Kapitel 5
Als das Team zurück zur Hauptstadt Vulkans flog, und bemerkte, dass der nächste Direkttransport zur Erde erst am nächsten Tag gehen würde, stiegen sie in einem Sternenflottenhotel am Rande der Stadt ab. Diesmal hatten sie wenigstens jeder ein eigenes Zimmer, jedoch hätte Jane jedes andere auf einem anderen Planeten lieber angenommen. Es war nicht nur typisch-Sternenflotten-spartanisch eingerichtet, sondern auch nach Vulkanischer Art.
Es war rechteckig, eine weitere Tür führte zum kleinen Badezimmer mit Schalldusche, und einem Replikator in der Wand. Es gab einen Esstisch, eine Couch und ein Doppelbett. Alles war in schlichtem Grau gehalten worden und Jane fragte sich, ob der Innenarchitekt von Romulus stammte. Er schauderte beim Gedanken, dass Lisbons oder Chos Apartments genauso aussehen mussten, wobei ihm einfiel, dass sein Motelzimmer auch nicht gerade besser war – besonders nicht, wenn eine Klingonische Familie nebenan wohnte.

Es wurde langsam spät und jeder verbrachte seinen Abend anders. Rigsby lud Van Pelt in ein Orion-Restaurant zum Essen ein, eines der wenigen, wo keine Sklavenmädchen tanzten, Cho besuchte seine Familie, obwohl Jane nicht glaubte, dass er so ‚sentimental' werden konnte.
Jane entschloss sich schließlich, zu Lisbon zu gehen und sie zu fragen, ob sie mit ihm zu Abendessen wollte. Er klingelte an ihrer Tür und sie ließ ihn herein. Er sah jedoch sofort, dass es mit einem romantischen Abendessen nichts werden würde. Lisbons Computer fuhr gerade herunter und sie blickte ihn mit todernster Miene an.

„Was gibt es?", fragte er ahnungslos.
„Es ist eine neue Leiche aufgetaucht."
Sie musste ihm nicht sagen, dass es sich um Red John handelte. Doch plötzlich weiteten sich seine Augen.
„Jane – ich weiß, was sie jetzt denken. Wir können versuchen, ihre sechs letzten Verdächtigen einzugrenzen."
„Wo ist der Mord passiert?", fragte er und ging zum Tisch herüber, um sich zu setzen.
„Auf Deep Space Nine II."
„Eine der Raumstationen?"
„Ja, diese ist am Rande des Wurmloches in der Nähe von Bajor lokalisiert. Wir werden den nächsten Flug dorthin nehmen… Partridge wird wieder der Forensiker sein."
„Oh Gott, wieso er?"
„Er hatte gerade einen Fall zu bearbeiten auf Bajor."
„Er war bereits in der Nähe?"
„Jane…zügeln sie sich. Vielleicht ist es auch nur ein Zufall. Bret Stiles ist ebenfalls auf der Raumstation, wegen der Bajoranischen Religionsfeier. Kirkland war da wegen einer Konferenz der Geheimdienste der Föderation. Über Haffner weiß ich derzeit gar nichts. Außerdem wissen wir nicht einmal, ob es sich vielleicht wieder um einen Trittbrettfahrer handelt, das hatten wir schon so oft", sagte sie ruhig.
Jane spürte ihre innere Ruhe, aber auch ihre Verzweiflung. Sie wollte Red John genauso fangen wie er.
„Wir fliegen morgen früh um acht. Wollen sie mit mir zu Abend essen? Cho hat mir hier ein gutes Caitianisches Restaurant empfohlen", sagte sie und stand auf.
Niedergeschlagen trottete er hinter ihr her. So hatte er sich den Abend nicht vorgestellt.

*TM*=/\=*TM*

Es war die größte Versammlung seit langer Zeit. Fast alle Geheimdienste der Föderation hatten ihre Abgesandten geschickt und auch Botschafter der Tal Shiar (Romulanisch), des neuen Obsidianischen Ordens (Cardassianisch) und des Klingonischen Geheimdienstes waren anwesend, genauso wie Vertreter des Dominion, der Gorn und der Breen. Es war seit langem nicht mehr so voll gewesen auf dem Promenadendeck der berühmten Raumstation DS9. Jemand hatte anscheinend sehr miserabel geplant, da das Bajoranische Glaubensfest zeitgleich hier stattfand.

Die Raumstation war Cardassianischer Bauart, weshalb es so gut wie keine rechten Winkel gab. Die Station war rund und besaß drei Pylone, an denen Schiffe andocken konnten. Der äußere Ring war der Habitatring mit den Quartieren und in der Mitte waren das Promenadendeck, die Brücke und der Maschinenraum.
Tallara Shran war bereits zwei Tage vor der Konferenz hier angekommen. Offiziell war sie Abgesandte des Geheimdienstes der Sternenflotte, aber das war natürlich nur die halbe Wahrheit. Sie wanderte die obere Etage des Promenadendecks ab und beobachtete Aufmerksam die Bar unten. Von dem Mord hatte man so gut wie nichts mitbekommen, vermutlich versuchte das Stationspersonal kein Aufsehen zu erregen. Sie drehte sich um und betrachtete die Sterne. Das Wurmloch öffnete sich gerade in seinen schillernden blau-lila und gelben Farben und ein Föderationsaufklärungsschiff flog hindurch.

„Faszinierend, nicht wahr?", fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr.
Sie lächelte, als sie Bret Stiles erkannte. „Sie leiten die Kirchen auf vielen Planeten, aber was sind ihre religiösen Auffassungen?", fragte sie. Auch wenn sie sich seit vier Jahren kannten, hatten sie nur sehr wenige Informationen übereinander ausgetauscht.
„Ich bin zu alt um an Mythen zu glauben. Ich glaube an die Realität, an die Personen, an das Gute und das Böse und an die Wissenschaften…und an die Zeit, die alles Vergangenheit werden lässt. Und das macht uns zum nichts."
„'Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen'", antwortete Shran.
Stiles lächelte kurz. „Sie wissen mehr über mich, als sie zugeben wollen."
„Auf dem Weg zur Station habe ich eine alte Bekannte von ihnen getroffen. Sie hat mich vor ihr gewarnt."
„Sie warnt einem vor jedem", antwortete er. „Jane ist auf dem Weg hierher."
„Ich nehme an, es gab einen Grund dafür, dass ER hier tätig wurde."
„Es ist alles eine Falle", flüsterte er ihr ins Ohr. „Begleiten sie mich und ich erzähle ihnen ein wenig mehr…über die Geschichte dieser Station."

*TM*=/\=*TM*

Es war früher Abend des nächsten Tages, doch Tag und Nacht spielten hier auf Deep Space Nine, wo immer noch der 26-Stunden-Tag herrschte, kaum eine Rolle. Jane war als kleines Kind von Planet zu Planet gereist und kannte deshalb auch viele Raumstationen. Im Gegensatz jedoch zu den anderen Deep Space-Stationen, war diese von Cardassianern vor über 50 Jahren unter dem Namen ‚Terok Nor' erbaut worden.
DS9 schien zunächst klein, beim Betreten aber riesig, als sich die runde Luke öffnete und das Team vom Shuttle auf die Station trat. Die Wände waren grau und dunkel und es gab keinerlei Dekoration. Sie wurden vom Sicherheitschef Odo, der jahrelang hier gedient hatte, aber vor kurzer Zeit erst zurückgekehrt war, durch die Gänge geführt.

„Die Leiche wurde vor 27 Stunden entdeckt. Es handelte sich um eine junge Offizierin, deren Freund in ihr Quartier kam und sie entdeckte. Wir haben derzeit das höchste Bajoranische Glaubensfest und eine Geheimdienstkonferenz auf der Station, deswegen haben wir es ziemlich unter uns gehalten", erklärte er.
Sie nickten und Rigsby hatte Angst etwas zu fragen, denn dieser Sicherheitschef sah ziemlich eigenartig aus. Er ähnelte einem Menschen, seine Gesichtszüge waren jedoch weicher, als hätte er versucht, ein Gesicht zu formen, aber es nicht genau hinbekommen.
„Ist die Leiche schon beseitigt worden?", fragte Lisbon.
„Ja, unser Stationsarzt hat vor einer Stunde mit der Autopsie begonnen. Wir haben den Tatort bereits untersucht, aber keine Spuren des Mörders gefunden. Meinen sie wirklich, dass es dieser Red John war?"
„Wir können es nicht ausschließen", antwortete sie, als sie den äußeren Habitatring betraten.

Nach einer Weile blieb Odo stehen und nickte auf die geschlossene Tür, an der zwei Bajoranische Sicherheitsoffiziere mit ihren hellbraunen Uniformen postiert waren. Auch wenn Bajor sich der Föderation angeschlossen hatte, behielt das Militia ihre alten Uniformen.
Lisbon und Jane traten als erstes hindurch und die Türen glitten automatisch beiseite. Jane musste zwei Mal schlucken, als er den Raum betrat. Es war noch nicht geputzt worden und man konnte auch ohne Leiche erkennen, was für ein Massaker hier stattgefunden hatte.
Auf dem Bett, welches links stand, war ein riesiger, grauer-roter Blutfleck. Die gesamte Wand und auch teilweise der Boden hatten dieselbe Farbe eingenommen. Mehr war nicht zu sehen und mehr brauchte man auch nicht zu wissen.
„Wer war sie?", fragte Lisbon mit rauer Stimme. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie Red John sie in ihr Quartier zurückgeschubst hatte, nachdem sie ihm ahnungslos die Tür geöffnet hatte, wie er sie aufs Bett geworfen hatte, ihr die Kleider vom Leib riss, sie vergewaltigte, sich an ihren Schreien erfreute, das Messer zückte und langsam an ihrer Brust ansetzte, was er fühlte, als er es in das zarte Fleisch stach und als der letzte Funke ihres Lebens aus ihren Augen erlosch und das Blut in das Bettlaken sickerte und langsam trocknete.

„Lieutenant Tora Nepeil. Sie war Bajoranerin, 29 Jahre alt", erklärte Odo.
„Ein willkürlicher Mord, kein Motiv", murmelte Jane. „Haben seitdem Schiffe die Station verlassen?"
„Nein. Die Leiche wurde zwar vor 28 Stunden entdeckt, aber der Mord kann nicht lange her gewesen sein. Wir sind uns sicher, dass der Mörder noch auf der Station ist. Seitdem hat nur ihr Raumschiff ihr angedockt."
Jane nickte und schaute sich den Tatort weiterhin an.
„Rigsby…sie werden sich mit dem Freund unterhalten, der ihre Leiche entdeckt hat", beorderte Lisbon.
„Er ist noch in meinem Sicherheitsbüro", erklärte Odo. „Er heißt Beres Tan, 32 und Caitianer. Ich werde sie zu ihm bringen", wandte er sich an Rigsby. Dieser nickte und sie verließen zusammen den Tatort.

Lisbon wandte sich an Cho: „Sie werden diskret die Leute auf der Station befragen. Geben sie keine Hinweise, dass es sich um eine Mordermittlung handelt und weichen sie den Fragen aus." Er nickte und ging auch und wusste, dass sie vollstes Vertrauen in ihn besaß, da sie wusste, dass er nicht lügen konnte.
Dann drehte sie sich zu Van Pelt um: „Wir beide gehen die Akten von jeder einzelnen Person auf dieser Station durch, okay?"
„Und was tue ich?", fragte Jane ein wenig hilflos.
„Das ist mir egal…hauptsache sie halten sich aus Ärger raus. Jane, das ist ein Red John Fall, aber um ihn zu lösen, brauchen wir Objektivität."
„Und ich bin zu subjektiv dafür?"
„Es liegt nicht an ihnen…nur an…"
„Meiner menschlichen Hälfte, oder meiner betazoidischen? Ich bin zu emotional?"
„So meinte ich das nicht", versuchte Lisbon, es wieder gerade zu biegen, doch Jane stiefelte bereits beleidigt aus dem Raum. Sie seufzte und betete dafür, dass er keine Dummheiten machen würde.

Lisbon drehte sich wieder zu Van Pelt um, doch diese zuckte nur mit ihren Schultern. Zusammen verließen sie den Tatort und gingen zum Sicherheitsbüro der Station, wo Odo sie darauf hinwies, dass er aus Platzmangel, die PADDs mit den Akten der derzeitigen Stationsbewohner in Shuttlerampe 3 untergebracht hatte.
Zwei Minuten später standen Lisbon und Van Pelt vor einem großen Container voller PADDs und sie machten sich an die Arbeit, sie zu sortieren. Es dauerte keine halb Minute bis Lisbon ein Geräusch vom hinteren Teil des Raumes hörte.
„Eine Cardassianische Wühlmaus?", schlug Van Pelt vor.
Lisbon schaute ahnungslos drein und schickte Van Pelt, um nachzusehen. Dann kümmerte sie sich wieder um die eines Deltanischen Anthropologen, der auf die Station gereist war, um das Bajoranische Glaubensfest aus nächster Nähe zu erkunden.

„Van Pelt? Kommen sie auch noch mal zurück?", fragte sie die Orion nach einiger Zeit. Sie bekam jedoch keine Antwort. Sie zog ihre Augenbraue hoch, ein Gesichtsausdruck, den die Romulaner trotz 50 Jahre isolierter Entwicklung mit den Vulkaniern gemeinsam hatten.

Sie wollte sich gerade umdrehen, als sie etwas Nasses auf ihrem Mund spürte. Es dauerte eine halbe Sekunde, bevor sie merkte, dass es Chloroform war, eine chemische Verbindung, die größtenteils auf der Erde benutzt und synthetisiert wurde. Eine ganze Sekunde später war sie bereits bewusstlos und sackte auf den Boden.