„Er war in einem Land der Finsternis, wo man die Tage, oder was man anderswo auf der Welt so nannte, wohl vergessen konnte; und jeden, der hierher kam, konnte man auch vergessen."
Der Turm von Cirith Ungol – Die Wiederkehr des Königs, J.R.R. Tolkien
Das Klagelied der Krähe
~12. bis 14. März 1421 nach Auenland Rechnung~
Teil II
„Narben sind die Wörter im Buch unseres Lebens. Sie erzählen die Geschichten unseres Versagens und unserer Erfolge, von unseren Hoffnungen und Sorgen. Sie sind die Fäden, die uns an die Vergangenheit knüpfen und uns an Dinge erinnern, die wir der Vergessenheit preisgeben wollen; ebenso halten sie an dem fest, was wir lieben. Sie sind es, die uns ausmachen und uns entblößen, die uns aller Masken berauben, in denen wir Trost finden. Geheimnisse lassen sie bedeutungslos werden und wir sind der Gnade unserer Richter hilflos ausgeliefert."
Sam schüttelte den Kopf als er die Zeilen auf dem Stück Pergament auf Frodos Schreibtisch las. Seine geschwungene Schrift spiegelte nicht Frodos düstere Gedanken wieder und Sam fragte sich, warum ausgerechnet diese Zeilen so vergessen und für jedermann zu lesen auf dem Schreibtisch lagen. Am Abend zuvor hatte Sam seinen Herrn dazu überredet ihn zu einem geselligen Abend im Grünen Drachen auf ein oder zwei Humpen Bier zu begleiten. Es hatte all seine Überzeugungskraft gefordert, ehe Frodo endlich zustimmte. Eines jedoch war Herrn Beutlin entgangen. Es war hauptsächlich Rosie Gamdschies heimlichem Tun zu verdanken, dass er den Abend singend und trinkend mit seinen wenigen Freunden im Grünen Drachen verbracht hatte. Sie war es gewesen, die Sam davon überzeugt hatte, Frodo aus seiner selbstauferlegten Einsamkeit herauszuholen – wenigstens für einige wenige Stunden. So ist es kaum verwunderlich, dass sich Samweis Gamdschie nie einer vor Wut schnaubenden Ehefrau gegenüber gesehen hatte, als er in jener Nacht später als vorgesehen zu ihr ins Bett geschlüpft war.
Erneut schüttelte Sam den Kopf und versuchte den Sinn in Frodos Gedanken zu finden. Es wollte ihm nicht recht gelingen. Er legte die Post auf dem Tisch ab. Die Handschrift auf einem der Umschläge kam ihm bekannt vor und Sam hätte schwören mögen, dass Bilbo seinem Vetter einen Brief von Bruchtal aus geschickt hatte.
„Sam?" Rosie stand im Türrahmen zu Frodos kleinem Schreibzimmer und beobachtete ihren Mann. „Stimmt etwas nicht?"
Erschrocken fuhr Sam herum und lächelte dann erleichtert zunächst seine Frau und dann ihren runden Bauch an. „Ich bin mir nicht sicher", sagte er nach einer Weile zögernd. Er ging zu ihr und küsste sie auf die Nasenspitze, während seine Hand sachte über ihren Bauch strich.
„Du sorgst dich. Mehr als sonst", beschied sie und beobachtete ihn neugierig.
„Herr Frodo ist in letzter Zeit noch schweigsamer gewesen als sonst und er weigert sich auch nur vor die Tür zu gehen. Nicht einmal in den Garten mag er mehr gehen oder einen seiner langen Spaziergänge unternehmen, wie er es früher immer tat." Seine Stimme versagte, doch seine Augen weiteten sich plötzlich, so als würde er sich an etwas erinnern. „Welcher Tag ist heute?"
„Der dreizehnte Tag im März", antwortete Rosie umgehend, obwohl ein wenig verwirrt. „Warum fragst du?"
„Bist du dir sicher?" fragte Sam mit Dringlichkeit in der Stimme.
„Ja! Aber willst du mir nicht verraten, warum das so wichtig ist?" rief sie und trat einen Schritt zurück, ihre Augen fragend auf ihres Ehemannes Gesicht ruhend.
„Hast du Herrn Frodo heute schon gesehen?"
„Nein, habe ich nicht. Aber es ist noch früh am Morgen. Wahrscheinlich hat er verschlafen. Das ist alles." Aber Sam schüttelte nur den Kopf und eilte an Rosie vorbei hinaus aus Frodos Studierzimmer. „Sam!" rief sie ihm nach und er hielt inne, als er die Unruhe in ihrer Stimme hörte. „Sag mir, was hier vor sich geht!"
„Heute vor genau zwei Jahren wurde Herr Frodo von der riesigen Spinne gestochen, von der ich dir erzählt habe. Im letzten Jahr wurde er genau an diesem Tag krank."
„Glaubst du, es passiert wieder?" fragte sie und eilte auf ihren Mann zu. Bevor er noch eine Chance hatte, ihr eine Antwort zu geben, packte sie ihn beim Arm. Sam nickte nur während ihn seine Frau bereits in Richtung von Frodos Schlafzimmer zerrte. Abrupt blieb sie vor der Tür stehen und klopfte leise an. Beide horchten angestrengt, doch kein Laut drang von innen an ihre Ohren.
„Nochmal", flüsterte Sam nach kurzer Zeit. „Klopf nochmal." Rosie tat, worum Sam sie gebeten hatte, jedoch war der Erfolg derselbe. Nichts.
„Irgendetwas stimmt nicht. Da bin ich mir sicher", sagte Rosie. Sie atmete einmal tief durch und öffnete dann die Tür zu Frodos Schlafzimmer. Sam folgte ihr und hätte sie fast überrannt. Rosie war in der Mitte des Zimmers stehengeblieben, starrte auf das Bett, ihre Hand auf ihren Mund gepresst. Rasch ging Sam an ihr vorbei und sah, was seine Frau in solchen Schrecken versetzt hatte. Frodo lag noch immer angezogen auf seinem gemachten Bett. Sein Gesicht war aschfahl, seine hellen, blauen Augen vor Angst weit aufgerissen starrte er an die Decke ohne etwas zu sehen.
Langsam ging Sam auf das Bett zu. Rosie folgte ihm. „Herr Frodo?" Als er keine Antwort bekam, setzte sich der jüngere Hobbit neben seinem Freund auf das Bett und nahm dessen Hand vorsichtig in seine. Ängstlich sah er zu Rosie auf. „Sie ist so kalt wie Eis, seine Hand, Rosie. Als wäre er …" Sam wagte es nicht die Worte auszusprechen, die ihm auf den Lippen lagen.
„Das ist er nicht. Sieh doch!" Rosie deutete auf Frodo. „Seine Brust bewegt sich. Es ist kaum zu sehen, aber er atmet." Ein rasselndes Geräusch kam von dem bewegungslosen Hobbit auf dem Bett und als Sam zu Frodo hinübersah, sah er wie Schaum aus Frodo leicht geöffneten Lippen trat. „Wir müssen ihn aufsetzen", rief Rosie und trotz ihres riesigen Bauches, machte sie einen Satz auf das Bett zu, um ihrem Mann dabei zu helfen, Frodo in eine aufrechte Haltung zu bringen.
„Er ist so furchtbar kalt, Rosie", sagte Sam leise mit Frodos schlaffem Körper an ihn gelehnt. „So furchtbar kalt…", wiederholte er, doch seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Er küsste die dunklen Locken seines Freundes, als ob diese kleine Geste der Freundschaft Frodo aus seiner Starre lösen könnte. In der Zwischenzeit hatte Rosie eine Decke geholt und sie um die Schultern des kranken Hobbits gelegt.
„Was sollen wir tun?" fragte sie und Sam sah einen verräterisches Glanz in ihren Augen.
„Das letzte Mal als ich Herrn Frodo so sehen musste, gab es nichts, was ich hätte tun können", seufzte Sam schwer. Ein Hauch von Schuld schwang in seiner Stimme mit und Rosie bemerkte, dass Sam ihrem Blick auswich. „Ich dachte er sei tot, verstehst du", fuhr er fort, seine Augen starr auf den Boden gerichtet. „Das ist alles…"
„Sie haben mir alles abgenommen, Sam. Alles, was ich bei mir hatte."* Frodos Stimme klang wie aus weiter Ferne, doch es war ohne Zweifel seine.
„Herr Frodo", rief Sam und lehnte sich ein wenig zurück, um den Hobbit in seinen Armen besser sehen zu können. Als er merkte, dass sich an Frodos Zustand nichts geändert hatte, wich seine vage Hoffnung erneut der Angst. „Rosie", flüsterte er verzweifelt, wohl wissend, dass es nichts gab, was sie oder er selbst hätten tun können.
„Alles…"
Kalt.
So kalt.
Das fahle Licht schmerzt in seinen Augen, als es ihnen das erste Mal begegnet. Schnell schließt er es wieder aus. Seine Sinne kommen langsam zu ihm zurück und mit ihnen kommt der Schmerz. Die raue Oberfläche des Steins hinterlässt Kratzer in seiner Haut, als er versucht sich in eine etwas bequemere Position zu bringen. Doch alle Mühen sind umsonst. Er kann sich nicht bewegen; seine Hände und Füße sind gefesselt. Die Seile schneiden in sein Fleisch und wo einst gesunde Haut war, sind jetzt hässliche Brandmale.
„Was haben wir denn hier?" verlangt eine kalte Stimme zu wissen. „Shagrat!" ruft sie, der Klang noch immer ohne ein Gesicht. „Komm! Das dreckige Ding ist wach!" Schwere Schritte hallen durch die Dunkelheit und Angst durchflutet ihn. Warum nur versagen seine Augen und lassen ihn nicht sehen, was geschieht und wo er ist?
Irgendjemand, oder besser irgendetwas lehnt sich über ihn; fauliger Gestank strömt in seine Nase und sein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen. Sein ganzer Körper erzittert, während er sich mehrmals übergibt, unfähig irgendetwas außer Flüssigkeit zu erbrechen.
„Und wie dreckig er ist!" ruft die kalte Stimme von Ekel und Wut verzerrt. „Der kotzt seine ganzen Innereien auf mich!" Seltsame Geräusche folgen, so als würde etwas Langes aufgewickelt. „Ich werd' dir eine Lektion erteilen, du kleine Made!" Ein harter Trick in die Magengrube verstärkt die Übelkeit nur noch; die Faust, die gegen seinen Wangenknochen rammt, lässt ihn Sterne sehen so hell und klar wie in einer lauen Sommernacht.
„Hör auf!" befiehlt eine andere Stimme, tiefer als die erste und um vieles bedrohlicher. „Wir können ihm nichts tun, solange wir nicht wissen, wo er ist."
„Du bist ein verfluchter Idiot, Shagrat", antwortet die erste Stimme. „Seit wann ist es Gefangenen gestattet uns von oben bis unten zu besudeln?"
„Schweig, Gorbag!" schreit der eine mit Namen Shagrat und stampft schnell auf den nun wieder reglosen Körper auf dem Boden zu. „Hast du gefunden, wonach wir suchen?"
„Ich hab den Dreckskerl gründlich durchsucht." Gorbag macht ein paar Schritte zurück. Der Klang seiner Schritte wird leiser und allzu bald sind sie gar nicht mehr zu hören. „Außer diesem Glitzerhemd hab ich nichts gefunden."
„Gib mir das!" befiehlt Shagrats tiefe Stimme. „Wir können es nicht behalten. Unsere Befehle sind unmissverständlich. Alles, was wir finden, geht zum Großen Auge."
„Unser Herr will nur das eine und das konnte ich nicht finden. Vielleicht ist er ja doch nicht der, den wir suchen", jammert Gorbag und der Klang von feinem Kettenzeug, das achtlos zu Boden geworfen wird, hallt von den Wänden wider.
„Dann durchsuch seine Kleidung."
„Hab ich schon gemacht. Hab nichts gefunden."
„Vielleicht sollten wir versuchen rauszufinden, ob dieser stinkende, kleine Wurm weiß, wo er zu finden ist." Dunkles Lachen erfüllt den Raum, während sich Shagrats schwere Schritte dem reglos auf dem Boden liegenden Körper nähern. Der Gestank ist unerträglich; die Drohung, die mit seiner Gegenwart kommt, beinahe spürbar. Der Ork geht in die Knie und beugt sich tief hinab, bringt sein Gesicht ganz nahe an das Ohr des Gefangenen. Dicker, grünlicher Speichel tropft aus den Winkeln seines vernarbten Mundes und hinunter auf das Gesicht der kleinen Gestalt. „Wo ist er?"
„Wer?" Die Stimme ist dünn und zittert vor Angst. Blaue Augen verstecken sich noch immer hinter fest geschlossenen Lidern, ganz so als könnte ihn dies vor all dem Bösen um ihn herum schützen.
„Der Ring, du dreckige, kleine Made." Eine Hand legt sich auf die Schulter des gefesselten Halblings und drückt schmerzhaft zu. „Ich weiß, dass du ihn hast. Der Dunkle Herr weiß, dass du ihn hast."Die Hand drückt noch einmal zu. Noch härter. „Wo ist er?" knurrt Shagrat.
„Ich weiß es nicht", antwortet der Halbling ehrlich und stöhnt schmerzerfüllt auf. „Ich hab ihn nicht."
„Lügner!" schreit Gorbag und stampft zu seinem Vorgesetzten und dem Gefangenen hinüber.
„Du willst uns doch nicht zwingen, die Wahrheit aus dir herauszuprügeln? Ein letztes Mal: wo ist der Ring des Dunklen Herrn?" Shagrat spuckt auf den Halbling.
„Ich weiß es nicht…" Zitternde Lippen geben die Worte gepresst preis und langsam ebbt die Wirkung des Giftes in seinem Körper ab. Die Erinnerung kommt zurück – Gollum, der Pass, die Höhle, die riesige Spinne, ihr Stachel. Ein Moment allesverzehrenden Schmerzes gefolgt von einer Ewigkeit in Dunkelheit. Doch es war nicht diese gnädige Dunkelheit, die Vergessen bringt, sondern jene, die alle Ängste erwachen lässt, ihren dunklen Bann über ihr Opfer breitet und es dort auf ewig gefangen hält. Ihr Gift hatte ihn zu einem Gefangenen in seinem eigenen Körper gemacht. Doch diese Ketten lockern sich jetzt langsam und liefern ihn noch dunkleren Bedrohungen aus.
Raue Hände greifen nach ihm und reißen ihn hoch. Plötzlich ist er sich seiner Nacktheit allzu bewusst und seiner Abhängigkeit von der Gnade der Orks, wohl wissend, dass sie diese nicht in sich tragen. Langsam öffnet er seine Lider und sieht sich Auge in Auge mit Shagrat. Dunkle, schwarze Tümpel starren ihn boshaft an. „Gib mir deine Peitsche", murmelt der große Ork und der andere beeilt sich dem Befehl seines Oberen nachzukommen. Noch während der kleinere der beiden die lange, lederne Peitsche entrollt, fesselt ihn der andere an einen Ring, der in die dicke Steinmauer eingelassen ist. Seine Hände hoch über dem Kopf gefesselt kann er nirgendwo hinrennen – kann nicht entkommen.
* Der Turm von Cirith Ungol – Die Wiederkehr des Königs, J.R.R. Tolkien
