann wartend, im Kerzenlicht ihre nackte Haut schimmernd. Er dachte an den ersten Kuss, den er ihr, den sie ihm gab. Leidenschaftlich, zügellos. Ohne jegliche Hemmung. Er schwieg immer noch, während im Stillen seine Liebe zu ihr immer weiter wuchs.
„Ach – ich verstehe…" kam es sofort aus ihrem Mund und sie zog instinktiv das Lacken enger an sich und bedeckte nun ihre Vollkommenheit. Das wollte er nicht. Und es tat ihm leid. Aber was sollten sie sonst machen? Und er hatte es getan. Sie verletzt. Das, was sie am meisten verletzte war gleichzeitig das, was er am wenigsten beabsichtigt hatte. Das Leugnen dieser Beziehung. Dieser neugeborenen Liebe.
„Kate…" begann er zögerlich. Diesmal klang es entschuldigend.
„Kate – es gibt auf dieser Welt nichts, was es mir auch nur annährend Wert wäre, nur auf den Gedanken zu kommen, dich in irgendeiner Weise zu … zu verletzen. Das musst du wissen. Mit allem was ich habe, Kate, liebe ich dich. Von dem Augenblick an, als du mich angesehen hast in der Air Force One, von dem Augenblick an, als du meine Küsse erwidert hast, mich zurückgeküsst hast – von dem Augenblick an wusste ich, es gibt nur dich, Kate, ich gebe alles für dich hin… Aber wir sind verletzbar, wenn es bekannt wird. Durch diese Arbeit, die ich tue, die wir tun, habe ich nicht gerade wenige Feinde. Und allein der Gedanke, du könntest meinetwegen in Gefahr sein... Du weißt doch, wovon ich rede, oder?" fragte er mit Nachdruck und fuhr mit seinen großen Händen Verständnis suchend über ihre nacktliegenden Schultern. Ihre Haut fühlte sich kalt an. Ob sie wegen der Kälte im Zimmer fror oder wegen seiner Worte, erkannte er nicht.
„Komm her, komm in meine Arme!" sagte er dann und zog sie eng an sich. Er fühlte wie sich ihr Körper dem seinen anpasste, wie sich ihre Arme, Hände und Füße mit den seinen verknoteten und aus ihren zwei Körpern schließlich ein verworrenes Bündel wurde, welches nicht zu entknoten schien.
Wie zerbrechlich sie doch war. Eine toughe zerbrechliche Frau. Er fühlte sich in Versuchung, alles sein zu lassen wie es war. Das renovierbedürftige Haus, welches er seit der letzten Scheidung bewohnte, das Boot in seinem Keller, welches täglich treu auf ihn wartete, sogar – seinen Job. Alles sein zu lassen – und bloß diese Frau, die in seinen Armen lag, mitzunehmen. Kate, dieses fassbare Glück. Auf eine Reise, eine lange Reise. Vielleicht wäre es auch eher eine Flucht als eine Reise, aber mit ihr bei sich war alles relativ, alles war anders. Er wollte vor den Vorahnungen flüchten, vor der Realität. Diesen Stimmen in seinem Kopf. Um ihre Haut nie wieder kalt sein zu lassen, um sie nie wieder frieren zu lassen.
Sie fragte sich, ob sie ihm davon erzählen sollte, was sie am Anfang über ihn dachte und fühlte, warum sie ihn ablehnte und gleichzeitig ohne ihn nicht konnte, was ihr durch den Kopf ging als er das erste Mal ihren Namen aussprach, ihr die Hand gab, sie beobachtete, während sie, mehr oder weniger, unter ihm lag und ihre Affäre mit einem anderen zugab. Und warum sie ausgerechnet an ihn ihr Herz verloren hat und nun bereit war, jederzeit ihr Leben für das seine zu opfern. Aber sie beschloss zu schweigen, für heute hatten sie genug schwerwiegende Themen gehabt.
„Also gut. Wir versuchen es auf die heimliche Art. Mal sehen, wie lange wir es aushalten…" sagte sie nachgebend und gleichzeitig überzeugt. Sie war kein Kind mehr, sie war eine reife Frau und dennoch überraschte es ihn, dass sie sogleich verstand, was er meinte und in welche Richtung er dachte. Eine Szene hatte er erwartet, Unverständnis, dieses frauentypische Gezicke, vielleicht hatte er sogar erwartet, einen Baseballschläger auf den Hinterkopf geklatscht zu bekommen – aber davon war bei ihr nichts zu sehen. Und er liebte sie dafür noch mehr. Von jeder Sekunde, die sie in seinen Armen lag, von jeder Sekunde, die verging. Stumm wärmte sein Körper den ihren. Ihr Körper wärmte den seinen.
„Dass ich dich liebe – das weißt du..." fragte er auf die Art, auf die er es schon mal getan hatte.
„Ja, Leroy. Jethro. Gibbs. Ja, das tue ich. Aber noch mehr liebe ich dich!" konterte sie und lockerte die ernste Situation mit einem frechen Lächeln nun endlich auf.
„Soll ich dir was sagen? Das ist doch gar nicht möglich!" erwiderte er und verschwand lachend unter dem weißen Lacken.
Er war wieder da. Der Mann, dessen Name aus nur drei Buchstaben bestand. Der, den sie damals nicht erschießen konnte. Sie ist eine gute Agentin und dennoch hat sie sich von ihren Gefühlen leiten lassen. Er hat auf die meisten Menschen einen starken Einfluss, das war offensichtlich – und Kate war damals keine Ausnahme gewesen. Bei dem Gedanken, dass er wieder in der Nähe ist, wurde dem Agenten Gibbs bange. Etwas in ihm zog sich zusammen. Wenn du auch nur auf den Gedanken kommst, sie wieder zu entführen, sie mir wegzunehmen ... So, werde ich dich töten, schwor er voller Innenbrust. Er schwor es, ohne zu wissen, dass genau das in naher Zukunft passieren würde.
Er hörte einen Knall. Der heiße Stahl der Dachplatten spiegelte die grellen Strahlen der scheinenden Sonne wieder. Unter seiner schwarzen Jacke verbarg sich eine kugelsichere Weste, die dazu beitrug, dass es noch heißer war. Schüsse. Aus allen Richtungen. Wo war sie? Die Gummisohlen seiner Stiefel quietschten auf dem heißen Blech und hinterließen schwarze Spuren. Schüsse. Er hörte McGee, er hörte Tony. Schüsse. Stimmen. Instinktiv duckte er sich, um sich im selben Augenblick aufzurappeln. Aus den Augenwinkeln sah er sie hart auf den Boden fallen. Schock setzte in ihm ein, Lähmung seiner Gedanken, seiner Glieder. Kate, schrien seine Gedanken. KATE! Er lief auf sie zu. Zu hören war plötzlich nichts mehr, keine Schüsse, alles um ihn herum war verschwunden. Er ging in die Knie, die Schläge seines eigenen Herzens spürte er im Hals pochen, er spürte, wie er vor Sorge blass wurde, wie seine Hand ihren Arm ergriff und sie umdrehte. Sie stöhnte. Sie lebte. Er lächelte. Eine tonnenschwere Last fiel von seinen Schultern. Kugelsichere Westen - welch Erfindung!
Sie lag am Boden, die Frau, die er liebte – die für ihn gerade ihr Leben riskiert hatte. Er versprach sich, sie nie wieder einer solchen Gefahr auszusetzen. Weil ich dich liebe Caitlin. Wie gern hätte er es ihr gesagt. Aber Tony stand drei Schritte von ihm entfernt und es war von ihm selbst gewollt, zu schweigen. Also schwieg er.
„Gut gemacht, Kate!" lobte er. Sie lächelte überrascht bei seinen Worten, weil sie zu ahnen schien, was er eigentlich sagen wollte. Er hörte sie etwas sagen und dann: fiel sie. Fiel erneut auf den Boden, von welchem sie gerade aufgestanden war. Sie war gefallen. Er sah ein rotes Loch auf ihrer Stirn. Ihr Blut überall auf Tonys Gesicht. Los, komm schon Kate, steh noch mal auf. Tue es für mich. Für uns. Sein Körper drehte sich im selben Augenblick um, gelenkt vom Instinkt, drehte sich um und suchte in der Richtung, aus welcher der Schuss gekommen war. Suchte, ohne was zu sehen, ohne was zu finden. Er senkte seine Waffe. Niedergeschlagen. Dann sammelte er all seine Kraft, die er noch hatte und drehte sich wieder zu ihr um. In ihm kochte das Blut. Sie lag da. Tot. Sie war tot. Sie war nicht mehr. Irgendwo hinter seinem Rücken ging gerade die Sonne unter. Auf ihrer Stirn, der Stirn, die er in den letzten Nächten so oft geküsst hatte, von welcher er ihre Gedanken zu lesen gelernt hatte, genau auf dieser Stirn befand sich nun ein rotes schwarzes Loch. Er wollte sie erneut am Arm nehmen, wie er es gerade vor einigen Minuten getan hatte, sie schütteln, sie sollte aufwachen, ihn ansehen aus ihren braunen Augen, lächeln. Ihn noch ein einziges Mal lieben. Keine Regung. Ihr Körper war noch warm. Er hatte wieder verloren.
Regen. Unmassen an Regen. Ihre klagenden Vorwürfe in seinen Ohren. Ducky in Gefahr. Schüsse auf Abby. Die Geschehnisse der letzten Tage machten das bloße Atmen unerträglich. Er hasste sich selbst. Immer wieder diese Last, du bist zum Verlieren geboren, Jethro, sehe es endlich ein. Du wirst immer nur verlieren, unwichtig, was du auch tust. Wahrscheinlich gibt es nur dann Frieden und Ruhe, wenn ich nicht mehr bin, so dachte er.
Gerade in dieser Sekunde bereitete er sich auf das eigene Ende vor. Er drehte sich kurz um, dann setzte er sich auf die Kellertreppe. Ari vor ihm, eine Waffe in der Hand, auf seinen Kopf gerichtet. Ich bin bald da, Kate. Warte.
Das eiserne Rohr zielte auf ihn, gedanklich sah er schon wie die Kugel auf ihn zukam, seinen Kopf zertrümmerte, ihn durch den Aufprall nach hinten fallen ließ. Wie bei seiner Kate. Er zählte die Sekunden und war erleichtert, seine Freunde nicht mehr in Gefahr zu bringen, in dem sie einfach nur in seiner Nähe waren. Und dann hörte er ihn. Ein ohrenbetäubender Knall. Er fiel. Die Waffe, die gerade auf ihn zielte, war zu Boden gefallen. Er sah ihn am Boden liegen. Unbegreifliches war passiert. Es war vorbei. Sein Versprechen hatte er eingelöst, mehr oder weniger. Er war tot. Man roch das warme Blut, das aus Ari`s Kopf sickerte. Meinen Keller beschmutzt du mit deinem dreckigen Blut, du Bastard! Der Mann, dessen Name aus nur drei Buchstaben bestand, lag auf dem Boden. Ari. Tod.
Blumen hatte er gekauft. Einen Strauß. Rote Rosen. Schließlich liebte er sie. Nun war er nur mit einer einzigen Rose da. Ari hatte ihn durchschaut, der Mann, wessen Name aus nur drei Buchstaben bestand. Der Tod. Man konnte ihm vieles und alles vorwerfen, aber eben auch die Tatsache, dass er Menschen gut durchschauen konnte.
"Beinahe eine romantische Geste" hatte er gesagt. Und er hatte Recht. Aber er sollte und würde der Einzige bleiben, welcher, von Kate und ihm selbst abgesehen, gewusst hat. Der gesehen hat, was im Geheimen zwischen den zwei Agenten geschehen war. Und um das Risiko auszuschließen, andere auf den selben Gedanken kommen zu lassen, hatte der frischverlassene, frischverletzte und innerlich verwundete Agent namens Leroy Gibbs beschlossen, aus einem ganzen Strauß eine einzige Rose zu machen. Mehr wäre zu auffällig. Vielleicht. Entschuldige Kate.
Mit schweren Schritten ging er auf den Sarg zu. Er roch das herbe Holz, die nasse Erde. Es hatte wieder geregnet. Wie an dem Abend als sie zueinander fanden. Die roten Rosen. Kate. Kate war nicht mehr. Dabei sah er sie doch, sie lag da, vor ihm, strahlend, schön, so… so… LEBENDIG! Wie schön sie doch war, voller endloser unendlicher Schönheit. Ist. Er bat sie um Verzeihung.
Er drückte die rote Rose, die sich in seiner rechten Hand befand, noch ein einziges Mal, dann warf er sie behutsam auf das hölzerne Grab, welches Kates Körper verbarg. Ich werde dich lieben, Kate, meine Kate. Immer wird es einen Teil meines Inneren geben, welcher allein nur dir gehört, Kate. Mein Lieblingsname. Mein Lieblingswort.
"Du kommst zu spät zu meiner Beerdigung!" hörte er sie sagen. Ich musste dich rächen, flüsterte dieselbe Stimme, die ihm einige Tage davor, die bösen Vorahnungen ins Ohr zugeflüstert hatte.
„Es tut mir leid, Kate…" sagte er leise und ehrlich. Er blickte noch ein einziges Mal auf sie – und dann ging er.
Er sah Abby vor sich gehend, sah Jane, hörte Musik. Er holte sie ein. Und beschloss, es zu bewahren. Dieses jungblütige frische Geheimnis, das gerade erst zwischen ihnen entstanden war. Zwischen ihm und seiner Kate. Es ins Grab mitzunehmen, so wie sie es tat. Es in seiner Unschuld zu hüten, ihrem Beispiel zu folgen.
Niemand würde je erfahren, wie sehr er sie geliebt hat. Wie sehr er sie liebt. Niemand würde wissen, wie kurz er in der Air Force One davor stand, seinem Verlangen nachzugeben. Seinem Verlangen nach ihr – vom ersten Augenblick an. Er erinnerte sich an das Gefühl als er sie damals sah. Im schwarzen Hosenanzug, weißem Hemd, durch welches, zwar kaum sichtbar, aber für seine geschulten Augen eindeutig erkennbar, ihr sportlicher BH zaghaft hindurch geschimmert hatte. Eine Mischung aus Bewunderung, Hingezogensein. Faszination. Sie trug ihre Waffe eng am Körper, zielsicher, selbstbewusst war sie. Ob sie ihn damals mehr als Frau oder als Agentin beeindruckt hatte, wusste er bis zum heutigen Tag nicht genau.
Und niemand würde je erfahren, dass die Agentin, die im Dienst für ihn zwei Mal starb in Wirklichkeit seine Liebhaberin war, seine heimliche Stärke, seine schönste Schwäche. Dass die Frau, die gerade im kalten Sarg lag, fror. Und seiner Wärme bedurfte – und er sie diesmal nicht wärmen konnte.
Und mit derselben Gewissheit wusste er, dass er nichts an all dem ändern konnte, sowenig wie er daran ändern konnte, dass bald eine andere Frau in sein Leben treten würde – vielleicht war sie es vor langer Zeit schon. Und er würde sich eventuell darauf einlassen, würde sich fallen lassen, wieder lernen sich zu verlieben. Das Leben würde voran gehen. Vorangehen müssen. Er war ein Meister, wenn es darum ging, nach schweren Lebenskrisen aufzustehen, zu überleben.
Und dennoch: unbedeutend, was passieren würde – sie würde seine Kate bleiben, seine Kate.
Ein Geheimnis mehr in meinem Leben, dachte er. Die Frau, die ihn als Jungen als erste geküsst hatte, die hieß auch Kate. Er hatte nichts zu bereuen; schließlich hat er es sie wissen lassen. Seine Kate. Meine Kate… Ist nicht mehr…
Er hörte im lauten Musikpegel seine Gedanken unter gehen, hörte seine eigenen Schritte, die ihn von ihr fortbrachten, hörte sich selbst gegen all das taub werden. Dann lächelte er.
ENDE.
